NILS
13. September
Beilage zur Fuldaer Zeitung
Meitze Wolken.
V schau, sie schweben wieder Wie leise Melodien Vergessener schöner Lieder Am blauen Himmel hin.
Kein Herz kann sie verstehen, Dem nicht auf langer Fahrt Ein Wissen von allem Wehen Und Freude des Wanderns ward.
Ich liebe die weißen, losen, Wie Sonne, Meer und Wind, Weil sie der Heimatlosen Schwestern und Engel sind.
Hermann Hesse.
Süddeutscher Dreiklang.
Eine Herbfksonake.
Introduzione: Langsam schlürfen wir die goldene Neige des Jahres, die schnell in herbem S)erbftbuft zergeht. Glücklich, wer noch einmal wandernd in der Innigkeit letzter Tage untertauchen darf. Jetzt ist Süddeutschland wie von Saiten überspannt. Wie firner Wein pulst das Leben in seinen Städten. Ihre jahrhundertealte Reise tönt, Glas und Glocke, über der zur Ruhe gehenden Landschaft.
1. Sah: Augsburg (Allegro vivace).
Turmfalken kreisen über mir um die grüne Zwie» belkuppel des Sankt-Ulrich-Turmes; wir äugen hinunter auf die Stadt. Augsburg chront auf weichem Hügel, eine michelangeleske Renaissancegöttin, mit der kräftigen Muskulatur seiner Patrizierbauten schon ins Barock hinüberschwellend. Leichte Hügelzüge kränzen, die reiche Ebene rings umfassend, den Horizont. Die fetten, srischgepflügten Felder strömen Erdgeruch in die Gassen. Ein Gürtel schöngebauter Tortürme umkränzt den üppigen Stadtkörper. Gerade unter mir zielt, breiteste Schlagader, die Maximilianstraße in kraftvollem Schwung auf das Rathaus des Elias Holl, lieber dem roten Dachgewirr stolzer Häuser pfeilt es empor. Schon zur Römerzeit war diese Stadt ein Zentrum des süd- nördlichen Welthandels. Den Kaufherren der Renaissance genügte Orient, Italien, Holland und England nicht, nach Entdeckung der Neuen Welt überspannte ihr Wille das Meer, überspannte sich. Der 30jährige Krieg zerbrach das Glück, aber nicht den Mut und Arbeitswillen dieser Menschen — stolzestes Zeugnis dieses Rathaus.
Wie ich so über die fonrtbeftaubte Stadt blicke, steigen große Namen vor mir auf — Fugger und Welser, Fürstenbeherrscher —, ringsum ragen Kirchen, hinter dem Rathaus steigt mit spitzen Türmen die mächtige Burg der alten Herren der Stadt, der Dom der Bischöfe auf. Die beiden Häuser der Fugger aber sind kaum am Dach erkennbar. Unscheinbar sind sie der Straßenzeile eingefügt, die schlichte Fassade ist mit verbleichenden Fresken bemalt, Nein sind die Fenster. Der Mann, der des Kaisers Schuldschein nach verlorenem Krieg wortlos im Kamin verbrannte, baute den Armen unter seinen Angestellten in der Fuggerei die erste soziale Siedlung. 4 Mark 21 Pfennig ist noch heute die Jahresmiete für eine der 106 Wohnungen. Der Weltgeist und Kunstwille dieser reichen Handelsgeschlechter ließ das Zentrum der Stadt weitatmig werden. Holländer und Italiener schufen in Wechselwirkung mit großen Deutschen Brunnen, Altarbilder, Statuen und Paläste. Ile- beral! steigen die schönen Treppengiebel zu mir empor bebilderte Erker blinken in der klaren Lust.
Rund um den romanisch-gotischen Dom aber — an seiner ernsten Größe ist wie eine Blüte die naiv-schöne, fast attisch zarte Bronzetür aufgetan —, rund um den Dom atmet versonnen eine andere Welt. Von weißen Mauern hängt purpurner Wein in die Gassen. In ihren Gärten liegen biedermeierstill die Häuschen der Domherren und die Klosterschulen. Durch eine Tür in der Stadtmauer soll Luther nach dem Augsburger Verhör die Stadt verlassen haben. Treppen springen von diesem höchsten Punkt der Stadt den Hügelhang hinunter, drunten verlausen sich Gassen in malerische Winkel. Ueberall gurgelt und quirlt grünes Wasser. In der
kaufherrlichen Stadt droben speist es schöne Brunnen, hier schaufeln Räder, es riecht nach Lohe — hier wohnen die Handwerker Augsburgs, wohnte manch berühmter Sohn der Stadt.
