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irr. ISS

Beilage zur Fuldaer Zeitung

NILS

30. August

Das Gebet.

Gebet ist Balsam, Trost und Friede, In Gott ein froher Untergang, Es ist mit Gottes ew'gem Liede Tiefmnerster Zusammenklang.

Gebet ist Freiheit, die der Schranke Der Erdennacht die Seel' entreißt;

Dann steht kein Wort und kein Gedanke Mehr zwischen ihr und Gottes Geist.

N. Lenau.

Denkmäler in Weimar.

Zum Tode des Dichters Fran; Herwig.

Von Heinz Steguweit.

Es ist schon einige Jahre her, da trafen wir uns in Weimar, wo man ihn den letzten Dioskuren der Stadt nannte. Also konnte es mir, seinem Jünger und Gefolg- samen, nur ein Erlebnis sein, Weimar, das ich schon als Kind besuchte, unter seiner Führung noch einmal neu und mit demütiger Gründlichkeit kennen zu lernen. Denkmäler? Wir suchten sie nicht da, wo sie nur aus Stein, Marmor und Bronze waren. Wir suchten sie aus dem Wege zum Schloß Belvedere, zwischen den Hecken des Naturtheaters, am kühlen Geflüster der Ilm oder in den Wiesen des Bertuchschen Gartens. Dort stand einer auf weißem Sockel, nicht sonderlich eigen gemei­ßelt, aber er sollte es fein: Franz Liszt, der ewige Rhap­sode! „Sehen Sie", sagte Herwig, „da schlägt schon seit Jahren irgendein nihilistisches Scheusal dem Alten im­mer die Finger von der rechten Hand!"

Welch mystische Offenbarung. Futter für Anekdo- tenfchreiber und literarifche Spökenkieker. Zehnmal schon ließ die Stadt Weimar die Marmorhand Liszts erneu­ern. Zehnmal wurde sie wieder heimlich zur Nacht­zeit zertrümmert. Bon einem Fanatiker, den keiner fassen kann. Bis heute nicht.

Kam ein Fremder des Wegs, den Baedeker wie ein Butterbrot auf der Faust. Fragte uns: „Ist das der Goeche?" Ich wollte mich entsetzen, aber Herwig blieb kühler als das Denkmal vor ihm: „Goethe? Nein, das sind zwei. Drüben, am Nationaltheater!"

So lernte sch Herwigs Humor und erzählte die Schnurre noch oftmals weiter.

Ein altes, gebücktes Mütterchen kreuzte unfern Weg. Der große Franzl grüßte mit der Lüftermütze, die er alleweil an lauen Sommertagen trug. „Wissen Sie, wer das war? Die hagere Alte? Nun, das Schussel­chen. Ihnen unbekannt? Kerl, Liszts letzte Haushälte­rin! Ja, die hält sich wacker. Jeden Morgen stellt sie noch frische Blumen aus feinen Flügel. Auch ein Denk­mal, die Alte. Ein besseres, als dieser schlecht behauene Karrara!" —

Wir landeten vor einem schlichten, in vornehmen Flächen gegliederten Gartenhaus an der Belvedere- Allee. Eine Marmortafel über der Tür. Zur Erinne­rung an Franz Preller, den historischen Landschastler, der hier einmal wohnte, arbeitete und starb. Seine Odysseusfresken, die in keinem kunsthistorischen Lese­buch fehlen, prangen noch heute im Nationalmuseum. Herwig deutete mit dem Stock zur Tafel: „Aber den kennen Sie doch?" Ich nickte. Und wir gingen in die­ses Haus, das Franz Herwigs Haus geworden war. Ich spintisierte, den Dichter betrachtend, in mich hinein: Schriebst Du nicht die deutsche Heldenlegende? Die nämlich gestalteten Miniaturen über den Wän­de rzug der Germanen? lieber Widukind, Barba- du nicht selber Denkmäler? Auch solche der Nächsten­liebe? Solche von der heutigen Not? Den Sebastian im Wedding? Die Eingeengten?

Abends saßen wir beim Wein. Johannlsfunken im Garten, der Mond wie ein krummer Türkensäbel im Gerank der Laube. Welches Familiengefühl! Deutsch und christlich. Zwei blühende Töchter, eine sorgliche Frau und Mutter, ein blonder, ins Leben wachsender Junge! —

Eben kommt die Nachricht von Herwigs Tod. „Nach langem, schwerem Leiden". Ich weiß nicht, was seinen Leib zerstörte. Weiß nur. daß seine Seele ewig un­ruhig, also die eines echten Kämpfers war. Weiß nur, daß ich einen großen Freund, einen gütigen Wegbe­reiter vexlor.

