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Rund um die Woche.

Flucht vor der Wirtlichkeit. — Halb so schlimm. — Die Not der Chinesen. Die ukrainischen Greuel. — Direktor Marschall am Mikrophon.

Eben weil ich mich bemüht habe, die Dinge zu sehen, wie sie sind, bin ich heute optimistischer als eine große Zahl von jenen, die alle ihre Reden beginnen: „Meine Damen und Herren, der fürch­terlichste Winter, den wir je erlebt haben, steht dem armen deutschen Volke bevor ..." Äm Ge­genteil. Schon sind eine Reihe von Maßnahmen ergriffen worden, die zwar hart sind, die aber doch eine langsame Besserung ankünden. Soweit ich weiß, hat Dr. Brüning in Stuttgart ge­äußert, man könne keineswegs mst Sicherheit sa­gen, wir kämen auf sieben Millionen Arbeits­lose. Es kann eben auch noch ganz anders kom­men. Wozu sich den Kopf darüber zerbrechen? Betrachtet man, wie nach und nach alles kleiner «strd, die großen Firmen ihre Aktion Zusammen­legen. die Läger doch leeren werden, so kann man sogar mit einiger Wahrscheinlichkeit behaupten, es sei bald der Punkt erreicht, in dem die Wendung zum Besseren einsetzt. Nach der Gründerzeit war das ganz ähnlich so, und so wollen wir stillehalten und nicht in Utopien machen. Es will mir so schei­nen, als ob sozialistische oder gar kommunistische Gedankengänge immer mehr um sich greifen. Ich würde mich auch ihnen hingeben, wenn ich sähe, daß damit irgendwie weiterzukommen wäre. Aber auf solch einen Beweis warte ich noch. Wenn im Sozialismus wirklich das Geheimnis einer neuen und besseren Wirtschaftsordnung steckte, warum ist es denn auf ihrer Gewerkschaftstagung nicht her­ausgekommen? Dieses ganze Schwärmen in Sy­stemen ist überhaupt nur eine Flucht vor der Wirklichkeit, und die heißt einfach, daß jeder Opfer bringen muß für den andern. Viel lieber als über neue Systeme höre ich etwa über die Ent­schließungen unserer Bauern, daß sie mit der Winterhilfe bei der Hand sein wollen.

Daß ich verhältnismäßig wenig Mitleid mit manchem Alltäglichen aufbringe, kommt einzig von dem Umstand her, daß jetzt alle Zeitungen voll sind von den chinesischen Ereignissen. Das frißt wirklich an meinem Mitgefühl. Ein Land, über halb so groß wie Deutschland, ein Opfer der Flu­ten, Menschen, die millionenweise alles, Haus und Hof und Vieh verlieren, die rein gar nichts mehr haben, als die Aussicht, auch noch das Leben in dem grausamen Strome zu lassen, das ist in der Tat schrecklich. Wie können wir noch klagen, wenn wir solches lesen? Werden wir ärmer an Kultur­gütern, so schenkt uns die Natur einen neuen Reichtum. Wer abends am elektrischen Licht spart, wird umsomehr von der Sonne am anderen Mor­gen haben, ist das wahr oder nicht? Wenn man in Brasilien den Kaffee ins Meer wirft oder in Norwegen die Lachse an die Küste, wo sie verfau­len. oder in Amerika die Weizenernte ins Feuer, wenn der Dauer für ein Pfund Fettvieh weniger bekommt, als er für das Magergewicht aus- gegeben hat, dann müssen wir einmal gründlich wieder in die Schule der Natur, daß wir ihre Ga­ben achten lernen. Und das ist gut so, denn glei­tet man auch aus in Wald und Wiese, man fällt doch nicht so hart, wie auf einem Asphaltpflaster.

