Matthias Erzberger.
Zur 10. Wiederkehr feines Todestages.
Von einem besonderen Mitarbeiter.
Zehn Jahre sind es nun schon, daß Matthias Erzberger am 26. August 1921 auf dem Kniebis bei Griesbach im badischen Schwarzwald meuchlings ermordet wurde. In düsterer Wehmut erinneren wir uns stets dieses dunklen Tages; wurde doch ein warmer, aufrechter Freund des V o l k es und des neuen Volksstaates für immer gewaltsam durch die Willkür fanatisierter jugendlicher Menschen aus seiner umfangreichen Tätigkeit im Dienste des Volkes herausgerissen.
Jahrelange Hetze in fanatischem, haßerfüllten, niederträchtigem, vor keiner Verleumdung und Jn- trigue zurückschreckenden Kampfe wider den angeblichen „Reichs- und Volksverderber" hatte urteilslose junge Menschen schon längst innerlich für eine solch abscheulich-ruchlose Tat vorbereitet. Nun ging die Saat auf. Wie ein rastlos gehetztes Wild wurde er gestellt und in kalter, kühler Üeberlegung zur Strecke gebracht, so brutal und gemein, wie wohl kein Wilddieb, geschweige denn ein weidgerechter Jägersmann das Wild als begehrte Beute behandelt; er müßte und würde sich schämen vor sich selbst . Doch Menschen gegenüber scheint der blinde Haß die innerlich verhetzten und vom Haß erfüllten Menschen auch hierfür fähig machen zu können; die Tat auf dem Kniebis beweist es.
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Durch die grauenvolle Ermordung Erzbergers war das, was gar nicht lange vorher fein schärfster Gegner und erbittertster Feind gefordert hatte, daß er nicht nur als Minister, sondern auch als Politiker aus dem öffentlichen Leben verschwinden müsse, zu schnell und zu jäh bittere Wahrheit geworden. „Deutschland hat nun Ruhe vor ihm" schrieb eine rechtsstehende Zeitung am offenen Grabe des Ermordeten. Aber er, der Gemordete, fand auch jetzt im Tode noch nicht die Ruhe vor jenen Deutschen, die durch ihre Schmähungen und Verdächtigungen, Verfolgungen und Verleumdungen in ihrer Gesamtheit nicht schuldlos sind an seinem tragischen Geschick. Sie schmähten und verleumdeten weiter, sie schmähen und verleumden noch heute; sie schmähen und verleumden chn, der nun schon zehn Jahre im Schoße der Erde ruht inmitten seiner schwäbischen Gefolgschaft, sie schmähen und verleumden jene, die ihm nachfolg- ten in der unermüdlichen Arbeit für das Volk im Aufbau und Ausbau seiner neuen staatlichen Gestaltung und Formung. Die Personen der Schmähenden und Geschmähten, der Verleumder und der Verleumdeten mögen andere sein, der Geist, aus dem heraus es geschieht, ist noch immer derselbe, der Gei st eines krankhaft-wahnsin- nigen Nationalismus. Aber all diesen Aechtungen zum Trotz sagen wir es besonders heute am zehnten Jahrestage feiner grausamen Ermordung in den Tiefen des Schwarzwaldes: Wir stehen zu Erzberger, stehen zu feinem politischen Wollen und zu seinem Werk. Wir sagen es, ohne die Fehler und Schwächen eines Charakters zu übersehen und ohne die Fehler, die er im Laufe feiner umfangreichen und erfolgreichen politischen Tätigkeit begangen hat, übergehen oder vertuschen zu wollen. Wir sagen es, einmal, weil wir nicht wollen, noch zulassen können und dürfen, daß nur ein Zerrbild dieser überragenden politischen Führerpersönlichkeit unwidersprochen als objektive Wahrheit eingehe in das Geschichtsbewußtsein unseres Volkes und feiner kommenden Generationen. Wir sagen es weiter, weil wir es als ein Gebot der Dankbarkeit empfinden dem wahrhaft katholischen und deutschen Politiker gegenüber, der uns eben mehr ist als nur irgendeiner unter vielen; wir sagen es, weil das Bekenntnis zu Erzberger und seinem politischen Wollen für uns ist das Bekenntnis zur „neuen Zeit", deren hervorragendster und tatkräftigster Bannerträger er war. Und nicht zuletzt deshalb wurde der gemeine, rücksichtslose Kampf wider ihn in Szene ge- setzt und von allen jenen unterstützt und gefördert, die als Ewig-gestrigen auch heute noch nicht begreifen können noch wollen, daß mit den Jahren 1918-19 in der geschichtlichen Entwicklung unseres Volkes und auch der europäischen Dölkerwelt eine neue, ganz anders gerichtete Epoche angebrochen ist, denen im Krieg der Verständigungsfriede und nach dem Krieg der Wiederaufbau des deutschen Reiches durch die Republik ein Greuel war, und dann weiter von all jenen, die den Verlust ihrer von den Vätern „wohl ererbten" oder auch ange- maßten Vorherrschaftsrechte in Volk und Staat durch die Entwicklung zum Volksstaat nicht verschmerzen können, und die sich von ihm und seinen staats- und sozial- und wirtschaftspolitischen Plänen und Zielsetzungen in ihren Interessen und Positionen bedroht glauben mußten. Es ging daher gar nicht so sehr um feine Person als vielmehr um und gegen die Sache, der er aufrichtig und freudig diente. Niemand wußte dies besser als