Um ihn, den Schöpfer der Deutschen Heldenlegende — denn diese wird bleiben! —, darf Deutschland trau­ern. Weil er selber ein Held war, ermeßlich wohl nur für den, der über seine schriftlichen Bekenntnisse hinaus auch von seiner Seele wußte.

Weimar, das Friede H. Kroze einmal Franz Her­wigs Ithaka nannte, mag chm eine Tafel in der Bel­vedere-Allee gönnen. Ja, er war der letzte ID io stur im Revier des Bertuchschen Gartens.

plötzlich dasselbe Gefühl wie als Kind, wenn sie im Ge­witter aus dem wuchernden alten Garten nach Haufe lief, und durch das stumpfe Grün die niedrigen, braunen Mauern des Vaterhauses sah. Kleine, zögernde Tränen fprangen von ihrer hageren Backe über den Lederkragen und fingen sich am gezackten Kommissarsabzeichen. Ganz in Tränen gebadet war der fünfeckige, rote Stern.--

Im Verschlage stand Polkin vor dem Periskope. Er stand schon lange unbeweglich; das spitze, gelbliche Gesicht war fahl, die dürren Sippen hingen kraftlos von den schadhaften Zähnen. Der Kommissar Polkin sah aus wie ein gebeugter, alter Mann. Er schien mit angespannten Sinnen durch den Kopfhörer die leisen Laute von nebenan einzusaugen, wo die einzige Frau, die fein häß­liches und verunstaltetes Leben mit aller Gewalt der un­terdrückten Sinne und der wuchernden schlechten Triebe begehrte, durch verrohte Raserei zu fraulicher Stille ge­funden hatte. In Fedor Polkin, dem Sohne des erschos­senen alten Feldwebels, sehnte sich ein ganz unterdrück­tes, ganz fernes Verlangen, nicht mehr nach der aufrei­zend männlichen Frau —, der Kommissar Polkin ertappte sich bei dem Gedanken, daß es unendlich schön fein müsse, eine Maria so über sich meinen zu sehen!

Da zupfte ihn die Hand des Tataren am Rocke. Un­willig warf er einen Blick in den Apparat, auf den der Tatare zeigte. Da sah er, wie Maria lächelnd über den Verwundeten gebeugt faß, der — noch halb benommen — die Augen zu ihr aufgeschlagen hatte. Seife Worte schienen von ihr zu ihm zi.r Polkin nicht ver­

stehen konnte. So sehr er auch sein Gehör anftrengte — er hörte nichts! Aber in diese Stille hinein hämmerte fein Blut immer wieder jenes Wort, das Maria ausrief, bevor sie das Zeichen zum Schüsse gab, der sie selbst ne­ben dem Gefangenen niederwerfen sollte. Immer wieder klopfte es in ihm, wie auf taktfestem Uhrwerk: „Die Kommandantin ist tot . . . die Kommandantin ist tot!"

Ein rasender Schmerz durchzuckte ihn. Er lief von

der alten Säbelnarbe den Racken empor und bohrte sich wie ein spitzer Strahl in sein Gehirn. Mit zitternden Sippen sagte er es sich selbst: Maria gehörte nie zu mir. — Wenn die „Kommandantin" tot ist — besitze ich nicht« mehr von ihr!

Unwillkürlich fuhr seine Hand suchend über den Tisch, wo sonst der Revolver lag. Mit hämischem, rachelüster­nem Kichern reichte ihm der Tatar den Browning vom Boden. An den Kommissar wagte sich seine Feigheit nicht heran; aber der Mißgestaltete lebte in verzweifeltem Wunsche, wenigstens einmal einen dieser selbstherrlichen Weißen zu vernichten, deren Säften zu dienen und zu schmeicheln er gezogen war. Mit zitternder Behendigkeit schob er das kleine Stufenpodest an die Mauer, löste mit sachkundigem Griff das Sehrohr aus dem Mauerschlitz und gab dann Polkin den Weg frei. Sangfam, mit stei­fen Gliedern, stieg der Kommissar empor. Auf einen vorspringenden Mauerstein gestützt, hielt feine Hand den Revolver sicher gegen das Ziel. Eine ungeheure Beere war in Polkins Innerem; gleichzeitig peitschte ihn der Gedanke, daß er, Polkin, Maria nun ganz besitze. — Ihr ganzes Beben! Ihre neuerwachte Seele — er preßte die Zähne auseinander, daß sie knirschten — und ihre Siebe konnte er vernichten. War es nicht eine unendlich starke Vereinigung, das Beben dieser Frau auszulöschen im Augenblicke, wo sie zu neuem Sein erwachte — vor einem anderen Manne auf den Knieen?

