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Mittwoch, 12. August 1931.

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Wg. 58.

Die versassungsseler im Reichstag.

Sorgen um Volk und Staat.

Ueberlegungen am Verfassungslag.

In Weimar hat sich das deutsche Volk eine neue Form seines staatlichen Lebens gegeben. Nach einem der furchtbarsten Zusammenbrüche der deutschen Geschichte infolge von Hunger und Grippe und Krieg wurde damit die Einheit des Reiches gerettet und dem drohenden Chaos eine neue staatliche Ordnung in einer neuen, demokra­tisch-republikanischen Verfassung entgegengesetzt. Geschaffen wurde sie hauptsächlich in der geschicht­lich erstmaligen Zusammenarbeit von Bürgertum und Arbeiterschaft, jener sozialistischen Arbeiter­schaft, die bis dahin immer gegen den Staat ge­standen hatte, nun aber bereit war, in voller Ver­antwortung teilzunehmen am Schicksal der auch sie beheimatenden und deshalb auch zur Mitarbeit verpflichtenden deutschen Nation.

Als Volksstaat war und ist Weimar gedacht, als sozialer Volksstaat: dem ganzen Volke sollte und soll er Lebensraum geben, dem ganzen Volke,einig in seinen Stämmen und von dem Willen beseelt, sein Reich in Freiheit und Gerechtigkeit zu erneuern und zu festigen, dem inneren und dem äußern Frieden zu dienen und den gesellschaftlichen Fortschritt zu fördern", wie es so feierlich-stolz in dem einleitenden Vorspruch des Verfassungswerkes heißt.

12 Jahre sind seitdem ins Land gegangen, 12 schwere, schicksalsvolle und schicksalsschwangere Jahre: ein Weg ist in ihnen beschlossen, wie man­ches Volk ihn nicht in Jahrhunderten hat gehen muffen noch wird gehen müssen, ein Weg von Bitternis und Sorge und Not und Oual und Leid: und all das, um Staat und neue Staatsord­nung im Kampf gegen die sinnlosen Umsturzver­suche von links und von rechts zu sichern und zu festigen, um einer bald mehr schj^ksalhaft bald mehr schuldhaft zerrütteten und zerrütteten Wirt­schaft nach immer neuen emvfindlich schädigen­den Schlägen wieder auf die Beine zu helfen, um die Freiheit des Volkes langsam in zähem Ringen unter mancherlei Verdemütigungen wieder zu er­langen. Manches ist in dieser kurzen Zeit er­reich, vieles muß noch geschehen. Aber des Einen dürfen wir uns heute am Sommerfest des Ver­fassungstages freuen: die Republik steht vorläufig fest, Staat und Staatsordnung sind bis zur Stunde gesichert. Aber auch der soziale Volks­staat? Wir wagen nicht, dies zu behaupten. Vielzulehr haben antisoziale, plutokratische Kräfte in rücksichtsloser Ausnutzung ihrer scheinbaren Unentbehrlichkeit zur parlamentarischen Willens­bildung und in verstiegener Ueberschätzung ihren zahlenmäßigen Stärke wer denkt da nicht an dieKrisenmacherin von Anbeginn", sei es unter Scholz oder neuerdings unter Dingeldey sich in ihm breit machen können dank der wohl verständ­lichen aber nie zu billigenden unpolitischen Art wei­ter Kreise des Volkes, Unmögliches möglich zu machen durch und in der Unterstützung der extrem­radikalen Schreier. Diese Volkskreise tragen in erster Linie die Verantwortung dafür, daß der Kampf um die soziale Gestaltung unseres Staa­tes nicht immer einen günstig-glücklichen Ausgang genommen hat.