Erzberger selbst. Und einmal hat er es auch (in den Einleitungsworten seiner Verteidigungsrede im Moabiter Prozeß) klar und deutlich zum Ausdruck gebracht: „Ein typischer Vertreter der abgetanen autokratischen Bürokratie und Plutokratie kämpft hier mit allen erdenklichen, erlaubten und unerlaubten Mitteln gegen einen Vertreter der jungen deutschen Demokratie, welche allein die Zukunft und Rettung des deutschen Volkes verbürgen kann." Hier liegt der tiefere Grund. Man sagte Erzberger und meinte den demokratischen und sozialen Volksstaat, dessen stärkste Stütze und mutigsten Vorkämpfer man mit Recht in ihm erkannt hatte. Deshalb mußte er irgendwie fallen, und er fiel — fiel zum großen Nachteil dessen, wofür er sich stets so leidenschaftlich eingesetzt hatte. Manches wäre in dem vergangenen Jahrzehnt bestimmt anders und besser und zukunftssicherer geformt worden als es nun tatsächlich geformt worden ist, würde er noch heute als aktiver Politiker unter uns fein; manches Unheil wäre verhütet und manches Erstrebenswerte sicherlich erreicht, was nun noch nicht erreicht worden ist. Allein — solche Ueberlegungen sind für uns heute nur ein gar billiger Trost.
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Crzbergers politische Persönlichkeit ist nicht in sich harmonisch abgeschlossen; sie kann es nicht fein, denn sie konnte es nicht werden in dem steten furchtbaren Auf und Ab des politischen Geschehens, da er vielbeschäftigt und vielgeschäftig im Vordergrund stand; sie konnte es nicht werden in dem Umbruch der Zeiten, da ein innerlich überholtes Zeitalter dahinsinken wollte, und ein neues langsam, den meisten unfaßbar, unverständlich und unbeachtet, unbemerkt von ihnen heraufkam. Erzberger sah es und fühlte es. Er war der hellsehende Politiker und Führer, der in sich das trug, was kommen und werden sollte und mußte. Er hat die neue Zeit aus sich heraus entwickelt; in ihm ist sie und int Ringen mit ihr ist er groß und stark geworden, bis er ihr erstes Opfer ward. Sendbote der kommenden Dinge ist er uns deshalb und Vorftürmer und Pfadsucher und Pfadfinder und unerschrocken mutiger Vorkämpfer. Wohl als mutigster und innerlich zumeist ergriffener und aufgeschlossenster stand er an diesem Wendepunkt in der Geschichte unseres Volkes; und daß er es mußte, manchmal vielleicht gar nicht recht wollender und innerlich widerstrebender Totengräber des Alten und Geburtshelfer des Neuen, das ist die tiefe Tragik seines bewegten, arbeitsreichen Lebus und auch seines Sterbens.
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Im Volk ruht die Wurzel unserer Kraft; das Volk ist der eigentliche Inbegriff staatlicher Lebens, kraft und Lebensstärke und nicht die wenigen Herrscher oder auch die so .oft genannten, nicht selten arg degenerierten oberen Zehntausend; aus dem Volk muß die Kraft zur staatlichen Gemeinschaft
kommen, von ihm muß sie getragen und stets neu befruchtet werden. Deshalb ist Volkspolitik heute die unbedingt notwendige Grundlage und Voraussetzung einer neu orientierten und neu orientierenden Staats- und Weltpolitik. Das wußte Erzberger, und dementsprechend handelte er. Dem Volk, jedem im Volk, dem ärmsten im Volk wollte er Helsen; alle Schichten und Gruppen und Stände wollte er gleichberechtigt und gleichverantwortlich eingegliedert wissen in das gesamte gesellschaftlich» und staatliche Leben; das ganze Volk sollte im Staat Lebensraum haben; denn dann erst konnte ein jeder in ihm seine Heimat suchen und finden Das war fein volkliches und politisches Ideal, wie es ihm mit und in der Arbeit langsam im organischen Werden immer mehr und mehr geistig erstand, ein Ideal, für dessen sinngemäße Verwirklichung er zeitlebens gearbeitet hat, für das er bann schließlich auch starb.
