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Freitag, 4. September 1931.

Mr,. 58.

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Ericheini lechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: »Die Welt irtl im Bild' und „Buchenblätter'. Rotationsdruck und Bering JIV« der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernrufe: Schrift»

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FuldaerZerlung

Anzeiger für die Stadt Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.

Das Begräbnis der Zoll-Anion.

Oie Anion zwischen Deutschland und Oesterreich mutz ausgegeben werden. — Es wird eine allgemeine europäische Anion erstrebt. Erklärungen in Gens.

wtb. Genf, 3. Sept. (Eig. Meld.). Gleich zu Beginn der öffentlichen Sitzung des Euxopaaus- fchüffes ergriff der österreichische

Außenminister Dr. Schober

das Wort zu einer Rede, in der er auch auf die in dem Bericht der Sachverständigen berührte Frage der Zoll-Union zu sprechen kam. Er führte aus, daß die von den Sachverständigen geltend gemach­ten Gründe sich mit denjenigen begegnen, die die deutsche und die ö st e r r e i ch i s ch e Regierung im Frühjahr dieses Jahres zu dem bekannten Pro­jekt einer Zollunion veranlaßt haben. Es fei, so fuhr Dr. Schober fort, von allem Anfang an klar gewesen, daß dieser Entwurf nur Aussicht auf Er­folg haben konnte,

wenn auch andere Staaken sich bereit finden wür­den, daran leilzunehmen.

Mit Rücksicht auf die seither eingetretenen Um­stände habe sich die österreichische Regierung mit der deutschen Regierung über die einzunehmende Haltung

verständigt.

Es habe sich ergeben, daß aus der Durchführung des Projektes Schwierigkeiten für die vertrauens­volle Zusammenarbeit der europäischen Staaten entstehen könnten.

Wir stehen setzt hier in der europäischen Stu­dienkommission vor Plänen von allgemeinerem Charakter. wir wollen an der Verwirklichung die- ser Pläne aktiv mit allen Kräften mitarbeiten. 3ti Erwartung eines fruchtbaren Ergebnisses der Ar­beiten der europäischen Studienkommission hat die deutsche Regierung im Einvernehmen mit der öskerreichischen Regierung nicht die Absichk, das ursprünglich ins Auge gefaßte Projekt weiter zu verfolgen.

Dr. Schober schloß mit der Anregung, daß ein Unter-Ausschuß mit dem Auftrage eingesetzt werde, die wesentlichen Momente einer Zollunion in ei­nem Statut zusammenzusassen. Die Rede Dr. Schobers wurde von der Versammlung m t t großer Aufmerksamkeit ausgenommen.

Der deutsche Reichsaußenminisker Dr. Lurtius, der im weiteren Verlaufe der Sitzung das Wort ergriff, begann mit einem Hinweis auf die schwere Not, unter der jetzt so viele Länder leihen und von der vor allem Deutschland be­drückt werde. Er hoffe, daß darüber während der Genfer Tagung noch eingehend gesprochen werde. Vorläufig wolle er sich darauf beschränken, zu den konkreten Fragen zu sprechen, die den Gegenstand des Berichts des Koordinationskomitees bildeten. Dr. Curtius ging anschließend auf den Vorschlag des Präferenzsystems für Getreide ein und erklärte u. a., daß das System der Meist­begünstigung für die europäische und für die Weltwirtschaft die Grundlage des Güteraustau­sches bleiben müßte. Zu dem Berichte des Komi­tees der wirtschaftlichen Sachverständigen über­gehend erklärte der Minister, daß die Deutsche Re­gierung der Verwirklichung dieses Berichts, der in der Wirtschaftsgeschichte Europas einmal als Ausgangspunkt einer neuen Entwicklung gelten könne, jede Unterstützung leihen werde Der Bericht sehe eigentlich als he i l i g st e s Mit­tel, für eine durchgreifende Besserung der euro­päischen Wirtschaft die wirtschaftliche An­näherung, den wirtschaftlichen Zusammen­schluß an Der Wirtschaftsausschuß habe nicht ge­zögert, auszufprechen, daß er als Endziel dieser Entwicklung den Abschluß von Zollunionen ins Auge fasse. In diesem Jahre habe der Ge­danke der absoluten Notwendigkeit des engeren wirtschaftlichen Zusammenschlusses der europäi­schen Länder fo große Fortschritte ge­macht, daß ein solcher Bericht entstehen konnte. Er hoffe, daß die jetzige Welle stark genug fein werde, auch die Regierungen über alle Hemmungen hin­weg dem aufgezeichneten Ziele entgegenzutragen.