Noch stehen die alten Zunfthäufer. Was hatte mir die steundliche Wirtin der kleinen Weinkneipe „Zur Weiberschule" erzählt: wenn ihre Männer, die Schlächter im „Blutigen Wammse" zechten, bann lehrten die älteren Frauen der Zunft den jungen bas Hausregiment bei einem Glase Wein. Leben und Lebenlassen wird Wahlspruch dieser Menschen gewesen fein, ist es wohl noch. Lebhaft und aus alter Kultur heraus gesichert, bewegen sich die Menschen dieser Stadt, die Straßen sind nicht nur Schauvitrinen vergangener Zeit. Lebendigen Atem rauchen die Schlote der Spinnereien und der weltbekannten Maschinenfabriken aus dem Lechtal heraus zu der Altstadt — herbstliche Stadt voller Jugend.
2. Sah: Bamberg (Andante maestoso).
Häuser träumen in alten Gärten, winklige Gassen laufen kreuz und quer. Geschweifte Mansardendächer schwingen sich wie die letzten Blätter der Bäume in die kühle Luft. Feierlich schauen Barockpalais in die geschwätzige Regnitz, wi« eitle Damen spiegeln Rokoko- Häuser ihre spitzen, zierlichen Gitter. Aus breiten Marktplätzen duftet es nach Stall und Grünzeug, gelbe- nen Girlanden gleich säumen Fischernetze die Kanalstraße Klein-Venedigs, lieber das feindliche Kopfstein- pflaster des Fischerviertels wagt sich noch kaum ein Auto.
Wie im Traume nur nahm ich die zärtliche Schönheit dieser Fluß- und Hügelstadt auf, schon dem Dom entgegenfiebernd, durchschritt eilends bas kapriziöse Rathaus auf seiner Insel — es ist kein Zentrum der Stadt, ist nur ein Torhaus zum andern User, zum Dom. Vier romanische Türme ragten droben wie Lanzen in den hohen Himmel, entschwanden wieder. Eine atembe- klemmende Gasse führt hinan — an den Aufstieg zum Hradschin mußte ich denken. Dann stand ich oben, erwartete befreiende Aussicht ins herbstliche Oanb — steingefangen prallte der Blick von den feierlichen Bauzügen der erchffchöflichen Residenz zurück, suchend nach links geworfen, über ifen schwellenden Giebel der Alten Hofhaltung gleitend, plötzlich, wie eine Vision, den Dom erfassend. Alle Wege dieser Stadt, alle Gotteshäuser, auch die Michaelskirche in ihrer schönen Hügelfreiheit, selbst die prunkvoll heiteren Bauten der Domherrenpalais, die wie Edelsteine über den Hügel verstreut sind, selbst ihr eigenroilliges Barock ordnet sich demütig unter, leitet präludierend hinauf zum Dom.
Ein steinernes Te beum taubamUs, so steigt er auf hoher Bastion über die Weite des Hügellandes, geduckt versinkt die Stadt zu Füßen. Von diesem Hügel regierten Heinrich II. und die ersten Staufer ihr Reich. Ihre Nachfolger hier, die Priester herrschten von der Ostsee bis nach Kärnten hinunter. Im Hof des alten Schlosses fliegen Tauben auf vom Fachwerk der Galerien schweben über dem schwarzen Purpur der steilen Dächer — schwarzer Purpur — hier wurde der Stausenkönig Philipp erschlagen. Das alles versank — in voller Spätsonne atmet der unversehrte Dom. Von Licht durchflutet, schimmert der alte Stein.
