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Beilage z-r Fuldaer Zeitung

7lr. 193

ims

23. August

Gewitter zur Nacht.

Blüht noch das Land unter dem Mond.

Gewitter flügelt am Horizont.

Roter Mohn leuchtet hell.

Guckt der Mond m die Hürden hinein,

Jedes Schäfchen zittert im Mondenschein, Knarren Bäume unter dem Wind.

Ein Sümmchen, verloren, grell.

Vielleicht ein Vöglein, ängstlich im warmen Wehn,

Oder ein kleines Kind?

Weit die Hallen des Himmels stehn, Blitz und Stern, samtene Flamme.

Wo nun Glaube wohnt,

Herr, laß ihn nicht einsam gehn.

Sei du wie Hirte dem Lamme

Im blühenden Land unter dem Mond.

Karl Vogler.

Ostia, ein zweites Pompeji.

Von Friedrich von O p p e l n-B ronikowski.

Seit Jahren wird die Welt durch die Wisderausgra- bung von Ostia überrascht, das zum zweiten Pompeji ge­worden ist, freilich auch zu dessen Gegensatz, denn diese ehemalige Hafenstadt Roms an der Tibermündung war keine weitläufig gebaute Stätte des Lebensgenusses wie die heitere Vesuvstadt, sondern ein auf engem Raume zu­sammen gedrängtes, vom Rhythmus der Arbeit beherrsch­tes Verkehrszentrum, der Umschlaghafen für den Handel mit Afrika, Spanien und Gallien. Hier strömten Men­schen, Götterkulte, Sprachen und Sitten, Waren und Tiere aus allen Breiten zusammen; hier türmten sich im Ring der sullanischen Mauern fünfstöckige Mietskasernen mit Ladenreihen und Straßenbalkonen und gewaltige Speicher mit mehrgeschossigen Arkadenhöfen, welche die Hofanlagen der Renaissance vorweg nahmen. Das alles wirkt um so erstaunlicher, als in Rom selbst bisher nur kümmerliche Reste antiker Privathäuser zu Tage getreten sind und erst neuerdings durch die Ausgrabung des Trajansmarktes etwas Ebenbürtiges ans Licht gekommen ist. Eine besondere Rote erhält der Baustil von Ostia noch durch den vorherrschenden Ziegelbau, der an die nordische Ziegelarchitektur des Mittelalters und der Re­naissance gemahnt. Durch verschiedenfarbige Ziegelstrei­fen erhielten die Gebäude ein polychromes Aussehen; selbst Säulenknäufe und Sockel sowie andere Architektur­stücke wurden teils in Kunstziegeln hergestellt. Tempel Bäderanlagen und andere öffentliche Gebäude prangten zwar, namentlich in der Kaiserzeit, in weißem und bun­tem Marmor oder in goldgelbem Travertin, der noch heute den Bauten Roms seinen warmen Ton gibt, aber im ganzen blieb doch der Ziegelbau vorherrschend. Einen eigenen Stil der Wandmalerei, der antiken Tapeten, hat Ostia zwar nicht gezeigt, wohl aber eine lebhafte, ländlich derbe Mosaikkunst, deren Darstellungen sich natürlich vor­wiegend auf Meer und Schiffahrt, Hafen- und Handels­verkehr beziehen.

So muß Ostia trotz seiner Enge und seiner hohen Häuser in der Kaiserzeit ein farbenbuntes, lebensfrohes Bild geboten haben. Lange Säulenstraßen, Portiken, Brunnen mit sprudelndem Wasser gaben dem Stadtbild etwas Festliches, und am Ende der Straßenzeilen blinkte der Tiber auf, öffneten sich große Hafenbecken, mit bunten und weißen Segeln bedeckt, oder das blaue Meer, und um den Mauergürtel schlang sich ein Kranz heller Villen in schattigen Gärten.

