A/fLS
NfLS
irr. 205
Beilage zur Fuldaer Zeitung
6. September
3m Volkston.
Der Tag muß traurig vergehen, rot flammt die Abendglut.
Ich kann fein Leid verstehen; wie weh das Scheiden tut.
Im Abendschein leuchten die Matten.
Sie blühen und reifen so —.
Ein Weg nur läuft nordwärts hn Schatten, als würde er nimmer froh.
Welchem Ziel schleicht das graue Tier entgegen. Ists das wiedergewonnene Paradies; ists das Schafott? Die Reiterin kennt es nicht; sie will es nicht tennen!" Und so begleitet er das Siegesjahr 1864 mit der Elegie des „Hungerpastor", ließ er („Abu Telfan") in das Deutschland von 1866 den Reisenden vom Mondgebirge zurückkehren als ein Land, wo Familie und Ehre ärger schmachten denn bei den Barbaren: „Wenn ihr wüßtet, was ich weiß, sprach Mahomed, so würdet ihr viel meinen und wenig lachen!" Auch der Siegesjubel 1870 konnte das Gerumpel des Pestkarrens „Schüdderump"
Ich glaube, daß nur mit Bangen die Schwalbe darüberflog;
dort ist mein Liebster gegangen, als er ins Weite zog.
Friedl Sch r eyvo gl.
Wilhelm Raabe und Wir.
Zu feinem 100. Geburtstag am 9. September.
„Es ist eine böse Zeit! Das Lachen ist teuer geworden in der Welt . . . Auf der Ferne liegen blutig dunkel die Donnerwolken des Krieges, und über die Nähe haben Krankheit, Hunger und Not ihren unheimlichen Schleier gelegt . . . Die Menschen haben lange Gesichter und schwere Herzen, und wenn sich zwei Bekannte begegnen, zucken sie die Achsel und eilen fast ohne Gruß aneinander vorüber ..." — So begann Wilhelm Raabe sein erstes Buch und gestand gleich in der Vorrede, was dann sein gesamtes Schassen beseelte: den Menschen Helsen zu wollen, sich in ihrer Not zurecht zu finden. Kann Raabe uns das heute noch bedeuten?
Wo er schon zu Lebzeiten kaum Leser hatte, zu Hause nur abseits, in den Dörfern und Dachstuben an stillen Straßen. Wir hören bei ihm nichts von Auto, Flugzeug, und all den Tagesnöten, die noch die verschwiegensten Stunden unserer Nächte umkrallen. Er verherrlicht nicht Selbstmord und Ehebruch und wie immer wir uns gegen Schicksal und Not auflehnen. Raabe sagt zum Leide ja, mühsam und schwer.
Doch eben deshalb geht uns in feinen Geschichten aus, daß diese unsere Not einmal über uns kommen mußte, weshalb und woher. Und er zeigt es derart radikal, d. h. bis an die Wurzeln ausdeckend, daß unsere glücklichen Väter diesen schwarzen Unglücksoogel in der Sonne der Ausstiegsjahre gar nicht hören mochten. Zwar verscheuchte er selbst wieder in der 2. Auflage von „Ein Frühling" die Vorahnung der drohenden großen sozialen Revolution, doch nichtsdestoweniger ließ er sich von der pathetischen Gebärde und den grellen Erfolgen des karrieremachenden Deutschland nicht blenden. Klar sah er, wie die Dynastien und ihre Würdenträger, Jndu- ftriebarone und Bankdirektoren deutsches Edelgut verwirtschafteten, sah er die Menschheit verkehrt auf dem Esel „Zeit" sitzen: „Horch, wie luftig die Schellen und Glöckchen am Sattelschmuck klingen, den Kronen, Tiaren, phrygische Mützen-, Männer- und Weiberkappen bilden.
Wilhelm Raabe (8. 9. 1831 — 15. 11. 1910).