Das Korn des Revolvers tanzte vor feinem urnflor- ♦»n Blick.

Unter ihm zischte es: „Schieß, Kommissar, schieß. Du bist der Herr in diesem Haus!!"

Polkin kam es nicht zum Bewußtsein, daß es der ver­ächtliche Tatar war, den er selbst heute mißhandelt hatte, und der ihm jetzt die Entscheidung über das Beben Ma­rias zurief. — Ja, er war der Herr in diesem Hause, und dieses Haus war der Zerstörung, dem Tode geweiht! „Wenn ich auch nie der Herr war über deinen Leib —

Das Mädchen mit dem geflickten Rock.

Don Peter

Den Freunden Dörflerscher Erzählkunst wird die um drei wertvolle Geschichten erweiterte Neuauflage seines Buches „Am Eichentisch", die jetzt den Titel „Vaters Hände" führt, gewiß willkommen fein. Wir geben im folgenden mit Erlaubnis des Verlages Josef Kösel u. Frie­drich Pustet eine Probe aus dem erweiterten Band:

Der Bocksüßler, der große Hasser und Menschenang­ler, saß in einer verlassenen Kiesgrube, die voll Schutt und Auswurf war und nahe an einer Straße lag, die aus einer großen Stadt führte. Um ihn spielten junge Teufel wie Kätzchen um die ruhende Alte, schliffen ihre Zähne, wetzten ihre Krallen und schwefelten ihre Augen.

Es war ein lockender Sommernachmittag, ein wenig schwül und föhnig; aus einer Schenke klang eine sehn­süchtig-rührselige Musik und viel Volk strebte aus dem Tor ins Freie und auch vom Sande her in die Stadt. Aus einen Wink des Bockfüßlers hörten die Jungen zu spielen auf und beschauten sich das wandernde Volk. Bald zitterten sie vor Gier wie Jagdhunde, wenn sie Hasen sehen, und winselten und fletschten die Zähne. Der Bocksüßler zielte nach den Wandernden wie ein Scharfschütze nach der Scheibe, prüfte, wog und schoß schließlich bedachtsam feine Teuselchen auf die sich er» lustigenden Menschen ab, die er aufs Korn genommen hatte. Er wählte sorgfältig aus: Du kannst diesen Bummler da erbeuten . . . nein, du, Asbest, bist seiner

Dörfler.

sicherer . . . nein, nimm ihn du, Unholto, und dies Pärchen hier ist deine Sache, Helwicht"; und er zeigte jedem, wie er seine Beule am lähmendsten treffen könne und wo er ihre verwundbare Stelle fände: „Hier nimm das Gold", zischte er, „und du das Schnapsfläschchen, und du das Haßgift, und du — ha, das da. ha, das da . . ." So schloß er einen Versucher und Verführer nach dem anderen ab. Wie Pfeile flogen sie und drangen in Fleisch und Herz.

Zuletzt blieb ein Nesthäkchen übrig, ein recht herzlich dummer Teufel, der aussah, als hätte er wirklich sein Leben lang nichts anderes als Schutt und Mull ge­schluckt. Nur der glimmende Schwefel in seinem Auge zeigte, daß er doch mit echt teuflischer Bosheit gefüttert sei. Lange prüfte der Alte die Vorübergehenden.

„Nein, nein", brummte er von Zeit zu Zeit vor sich hin, „diese alle entrinnen dir, die lachen dich aus, denen bist du nicht gewachsen! Dir muß ich eine ganz leichte Arbeit geben."

Er grinste und kicherte und besann sich: „Weißt du. was das Leichteste für einen Teufel ist?" wisperte er auf einmal: „Das Leichteste ist flattieren (merke man sagt nie das schnurgerade Wort). Flattieren also! Das verfängt bei jeder Seele; wahrhaftig, es gibt nickt Mann, noch Weib, noch Kind, dem man nicht mit Schön­reden beikommen könnte. Du sollst also, weil du der dümmste deiner Brüder bist, mit Flattieren deinen Dienst beginnen. Aber ich muß dir etwas aussuchen.

das nicht einmal dir aus dem Netze schlüpfen kann." Er suchte und prüfte. Auf einmal stieß er den Kleinen an: „Aufgemerkt, sieh da dieses Bettelmädchen! D-e gehört dir, stürze dich auf sie, umgarne, umspinne, um­stricke sie!"

