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165 Milliarden Mark

Das wären allein für die

Milliarden Mark Milliarden Mark Milliarden Mark

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Deutschland Oesterreich-Ungarn Frankreich England

hat Hu-

* Der Mord an dem polnischen Abgeordneten Holowko. Aus Warschau wird gemeldet: Im Laufe der Untersuchung über die Ermordung des Abge­ordneten Holowko sind jetzt die Hausangestellle und der Torwart der Pension, in der Holowko er­mordet wurde, wegen des Verdachts, verdun­kelnde Aussagen abgegeben zu haben, ver­haftet worden. Von den Mördern selbst scheint aber bisher noch jede Spur zu fehlen.

Wo ist der Aauttlus?

Seine Funkverbindung mehr mit dem Polar-U-Boot.

Wie die Funkstation Bergen mitteilt.

wtb. Oslo, 3. Sptbr. (Eig. Meld.) Nach einer Zeitungsmeldung aus Longy Eartown auf Spitz­bergen will die Schiffsleitung des norwegischen Kohlendampfers „Jngertre", der dort geftern ein­gelaufen ist, am 1. September nachts um 21.50 Uhr Signale aufgefangen haben, die sie nicht zu entziffern vermochte, von denen sie aber annimmt, daß sie von dem Unterseeboot „Nautilus" stam­men. Die Oeffentlichkeit in Norwegen ist über das Schicksal der „Nautilus" st a r k beunruhigt. Die drahtlose Station auf Ber­gen hatte bisher noch keinerlei Nachrichten emp­fangen.

Sechs norwegische Radiostationen, darunter die auf Spitzbergen, Ian Meyen und auf der Bären­insel haben den Auftrag, mit dem Unterseeboot Verbindung zu suchen. Die „Nautilus" ist in der Lage, 96 Stunden unter Wasser zu bleiben. Der norwegische Gelehrte Hel­land Hansen, der Professor der Ozeanographie und Sachverständiger für Radioübermittlung für Un- terfecbootesdienste ist, hat sich dahin geäußert, daß bisher noch kein besonderer Grund zur Beunruhigung über das Schick­sal der „Nautilus" vorliege.

Was hak der Weltkrieg gekostet?

Insgesamt 1680 Milliarden Mark.

Ein Amerikaner, 2r. Lewis L. Lorwin vom Wirtfchaftsinstitut der Brookings Institution in Washington, hat dem internationalen sozialökono­mischen Kongreß in Amsterdam eine Statistik über die Kosten des Weltkrieges vorgelegt. Danach betragen die sämtlichen Kosten des Weltkrieges und die durch ihn verursachten Schäden die un­geheuerliche Summe von 400 Milliarden Dol­lars — 1680 Milliarden Mark. Bisher war die nachstehende Statistik der Kriegskosten (ohne die Schäden) bekanntgeworden:

sie seit dem Morgen des 30. August mit Sir bert W i l k i n s' Unterseeboot „Nautilus" keine Funkverbindung bekommen können, obwohl sie ir. jgjjgr Nacht das Rufzeichen gab. Man hat in Ber­gen auch Vorkehrungen zum Abhören bei Tage gegebener Meldungen des „Nautilus" getroffen: aber sämtliche bisherigen Meldungen sind bei Nacht gegeben worden. Der Leiter der Funk­station Bergen erklärt, daß man vielleicht deshalb keine Nachricht vom „Nautilus" erhalte, weil die Funkvorrichtung des U-Bootes unter Wasser nicht dieselbe Leistungs- fähigkeit habe wie an der Oberfläche.

Das Arkelk im Prozetz Waulin.

3e zwei Jahre Gefängnis für Illoulin, Albassini und Masst.

