Itr. 199
Fuldaer Zeitung (Amtliches Kreisblatt)
Sonntag, den 30. August 193L
Zum Auftakt des 70. Katholikentages.
Präsident Joseph Joos hält die Eröffnungsrede.
3m folgenden geben wir einen Auszug aus der Rede, mit der am Freitagabend der zum Präsidenten der Nürnberger Katholiken-Verfammlung gewählte Reichstags-Abgeordnete Joos die Tagung eröffnete:
Von alters her gehört es zum Amt des Präsidenten, die Reihe der Redner zu eröffnen. Er Hot die jeweilige Generalversammlung hineinzustellen in die Zeit und sie gewissermaßen geistig einzufügen in die leuchtende Kette ihrer Vorgängerinnen. 69 Generalversammlungen sind der uns- rigen ooraufgegangen. Wir feiern heute einen 7 0. Geburtstag.
Es hat seinen besonderen Sinn, daß wir ihn im Jubiläumsjahr der heiligen Elisabeth und gerade in Nürnberg feiern, in der Stadt, wo traumhafte Schönheit ferner Jahrhunderte uns grüßt, im alten Nürnberg, dem christlicher Glaube und deutsche Sinnesart das Gepräge geben, im Nürnberg der katholischen Diaspora, wo nach den Wettern der Glaubensspaltung katholisches Leben jahrhundertelang begraben lag in der Einsamkeit der Elisabethenkapelle.
Und nun erlebt Nürnberg seinen ersten Katholikentag im Zeichen der Volksnot und im Geiste der Heiligen, die dem ganzen deutschen Volke gehört. Die glücklichen Erben katholischer Ueberlieferung Alt-Bayerns, vom Main, vom Rhein, reichen den Siedlern im Frankenland Herz und Hand. Wo die Stimme und die Zuversicht derer nicht hinzureichen vermag, die einsam und verstreut, um Notkirchen geschart, ihrem Glauben leben, da wollen wir beides in vereinter Kraft verstärken — niemanden zum Leid, allen zum Nutzen.
Katholikentage sind immer Brennpunkt und Spiegelbild ihrer Zeit gewesen.
♦
Als ich mich in diesen Wochen in die alten, vergilbten Bericht« der ersten Generalversammlungen hinein vertiefte, da stiegen sie in lebendigen Bil- drn vor mir auf, die wechselvollen Schcksale vergangener Generationen. Lassen Sie mich einen Augenblick nur den Kopf zurückwenfen.
Es war imsturmbewegtenJahr184 8. Da haben sich begeisterte Männer, Katholiken aus allen Ländern in Mainz zusammengefunden, um katholisches Bewußtsein neu . zu beleben, Liebe zur Kirche zu wecken und die Katholiken aufzurufen zum gemeinsamen Handeln: Sie waren geistig noch ganz ergriffen und — Gott sei Dank — fern von jener papierenen Lebensanschauung, die nur Sachen kennt und keine Menschen. Ströme von Kraft gingen von ihren Zusammenkünften aus, und Gottes Segen lag auf ihrem Werk. So haben sie im Laufe der Jahrzehnte den Generalversammlungen der deutschen Katholiken ihr Gepräge gegeben und eine Ueberlieferung geschaffen, die andere, die nach ihnen kamen, herzhaft weitergeführt haben bis zum heutigen Tage.
Drei hervorragende Männer dieser ehrwürdigen Tradition haben wir im verflossenen Jahr verloren. Und weil Dankbarkeit unter uns noch Geltung haben soll, so möchte ich vor allem ein Wort ehrenden Gedenkens an dieser Stelle sprechen.
Am 8. Dezember starb Felix P o r s ch. Wer von den Kämpfen und den Erfolgen der deutschen Katholiken weiß, mußte ihn kennen. 1872 sah er in Breslau als Student seinen ersten Katholiken^ tag. Das war für ihn entscheidend. Von 1880 ab war er auf jeder Katholikenversammlung, zweimal als Präsident erwählt, fast regelmäßig als unerschrockener Redner für die Freiheit der Kirche, des Päpstlichen Stuhles, der Ordensgenossenschaften, der christlichen Schule. Als Präsident hat er 1892 rückblickend von Männern gesprochen, die im Laufe der Zeit an der Spitze der katholischen Bewegung gestanden, hinreißend durch ihre Beredtsamkeit, bewundert wegen ihrer Einsicht und Tatkraft, der Stolz und die Freude für das katholische Deutschland. Zu diesen gehörte er selber.