Aber das arme Teuselchen zögerte, und fein Gesicht ging vor Enttäuschung auseinander, als wollte es zer­fließen. Es grämelte weinerlich: „Wie sollte ich diesem Bettelmädchen schmeicheln, womit ihm zusetzen? Das Ding hat nichts, rein nichts, was der Rede wert wäre. Ich muß lachen, Lumpen um und um, und doch sind die Lumpen noch das Feinste und Beste an ihr. Die hat ja kaum Fleisch und Blut. Beine wie ein erfrorener Spatz, auf ihrem Gesicht hat man Erbsen gedroschen, und sie schaut mit ihren zwei Augen um und um, rings um den Baum, an dem sie steht. Einfach--schön

wie die Todsünd. Wie kann man einem so armseligen Tropf flattieren? Sollte man da nicht mit Verzweif­lung beginnen? Sie sieht so verzweifelt aus, und es wäre wohl leicht, sie mit Haß zu füttern."

„Was versiehst du von Künsten, die einen Meister brauchen", unterbrach ihn der Bocksüßler ungeduldig. Ich sage dir: Cmbildung liegt vor jedem auf der Straße, jeder kann davon aufklauben und jeder klaubt auf, sonst wäre mancher vor sich davongelaufen. Also los, schaff's!"

Der Kleine flog nicht wie ein Pfeil, sondern tappte, schlich trübselig und ohne Hoffnung die Augen am Bo­den, über den Weg. „Nein", schüttelte er den Kopf, „so leicht ist das nicht zu finden." Doch barg er sich eifrig und zäh lauernd im Schatten des Mädchens. Sie kamen an ein Haus, die Kleine bettelte und bekam nach lan­gem Seufzen ein vielfach geflicktes Röckchen, das aber einmal sehr vornehme Zeiten gesehen hatte. Die Schwe­stern warnten: „Du hast doch dein sauberes, noch gan­zes Röckchen von der Mutter her — das hier, würde sie sagen, ist für dich ein Narren kleid." Aber sie war in Trotz und Gier den blauen, schlichten Linnenrock von sich.

Und am anderen Tage kam sie in diesem grellen Röckchen auf die Straße. Wie sie so hinging, zwischen seidenen Frauen und lackstisfeligen Herren, uiD de­mütig wie ein Händlern an ihnen ausschaute, hörte sie auf einmal im Tone der Bewunderung ganz in ihrer Nähe sagen: „Der Rock des Bettelmädchens ist aber eigenartig, das hat schlechterdings Rasse! Das erste in dieser Stadt, was wirklich ist wie nirgendwo!"

Der schlaffe Schritt des Bettelmädchens wurde un­willkürlich zierlicher.

Gleich darauf vernahm sie wieder etwas Bewundern­des: „Ei, sieh da, häßlich, aber interessant, dieser Rock, dieses Muster von ausgesuchtem Geschmack!" und ein genießerisches Schmatzen folgte diesem Ausruf.

Als sie auf einer breiten Kirchentreppe faß und ihr Brot verzehrte, kam ein Maler daher, blieb stehen, zwinkerte mit den Augen drehte den Kopf auf die Seite und rief: „Donnerwetter!"

Dann riß er den Schlapphut von den schwarzen Locken, schwenkte ihn bis zum Staube nieder und bat gang ergebenft und ergriffen, ob er nicht den Rock malen dürste, diesen — Donnerwetter! diesen ganz un­erhörten Rock, seinesgleichen habe er weder zu Paris noch in Rom gesehen! Farben — eine Zusammenstel­lung, schlechterdings unerhört! Sie müsse gewiß eine heimliche Prinzessin fein, nein . . . was Prinzessin! Eine Prinzessin könne ja trotz aller Herkunft ein ganz banales Wesen fein. Sie aber sei gewiß mit Künstler­blut gesegnet, einen Geschmack, einfach — Donner­wetter!" Und schon malte er. Und Kollegen traten zu ihm und mochte alle „Donnerwetter!" und beneideten ihn um feine Entdeckung und um diesen fabelhaften Rock.

Das Mädchen saß da, als wäre es plötzlich aus Ar­mut und Verachtung zu einem Wunder der Stadt er­hoben. O dieser Rock!

