Itr. 187
Auldaer Zeitung (Amtliches kreisblatk.)
Samstag, den 15. August 1931
Rund um die Woche.
Der Staat als Erzieher. — Juristisch lebendig. — Aus nach Nürnberg.
Dir müssen eine Frage aufwerfen, die heute von schicksalsschwerer Aktualität ist. Wir sehen nämlich allenthalben, daß der Staat positiv in die Dinae hineinregiert. Es sei zugegeben, daß die verzweifelte Lage dazu gezwungen hat. Winston Churchill gab dieser Tage Erörterungen durch die Presse über den wirtschaftlichen Zusammenbruch Europas. Er schreibt da über die Schuldenzahlung an Amerika folgendes: „Es ist schwer, den Vereinigten Staaten eine Schuld zurückzuzahlen. Schulden können nur mit Waren, mit geleisteten Diensten, oder mit Gold bezahlt werden. Der hohe Zolltarif der Vereinigten Staaten schließt den größten Teil der Waren aus, und alles Gold >n der Welt würde kaum genügen, die Schuld zu be- gleichen. Was könnte man tun? Die Vereinigten Staaten verlangten mit voller Berechtigung Bezahlung. Die Schulönerländer boten ihnen Waren an. Die Waren wurden vom Zollamt zurück- gewielen. Wären sie hineingelassen worden, so würden sie die Industrie der Vereinigten Staaten zertrümmert haben. Das Geld konnte nicht zurück- gebracht werden. Also gab es kein Mittel, die Schulden der Alten Welt an die Neue zu bezahlen."
Man sieht, wie das kapitalistische System in seiner heutigen Entwicklung zu unmöglichen Lagen führt und wie reich es ist oft unmöglichen Widersprüchen. Die Umbildung aber geht nur langsam vor sich. Man kann inzwischen die Völker nicht sterben lassen. Da es bei solchem Stand der Dinge den einzelnen Industrien nicht möglich ist, die Gesamtlage zu retten, so muß der Staat schon eingreisen Er verpflichtet uns zu Dank dafür. Sein Eingreifen ist das geringere Nebel. Aber ein Nebel bleibt es doch. Ein gefährliches obendrein. Es ist nämlich ein bequemes Nebel, und das ist die schlimmste Sorte. Wir wünschten deshalb, daß der Staat hier nicht bloß mechanischer Ordner der Lage wäre, sondern auch kultureller Erzieher. Er soll tüchtige Leute an die Stellen bringen, die er einstweilen zu besehen hat. Er soll allen als oberlte Richtlinie geben, daß die Freiheit nach und nach widerhergestellt werden müsse. Sonst kommen wir aus dem Staatskapitalismus in den Staatsbnl- schewismus. Es wird die Regierung von den Geistern vergewaltigt werden, die sie selber gerufen hat. Macht man sich zum Herrn der Wirtschaft und der Finanz, so wird sich bald das Verhältnis umkebren. Nicht mehr werden die Führer der Wirtschaft vom Staate bestimmt, sondern die Führer der Wirtschaft werden die Ministerposten besetzen. Das mehr oder weniger gewalttätige Eingreifen des Staates muß darum getragen fein von richtigen Grundsätzen und von einem erzieherischen Ethos.