Im Prozeß gegen den belgischen Professor Mo ul in und Genossen wurden am Mittwoch von dem faschistischen Sondergericht zum Schutze des Staates in Rom Mou- lin, Albassini und Maffi zu je zwei Jahren Gefängnis verurteilt, Roggi und Fossati wegen Mangels an Beweisen freigesprochen. Moulin wird nach Verbüßung der Strafe aus Italien ausgewiesen werden.

Der italienische Verteidiger, Prof. Gregoracci, forderte in seiner meisterhaften Verteidigungsrede den Freispruch seines Klienten Moulin, der nicht gewußt habe, was er tat, der alles andere sei als ein ernsthafter Poli­tiker und der in Zukunft dem Fascismus nicht mehr schaden könne. Nachdem die Rechtsanwälte gesprochen hatten, zog sich das Gericht zu etwa einstündiger Bera­tung zurück. Die Angeklagten wurden ebenfalls aus dem Saale geführt, nachdem man ihnen vorher Handschellen angelegt habe. Als um 1.20 Uhr die Angeklagten und das Gericht in den Saal zurückgekehrt waren, verkündete der Präsident Crispini das oben mitgeteilte Urteil. Nach Verbüßung seiner Gefängnisstrafe wird Moulin aus Ita­lien ausgewiesen. Bei den übrigen beiden Angeklagten wurde auf Freispruch erkannt.

vier Hauptkriegfüh- renden (ohne Rußland, Italien und die Vereinig­ten Staaten) 524 Milliarden Mark.

Achtung, Typhusbazillenträger!

Ahnungslose Menschen als Seuchenherde. — Der Tod beim Hochzeit«- mahl. — Gefahren, die im Verborgenen lauern.

Von G. W. Hammer- Jersey City.

Es ist eine leider nicht genügend bekannte Tat­sache, daß unter uns Menschen leben, die als Trä­ger von Typhusbazillen eine ständige Gefahr für ihre Umgebung, ja für alle mit ihnen in Berüh­rung kommenden Leute bilden. Es handelt sich hier entweder um Genesende, die noch jahrelang später Bazillen ausscheiden, oder um unempfäng­liche Infizierte, die selbst niemals erkranken. Als Bazillenträger beider Art kommen hauptsächlich ältere Frauen in Frage.

In verschiedenen Ländern schreiben gesundheits­polizeiliche Bestimmungen eine Ueberwachung der Bazillenträger vor und machen letzteren beson­dere Vorsichtsmaßregeln zur Pflicht. Aber sämt­liche Vorschriften, mögen sie den Bazillenträgern die Berührung aller für andere Menschen bestimm­ten Speisen verbieten oder von ihnen verlangen, daß sie ihre Wäsche desinfizieren lassen, bevor sie diese zum Waschen geben, sind von geringer Wir­kung. Denn die größte Gefahr droht gerade von denjenigen Leuten, die keine Ahnung davon ha­ben, daß sie Bazillenträger sind, von denjenigen also, auf welche die Gesundheitspolizei kein wach­sames Auge haben kann.

Ein kennzeichnender Fall trug sich kürzlich im New Docker Stadtteil Bronx zu. 27 Personen, di« dort an einer Hochzeitsfeier teilgenommen hatten, erkrankten schwer an Typhus, und drei von ihnen starben, darunter die Braut, Charlotte Wilmot. Die Gesundsheitspolizei befaßte sich sofort mit dem bedrohlichen Fall und stellte folgendes fest: We­nige Stunden vor der Trauung war eine alle Freundin der Familie Wilmot, ein siebzigjähriges Fräulein, bei der Brautmutter erschienen und hatte ihre Hilfe angeboten. Mit Dank übertrug ihr Frau Wilmot die Aufgabe, eine Schüssel Fleischsalat herzurichten und zu garnieren. Au­ßerdem sollte sie belegte Brötchen machen. Die alte Dame war herzlich froh, daß sie sich nützlich machen konnte und führte den Auftrag zur größ­ten Zufriedenheit aus*. Frau Wilmot prüfte selbst den Fleischsalat und sagte anerkennend: „So gut wird ihn meine Tochter kaum wieder vorgesetzt be­kommen."