Aber bald schenkte er auch ihr selbst von seiner Ei­genart, sie spannte ihre Ohren und vernahm, was die Maler unter sich sagten: „Der Rock ist ja noch gar nichts. Aber diese Augen — ungewöhnlich! Dieser Mund, dieses Haar — unerhört! Dagegen sind alle anderen Damen Alltagswelt."

„Das reizendste ist", fuhr ihr erster Freund fort, „sie weiß von nichts und auch der Durchschnitt von Men­

schen hat natürlich für diese eigenartige Schönheit kein Auge. Er findet sie sogar häßlich, eben weil sie so un­gewöhnlich und seltsam ist."

An diesem Abend schaute das Mädchen so lange in den Spiegel, bis ihr die Pockennarben wie Edelrost, die glotzenden Augen wie etwas Erhabenes, Dämonisches Dort amen. Und sie lieh es den Schwestern fühlen, daß sie etwas Besonderes sei. „Euch schafft die Natur zum Wegwerfen", höhnte sie mit einem Ausdruck, den sie den Künstlern abgelauscht hatte.

Am andern Tag wandelte sie in einem ganz neuen Schritt über die Straßen, und ihre glänzenden Augen lasen keck fordernd überall Bewunderung. Es war iyr sehr leid, daß sie nicht selber vor sich hergehen tonn’«, und so suchte sie doch wenigstens die großen Schau- fenfter auf, drehte, langsam oorbeigehend, den Kopf nach ihrem Spiegelbild, und ein fast grausamer Zug, Ver­achtung und Hochmut spielten um Mund und Augen. So müßte ein Götzenbild grinsen, könnte es lebendig werden und auf feine Verehrer niederblicken.

Endlich traf sie den Maler, und er sagte ihr, daß es Sünde für ein solches Mädchen wäre, zu betteln, Todsünde zu arbeiten. Er führte sie hin, wo sie Reich­tum und Glanz und Bacchanalien sah. Sie flatterte wild hinein wie ein Nachtschmetterling in die Flammen, zündete an und wurde angezündet, bis sie einmal nach einem Fest voll Trunkenheit und Raserei an Leib und Seele versehrt in jener Kiesgrube strandete. — — — Am Tore der Hölle saß der Bocksüßler und wartete auf seine Brut und ihre Beute. Einen Fürsten hatte die schönste Frau des Zeitalters verführt, einen Armge­borenen der funkelnde Titel Exzellenz, einen Heißblüti­gen die Süßigkeit der Rache an einem widerwärtigen Feind.

Auf einmal entstand ein Geschrei und Getümmel. Ein wüstes Mädchen, ein wahrer Höllenbraten, wurde her­eingewirbelt.

„Wie heißt ihre Todsünde", fragte höhnisch spuckend der Alte.

„Hoffart, Hoffart, deine Sünde, unsere Sünde, die Sünde der hohen Engel", brüllten sie vor Freude tanzend.

Er wandte sich fragend an die umstehende Brut: „Diese und Hoffart? Wer hat dies Kunststück fertig ge­bracht?"

Da schrien sie alle tobend und Feuer sprühend den Namen des dümmsten Teufels.

Indes der Meister ihnen das Mädchen übergab, .damit sie es an feinen Ort schafften, zog er den glückhaften Jäger zu sich heran.

„Also, wie hast du dies Kunststück fertig gebracht?" Der Wicht erzählte ihm einfältig und verlegen die Ge­schichte mit dem geflickten Rock.

„Siehst du", brummte der Alte behaglich, „die Ein­bildung liegt auf jeder Straße und immer noch tut es Wunder, das süße Flattieren!"

Daraus in die aufquellenden Flammen zuräcksprin- gend, höhnte er in sich hinein: , auch wenn es der dümmste Teufel praktiziert!"

Ein Toter in der Nachtschicht.

Skizze von Herbert Wiegand.

Kein Stern leuchtet am Himmel. Gespenstige Kalk­steinriesen ragen in die dunkle Nacht. Eintöniges Knat­tern klingt aus einer tiefen Steinschlucht und unterbricht die Stille. Von einer Kette gezogen, laufen dort unten mit Steinen gefüllte Wagen. Das abgehackte Lied der Kette verhöhnt das geisterhafte Dunkel, in dem die dumpf brütenden Nebelschwaden ein schauriges, stummes Spiel aufführen.