Zu der Frage des deutsch-österreichi­schen Zollunionsprojekts führte Dr. Eurtius dann aus: Die Empfehlungen des Wirt­schaftsausschusses berühren sich mit dem Gedanken, aus denen vor einigen Monaten der Ihnen allen bekannte Plan der deutschen und der österreichi­schen Regierung entstanden ist.

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cnb. Genf, 3. September. (Eig. Meld.) Der Vorsitzende des soeben zu Ende gehenden 7. Na­tionalitätenkongresses, Abgeordneter Dr. Wilf an, und die Mitglieder des Kongreßaus­schusses wurden gestern abend von dem derzeitigen Präsidenten des Völkerbundsrats, dem spanischen Außenminister Lerroux, empfangen, um ihm die Entschließungen des Kongresses sowie dessen Ver­öffentlichung über die Lage der europäischen Min­derheiten zu überreichen. Dr. Wilfan wies bei dieser Gelegenheit auf die schwere Lage der Natio­nalitäten in vielen Staaten hin, ferner auf das unbefriedigende Schicksal der meisten Petitionen sowie auf die Behinderung einer glücklichen Ent­wickelung der Continental-Europäischen Politik in­folge der Ungelöstheit des Nationalitätenproblems.

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In Gens sind aus Paris Mitteilungen einge­gangen, wonach die französische Regierung sich ein­verstanden erklärt hat, daß der Berliner Be­such von Laval und Briand am Wochen­ende des 26. und 27. September unternommen

werden wird. Francois-Poncet wird, wie man hört, nach dem 15. September nach Berlin fahren, um seinen dortigen Botschafterposten zu überneh­men, so daß er in seiner neuen Eigenschaft an dem deutsch-französischen Chequers teilnehmen wird. Außer den allgemeinen politischen Gesprächen, die ber 'dieser Gelegenheit geführt werden sollen, wird man auch konkrete wirtschaftliche Pro­bleme behandeln, und man erhofft gerade nach dieser Richtung hin positive Ergebnisse.

Guatemala scheidet aus dem Bölkerbundsrat aus.

wtb. Genf, 3. September. (Eig. Meld.) Die Völkerbundsversammlung wird auf ihrer bevor­stehenden Tagung außer den drei turnusmäßig ausscheidenden nichtständigen Ratsmitgliedern auch Guatemala, das im letzten Jahre in den Rat gewählt worden ist, zu ersetzen haben, da dieser Staat — eine neue Erscheinung in der Geschichte des Völkerbunds — auf seinen Ratssitz zu ver­zichten gedenkt. Als Gründe sind angegeben, daß der Vertreter Guatemalas, Gesandter Matos, aus persönlichen Gründen in seine Heimat zurückkehrt und seine Regierung aus finanziellen Rück­sichten sich nichtinderLage sieht, einen Nach­folger zu benennen. Wie verlautet, werden die süd­amerikanischen Staaten Venezuela als Nachfolger Guatemalas im Völkerbundsrat Vorschlägen.

Am die Alotlen-Stürke.

Seim Foreign Office in London ist die Ab­schrift einer Note eingegangen, die Frankreich an Italien gerichtet hat und in der neue Vor­schläge als mögliche Grundlage für die Wiederer­öffnung von Verhandlungen über Flot- tenbeschränkungen gemacht werden.