Bald darauf setzte sich die Hochzeitsgesellschast zu Tisch, rund hundert Menschen. Das Brautpaar, das noch rasch eine Alifnahme von sich hatte ma­chen lassen, traf zuletzt ein, und die Mutter konnte Charlotte Wilmot zuflüstern, sie möchte zur An­erkennung der Bemühungen der alten Freundin beim Fleischsalat besonders herzhaft zulangen. Der Bräutigam folgte dem Beispiel und trank ausgie­big Punsch. Bald darauf wurde die Tafel auf­gehoben, und die aus verschiedenen Orten der Staaten New Port, Connecticut und Rhode Is­land stammenden Gäste machten sich auf dm Heimweg.

Acht Tage später erkrankte die Braut an Ty­phus. Sie starb als erste. Ihre Schwester und

eine Verwandte folgten ihr. Den Bräutigam ret­tete zweifellos der bei der Hochzeitstafel getrun­kene Alkohol. Bei vierundzwanzig anderen Teil­nehmern an der Hochzeit verlief die Krankhest — wenn sie auch schwer war — nicht tödlich.

Die Gesundheitspolizei unterwarf das Hilfs- bereite alte Fräulein sofort einer Untersuchung und stellte einwandfrei fest, daß sie es hier mit einer der gefährlichsten Dazillenträgerinnen zu tun hatte. Die würdige Dame war über die Ent­deckung verzweifelt. Sie hatte nie etwas davon gehört, daß allein in der Stadt New Port 257 Personen als Tzhusbazillenträger unter ständiger gesundheitspolizeilicher Ueberwachung stehen, nie an die Möglichkeit einer derartigen Krankheits­übertragung gedacht. Und nun trug sie die Schuld am Tode dreier, ihr lieber Menschen!

Dieser traurige Fall erinnert an das unheil­volle Wirken einer anderen Bazillenträgerin, der heute 82 Jahre alten Köchin Mary Mallon, ge­nannt Typhus-Mary, aus New Dort. Die große starke Frau ist niemals krank gewesen, hat aber Dutzenden von Menschen schwere Typhusanfälle gebracht. Mary Mallon hielt sich selbst für einen Pechvogel. Sie hatte die besten Zeugnisse, war niemals aus einer Stellung entlassen worden und lag doch immer wieder auf der Straße, well die Haushaltungen, in denen sie kochte, nach kurzer Zeit wegen Typhuserkrankungen von der Gesund­heitspolizei aufgelöst wurden. Die Frau glaubte, verhext zu sein, bis die Polizei auf sie aufmerk­sam wurde und sie als Bazkllenträgerin erkannte. Sie kam für drei Jahre zur Beobachtung in ein Krankenhaus und wurde allen möglichen Kuren unterworfen, doch die Bazillen blieben in chrem Körper. Schließlich entließ man sie, nachdem sie versprochen hatte, keine Stellung mehr anzuneh­men. Sie hielt aber ihr Wort nicht, und sämtliche Mitglieder des Haushaltes, in dem sie Arbeit fand, erkrankten. Die Tyvhus-Mary kam wieder ins Krankenhaus und steckte hier fünfundzwanzig Aerzte und Schwestern an Schließlich brachte man die Bazillenträgerin in einem Bakterienlaborato­rium unter, wo es auf ein paar Millionen Mikro­ben mehr nicht ankam.