Da klingt es krachend durch die Nacht. Ein Wagen ist entgleist. Nach einiger Zeit treten zwei Gestalten in die Schlucht ein. Ihre Nagelschuhe kreischen auf dem stei­nigen Boden. Vor dem umgestürzten Kippwagen bleiben sie stehen und setzen die Brechstangen an. Sie beugen sich hinab, drücken ihre Schultern gegen die Stangen und erheben sich stöhnend. Die Räder springen ins Geleise zurück. „Pitler", sagt der eine, „geh mal auf die andere

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Volksbelustigungen alle® flel

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vom 30. Huguft bis 0. September

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Die Augen des unbekannten Soldaten.

9J Roman von Paul Edmund von Hahn.

Gop prigbt bti Knorr und Sirtb, G.m. b.L. München.

Da sprang Maria vor. Sie hob die geballten Fäuste und schrie: „Hinaus mit euch, ihr Pack!" Ihr Fuß stieß an den Reitstock. Mit wütendem Griffe riß sie ihn empor und stürzte auf die Soldatinnen zu. Diese duckten sich erschreckt, sie kannten ihre Kommandantin. Aengstlich wichen sie zurück. Als sich die schwere Kellertüre hinter ihnen geschlossen hatte, stand Maria noch einige Augen­blicke mit erhobener Peitsche. Dann senkte sich allmäh­lich ihr Arm, der Stock fiel klappernd auf die Stein­platten, langsam, ruckweise senkte Maria das Haupt. Und es geschah, daß die Kommandantin Maria Rukow mit­ten im Vernehmungsraume der Tscheka, wo sie so viele vom Leben zum Tode befördert hatte — es geschah, daß die Heldin der Barrikadenkämpfe aufschluchzte. Es war ein trockenes, wehes Ringen nach Tränen, die dem ab­gestumpften, verhärteten Gemüt nicht gegeben waren.

Mit kleinen, fast zaghaften Schritten näherte sich Ma­ria dem Liegenden. Sie zauderte noch über ihm stehend, dann ließ sie sich langsam neben ihm nieder und horchte. Vorsichtig glitten ihre Hände über den stillen Körper. Es war noch Leben in ihm! Hastig riß Maria den Riß des Einschusses auf. Die Kugel hatte seitlich das Fleisch und eine Rippe verletzt. Maria atmete auf. Mit behutsamen Händen hob sie den schweren Körper; wendete ihn, legte den Kopf Bergmanns, dessen Stirne über den schattig ge­schlossenen Augen eine große, breite Wunde vom Auf­schlagen auf den kantigen Steinplatten zeigte, auf ihre Knie/ Dann begann sie sachte den Waffenrock aufzu­knöpfen. Da stutzte sie. Ihre Hände waren vom Blute der Wunde befleckt; sie hielt sie vor sich hin. Ihr Gesicht verzog sich. Waren das Hände, die helfen konnten? Wa­

ren das nicht nur Werkzeuge der Vernichtung? Plötzlich stieg vor Maria die Erinnerung an das Institut auf. Sie sah sich in dem kriegsmäßig eingeschalteten Kranken­kurse — sie hob das Haupt. Sie hatte doch nicht nur Morden gelernt! Trotzig klang in ihr die Entgegnung auf die eigenen Gedanken auf: Bist du denn plötzlich eine Frau geworden? Maria ließ die Hände vom neuem auf den vor ihr liegenden Verwundeten fallen, sie sagte es halblaut vor sich hin:

„Auch Kameraden helfen einander. Dieser Mann ist ein Kamerad jenes anderen. Ich kann doch auch ihm kameradschaftlich helfen!" Unwillkürlich glitt ihre Hand über die geschlossenen Lider des Verwundeten, sie flü­sterte: „Die Augen, die Augen sind es!" Unter dem leichten Drucke öffnete Bergmann die Augen. Benom­men blickte er empor; er stöhnte. Dann klärte sich fein Blick, er sah erstaunt die über ihn gebeugte Frau und lächelte leise:

„Sie sind da? Sie sind . .

Maria beugte sich hastig über ihn. Ein jäher Schmerz durchzuckte die Wunde.

Bergmann verlor wieder die Besinnung. Im Hin- übergleiten des Bewußtseins stammelte er: „Sie hielt meine Hand . . ."

Maria erschauerte. Sie vergaß, daß es ein Verwun­deter war, der Blut verlor; sie dachte nicht mehr daran, wo und in welcher Rolle sie hier saß, unüberwindlich aus verschlossener, willkürlich verriegelter Tiefe drängte sich ein weiches, sachtes Gefühl empor. Ganz fest hielt Maria den Kopf Bergmanns in ihren blutigen Händen. Weh zuckte Bitterkeit um ihre entspannten Lippen. Sie hatte