An seiner offenen Gruft stand ein Patriarch in schneeweißem Bart, Landesgkonomierat Herold und rief dem Freund den letzten Gruß zu. Um > die Jahreswende saß der 82jährige noch im Rar ! des Zentral-Komitees mitten unter uns, sein Haupt war müde auf die Brust gesenkt. Eine Woche später trugen wir ihn zu Grabe. Auch er war wie Porsch unzertrennlich mit den Generalversammlungen der deutschen Katholiken verbunden. Kaum eine, an der er nicht teilgenommen. In Breslau (1909) war er Präsident, und die ihn da gehört, berichten von der freudestrahlenden Schlußrede, in der dieser würdige Sohn der westfälischen Erde im Osten des Reiches die katholischen und deutschen Grundsätze feierte.
Und kaum hatte sich die Gruft über Herold geschlossen, da hauchte Dompropst Professor M a u s b a ch . der fürstliche Geist im Reiche der theologischen Wissenschaften, der gütige Mensch und glanzende Redner der Katholikentage seine große Seele aus. Na» Windthorst hat Mausbach die meisten Reden auf deutschen Katholikentagen gehalten. Und wir erinnern uns immer wieder der erstaunlichen Weite seiner Erkenntnis, der nie erlöschenden Leuchtkraft seiner Worte und des zwingenden sittlichen Ernstes seiner Reden. Noch in Münster im vorigen Jahre zeichnete er das Monumentalbild des heiligen Augustinus.
Die Namen dieser drei Männer bleiben mit ehernem Griffel eingegvaben in das Buch der Geschichte der deutschen Katholikentage. Ich darf hinzufügen: Sie haben ihren Platz in unserem Herzen, in unserem Gebet. Sie haben den guten Kampf gekämpft in ihrer Zeit. Sie erwarten nichts anderes von uns, als daß wir mit der selben Hingabe und Opfermut wie sie, wirken in der unserigen.
Diese Generalversammlung in Nürnberg sieht die Welt ringsum und insbesondere unser deutsches Volk in schwerer Bedräng- n i s. Wer Augen hat zu sehen, der weiß es. Nie hätten wir geglaubt, daß so viele Millionen fleißige Hände brach liegen und die grauen Schleier nagen
der Sorge sich so tief hinabsenken würden in die Straßen unserer Städte und Dörfer.
Einen Augenblick schien es, als ob der Druck dieser Tage uns selbst den Mut zu dieser Zusammenkunft nehmen sollte. Allein: die gewaltige Anteilnahme des katholischen Volkes weithin hat uns eine Antwort gegeben, an der keiner vorbeikommt. Es ist dieselbe, die uns Tausende von Industriearbeitern gegeben haben, als wir im Mai ds. Js. zu Wallfahrten in Westdeutschland ausriefen. Da waren sie gekommen, die Männer der Arbeit, mit schwieligen Händen und zerfurchten Gesichtern, Erwerbslose und von Erwerbslosigkeit Bedrohte, Väter und Söhne. Sie kamen in solch überraschender Zahl, daß sie alle Kleinmütigen beschämten. Dieses katholische Werkvolk hat es durch die Tat bewiesen, wie die Tausende hart ringender Frauen und Männer hier vor uns: Wo Leid und Schmerz, da offenbaren Gottesglaube und kirchliche Anhänglichkeit ihre erhebende und erlösende Kraft. Da lassen sie uns durch die armselige Hülle hindurch erschütternd den Menschen schauen, dessen Glaube noch größer ist, als alle Not.
Der Millionen von Unbekannten und Ungenannten in den Großstädten, Jndustrierevieren und in den Dörfern, die uns alltäglich durch ihre selbstverständliche Religösität und stille Opferkraft in Erstanuen setzen — die nicht unter uns fein können — wollen wir am heutigen Tage in treuer Dankbarkeit erinnern. Sie sind wie tröstende Sterne in den Dunkelheiten, die uns umgeben. Sie find die modernen Helden des Glau-
M
I
H
J WODDM **■ ' ÄÜ 71
Joseph Doos.