Man weiß heute, daß zwei vom Hundert aller vom Typhus Befallenen zu Bazillenträgern wer­den, ohne selbst zu erkranken. Unter vier bekann­ten Bazillenträgern stehen einem Manne drei Frauen gegenüber. Damit ist aber noch lange nicht gesagt, daß Männer sich zum Bakterienherd weniger eignen als Frauen. Letztere haben nur weit eher Gelegenheit, als Köchinnen oder bei son­stiger Beschäftigung im Haushalt die Bazillen auf andere zu übertragen. Das Unheimliche an diesen unglücklichen Menschen ist die Tatsache, daß man in ihnen erst dann den Bazillenträger entdeckt, wenn sie schon andere angesteckt haben. Der ein­zig wirksame Schutz gegen die im Verborgenen

Brasilien stellt feine Auslandszahlungen ein.

Infolge der furchtbaren Wirtschaftskrise hat sich die brasilianische Regierung — als vierter südamerikanischer Staat — veranlaßt gesehen, ein Moratorium für alle ausländischen Verpflichtungen zu erlassen. Die Zu­kunft wird zeigen, ob damit die ausländischen Anleihen verloren sind öder nicht.

„Es ist fein Tropfen mehr drin, Senor".

lauernde Gefahr ist der, daß jede Hausfrau, jede Köchin sich peinlichste Sauberkeit zur Pflicht macht und, bevor sie an den Herd oder die Anrichte tritt, Hände und Fingernägel mit der Bürste bearbei­tet ___

* Die Meuterei in der chilenischen Marine. (Eig. Meld.) Die New Docker Blätter beschäftigen sich eingehend mit der Revolte der chilenischen Flotte. Einem Bericht der „Times" aus Santiago di Chile zufolge gehen die Forderungen der Ma- trofen erheblich über Lohnforderun. gen hinaus, denn in ihrem Programm ist von einer Aufteilung des Großgrund­besitzes und von einer Sonderbe steue­rn n g der hohen Einkommen die Rede«

Die Flutkatastrophe in China.

Auch Nanking von lleberfchwemmuag bedroht.

wtb. Nanking, 3. Sept. (Eig. Meld.) Die Stadt Nanking wird durch die Ueberfchwemmung des Jangtfe- fluffes stark bedroht. Taufende von Flüchtigen halten sich auf den berühmten Stadtmauern auf. Es sind bereits Maßnahmen ergriffen worden, um das Eindringen des Wassers in die Stadt zu verhindern.

* Kommunisten-Krawall vor dem Görlitzer Ge­richtsgefängnis. Mehrere Kommunisten, die im Frühjahr beim Landfriedensbruchprozetz Hoilack und Genossen zu längeren Ge­fängnisstrafen verurteilt worden waren, begaben sich Dienstag nachmittag zum Antritt ihrer Strafe nach dem Görlitzer Gerichtsgefängnis. Eine größere Schar Kommunisten begleitete die Derur-

MeSMplntte

nur

Tei. 2412 Funkhaus Leibold Mittelstr. 42

teilten, wobei sie Sympathiekundgebungen veran- ftaltete. Da sich die Menge, die vor dem Gerichts- gebäude Aufstellung genommen hatte, trotz der Aufforderung der Polizei nicht entfernte und der Arbeiter Blume, der sich ebenfalls zum Straf­antritt eingefunden hatte, einen Polizeibeamten tätlich angriff, trieb die Polizei die Ruhestörer mit dem Gummiknüppel auseinander. Ein Polizeikommissar erlitt Kratzwunden. Drei Per­sonen wurden festgenommen.

Gemeine Tat.

Eine 70 Jahre alte Ladenbesitzerin von 4 Bursche« ausgeplündert.

= Eisenach. Am Mittwoch vormittag gegen 7.30 Uhr wurde die siebzigjährige Ehefrau Koch in dem Ortsteil Rotenhof in ihrem Zigarren- und Zigaret­tenladen von vier jungen Leuten, die Masken tru­gen, überfallen, verletzt und gefesselt in den Keller geschleppt. Die Gauner durchsuchten jeden Winkel der Wohnung und sanden einen Geldbetrag von 70—80 Mk. Ferner hießen sie eine goldene Damen­uhr und eine beträchtliche Menge Rauchwaren, Zigarren und Zigaretten mitgehen. Die Täter, die alle im Alter von 20—22 Jahren standen, sind leider unerkannt entkommen.