Da ist noch eine Sache, die ich nicht so harmlos ansehen kann, als sie scheint. Ich meine das lange, vergebliche Bemühen der gerichtlich für tot erklär- ten Frau, in das Reich der juristisch Lebendigen zurückzukehren. Um es möglichst schnell zu erreichen, hätte sie sich allerdings helfen können. Sie hätte nur einen Regenschirm stehlen brauchen, und sofort würde auch das Gericht an ihr Leben geglaubt und sich an ihrem „Leichnam" gerächt haben. Das interessiert mich weniger, als die Wirkung solcher tragisch-humoristischen Stücklein auf die Seele des Volkes. Der einfache Mensch denkt mehr, als manche Gutachter glauben. Eine Weile wird er gewiß alles, was mit Gericht zusammenhängt, als vollkommen lächerlich empfinden. Wie eine tote, herzlose Maschine muß ihm ein Apparat vorkommen, der auch nur einen Moment nach der objektiven Aufklärung über wiedererstandene Tote noch amtliche Schwierigkeiten macht. Der Widerspruch von Leben und Paragraph drängt sich so grotesk auf, daß jeder Paragraph zunächst einmal darunter zu leiden hat. Es ist nicht gut, wenn feierliche Personen sich öffentlich lächerlich machen. Auch die Justitia ist eine feierliche Figur. Dialektische Tänze stehen ihr nicht an. Sie hat kein Interesse daran, daß man das ganze Recht nur für eine Sache von Advokatenkniffen halte. Was werden gerissene Menschen in einem Recht für Hintertürchen finden, wenn dieses Recht es möglich macht, eine lebendige Frau für tot zu halten, auch
nachdem sie sich schon gemeldet hat. Am Ende wird es genau so gut möglich sein, einen vernünftigen Menschen, der einem lästig ist, für einen Idioten zu erklären, was in eines der düstersten Kapitel der Rechtspflege überhaupt hinüberweist. Na ja am besten, man lacht darüber. Man lacht ja au«b, wenn ein leicht angetrunkener Joijer Herr in einer Gesellschaft einen peinlichen Scherz macht. Man lacht. Worüber eigentlich? lieber den Scherz oder über den Herrn? Uebrigens sollte es mich wundern, wenn die tote Frau nicht schon eine Reihe von Heiratsanträgen bekommen hat, ist sie doch auf alle Fälle durch den ganzen Prozeß wieder sehr jung geworden . . .
Noch eine Bitte: Auf zum Katholikentag nach Nürnberg! Nach allem, was man hört, wird das eine herrliche Veranstaltung geben. Was konnte sich auch zum Beispiel der Vertretertag für ein besseres Thema wählen, als das von der hl. Elisabeth! Alles, was zur Rettung des kapitalistischen Zeitalters not tut. strahlt doch lebendig von ihr aus' Diese Tagung wird mehr einbringen, als sie kostet. Sie wird die christliche Nächstenliebe an- fpornen und das ist immer das größte Kapital, schafft Wunder auf Erden, bringt Zinsen im Himmel und wird vom lieben Gott selber verwaltet. Also: geh' hin und zeichne eine große Aktie . . .
Der Mann im Monde.
Ein Zweikampf der Sprachrohre.
Zu den Ereignissen beim vergangenen Volksentscheid erzählt die „Koblenzer Volkszeitung" (Nr. 183) folgende neckische Geschichte:
Im benachbarten Metternich waren einmal zwei wunderschöne Sprachrohre. Die gingen nm Sonntag zusammen, um zu werben für den Volksentscheid und sie tönten mächtig durch die Straßen: „Geht zur Abstimmung! Alle Stimmen ein einziges Ja!" Sie tönten, daß die Häuser zitterten. Denn es hingen gar stimmgewaltige Rufer daran; an dem einen ein heißblütiger Kommu- n i st, an dem anderen ein nicht minder impulsiver Nationalsozialist. So zogen sie 6ie Triererstraße herab und herauf in kurzem Zw>- schenraum von einander. Auf einmal gabs einen falschen Ton aus dem einen: Nieder mit Hitler! Und dann folgten in lieblicher Ab- wecheslung andere liebevolle Sirenklänge, die mit dem Volksentscheid aber auch gar nichts zu tun hatten, desto mehr aber mit eigenartigen Liebeserklärungen der beiden feiwdlichen Brüder oder brüderlichen Feinde. So kam man in die Rübe- nacherstraße. Da wars dem einen Sprachrohr zu
dumm; es zog vor, statt zu reden, zu handeln, zog gegen das andere und dann entspann sich ein Homerischer Zweikampf zwischen dem kommunistischen und nationalsozialistischen Sprachrohr. Dumps dröhnte es hin und her und starr standen die Menschen und staunten ob der heroischen Taten, die hier geschehen und nicht eher aufhörten, bis von den kämpfenden Löwen nur noch die Wedel, d. h. einige zerbeulte Blechreste übrig waren und die daran hängenden Männer mit blutigen Köpfen getrennte Wege gingen. Und so kam es, daß durch den Volksentscheid auch in Metternich das Vaterland von der zentrümlich- marxistischen Tyrannei nicht befreit werden konnte. Die beiden Nebelhörner aber hat man bisher noch nicht wiedergesehen. Ihre Namen waren N. und R. Und so haben sie uns gezeigt wie man in Deutschlands höchster Not brüderlich liebend fick haut und zerfleischt und so uns verhilft zu Arbeit und Brot.