Reuter berichtet aus Genf, die Tatsache, daß di« Initiative von französischer Seite erfolgte, scheine darauf hinzudeuten, daß Frankreich bereit ist, feine Haltung zu ändern, sei es mit Bezug auf die Art ober dem Zeitpunkt der Ersetzung feiner Tonnage.

»

Havas berschtet aus Washington, das Staatsdepartement fei eifrigst mit der Vorberei­tung der Abrifftungskonferenz beschäftigt. E s lehne jede Vertagung der Einberu­fung dieser Konferenz ab. Unterrichteten Kreisen zufolge habe die amerikanische Regiernug noch keinen bestimmten Plan ausgearbeitet, sie be­schränke sich vielmehr gegenwärtig darauf, die Lage der verschiedenen Mächte eingehend zu prüfen. Sie werde wahrscheinlich erst im letzten Augenblick ihre Stellungnahme festlegen, sedoch scheine es, obwohl diesbezügliche Erklärungen fehlen, offenkundig zu sein, daß Präsident Hoover beabsichtige, die Ab­rüstung als Vorspiel sowohl für die S ch ul d e n r e g elun g als auch für bie Sicherheitsorganisation zu kennzeich­nen.

Das Schulden-Problem.

Der Pariser Korrespondent der Morning Post nimmt zu einer Unterredung des amerikanischen Botschafters Edge mit Finanzminister Flandin und Ministerpräsident Laval Stellung. Er er­klärt, in gut unterrichteten Kreisen gelte es als wahrscheinlich, daß der. amerikanische Botschafter, wenn er auch keine endgültigen Vorschläge wegen einer Verminderung oder Anullierung der inter­nationalen Schulden gemacht habe, auf jeden Fall den französischen Standpunkt sondiert habe. Es läge aber noch keine endgültige Erklärung vor. Wenn auch Finanzminister Flandin neulich er- klärt habe, Frankreich werde niemals eine Ver­minderung der ungeschützten Reparationen zulassen, so stamme diese Aeußerung doch nur von einem einzelnen Minister und könne nicht als der ausdrückliche Standpunkt der ganzen Re­gierung angesehen werden.

Neue Betfaffung für Jugoslawien.

Aus Belgrad wird gemeldet:

Die Veröffentlichung des neuen Grundgesetzes durch den Krieg von Jugoslawien ist erfolgt. Das Gesetz bringt die Rückkehr zum parlamentarischen System. Die neue Verfassung bringt Gewis­se n s f r e i h e i t, Pressefreiheit und Unverletzlich­keit der Wohnung. Die Gesetzgebung besteht aus Abgeordnetenhaus und Senat. Die ordentliche Session der gesetzgebenden Körperschaften beginnt am 20. Oktober jeden Jahres. Das Abgeordneten­haus wird aufgrund des allgemeinen Wahlrechts gewählt. Die Hälfte der Senatsmitglieder wird aufgrund des allgemeinen Stimmrechts gewählt, während die andere Hälfte ernannt wird. D'e Lebensdauer des Abgeordnetenhauses beträgt vier Jahre, die des Senats sechs Jahre. Das Abge­ordnetenhaus erhält weitgehendes Recht zur Ue- berprüfung des Budgets und auf dem Gebiete der Interpellation und des Prüfverfahrens. Das Kö­nigreich wird in neue Banatgebiete eingeteilt. Die Banat-Räte werden aufgrund des allgemeinen Stimmrechts gewählt, während die Exekutive durch einen Rat ausgeübt wird, dessen Mitglieder vom Banus ernannt werden. Die Verfassung be­sagt, daß Jugoslawien ein verfassungsmäßiges Königreich unter der Dynastie Karageorgievic ist.

* Die Reichstagsfraktion der deutschen Sfaafs- Kitfei trat am Donnerstag vormittag unter Vorsitz es Abgeordneten Dr. Weber zur Beratung eini- ter akuter Fragen der Politik zusammen. Bei der Besprechung würden insbesondere auch die Fragen

der Hauszins st euer und der Bau- und Siedelungspolitik einer eingehenden Erörterung unterzogen.