Bens. Sie sind auch wahre Helden vaterlän bischer Pflichterfüllung, denn in solchen Zeiten kommt es nichtaufHeldenpose an, sondern einzig auf bte schlichte Tat des Alltags.
Wie es unsere Väter unter dem Druck der gewaltigen Ereignisse ihrer Zeit in der ersten Generalversammlung getan, so wollen auch wir heute gleich zu Beginn unserer großen Tagung feierlich bekunden: Was jeder von uns in diesen beängstigenden Wochen und Monaten schmerzlich dulden und sehnsüchtig erwarten mag, das alles möge in den Tagen von Nürnberg wie ein glühendes Gebet zum Himmel emporsteigen. Und wir wollen alle fein: eines Geistes, eines Herzens, einer Seele.
♦
Ein namhafter Philosoph hat unlängst der um ihr ferneres Dasein bangenden Kulturmenschheit wieder einmal empfohlen, alle Hoffnung auf Aufstieg zu begraben und mit heroischem Pessimismus in den Untergang zu schreiten. — Aber, die gesunde menschliche Natur lebt elementar an solchen Philosophien vorbei. Die Welt will glauben und hoffen können, auch heute.
Das zeigt uns eine U e b e r f i ch t über die Erscheinungen im heutigen Kulturleben. Neben Zersetzung und Zerfall auch das vollkommen Umgekehrte: entschlossene Rückkehr zu den wahren Lebensquellen, Hinwendung zur christlichen Lebenswahrheit und hoffnungsvolles Wachstum in der katholischen Bewegung.
Das Unterrichtsministerium eines großen Landes hat sich unlängst mit einer Erklärung an die Missionare gewandt, in der es heißt:
„Dis jetzt war die Politik unseres Ministeriums dem Materialismus zugewandt. Diele Haltung stimmte überein mit den Bestrebungen der Zeit, aber sie hat beklagenswerte Ergebnisse gezeitigt, einen wirklichen Niedergang der öffentlichen und privaten Moral, das Aufblühen des Kommunismus und sogar in den letzten Jahren einen anarchistischen Gei st. Wir müssen von nun an unser Erziehungssystem ändern. Zu diesem Zwecke erscheint uns die Mitarbeit der religiösen Erzieher notwendig und ich wünsche sehnlichst ihre Hilfe."
Das Schriftstück ist sehr interessant. Es ist äußerst bemerkenswert, wenn es sich auch hier nicht um ein europäisches, sondern um das japanische Ministerium handelt.
Gibt es heute organisierte Gottlosigkeit, Schulen der Gottlosigkeit, Gottlosen-Re- vuen, Fünfjahrespläne im Kampfe wider Gott, und drohen 17 Millionen Erwachsene mit 18 Millionen Jugendlichen in gottlosen Verbänden, daß sie — wenn sie es können — „alle religiösen Gefühle ausrotten und von allen Kirchen der Welt einen großen Brandhaufen machen werden" — es wird vielen schon bange in den eiskalten Kellern dieser Gottlosigkeit. Wir wollen ihre von bösen Geistern angetriebenen Vorstöße nicht übersehen. Wir werden uns ihrer mit den rechten Mitteln erwehren. Aber wir wollen uns ihrer auch nicht überflüssig ängstigen. Lebendiger Gottesglaube wird nicht umzeworfen.
Die Internationale katholische Woche die im vergangenen Herbst in Genf statt- fand, zeigte hoffnungsvolle Bilder katholisch-kirchlicher Bewegung in allen Ländern. Gewiß sehen wir noch Säkularisationsbestrebungen in diesem
und jenem Land, Berfolgungstendenzen, Kirchen- und Klösterbrände, Zusammenstöße zwischen Staatsgewalt und kirchlicher Autorität — aber von all dem gilt das tröstliche Wort, das Hetlinger 1876 auf der Höhe des Kultukampfes von Athanasius zitiert hat: „Kinder, trauert nicht, es ist nur eine kleine Wolke, die bald vorübergeht."
Wo heute noch Mißverstehen und Streit der Gewalten ist, wird man dessen inne werden, daß beide, kirchliche und staatliche Autorität, ohne jegliche Beeinträcktiqung ihrer Rechte und Machtbefugnisse in Eintracht und freundschaftlichem Einvernehmen zum öffentlichen Wohl beider Gemeinschaften sich verbinden können. Sagen wir besser: verbinden müssen.