* Tragischer Ausgang der Dürgcrmeisterwahl in Hervest-Dorsten. In geheimer Sitzung wurde der Bürgermeisterposten des Amtes Hervest-Dorsten durch den bisherigen Hilfsarbeiter bei verschiedenen Verwaltungen, den Volkswirtschaftler Dr. F e l d h e g e ans Herten, neubesetzt. Der bisherige Bürgermeister Kuckelmann, der noch als Verhandlungsleiter fungierte, erlitt bei der Wahl Dr. Feldheges mit 18 von 23 Stimmen einen Schlaganfall, so daß er besinnungslos aus dem Verhandlungssaal getragen werden mußte, Bürgermeister Kuckelmann steht im Alter von 69 Jahren und liegt schwer krank danieder.
* Die diebische (Elfter. Daß die Elster ein sehr diebi'cher Vogel ist, beweist wieder einmal folgender Vorfall, der sich bei Stuttgart in der Nähe des Bismarckturmes ereignet hat. Einige Burschen belustigten sich mit einer jungen Elster, die sich ganz in ihrer Nähe niedergelassen hatte. Dem Vogel wurden glänzende Gegenstände, wie Blechstücke und dergleichen, zum Spielen ,zugeworfen. Der Elster aber waren die Gegenstände zu schwer, sie konnte es nicht fortschleppen. Einer der jungen Leute probierte es nun mit einem F ü n fm a r k st ü ck. Er ahnte nicht, daß auf dem benachbarten Baum die Mutter der jungen Elster saß. Wie ein Pfeil schoß diese beim Anblick des glänzenden Geldstückes auf den Boden, ergriff es gewandt mit dem Schnabel und flog davon, ehe die Umstehenden genau wußten, was vor- aefallen war. Der unfreiwillige Geldspender hatte das Nachsehen.
Im Deutschlandflug 1931 sind die technischen Prüfungen nahezu abgeschlossen. An der Spitze liegt Reinhold Poß mit 89 Punkten vor dem Segelflieger Dinort mit 53 P., Hirih 49, Junghanns 47, Kneip 46 und Liefet Bach 45 Punkte.
Aus der Vauern-Organisatto«.
Der Schleswig-Holsteinische Bauernverein aus der Vereinigung der Bauern-Vereine ausgeschlossen.
Der Dorstand der Vereinigung der deutschen christlichen Bauernvereine faßte am 11. August 1931 einstimmig solgenden Beschluß:
„Der Vorstand der Vereinigung der deutschen christlichen Bauernvereine hat mit Beschluß vom 8. Mai 1931 den ernsten Versuch unternommen, die Beziehungen des Schleswig-Holsteinischen Bauernvereins zur Vereinigung so zu gestalten, daß eine ersprießliche G e m e i n s ch a f ts- arbeit für den Berufsstand wieder ermöglicht werde. Dieser Versuch, der entgegen der unwahren Behauptung der Leitung des Schleswig-Holsteinischen Bauernvereins sich jeder ultimativen Form enthielt, ist gescheitert. Anstatt die ihm loyal dargebotene Möglichkeit zu einer Ueberwindung der entstandenen Schwierigkeiten zu benutzen, hat der Schleswig-Holsteinische Bauernverein auch weiterhin die Vereinigung und ihren Präsidenten in unsachlicher Weise bekämpft, so daß der Präsident sich am 13. Juni ös.. Js. gezwungen sah, jeglichen G e - s chä f t s v e r k e hr der Vereinigung mit dem Schleswig- Holsteinischen Bauernverein abzubrechen. Auch diese letzte Mahnung blieb unbeachtet, und die Vertreterversammlung des Schleswig-Holsteinischen Bauernvereins beschloß am 24. Juni, den Austritt aus der Vereinigung unverzüglich zu vollziehen. Dieser Beschluß ist der Oeffenklichkeit übergeben worden, während die Bereinigung keinerlei Mitteilung durch den Schleswig-Holsteinischen Bauernverein erhalten hat.
Indem der Vorstand der Vereinigung von diesen Vorgängen und dem durchsichtigen Versuch, einen Gegensatz zwischen den einzelnen Bauernvereinen und dem Präsidenten der Vereinigung zu schassen, mit Entrüstung Kenntnis nimmt, billigt er einmütig die Haltung des Prä- fibenten. Da der Schleswig-Holsteinische Bauernverein die ihm als Mitglied der Vereinigung obliegenden Pflichten fortgesetzt aufs gröblichste verletzt hat, schließt der Vorstand den Schleswig-Holsteinischen Bauernverein mit sofortiger Wirkung aus der Vereinigung aus.