* Das Urteil an dem wegen Hochverrats zum Tode verurteilten polnischenOberleutnant H u m n i ck i ist bereits vollstreckt worden. Der Prozeß gegen den Mitangeklagten, den pensionier­ten Hauptmann Rudnicki, wirb demnächst statt- finben.

Chinesisch-mexikanischer Konflikt

wtb. Nanking, 3. Sept. (Eig. Meld.) Außen­minister Wang gab heute eine Erklärung ab, die sich damit beschäftigte, daß Tausende von Chinesen gezwungen worden waren, Mexiko zu verlassen. Der chinesische Gesandte in Mexiko wurde angewiesen, in dieser Angelegenheit dringlichst beim Präsidenten der Republik Mexiko vorstellig zu werden. Dieser Schritt ist, wie es in der Erklärung heißt, vergeblich gewesen. Nun hat auf Bitten Chinas die Regie­rung der Vereinigten Staaten die Mittlerrolle übernommen. Man sagte: China wird auf_aHe Fälle die mexikanische Regierung für jeden Scha­den an Menschen und Güter, der der chinesischen Bevölkerung in Mexiko zugefügt wurde, verant­wortlich machen.

Die KPD. am Werke.

Wie die Pressestelle der Roten Gewerkschafts- opposition mitteilt, entwickelte der Reichstags­abgeordnete Dahlen- Berlin vor einer Ver­sammlung der Funktionäre der KPD. und RGO. Groß-Frankfurts gegenüber ber Tagung des Kon- greffes des Allgemeinen Deutschen Gewerkschafts- bundss ein Programm von Maßnahmen der kommunistischen Partei und der RGO. Eine für das ganze Reich vorgesehene Offensive der RGO. gegen die bevorstehenden Maßnahmen der Regie­rung soll in Frankfurt durch einen Generalappell eingeleitet werden.

Auch in Fulda wird ein Flugblatt verbrei­tet, das in kräftigster Sprache sich gegen die Wege der organisierten Arbeiterschaft richtet und die Moskauer Methode empfiehlt. Wir glauben nicht, daß die Fuldaer Arbeiter so tö­richt sind, den links- und rechtsradikalen Lockrufen zu folgen. Wenn einmal durch den Radikalismus die gewerkschaftlichen Organisationen der Arbeiter zerstört wären, würden den Arbeitern die Augen auf geh en. Sie hätten dann selbst der sozialen Reaktion die Hafen in die Küche getrieben.

Russisches Spiel. Spiel um Rußland.

Osklocarno ohne Rußland?

Von Wilhelm Stahn, z. Zt. Riga.

Die internationale Diplomatie in der lettlän- difchen Hauptstadt rast durcheinander wie ein auf» gescheuchter Bienenschwarm. Legitime Kuriere und illegitime Agenten, für welche die heimischen Gesandtschaften und Konsulate zu Unterschlupfen in diesem alleuropäischen Hauptquartier der Ruß­landbeobachtung geworden sind» kommen und ge­hen über die Grenze. Und in Moskau sorgen Litwinow und der in Berlin noch nicht vergessene einstige Botschafter Krestinski für regen Betrieb. In der deutschen Gesandtschaft geht man mit sehr ernsten, in der französischen mit triumphierenden Gesichtern umher. Die Sowjetleute lächeln. Wie immer. Sie haben ja stets etwas Brenzliches vor und schüren m diesen Krisenzeiten mit erfolgrei­chem Eifer die tausend Eisen, die sie ständig im Feuer haben. Die westeuropäischen Verwickelun­gen, die deutschen Schwierigkeiten, die Macht- erweiterungswünsche Frankreichs, aber auch der für dieses Land sich verschärfende Zwang zur Steigerung seiner Ausfuhr auf der Flucht vor den Peitschenhieben der selbst ihm ständig näher rüt« kenden Krise, die ungeheuren inneren Verlegen­heiten Nordamerikas, die englischen Katastrophen- zeichen in Politik und Wirtschaft bieten den Sow­jets ungezählte Möglichkeiten zur Anwendung ihrer alten Politik des Naschens von allen Tischen und allen Gerichten.