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Der Durchschnittsdeutsche hat immer noch kein inneres, positiv gerichtetes Verhältnis zum Staat, obwohl ihm doch sozusagen die Idee des Volks­staates im Blute liegt. Er hat noch nicht begrif­fen, daß dieser Staat sein Staat ist, seine ur­eigenste Angelegenheit, um die sich ein jeder mit­sorgen sollte und müßte. Er sieht in ihm noch zusehr denMoloch Staat" aus der Zeit des Ab­solutismus oder des Obrigkeitsregimes, mit dem und mit dessen Vertretern er am liebsten nichts zu tun haben möchte. Gewiß, der gesellschaft­lichen Ordnung und ihrer Aufrechterhaltung we­gen nimmt er ihn hin. aber nur als ein notwen­diges Uebel, und in den Opfern, die der Staat von ihm im Interesse der Gesamtheit verlangen zu müssen glaubt, sieht er eine unangenehme Be­lastung seines persönlichen und geschäftlichen Le­bens. Kurzum: er fühlt noch nicht, daß der Staat ein Stück seiner selbst ist, die Form seines Volkes, als dessen unabtrennbares Glied er lebt und webt. Eins andere Gruppe unseres Volkes scheint im Staat nur eine Kuh zu sehen, die man immer­fort melkt, ohne sie jemals zu füttern. Don ihm will man nehmen und leben, ohne ihm auch nur ein Etwas zu geben, nicht ein Geistiges in Treue und Vertrauen und Ordnungssinn und Unter­ordnung, geschweige denn ein Materielles in Steuer und Zoll und in Gehalt- oder Lohnkür­zung. Alles von ihm, aber nichts für ihn.

Solcher Mangel an Staatsbürgergesinnung, an Staatsgefühl und an Staatsvertrauen und die falschen Auffassungen vom innern Wesen des Staates sind mit eine Ursache unserer gegenwär­tigen Staatskrise, nicht die einzige, nicht einmal die erste, aber sie sind eine ihrer Ursachen, und die Ueberwindung dieser katastrophalen Staats­bürgerkrise ist eine höchst dringliche Aufgabe ver­antwortlicher Volksbildungs- und Volkserziehungs­arbeit. Der soziale Bolksstaat, den wir ersehnen, wird nur, wenn die sittliche Kraft des echten Staatsbürgers ihn will, ihn zu tragen und zu stützen bereit ist. Grundgelegt ist er in Weimar, deutlich und klar, und deshalb stehen wir zu die­sem Werk trotz seiner Fehler und Mängel. Aber er ist noch nicht, der soziale Volksstaat: um ihn und für ihn wird noch erbittert und hartnäckig ge­kämpft werden müssen. Der Kampf ist gegenwär­tig in vollem Gange und fein Ende noch nicht abzusehen. Wollen wir ihn siegreich führen, so müssen wir schon die ganze Kraft unseres volks- und staatspolitischen Wollens und Willens einzu- fetzen bereit fein. Und siegen müssen wir: denn ganz viel steht auf dem Spiel; es geht fast um alles. Es geht darum, ob der Staat als echter sozialer Volksstaat gegründet sein wird auf die breite Basis der sich in Berufs- und Stcmdes- aemeinschasten selbst organisierenden Volksgrup-

Lange bevor am Dienstagvormittag die Feier im Reichstag ihren Anfang nahm, strömten bereits viele Tausende zum Platz der Republik, so daß gegen Mittag eine unübersehbare Men­schenmenge den riesigen Platz füllte. Das Wetter hatte sich soweit aufgeklärt, daß gegen 12 Uhr auf dem mit den Reichsfarben und der Kriegsflagge geschmückten Platz Sonne lag. Die Zugangsstraßen waren dicht besetzt, wo die Poli­zei unter persönlicher Leitung des Kommandeurs der Berliner Schutzpolizei, Oberst Heimansberg, den Verkehr musterhaft regelte. Auch vor dem Palais des Reichspräsidenten hatte sich eine dichte Menschenmenge eingefunden, um bei der Abfahrt des Reichspräsidenten ihm ihre Ovationen dar- zubringen. Die Hauptstraßen waren besonders stark beflaggt. Neben allen öffentlichen Gebäuden hatten auch alle Botschaften und Gesandtschaften, wie viele Privathäuser, Flaggenschmuck angelegt.