Dies Leben und Treiben steigt jetzt aus den Trüm­mern wieder auf. Seinen Mittelpunkt bildete eine große Handelsbörse hinter dem Theater, ein von Säulenhallen umgebener Hof mit 60 abgetrennten Räumen, größten­teils für die Handelsagenturen der Städte, mit denen Ostia im Seeverkehr stand. Die Firmenschilder sind vielfach in den Mosaikfußboden eingelassen. Richt minder modern wirken die riesigen öffentlichen und privaten Speicherbauten, eine Großbäckerei, die erste in ihrer Art, die staatliche Kaserne der Feuerwehr und Polizei und ein vornehmes Restaurant mit mehreren Triclinien, re­servierten Speisezimmern. Natürlich gab es auch zahl­reiche Garküchen, wie sie berits, obwohl nicht in solcher Menge, in Pompeji gesunden wurden, und mehrere

große Bäderanlagen, die vom antiken Leben unzertrenn- sind.

Roch merkwürdiger aber ist die Organisation der Be­hörden und der Arbeit. In Ostia herrschte nicht das Durcheinander eines modernen Levantehafens, sondern römische Ordnung. Rach dem Vorbilde der Hauptstadt hatte es zwei höchste Beamte (Duoviri), einen Senat (Securiones) und Volksversammlungen. Es hatte be­sondere Vorsteher (Curatores) der öffentlichen Arbeiten und des Wasferbaus, des Stadtarchivs und der öffent­lichen Urkunden (Tabulae et Libri), der Getreideverfor- gung Roms (Annona), sämtlich mit einem Stabe von Unterbeamten. Und alle diese Beamten waren genossen­schaftlich organisiert. Ebenso die Gewerbe der Dock-, Werst- und Magazinarbeiter, der Schisser und Lastträ­ger, die ihre selbstgewählten Meister (Magistri) hatten, der Reeder, Kaufleute, Spediteure und Agenten auslän­discher Firmen, sogar der Taucher.

Die Straßenzüge blieben freilich unregelmäßig, wie sie entstanden waren, wenn auch die einzelnen Häuser­blocks (Jnsulae) regelmäßige, rechteckige Gestalt hatten. Nur die beiden Hauptstraßen des ursprünglichen Mili­tärlagers, der Decumanus und der Cardo, die sich recht­winklig schnitten, setzten sich, teils als Säulenstraßen, durch die ganze Stadt fort und zerlegten sie in vier „Regionen", zu denen als fünfte noch die City, die Um­gebung des Kaiserforums, trat, die Stätte der um 335 v. Ehr. gegründeten Milüärkolonie, der ältesten Roms. Der jetzige Ausgrabungsleiter, Guido Calza, hat die sau­ber gefügten Tuffmauern und Tore dieses Geviertes von 120:240 Metern kürzlich wieder aufgsdeckt.

Calza veröffentlichte schon 1926 ein inhaltsreiches klei­nes Buch über Ostia. Vor kurzem hielt er in Gegenwart des italienischen Botschafters einen Lichtbildervortrag über den Stand der Grabungen in der Berliner Ar­chäologischen Gesellschaft. Eine seiner vornehmen Auf­gaben war die Erhaltung der freigelegten Reste. Er hat Säulen und Gebälkstücke wieder aufgerichtet, die eigenartigen Straßenbalkone befestigt, das arg zerstörte Theater mit neuen steinernen Sitzreihen versehen, so daß alle Elemente der Anschauung für den Besucher gesichert sind.

Der Untergang Ostias begann mit der Teilung des römischen Reiches. Die öffentlichen Bauten verfielen. Die Tempel wurden beraubt oder zerstört, in den Ther­men und im Theater Tote begraben. Die Völkerwande­rung vollendete die Zerstörung. Die große Handels­stadt sank zum elenden Nest herab, dessen Bewohner durch Salzgewinnung und Salzhandel ihr Dasein friste­ten, stets bedroht vom Fieber und von Seeräubern. Erst im 15. Jahrhundert wurde der Ort ummauert und mit einem Turm bewehrt, an den sich bann das trotzige Ka­stell Giulianos della Rovere, des späteren Papstes Ju­lius II., anlehnte. Das neue Königreich Italien begann mit der Wiederurbarmachung der versumpften Niederung. 1918 wurde mit der Ausgrabung der antiken Stadt an- gefangen, die durch einen Wechsel des Überlaufes im 16. Jahrhundert teils zerstört, teils in Schlamm begra­ben war. Heute verbindet eine elektrische Bahn Ostia mit Rom, und neben den Trümmern großer Vergangen­heit erblüht ein Seebad, in dem die Römer zur hei­ßen Jahreszeit Kühlung suchen.