Er wird es als seine Pflicht ansehen, die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den sachlich denkenden Kreisen des Schleswig-Holstein. Bauerntums weiter zu pflegen, mit denen er sich in der Verurteilung der Kampfesweise des Schleswig-Holsteinischen Bauernvereins eins weiß. Er spricht feinem langjährigen bewährten stellvertretenden Präsidenten, Herrn Hofbesitzer Stamerjohann, sein volles Vertrauen aus und begrüßt mit aufrichtigem Dank seine weitere sachliche Mitarbeit in der Vereinigung".
Wie wird das Wetter?
Während zwischen Island und Skandinavien sich ein Hochdruckgebiet aufgebaut hat, erstreckt sich über Frankreich nach Polen eine Tiefdruckrinne. In ihr trifft kältere polare Lust mit wärmerer, über Frankreich nordwestwärts strömender Luft zusammen, so daß auch weiterhin mit dem Auftreten von Regenfätten gerechnet werden kann. Bei zunehmender Erwärmung werden diese jedoch wieder mehr gewittrige Form annehmen. Zeitweise wird es jedoch auch zur Aufheiterung kommen.
Witterungsaussichten für Samstag: Weiterhin unbeständig, mäßig warm und Neigung zu gewittrigen Niederschlägen.
(legen üblen Mundgeruch H jj
säumen, Ihnen Mitteilung zu machen, datz ich s.it dem Gebrauch Ihrer Zahnpaste „(Hjlerobont" nicht nur reine, weiße Zähne besitze, sondern auch den bei mir sonst üblichen Mundgeruch verloren habe. Ich werde Ihr CHIorodont aufs beste empfehlen." gez. E. ®., Mainz. Man verlange nur die echte CHIorodont-Zahnpaste, Tube 54 Pf. und 90 Pf., und weise jeden Ersatz dafür zurück.
In Zeilen wirtschaftlicher Hof und hoher steuerlicher Belastung fallen schlechte Ernteerträge doppelt ins Gewicht. Hieran sollte der Landwirt schon bei der kommenden Herbstsaat denken. Abgesehen von sachgemäßen Bestellungs- und Pflegearbeiten muß für eine zweckentsprechende Ernährung der jungen Getreidepflanzen Sorge getragen werden. Gerade die Wintergetreidearten — unter ihnen insbesondere die Wintergerste — sind neben einer hinreichenden Versorgung mit Stickstoff und Phosphorsäure für eine frühzeitige Düngung mit dem lebenswichtigen Nährstoff Kali äußerst dankbar. Eine rechtzeitige und ausreichende Kalidüngung sichert nicht nur die freudige Entwicklung einer frost- und krankheitswiderstandsfähigen Saat» schafft nicht nur lagerfeste Halme, sondern gewährleistet auch volle, stärkereiche Körner von hohem Gewicht. Die durchschnittliche Gabe — tunlichst einige Zeit vor der Bestellung verabfolgt — beträgt bei Weizen und Gerste 1V< Ztr. 40er Kalidüngesalz je V« Hektar oder auf mittleren Böden 4 Ztr. Kainit je V4 Hektar. Zu Roggen dürste im allgemeinen 1 Ztr. 40er Kalidüngesalz bezw. 3 Ztr. Kainit je V« Hektar ausreichend sein.
Schriftleiter: Dr. phil. Johannes Kramer. Verantwortlich für die Anzeigen: Direktor der Fuldaer Actiendruckerei I. P a r z e 11 e r.
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Erfinders
Irr Msiolheksneubau des Deutsche» Museums serllggeslellt.
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Blick auf bas Deutsche Museum in München mit dem neuen Erweiterungsbau.
der jetzt fertiqqestellt wurde und die Bücherschätze dieses gewaltigsten technischen Museums der Welt aufnehmen soll.
Das kalke Aesk.
Roman von Lisa Barthel-Winkler.
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„Darum handelt es sich ja gar nicht, Hanns Herbert! Es handelt sich um den wahren Wirkungskreis der Frau. Ich will deine Gattin fein, die Hüterin deines Heims! Ich will über die Speisen, die du ißt, die deinen Körper, deinen Geist aufbauen, genau so wachen, wie über die Wirtschaft, den Hausrat, die Wäsche, wie über die Freude und die Schönheit in unserer Ehe."