Ich stand auf der Terrasse im Osten, goldene Lust verslutete über den herbstbunten Hügeln des Steigerwaldes, die herbe Kraft der Türme stieß in den reglosen Himmel. Noch ist die Gotik nicht lieberschwang, ist männlich gebunden in der romanischen Ruhe. Wie Springbrunnstrahl steigen hn Innern die mächtigen Pfeiler auf, kristallen strömt die Wölbung zurück — der umfangene Raum ward Ton und Form. Wer, wie ich, erregt und gehetzt eintritt, wird schnell still, versinkt lauschend in den Stein. Sagenhaft schimmert der Reiter hoch am Chor, bas Antlitz ins Licht gehoben — o Siauserzeit! Ein Führer des großen Geschlechtes mutz es fein — Spott und Güte zeichnen diese festen, blühenden Lippen, lässig sitzt er zu Pferde, dennoch gerten- biegsam gespannt, mit dem Blick des Adlers fernhin schauend.
Als ich hinaustrat, klangen die Glocken auf, der ganze Dom schwang mit, emporgehoben in die Ewigkeit. Wie weit der Horizont an diesem Abend war, den der trunkene Blick von dem kleinen Hügel aus umfaßteI
3. Sah: Würzburg (Scherzo).
Klar ist der Herbsttag, zartsonnig und gläsern, der mich zum Räppele hinausträgt. Balthasar Neumann,
Die Augen des unbekannten Soldaten.
91 Roman von Paul Edmund von Hahn.
Covvright bv Knorr und Sirtb, G. m- b.H. München.
ein Fältchen im alten, peinlich sauberen Tischtuch — und wieder hob sich der lächelnde, wärmende Blick zur Tochter: „Solche Feste geben Erinnerungen. — So viel schöne und warme Erinnerungen!"
Marias Aufmerksamkeit haftete, wie gebannt, an dem leeren Platze des Vaters: Würde nicht plötzlich eine un
Immer wieder schweifte ihr Blick zu der Mutter hinüber. Maria bangte davor, daß die Mutter fragen könnte. Nicht, daß sie ihren Weg und dessen Folgerungen als beschämend empfunden hätte, nein — in ihr war an diesem Abend eine so ungeheure, felbftferne Leere und ein so wundes Einschmiegen in die Stille dieser verlaßenen Welt, daß sie nur in unbewußter Abwehr vor allem zurückzuckte, was sie an die grobsinnliche Wirklichkeit erinnern konnte, die sie in den Zwang ihrer schreckensvollen Tage gespannt hatte.
Langsam streckte sich die zitterige Hand der Oberstin ihrer Tochter entgegen. Maria zauderte, jetzt mußte es kommen! Jetzt würde die Mutter fragen und über den Tod des Vaters jammern. Ein wenig hilflos wartend lag die verrunzelte Hand der alten Frau auf dem weißen Tifchtuche. Ihr vorgeneigtes Antlitz zog Marias Blick zu sich. Gequält hasteten ihre Augen an 6er Mutter Mund, der leise Worte zu formen schien. — Wie sie eintretend sich durch den dunklen Gang getastet hatte, so tastete sich nun Marias Blick gleichsam an den vielen tiefen Runen dieses Gesichtes empor zu den Augen. Dort blieb er haften. Dort fand er, statt wehen, quälenden Fragen, ein sachtes Leuchten, ein Lächeln, das so milde über alle die zerstörten Dinge rings hinwegging, daß es sie nicht zu bemerken schien.
Ungläubig schaute Maria — es war ihr, als sähe sie heute zum zweiten Male bas winkende Flackern der Kerzen an des alten Merkuri Weihnachtsbaum, so sehr glich dies Lächeln der Mutter dem traulichen Widerschein, den die Kerzen im Dunkel des Zimmers in der Tscheka entzündet hatten.
Endlich sprach die Mutter aus diesem Lächeln heraus: „Nun sitzen wir uns hier gegenüber — und schweigen! __ Schweigen uns zurück in die glücklichen Tage, wo frohe Glocken läuteten und die Arbeit des Tages und Jahres den Feierabend der Feste beglückend machte. Mit gewohnheitsmäßig ordnender Bewegung rückte die alte Frau das Besteck vor dem leeren Platze zurecht; glätete
sichtbare Hand den Armsessel so schräg zum Tische schieben, wie es der Vater gerne getan, wenn er in wohliger Abendruhe ins Erzählen alter Erlebnisse kam?
