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Itr. 199

Fuldaer Zeitung (Amtliches Kreisblatt)

Sonntag, den 30. August 193L

Zum Auftakt des 70. Katholikentages.

Präsident Joseph Joos hält die Eröffnungsrede.

3m folgenden geben wir einen Auszug aus der Rede, mit der am Freitagabend der zum Präsi­denten der Nürnberger Katholiken-Verfammlung gewählte Reichstags-Abgeordnete Joos die Ta­gung eröffnete:

Von alters her gehört es zum Amt des Präsi­denten, die Reihe der Redner zu eröffnen. Er Hot die jeweilige Generalversammlung hineinzu­stellen in die Zeit und sie gewissermaßen geistig einzufügen in die leuchtende Kette ihrer Vorgänge­rinnen. 69 Generalversammlungen sind der uns- rigen ooraufgegangen. Wir feiern heute einen 7 0. Geburtstag.

Es hat seinen besonderen Sinn, daß wir ihn im Jubiläumsjahr der heiligen Elisabeth und ge­rade in Nürnberg feiern, in der Stadt, wo traumhafte Schönheit ferner Jahrhunderte uns grüßt, im alten Nürnberg, dem christlicher Glaube und deutsche Sinnesart das Gepräge geben, im Nürnberg der katholischen Diaspora, wo nach den Wettern der Glaubensspaltung katholisches Leben jahrhundertelang begraben lag in der Einsamkeit der Elisabethenkapelle.

Und nun erlebt Nürnberg seinen ersten Katho­likentag im Zeichen der Volksnot und im Geiste der Heiligen, die dem ganzen deut­schen Volke gehört. Die glücklichen Erben katho­lischer Ueberlieferung Alt-Bayerns, vom Main, vom Rhein, reichen den Siedlern im Frankenland Herz und Hand. Wo die Stimme und die Zuver­sicht derer nicht hinzureichen vermag, die einsam und verstreut, um Notkirchen geschart, ihrem Glau­ben leben, da wollen wir beides in vereinter Kraft verstärken — niemanden zum Leid, allen zum Nutzen.

Katholikentage sind immer Brennpunkt und Spiegelbild ihrer Zeit gewesen.

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Als ich mich in diesen Wochen in die alten, ver­gilbten Bericht« der ersten Generalversammlungen hinein vertiefte, da stiegen sie in lebendigen Bil- drn vor mir auf, die wechselvollen Schcksale ver­gangener Generationen. Lassen Sie mich einen Augenblick nur den Kopf zurückwenfen.

Es war imsturmbewegtenJahr184 8. Da haben sich begeisterte Männer, Katholiken aus allen Ländern in Mainz zusammengefunden, um katholisches Bewußtsein neu . zu beleben, Liebe zur Kirche zu wecken und die Katholiken aufzurufen zum gemeinsamen Handeln: Sie waren geistig noch ganz ergriffen und — Gott sei Dank — fern von jener papierenen Lebensanschauung, die nur Sachen kennt und keine Menschen. Ströme von Kraft gingen von ihren Zusammenkünften aus, und Gottes Segen lag auf ihrem Werk. So haben sie im Laufe der Jahrzehnte den Generalversamm­lungen der deutschen Katholiken ihr Gepräge ge­geben und eine Ueberlieferung geschaffen, die an­dere, die nach ihnen kamen, herzhaft weitergeführt haben bis zum heutigen Tage.

Drei hervorragende Männer dieser ehrwürdigen Tradition haben wir im verflossenen Jahr verloren. Und weil Dankbarkeit unter uns noch Geltung haben soll, so möchte ich vor allem ein Wort ehrenden Gedenkens an dieser Stelle sprechen.

Am 8. Dezember starb Felix P o r s ch. Wer von den Kämpfen und den Erfolgen der deutschen Katholiken weiß, mußte ihn kennen. 1872 sah er in Breslau als Student seinen ersten Katholiken^ tag. Das war für ihn entscheidend. Von 1880 ab war er auf jeder Katholikenversammlung, zweimal als Präsident erwählt, fast regelmäßig als uner­schrockener Redner für die Freiheit der Kirche, des Päpstlichen Stuhles, der Ordensgenossenschaften, der christlichen Schule. Als Präsident hat er 1892 rückblickend von Männern gesprochen, die im Laufe der Zeit an der Spitze der katholischen Bewegung gestanden, hinreißend durch ihre Beredtsamkeit, bewundert wegen ihrer Einsicht und Tatkraft, der Stolz und die Freude für das katholische Deutsch­land. Zu diesen gehörte er selber.