Denkmal Wilhelm Raabes,
ein Werk des Bildhauers Karl Sagebiel-Braurrfchweig, das anläßlich des 100. Geburtstages des Dichters in seiner Geburtsstadt Esch er sh aussen eingeweiht werden wird.
nicht übertönen. Wer sich so zu den entscheidenden Aufbaujahren des neuen Reiches stellte und auch noch im Jahr des höchsten Glanzes 1876 nur die Melodie: „Stramm, stramm, alles über einen Kamm!" hörte (,^Ho racker"), der konnte bestenfalls nur als schrulliger Kauz gelten, wo man nicht — und er nannte sich Freund des Dichters — riet, die Erzählung „Zum wilden Mann" polizeilich zu verbieten, da sie durch die Bitterkeit der Menschenanschauung geradezu vergifte.
Was Raabe so den Menschen seiner Zeit entrückte, bringt ihn uns nahe. Wir wissen heute, wie recht er hatte. Doch solch Prophetentum allein könnte uns nicht geben, was Raabe schenken wollte: Trost und Hoffnung; es wäre — wie bei den Lagarde und Vischer, seiner Art- und Zeitgenossen — nur niederdrückende Besiegelung unseres Schicksals. Raabe aber ist uns mehr. Aus seinen Geschichten, sie mögen von noch so alten Zeiten und noch so absonderlichen Menschen erzählen, spüren wir austichtende Kräfte in die Zukunft hinein. Sie lassen uns inne werden, wie wir nicht zu verzweifeln brauchen, verstehen wir das Unglück nur wie die vom Leben verschlagenen Leonhard Hagebucher und Nieola von Einstein in „2tbu Telfan", wie Antonie Haußler im „Schüdderump", Phobe in den „Unruhigen Gästen", Mechtild in „Des Reiches Krone", wie Velten Anders in den „Akten des Vogelsangs". Raabe lullt uns da wahrhaftig nicht in schöne Augenblicksstimmungen. Gerade das danken wir ihm, was man ihm vorwarf, die Strenge feiner Wahrheit: „dem Nichts in die leeren Augenhöhlen blicken zu können". Wie kein zweiter versenkt er sich in der Menschheit Jammer, nichts auch verhüllt er an der nackten Häßlichkeit sittlicher Gemeinheit. Doch trotz eines solch grausamen Realismus, trotz der darin wurzelnden Manier, in friedliche Verhältnisse den Blitz des plötzlichen Schicksals schlagen zu lassen: Dieser Dichter
ist kein Pessimist. Obwohl ihm Leben nur Gang des Verurteilten zum Richtplatz bedeutet — „Damit der Mensch weiß, was er ist, muß er in eigenen Hausange- legenheiten nach der Hebamme und Totenfrau gelaufen fein" — er bleibt nicht dabei, wie die mobernen Naturalisten die rohen Geschehnisse roh darzustellen. Neben konstatierendem Verstand betätigt er eine Kraft, über die der Pessimist nicht veriügt: das tiefer sehende Gemüt Er lieft auch in den Herzen der Mühseligen imö Beladenen und er entdeckt — beglückend — ei« durch Unglück geformtes, besseres Menschentum. Dafür hatte man in sorgloser Zeit wenig Verständnis, sondern das bequeme Wort „Sonderlinge" zur Hand und nannte die Art, sie zu schildern, .Humor". Wkr Leiderfahrenen wiffen, wie oberflächlich das war, ebenso leichtfertig, wie diesen Dichter mit Schopenhauer in einen Topf zu werfen. Gewiß, nachdem der junge Raabe nicht ohne die romantische Rührseligkeit Jean Pauls fertig geworden war, drohten „Abu Telfan" und „Der Schüdderump" im Unglück zu versinken. Sicher, Raabe hat sich auch in seiner Spätzeit nicht zu der christlichen Weltordnung durchgerungen, in der das Leid seinen bestimmten Platz hat zwischen Erbsünde und Erlösung. Gleichwohl, seine Art, im Kleinen das Große und im Großen das Kleine zu sehen, die Sonne über dem Kehricht des menschlichen Lebens scheinen zu lassen und manch Goldglänzendes als eitel Lüge zu entlarven, diese Weltanschauung ist von Schopenhauerschom Pessimismus ebenso weit entfernt wie die „Weltverneinung" des hl. Franz: Wir hören bei Raabe nicht das wehe Lachen Brentanos, weder den kosmischen Galgenhumor Christian Morgensterns, noch den frivolen Spott Heinrich Heines, nicht den alles Leben wegätzenden Hohn des viel mit ihm zusammen genannten Wilhelm Busch Immer wieder vielmehr überzeugt und ergreift uns die Lebensweisheit Fiebigers in den „Leuten aus dem Walde": „Gib acht auf die Gaffen!", d. h. auf das Elend im Leben; zugleich aber: „Blick auf zu den Sternen!" d. h. Liebe, Freundschaft, Geduld, Barmherzigkeit, Mut, Demut, Entsagung, Ehre sind allein die Waffen, mit denen wir die größten Kämpfe bestehen.