Das Land der tausend Metze.

Eine Spreewaldskizze.

Cs ist nicht ganz leicht, jemanden, der den Spree­wald nicht kennt, einen anschaulichen Begriff von dieser eigenartigen Landschaft zu geben. Gerade deshalb, weil es sich hier im wahrsten Sinne des Wortes um eine Landschaft handelt, d. i. um eine Verbindung von Natur­elementen, deren jedes für sich keineswegs etwas Be­sonderes an sich hat, die nur im Zusammenwirken den einzigartigen Landschaft-charakter ausmachen. Daher ist es auch kaum möglich, durch bildliche Darstellung, etwa durch Ansichtskarten oder Photographien, einen Begriff vom Spreewald zu vermitteln; man kann da­durch vielleicht einen einzelnen Flußlauf, ein Stück Wald oder Weideland, ein charakteristisches Gehöft, auch wohl einen Bewohner in seiner malerischen Tracht auf­nehmen, aber es fehlt der in diesem Falle unentbehr­liche Gesamtbegriff. Fast alle Besucher, die den Spree­wald zum ersten Mal sehen, erklären denn auch, daß sie ihn sich so nicht vorgestellt hätten, und meist sind sie nicht enttäuscht, sondern fühlen sich in ihren Erwartungen übertroffen, so stark wirkt auf sie die naturhaste grandiose Kombination all der Einzeldarstellungen, die sie gehört ober gesehen haben.

Es ist ein ganz fremdartiges Leben, das sich dem Be­sucher im Spreewald austut. Man bedenke doch: die tausend und mehr Spreearme — Fließe hei­ßen sie im Munde der Einheimischen —, die in 30 Kilo­meter Länge und zehn Kilometer Breite sich wie die Fäden eines Spinnennetzes verteilen und unentwirrbar kreuz und quer laufen, sind wie ein Labyrinth, in dem sich der Ortsunkundige unfehlbar verfängt, so daß er nicht mehr aus- und ein weiß; schier unmöglich' ist das Eindringen fremder Elemente — ein Bettler, der vor einigen Jahren in dem Spreewalddorf Lehde erschien, erregte eine Sensation —, feine Bahn ist denkbar, fein Auto, fein Wagen findet eine Straße, ja, nicht einmal ein Motorboot darf diese zum Teil flachen Wasserstraßen benutzen; die Technik bleibt jenseits, nur das mit dem Ruder vorangestoßene flache Boot, lautlos dahingleitend — nicht einmal das Plätschern des Ruders hört man ja — führt durch dieses Land. Noch vor einigen Jahr­zehnten lag es so abgeschlossen gegen die übrige Welt wie eine Insel tm Weltmeer. Alte Spreewälder erzäh­len, daß man im Spreewald vor rund einhundert Jah­ren von dem Siebenjährigen Krieg, der zwischen Preußen und Oesterreich geführt wurde, nur dunkel raunen hörte, obgleich die Truppen in 20 bis 30 Kilometer Entfernung

vorbeimarschierten und die Kanonenschläge der Schlacht bei Kunersdorf vernommen worden sein sollen. Und während der napoleonischen Kriege sollen die Franzosen einigen Freischärlern nachgesetzt sein, die inmitten der vielen Spreearme sicherer als in einer Festung waren; sie sollen nach kurzem Vormarsch es vorgezogen haben, das ihnen unheimliche Gebiet schnell wieder zu verlassen. Es gibt im Spreewald neunzigjährige Greise, die ihn nie verlassen haben, die keine Eisenbahn kennen und die ungläubig zuhören, wenn man ihnen von all den Märchen moderner Technik erzählt. Aber sie müssen es ja jetzt schließlich doch glauben. Denn ein Verkehrsmittel, dem durch kein Wasser der Weg zu verlegen ist, das Flugzeug, schen auch sie über ihrer Heimat schweben; schier unheimlich schnurrt der Propeller über der stillen Landschaft, die nur den Ruf eines Vogels kennt und das Sausen und Rauschen des Windes in den unzähligen Wipfeln oder in dem hohen, raschelnden Gras.