An seiner offenen Gruft stand ein Patriarch in schneeweißem Bart, Landesgkonomierat Herold und rief dem Freund den letzten Gruß zu. Um > die Jahreswende saß der 82jährige noch im Rar ! des Zentral-Komitees mitten unter uns, sein Haupt war müde auf die Brust gesenkt. Eine Woche später trugen wir ihn zu Grabe. Auch er war wie Porsch unzertrennlich mit den General­versammlungen der deutschen Katholiken verbun­den. Kaum eine, an der er nicht teilgenommen. In Breslau (1909) war er Präsident, und die ihn da gehört, berichten von der freudestrahlenden Schlußrede, in der dieser würdige Sohn der west­fälischen Erde im Osten des Reiches die katho­lischen und deutschen Grundsätze feierte.

Und kaum hatte sich die Gruft über Herold geschlossen, da hauchte Dompropst Professor M a u s b a ch . der fürstliche Geist im Reiche der theologischen Wissenschaften, der gütige Mensch und glanzende Redner der Katholikentage seine große Seele aus. Na» Windthorst hat Mausbach die meisten Reden auf deutschen Katholikentagen ge­halten. Und wir erinnern uns immer wieder der erstaunlichen Weite seiner Erkenntnis, der nie er­löschenden Leuchtkraft seiner Worte und des zwin­genden sittlichen Ernstes seiner Reden. Noch in Münster im vorigen Jahre zeichnete er das Monu­mentalbild des heiligen Augustinus.

Die Namen dieser drei Männer bleiben mit ehernem Griffel eingegvaben in das Buch der Ge­schichte der deutschen Katholikentage. Ich darf hin­zufügen: Sie haben ihren Platz in unserem Herzen, in unserem Gebet. Sie haben den guten Kampf gekämpft in ihrer Zeit. Sie erwarten nichts anderes von uns, als daß wir mit der selben Hingabe und Opfermut wie sie, wirken in der un­serigen.

Diese Generalversammlung in Nürnberg sieht die Welt ringsum und insbesondere unser deutsches Volk in schwerer Bedräng- n i s. Wer Augen hat zu sehen, der weiß es. Nie hätten wir geglaubt, daß so viele Millionen fleißige Hände brach liegen und die grauen Schleier nagen­

der Sorge sich so tief hinabsenken würden in die Straßen unserer Städte und Dörfer.

Einen Augenblick schien es, als ob der Druck dieser Tage uns selbst den Mut zu dieser Zusam­menkunft nehmen sollte. Allein: die gewaltige An­teilnahme des katholischen Volkes weithin hat uns eine Antwort gegeben, an der keiner vorbeikommt. Es ist dieselbe, die uns Tausende von Industrie­arbeitern gegeben haben, als wir im Mai ds. Js. zu Wallfahrten in Westdeutschland ausriefen. Da waren sie gekommen, die Männer der Arbeit, mit schwieligen Händen und zerfurchten Gesichtern, Er­werbslose und von Erwerbslosigkeit Bedrohte, Vä­ter und Söhne. Sie kamen in solch überraschen­der Zahl, daß sie alle Kleinmütigen beschämten. Dieses katholische Werkvolk hat es durch die Tat bewiesen, wie die Tausende hart ringen­der Frauen und Männer hier vor uns: Wo Leid und Schmerz, da offenbaren Gottesglaube und kirchliche Anhänglichkeit ihre erhebende und erlö­sende Kraft. Da lassen sie uns durch die arm­selige Hülle hindurch erschütternd den Menschen schauen, dessen Glaube noch größer ist, als alle Not.

Der Millionen von Unbekannten und Unge­nannten in den Großstädten, Jndustrierevieren und in den Dörfern, die uns alltäglich durch ihre selbstverständliche Religösität und stille Opferkraft in Erstanuen setzen — die nicht unter uns fein können — wollen wir am heutigen Tage in treuer Dankbarkeit erinnern. Sie sind wie tröstende Sterne in den Dunkelheiten, die uns umgeben. Sie find die modernen Helden des Glau-

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Joseph Doos.