Die Kraft ober, sich in das Leid des Anderen zu
versenken, erwächst aus der eigenen Erfahrung, der „Erinnerung". Sie (Gegenteil also von „Ersatz der Hoffnung", sondern gerade „Stütze des Daseins") macht den Menschen feinhörig und bescheiden: „Die wahre, lautere Quelle jeder Tugend, jeder Aufopferung ist b*e traurig süße Vergangenheit mit ihren erloschenen Bildern, mit ihren ganz oder halb verklungenen Taten und Träumen. Nicht der Gedanke an Glück oder Unheil in der Zukunft ists, der liebevoll, rein, heilig macht; nie ist dieser Gedanke rein von Egoismus, und über jede Blüte, die das Menschenherz treiben soll, legt er den Mehltau der Selbstsucht". Wir sehen nun, wie wenig diese „Warnung vor dem Vorwärts", Angst vor der Zukunft bedeutet. Sie möchte uns nur bewahren vor dem mst dem Vorwätsstreben leicht verbundenen Unrecht an den mit uns Lebenden. Im übrigen braucht Raabe vor dem Neuen nicht bange zu sein. Wenn „in der Welt wchts umkommt, auch nicht eine Träne, auch nicht ein Blutstropfen", bann hat auch das Neue feinen Sinn. So läßt der Dichter in „Pfisters Mühle", nach feinen eigenen Worten „der Episode aus dem großen Kampf des Ueberganges der deutschen Nation aus einem Bauern» volk in einen „Jdustriestaat", erkennen, daß auch die Zerstörung der alten Kultursorrn im Willen Gottes liegt. Und in den „Alten Nestern" zeigt er, daß cs überhaupt nicht auf die Kulturform ankommt, sondern auf den Wett und Adel des Menschen. Schließlich weiß Raabe — und wer von uns hätte das heute nicht auch erfahren — daß jedes Vorwärtsschreiten auch ein Zurücklassen bedeutet und das Erreichen des Ersehnten nur wieder neues Wünschen weckt, Glück also nie unser Teil ist. „Und Tiefersehntes wirst du bitter hassen", „heißt es in den wundervollen Strophen der „Holunderblüte": Legt in die Hand das Schicksal dir den Kranz, So mußt die schönste Pracht du selbst zerpflücken".
Das ist die Lebenseinsicht Raabes. Sie lehrt uns im „Hungerpastor" das Schwerste, was wir alle lernen müssen: „Gewaltig Sehnen — Unendlich Schweifen, — Im ero’gen Streben — Ein Nieergreifen —". Aber: „Im engsten Ringe, — Im stillsten Herzen — Weltweite Dinge" Dr. Hans Wilm.
Raabe in der Anekdote.
Von Dr. Paul Bülow- Lübeck.
„Das Beste, was der Mensch aus der Welt mit nach Hause bringen kann, ist doch nur seine Bekantschast mit ihr", meint Wilhelm Raabe in seinem Roman .Hastenbeck". Und so ist denn auch dieser Dichter selber in seinem engbegrenzten äußeren Lebensbezirk mit der ganzen Fülle seines rastlosen Schaffens ein Mann der Stille und Weltflucht, ein Mensch, dem zwar im geruhsam umfriedeten Winkel recht eigentlich schöpferische Kraft erblüht, der sich aber dennoch tätig und teilnehmend mit der übrigen Mitwelt verbunden fühlt. Dieses Sichzurück- ziehen in den geweihten Bezirk schöpferischer Arbeit, von wo aus er mit ruhiger Gelassenheit „in den Wirrwarr der Welt und des Lebens" hineinschaute, ist auch der Grund dafür, daß sich nur ein bescheidener Anektoden- kranz um das Haupt dieses Dichters winden läßt.