So war Erzberger ein echter Volksmann in allen Lagen und bei allen Arbeiten seines Lebens; sei es als ein jugendlicher Redakteur am „Deutschen Volksblatt" in Stuttgart, an dem er nach knapp zweijähriger Praxis im Lehrerberuf nach dessen freiwilliger Aufgabe auf Drängen des damaligen Hauptschriftleiters hin 21jährig Anstellung fand; sei es als Leiter des unter dem schnellen Anwachsen der katholischen Arbeiterbewegung im Schwabenlande notwendig gewordenen Arbeitersekretariates, das er nebenamtlich und ehren- amtlich ohne jede Entschädigung erfolgreich einrichtete und verwaltete; sei es als „Handwerkerund Bauernanwalt" in der gleichfalls nebenamtlich geführten Leitung der Geschäfts- und Auskunftsstellen des unter seiner tätigen Mithilfe gegründeten „Schwäbischen Handwerkerbundes" und „Christlichen Bauernvereine für das Schwabenland"; sei es als äußerst fleißiger Abgeordneter im Reichstag oder zuletzt als verantwortlicher Minister und Staatsmann. Immer dachte er an das Volk und seinen Lebenswillen.
Als echter Volksmann war er überzeugter Demokrat, nicht in dem Sinne einer westlichen Formaldemokratie, Demokrat im Sinne des alten germanisch-christlichen Genossenschaftsgeistes, wo der Führer mit der ganzen Kraft und Energie seines Willens und Wollens in Opfermut und Hingabe sich einsetzt für das Volk und das Lebensrecht all feiner Gruppen und Glieder, während das Volk dem ihm verwachsenen Führer vertraut, auch dann, wenn es seine einzelnen Handlungen nicht restlos versteht oder nicht unbedingt billigt Ihm, dem Süddeutschen, lag diese demokratische Haltung wie wohl den meisten aus der südwestlichen Ecke unseres Vaterlandes schon im Blute, ihm aber mehr als vielen anderen zufolge feiner Herkunft — fein Vater war Schneidermeister und Poftagent —, die er nie verleugnete, auf die er stolz war, denn diese Volks- und Erdgebundenheit und Verbundenheit seines Wesens und Lebens war
Die Besatzung des „Hmitilus“*
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Die Besatzung des Hboofes „Nautilus", darunter der Leiter der Expedition Sie Hubert Witkins (*)
In der Geschichte menschlichen Forschens ist die Fahrt des „Nautilus" wohl eines der phantastischsten Unternehmen, die je geplant wurden. Aber aus dem oft bespotteten Plan scheint nun doch Wirklichkeit zu werden. Die kühne Besatzung des „Nautilus" kann aus Spitzbergen melden, daß sie mit ihrem gebrechlichen Schiffchen die Grenze des Treibeises erreicht haben und nun nach all den Enttäuschungen und Mühsalen ungebeugt zu weiterer Fahrt starten.