Insbesondere befriedigt Moskau feine unbe­grenzte Bestellungswut. Nach Deutschland- fielen in diesem Jahre schon Aufträge im Werte von nahezu 700 Millionen Mark. Deutsch-Oesterreich steht vor dem Vollzug eines staatlich gewährlei­steten Auftragsplanes im Werte von 60 Millio­nen Mark. England gab den Sowjets, förmlich überreizt durch das günstige Abschneiden Deutsch­lands einen 100-Millionen-Warenkredit in Ma­schinen, nachdem es schon andere Verträge ähn­licher Art in diesem Jahre abgeschlossen hat. Amerika bietet das tragikomische Schauspiel, in einem Augenblick den stellvertretenden Leiter der amerikanisch - russischen Handelsgesellschaft, der nicht anerkannten Handelsvertretung der Sowjets in den Vereinigten Staaten, zu verhaften, weil.er gesetzwidrig von einer Anzahl abgeschlossener Lie- ferungsnerträge zurückgetreten ist, während eine Reihe über Rußlanderfahrungen noch nicht ver­fügender Geschäftsleute den Verhafteten bestürmt, mit ihnen für Rußlandbestellungen zu entgegen­kommenden Kreditbedingungen in Verbindung zu treten. Japan fällt seiner eigenen Handelsflotte durch Ausführung von Schiffslieferungen für rus­sische Rechnung in den Rücken, und Frankreich rechnet auf ein Riesenlieferungsprogramm an Au­tomobilen für die Sowjets. Auch Italien geht nicht leer aus.

Russisches Spiel versteht die Welt mit unüber­troffener Geschicklichkeit für die Belieferung des ausgetrockneten, unbegrenzt aufnahmefähigen Marktes zu erwärmen und ringt dabei den In­dustriestaaten der Welt vor allem Industrieaus­rüstungen ab, nickt nur, um sich von ihnen un­abhängig zu machen, sondern um sein Rohstoff­dumping auch in Fertigwaren beginnen zu kön­nen. In den Wirtschaften außerhalb Rußlands rechnet man heute schon mit der sicheren Verwirk­lichung des Fünfjahresplastes, vielleicht nicht nach genauen fünf Jahren, aber doch recht bald. Man weiß daß dann auf russischem Boden eine aller- modernste und überaus leistungsfähige Industrie aufgewachsen sein wird. Man rechnet, man hofft, daß sie Jahrzehnte mit der Sättigung des russi­schen Marktes beschäftigt fein könnte. Weiß man aber schon überall, daß die aufsehenerregenden neuen Lehren Stalins über die alte „technische Bourgeoisintelligenz" und ihre Vertrauenswürdig­keit als Führer für die Jndustriealisierung Ruß­lands in erster Linie einem Heer von mindestens 6000 erlesenen und erfahrensten deutschen Tech­niker und Ingenieuren gilt, die am Dvngebiet, im Ural, um Moskau, in Sibirien sitzen und in­mitten Kerntrupps deuffcher Vorarbeiter einen tüchtigen russischen Industriearbeiterstamm hoch­züchten? Man weiß es nicht! Man muß schon in Riga sitzen, um sich ein Urteil bilden zu kön­nen über die Masse deutscher Intelligenz, aber auch zum Sowjetismus „bekehrter" alter russischer Intelligenz, die den Weg nach Rußland nimmt.