Diese völlige Stille gehört zum Eindrucksvoll­sten, was der Speewald zu bieten hat. Die Wasserläufe stehen still, dunkel ruht das Wasser über dem zuweilen sichtbaren Grund, kein Plätschern einer Welle oder einer Flußschnelle, keine Bewegung ist zu merken. Kein Zu­ruf irgendwo, der einem Zugtier gilt, kein Rattern eines Wagens. Auch die Bewohner sind in diesem schwei­genden Lande schweigsam geworden, sie arbeiten ohne laute Worte, sie fahren ihre hoch mit Heu beladenen Kähne mittels lautloser Stöße aus den festen Unter­grund der Flußläufe, unsichtbar hinter dem Heuhaufen stehend, und wenn vorn auf dem Fahrzeug ihre Frauen sitzen, so kauern sie, unter ihre Haube geduckt, unbeweg­lich wie geschnitzte Standbilder am Bug einer alten Galeere. Als befänden sie sich in immerwährendem Sin­nen — so wie die dunklen Wasserläufe immerfort zu sinnen und zu träumen scheinen.

Die Erle ist der charakteristische Baum des Spree- waldes. Hinter dem Uferschilf erheben sich die schlanken Stämme, aus dem wirren, verschlungenen Knieholz her­aus, nach dem Hintergründe zu sich zu einer dichten, un­durchdringlichen Mauer zusammenschließend, die jede Aussicht verwehrt. Ja, hier begreift man Goethes „Erl­könig", hier raunt noch jene geheimnisvolle Stimmung, die Geister und Kobolde, Nixen und Elfen sehen zu können vermeint. Und wenn dann mitunter ein aufge­scheuchter Vogel mit schrillem Kreischen aus seinem Horst

Die Augen des unbekunnken Soldaten.

8] Roman von Paul Edmund von Hahn.

Codvright bv Knorr und Sirtb. G.m b.S., München.

Maria sah ihm nach, wie er mit wackelnden Schrit­ten der krummen Beine um die Ecke bog, und lächelte ein wenig schmerzlich. Sie mußte an jene einfache Frau denken, die ihr am Tage ihrer Flucht aus dem Institut die halbe Zigarette angeboten hatte. Dieser Tag war ihr so fest als Ausgangspunkt ihres jetzigen Lebens ins Gedächtnis geprägt. — Wie damals dachte sie: Wie schön es diese einfachen Menschen haben. So wenig und so Einfaches erstreben sie. Sie sind stark darin!

Dann aber wandte sie sich kurz ab und riß den Hörer des Tischtelephons hoch. Sie mußte den Eindruck dieses Besuches und alle die, wie sie dachte, unnötige und schwächliche Rührseligkeit besiegen. Palkin, mit dem sie sich verbinden»ließ, kannte ihre Stimme zu gut, um nicht die nervöse, kämpfende Erregung zu erkennen, die darin schwang. Maria preßte wütend den Hörer. Sie haßte diesen Schwächling, den sie aus den Händen seiner eige­nen Soldaten während des Straßenkampfes retten mußte — und der nur dann zu feinen rohen Gewaltmaßnahmen fähig war, wenn er andauernd unter der Wirkung eines Rauschgiftes stand. Sie haßte ihn auch, weil sie wußte, daß er sie auf Schritt und Tritt mit feiner felbftquäleri- schen Eifersucht verfolgte.

Palkin fragte mit hämischer Liebenswürdigkeit: „Sie sind offenbar nicht ganz wohl? Darf ich Ihnen vielleicht ein wenig weißes Pulver bringen? In guter Gej-Ü- fchaft erhebt man sich noch leichter über das schmutzige Fleisch, um mit Ihnen zu sprechen, verehrte Kollegin!"

