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Ar. 205

Beilage zur Fuldaer Zeitung

nils

6. September

15. Sonntag nach Pfingsten.

Eingangslied Pf. 85, 1, 2—3.

Neige, Herr, dein Ohr zu mir und erhöre mich; errette deinen Knecht, mein Gott, er hofft auf dich. Erbarme dich meiner, Herr, ich rufe zu dir den ganzen Tag. (Pf. ebb. 4.) Erfreue die Seele bei» nes Knechtes; denn zu dir, o Herr, hab ich meine Seele erhoben.

Epistel: Gal. 5, 25—26; 6.. 1—10.

Brüder! Wenn wir im Geiste leben, laßt uns auch im Geiste wandeln. Wir wollen nicht nach eitler Ehre trachten, einander herausfordern, ein­ander beneiden. Brüder! Wenn ein Mensch in der Uebereilung eine Sünde begeht, so unterweist ihn als Männer des Geistes im Geiste der Sanft­mut. Hab acht auf dich selbst, damit nicht auch du versucht werdest. Einer trage des ande­ren Last, dann werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. Denn, wenn jemand sich einbildet, etwas zu fein, da er doch nichts ist, so betrügt er sich feßftt. Ein jeder prüfe sein eigenes Tun; dann mag er sich allein bei sich selbst rühmen, nicht vor einem anderen. Jeder hat seine eigene Last zu tragen. Wer in der Lehre Unterricht er- hAt, teile mit dem, der ihn unterrichtet, all sein Gut. Täuschet euch nicht: Gott läßt seiner nicht spotten. Was der Mensch sät, wird er auch ernten. Wer auf sein Fleisch sät, wird vom Fleische Ver­derben ernten. Wir wollen Gutes tun und nicht ermüden; zu seiner Zeit dann werden wir ernten,' wenn wir nicht nachlassen. Lasset uns also, da wir noch Zeit haben, allen Gutes tun, vorzüglich aber den Glaubens­genossen.

Evangelium: Der Jüngling von Kahn.

Mutter und Sohn.

Bekrachtung zum Sonnlagsevangelium.

Es muß wohl ein guter Sohn gewesen sein, von dem das heutige Evangelium erzählt, wahr­scheinlich der Ernährer seiner Mutter, die ja Witwe war. Solche Söhne gibt es gewiß auch heute noch. Meistens aber hört man Klagen über die Kinder, besonders von Müttern über ihre er­wachsenen Söhne. Die kümmerten sich nicht um die Eltern, von den Müttern ließen sie sich schon gar nichts mehr sagen, es sei ein rechtes Kreuz mit ihnen.

Und wenn man fragt, wie denn das komm«, so hört man meistens die gleichen Gründe: die Jugend sei eben verlottert heutzutage und habe keinen Re­spekt und nichts mehr. Und hinterher kommt ge­wöhnlich die Versicherung: „Früher, ja, da war alles viel besser."

Fragt man weiter nach den Ursachen dieser Er­scheinung, da hört man wiederum überall ziemlich dieselben Ansichten: Der Krieg, der Zeitgeist, der Sport, die Schule sollen Schuld sein an all diesen Dingen. Diese Klagen sind so allgemein, daß wir ruhig einmal versuchen dürfen, diesen Dingen auf den Grund zu sehen.

Denn die Hauptursache für all diese betrüblichen Erscheinungen werden gewöhnlich vergessen, und das sind bie Eltern selber. Es ist ja auch ' so leicht, die Schuld dieser ober jener Sache aufzu­bürden unb sich damit von der Verantwortung zu drücken. Denn das muß gesagt werden, auch wenn es nicht gern gehört wird: Die Schuld an den Fehlern der Kinder trifft in den meisten Fällen die Eltern. Sie und nur sie sind in erster Linie für die Erziehung der Kinder verantwortlich.