Bens. Sie sind auch wahre Helden vaterlän bischer Pflichterfüllung, denn in solchen Zeiten kommt es nichtaufHeldenpose an, sondern einzig auf bte schlichte Tat des Alltags.

Wie es unsere Väter unter dem Druck der ge­waltigen Ereignisse ihrer Zeit in der ersten Gene­ralversammlung getan, so wollen auch wir heute gleich zu Beginn unserer großen Tagung feierlich bekunden: Was jeder von uns in diesen beängsti­genden Wochen und Monaten schmerzlich dulden und sehnsüchtig erwarten mag, das alles möge in den Tagen von Nürnberg wie ein glühendes Ge­bet zum Himmel emporsteigen. Und wir wollen alle fein: eines Geistes, eines Herzens, einer Seele.

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Ein namhafter Philosoph hat unlängst der um ihr ferneres Dasein bangenden Kulturmenschheit wieder einmal empfohlen, alle Hoffnung auf Auf­stieg zu begraben und mit heroischem Pes­simismus in den Untergang zu schrei­ten. — Aber, die gesunde menschliche Natur lebt elementar an solchen Philosophien vorbei. Die Welt will glauben und hoffen können, auch heute.

Das zeigt uns eine U e b e r f i ch t über die Erscheinungen im heutigen Kulturleben. Neben Zersetzung und Zerfall auch das vollkommen Um­gekehrte: entschlossene Rückkehr zu den wahren Le­bensquellen, Hinwendung zur christlichen Lebenswahrheit und hoffnungsvolles Wachstum in der katholischen Bewegung.

Das Unterrichtsministerium eines großen Lan­des hat sich unlängst mit einer Erklärung an die Missionare gewandt, in der es heißt:

„Dis jetzt war die Politik unseres Ministeriums dem Materialismus zugewandt. Diele Haltung stimmte überein mit den Bestrebungen der Zeit, aber sie hat beklagenswerte Ergebnisse gezeitigt, einen wirklichen Niedergang der öf­fentlichen und privaten Moral, das Aufblühen des Kommunismus und sogar in den letzten Jahren einen anarchistischen Gei st. Wir müssen von nun an unser Erziehungssystem ändern. Zu diesem Zwecke erscheint uns die Mit­arbeit der religiösen Erzieher notwendig und ich wünsche sehnlichst ihre Hilfe."

Das Schriftstück ist sehr interessant. Es ist äußerst bemerkenswert, wenn es sich auch hier nicht um ein europäisches, sondern um das japa­nische Ministerium handelt.

Gibt es heute organisierte Gottlosig­keit, Schulen der Gottlosigkeit, Gottlosen-Re- vuen, Fünfjahrespläne im Kampfe wider Gott, und drohen 17 Millionen Erwachsene mit 18 Mil­lionen Jugendlichen in gottlosen Verbänden, daß sie — wenn sie es können — „alle religiösen Ge­fühle ausrotten und von allen Kirchen der Welt einen großen Brandhaufen machen werden" — es wird vielen schon bange in den eiskalten Kellern dieser Gottlosigkeit. Wir wollen ihre von bösen Geistern angetriebenen Vorstöße nicht übersehen. Wir werden uns ihrer mit den rechten Mitteln erwehren. Aber wir wollen uns ihrer auch nicht überflüssig ängstigen. Lebendiger Gottesglaube wird nicht umzeworfen.

Die Internationale katholische Woche die im vergangenen Herbst in Genf statt- fand, zeigte hoffnungsvolle Bilder katholisch-kirch­licher Bewegung in allen Ländern. Gewiß sehen wir noch Säkularisationsbestrebungen in diesem

und jenem Land, Berfolgungstendenzen, Kirchen- und Klösterbrände, Zusammenstöße zwischen Staatsgewalt und kirchlicher Autorität — aber von all dem gilt das tröstliche Wort, das Hetlin­ger 1876 auf der Höhe des Kultukampfes von Athanasius zitiert hat: „Kinder, trauert nicht, es ist nur eine kleine Wolke, die bald vorübergeht."

Wo heute noch Mißverstehen und Streit der Gewalten ist, wird man dessen inne werden, daß beide, kirchliche und staatliche Autorität, ohne jeg­liche Beeinträcktiqung ihrer Rechte und Macht­befugnisse in Eintracht und freundschaftlichem Einvernehmen zum öffentlichen Wohl beider Ge­meinschaften sich verbinden können. Sagen wir besser: verbinden müssen.