Eine große Zuversicht und ein freudiger Stolz zugleich hat die Gemüter der Katholiken der ganzen Welt ergriffen, da sie auch im verflossenen Jahre wieder das Glück hatten, die über den Erdenrund hallende Stimme des Hl. Vaters, Pius XI., zu vernehmen. Seine Rundschreiben sind uns Licht und Wärme, Klarheit und Trost. Ich erinnere an die Enzyklika über die Ehe und an das soziale Rundschreiben „Ouaüra- gesimo anno"
Bis ins Innerste des intellektueleln Chaos unserer Tage Hai der Hl. Vater hineingeleuchtet Die päpstlichen Rundschreiben haben, aus der heiligen Verantwortung heraus, die dem Stellvertreter Christi auf Erden obliegt, unbekümmert ob Freund, ob Feind, den Irrtum von der Wahrheit geschieden und die ehernen Gesetze christlicher Sitte gegenüber Aufweichung und Schwankung neu bestätigt. Sie haben das Fundament katholischen Denkens und Lebens inmitten zeitlicher Strömungen gefestigt und damit auch einer beginnenden Zerklüftung im katholischen Lager selbst ein Ende gesetzt. Die Kirche, aus den ewigen Quellen genährt, hat jugendfrisch in die anhebenden großen weltanschaulichen Auseinandersetzungen eingegriffen.
In diesem unwandelbar starkmütigen, klärenden und führenden Geist, der die Kirche in unseren Tagen beherrscht, wie in den vielfältigen Strömungen, Wirrungen, Gegensätzen und Nöten dieser Zeit zeigt sich, wie doch im Grunde ferne Zeiten verwandt sind miteinander, die einer heiligen Elisabeth und die unserige.
Mt der Lichtgestalt der Patronin dieser Nürnberger Generalversammlung öffnet sich vor uns das 13. Jahrhundert. Hat es je ein Zeitalter gegeben, das von lo unerhörten Gegensätzen religiöser, politischer und sozialer Art durchschüt- tert war, wie jenes? Armut in wachsenden Städten, Streitigkeiten und Händel überall, und Häresien und soziale Gärungen.
„Die Bilder fallen schmetternd von Altären, Die Glocken stürzen schreiend von den Türmen, Ein jeder Wahn hat seine Sprecher Und jede Mißgeburt verrückte Träume."
Und im gleichen Abschnitt ihrer Geschichte wird die Menschheit von einer religiösen Ergriffenheit erfaßt, von einem Eifer zu Gott, wie nie zuvor. Es ist der geschichtliche Augenblick, da Grafen und Gräfinnen mit Bauern und Bäuerinnen den Karren ziehen mit Kalk, Steinen und Holz zum Bau der unsterblichen gotischen Kathedralen, die ihre Türme jubelnd über die Dächer gen Himmel werfen. Au? dem frommen Sinn und der kunstbegeisterten Opferfreudigkeit des Jahrhunderts wächst die Sebaldus-Kirche und viele Schöpfungen im alten Nürnberg. Es ist die Zeit der Kreuzzüge und der großen Ordensgründer — Dominikus, Franziskus — (es sind 700 Jahre, daß Antonius von Padua starb), die Zeit, da die Töchter der Fürstenhäuser zu den Bettelorden gehen. Und schließlich die Epoche der gigantischen g e.tft t g en Som« ballmeister: Albertus Magnus und Thomas von Aquin.
Irrtum und Wahrheit — Laster und Tugend — Zerstörung und Aufrichtung, zu gleicher Zeit und in seltsamsten Gegensätzen nebeneinander
Und die Wahrheit, Tugend und Aufrichtung hinreißender als alles andere. Ist das nicht ein Abbild dessen, was in unseren Tagen ist oder sein sollte? — Gott ist in jeder Zeit. Keine ist verflucht. Sein Ruf verstummt niemals, und seine Gnade setzt niemals aus.
Sa reden wir denn von dem, wozu unsere Zeit uns aufruft, und was an Anregung zu lebendiger Tat von dieser Generalversammlung ausgehen müßte.