„Aber die Eltern sind doch die Stellvertreter Gottes, und das ist doch wohl Grund genug für die Kinder, gegen sie gehorsam und unterwürfig zu sein."

Freilich, die Eltern sind die Stellvertreter Got­tes. Das ist eine hohe Würde. Aber jeder Würde muß man sich erst wert erweisen. Stellvertreter Gottes sein ist sogar etwas Heiliges, aber wieviele Eltern sind sich der Heiligkeit ihrer Würde auch wirklich bewußt?

Jedes rechte Kind denkt an seinen Vater, wenn es von Gott Vater sprechen hört. Der ist ihm die

Franz Herwig.

Von Heinrich Bachmann.

Vor einigen Tagen starb in Weimar Franz Her- w i g, der bekannte katholische Romanschriftsteller, der Verfasser von „St. Sebastian vom Wedding" und „Die Eingeengten"; sein Tod, der auf eine Herzschwäche zu­rückzuführen ist, erfolgte überraschend, obgleich Herwig schon längere Zeit kränkelte und ans Lager gebunden war.

Voriges Jahr, am 20. Märzt, hat das kath. Deutsch­land erst seinen 50. Geburtstag gefeiert. Damals glaubte man ihn auf dem Höhepunkt seines Schaffens. Und wer ihn persönlich gekannt hat, wußte, daß er selbst immer lächelnd versicherte, daß all seine Arbeiten erst Anfänge und Ausgangspunkte feien. Um so überraschender, um so härter trifft uns jetzt die Nachricht von seinem Tode. Aber wenn man heute die Reihe seiner Werke durchgeht von 1904, dem Drama „Herzog Heinrich" bis 1930, dem Ketteler-Roman „Der große Bischof" (Bon­ner Buchgeminde), so liegt dazwischen die stattliche An­zahl von mehr als 30 Büchern, von Romanen, Novel­len, Erzählungen und Volksspielen. Seine Essays gar nicht mitgerechnet! Und daß er uns als Kunstkritiker etwas Eigenes zu sagen hatte, beweist seine Schrift „D i e Zukunft des katholischen Elements in der deutschen Literatur" (Herder, Freiburg 1929), die seinerzeit wegweisend geworden ist für den Kampf und den Durchbruch des neuen kathoilschen Schrifttums in unserer Zeit.

So gern sich Herweg in eine Kampfgemeinschaft stellte, wenn es galt, etwas durchzufechten, so sehr war er im übrigen Einzelgänger. Das brachte schon seine Herkunft aus der typischen Diaspora des Elbgebietes mit sich. Er selbst ist in Magdeburg geboren, der Stadt, die nur noch in ihrem Dom Zeugnis ablegt von ihrer großen Vergangenheit aus katholischer Zeit. Herweg fühlte sich immer als Niederdeutscher und erzählte am liebsten von seinen Besuchen bei Onkel Andrees auf einem Dorf in der

lebendige Verkörperung des unsichtbaren Vaters im Himmel, so wie ihm die Mutter die Verkör­perung der unendlichen Liebe ist. Wenn aber der leibliche Vater, die leibliche Mutter sich ihrer hei­ligen Elternwürde nicht bewußt sind?

Wo bie echte Elternwürde wohnt, da hat Rohes und Häßliches keinen Platz. Da empfinden die Kinder diese heilige Elternwürbe wie eine stille Macht, die ihre Seelen unwiderstehlich zwingt und lenkt ohne viel Worte und ohne besondere Er­ziehung. Die christliche SBürbe der Eltern, die sich vor Gott ihrer Verantwortung bewußt ist, das ist bie beste aller Erziehungsmächte. Daß sie in ihrer Tiefe auf eine innerliche unb wahrhafte Religio­sität gegründet ist unb fein muß, braucht nicht be­sonders gesagt zu werden. Ebenso nicht, daß diese Elternwürde gebunden ist weder an Stand noch an Reichtum. Sie kann überall zu Hause sein, wo lebendige Menschenseelen zu wahrem Christentum erwacht sind.