Maria hob den kleinen Tischapparat und stieß ihn so heftig gegen die Tischplatte, daß die Glocken grell aus­klangen. Jrn Vorzimmer horchten die Soldatinnen er­schreckt auf. Wenn die Kommandantin solch eine Stimme hatte, war es besser, ihr nicht in den Weg zu treten. Die Worte konnten sie nicht verstehen.

„Ich glaube, Ihnen genügend oft bewiesen zu haben, Palkin, daß ich keine Frau bin. Lassen Sie mich endlich

in Ruhe mit diesem faden Geschwätz! Was wäre diese Bude hier ohne mich?"

Palkin kicherte als Antwort in den Apparat: „So ist es recht, so ist es recht! Aber ich habe ja nur gefragt, ob Sie unwohl sind, da Sie es vorziehen, sich mit alten Bürodienern über Erbauungs- und Gebetbücher zu unter­halten, statt die Gefangenen zu verhören, die ich mir erlaubt habe, Ihnen zuzuweisen. Aber bitte, bitte, ganz nach Ihrem Geschmack. Kindheitserinnerungen sind ja auch sehr schon — besonders für die Kommandantin Ma- rufia!" -

~ Maria antwortete nicht mehr. Sie senkte langsam den Hörer in der getrumpften Hand und murmelte: „Spinne!"

Dann griff sie hastig mit zitternden Fingern nach der kleinen Dose, die vor ihr auf dem Tische stand, und nahm eine Prise Kokain. Langsam schlossen sich ihre Hände über der Dose, sie sank auf den Sessel zurück, streckte die Beine weit vor; ihr Blick wurde glänzend; die starre Pupille schien ein fernes Bild zu suchen. Selt­sam zuckten die scharfen Lippen in dem bleichen Gesicht. Jäh durchfuhr es sie. Angespannt hing ihr Blick an einem kleinen, hellen Fleck auf der dunklen Tapete. Sie beugte sich vor. Ein irres Lächeln sprang über ihre Züge. Sie murmelte: „Ja, so sahen sie aus. Aber wen sahen sie, diese Augen? Lächelte er über mich, oder gibt es wirklich ein Bild, das in sterbenden Augen so schon ist?"

Plötzlich schrie sie auf: „Warum starb dieser unbe­kannte Soldat so schnell? — Bevor ich ihn fragen konnte!" Böse verzogen sich ihre Mienen. Eigensinnig stampfte sie auf: „Die Spinne hat recht, es gibt ja genug Lebende noch zu fragen. Soll er allein diese" — sie lachte grell —, „wie sagte dieser unbekannte Soldat das? — Liebe und Heimat —in den Augen haben? Ich werde andere Augen finden. Aber die werden es mir sagen

müssen, was es ist, um diesen Blick beim Sterben! Plötz­lich trommelte sie mit beiden Fäusten auf den Tisch. „Ich habe nicht seine dumme Sehnsucht in den Augen gesehen — meinen eigenen Sieg habe ich darin gesehen, bas ist es!" Sie senkte bas Haupt unb schloß bie Lider. Ganz leise fügte sie hinzu: „Und das werde ich immer wieder sehen."

Suchend irrte ihr Blick über den Schreibtisch. Mit hastiger Hand griff sie nach einem Blatt Papier, auf welchem eine lange Reihe von Namen verzeichnet war. An dreien davon stand mit Rotstift der Vermerk: Kom. Maria Rukow!

Die Klingel im Vorzimmer schrillte.

Maria bedeutete der eintretenben Solbatin: „Melden Sie unten, daß man die nächste Nummer zur Verneh­mung vorführen möge, ich komme sofort!"

Die Ordonnanz entfernte sich, und Maria setzte ihre Uniformmütze auf und steckte den Browning in die Außentasche ihrer Lederjacke.

Aus ihrem Wege über die Stiege zu den Kellern grüßte man sie mit furchtsamer Achtsamkeit. Hinter ihr aber flüsterte es:

„Die Marusia geht zum Verhör — da knallt es sicher wieder!"