Eine Vertreterversammlung hat uns vorgearbeitet. In fünf Arbeitsgruppen hat sie in den letzten beiden Tagen die geistig-seelischen, die materiellen und sozialen Krankheitszustände, die uns umgeben, unter dem Gesichtspunkt praktischer Hilfe geprüft. Die Entschließungen der einzelnen Gruppen sind uns bekannt. Die Zielpunkte unseres Feldzugs gegen seelische immaterielle Volksnot sind aufgezeigt.
Entschließungen sind Leitpunkte, Gerüst, Skelett. Die Aufgabe ist, sie mit warmem Blut und mit Leben zu füllen. Die da mühselig und beladen sind, warten. Sie sollen nicht vergebens auf uns warten.
Wir wissen es: Es gibt heute viele, von denen wir mit dem Psalmisten sagen müssen, daß die Wasser ihnen ans Leben gehen und ihr Mund trocken ist von all dem Schreien. Sie bedürfen der Menschen, die um Ursache und Schwierigkeiten wissen, und dennoch Hoffnung haben und Vertrauen — vom Ewigen her. Der Verhetzten, Verbitterten, Verzweifelten gibt es übergenug. Und auch genug radikale Reformer, die dem Durstigen Salzwasser geben.
Von einer solchen Gruppe stammt die Flugschrift, die heute in die Massen hineingeworfen wird, um sie mit Mißtrauen und Abneigung gegen die Kirche zu erfüllen. „Prolet merkst Du was? Ob Du zu essen hast für Dich und Deine Kinder, das lchert die Kirche nicht." —
Dem, der das geschrieben hat, wollen wir verzeihen. Wir nehmen an, daß er es nicht bes
ser weiß. Er hat wohl noch nie in ein katholisches Waisenhaus hineingesehen, wo neben Waisen auch verlassene Kinder Liede und Heim finden. Er hat keine Schwester auf ihrem mühseligen Trost und Hilfe bringenden Rundgang im Armen- viertel begleitet. Er hat nie vor unseren Klöster gestanden, wenn Hungrige gespeist wurden. Er weiß nicht, daß unsere Pfarrämter längst inoffizielle Wohlfahrtsämter sind. Er weiß nichts von dem Kreuzzug der katholischen Karitas gegen die Volksnot, in den Hunderttausende von Helfern und Helferinnen sich freiwillig eingereiht haben, um Vätern und Müttern beizustehen und Kinder zu betreuen. — Lassen wir die Ziffern!
Würden wir die Fülle religiös-karitativer Einrichtungen aus unseren Städten, Jndustrierevieren und Dörfern wegdenken — es würde eine Lücke in die Fürsorge für Arme, Kranke, Schwache, vom Schicksal Heimgesuchte hineingerissen, die keine Behörde und keine Partei auszufüllen in der Lage wäre! Soll im Wettkampf der Weltanschauungen wirklich entscheidens sein, was Not lindernd und heilsam ist, Segen bringt und stärkt — der christliche Glaube und christliche Karitas werden dabei, bei aller menschlichen Unvollkommenheit, jederzeit in höchsten Ehren bestehen.
Es geht uns in der Seele an, ob der Prolet zu essen hat für sich und feine Kinder. Ich sage erst recht, wenn es sich um schwermühende kinderreiche Familien handelt. Alle gehen uns an, die gebeugt unter der Last von Sorgen dahergehen, wo immer sie stehen mögen. Es kommt letztlich nicht darauf an. in welchem Lager sie sind. Denn es ist etwas Wahres an dem Satz, daß manche links stehen, weil man s i e links hat liegen lassen.
Der Zug zum Volke ist dem katholischen Gefühl eingeboren. Die Aufgabe, die uns Katholiken in dem weitschauenden Rundschreiben des Hl. Vaters über die soziale Frage gestellt ist, mitzuhelfen, daß eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Ordnung ersteht, in der Menschen und Völker würdig zusammenleben können, ist uns gegeben für alle.
An einer Stell« der „Quadvagesimo anno" sagt der Hl Vater, daß die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse der Gegenwart ohne Ue- bertreibnng als derartig bezeichnet werden können, daß sie einer ungeheuer großen Anzahl von Menschen es schwer machen, das eine Notwendige, ihr ewiges Heil, zu wirken.