Ein Dichter erzählt, wie eine Mutter ihren Sohn erzog: „Im ganzen lief ihre Erziehungskunft da­rauf hinaus, daß sie das Söhnchen ohne Empfind­samkeit merken ließ, wie sehr sie es liebte. Dadurch erweckte sie sein Bedürfnis, ihr immer zu gefallen. Ohne dessen freie Bewegung zu hindern, hatte sie den Kleinen viel um sich, sodaß er ihre Art annahm und bald von selbst nichts tat, was nicht im Sinne der Mutter lag.

Die Salzburger Hochfchulwochen

was die NakionalfoziaNflen über sie zu sagen wissen.

In Salzburg fanden im August katholische Hochschulwochen statt, die einen ganz außerordent­lichen Erfolg hatten. Die namhaftesten katholi­schen Hochschulprofessoren und Theologen wie Pa­ter Przywara S. I., Pater Soiron O. F. M., Dr. Ildefons Herwegen, Professor Guardini, Geheim­rat Finke-Freiburg, Geheimrat Beyerle-München, Professor Wunderte hielten die Vorlesungen. Ne­ster sie lesen wir im „Völkischen Beobachter" Nr. 226 folgendes Blech:

„Kleinigkeiten . , «

Salzburger Hochschulwochen. In Salzburg finden augenblicklich sogenannte.Hochschulwochen" statt. Ver­anstalter ist die katholische Kirche. Trotz des wissen­schaftlich außerordentlich hochstehenden Niveaus, das durch die erstklassige Besetzung der Dozentenstellen ge­

währleistet ist, müssen wir den Versuch dieser Art einer „Hochschule" entschieden ablehnen. Der einseitig­katholische Charakter widerspricht unbedingt dem Geiste der „u n i o e r s i t a s", und gerade die breitesten aka­demischen Kreise wenden sich gegen eine derartige Ein­schränkung der von der deutschen Hochschule unbedingt geforderten freien, allumfassenden Lehre."

Es hieße Eulen schockweise nach Athen tragen, wollte man sich der Mühe unterziehen, diesen Un­sinn ernsthaft zu wiberlegen. Eine Frage aller» bings: Üeber was soll man sich mehr wundern? , lieber die grenzenlose Dummheit unb kindische Un­berührtheit von aller wissenschaftlichen Problema­tik, ober gar über bie völlige Verkennung von Sinn und Wesen des Begriffs einer „universitas fiterarum"? „Trotz des wissenschaftlich außer­ordentlich hochstehenden Niveaus" unb der „erst­klassigen Besetzung ber Dozentenstellen" glaube hier das nationalsozialistische Hauptorgan die „Salzburger Hochfchulwochen", deren Veranstal­terin „bie katholische Kirche (!) ist," entschieden ab­lehnen zu müssen. Kein Huhn wird sich um die­sen dummdreisten Protest kümmern und erst recht nicht jene „breitesten akademischen Kreise", von denen hier phantasiert wird. Die Romseinblich- feit der Nationalsozialisten läßt sie die Görres- gesellschaft, den Katholischen Akademikerverband und die Salzburger katholische Fakultät (denn diese veranstalten die Hochschulwochen) schon gleich als „die katholische Kirche" sehen, und zwar als jenes, im Rosenbergschen Sinne verruchte Institut, das die Lehrfreiheit knebelt und eine finstere Me­dizinmannphilosophie doziert. Wenn man aller­dings — wie es Rosenberg in seinem „Mythus" tut — den Papst als Medizinmann und bie katho­lische Lehre als Medizimnannphilosophie bezeich­net, bann ist es von selbst begreiflich, daß man wissenschaftliche Veranstaltungen wie diese Hoch­schulwochen eben ganz als dem Sinne ber „uni­versitas literarum" widersprechend an sehen muß. Jebenfalls kann uns auch an diesem Beispiel deut­lich werden, wie hn „Dritten Reich" bas Problem der Hochschulen unb auch bie Vertretung positiv- christlicher Wissenschaftsbelange gelöst werden. Adolf, Adolf, mir graut vor dir unb deiner „uni­versitas literarum"! Die Salzburger Hochschul­wochen eine Beeinträchtigung der Lehrfreiheit? Der Nationalsozialismus als Vertreter der reiften« sckaftlichen Lehrfreiheit! Selbst Wotan muß es bei einem solchen Blödsinn in seinem Barte gru­seln!

