Beilage zur Fuldaer Zeikung
Nr. IST
MUS
15. August
Spütsommerzett.
Von Franz Cingia.
lind wieder schließt die Zeit Das Tor des Sommers 311. Schon wandelt nah und roeit Das Leben in die Ruh.
Wir blicken ernst und bang Der Welt ins Angesicht. Und fühlen, daß ein Klang Uns wiederum zerbricht.
Und wunderzart entschwebt Der letzte Rosentraum. Und stille Trauer webt Ein Leid um Busch und Baum.
Deutsche Kleinstadt.
Von F. Schrönghamer-Heimdal.
Immer wieder berückt und beglückt mich der Zauber der deutschen Kleinstadt, mag es Rothenburg sein oder Dinkelsbühl, Abensberg oder Wasserburg oder sonst ein verlorenes Nest in deutschen Landen, das der „Fortschritt" des letzten Jahrhunderts nicht berührt hat.
Die Eisenbahn führt fern von den Toren draußen vorbei. Selten rattert ein Kraftwagen über den Markt, hält kurz an und rast wieder weiter: Flucht der unsteten Zeit vor einem Jahrtausend der Stille. Aber Erntewagen schwanken — welch wundervoller Gegensatz — durch die gotischen Torbogen alter Patrizierhäuser, Gänsescharen schnattern durch die von hohen Giebeln beschatteten Gassen, Kinder tollen barfuß und hemdärmelig wie auf den Dörfern draußen, Mädchen plaudern am Marktbrunnen wie zu Spitzwegs Zeiten.
Breit und behäbig, ein barocker Prachtbau, tritt das Rathaus bis in Marktes Mitte, allen sichtbar als Stirn der Stadt und Heger des Gemeinwohls. Und die darüber beraten, arbeiten heute in Hemdärmeln in den offenen Werkstätten der schmucken Bürgerhäuser, die sich um das Rathaus reihen wie die Hennen um den Gockelhahn: der Lebzelter, der Weißgerber, der Wein- schenk, der Zinngießer, der Kupferschmied. Am andern Ende des Platzes, dem Rathaus gegenüber, weist ein zu Stein gewordener, gewaltiger Finger mitten in den hellen Himmel hinein, der Turm der Stadtpfarrkirche, den Bürgern allezeit ein milder Mahner an die ewigen Worte und Werte. Denn hier ist dem Herzen der Stadt eine Stätte bereitet. So bewegt sich das Leben der Bürger zwischen Hirn und Herz, zwischen irdischem Wohl und göttlichem Gut: Rathaus und Kirche — Sinnbilder sind hier Wirklichkeiten geworden, aber diese Wirklichkeiten wirken schon wie Sinnbilder, so ehrwürdig, väteralt und unwirklich scheinen sie dem Fremden, der aus anderer Umwelt kommt.
Dem Bürger der Kleinstadt ruhen diese Wirklichkeiten in festen Grenzen: Tore und Türme, Stadtwall und Wehrgraben bezirken sein Gewese, aber sie beschließen es nicht. Denn vor den Toren liegen ihm Wiesen und Felder, Wälder und Weiden, wölbt sich der Himmel über den Fernen des Vaterlandes. Der Bürger der Kleinstadt ist Bauer geblieben, er wurzelt noch in der Scholle und kennt ihr Gebot wie ihren Segen. Sie macht sein Gewerbe unabhängig von der Sorge ums Brot, das man selber erntet. Das gibt dem Bürger die Ruhe, Behäbigkeit und Festigkeit, mit der er sich seinem Gewerbe hingibt.
Seine Werkstätten wurden schon frühzeitig Wiegen der Kunst, die sorglos schaffen und gestalten konnte, da ja das Brot gesichert war. Ihr Gewerbe wuchs über die Notdurft des Lebens hinaus ins Reich des Seelenhaften, wurde Zierrat und Kunstwerk, die uns heute so an
heimeln. Denn aus dem Sieg über die bloße Notdurst, die vordem den ganzen Mann forderte, wuchs die Siegesfreude, der Humor. Die Wurzel dieses Kleinstadtwesens aber keimt draußen vor den Toren in der Väterscholle. Ein Wissen, das wir Heutigen längst vergessen haben, wittert um die Giebel und Türme dieser Kleinstadt: Alle Kultur wächst aus Korn . . Irgendwo
in einer Seelenfalte schläft dieses Wissen auch in uns noch seinen Dornröschenschlaf, und es bedarf nur des Anhauchs dieser Stadt, um es zu wecken und wieder lebenswahr zu machen.