Tagungen.

i= 1. Internationaler Kongreß für Iahnheilkunde. Im... großen Saal der Musikakademie in Budapest wurde am Mittwoch der 1. Internationale Kongreß für Zahn­heilkunde eröffnet. Der Präsident des Vereins ungari­scher Zahnärzte, Dr. Joseph Sturm, begrüßte die Ver­treter der Universitäten und der wissenschaftlichen Körper­schaften. Professor Dr. Heinrich Salomon wies auf die große Bedeutung des Einflusses der Erkennungen des Mundes und der Zähne auf die Übrigen Organe des Men­schen hin. Im Namen Deutschlands sprach Professor Dr. Moral von der Universität Rostock, der drei Ehren­doktordiplome seiner Hochschule für den ungarischen Pro­fessor Szabo und die Italiener Cavian aus Bologna und Perna aus Rom überbrachte.

Gotkesdlenstordnung.

Israelitischer Gottesdienst.

Samstag, den 5. Sept., Vorabends 6.35 Uhr, morgen« 7.30 Uhr, nachmittags 5.00 Uhr, Sabbatausgang 7.45 Uhr. Wochen-Gottesdienst: Morgens 5.30 Uhr, nachm. 6.15 Uhr.

Immer weiße Zähne äsä w Mitteilen, oag wir schon über 15 Jahre di« Zahnpaste Ehlorodont benutzen. Noch nie hat sie uns enttäuscht! Wir hatten immer weihe Zähne und einen angenehmen Geschmack im Ntunde, umsomehr, da wir schon längere Zett das CHIorodont» Mundwasser benutzen. Auch benutzt die ganze Familie nur Chlorodont-Zabnbürsten." gez. C. Chudoba, Fr.....— Man

verlange nur die echte Chlorodont-Zahnpaste, Tube 54 Pf. und 90 Pf., und weise jeden Ersatz dafür zurück.

Das kalke Nesi.

Roman von Lisa Barthel-Winkler.

27] ---------

Hilde Heller aber dachte nicht daran, sich über das Kochbuch ihrer Tante zu setzen. Sie riegelte sich ein, ent­nahm ihrer Handtasche ein silbernes Döschen und ent­zündete sich eine Zigarette.

Sie setzte sich rittlings auf eine Sessellehne.

„Lächerlich!" dachte sie. „Sich hinausbeißen zu las­sen von dem alten Hausdrachen ... ich hätte an Hed­wigs Stelle fein mögen. . .

*

D Nooembersturm raste mit voller Kraft durch die Straß und heulte laut um die Ecken.

Hanns Herbert fror. Er dachte an Hedwig. Jeden Morgen und jeden Abend ging sie nun wie er durch die Straßen — zur Arbeit. Nichts hatte sie ihm verborgen, als er danach fragte. Jeden feiner Briefe beantwortete sie. Bitten, Beschwörungen, Vorwürfen, allem wußte sie Antwort; aber immer wieder das starre Nein — „nicht eher, als bis du dich entschieden hast" . . .

Immer wieder nagte der Gedanke an ihm: und wenn er tat, was sie begehrte? Wie stand er bann vor feiner Mutter? Er wußte, wie sie an ihm hing, wußte, wie sie einsam würde in ihrer großen Wohnung. Und wenn vielleicht die muntere Hilde bei ihr blieb? Ach nein, er wollte sich nichts in den Kopf setzen — auch Hilde hei­ratete einmal, und die Mutter würde immer älter und gebrechlicher. Dann war sie angewiesen auf das fremde Dienstmädchen oder eine Krankenschwester. Ohne Liebe, ohne Teilnahme.

Sollte das ihr Los fein, das Los tausender armer, einsamer Menschen? Hatte er nicht ihre Güte hundertfach empfangen? Sollte er ihr so lohnen?