Bei der Arbest hatte Raabe die Gewohnheit, im Zimmer auf und ab zu gehen, von den reich beladenen Büchergestellen zum Fenster und wieder zurück, und dabei pflegte er dann wohl auch gern einen Blick ins Freie zu werfen. Als feine Schwiegermutter daraufhin einmal bemerkte: „Wilhelm verdient sein Geld doch rein mit Aus-dein-Fenstcr-gucken", meinte der Dichter mit vollem Ernst: „Da hat sie ganz recht." Bedeutete ihm doch das Auge „das große Tor der Weisheit." Was fein Blick draußen erschaute, wandelte sich ihm zum festen inneren Besitztum, das in den Gestalten feiner Bücher bann wieder in bie Erscheinung trat.
Ernster gestimmt ist jene ergreifende Szene, die des Dichters älteste Tochter von ihrem Vater zu berichten weiß. Als eines Tages einer der Enkel in Raabes Arbeitszimmer fröhlich herumfpielte, wandte sich der Großvater plötzlich mit bekümmerter Miene zu dem Kinde und sagte: „Armer Junge!" — „Nanu, Vater, warum denn armer Junge?" fragte feine Tochter erschrocken. „j>at ers denn nicht so gut?" — „Armer Junge!" wie- derholte Raabe mit nachdenklicher Miene, „der kommt mitten hinein." Dann erläuterte er seine dunkle Ah
nung: Er spürte bie Erschütterungen des kommenden Weltkrieges und der Revolution.
Als nach dem ruhmumfonnten 70. Geburtstag der Name Raabes weiteren Kreisen vertrauter wurde, nahm sein Briefwechsel einen schier beängstigend wachsenden Umfang an. Da der Dichter, der sich damals als einen
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Das Geburtshaus des Dichters in Eschershausen.
Die Augen des «nbekannken Soldaten.
91 Roman von Paul Edmund von tzahn.
Covvrigbt bi) Knorr und Sirtb, G.m- b. S-, München.
Merkuri schob sich auf den Knien näher. . Er hielt in der vorgestreckten Hand das kleine Paket, das er sorgsam vom groben, braunen Packpapier befreit hatte. Unbeschreiblich komisch zuckte der breite Mund, gleichsam schnappend, zu beiden Seiten an den Mundwinkeln in die Höhe. Maria sah es nicht. Merkuri lachte etwa nicht über sich selbst. Weil er die eine Hand noch immer steif gegen Maria ausgestreckt hielt, während die andere den ungelenken Körper in der hockenden Stellung stützen mußte, so fingen eben die beweglichen Mundwinkel das bittere Salzwasser auf, das in den Falten des festtäglich rasierten Gesichtes in kleinen Kanälen von den Augenwinkeln herabrann. Der feftbefotbete Amtsdiener der besonderen Kommission zur Bekämpfung der Gegenrevolution weinte lautlos, aber inbrünstig.
Endlich bemerkte Maria die vorgestreckte Hand, die ihr etwas hinhielt. Gedankenlos nahm sie, was ihr Merkuri reichte! Erst als ihre Finger hartes, gezacktes Holz spürten, schaute sie näher zu. In groben, unbeholfenen Linien war in kindlicher Art aus Holz ein Engel geschnitzt — jedenfalls mußte man die stehende Figur, mit den beiden breiten, adlerartig gespreizten Holzflügeln zu beiden Seiten, als einen solchen erkennen, wenn man die Unterschrift las. Da stand in steifen, ein wenig wackeligen Buchstaben: „Friede auf Erden!"
Maria lächelte. Cs kam ihr in diesem Augenblicke gar nicht zum Bewußtsein, wie furchtbar die Ironie dieser kleinen, plumpen Engelfigur mit der kindlich-gläubigen Aufschrift in einem Amtszimmer der Tscheka war. Maria lächelte, und Merkuri fühlte sich dadurch soweit ermutigt, bah er eifrig zu flüstern begann. Auch er vergaß offenbar, daß er zu der Kommissarin Rukow sprach und redete, als säße vor ihm die kleine Maria, deren tyrannisierter Spielgefährte er so viele Jahre gewesen.