Wehrmauer und Wallgraben umhegen dieses Bürgertum. Auch sie sind nur noch Sinnbilder der vorigen Zeit, die in Helm und Harnisch dem Feindesüberfall wehrte, heute unnütz und sinnlos, da sie ein einziger Mörser niederlegen kann. Dennoch ragen sie als Wirklichkeiten des Gestern und Vorgestern in das Heute und Morgen herein, wirklich und lebendig wie die Wasser des Wallgrabens. Geruhig, aber rastlos wallen diese Wasser ihren bezirkten Lauf. Und der Himmel, der sich in ihren Fluten spiegelt, ist der nämliche wie vor tausend Jahren.
Wie ein Blitz aus heiterer Bläue trifft Erkenntnis den wägenden Sinn: Was an dieser Kleinstadt so berückt und entzückt, ist nicht so sehr der Zauber ihres Alters, die Träumerei ihrer Plätze und Gasten. Sondern die Ze i t l 0 s i g k e i t ihrer Zeichen, der sinnlos gewordenen Sinnbilder, der unwirklichen Wirklichkeiten: Zwischen dem Gestern und Morgen gähnt keine Kluft. Der
Acker vor den Toren gibt in hundert Jahren das nämliche Korn wie vor tausend Sommern, und der Himmel ist immer der nämliche. Die Sinnbilder und Wirklichkeiten sind nur Marksteine auf dem Pfade des ewigen Lebens, dessen Adern nirgends so geruhig und gleichmäßig pulsen wie in der Geborgenheit dieser Kleinstadt.
Besonders deutlich ward mir dieses Gefühl vor einem romanischen Löwenkopf, den ich in der Giebelfront eines Bürgerhauses eingemauert sah, auf dem heute noch Steinmetze ihr Gewerbe treiben. Vor tausend Jahren und mehr mochte ihn ein Lehrgeselle gemeißelt haben: unfertig, unwirklich, sinnbildhaft — Arbeit eines Knaben, der wohl nie einen lebendigen Löwen gesehen, wirkt dos Bildwerk noch heute. Aber ich sehe die Knabenhand mit Schlägel nud Meißel, sehe die Augen leuchten, werde warm am Fleiße des jungen Künstlers — und ich weih, er wird das Werk nie ganz vollenden.
Denn Fertigwerden heißt Absterben.
Diese Kleinstadt aber stirbt nicht trotz ihres Alters, sie wird nie fertig trotz ihrer Fertigkeiten, sie wird nie Sinnbild eines Gewesenen, denn ihre Wirklichkeiten sind keine historischen Tatsachen, sondern lebendige Glieder eines zeitlosen Lebensganges.
Der Löwenkopf in der Giebelfront weiß und weist es: unfertig, unwirklich, sinnbildhaft.
Die Aehren vor den Toren raunen es.
Der Himmel blaut es in alle Gassen nieder: Zeitlosigkeit, ewiger Zauber der deutschen Kleinstadt.
großen, lockenden Fangprämien dürsten den Bestand des Mittelmeerdelphins immerhin schon stark gelichtet haben.
Auch deutsche Tierwelt ist in Not. Noch im Jahre 1913 lebten auf Sylt fünf Pärchen und vier Junge der wunderschönen Riesenseeschwalbe. Heute findet sich von den scheuen Vögeln kein einziger mehr auf deutschem Boden; man vermutet, daß die letzte kleine Kolonie nach Schweden ausgewandert ist, weiß es aber nicht sicher. Der Fischreiher wurde ziemlich selten. Den Uhu hat man in den letzten zwanzig Jahren so schonungslos verfolgt, daß ganz Deutschland heute vielleicht kaum mehr als 13 bis 20 horstende Uhupärchen besitzt. Die Störche haben sich derart vermindert, daß allflh Ostpreußen einen Rückgang von 70 Prozent verzeichnet, eine Folge der Umwandlung nahrungsreichen Sumpflandes in Trockenboden sowie einer in neuerer Zeit oft beobachteten, jahrelang andauernden Brutunlust der Störche. Den König aller Vögel, den Steinadler, der noch vor 80 Jahren in den deutschen Mittelgebirgen als Brutvogel horstete, sieht man heute sogar in den Hochalpen kaum mehr, wiewohl er das ganze Jahr hindurch geschützt ist. Die „Adlerkönige", deren Ruhm es war, ein Menschenleben lang nur Adler abzuschießen, haben den königlichen Vogel so gut wie ganz ausgerottet.