Wenn nur die Menschen begreifen wollten, daß unsere Zeit eine Uebergangszeit ist. Ein Haus, ist zusammengeschossen, und das neue ist noch nicht fertig. Manch kostbarer Spiegel, der zerbrochen ist, liegt unter dem Schutt und manch blankes Firmenschild. In solch einer Lage muß man seine Ansprüche anpassen. Feldsoldaten unseres Schicksals sind wir. Man stand aber nicht in der Front in Galauniform. Man war sogar mit der Gulasch-Galauniform zufrieden und hat sie froh begrüßt, wenn sie überhaupt heran kam. Denk Dir, es gab damals sogar hohe Beamte, die einfache Soldaten waren. Sie haben natürlich sich auch mit dieser Gulaschkanone begnügt, und niemand fand etwas dabei. Der Krieg ist noch nicht zu Ende. Und wir haben überhaupt vergessen, daß des Menschen Leben hier auf Erden ein Kriegsdienst ist. Vor einiger Zeit sagte eine hohe Dame einem ein­

fachen Manne, der ihr die hohe Pension von der Bank brachte, es sei eben notwendig, das Geld. Die Kinder müßten studieren, und das koste eben viel. Darauf der einfache Mann: „Gnädigste, meine Kinder möchten auch gern studieren, aber es langt nicht dazu." Worauf dann sie: „Ja nun, aber man will doch auch standesgemäß leben.. Da hat der einfache Mann gar nichts mehr gesagt, ist still davongeschritten und nicht einmal Kom­munist geworden.

Ich wollte nur, wir lernten alle schneller um und würden beweglicher. Jetzt bei der Not in China meine ich, müßten alle Häupter von Staat und Kirche sich zusammentun und einen mächtigen Aufruf erlassen zur Hilfe. Dieses große Liebes­werk könnte Unzähligen neue Beschäftigung geben. Es ist ein Zeichen von Unkultur, daß wir uns bei solchen Katastrophen nicht rühren. Es sind doch Menschen, die da zugrunde gehen. Wir könnten helfen. Oder wenn ich an die Teufeleien denke, die sich neuerdings die Polen in der Ukraine ge­leistet haben. Das überschreitet ja selbst die bol­schewistischen Greuel. Müßte nicht die ganze Kirche sich zu einem einzigen flammenden Protest erhe­ben? Sechs Bischöfe haben ein Dokument unter­zeichnet, das auf 75 großen Seiten eine Schandtat nach der andern berichtet, die dort an Wehrlosen verübt worden sind. Niemand regt sich auf. An dem zerschundenen Ukrainer gehen sie alle vorüber, wie das Evangelium sie aufzählt in der Parabel vom barmherizigen Samaritan. Die Not soll die­ses tief Menschliche und dieses verschüttete Christ­liche wieder in uns wecken. Was stürmen die Ameisen herbei, wenn irgendein Spaziergänger den Stock in ihren Bau senkt. Alle sind sie da, tragen die Püppchen weg, rennen und sorgen, auch wenn es das eigene Leben gilt. Wir aber bleiben steif sitzen und klagen den Himmel an, an­statt unsere eigene Trägheit und Herzenshärte. Nein, ich will nicht ruhen, solange es noch ein Kindlein auf Erden gibt, dessen Hunger ich stillen und dessen Tränen ich trocknen kann. Es ist un­serer unwürdig, gemütlich dazusitzen, internatio­nale Konferenzen zu halten, Festessen zu veranstal­ten, während alle wie ein Mann bereit sein soll­

ten, der notleidenden Menschheit zu helfen. Wir kommen gar nicht daran vorbei, wohin immer wir schauen, diese Gleichgültigkeit des christlichen Be­wußtseins festzustellen, die jetzt in Spanien, das doch als katholisches Land gilt, Zustände gestattet, die ganz gewiß bei ein wenig Mut und Haltung von heute auf morgen geändert werden könnten.

Noch eine kleine Sache muß ich von Nürnberg noch nachtragen. Während des herrlichen Gottes­dienstes im Stadion nämlich sehe ich auf einmal über uns die kleine Telephonzelle, in der das Mi­krophon steht, das die ganze Feier überträgt. Ich denke: das mußt du dir ansehen und schleiche hin­auf. Da sehe ich nun Direktor Marschall am Werke, wie er feines Amtes maltet. Mit ruhiger Stimme wird da dem kleinen Apparat anvertraut.