ihm nicht die letzte Kraftquelle für seine unermüdlich rastlose Tätigkeit im Dienste des Volkes. Als Demokrat war ihm der O b r i g t e i t s ft a a t der Vorkriegszeit wohl nicht sympathisch; er paßte nicht in feine Bestrebungen, zumal die ihn Beherrschenden sich immer wieder den durch die Entwicklung geforderten Maßnahmen für eine Eingliederung und Beteiligung auch der ärmsten Schichten in und am Staate widersetzten. Wohl arbeitete er als junger Abgeordneter pflichtgetreu in ihm mit, wenn auch naturgemäß vielfach in der Opposition gegen die Regierenden, deren Schliche und Händel und Korruption im Kolonial- und Beamtenwesen er scharf beobachtete und bekämpfte. Aber bei aller loyalen Mitarbeit, vor allem im Finanz- und Militärwesen, fühlte er doch, was einmal kommen mußte, und er scheute sich nicht, es auch auf der Tribüne des Reichstages zu einer scharfen Auseinandersetzung mit den ganz anders denkenden und für das Alte kämpfenden Grafen Westarp offen auszusprechen: „Es ist ganz klar, daß ein Volk, das mündig wird, ein Volk, das die allgemeine Schulpflicht, die allgemeine Wehrpflicht, die allgemeine Steuerpflicht hat, nicht nur regiert werden will von der hohen Bürokratie, sondern daß kein Volk um den Zeitpunkt herurnkommt, wo eine solche (gemeint: eine demokratische) Erweiterung der Rechte des Parlaments notwendig ist und vielfach sogar eine feste Verankerung der Monarchie und des monarchischen Gedankens bedeutet." (am 11 Dez. 1913). Schneller als er wohl selbst geahnt, wurde die von ihm geschaute notwendige Umstellung und Aenderung durch die Entwicklung angesichts des drohenden Zusammenbruchs und infolge des jämmerlichen Versagens von Regierung und Militär im Herbst 1918 erzwungen, freilich zu spät. Die Wogen der von ihm nie gewollten Revolution fegte in wenigen Tagen alles hinweg. Chaos drohte. Als einer der ersten stemmte er sich ihm mannhaft entgegen. Dem Geschichtsforscher bleibe es überlassen, zu untersuchen, welch überragenden Anteil er an der Wiederherstellung der Ordnung durch die Mitarbeit an der Ermöglichung der Einberufung einer Nationalversammlung vor und mit den übrigen damals Tätigen hat. In Weimar selbst erwies er sich als der große katholische Staatsmann, der aus den Tiefen feiner christlich-religiösen Weltschau nicht nur die Kraft zum Handeln, sondern auch die Richtung des Handelns, als er getreu feinem volk- haften Denken in dem Kampfe um die Grundlagen und das Grundgesetz des neuen Staates zufamen mit feinen politischen Freunden zäh und nicht ohne Erfolg daran arbeitete, das zu schaffende Werk zu gründen auf den einzig dauernd haltbaren Grund des alles umfassenden und auch das Gegensätzliche in höherer Einheit zusammenführen, den und ausgleichenden christlichen Gemeinschaftsgedankens Daß so der Weg frei gelegt wurde, um das ganze Volk zur sittlichen Staatsgemeinschaft langsam emporführen zu können, das ist das Groß« aus jenen Tagen und an jenem Werk. Und wie hat er in Weimar um die Einheit des Reiches gerungen, da sie auseinanderzufallen drohte! Durch vier starke Klammern in der Vereinheitlichung der Verfafsung, des Verkehrs, der Finanzen und des Heeres hat er dem deutschen Volke nicht als „Reichs- und Volksverderber" sondern als Retter in höchster Not die staatliche und damit die freilich zunächst nur äußere Einheit als Staatsvolk —1 innere Einheit läßt sich nicht machen, muß von unten herauf werden — gesichert.
Wie wohl fast alle Deutsche in der Vorkriegszeit, hielt auch Erzberger eine glänzend ausgebaute Wehrmacht zu Wasser und zu Lande für die beste Sicherung einer friedvollen Entwicklung unseres Volkes. Ganz selten nur hat er sich daher den Forderungen der Herren vom Militär und von der Marine nach Ausbau derselben widersetzt, im Gegenteil eifrig daran mitgearbeitet zur restlosen Zufriedenheit jener. Auch noch in den ersten Kriegsjahren war er diesbezüglich starker Optimist; hier und da hat auch er damals von an« nexionistifchen Eroberungen gesprochen. Als Leiter der amtlichen Propagandastelle unterließ es nichts, um im Auslände für die deutsche Sache, von deren Gerechtigkeit er immer überzeugt war, zu werben und aufklärend zu wirken. Den Sieg der deutschen Waffen hielt er für sicher, bis er dann im Frühjahr 1917 nach einem informierenden Besuch bei dem damaligen General« stabschef von Oberost sein politisches Damaskus erlebte. Hier wurde es ihm klar: ein Sieg unserer Waffen und damit ein Siegfrieden ist nicht mehr möglich; auf einem andern Wege müssen wir je schneller und früher desto besser zu einem gün- stig-glücklichen Abschluß des Riesenkampfes kommen. Und mit der ihm eigenen Zähigkeit und Stetigkeit und Derbheit setzte er sich jetzt überall hier- ■fur ein ohne Scheu vor Kämpfen und persönlichen Schädigungen und auch Verleumdungen und schmutzigen Verdächtigungen. Hierbei bewies er.