IX.

Dor dem Kommissar Polkin stand her Tatare Tejrik, der Mann, von dem alle Welt wußte, daß er Polkins bester Spürhund und in verschiedenster Verkleidung un- müdlich auf der Suche nach neuen Opfern der Tscheka war.

Jetzt fletschte er die schadhaften gelben Zähne und beendete flüsternd seinen Bericht: „Dieser Letzte — der kriegsgefangene deutsche Offizier — ist nicht auf den Leim gegangen. Wir haben ihm auch so einen Brief zugesteckt — Herr Kommissar wissen schon —, so eine Mitteilung von weißen Offizieren, daß die Kommandan­tin Rukow als Tochter des Obersten vertrauenswürdig ist — und als Dame zu behandeln — als schöne Frau!"

Tejrik grinste und verfiel allmählich in feine hei­matliche Sprechweise: „. . . Jetzt fragte sie ihn schon eine halbe Stunde aus und will nicht glauben, daß er richtige Papiere hat, well er Russisch kann. Das ist

auffährt, dann ist es wie eine Klage und ein Wehruf, daß der Mensch diesen geheimnisvollen, seierlichen Frie­den der Natur zu stören wagt.

Zwei Boote begegnen sich. Vielleicht sitzen in beiden Ausflügler, Fremde drin. Was soll man ma­chen? Soll man grüßen, soll man sich etwas zurufen? Man hat ein Gefühl, als wenn man auf dem weiten Weltmeer unverhofft einem Kameraden begegnet; man kann hier in dieser Einsamkeit nicht so aneinander vor­über, wie tm Menschengewühl der Straße, und so grüßt man, nickt einander zu, bestätigt sich, daß es „schon" sei, und schon gleitet das Boot lautlos weiter.

Nun sieht man links unter großen Bäumen ein Schilf­dach stehen. Der Fluß weitet sich zu einer Bucht — dem Hafen des Gehöftes. Je nach der Große desselben stehen mehrere.Kähne im „Hafen", an Pflocken angebunden. Arbeitskähne und bessere, schönere, die zur Ausfahrt am Sonntag, zu Besuchen, Hochzeiten und Taufen dienen. Und immer mehr Buchten kommen, rechts und links zweigen sich Wasserläufe ab — wir sind in einem Dorf. So wie anderswo die Straften in einem Dorf zusam­menlaufen, so hier bie Wasserwege. Um auch nur zum Nachbarn zu gelangen, mutz man in ben Kahn steigen und diesem mit dem Ruder ein paar Stöße geben, zum eigenen Garten hin braucht es vielleicht einer Fahrt übers Wasser. Sehr viel begangene Pfade sind wob! auch durch Ueberbrütfung der Wasserläufe gangbar ge­macht. Treppen wie zum oberen Stockwerk eines Hauses führen zu diesen Brücken; denn sie müssen hoch angelegt sein, damit unter ihnen auch hochbeladene Lastkähne hindurchfahren können. Besonders die Pfade zur Kirche sind gangbar gemacht, denn die Spreewälder sind fromm, und der sonntägliche Kirchgang ist bei ihnen aus alter Ueberlieferung noch eine geheiligte Pflicht. Inmitten des Dorfes, auf der größten zusammenhängenden Fläche, steht die Kirche, umgeben von dem Friedhof, auf dem die Toten, nachdem noch ihr letzter Weg sie übers Wasser geführt hat, ihre letzte Ruhestätte finden. Es muß sich gut ruhen inmitten dieser stillen, unberührten, gott- nahen Natur!

Einen anderen Charakter weist der Unterspree­wald auf. Nicht Wälder sind für ihn das Charakteristi­sche, sondern Gras- und Weideflächen, die nur hie und da einmal von Gebüschen und Baumgruppen unter­brochen werden. Weit schweift der Blick über das wo­gende, nickende Gras; wie eine unabsehbare, ebene Fläche mutet es an. Flirrendes Sonnenlicht darüber, zahllose Bienen, Hummeln, Libellen, Schmetterlinge. Aber auch diese Fläche ist von Wasserarmen kreuz und quer durch­zogen, wie man an den ragenden Brücken ober ben hohen Heuhaufen, bie gespenstisch durch die ferne Gras­steppe gleiten, erkennt.