Das große Los gezogen.

Die 500 000 Mark-Prämie der Preußischen Lotterie fiel auf Nummer 272 909.

rotb. Berlin, 12. Sept. (Eig. Meldg ). Die 500 000 Mark Prämie der Preußisch-Süddeutschen Klassenlotterie ist auf die Nummer 272 909 ge­fallen, die mit 1000 Mark gezogen wurde. In der ersten Abteilung fällt der Gewinn nach Bayern, in der zweiten Abteilung nach Hessen.

* Mit der Hacke den Kopf gespalten. In Her­me s t e i I hatte ein Landwirt einem jungen Mann, mit dem er verfeindet war, mit einer Hacke den Kopf gespalten. Der Schwerverletzte liegt noch heute im Krankenhaus und wird für sein Le­ben ruiniert fein. Das Schöffengericht verurteilte den rohen Täter zu zwei Jahren Zucht­haus.

* Motorradfahrer sterbend auf der Landstraße anfgefunden. Der in SiHingen wohnhafte Motorradfahrer Mathias G i e tz e n wurde von einem Kraftwagenbesitzer auf der Landstraße schwer verletzt aufgefunden und sofort ins Dillin­ger Krankenhaus gebracht. Aerztliche Hilfe hatte aber keinen Erfolg mehr, denn der Verunglückte starb kurze Zeit später. Wie sich das Unglück er­eignet hat, konnte bisher noch nicht geklärt wer­den. Man kann sich schlecht vorstellen, daß Giet-

roas auf dem weiten Platze vor sich geht. Ein er­habenes Gefühl überkommt dich, wenn du denkst, daß viele Millionen diese Stimme hören und in den Stand gesetzt sind, der heiligen Handlung zu folgen. Wie Gottes Boten, so wandern die klei­nen Wellen über Land und Meer. Es ist schon wunderbar, und nirgendwo freut man sich so die­ser modernen Erfindungen, als da, wo man sie im Dienste Gottes sieht. Dem Direktor Marschall gebührt sicher unser aller Dank, daß er sich all die­ser Dinge so hingebend annimmt. Noch einen schö­nen Gruß an den Einsender von 20 Mark. Eine arme Frau hat davon ihre Miete bezahlt. Si« kam weinend, und ging getröstet von bannen.

Der Mann im Monde.

zen seinen Tod selbst verschuldet hat, da er al» äußerst besonnener Fahrer bekannt ist.

* Der Stahlelm „Bundeskanzler- verurteilt. Da» Schöffengericht Berlin-Mitte verurteilte am Mitt­woch den „Bundeskanzler" des Stahlhelm, Major a. D. Wagner, und den verantwortlichen Re­dakteur der Wochenzeitung „Der St a t) l belm* wegen schwerer Beleidigung der preu­ßischen Staatsregierung zu 800 bzw. 400 Mark Geldstrafe. Wagner hatte vor der Ein­leitung des Stahlhelm-Volksbegehrens im „Stahl­helm" einen beleidigenden Artikel gegen die „mar­xistische Preußenregierung" veröffentlicht. U. a. bezeichnete er die preußische Staatsregierung al» „sicherer Verbündeter Frankreich» und Polens. Diese Verleumdung führte seiner­zeit zu einem mehrwöchigen Verbot des „Stahl­helm" durch den Berliner Polizeipräsidenten. Da» Reichsgericht hat dieses Verbot zeitlich begrenzt, in seiner Begründung jedoch voll bestätigt. In der Begründung feines Urteils sagt das Berliner Schöffengericht, daß die Angeklagten die preu­ßische Staatsregierung aufs schwerste beleidigt und damit ihre Autorität zu untergraben und zu er­schüttern versucht hätten. Das müsse scharf ge­ahndet werden. — Und es gibt noch Anhänger des Stahlhelms, z. B. in unserem Leserkreis in der Rhön, die von einer sachlichen Kampfesweise dieser Organisation sprechen zu dürfen glauben.

Reise und Wanderung.