Alex Emmerich-Marburg.

Die chrisll.Zamilie imAufbau der neuenZeil

Von P. Dr. Marianus V e 11 e r, O. P., Warburg.

Wir veröffentlichen heute einen Teil der Rede des Dominikanerpaters Vetter auf dem Nürn­berger Katholikentag, bie nach Inhalt und Form einen ber geistigen Höhepunkte barstellte. Dr. Vetter ist gewiß manchem Leser unserer Zeitung bekannt, da er der Festredner des diesjährigen Thüringischen Katholikentages in Eisenach war.

Die Rettung der Familie mar schon vor zwei Jahren das Gesamt-Thema eines Deutschen Katho­likentages 1929 zu Freiburg i. Pr. Er bleibt eine machtvolle Kundgebung katholischen Geistes, hin­gesetzt in eine haltlos-flüssige Welt, deren Auflö­sungsprozeß bereits in ber Keimzelle ber mensch­lichen Gesellschaft offenbart wird, in ber Familie. Eine klare Erkenntnis hat er scharf unb fest ein­gehämmert ins Bewußtsein ber Zeit:

Die Rettung der Welt fängt an bei der Rettung der Familie. In dieser Frage ist inzwischen etwas Neues geschehen in ber Welt.

Die höchste kirchliche Aukoriköl hat gesprochen.

In der Enzyklika Casti connubii hat 6er Hl. Vater die christliche Ehe und Familie ge­genüber den Zeitirrtümern verteidigt unb ihre Heiligkeit unb Würbe fest unb entschieden betont. Wie ein Fels ist dieses päpstliche Wort hineinge­setzt in die brandende Flut der Zeit. Wohl selten

hat die gesamte Menschheit so einmütig aufgehorcht auf die Worte des Hl. Vaters. Ein Zeichen, daß der Organismus der Menschheit an einer entzün­denden Stelle an gerührt war. Zuweilen wollte es selbst den Gutwilligen scheinen, als habe der Hl. Vater etwas Himmelhohes vor die Menschheit hin­gesetzt, das hinweggeht über alle Wirrnis und Qual des Einzelschicksals unb über die Zeit, — ein Ideal, das über allem konkreten Erbenleben an den Him­mel geheftet erscheint wie ein Fixstern, der aus kalter Ferne niemand wärmen unb beleben kann. — Wer sich aber gläubig-verstehend in die Enzy­klika vertieft, der spürt in ihr Wärme und Leben und aufbauende Kraft. Sie empfinden diese Stimme des Stellvertreters Christi wie ein Weck­ruf, wie ein Aufrütteln aus einem Schlaf, den die Betäubungsmittel einer aufgeklärten Epoche selbst auf die Augen traditionell-katholischer Ehe­leute senkten, und sie gestehen: „Wer könnte sich erkühnen, zu behaupten, dieses Idealbild der christ­lichen Ehe in allen Punkten gelebt zu haben?" Aber gerade dieses aufgerufene Bekenntnis, das sich durchaus nicht auf die führende katholische Geistesschicht beschränkt, bekräftigt den Wesenskern der Enzyklika:

Diese christliche Ehe und Familie ist eine traft- geladene Wirklichkeit: lebensfähig aus ihren eige-