Eine große Zuversicht und ein freudiger Stolz zugleich hat die Gemüter der Katholiken der gan­zen Welt ergriffen, da sie auch im verflossenen Jahre wieder das Glück hatten, die über den Er­denrund hallende Stimme des Hl. Vaters, Pius XI., zu vernehmen. Seine Rundschrei­ben sind uns Licht und Wärme, Klarheit und Trost. Ich erinnere an die Enzyklika über die Ehe und an das soziale Rundschreiben „Ouaüra- gesimo anno"

Bis ins Innerste des intellektueleln Chaos unserer Tage Hai der Hl. Vater hineingeleuchtet Die päpstlichen Rundschreiben haben, aus der hei­ligen Verantwortung heraus, die dem Stellver­treter Christi auf Erden obliegt, unbekümmert ob Freund, ob Feind, den Irrtum von der Wahrheit geschieden und die ehernen Gesetze christlicher Sitte gegenüber Aufweichung und Schwankung neu bestätigt. Sie haben das Fundament katholi­schen Denkens und Lebens inmitten zeitlicher Strömungen gefestigt und damit auch einer be­ginnenden Zerklüftung im katholischen Lager selbst ein Ende gesetzt. Die Kirche, aus den ewigen Quellen genährt, hat jugendfrisch in die anheben­den großen weltanschaulichen Auseinandersetzun­gen eingegriffen.

In diesem unwandelbar starkmütigen, klären­den und führenden Geist, der die Kirche in un­seren Tagen beherrscht, wie in den vielfältigen Strömungen, Wirrungen, Gegensätzen und Nöten dieser Zeit zeigt sich, wie doch im Grunde ferne Zeiten verwandt sind miteinander, die einer hei­ligen Elisabeth und die unserige.

Mt der Lichtgestalt der Patronin dieser Nürn­berger Generalversammlung öffnet sich vor uns das 13. Jahrhundert. Hat es je ein Zeit­alter gegeben, das von lo unerhörten Gegensätzen religiöser, politischer und sozialer Art durchschüt- tert war, wie jenes? Armut in wachsenden Städ­ten, Streitigkeiten und Händel überall, und Häre­sien und soziale Gärungen.

„Die Bilder fallen schmetternd von Altären, Die Glocken stürzen schreiend von den Türmen, Ein jeder Wahn hat seine Sprecher Und jede Mißgeburt verrückte Träume."

Und im gleichen Abschnitt ihrer Geschichte wird die Menschheit von einer religiösen Ergriffenheit erfaßt, von einem Eifer zu Gott, wie nie zuvor. Es ist der geschichtliche Augenblick, da Grafen und Gräfinnen mit Bauern und Bäuerinnen den Kar­ren ziehen mit Kalk, Steinen und Holz zum Bau der unsterblichen gotischen Kathedralen, die ihre Türme jubelnd über die Dächer gen Himmel wer­fen. Au? dem frommen Sinn und der kunstbegei­sterten Opferfreudigkeit des Jahrhunderts wächst die Sebaldus-Kirche und viele Schöpfungen im al­ten Nürnberg. Es ist die Zeit der Kreuzzüge und der großen Ordensgründer — Dominikus, Fran­ziskus — (es sind 700 Jahre, daß Antonius von Padua starb), die Zeit, da die Töchter der Für­stenhäuser zu den Bettelorden gehen. Und schließ­lich die Epoche der gigantischen g e.tft t g en Som« ballmeister: Albertus Magnus und Thomas von Aquin.

Irrtum und Wahrheit — Laster und Tugend — Zerstörung und Aufrichtung, zu gleicher Zeit und in seltsamsten Gegensätzen nebeneinander

Und die Wahrheit, Tugend und Aufrichtung hinreißender als alles andere. Ist das nicht ein Abbild dessen, was in unseren Tagen ist oder sein sollte? — Gott ist in jeder Zeit. Keine ist verflucht. Sein Ruf verstummt niemals, und seine Gnade setzt niemals aus.

Sa reden wir denn von dem, wozu unsere Zeit uns aufruft, und was an Anregung zu leben­diger Tat von dieser Generalversammlung aus­gehen müßte.