— Rückgang der Jugendherbergsgäste. Die wirt­schaftlich schwere Lage und dazu der Sommer mst seinen endlosen Regengüssen spiegeln sich deutlich in dem be­trächtlichen Rückgang der Besucherzahl der Jugendherber­gen des Rhein-Main-Fulda-Lahngaues der deutschen Ju­gendherbergen. Während in der Jugendherberge zu R ü» desheim, der stets am stärksten besuchten Bleibe des Gaues, vom Mai bis Herbst 1930 allein 34 000 Besucher weilten, sind in diesem Jahre nur 24 000 Gäste bis jetzt dort eingetroffen. Aehnliche prozentuale Rückgänge wer- den von allen anderen Herbergen gemeldet. Dafür aber hat verhältnismäßig der Besuch von Ausländern, nament­lich Engländern, in diesem Jahre beachtlich zugenommen. Auffällig ist es auch, daß gerade der Besuch ganzer Klas­sen während der Wanderzeit in diesem Jahre wesentlich nachgelassen hat, zweifellos ein Ausdruck der wirtschaft­lichen Depression. Dafür aber ist die Zahl der Einwan­derer gegen früher erheblich gestiegen. Oft waren in den größeren Herbergen bis zu 180 Wanderern nachts zu Gast, die sich größtenteils aus akademischen Kreisen, aus stellenlosen Kaufleuten usw. rekrutierten. Diese benutzten ihre teils unfreiwilligen Ferien zu ausgedehnten Wande­rungen durch das deutsche Land. Recht hoch war auch die Zahl der Radfahrer, oft bis zu 140 in einer Nacht. Dieses Wandervolk durchradelt in wenigen Wochen große Teile Deutschlands und kommen dabei mit recht geringen Mitteln aus. Es sind Fälle bekannt geworden, daß Rad- ler auf wochenlangen Fahrten nicht mehr als 30 RM. ausgegeben haben. — Im allgemeinen rechnet man für das Jahr 1932 mit einem Besucherrückgang von 20—25 Prozent gegen das Vorjahr, in einzelnen Jugendherber­gen beziffert sich der Rückgang sogar auf ein Drittel der Vorjahrszahlen.

Zwei Jahrhunderte auf einem Bild.

Die historische Fregatte „Old Ironside",

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die vor mehr aW 100 Jahren für Amerika Kriegsdienste leistete, vor den Wolkenkratzern von Manhattan im Hafen von Neuyork, der grandiosesten Stadt des 20. Jahrhunderts.

Begebenheiten aus aller Welt.

Oratorium für Soli, Chor und Orchester

„lii Mi«in II MM"

von Franz Liszt

Heute, Samstag, den 12. September, abends 8 Uhr öffentliche Hauptprobe. Eintrittspreis für Sitzplatz: Erwachsene 1.— Mk. Schüler 50 Pfg.

Morgen, Sonntag, den 13. September, abends 8 Uhr Aufführung.

Es sind noch Eintrittskarten für beide Plätze erhältlich.

Wir bitten zu beachten, daß im Interesse der auswärtigen Konzertbesucher pünktlich um 8 Uhr begonnen werden muß, und daß zur Gewährleistung eines ungestörten, erhebenden Eindruckes des herrlichen Werkes die Saaltüren kurz nach Beginn geschlossen werden.

im Stadtsaal zu Fulda.

Chorvereinigung Winfridia.

Das kalte Rest.

Roman von Lisa Barthel-Winkler.

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Zuweilen mahnte in ihm eine laute belehrende Stimme; dann floh er Hilde tagelang und überstürzte seine Arbeit noch mehr; gab vor, keine Zeit zu haben und hockte Stunden und Stunden über seiner Aufgabe. Nur nicht daran denken ... bettelte sein Herz. Er wan­delte sich: was er ftüher nie getan, er suchte Fühlung mit Kaufleuten und Bankmenschen. Er spielte an der Börse. Zwei-, dreimal hatte er Glück, gewann über Nacht bedeutende Summen. Dann wurde ihm auch dies wieder zum Ekel. Es lag ihm nicht; seine Natur drängte zu ehrlichem Schaffen.