Magdeburger Börde. Von daher fließt in sein Leben ein Doppeltes: Seine Verwurzelung in der niederdeutschen Geschichte, besonders der sächsischen Kaiser, und seine Achtung vor der Geschichte Preußens. Vielleicht gibt ihm das den angeblichen Zug ins „Protestantische", den ihm die Katholiken aus dem Südraum des Reiches nach­sagen, weil sie diese völlig unbarocke und gradlinige Dich­tergestalt schwerlich restlos verstehen können. Gerade diese seine Herkunft aber hat ihm seine Liebe zum Heldenhaf­ten und zur männlichen Einzelgestalt geschenkt, seinen „Jan von Werth", seinen „Widuk ind", über­haupt alle die Heroen aus seiner „H e l d e n l e g e n d e" (Herder, Freiburg), mit denen er sich in den Herzen der Jugend ein Denkmal gesetzt hat, seinen Roman um Otto III. im „Wunder der Welt", und nicht zuletzt sein Bischof-Ketteler-Buch; ebenso aber auch seine Aus­einandersetzung mit Polen in den „Letzten Zielinskis", dem „Schlachtfeld" und dem „Begräbnis des Hasses", end­lich sein Hohenzollern-Roman „Das märkische Herz":

Hier liegt auch der Ausgangspunkt seines Weges in das Stoffgebiet, das ihm fein überragendes Ansehen in der Literatur der Gegenwart geschaffen hat: D a s B e r- lin von heute. Als junger Mensch schon hat er die Reichshauptstadt in ihrer Entwicklung aus den Grün­derjahren in die Jetztzeit beobachtet und erlebt. Er hat die ungeheure Welle der sozialen Not heraufkommen sehen und hat, ein hundertprozentiger Katholik unserer Epoche, die Aufgabe gefühlt, die hier, ganz neuartig, des religiösen Menschen harrt. Seine Freundschaft zu Dr. Sonnenschein hat ihn darin bestärkt. Unb so schrieb er 1921 seinen „St. Sebastian vom Wedding" (Kösel u. Pustet), den ersten Versuch, eine Heiligengestalt der großstädtischen Gegenwart zu schaffen. Diese Legende traf mitten in die Sehnsucht der jungen Generation, mit­ten in die aufbrechende katholische Literaturbewegung der Nachkriegszeit. Sie ist auch der Ausgangspunkt von Herwigs drei weiteren Berlin-Romanen geworden, den „Eingeengten" (1926), der Fortsetzung „Hoffnung auf Licht" (1928) und dem Roman „Fluchtversuche" (alle drei Kösel und Pustet), die alle, zum Teil sogar mit densel­

ben Menschen und Menschengruppen, sein Thema von der religiösen Bewältigung und Durchdringung der groß­städtischen Not fortsetzen und lösen. Nichtvergessen sei daneben der kleine Berlin-Roman „Willi siegt" (Bonner Buchgemeinde), der Geschichte eines kriippelhaften Jun­gen, der sich aus eigener Tapferkeit seinen Platz im Le­ben erobert.

Wenn man — wie man sagt — Herwig frug, was er noch Neues schreiben wolle, so ging er mit einer Hand- bewegung über alles hinweg, was hinter ihm lag, und versicherte, daß feine großen Arbeiten noch bevorstünden. Aber jeder, der weiß, wie hart dieser Mann mit dem jungen Gesicht und den weißen Haaren für feine Fa­milie, für seine Frau und seine drei unversorgten Kin­der, in dem kleinen Weimar, in das er sich in den letzten Jahren zurückgezogen hatte, um feine Existenz rang, wie er neben seiner wichtigen Lektorenarbeit und seiner an­gesehenen Kritikertätigkeit für den Köstlichen Verlag und für das „Hochland" immer wieder versuchen mußte, einen Broterwerb zu finden, der versteht die stumme Tragik dieses Lebens. Gesprochen hat er nie darüber. Das lag seiner Natur ganz und gar nicht. Selbst seine besten Freunde und Bekannten hat er mit feiner humorigen, niederdeutsch-schelmischen Art darüber hinweggetäuscht. Auch sein Versuch mit einer belletristischen, hochwertigen Familienzeitschrift, „Der bunte Garten", uns Katholiken ein Blatt zu schenken, das gleichzeitig hochwertig und volkstümlich war, ist bald wieder gescheitert aus der Not der Zeit. Ebenso ist sein hochachtbarer Versuch, im glei­chen Verlag eine wohlfeile „Hausschatzbücherei" zu grün­den, bestimmt nicht an feinem guten Willen und feinen Sammelfähigkeiten wieder eingegangen.