Gleichsam als Echo dieser Gedanken fuhr die Mutter leise fort: ,Zch sehe dich immer noch, wie du mit roten Backen, als erlebtest du es selbst mit, den Vater um immer neue Kriegsgeschichten batest. Kein Märchen war dir so lieb wie diese Erzählungen! Und wenn ich dich dann endlich zu Bett brachte, blähtest du noch im Einschlafen kriegerisch die Backen, als wärst du der Trompeter, von dem der Vater erzählte, daß ihm eine Kugel das Instrument zerriß." Lächelnd schüttelte die Mutter den Kopf. „Alle deine Puppen hast du liegen lassen; aber das Schaukelpferd — weiht du noch, das mit dem echten, langen Roßschweif und der flatternden Mähne —, das mußte neben deinem Bett stehen, und ich habe mich oft abmühen müssen, dir die Zügel aus der Hand zu nehmen, wenn du schliefst. So fest hieltest du sie!"
Kindlich lachte die alte Oberstin auf. Die Zetten, da Maria größer geworden war, schienen aus ihrem Gedächtnis ausgelöscht zu sein. Sie sprach immer nur von dem kleinen Kinde. „3d) glaube, du hast im Traume alle Attacken mitgeritten, von denen der Papa erzählle. Und wenn du Fieber hattest", sie beugte sich fast verlegen vor: „der Weihnachtskuchen war damals wohl ein wenig zu viel und zu gut für deinen kleinen Magen — dann schriest du und kommandiertest, daß einem angst und bange werden konnte!"
Maria machte eine abwehrende Bewegung. Sie konnte kein Wort hervorbringen. Statt der gefürchteten Fragen und des Jammers fand diese alte Frau nur liebe,
Zauberer des Rokoko, hat die Treppe in beschwingter Balustradenkette dem Hügel angeschmiegt. Wie kleine Juwelen schimmern daran die Pcwillone der Leidenssta- tionen. Schon flecken Platanenblätter golden den Sandstein der geschwungenen Stufen, in unendlich zarter Durchsichtigkeit wehrt das Blattdach noch dem funkelnden Türkisblau des Himmels. Säulen eines natur» gewachsenen Baldachins, ziehen die alten Stämme mit der tanzenden Treppe hinauf zum Heiligenschrein der kleinen Wallfahrtskirche, die ihre Heiterkeit in zierlichen Zwiebelkuppeln ausschwingt.
Don der Brüstung dort oben schweift der Blick selig über Mainstrom, Stadt und Tal, fliegt hinauf zum wehrhaften Mauerquadrat der Marienseste. gleitet über Hügel, die berühmte Weinnamen tragen, gefesselt vorn blinkenden Band des Stromes. Würzburg ist eine rechte Flußstadt, Stadt für Wandernde, Herberge feit alters. Hier starb der müd gewordene Vogelweider, hier ruht, endlich heimgefunden Dauthendey, Sohn dieser zärtlichen Stadt. Purpurbraun schimmern die engverschachtel- ten Dächer heraus, belustigt verliert sich der Blick im Gafsengewirr. Tausend Heimlichkeiten, verlorene Winkel, einladende Tore und holzbraune Höfe warten dort, an allen Ecken schimmern die bunten Marienbildnisse, listig lachen Fensterchen in der Abendsonne, die Heiligen der Brücke gestikulieren heftig herauf. Der Blick
aber steigt an dem jähen Ernst des Domes empor, recht ein strenges Zentrum dieser verspielten Stadt.
Hinter dem Anstieg des Domes tut sich in lichter Majestät der Schloßplatz und dahinter der breitgelagerte Bau der einstigen fürstbischöflichen Residenz auf. In schimmernder Weiße steigt die Treppe hinauf zu einer unabsehbaren Flucht feierlicher Säle. Sie ist unvergeßlich schön, diese Treppe, wie oft die Vorfreude schöner als das Fest; der Prunk der Säle wirkt ermüdend und leer. Die Stadt ist lange von einem rokokobeschwmg- ten Krummstabe regiert worden, die Gitter, die den verzauberten Schlohgarten einst abschlossen, sind wie in Blumengirlanden aufgelöst. Selbst der traurige Beigeschmack, den das Wort „Spital" hat, löst sich in dieser Stadt in goldenen Würzduft auf — die Krankenhäuser schenken in heimeligen Stuben einen Wein aus, der Medizin für allen Weltschmerz ist.