Ein kaum zu bezwingender Zorn sprühte gegen Hed­wig in ihm auf. Wie wenig beugte sie sich der Pflicht, der Liebe! Um ihres harten Wesens willen mußte feine Mutter, mußte er leiden. Er liebte sie — ja, je länger er von ihr fern war, um so mehr verlangte er nach ihr.

Ost in seinen Träumen wuchs ihr Bild, wie sie früher war: voller Heiterkeit, strahlend in Frische und Freude.

Und nun? Nun saß sie wieder bei Schell u. Sohn an der Schreibmaschine — nicht als rechte Hand des Lesters wie früher; der Posten war schon besetzt gewesen; nur als kleine, schlechtbezahlte Schreiberin. Aus Mit­gefühl hatte man sie in ihrer bedrängten Lage ausge­nommen . . .

Bedrängt! '

Hanns Herbert lachte laut auf. Er hatte ihr Geld geschickt.

„Tu es nicht wieder, Hanns Herbert," schrieb sie und schickte ihm das Geld zurück. „Nach Deiner und Deiner Mutter Ansicht ist es ein Unrecht, daß ich meinen Weg gehe; so will ich ihn auch allein gehen, will es vor mir verantworten in allen meinen Taten. Was ich zum Le­ben brauche, verdiene ich mir. Bis ich mein erstes Ge­halt bekomme, hilft mir die gute, einfache Frau, bei der ich wohne — die mich aufnahm, als ich dicht am Rande war — die mir vielleicht das Leben gerettet hat. Denn, Hanns Herbert, es galt men Leben!"

Und dabei blieb sie.

Immer wieder hatte er sie besucht, ihr Geld geben wollen, bis sie vernünftig geworden sei . . . immer wie­der wies sie es zurück.

Da blieb er ihr fern.

Es war keine Lebensfreude mehr in ihm. Was nützte es, daß er strebte, daß er vorwärts kam mit feiner Ar­beit? Seine Pläne waren auf dem großen Siedlungs­rat gutgeheißen worden. Ueberall bewährten sich feine Gedanken. Im Frühjahr sollte mit dem Bau der Harz­siedlung begonnen werden. Er wußte, das brachte Geld, Ansehen, Stellung . . . aber was galt es ihm, da er nicht für Hedwig arbeitete? Erst jetzt fühlte er, was fifc ihm gewesen war . . . und manchmal erfaßte ihn eine unge­heure Angst, er könne sie für immer verlieren . . .

Mit solchem Grübeln kam er am Abend heim. Es war dunkel, der Wind heulte. Nahe feiner Wohnung trat er in einen Hausflur, um sich eine Zigarre anzustecken. Er betäubte sich in der letzten Zeit gern mit starkem Rau­chen.

Während er seine Streichhölzer hervorholte, trafen

sich zwei Männer vor dem Haus und begannen ein Ge­spräch. Brocken davon schlugen an sein Ohr, und er ließ das Hölzchen unangezündet zu Boden fallen.

Hatte er recht gehört? War das nicht fein Name ge­wesen?

Mit großen Augen lauschte er. Die Stimme schien ihm nicht unbekannt; vielleicht war es die eines Mieters aus dem Hinterhaus seiner Mutter.

„Nein", sagte jetzt der andere, „ich hab' heute noch keine Zeitung gelesen."

„Na, in der Zeitung steht's auch nicht!" lachte der erste. „Ist nur ’ne ganz hübsche und lehrreiche Ge­schichte, wie die Großen dicktun und doch auch nichts da­hinter ist. Die Schwiegertochter unserer Frau Wirtin, die die Nase nicht hoch genug tragen kann, ist doch vor einiger Zeit ausgerückt — wer weiß, warum. Bei der Alten möchte ich auch nicht versauern! Na, heut' treff' ich sie auf der Straße —"

„Die Alte?"