Herwigs Lebensweg ist an der inneren Linie feines Werkes wiederzuerkennen. Er führt ihn heraus aus der wirtschaftlich-gesicherten, geistig aber umso fragwürdige­ren Vorkriegszeit mitten durch den Krieg und den Zu­sammenbruch unb Aufbruch in bie jetzige Notzeit unseres Volkes. Djese Zeit hat ihm unb bamit uns deutschen Ka­tholiken bas große Gebiet der sozial en Nöte er­

neu oifalcn Energien, lebenskräftig inmitten einer zerfuülten Kultur.

So wenig die Kirche Christi jemals aussterben wird, so wenig wird die christliche Familie jemals aussterben.

Selbst wenn de rBolschereismus noch die ganze Erde umwühlt. Die Kirche wirÄs überstehen, so wahr Christus in ihr lebendig ist. Und die christliche Familie wirds überstehen, so wahr Christus sie zum Sakrament und Heiligtum seiner Kirche gemacht hat. Dadurch hat Christus die Keimzelle der Welterneuerung gemacht. Das ist in ganz besonderem Maße ihre heutige Aufgabe rote es ihre Aufgabe am Anfang des Christentums war. So enthüllt sich der tiefe Sinn der Enzyklika der Hl. Vater:

Mitten in den Wehen eines Kulturuntergangs und einer Zeitenwende schützt er im Namen des Welterlöfers die Keimzelle einer neuen Menschheit und einer netten Weltordnung.

I.

Aus dieser Erkenntnis erhebt sich die Frage: Wodurch dient die christliche Familie dem Auf­bau de, neuen Welt?

Die Frage nach dem Aufbau der neuen Welt ist in erster Linie die Frage nach den letzten Grundlinien der Weltordnung. Wenn diese letzten Grundlinien mißachtet werden, entsteht aus allem Aufbauroillen immer nur ein Turmbau von Babel, der mit Zusammenbruch und Verwirrung endet. Die Weltgeschichte bezeugt das zur Genüge. Di« Welttatastrophe des großen Krieges und der laufenden Revolutionen ist Zeugnis genug, daß eine ganze Zeitepoche sich im glorreichen Aufbau wähnen konnte und im Schlußeffekt zum hilflosen Zusammenbruch fa/n — gerade aus den Folgen ihrer.eigenen Aufbaukräfte. Wir brauchen nur die laufende Rechnung unseres einseitig wirtschafts- technischen Zeitalters zu betrachten, um zu erken­nen, daß eine versteckte Sinnlosigkeit des ganzen Systems nunmehr offenkundig aufgebrochen ist.

Das ökonomische Endergebnis im Weltdurch» J schnitt ist wirtschaftselend und Arbeitslosig- 3 keit, und die seelische Lage im Menschheit-- 1 querschnitt ist sittliche Verwilderung und teil- ] giöse Stumpfheit. Der Gesamtzustand ist die- ] ser: die Menschheit glaubte sich technisch in der ] Lage, die Erde in ein Paradies zu verwart- s dein, und ist auf dem besten Dege, eine kam- ] plette Hölle daraus zu machen. — Dabei fpü- 1 ren wir in allem und jeglichen Elend: da \ hilft teilt Flickwerk der Besserung, da muß die ! wesentliche Ordnung gestört fein.