Das kalte Nest.
Roman von Lisa Barthel-Winkler.
20] ---------
„Ach Quatsch! Machen Sie sich man keine Kopfschmerzen, Fräuleinchen. Ich will nich in Ihr Bertrauen dringen. Aber wat ick jesagt habe, hab ick gesagt. Schlafen Sie sich mal bei mir zu Hause aus. Und morgen sicht die Welt ganz anders aus. Wenn Sie mitwollen, müssen wir hier tum!"
Hedwig kämpfte mit sich
Wohin?
Hatte sie es nicht noch eben an der Brücke gedacht? Und kam da dieser spaßhafte Rettungsengel mit dem Riefenregenschirm nicht wie gerufen? Trotz ihres Kummers konnte sie sich des erheiternden Gedankens nicht völlig erwehren: wie sonderbar das Schicksal spielt.
„3a, Frau Speck. Wenn Sie mich haben wollen, aber Ehrlichkeit gegen Ehrlichkeit: ich habe nicht einen Pfennig Geld. Ich habe alles zu Hause liegen lassen. Ich bin einfach — fort!"
„Na, sehn Sie! Die Erde hat mir wieder — und die Glocken läuten! So is es woll? Ohne Ield kann man ebenso ruhig schlafen. Ich weiß das. Fräuleinchen, seien Sie nur nich zimperlich! Ich hab' es jewußt — ich wer' heut noch eine Seele retten! Meine Freundin, was die Spillerichen is, und die mir meinen Herrn versorgt, die is Kartenlegerin. Die wohnt unter mir, und die hat's mir vorgestern abend jesagt. „Klementine," hat sie gesagt, „Klementine, du wirst eine Seele retten!" Recht hat sie gehabt, wenn sie auch der Fräulein Mayer einen Witwer mit drei Kindern geweissagt hat, und nu is es bloß ein Schlächtermeister, der wo noch gar nicht verheiratet war. Also kommen Sie — hier sind wir! Drei Treppen. Warten Sie, ich will aufschliehen — so! Und nu rin ins Vergnügen!"
Qualen der Hölle.
Fahl, mit überwachtem Gesicht, klopfte am Morgen gegen sechs Uhr Hanns Herbert an die Tür feiner Mut
ter. Erst nach einer Weile kam von drinnen ein erschrecktes „Ja!"
„Mutter, darf ich hinein?"
„Ist etwas ... ja, komm!"
Er klinkte die Tür auf.
„Knipse das Licht an, Hanns Herbert. Ist etwas vorgefallen? Ich schlief noch fest —"
Er ließ die kleine Tischlampe auf flammen; der Leuchter an der Decke war der Mutter zu grell.
„Verzeih, daß ich dich störe. Ich habe die ganze Nacht kein Auge geschlossen — Hedwig ist noch nicht hier!"
Frau Else schlug die Hände zusammen.
„Das ist ja unglaublich!"
„Ich werde den Gedanken nicht los, daß ihr ein Unglück begegnet ist."
„Ich glaube eher, lieber Junge, daß ihr Trotz sehr böse Formen anzunehmen scheint! Sie wird bei Ihren Eltern hocken und sich über dich und auch mich beklagt haben."
Er sprang von dem Bettrand, auf dem er sich niedergelassen hatte, auf.
„Das ist ein Gedanke! Daß ich darauf nicht ge- kommen bin! Sofort werde ich zu Maylands gehen! Und treffe ich sie dort nicht" — gepreßt senkte er den Kopf — „dann wende ich mich an die Polizei. Ich halte diese Ungewißheit nicht mehr aus!"
„Es ist jedenfalls eine namenlose Rücksichtslosigkeit von Hedwig, dir und mir solche Aufregungen zu bereiten!" sagten Frau Else. „Gut, geh mein Junge, damit du dich beruhigst, und schick mir Minna mit meinem Kaffee! Ich bin ganz zerschlagen! Sie soll mir ein Ei mehr kochen, aber nicht über vier Minuten!"
Stumm nickte Hanns Herbert, küßte ihr die Hand und ging.
Seufzend sank Frau Else in die Kissen zurück. Das war eine böse Nacht, die hinter ihr lag. Viertelstunde um Viertelstunde hatte sie den tiefen, nachschwingenden Klang des Gongs gehört und die Uhren der drei benachbarten Kirchen.