Eine Vertreterversammlung hat uns vorgearbeitet. In fünf Arbeitsgruppen hat sie in den letzten beiden Tagen die geistig-seeli­schen, die materiellen und sozialen Krankheits­zustände, die uns umgeben, unter dem Gesichts­punkt praktischer Hilfe geprüft. Die Entschließun­gen der einzelnen Gruppen sind uns bekannt. Die Zielpunkte unseres Feldzugs gegen seelische im­materielle Volksnot sind aufgezeigt.

Entschließungen sind Leitpunkte, Ge­rüst, Skelett. Die Aufgabe ist, sie mit warmem Blut und mit Leben zu füllen. Die da mühselig und beladen sind, warten. Sie sollen nicht ver­gebens auf uns warten.

Wir wissen es: Es gibt heute viele, von denen wir mit dem Psalmisten sagen müssen, daß die Wasser ihnen ans Leben gehen und ihr Mund trocken ist von all dem Schreien. Sie bedürfen der Menschen, die um Ursache und Schwierigkeiten wissen, und dennoch Hoffnung haben und Ver­trauen — vom Ewigen her. Der Verhetzten, Ver­bitterten, Verzweifelten gibt es übergenug. Und auch genug radikale Reformer, die dem Durstigen Salzwasser geben.

Von einer solchen Gruppe stammt die Flug­schrift, die heute in die Massen hineingeworfen wird, um sie mit Mißtrauen und Abneigung ge­gen die Kirche zu erfüllen. „Prolet merkst Du was? Ob Du zu essen hast für Dich und Deine Kinder, das lchert die Kirche nicht." —

Dem, der das geschrieben hat, wollen wir ver­zeihen. Wir nehmen an, daß er es nicht bes­

ser weiß. Er hat wohl noch nie in ein katho­lisches Waisenhaus hineingesehen, wo neben Wai­sen auch verlassene Kinder Liede und Heim fin­den. Er hat keine Schwester auf ihrem mühseligen Trost und Hilfe bringenden Rundgang im Armen- viertel begleitet. Er hat nie vor unseren Klöster gestanden, wenn Hungrige gespeist wurden. Er weiß nicht, daß unsere Pfarrämter längst inoffi­zielle Wohlfahrtsämter sind. Er weiß nichts von dem Kreuzzug der katholischen Karitas gegen die Volksnot, in den Hunderttausende von Helfern und Helferinnen sich freiwillig eingereiht haben, um Vätern und Müttern beizustehen und Kinder zu betreuen. — Lassen wir die Ziffern!

Würden wir die Fülle religiös-karitativer Ein­richtungen aus unseren Städten, Jndustrierevie­ren und Dörfern wegdenken — es würde eine Lücke in die Fürsorge für Arme, Kranke, Schwache, vom Schicksal Heimgesuchte hineingerissen, die keine Behörde und keine Partei aus­zufüllen in der Lage wäre! Soll im Wettkampf der Weltanschauungen wirklich entscheidens sein, was Not lindernd und heilsam ist, Segen bringt und stärkt — der christliche Glaube und christliche Karitas werden dabei, bei aller menschlichen Un­vollkommenheit, jederzeit in höchsten Ehren be­stehen.

Es geht uns in der Seele an, ob der Prolet zu essen hat für sich und feine Kinder. Ich sage erst recht, wenn es sich um schwermühende kinder­reiche Familien handelt. Alle gehen uns an, die gebeugt unter der Last von Sorgen dahergehen, wo immer sie stehen mögen. Es kommt letztlich nicht darauf an. in welchem Lager sie sind. Denn es ist etwas Wahres an dem Satz, daß manche links stehen, weil man s i e links hat liegen lassen.

Der Zug zum Volke ist dem katholischen Ge­fühl eingeboren. Die Aufgabe, die uns Katholi­ken in dem weitschauenden Rundschreiben des Hl. Vaters über die soziale Frage gestellt ist, mit­zuhelfen, daß eine wirtschaftliche und gesellschaft­liche Ordnung ersteht, in der Menschen und Völ­ker würdig zusammenleben können, ist uns ge­geben für alle.

An einer Stell« der „Quadvagesimo anno" sagt der Hl Vater, daß die gesellschaftlichen und wirt­schaftlichen Verhältnisse der Gegenwart ohne Ue- bertreibnng als derartig bezeichnet werden kön­nen, daß sie einer ungeheuer großen Anzahl von Menschen es schwer machen, das eine Notwen­dige, ihr ewiges Heil, zu wirken.