Daß die allgemeine Zerfallserscheinungen mit er- schreckender Deutlichkeit bis in Ehe und Fa­milie hinein greifen, bezeugt nicht nur, daß die Familieickrisis ein Teil der Gesanttkrisis ist, — es bezeugt vor allem auch das eine:

die Verwirrung der wesentlichen Ordnung ist bis in die Keimzelle der Mmsckcheit vorge­drungen.

Jeder zielsichere Aufbauwille muß bei der Frage nach dieser wesentlichen Ordnung einsetzen.

Man sollte meinen, unser technisches Zeitalter hätte ein Empfinden bafür, wo diese wesentliche Ordnung zu suchen ist — daß diese reesent - liche Ordnung schlechthin gegeben ist, einfach gesetzt ist und daß sie von Menschen nicht roillkürlich erfunden oder verborgen, sondern nur aufgefunden und richtig angewendet werden kann. Auch das Reich der menschlichen Lebensbetätigung hat seine Grundgesetze, die keine Menschenroillkür biegen und mißachten darf, ohne daß es zu Kata­strophen führt. Die menschliche Intelligenz und Freiheit besteht eben darin, daß sie mit eigener Geisteskraft die g o t t g e s e tz t e Ordnung auf­greifen und zur Basis des eigenen Handelns schlossen unb hat uns mit ihm in bie Aufgabe gestellt, dieser Not aus ber Kraft unseres Glaubens Herr zu wer­ben. Seine Kunst ist geschult, auch ihrem Sti lund ihrer Eigenart nach, an dieser Epoche, kommt vom Naturalis­mus her, vertieft sich in den Jahren des Expressionismus unb läuft aus in ber Front jener Epiker, bie bas Geschick unseres Volkes mitgestalten unb mitbeftimmen mitten in den Gegebenheiten unserer Tage. Herwig ist einer ber wenigen, bie biefen Weg trotz aller Wanblungen sicher unb ohne Beirrung gegangen finb. Er ist gewachsen im Katholizismus. Aber auch genährt unb gesättigt von jenem beutschen Bürgertum, bas sich nicht mit dem an- gefeinbeten Wort „Bourgeoisie" übersetzen läßt; bas viel­mehr weih um seinen Existenzkampf unb um seine Sen- düng im Staat unb Gesellschaft, unb bas sein Rückgrat empfängt aus einer gefunben Religiösitöt unb einem starken, vergangenheitssicheren Volksbewuhtsein.

Weimar ist bie Statte, von ber aus bie Klassik aus diesem Bürgertum unferm Volk bie geistige Nation schen­ken wollte. Aber Weimar hat Herwig nicht ablenken kön­nen von ben Aufgaben unb Realitäten ber Gegenwart. Franz Liszt, ber hier in ben Schoß ber Mutter Kirche zurückgekehrt ist, lag ihm wahrscheinlich näher als Goethe.

Aber immer roieber trieb es Herwieg auf einige Tage nach Berlin, seiner Wahlheimat. Zuletzt hat er im ver­gangenen Winter in ber Katholischen Volkshochschule aus seinen Werken gelesen; leiber vor fast leeren Bänken. Wer Herwig kennt, weiß, daß ihm so etwas sehr nahe ging. Immer wieder suchte er bie lebendige Verbinbung zu Jugenb unb Volk. Doch er wußte, baß bem Schrift­steller nur ber Weg über bas Werk geschenkt ist. Noch die letzten Monate unb Wochen hat er angesetzt zur Ge­staltung neuer unb größerer Arbeiten. Die Aerzte muß- ten ihm bas Schreiben verbieten.

Nun hat ihm ber Tob endgültig die Feder aus 6ef Hand genommen. Möge bas Volk, vor allem bas katho­lische Volk, bem seine herbe männliche Liebe unverbrüch­lich gegolten hat, ihm über bas Grab hinaus danken und seine Bücher nicht nur lesen, sondern verwirklichen, damit aus uns Eingeengten einmal Aefreite werden.