Was aber noch nicht gänzlich vergangen ist, kann wieder erstehen. Und so wurde denn erst vor kurzem in der Mark Brandenburg eine Biberkolonie errichtet, um die Zahl der nahezu völlig ausgeftorbenen Biber — in ganz Europa findet sich das Tier nur mehr an vier Stellen! — wieder zu vermehren. Im Meersfelder Bruch in Westfalen hat man den letzten europäischen Wildpser- den eine prächtige Heimstätte gegeben und sie dadurch vor dem Aussterben bewahrt. Den Steinbock, der aus den deutschen Hochalpen längst verschwunden ist, hegt die Schweiz in staatlich geschützten, hochalpinen Wildparks, so daß auch dieses scheueste aller Alpentiere der europäischen Fauna erhalten bleibt; in den Piemontesi» schen Alpen, dem einzigen Platz in Europa, wo man das Tier noch wirklich wildlebend antrifft, wird es gegenwärtig sorgfältig bewacht und vor Abschuß geschützt. Und erst in diesem Jahre hat Frankreich an der bretonischen Küste ein eigenes Schutzgebiet für die dort fast völlig ausgeftotbenen, zu den Tauchervögeln gehörenden Alken sowie in der Camargue einen Schutzpark für Hunderte von Flamingos geschaffen.
Der Zeuge.
Skizze von Harald T a n d r u, p.
(Aus dem Dänischen von Marielu.ise Henniger.)
Wir sprachen von Träumen, als eine Dame sich an ihren Mann wandte und ihn aufforderte: „Erzähle den Traum, Du weißt schon . » . als Du noch ein junger Mensch warst."
Es war das erste Mal, daß wir diesem Manne Beachtung schenkten. Er hatte die ganze Zeit nichts gesagt, und wir konnten bemerken, wie er errötete, als wir ihn ansahen .
„Ach", sagte er, „was ist ein Traum? Ja, wenn man es selbst erlebt hat — aber sonst . . . wer wird es glauben?"
Natürlich mußte er trotzdem erzählen.
„Da ist eine unserer kleinen Provinzstädte, die den Ruhm genießt, von sieben Bächen durchflossen zu werden. An jedem liegt eine Mühle, deren größte eine kleine Tuchfabrik mit Kraft versorgt. Dort war ich angestellt. Das Jahr, bevor ich in das Städtchen kam, hatte ich einen merkwürdigen Traum, und zwar den glei- chen ungefähr zehnmal. Ich entsinne mich also aller Einzelheiten. Mir war, als ginge ich über einen Boden, den ein Lattenverschlag abschloß. In der Wand befand
Aussterbende Tiere.
Von M. A. v. L ü t g e n d 0 r f f - München.
Als der amerikanische Naturforscher Puxley vor einigen Jahren Australien bereifte, mußte er zu seinem Entsetzen feststellen, daß mehrere der eigenartigsten der dort einheimischen Tiere unmittelbar vor dem Aussterben stehen. Der tasmanische Wolf findet sich nur mehr in einem kleinen Gebiet im Innern von Tasmanien; das auf hohen Bäumen lebende Baumkänguruh geht feinem Untergänge entgegen und ebenso ein Verwandter des tasmanischen Wolfes, ein kleines Tier, das die Eingeborenen den „tasmanischen Teufel" nennen. Und wenn die Jagd auf das Opossum, die dem Pelzmarkt von Sydney alljährlich mehr als fünf Millionen Felle liefert, noch Jahre lang weitergeführt wind, dürste auch die Beutelratte mit dem schönen weichhaarigen Fell bald ausfterben.