Pong — pong — pong —4
Da fchlugs schon wieder - ■ i
Frau Else griff nach dem Herzen — Gott fei dank, daß es Tag wurde, daß die dummen Gedanken der Nacht verflogen. Ach, man wurde doch langsam eine alte Frau.
♦
Das Haus war bei Maylands noch nicht aufgeschlossen.
Ungeduldig schritt Hanns Herbert auf und ab. Jede Minute, die er verlor, drückte ihn mit Zentnergewichten. Immer wieder tauchte Hedwigs blasses Gesicht vor ihm auf, als er am gestrigen Mittag gegangen war.
Ein Bäckerjunge strolchte pfeifend an ihm vorüber. Da und dort raffelten Schlüssel in den schweren Haustüren.
Unbegreiflich war das alles, liebte er sie nicht? Hatte er ihr bas nicht hundertmal, tausendmal in die kleinen Ohren geflüstert? Hegte er nicht die besten Absichten, ihr ein sorgenfreies, behagliches Dasein zu bereiten? Nein, er verstand sie nicht, verstand nicht, wie sie ihm das antun konnte.
Endlich schloß es auch im Maylandschen Haus, und Hanns Herbert stürzte am Hauswart vorüber, nahm mehrere Stufen auf einmal und stand atemlos oben auf dem Treppenabsatz.
Hastig klingelte er zweimal.
Drinnen schlurfte ein Schritt; die Tür öffnete sich ein Spältchen und Frau Mattas noch ungepflegter Kopf steckte sich heraus.
„Hanns Herbert! Um Gottes willen, was ist denn los?"
Er preßte die Fingernägel in die Handflächen.
„Ist — Hedwig bei euch?"
Frau Maria schrie auf.
„Hedwig?"
„Ja. Sie ist gestern nicht nach Haus gekommen."
„Sie ist — gestern — nicht — nach — Haus —" stockte Frau Maria.
Hanns Herbert nickte.
„Warte mal," sagte sie und angelte mit der Linken nach einem Umschlagetuch am Flurhaken. Sie war noch nicht, vollkommen angekleidet. „So — nun tritt ein und fetz dich bitte nach vorn in die Stube. Ich
werde gleich mit Vater kommen. So eine Geschichte! So eine Geschichte!"
Unaufhörlich schüttelte sie den Kopf.
„Ich bleibe nur einen Augenblick!" hetzte Hanns Herbert. „Ich will gleich zur Polizei."
„Polizei!" kreischte sie auf. „Nein, die Schande! Di« Schande! Wie konnte sie nur! Wo sie einen so verständigen Mann hat und so im Vollen sitzt! Wo sie so gut versorgt ist! Vater, schnell! — Hanns Herbert ist da — die Hedwig ist die ganze Nacht nicht nach Haus gekommen!"
Ihre Knie ziterten heftig; sie mußte sich setzen. Unter dem langen Umschlagetuch lugten Nachtjacke und Unterrock hervor.
Der alte Mayland stolperte eilig in seinem alten Hausanzug und Pantoffeln über die Schwelle.
„Was sagst du da?"
„Ja. Hedwig ist gestern nachmittag fortgegangen und seitdem nicht nach Haus zurückgekehrt. Ich bin in der größten Besorgnis!"
„Und wir haben ihr noch zugeredet, sie solle doch wieder umkehren!" jammerte die Mutter.
„Ihr habt ihr — zugeredet?"
„Ja doch!! Sie war ja gestern abend hier! Klatschnaß vom Regen, ohne Schirm und mit ’nem verheulten Kopp. Geh' nach Haus, sag' ich ihr; einen besseren Mann als deinen kannst du nicht kriegen! Nein. Sie will hierbleiben. Bei uns. Sag' ich: das können wir deinem Mann nicht antun — nachher kommt er uns auf den Kopf, wenn wir dich in deinem Eigensinn bestärken. Geh nach Hause, bas ist bas Einzige. Da geht sie — ohne guten Tag unb Adchö. Guckt 'n Loch in die Lust. Ich denke, sie besinnt sich und geht nach Haus — das konnte man doch, nicht erwarten!"
„Und ihr habt keine Ahnung, wohin sie gegangen sein kann?"
„Nicht die geringste! Aber wir fragen keine Schuld, Hanns Herbert! Wir haben ihr zugerebei wie ’nem kranken Schimmel! Das konnten wir ja doch nicht wissen, daß es so tief geht!"
Hanns Herbert erhob sich.
(Fortjetzung folgt)