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Maylands hatten Hanns Herberts Besuch nicht mehr erwartet und nicht mehr empfangen. Noch immer machte der alte Moyland heimlich Nebenarbeiten, um die Schuld an seine Tochter abzutragen. Und immer wieder zeigte Frau Marta ihm ihre üble Laune, schalt ihn einen ver­kommenen Menschen, einen Trinker, der die Familie zerstöre. Aber nie hatte der Alte eine solche Ruhe ge­kannt: er widersprach nicht; er kam und ging gelassen — und so erbitterte sich Frau Marias Wüten immer mehr, weil es gegen eine Leere ansprang ...

Und die, um die all diese Menschen dachten — die im Hintergrund ihrer Hirne immer wieder aufwuchs: stolz, rein, herb — Hedwig Graetz, die junge, mütterliche Frau, saß in qualvoller Bedrückung daheim bei der Witwe Speck im Lehnstuhl, fror, kämpfte mit allen Lasten des Leibes, mit Uebelkeit, Frost, Schmerzen und seelischer Not. Tief in den Höhlen lagen die Augen. Ties im Herzen brannte die Wunde, die der Geliebte ihr ge­schlagen.

Er war nicht mehr gekommen. Er ließ sie allein in ihrer allerschwersten Zeit. Wo sollte der Glaube noch Wurzel finden? Riß er nicht alle Wurzeln aus, daß sie nicht Nahrung, nicht Leben fanden? Und sie hatte ihn doch so geliebt! —.

Die Witwe Speck und Lola Spillerich waren in rüh­render Betulichkeit um sie.

„Ein Junge wirds!" verkündete.mit Donnergrollen die rotsamtene Sola. „Ich hab es dreimal ausgezählt."

Hedwig lächelte trüb.

„Ein Junge? — Ist auch besser!" pflichtete Frau Speck ihr bei. „Mädels müssen zuviel leiden in der Welt, wenn sie ein Herz haben."

Frau Speck brachte ihr Leckerbissen, aber Hedwig aß fast nichts. Der Kummer nagte an ihrer Gesundheit. Sie verfiel und wurde alt . . . Leidsurchen zogen sich um den jungen Mund.

In den Nächten lag sie lange wach und durchgrübelte zum hundertsten Male ihr Tun, ihr Wollen, ihr Recht, ihre Schuld. Stieg hinab bis in die untersten Schächte der menschlichen Gedanken.

Ja — es gab viel mehr Not, als die ihre allein. Not an Leib und Seele. Da hungerten arme Menschen; da lebten Krüppel, Kranke, die nie ihr Leid verloren. Da gab es Feiglinge, die sich ewig duckten, Sklaven aus an­geborenem Blut, verkümmerte Seelen aus falscher Er­ziehung; Lügner, die sich selber verachteten, und deren Schuld doch nur war, daß man ihnen von Kindesbeinen an die höfliche und nützliche Lüge gegen Vater, Onkel, Tante und alle Welt lebensklug anerzogen hatte . . .

Nein — sie wollte nicht lügen lernen. Nein, sie wollte fest bleiben, und wenn das Herz ihr zerbrach. Ach, Hunger und Verachtung, was waren sie? Ein Nichts gegen das eine: verratene Liebe.

Ja, sie trug das Leid der Frauen — Leid um Liebe.

Auch Frau Elfe rang um die Liebe, die Liebe ihres Sohnes, und würde doch nicht — das fühlte Hedwig in diesen Stunden klar — doch nicht glücklich sein.

In solchen allertiefsten, dunkelsten Schächten des zer- quälten Hirns verwirrten sich ihre Gedanken. Zwei Sätze sprach sie dann vor sich hin, um sich wieder zurecht zu finden.

„Sie ist Mutter, er ist Sohn — er hält zu ihr, wie mein Kind auch zu mir stehen wird, sie kämpft um ihn, ich kämpfe um mein Kind.

Sie will ihn und all ihren Besitz zugleich behalten, auch gegen die ewigen Gesetze der Liebe — ich gab alles

her . . . ich werde auch mein Kind hergeben, wenn die Liebe es fordert . . ."

Nicht immer war sie so gelassen.