„Nee, die Junge. — Ich staune — armselig, schmal, mit einem dünnen Mäntelchen und —"

Die Stimme sank zum Flüsterton herab.

„Ja, ja," hörte Hanns Herbert dann wieder, „hat Pech, die gute Graetz! Wer weiß, wo die Frau Schwie- gertochter das Gör aufgelesen hat!"

„Vielleicht hat er sie deshalb fortgejagt und —"

Die Stimmen verloren sich im Dunkel.

Hanns Herbert taumelte gegen die Wand. Das Herz schlug ihm so stark, daß er zu ersticken glaubte. Er biß die Zähne auseinander, um nicht aufzuschreien; seine Nä­gel gruben sich in die Handflächen.

Dieses Lumpengesindel! . . . Seine Hedwig, feine Hedwig!

Die Knie wankten unter ihm. Hinaus — ihnen nach — sie niederschlagen —

Aber er war wie gelähmt. Er röchelte, so schwer ging sein Atem.

Hedwig, seine Hedwig!

Er preßte die heiße Stirn an die kalte Wand des Hausflurs.

Nicht einen Augenblick war ihm der Gedanke wieder­gekommen, den damals feine Mutter in ihm geweckt und den dieser Mensch mit so frechem Hohn ausgesprochen:

Hedwig untreu. Nur an ihre Lieblichkeit, ihre Reinheit, ihr unsagbar süßes und keusches Lächeln dachte er.

Zu ihr! begehrte feine Sehnsucht auf.

Drei Wochen hatte er sie nicht gesehen. Und hatte nichts mehr gewußt. Und dieser fremde Mensch sah, wußte, was ihm verborgen geblieben war. So wenig kannte er die geliebte Frau, die fein Kind trug . . .

O Gott, war es auch Wahrheit ? War es nicht nur ekelhafter, erniedrigender Klatsch?

Hanns Herbert stülpte seinen Hut wieder auf und eilte hinaus in den regennassen Abend.

Er mußte wissen — wissen . . .

Frau Speck war nicht zu Hause.

Es klingelte; Hedwig horchte auf. Es mochte Sota Spillerich fein ober irgendeine Nachbarin mit einem An­liegen. Frau Speck war die Gutmütigkeit selber, und alles kam mit feinem Beschwer zu ihr.

So stand Hedwig von ihrem Buche auf und öffnete.

„Hanns Herbert!"

Sie schrak zurück und griff nach dem Herzen. Ein Schwindel faßte sie.

Rasch trat er über die Schwelle, drückte die Tür hin­ter sich zu und umfing sie. Er bettete ihren Kopf an feine Brust und hielt sie fest in feinen Armen.

„Hedwig!!" flüsterte er zärtlich.

Ganz still lag sie. Der Schreck hatte sie fast gelähmt und raubte ihr die Entschossenheit. Sie ließ sich halten, ließ sich küssen, ließ sich streicheln. Eine wohlige Müdig­keit bemächtigte sich ihrer.

„Hedwig, meine Hedwig!"

Den Arm um sie gelegt, führte er sie langsam, Schritt für Schritt, in ihr Zimmer, ließ sie sanft in ihren alten Korbsessel gleiten, kniete vor ihr nieder und schmiegte seinen Kopf in ihre Hände. Ein Blick hatte ihn erken­nen lassen, der Fremde auf der Straße hatte recht gesehen . .. Hedwig war Mutter, Mutter feines Kindes . . .

Lange lag fein Mund auf ihren Händen. All diese Tage der Einsamkeit, des Entbehrens zogen an ihm vor­über. Mußte nun nicht ein Ende kommen für die Qual? Mußten nun vor dem Neuen, dem Heiligen, dem Kind nicht die Schranken der Herzen fallen? Nun würde sie einsehen, umkehren und das Kind heimtragen in die Ge­borgenheit, tn das sichere Nest . .,