Der volle Sinn dieser Worte ist mir ergreifend klar zum Bewußtsein gekommen, als ich letzthin das Obdachlosen-Asyl, und die Kaserne minderbemittelter Familien, und die wilde Siedlung in einer Großstadt sah: 40 Familien in einem Raum, einer ehemaligen Reithalle, jeweils 2 Familien an einem Tisch: Vater. Mutter und Kinder. 2000 Menschen in einer ehemaligen Kaserne.
Und die wilde Siedlung? Das war das Eigenartigste und zugleich das Lehrreichste. Da haben sich 400 Familien, ohne Grundrecht und ohne Baupolizei, ganz einfach auf einem Sandfeld aus Abfallmaterialien aller Art notdürftig Behausung geschaffen. Da ist elementare Volkskraft durchgebrochen, die noch nicht tot ist und auf wesentlich anderes hinausgeht, als auf bloße geldliche Zuwendungen. Da hat die Natur revoltiert gegen etwas, was in sich falsch ist: gegen die Kasernierung der Armut!
Wie verbogen muß doch manches in unseren Verhältnissen geworden fein, wenn es 100 000 solcher wilden Siedler in Deutschland gibt. Sie zeigen uns, wo man geirrt, und wie man es anders machen könnte.
„Alles, was ich tue, wenn ich von Kriegs- und anderer Not lese, der ich nicht abhelfen kann, ist nicht zu fluchen oder zu jammern, oder untätig zu sein, sondern recht tätig, nämlich recht zu wünschen und zu vermeiden die kleinste Immoralität in mir, da jede in fremden Wunden endigt."
Jean Paul hat diesen Gedanken niedergeschrieben. Er foll uns wieder zurückführen zu unserer Heiligen, zu Elisabeth.
Was wurde sie tun, wenn sie noch einmal in unsere Welt käme? Vielleicht würde sie nicht nach Marburg, sondern in die Hinterhäuser unserer Großstädte gehen. Ganz gewiß würde sie uns Mut Vorleben und allen zeigen, die es bisher noch nicht wußten, wie man — nicht einen fremden Erdteil — wie man den unbekannten Nebenmenschen entdeckt. Sie würde sich nicht stören lasten von dem Gedanken, daß wir ja doch Behörden, Wohlfahrtsämter und Organisationen haben. Sie würde die satte Behaglichkeit
14. Sonntag nach Pfingsten.
Eingangslied: Ps. 83, 10—11.
Schau her, Gott, unser Schirmherr, blick auf das Antlitz deines Gesalbten Besser e i n Tag in deinen Hallen als tausend sonst. (Ps. ebb. 243). Wie lieblich ist dein Zelt, o Herr der Heerscharen! Meine Seele sehnt sich, schmachtet nach den Hallen des Herrn.
Epistel: Gal. 5,16—24.
Brüder! Wandelt im Geiste, dann werdet ihr nicht die Gelüste des Fleisches vollbringen. Denn das Fleisch ist lüstern wider den Geist, der Geist aber wider das Fleisch: beide sind einander entgegen. Ihr dürft also nicht alles tun, was ihr wollt. Wenn ihr euch vom Geiste leiten laßt, so steht ihr nicht unter einem Gesetz. Bekannt find die Werke des Fleisches: es sind: Unzucht, Unreinigkeit, Schamlosigkeit, Wollust, Abgötterei, Zauberei, Feindschaft, Zank, Eifersucht, Zorn, Hader, Uneinigkeit, Spaltung, Neid, Totschlag, Völlerei, Schwelgerei und dergleichen. Was ich jetzt sage, habe ich schon oft gesagt: die solches tun, werden das Reich Gottes nicht erlangen. Die Früchte des Geistes aber sind: Liebe, Freude, Friede, Geduld, Milde, Güte, Langmut, Sanftmut, Treue, Mäßigkeit,' Ent. haltfamkeit, Keuschheit. Gegen solche richtet sich kein Gesetz. Die aber Christus an gehören, haben ihr Fleisch mit feinen Lastern und Gelüsten gekreuzigt.
Evangelium: Matth. 6,24—33.
„Man kann nicht Gott dienen und dem Ma- mon zugleich."
^Tablette
Nu recht mit dem Bildedes Erfinders