Glücklich umfasse ich all den Reichtum, da sinkt das erste Dämmern wie Altern auf die Stadt, ein leichter Schleier der Schwermut, wie sie Riemenschneider über die Gesichter feiner mittelalterlichen Menschen legte Lichter locken in die rembrandtdunklen Gassen Kühle weht heran. Ich steige hinunter in die braune Nußschale der „Stachelstube", verkapsele mich vorm ersten Frost. Sonne des Federweißen leuchtet aus dem Glas, süß und silbrig, wie Herbstsonne, die durch geschlossene Lider schimmert. Von Annemarie S i b b e rs.
Als die Skalpelle noch ans Feuerstein waren Die gebrochene Mumienhand der Tanke Tukankhamens. — Der Pharao mit dem Harken Herzen. — Peinliche Austreibung des „bösen Geistes".
Von Lord Moynihan, Vorsitzendem des englischen Aerztebundes.
Dank einer großen Anzahl von Quellen wissen wir ziemlich viel über die ärztliche Kunst von einst. Neben anderen Dingen sind es vornehmlich Menschenknochen, von denen einzelne ein Alter von mehr als einer halben Million Jahre aufweisen, die uns auf diesem Gebiete reiche Aufklärung geben. Außerdem besitzen wir zahlreiche altägyptische Mumien, die wir genau untersuchen können. Weiterhin haben wir die Möglichkeit, auf die mannigfachen vorgeschichtlichen Zeichnungen zurückzugreifen, die wir in verschiedenen Wohnhöhlen und Grabstätten finden. Schließlich haben wir noch aus geschichtlicher Zeit die Werke von Dichtern, Bühnenautoren und Aerzten, von denen einzelne außerordentlichen Wert für uns besitzen und die uns Aufklärung über den Zustand geben, in dem sich der damalige menschliche Körper normalerweise befand.
Vor ungefähr vierzig Jahren gab ein Amsterdamer Arzt feine vielversprechende Laufbahn plötzlich auf und reifte nach dem Fernen Osten, um sich ganz der Anthropologie zu widmen. Er entdeckte dann die lleberrefte des sogenannten Pithekanthropos, der bis zum Auftauchen der Pekingmannes als der älteste Vorfahre des Menschen betrachtet wurde. Eine Untersuchung der Knochen des Pithekanthropos verrät die interessante Tatsache, daß diese Ahne des Menschengeschlechtes von einer Krankheit befallen war, die heute einen chirurgischen Eingriff notwendig machen würde. Er litt an einer Art Neubildung von Knochen aus den Muskeln heraus als Folge langdauernder übermäßiger Inanspruchnahme der letzteren.
Ich hatte kürzlich Gelegenheit, einen menschlichen Fuß zu untersuchen, der vor mehr als 4500 Jahren einen Aegypter getragen. Ich entdeckte hierbei, daß der Mann an einem Nebel gelitten hatte, bas sehr viele unter unseren Zeitgenossen recht gut kennen, nämlich an der Gicht.
Andere Untersuchungen haben deutlich gezeigt, baß ber Pharao, ber die zweite Pyramide erbauen ließ, an chronischem Rheumatismus erkrankt war. Wir wissen heute, daß diese Krankheit damals durchaus nicht vereinzelt daftand. Tatsächlich konnten damals im Niltal vom Rheumatismus gekrümmte Knie und verkrüppelte Rückgrate als Anzeichen für das Alter gelten. Eigenartig, daß diese Krankheit damals gerade dort am meisten Opfer forderte, wohin wir heute Leidende zur Heilung schicken.
lleberrefte von Neanderthalern, die ich art verschiedenen Stellen gesehen und untersucht habe, verrieten deut
kleine Kindererinnerungen, die aufklangen wie jenes Glockenspiel an ihrem Kindertische.