Zuweilen bäumte sich in ohnmächtigem Zorn alles in ihr auf.

„Man hat mich verratenl Ich bin allein!"

Die Mutter die Schwiegermutter, der Gatte, der Bru­der — für alle war sie nicht mehr vorhanden; nur der alte, vom Leben zermürbte Vater hielt ihr die Treue.

Was hatte sie denn getan?

Sie war ihrem Gewissen gefolgt. Dafür verachtete man sie . .

Brach dann der lodernde Zorn zusammen, war sie noch hinfälliger, noch schwächer.

Heute vor einem Jahr — so sann sie eines Tages im März — da waren wir Brautleute. Wir gingen durch die Straßen. Frühlingswind wehte. Er küßte meine linke Hand, er küßte jeden Finger, er küßte mei­nen Verlobungsring.

„Bald — bald — für immer!“ sagte er.

Damals überlief sie der erste leise Schauer beim Ge­danken an feine Mutter. Aber sie war strahlend jung, sie wußte sich sicher feiner Liebe.

Nun war alles verloschen. Die Mutter hatte gesiegt. Tief verkroch sich ihre Seele.

„Ach, könnt ich sterben . . .*

«

Eines Märztages schien die Sonne so heiß vom blauen ungetrübten Himmel, daß man meinen konnte, es sei schon Mai, warmer, lockender Mai.

Der Duft frischer Erdschollen drang bis in die Stein­zeilen der Stadt, und der Wind trug einen Hauch von Wald, von Tannen.

Hanns Herbert und Hilde saßen nebeneinander in einem offenen Wagen. Ihr Ziel war das Theater.

„Wir fahren etwas früher", hatte Hilde gebeten; „bann machen wir noch einen Umweg und genießen den herrlichen Tag."

„Langsam, bitte!" wies Hanns Herbert den Fahrer an.

Mit gemäßigter Geschwindigkeit trug der Kraftwagen sie durch den Park, durch schöne Wege abseits vom dich­

ten Gewimmel und wieder hinüber in die Häuserviertel.

Hilde schwatzte wie sonst. Ihre Hand stahl sich in die Hanns Herberts. Er wehrte sich nicht.

Der Fahrer stoppte.

„Was ist?" forschte Hanns Herbert.

„Nur eine kleine Stockung, Herr."

Vor einem großen Gebäude in einem Garten hielt ein Krankenwagen. Eine Kohlenladung sperrte die andere Hälfte des Dammes.

Hanns Herbert wurde ungeduldig.

„Was ist bas für ein Haus?" fragte Hilde unb tippte dem Mann auf dem Bock mit dem Schirm an die Schul­ter.

„Das neue Krankenhaus mit dem städtischen Entbin­dungsheim, Fräuleinchen."

„Und der Wagen da vor uns?"

„Das ist ein städtischer — sehen Sie — da bringen sie Eine —"

Der Krankenwagen wurde geöffnet; man hob eine Bahre heraus.

Der Fahrer kurbelte wieder an. Der Kraftwagen mit Hanns Herbert und Hilde glitt weiter.

Hilde legte den Arm um Hanns Herberts Schulter.

„Krankenhaus? Brrr .. . . fo etwas lieb ich nicht!"

Ein Stöhnen hallte ihnen nach durch den Wind . . . ein Schrei.

Hilde zuckte leicht zusammen.

,Die Aermste!" flüsterte sie und kuschelte sich noch mehr an ihn.

Hanns Herbert schloß die Lider. Der Schrei einer Mutter .. .

Ein Gedanke sprang auf, blitzartig, und zog eine lange, lange Kette hinterher . . .

Hedwig sah er — in Schmerzen gekrümmt. Ihre blaugoldenen Augen starrten ihn an. Von ihrer weißen Stirn rannen Tropfen. Ihre Finger krallten sich vor Qual in weißes Sinnen . .

„Träumst du mit offenen Augen?" lachte neben ihm Hilde.

Er riß sich zusammen.

„Verzeih — ich — dachte an andere Dinge."

Und wieder Geplauder. . .

(Fortsetzung folgt.)