Der volle Sinn dieser Worte ist mir ergreifend klar zum Bewußtsein gekommen, als ich letzthin das Obdachlosen-Asyl, und die Kaserne minder­bemittelter Familien, und die wilde Siedlung in einer Großstadt sah: 40 Familien in einem Raum, einer ehemaligen Reithalle, jeweils 2 Familien an einem Tisch: Vater. Mutter und Kinder. 2000 Menschen in einer ehemaligen Kaserne.

Und die wilde Siedlung? Das war das Ei­genartigste und zugleich das Lehrreichste. Da ha­ben sich 400 Familien, ohne Grundrecht und ohne Baupolizei, ganz einfach auf einem Sandfeld aus Abfallmaterialien aller Art notdürftig Behausung geschaffen. Da ist elementare Volkskraft durch­gebrochen, die noch nicht tot ist und auf wesent­lich anderes hinausgeht, als auf bloße geldliche Zuwendungen. Da hat die Natur revoltiert gegen etwas, was in sich falsch ist: gegen die Ka­sernierung der Armut!

Wie verbogen muß doch manches in unseren Verhältnissen geworden fein, wenn es 100 000 sol­cher wilden Siedler in Deutschland gibt. Sie zei­gen uns, wo man geirrt, und wie man es anders machen könnte.

„Alles, was ich tue, wenn ich von Kriegs- und anderer Not lese, der ich nicht abhelfen kann, ist nicht zu fluchen oder zu jammern, oder untätig zu sein, sondern recht tätig, nämlich recht zu wünschen und zu vermeiden die kleinste Im­moralität in mir, da jede in fremden Wunden en­digt."

Jean Paul hat diesen Gedanken niedergeschrie­ben. Er foll uns wieder zurückführen zu unserer Heiligen, zu Elisabeth.

Was wurde sie tun, wenn sie noch einmal in unsere Welt käme? Vielleicht würde sie nicht nach Marburg, sondern in die Hinterhäuser unserer Großstädte gehen. Ganz gewiß würde sie uns Mut Vorleben und allen zeigen, die es bisher noch nicht wußten, wie man — nicht einen fremden Erdteil — wie man den unbekannten Nebenmenschen entdeckt. Sie würde sich nicht stören lasten von dem Gedanken, daß wir ja doch Behörden, Wohlfahrtsämter und Organisa­tionen haben. Sie würde die satte Behaglichkeit

14. Sonntag nach Pfingsten.

Eingangslied: Ps. 83, 10—11.

Schau her, Gott, unser Schirmherr, blick auf das Antlitz deines Gesalbten Besser e i n Tag in deinen Hallen als tausend sonst. (Ps. ebb. 243). Wie lieblich ist dein Zelt, o Herr der Heerscharen! Meine Seele sehnt sich, schmachtet nach den Hallen des Herrn.

Epistel: Gal. 5,16—24.

Brüder! Wandelt im Geiste, dann werdet ihr nicht die Gelüste des Fleisches vollbringen. Denn das Fleisch ist lüstern wider den Geist, der Geist aber wider das Fleisch: beide sind einander ent­gegen. Ihr dürft also nicht alles tun, was ihr wollt. Wenn ihr euch vom Geiste leiten laßt, so steht ihr nicht unter einem Gesetz. Bekannt find die Werke des Fleisches: es sind: Unzucht, Unrei­nigkeit, Schamlosigkeit, Wollust, Abgötterei, Zau­berei, Feindschaft, Zank, Eifersucht, Zorn, Hader, Uneinigkeit, Spaltung, Neid, Totschlag, Völlerei, Schwelgerei und dergleichen. Was ich jetzt sage, habe ich schon oft gesagt: die solches tun, werden das Reich Gottes nicht erlangen. Die Früchte des Geistes aber sind: Liebe, Freude, Friede, Geduld, Milde, Güte, Langmut, Sanftmut, Treue, Mäßigkeit,' Ent. haltfamkeit, Keuschheit. Gegen solche richtet sich kein Gesetz. Die aber Christus an gehö­ren, haben ihr Fleisch mit feinen Lastern und Ge­lüsten gekreuzigt.

Evangelium: Matth. 6,24—33.

„Man kann nicht Gott dienen und dem Ma- mon zugleich."

^Tablette

Nu recht mit dem Bildedes Erfinders