Der südamerikanischen Tierwelt droht schon in absehbarer Zeit der Verlust eines Tieres, dessen Nutzwert kaum geschätzt werden tonn, weil es überhaupt unersetzlich ist. Es ist das Vikunjaschaf, dem die Indianer trotz aller Gefahren und Beschwerden der Jagd in Höhen von 3000 bis 4000 Metern unermüdlich nachstellen. Denn aus keinem anderen Tierhaar lassen sich Stoffe weben, die in der eisigen Kälte jener Hochgebirge so wärmen wie die Vikunjagewebe. Dieses Schaf bringt im Jahre nur ein Junges zur Welt. Das kostbare Tier lebte einst in solchen Riesenbeständen, daß die Inkas oft auf einer einzigen Jagd bis zu 40 000 Schafe erlegten. Die silbergrauweiß und dunkel schimmernden Felle der südamerikanischen Chinchillamaus kommen sicher nicht lange mehr au’ die Pelzmärkte, da die „Chinchelleros", die chilenischen Chinchillajäger, ihr Bestes tun, die Zahl der zierlichen Pelzmäuse mehr und mehr zu verringern. Und an den Küsten der Südpolargebiete sterben die Pinguine massenhaft dahin, weil das durch die Delfeuerung der Schiffe ölbedeckte Wasser ihr Gefieder derart verklebt, daß ihnen
das Wasser bis auf die Haut bringt und nicht mehr abfließen tonn.
Afrikas Tierwelt steht gegenwärtig ein Verlust bevor, der besonders zu beklagen ist. Noch vor drei Jahren schätzte der Zoologe Akeley die Zahl der in Französisch- Westafrika und im Kongo lebenden Gorillas auf kaum mehr als fünfzig Stück. Und heute soll hiervon nur noch die Hälfte am Leben sein. Nun hat man im letzten Augenblick zwar ein großes Schutzgebiet für den in feinen Lebensgewohnheiten noch so wenig erforschten Menschenaffen abgegrenzt. Ob diese Maßnahme den Gorilla aber auch wirklich der Nachwelt erhalten wird, erscheint gleichwohl recht zweifelhaft; viel eher kann man annehmen, daß der Tag, an Sem auch der Gorilla den Tierformen einer vergangenen Zeit angehört, bedenklich nahe ist.
Vom Untergang sind auch so manche Angehörige unserer europäischen Tierwelt bedroht. Seit Jahren werden die letzten wilden Affen, die es noch in Europa gab, die „Barbaren-Affen", die sich immer noch auf den Felsen von Gibraltar heru.mtreiben, von den Engländern verfolgt, nachdem man sie jahrelang durch besondere Maßnahmen, die allerdings viel Geld kosteten, geschützt hatte. Die Wisentherde im Kaukasus, der letzte Rest von Europas größtem Landtier, ist, obgleich die Tiere in einem ständig überwachten Reservat lebten, seit dem Jahre 1928 vollständig verschwunden. Im gleichen Jahre gab es auch in dem einstigen Schutzgebiet in den russischen Ostseeprovinzen noch fünf Stück der prachtvollen Wildstiere; wie viele es heute noch sind, wer kann es sagen? In Italien hat man in den letzten Jahren mit großem Eifer die Ausrottung der Delphine, jener lebhaften und anmutig-luftigen Begleiter der Ozeandampfer, in Angriff genommen, weil diese Tiere, was freilich nicht zu leugnen ist, allzu viele Fische fressen. Zu einer völligen Vertilgung wird und soll es ja wohl nicht kommen, aber die
ßi/f/gsfen und bequemsten
^^^^^^ein Paack. kein Ruß. /eine ßck/aden
Die Augen des unbekannten Soldaten.
71 Roman von Paul Edmund von Hahn.
Copyright bp Knorr und Sirth. G. mb. K„ München.
Polkin lag starr mit ungläubig geöffneten Augen. Jäh ridjtete er sich auf, als ihm der Sinn der Worte klargeworden war, und packte mit der gesunden Hand den Professor so stark am Rockkragen, daß dieser sich ächzend losmachen mußte. Der Verwundete ftartre ihn fassungslos an und flüsterte mit schmalen Lippen: „Was sagst du? Beide?" Dann faßte er sich, fuhr sich mit der Hand über die Stirne und ließ sich in die Kissen zurückgleiten. Müde sagte er: „Du bist zu Witzen aufgelegt!"