„Weißt doch ... ich kann nur zwei Sachen schnitzen — den Bären und den Engel." Er räusperte sich. „Bären habe ich immer zu Geburtstag geschnitzt, no — und
Engel zu Weihnachten. Aber diesmal ist ganz besonders feiner Engel, weil ich mehr Zeit gehabt hab' als beim Papa früher." Völlig in der alten Rolle aufgehend, griff er mit der rauhen Hand über Marias Finger weg nach der Figur und schob an zwei vorstehenden Stäbchen — der Engel klappte mit den Flügeln. Der Alte lachte glücklich. „Siehst du, ist neu! Engel kann fliegen!"
Unwillkürlich glitten Marias Finger von dem einfachen Hebelwerk des flügelbewegenden Engels hinunter zu der geschnitzten Aufschrift. Wie sie es wohl als Kind getan, vergaß sie auch jetzt, dem Alten zu danken. Mer- furis Engel war eine der Selbstverständlichkeiten, wie der Pesferkuchen und der Weihnachtsbaum! Ganz kindlich versonnen buchstabierte sie, während ihr Finger über die groben Buchstaben glitt: „Friede auf Erden!"
Plötzlich stutzte sie. An diesem Finger glänzten im Flackerlichte der Kerzen schwärzlich rote Flecken. Mit einem Schlage war Maria bei klarstem Bewußtsein. — Das war ja Blut. Rasend hasteten ihre Gedanken: Dieses Blut war Zeichen heimtückischer Vernichtung, Symbol dieses Hauses, dem sie, Maria angehörte. — Zeichen des ärgsten Gegensatzes zu dem Worte, welches der alte Mann ihr auf den kindlichen Engel geschnitzt. — Dieses Blut war Unfriede! Langsam lösten sich Marias Finger von der kleinen Figur, die mit klappenden Flügeln haltlos auf den Boden vor dem Bäumchen niedersank. Steif und hölzern wandte sie sich dem alten Diener zu.
Der hatte die Veränderung, die mit ihr vorgegangen, noch nicht bemerkt. Ganz im Glücke der Erinnerung befangen, flüsterte er, als spräche er an ihr vorbei zu dem kleinen Weihnachtsbaume: „. . . Und Kuchen haben wir auch gebacken. Deine Mutter wartet die ganze Nacht. Hat gesagt: Vielleicht wird sie kommen — vielleicht nur in Gedanken — aber wenn sie kommt, soll sie alles finden, was ein Kind sucht."
In Maria kämpfte es. Plötzlich schrie sie dem Alten ins Gesicht, während sie ihm die bebenden Hönde hin
hielt: „Was redest du alter Kindskopf? Ich bin nicht mehr die kleine Maria, von der du faselst. Sieh her, da ist Blut, Blut an meinen Händen!"
Merkuri sah auf. Verwirrt starrte er sie an, — dann aber lächelte er und Maria konnte sich in all ihrer Eregung des verwunderten Gedankens nicht erwehren, wie wohl in dies lächerliche, verkniffene Bauerngesicht ein so abgeklärtes, gütiges Lächeln kam. Mit sachtem Griffe umspannte er ihre Hände mit feinen breiten, schwieligen Fingern, und wieder war es, als spräche er zu der kleinen Marusia, die sich beim Spielen im Garten beschmutzt hatte und nun fürchtete, vor die Augen des Vaters zu treten. So beschwichtigend sprach er zu ihr: „Nun, nun — werden wir abwaschen. Heute ist Feierabend. Werden wir schön abwaschen!"
Maria lächelte bitter. — Dieser einfache alte Mann verstand es wohl nicht, daß gerade dieses Blut sich heute schwerer abwaschen ließ als alles andere — dieses Blut eines Menschen, der aufrecht geblieben war!