Die Mutter verstand sie falsch. Eilig sagte sie: „Du hast recht — da sitze ich alte Frau, schwatze und biete dir nicht einmal Kuchen an. Mehr habe ich leider nicht zu bieten —." Mit einer sorgsamen Bewegung legte sie erst ein besonders schönes Stück des allerdings recht ärmlichen Kuchens aus schwarzem Mehl (auch solches gehörte zu den seltenen Kostbarkeiten jener Tage) auf den Teller vor dem leeren Sessel des verstorbenen Obersten. Dann schob sie den vollen Kuchenteller der Tochter zu und sagte erklärend, als teile sie ein scheu gehütetes Geheimnis mit: „An jeder meiner Mahlzeiten nimmt so der Papa teil —." Sie lächelte ein wenig irre: „Ich streue es nachher immer den Vögeln hin. — Er hat sie so gerne gehabt, und es geht ihnen jetzt so schlecht wie den Menschen."
Wieder kroch bas alte Grauen an Maria empor. Sie zwang ihre Stimme zu lautem Klang, um die Mutter von dem Thema abzubringen. Mit gezwungenem Lachen sagte sie: „Ich muh ein schlimmes Kind gewesen fein — und auch jetzt bin ich schlimm, denn ich kann keinen Kuchen essen. Du sagst es ja selbst, daß ich ihn nie vertragen habe." Maria beherrschte die Wahnvorstellung, daß sie diesen Kuchen mit dem toten Vater habe teilen müssen, wie er sonst an Festabenden nach altem Brauche das Brot mit den Seinen zu brechen pflegte.
Erstaunt und ein wenig traurig schaute die alte Frau zu ber Tochter empor, die sich unerwartet erhob. Da sie fürchtete, Maria irgendwie verletzt zu haben, sagte sie eilig: „ . . . Nein, nein, du warst ja bei alledem immer ein liebes und mitfühlendes Kind!" Sie stockte: „Dann später — die Schule — ihr Kinder von heute lernt ja so viel Neues und Fremdes, daß man euch nicht recht folgen kann —
Hastig fprang sie auf, suchte das beste Stück aus dem Teller hervor und reichte es Maria, nachdem sie noch ein kleines Stückchen abgebrochen hatte. Nun standen doch die Tränen in ihren Augen, als sie mit ein wenig feierlich-zittriger Stimme sprach: „Nimm, mein Kind, und iß! Wenn auch das Mehl schlecht ist — es ist in dieses Wenige alle dieselbe Liebe getan, die sonst in dem Vielen war, das wir dir bieten konnten. Ich breche es mit dir und esse es mit dir, wie es ber Vater sonst tat, um nach alter Sitte auszubrücken, daß wir das gemeinsame Brot des
lich, baß biefer Vorfahre des Menschen von heute an Tuberkulose litt, wahrscheinlich als Folge des Genusses tuberkulös infizierter Milch. Die gleichen Merkmale zeigte eine Mumie aus der Zeit der 12. Dynastie, also um 1500 vor Christi Geburt.
Aus Peru besitzen wir Knochen und Schädel vorgeschichtlicher Menschen, die deutlich verraten, daß die Betreffenden mit warzenartigen Wucherungen behaftet waren, und ich habe die Ueberzeugung gewonnen, baß diese Leute noch zu ihren Lebzeiten davon befreit worden sind. Denn die Verletzungen an den Knochen, die von chirurgischen Instrumenten der damaligen Zeit herrühren, weisen deutliche Anzeichen von Verheilung auf.
Die Hand der Tante Tutankhamens, die sich in meinem Besitze befindet, ist vom Standpunkte des Chirurgen aus ebenso interessant wie unter sozialwissenschaftlichem Gesichtspunkte. Denn sie verrät einen geheilten Bruch, der nur dadurch entstanden sein kann, daß die Hand irgend jemandem ober irgend einen Gegenstand mit voller Wucht traf. Nebenbei bemerkt war es es eine recht starkgebaute Hand. Diese Tatsachen gestatten manche interessanten Schlüsse.