Nekin hatte ihn scharf beobachtet. Seine Miene wurde ernst und bestimmt: „Ich spaße nicht! Daß du in diese Kommandantin zwecklos verliebt bist, wußte ich doch schon lange — nun aber hat es sich ereignet, daß offenbar durch eine ungeheure seelische Erschütterung das zählebige Herz des Mädchens unter aller Schicht von Suggestion, Rausch, Ehrgeiz und Soldatentuch heroorgekrochen ist. Und —", beschwichtigend hob der Professor die Hand, als er sah, wie Polkin in plötzlich erwachter Hoffnung sich aufreckte: „Nein, mein Lieber! In dich hot sie sich nicht verliebt! Aber ich fahre fort . . . und dieses Herz reflexiert nun, wie ein Hohlspiegel, fast unverständliche Gefühle. Sie ist in keinen Menschen verliebt, sondern in ein paar Augen, die einem fremden Soldaten gehören, den sie noch dazu selbst erschossen hat."
Polkin konnte sich nicht enthalten, laut aufzulachen: „Somit ist sie doch ein Weib, denn sie ist hysterisch! Den toten Soldaten gönn’ ich ihr."
Rekin wiegte bedächtig das Haupt: „Das würde ich an deiner Stelle nicht so leicht sagen. Lebende Liebhaber schafft man leicht aus dem Wege; tote beseitigt man schwer aus der Vorstellungswelt! Denn, mein Lieber, unter uns gesagt, es fehlt der Körper, den wir zu behandeln verstehen!"
Polkin saß aufrecht. Er fragte sachlich: „Jetzt sage mir, worin deine Heilungsmethode besteht?"
Der Professor erfaßte den Fragenden mit eigentümlich tiefem Blick. Harter Befehl lag in feiner Stimme,
als er sprach: „Ich sagte anfangs, daß sich bei dir die Krankheit im übermäßigen Gebrauch von Narkotika äußert. — Bei ihr, die beim Anblick der Morphiumspritze tobt, in hysterischer Zerstörungswut." Er näherte seine Augen langsam dem Gesicht de, zurücksinken- den Freundes und legte mit bedachter Bewegung die Hände an dessen Schläfen: „Meine Heilungsmethode besteht fürs erste in der Umkehrung dieser Erscheinungen. Du magst zerstören, — sie soll es zum Rauschgift drängen."
Ein häßliches Grinsen verzerrte seine Züge: „Wir Bolschewiken wollen die Welt zerschlagen! Mit Liebe zerstört man nichts — Siebe baut auf. Wir aber benötigen den Haß!" Er wandte sich ab und vollendete den Satz leise vor sich hin: „Und wo wächst besser zerstörender Haß, als auf verkannter Liebe?"
Polkin hielt die Lider gesenkt. Er murmelte wie im Halbschlaf: „Geh zu ihr, geh! . Und wenn die verfluchten Rauschgifte sie gepackt haben werden . . . werden wir ein gemeinsames Laster haben — bann sind wir verbunden!"
Professor Rekin verließ mit seinem leichten, aufmerksamen Aerzteschritt das Zimmer, durchschritt den Korridor und trat in Maria Rukows Krankenzimmer — wie ein Dompteur den Käfig betritt . . „
VIII.
Die Tage dieses heftig einsetzenden Winters überrannten mit der ungeheuren Wucht ihres Geschehens alle Einteilung, alles Zeitmaß und alles Persönliche der Menschen. Sie formten chaotisch das immer noch unverständliche, blutdurchtränkte Riesenbildnis des bolschewistischen Umsturzes in Rußland, vor dem die Kulturwelt erschauernd stand. Der versengende Gluthauch des gigantischen Brandes entzündete in allen Teilen der Welt den aufgeftapeüen Explosivstoff aus menschlichem Elend, Kriegsermattung, Ueberreizung und ließ mit vielem Mor- fchen und Faulenden zugleich wertvollste Stützpfeiler und
hoffnungsfrohe Triebe alter Kultur in verzehrender Flamme aufgehen. Der zerstörende Haßgedanke des Bolschewismus flieg wie ein giftiges Gas aus dem ungeheuren Behälter des russischen Volkes. Um solche Hitze zu entfachen, bedurfte der Fanatismus der Zerstörer stets neue Nahrung; um ihn zu sättigen, warfen die Führer der Raserei ihrer Gefolgsmannen stets neue Opfer hin.