Ist es mir gelungen, einen halbwegs anschaulichen Begriff von diesem Lande zu vermitteln? Ich wage es nicht zu behaupten. Wer es aber einmal gesehen und durchstreift hat, der wird für alle Zeit das Bild einer großen Stille und eines wundersamen Naturfriedens in sich tragen — er muß sich nur nicht auf die üblichen „Fremdenverkehrsstraßen", bie es jetzt auch schon im Spreewald gibt, beschränken.

Goliath.

Von Arthur F. Fischer.

Wie ein Turm stand der riesenhafte Gepäckträger Nr. 23 neben dem Bahnhofseingang. Solche Schultern muß­ten spielend alle Lasten bewältigen. Und in dem gesun­den roten Gesicht drückte sich denn auch die Zufrieden­heit eines Menschen aus, der auf dem rechten Platz steht.

Eben schickte sich der große Mann an, mal in die Bahnhofshalle hineinzugucken, da keuchte aus der Halle ein schmächtiger, kleiner Herr heran, der schwer an ei­nem Koffer schleppte. Die Schweißtropfen standen ihm auf der Stirn. Der Riese sah ihm fast belustigt zu, da stellte der Reisende den Koffer hin, nahm den Hut ab und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

„Ich schaffe es doch nicht", murmelte er „He", rief er bann den Träger an, „wollen Sie so gut sein? Erst

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Pech. Wenn Kommandantin Deutsche sieht, wird immer ganz wild und verlangt, sie sollen ihr erklären, wieso deutsche Soldat, was sie erschoß, sterbend von Heimat sprechen konnte und so Augen gehabt hat mit Lächeln darin — so sagt Komarnndantin. Ist immer sehr schreck­lich bann — sehr fein!"

Polkin zerknitterte bie lange Zigarette in ben gelben Fingern: „Unb heute?"

Der Talare beugte sich eifrig vor: „Darum bin ich gekommen. Heute ist Sommanbantin noch komischer — unb biefer Deutsche ist anders wie sonst Gefangene — sehr ein komischer Mann. Hat immer von Recht geredet unb von Pflicht unb sonst so Blödheiten. Hat gesagt, daß er wolle zu Weihnachten in seiner Heimat fein.* Tejrik bog sich vor Lachen.

Polkin schien etwas babei nicht zu gefallen. Er fragte mit gefurchter Stirne: „Unb bie Kommandantin?"

„Kommanbantin hat erst gelacht, bann zu schrecken versucht, unb wird jetzt langsam ganz verrückt — springt, schreit —, aber läßt nicht schießen!"

Polkin griff nach dem Revolver auf feinem Schreib­tisch unb wandte sich der kleinen Wandtüre zu, die auf eine Wendeltreppe hinausging. Die früheren Besitzer des Hauses, einer Weingroßhandlung, mochten hier die speziellen Probeflaschen für ben Chef aus dem Keller geholt haben. Polkin hatte ben Verschlag, in welchen die Wendeltreppe unten mündete, verschließen lassen und hatte sich hier durch feinen getreuen Tejrik einen gehei­men Beobachtungsstand erbauen lassen. Da waren in die Mauer des Vernehmungskellers schmale Locher hoch oben gebohrt, durch welche bas Bitt» ber Vorgänge im Keller auf bie Spiegel eines verstellbaren Periskopes fiel. Mikrophone erlaubten es, jedes Geräusch abzuhören.

Polkin trat auf bas kleine Podest unb beugte sich gierig über das Spiegelbild, während Tejrik ihm bie Kopfhörer umhängte.

Das Verhandlungsbild war wie gewöhnlich sonst: Der kleine Protokolltisch mit der Lampe, dahinter die Ser- geantin Awuscha mit der Hand am Drehhebel des starken Scheinwerfers, ber auf ein Zeichen der Verhörenden ungebärdigen Verhafteten in bie Augen blenMe, 'daß