Dank der erhaltenen Mumie eines neunzehnjährigen Jünglings, der vor rund drei Jahrtausenden starb, wissen wir, wie damals Knochenbrüche geheilt wurden. Zum Schienen benutzte man getrocknete Binsen und starke Bandagen, und die damit erzielte Heilung war so gut wie vollkommen. Ich bin überzeugt, ein moderner Arzt könnte es nicht besser machen.
Im Grab des Pharao der Bedrückung wurde ein Gefäß gefunden, das sein Herz enthielt. Ich untersuchte ein Stück der großen Schlagader und entdeckte deutliche Spuren eines heute recht gut bekannten Zustandes, nämlich Kalzium- und Kalkablagerungen, welche die Gewebe verhärten und ihre Ausdehnungsfähigkeit dem an- schießenden Blutstrom gegenüber stark behindern. Dieser Zustand hat psychologische Veränderungen im (Befolge: Mangel an Unternehmungslust und Initiative, Beharren auf einer einmal gefaßten Meinung, mit anderen Worten gesagt: Hartherzigkeit. Diese Entdeckung hat uns also gelehrt, daß die Klagen, Pharao habe „sein Herz verhärtet" durchaus begründet waren. Diese geistige Verfassung Pharaos war nichts anderes als eine Folge feines gesundheitlichen Zustandes.
Allgemein wird angenommen, Napoleon I. sei an Magen- oder Darmkrebs gestorben. Doch Sir Arthur Keith, der vor einigen Jahren diesbezügliche Untersuchungen anstellte, fand keinerlei Anzeichen von Krebs.
Lebens essen — alles teilen wollen in Liebe und Glauben!" Sie umfing die Tochter: „Damit du weißt, .aß ich immer teilnehme!" Sie schluckte tapfer: „Mütter, mein Kind, sind da, um teilzunehmen, wemr sie nicht mehr geben können!"
Maria führte den Bissen zum Munde; sie zwang sich, den kleinen, bitteren Kuchen zu schlucken, in dessen rühren, der Armseligkeit die trostlose Verarmung eines Volkes sich aussprach, das einst zu den reichsten zählte. Ein furchtbarer Gedanke durchschlug die Zerrissenheit ihres persönlichen Erlebens. Maria dachte: Ist denn am Ende so viel zerstört, daß nichts mehr für einen Aufbau blieb? — Haben wir — habe ich diesen Menschen alles genommen, was ihren Lebensinhalt bildete?
Sie wußte es nicht, daß ihre erschlafften Arme die kleine Frau immer stärker an sich drückten, als wollten sie sich körperlich davon überzeugen, daß noch nicht alles zerstört sei, daß auch für sie noch etwas da fei, an das sie sich klammern könne.
Glücklich flüsterte die Mutter: „Siehst du, mein Kind, es gibt noch eine Sprache, in der sich schließlich alle Frauen verstehen! — Auch du wirst einmal teilnehmen können, wenn du gegeben hast. Geben ist so köstlich, Maria! Gib Siebe und du wirst teilhaben an der Freude, die uns Frauen als Gegenwert aller Schmerzen gegeben ist!"
Maria antwortete nicht. Stumm und schmerzlich schüttelte sie das Haupt. Sie hätte grell auflachen mögen, schreien, einen heftigen Ausweg suchen für das in ihr Ringende und Gärende. Sie hätte lachen mögen über sich selbst! Sie, die Kommandantin Maria — und dies frauenhafte, im Kreise aller jener Menschen, an die sie durch ihre Stellung gebunden war, für überlebt geltende Denken und Fühlen! Sie konnte nicht lachen! Die kleine schwache Frau in ihren Armen hemmte mit einer unerklärlichen Kraft allen Ausbruch dessen, was seit so vielen Monaten Marias Denken und Handeln im Dienste der Zerstörung beherrschte.
Nun zog die Mutter sie sacht zur Tür des Wohnzimmers, richtete sich auf den Fußspitzen auf, und flüsterte geheimnisvoll: „Warte ein wenig, ich rufe dich gleich!" Dann verschwand sie mit einem spitzbübischen Lächeln im Wohnzimmer, aus welchem bald darauf ein Hantieren und Knistern zu hören war, das Maria aus der Kindheit