Bedrängt stand er auf und schritt, die Hände auf dem Rücken, hin und her. Er suchte nach Antworten, die Hedwig nicht verletzen, denn er sah ihre Erregung, obwohl er sie kaum begriff. Sein ganzes Wesen war seit jeher so eingestellt auf die Mutter, auf ihr Denken, ihr Fühlen, ihr Wünschen, daß ihm bei aller Liebe zu Hedwig aus dem Zwiespalt zwischen den beiden Frauen nur Pein entstehen konnte.
„Liebes Kind", bat er weich, und legte seinen Arm um ihre Schulter, „du hast bisher in anderen Verhältnissen gelebt; du hast dich immer sorgen und mühen müssen. Als meine Frau sollst du dich ausruhen, sollst mein Glück, meine Freude sein."
„Ausruhen? Ich hab' sooiele Kräfte!"
„Laß der Mutter ihre Arbeit, Hedwig! Zerstreue dich, beschäftige deinen Geist! Sei du nur Weib, sei nur für mich da!"
Hedwig barg ihren Kopf an seiner Brust.
„Wenn es denn nicht anders sein kann — und wenn deine Mutter mir nicht freiwillig aus dem Reichtum ihres Wirkungskreises einige ärmliche Rechte abtreten will —"
„Warum diese Bitterkeit!"
Sie warf den Kopf in den Nacken.
„Gut! Dann laß mir wenigstens meinen Beruf, Hanns Herbert! Ich bekomme sicherlich meine alte Stellung wieder! Mein Vorstand hat mich ungern gehen lassen —"
Hanns Herbert schob sie unwillig zurück.
„Was denkst du dir? Meine Frau — arbeiten? In den Dienst gehen? Damit du abgehetzt und verärgert
und stumpf nach Hause kommst? Was hab' ich denn dann von dir? Wo ist dann die Ruhe und Freude, wenn ich heimkomme? Ich arbeite für dich, nicht du!"
Sie schluckte; Tränen schossen ihr aus den Augen.
„Aber ich halte die Untätigkeit nicht aus!"
Gereizt zuckte er die Achsel.
„Herrgott, du tust, als ginge es um Kopf und Kragen! Ich war so glücklich, hab' mich so gefreut über die Heimkunft meiner Mutter, du wirst mir wirklich noch die Stimmung verderben. Nein, ich wünsche es nicht, daß du deine Stellung wieder aufnimmst. Komm, sei vernünftig und laß uns davon schweigen."
Er trat ans Fenster und trommelte gegen die Scheiben.
Ihre Tränen versiegten. Eiskalt wehte es über sie hin.
So sprach er zu ihr? Er — immer Güte und Freundlichkeit, Rücksicht und Höflichkeit gegen seine Mutter — diesen herrischen Ton schlug er gegen sie an, gegen feine Frau? Die Knie wankten ihr. Sie mußte sich setzen.
Da sie nicht mehr antwortete, wandte er sich um, trat zu ihr und streichelte ihre Stirn.
„Kleiner Eigensinn, du! Willst mir wohl die erste Gardinenpredigt halten?" versuchte er zu scherzen. „Kennst du übrigens das Buch: „Madame Kaudels Gardinenpredigten?" Es ist in meiner Bücherei. Soll ich's dir holen?"
Hedwig fror.
„Geh'", sagte sie matt. „Geh' nur allein hinüber zu deiner Mutter. Ich wäre gern ein wenig allein."
Verletzt zog er die Hand zurück.
„Also doch? Willst du trotzig sein, Hedwig?"
Sie barg bas Gesicht in den Händen. Immer wieder öffnete sie die trockenen Lippen, immer wieder schloß sie den Mund. Es würgte in ihrer Kehle; ihr ganzer Stolz bäumte sich auf.
Dann aber besiegte sie den dunklen Drang, das Bohren und Wühlen in ihrer Brust. Sie atmete tief auf und sah ihn an.
„Nein, Hanns Herbert. Ich mül nicht trotzig sein. Ich hab' dich zu lieb dazu."
Er lächelte, er breitete ihr die Arme entgegen.
„Dann komm! — Kuß mich!"
Sie flog ihm nicht wie sonst entgegen. Aber sie stand gehorsam auf und legte ihm ihre gefalteten Hände auf die Brust.
„Ja, ich will dich küssen, Hanns Herbert. Ich will meinen Mann küssen, der mir versprochen hat, mich immer lieb zu haben, mich immer verstehen zu suchen, der mich betreuen und beschützen will."