Unbeirrt schüttelte der Alte den Kopf, als beantworte er ihre Gedanken: „Mutter nimmt auch solche Hände — Mutter wartet die ganze Heilige Nacht!"
Langsam richtete sich Maria auf. Noch immer hielt der alte Mann ihre Hände. Flehend hing sein Blick an ihrem Antlitz. Eine süße, weiche Müdigkeit überkam sie; die unsinnig überspannten Nerven erschlafften so wohltuend, wie sie es sonst nur nach dem Gebrauche des ihr innerlich verhaßten Rauschgiftes kannte. Mit einem wehen Blicke umfing sie diese kleine Ecke des großen kalten Raumes, in den kindlich-gläubige Ergebenheit ihr ein Stück Heimat gebracht hatte, nachdem standhafte Mannhaftigkeit im hetzenden Geschehen des Tages ihr die Augen geöffnet hatte und sie endlich jenen Blick des sterbenden unbekannten Soldaten verstehen ließ. Wie eine neue Erscheinung schaute sie den komischen alten Bürodiener an, hastig trat sie auf ihn zu und die Stimme der Kommissarin Rukow hatte «richts von ihrer sonstigen metallischen Härte, als sie fragte: „Weißt du denn, Alter, daß du dein Leben gewagt hast? Weißt du, daß man dich aus dem Dienst gejagt, und ins Gefängnis geworfen hätte, wenn mag wüßte, daß du einen Weihnachtsbaum und einen geschnitzten Engel in dieses Haus bringt?"
Der Alte nickte bekümmert. — „Darum ist doch Baum nur so klein. Mußte ihn unterm Mantel hereinbringen." Dann aber fügte er leise hinzu: „Angst hatte ich nur vor Kommandantin!"
Maria wußte es wohl nicht, wie fraulich die Bewe- gung war, mit welcher sie die Hand über das struppige Haar des Alten gleiten ließ. Sinnend entgegnete sie: „Gestern hätte ich dich wohl auch samt deinem Bäumchen hinausgeworfen. Aber heute . . ."
Der Alte fiel ihr eifrig ins Wort: „3a, heute ist was anderes!" Er strahlte: „Heute ist eben Heiliger Abend!" Er stockte und fuhr fast entschuldigend fort: „Da darf auch Amtsdiener zu Kommandantin sprechen, wie . . . wie ..." Er suchte nach dem Wort und sagte dann schnell: „Wie alter Merkuri zu kleine Marusia!"
Maria wandte sich ab. Sie fühlte ein verzweifeltes Schluchzen in sich aufsteigen und suchte sich krampfhaft zu beherrschen. Die Kerzen waren niedergebrannt und in dem großen Hause war es sehr still. Nur die Schritte der Wachtposten vor dem Straßenportale klopften eintönig in das Schweigen. Zischend verlöschte ein Licht um das andere. Endlich sagte Maria: „Höre, Alter, nicht dein Baum, du selbst hast mir eine große Freude bereitet. — Was kann ich dir dafür tun?"
Es dauerte ein wenig lange, bis Merkuri antwortete. In feinem Innern kämpften die widerstreb endsten Wünsche. Ein Päckchen feinen Tabaks schwebte ihm vor. Dann verstieg sich seine Verwegenheit sogar zu der unerreichbaren Kostbarkeit eines blanken Goldstückes, die Vorstellung eines warmen Winterrockes entriß ihm sogar einen Seufzer. Dazwischen aber flieg in seiner Vorstellung immer wieder das verweinte Gesicht der alten Oberstin auf, die nicht gewagt, ihm ein Erinnerungszeichen an die Tochter mitzugeben, und nur immer wieder gebeten hatte: „Bitt sie schön, Merkuri, vielleicht kommt sie doch, ich bin fo sehr allein!" Und mit diesem Bilde zusammen stiegen in Merkuris ehrlicher Seele tief versteckte heimliche (Erinnerungen auf: da war ein Schinken, der auf unerklärliche Weife aus der Speisekammer der Oberstin verschwunden war, — von den paar Hühnern nicht zu reden, die der Oberstin abgingen und — Merkuri gut gemundet hatten! Auch aus des verstorbenen Obersten Garderobe fehlte manches Stück.