Die Wirtschaftskrise über Deutschland und die

von ihr erzwungenen Abbaumaßnahmen der deut­schen Industrie bringen manchen tüchtigen Mann auf die Straße. Dort wartet schon der Sowjet- agent mit einem fetten Vertrag und fängt seins Beute für Rußland. Gleich mit, einem Bündel deutscher Anschriften in den russischen Industrie­gebieten, bei denen sich der Erkorene nach dem Schicksal, das ihn in Rußland erwartet, erkundi­gen kann. Briese erreichen ihn, daß man da oder dort, in entlegensten Winkeln des gewaltigen Rei­ches der Sowjets, Industrien aufbauen hilft, gut untergebracht ist und sein Gehalt prompt erhält. Ein wesentlicher Test davon wird in jeder ge­wünschten Währung auf deutschen Banken zur freien Verfügung des Kontoinhabers an den Fäl­ligkeitsterminen hinterlegt. Die Russen wissen wohl, daß sie diesen wertvollen Kräften Vertrauen für sich einflößen müssen. Ohne sie würde man nie mit Qualitätsware zu wettbewerbsfähigen Preisen auf den Weltmarkt gelangen. Mit der in Deutschland brachliegenden nach Rußland expor­tierten Intelligenz aber gehts nicht nur sicher, son­dern auch rasch.

Während Rußland fein Spielt reibt und einen Trumpb nach dem anderen zieht, entwickelt sich gleichzeitig ein bemerkenswertes, ein vielleicht un­endlich viel bedeutenderes Spiel um Rußland, um die — ach so neckische — Sowjetseele. Die fran­zösische Diplomatie ist bei dem Bau ihres Netzes zur Einspinnung und Vereinzelung Deutschlands auch in diese g'efahrenschwangeren Gefilde Euro­pas vorgedrungen. Schon tanzen die Sowjets nach der französischen Rattenfängerpfeife. Warschauer Instrumente mischen sich ein. Es geht um Nicht­angriffspakte mit Polen und Frankreich. Die De­mentierspritzen in Paris, Warschau und Moskau geraten in Hochtätigkeit. Es muß also mit allen Mittel ein Unternehmen zuende geführt werden, dem höchste Bedeutung zukommt. Berlin spitzt nicht nur mehr die Ohren, sondern versucht Han- delnd einzugreifen. Frankreich bietet dem Reich ein Schach dem deutschen König im diplomatischen Spiel. Der russische Turm fällt aus den deutschen Figuren heraus. Oder ist er mehr, ist Rußland Springer oder gar Same. Nichtangriffspakt mit Polen und Frankreich? Das wäre ein Dftlocarno, eine Garantie der deutschen Ostgrenzen ohne Be­fragung Deutschlands, die Ausschaltung nahezu der letzten geringen Möglichkeiten für Deutschland, für die Schließung der Wunden >m Osten auch nur die bescheidenste Auslardshilfe mobilisieren zu ton­en. Wird Frankreich diesen hohen Spielgewinn einbringen?

Vielleicht lernt Deutschland zu spät erkennen» daß Rußland seine Westgrenzen nötigenfalls auch ein paar Jahrzehnte erträglich finden kann, wenn es im übrigen in der Vorbereitung feiner großen bolschewistischen Revanche nicht gestört wird. Viel­leicht macht aber auch Frankreicht die Erfahrung, daß fein diplomatisches Ratterüängerlied vor einer Katze gespielt wird, die selbst die Rattenjagd liebt. Auf jeden Fall hat Deutschland stärkste Ursache, auf der Hut sein.

Rusfifcher Dumpingsversuch in Aegypten?

OB. London. 3. Sepfbr. ((Eig. Bleib.) Der „Times"-Korrespondent in Kairo berichtet, die ägyptische Regierung habe in Erfahrung gebracht, daß die Sorojetregierung, die bereits den Jemen und das persische Küstengebiet mit bil­ligen Daren überschwemmt habe, eine inten- sive Campagne kommerzieller Durch­dringung Aegyptens vorbereite. Dem Premierminister sei nahe gelegt worden, einen Sonderzoll auf russische Daren zu legen. 3n bri­tischen Handelskreisen wird auf den Schaden hin- geroiefen, den Lancashire durch den Verkauf russi­scher Baumwollwaren erlitten habe. Die rus­sische Regierung erwarte aber in Aegypten für ihre Waren eine Vorzugsbehandtung. weil sie bisher 45 000 Ballen ägyptischer Baum- roollroaren angetauff habe, während der Ankauf von Lancashire bedeutend ge­sunken sei.