Groß und licht sahen ihn ihre klaren Augen.an.
Dann faßte sie seinen Kopf, zog ihn zu sich herunter und küßte ihn.
Die Wiege der Zukunft.
„Halb neun, Hanns Herbert. Du mußt gehen."
Hanns Herbert sah von seiner Zeitung auf. Frau Else räumte das Frühstücksgeschirr zusamemn. Hedwig griff nach ihrer Tasse.
„Laß nur, ich nehme sie schon", wehrte Frau Else.
Hedwig stand auf, um das Brett zu holen.
„Laß doch. Ich hab's ja schon."
Still setzte sich Hedwig wieder.
Hanns Herbert kam mit Mappe und Hut aus dem Nebenzimmer und bot Hedwig die Hand.
„Siehst blaß aus, Kindchen. Mach' heut' wieder einen tüchtigen Spaziergang. Du sitzt zuviel im Haus herum." Sie nickte stumm.
Er küßte sie und ging. Auf dem Flur traf er die Mutter, umarmte und küßte auch sie und strich ihr über das Haar.
„Gib dir nur nicht zuviel Mühe. Du läufst und rennst auch den ganzen Tag —"
Frau Elfe sah ihn aufmerksam an.
„Wieso? — Doch nicht mehr als sonst! Hat Hedwig etwas gesagt?"
„Hedwig?"
„Ja. Daß du davon sprichst —"
„Olein. Hedwig hat nichts gesagt."
„So. Ich dachte. Auf Wiedersehen, mein Junge."
„Auf Wiedersehen, Mutter."
Die Flurtür fiel hinter ihm ins Schloß.
Frau Graetz kam wieder ins Zimmer und sah Hedwig noch auf ihrem Platz. Sie spielte mit den Brotkrümchen auf dem weißen Tischtuch. Frau Graetz nahm die Tischbürste, fegte die Krümel in eine Schale, deckte das weiße Tischtuch ab und legte ein anderes auf. Sie musterte Hedwig.
„Du bist blaß. Du solltest spazieren gehen, Hedwig."
„Ja, Mutter."
„Du sitzt viel zu viel."
Hedwig stand auf.
„Hast du das hübsche Muster in der „Hausfrau" gesehen, Hedwig? So eine Tischdecke könnte auf diesen Tisch hier passen. Hast du nicht Lust, eine zu sticken?"
Hedwig zögerte. In ihren Mienen zerrte es; ihre Wangen röteten sich. Bittend sah sie Frau Else an.
„Mir sind die Handarbeiten so zuwider."
Frau Else strich die Decke glatt.
„Du hast doch wirklich nicht viel getan."
Herzlich nahm Hedwig ihre Hand.
„Mutter, du arbeitest den ganzen Tag im Haushalt. Laß mich doch etwas davon übernehmen. Irgendeine bestimmte Arbeit, die du vielleicht nicht gern tust —"
„Ich verrichte alle Arbeiten gern, Hedwig."
„Nun, bann laß mich eintaufen! Laß mich Gänge für dich tun!"
„Das besorgt Minna seit Jahren; sie weiß in allem Bescheid, dir müßte ich erst lange Vorträge halten. Olein, nein, laß nur. So geht ja alles am Schnürchen!"
Aber Hedwig ließ nicht nach.
„Hanns Herbert und ich sind jetzt über zwei Monate verheiratet. Aber glaubst du, ich komme mir noch immer wie eine Unverheiratete vor."
Frau Else stutzte.
„Merkwürdig. So wenig findest du dich in die Ehe?" „Nicht in die Ehe. Aber — in eure Hausordnung." „Was meinst du damit?"
„Mutter, ich bin die Frau deines Sohnes — aber ich bin es doch nicht. Frau fein heißt doch: Fürsorge {ein! Was habe ich zu sorgen? Sticken, Klavierspielen, bummeln, ich kann doch nicht immer Bücher lesen. Du hast ständig Arbeit, ich bin allein. Ich habe nichts zu tun — das ist es, Mutter, was mich so zermürbt!"
„Nichts zu tun? Dann macht man sich eben etwas zu tun!"
„Mutter!" Hedwig streichelte ihre Hand. „Ich möchte so gern, daß du mich verstehst. Ich möchte so gern, daß du Vertrauen zu mir hast!"
(Fortsetzung folgt)