Mit stets griffbereiter Klaue lastete über allem Leben in Rußland das Grauen — die Todesangst; riß Familien auseinander, vernichtete die Früchte langer Lebensarbeit und verbannte Liede und Freude aus Straße und Haus. Alles war davon betroffen. Nicht nur die Einheimischen, auch die Fremden! Die Geschäftsleute wagten es nicht, ihr Eigentum zu verteidigen. Die Kriegsgefangenen, die endlich den Weg nach der Heimat frei wähnten, sahen sich in die Wirren eines bisher feindlichen Volkes verstrickt und nunmehr gänzlich von aller Verbindung mit ihren Angehörigen abgeschnitten.
Alles Leben stockte, alle Hoffnungen und Zukunsts- pläne zogen sich furchtsam zurück. Der Freund vertraute dem Freunde nicht mehr, Familienangehörige wogen die Worte ängstlich, die sie im häuslichen Kreise sprachen. Das Grauen lastete über allem — und dieses Grauen ballte sich in einem Worte zusammen: „Tscheka" — die besondere Kommission zur Bekämpfung der Gegenrevolution. Zitternde Angst und eine Wolke menschlichen Leides umgab jedes der gefürchteten Gebäude, in denen eine Abteilung der Tscheka untergebracht war.
Auf Befehl Polkins war es in Rezna den Passanten verboten, den Gehsteig an der Front des Hauses Perskajastraße Nummer fünf zu betreten, in welchem sich die Tscheka befand. Es war ein großes, vierstöckiges Haus, dessen ausgedehnte Keller früher einer bekannten Weinhandlung gedient hatten und nunmehr zu Gefängnissen für die Arrestanten der Tscheka umgestaltet waren. Man flüsterte in der Stadt, daß jeder Lebende, der diefts Haus verließ, ein Angestellter der Tscheka sei. Die anderen, so behauptete man, wurden als Leichen in geheimnisvollen Lastautos nachts den Massengräbern zugeführt. Gesehen hatte noch niemand einen solchen Transport, denn ab 21 Uhr war aller Strafen- perketzr unterjagt. Aber der Bolksmunü fteigerte bei
jeder neuen Wiedergabe die Schrecknisse der Tscheka und verhalf ihr so zu jenem fürchterlichen Ruhme, ein ganzes Volk, Millionen im Grunde arbeitsamer und vertrauensvoller Menschen, zu einer feigen Masse sich duckender Sklaven terrorisiert zu haben.
Gleichartige gelbe Vorhänge deckten die Fenster des gefürchteten Hauses. An langen Korridoren, die bis vor kurzem die Büros der Weinhandlung verbunden hatten, standen Doppelposten mit aufgepflanztem Seitengewehr. Eilige Männer mit Aktentaschen benutzten den Fahrstuhl von dem im Parterre untergebrachten Sekretariat zu den Kommissarzimmern des ersten Stockes oder zum noch strenger bewachten politischen Geheimsekretariat des zweiten Stockes. In den obersten Etagen waren die Privatwohnungen der Angestellten.
Auf einem Treppenabsatz unterhielten sich zwei Frauen in der Uniform des Frauenbataillons. Sie rauchten Zigaretten und lachten laut. Die eine von ihnen blickte, erschreckt über das eigene laute Lachen, nach der hohen Tür mit der Aufschrift: „Kommissar — Eintritt verboten!"
Die andere Soldatin folgte dem Blick der Kameradin und flüsterte: „Seit sie gesund geworden ist, ist sie noch schärfer. Man muß sich richtig fürchten!"
Die erste zuckte die Achseln. Aber auch auf ihrem breitknochigen Gesicht lag unterdrückte Angst. Sie wollte antworten, doch da wurden die beiden Frauen angesprochen. Auf den letzten Stufen vor dem Treppenabsatz stand ein untersetzter, hagerer Mann, dessen stark ge- triimte Seine sich in den weiten Hosen seltsam zittrig bewegten.
Er trat auf der Stelle hin und her und wiederholte nochmals seine Anrede: „Sagen Sie, bitte, wo finde ich die Kommandantin Maria Rukow?" Dabet hob er den roten Passierschein und nahm mit der anderen Hand die Mütze ab.
Die eine der Soldatinnen konnte wieder ein lautes Lachen nicht unterdrücken: „Aber das ist ja Merkuri aus dem Bezirkskommando! Fast hätte ich dich nicht mehr erkannt. Weißt du noch, wie ich während des Krieges immer mit den Papieren meines Mannes hingekommen bin. Wegen der Pension, weißt du?"
Merkuri drehte zweifelnd die Tellermütze zwischen den