Puntt 12 Uhr fuhr Reichspräsident von Hin­denburg, begleitet von Staatssekretär Meißner und Adjutant Oberstleutnant von Hindenburg, am Por­tal 4 des Reichstages vor. Zur selben Minute marschierte die zweite Kompagnie des Infanterie- Regiments Nr. 10 aus Dresden unter Führung ihres Hauptmannes int Paradeschritt ein und nahm in zwei Gliedern Aufstellung mit der Front nach dem Reichstag. Nach der Meldung des Haupt­mannes schritt der Stadtkommandant von Berlin, Oberst von Witzendorff, die Kompagnie ab und begab sich mit dem Kommandeur Heimansberg zur Feier nach dem Reichstag.

Dem Ernst der Zeit entsprechend waren Reichs- tagssitzungsfaal und Platz der Republik zwar wür­dig, aber doch sehr einfach geschmückt.

Der Plenarsitzungssaal des Reichstages bot ein buntes Bild, das besonders durch die farbenpräch­tigen Uniformen der Abordnungen der studenti­schen Korporationen unterstrichen wurde, die den ganzen Saal umsäumten. Die Studenten­schaft war diesmal in so großer Zahl vertre­ten, wie es noch bei keiner der vergan­genen Verfassungsfeiern der Fall war. Auf der Regierungs-Estrade hatten neben dem Reichskanzler die Reichsminister Dietrich, Dr. Cur- tius, Dr. Schätze!, Dr. Schiele, von Guerard, Dr. Stegerwald und Treviranus Platz genommen. Ne­ben Minister Dietrich saß der preußische Minister­präsident Dr. Braun, der mit den Ministern Dr. Hoepker-Aschoff, Dr. Schmidt und Dr. Stei­ger erschienen war. Der Berliner Oberbürger­meister Dr. Sahm hatte seinen Platz neb^n dem Reichsaußenminister Dr. Curtius. Ferner sah man den Reichsbankpräsidenten Dr. Luther, die Vertreter der Heeres- und Marineleitung, den Berliner Polizeipräsidenten Grzsinski, den Präsi­denten des Städtetages, Dr. Muhlert, und viele andere.

Punkt 12 Uhr erschien, während sich die ganze Festoersammlung von den Plätzen erhob, Reicks-

pen, oder ob er der unglücklich-verderbliche Ab­klatsch eines russisch-bolschewistisch-kommunistischen oder eines italienisch-faschisstscheu Vorbildes sein soll. Das erstere würde die schreckensvolle Diktatur einer kleinen, aber gemein rücksichtslosen Gruppe bedeuten und die Umwertung aller kulturellen Werte, die Vernichtung allen edlen Menschentums und des gottsuchenden und den Nächsten lieben­den Christentums, den Einbruch barbarischer Gottlosigkeit und Kulturfeindlichkeit in die Ge­filde bisheriger christlicher Ordnung und Sitte. Und das andere wäre die zügellose Herrschaft einer kapitalistisch - mammonistisch - militaristischen Clique in einer unerbittlichen, innen- wie außen­politischen gefahrvollen Staatsomnipotenz: denn daß das ganze nationalsozialistische phrasenhafte Ge­tue nichts anderes ist als eine bloße Fassade für machtlüsterne, reaktionär-plntokratische Besttebun- gen und Zielsetzungen, darüber dürfte nach den jüngsten Ereignissen und Enthüllungen kein Zweifel mehr bestehen, und gerade durch diese verführende Täuschung der Massen ist der Natio­nalsozialismus der beste und willkommenste Vor­arbeiter und Helfershelfer der bolschewistischen Weltrevolution.

Ein lebensvoller Volksstaat hat zwei Dinge zur notwendigen Voraussetzung: ein gesundes, lebenskräftiges Volk, das die demokratischen Rechte mit den ordnenden Pflichten in Einklang zu bringen versteht, und eine im Volk wurzelnde politische Führerfchicht; und beide, Führer und Gefolgschaft, müssen int Ideal eine Einheit fein, durch Treue und Vertrauen und Hingabe und Sorge gegenseitig sittlich gebunden. Weil es hier bei uns an beidem fehlt, ist unsere Demokratie nur ein Zerrbild, ein beschämendes Schauspiel, deshalb kann sie nicht recht funktionieren, muß sie in Zeiten der Not, wenn die Wogen der Sorae hochgehen, versagen; und deshalb kann diese Art von Demokratie sich ruhig abmalen lassen; wir meinen ihr keine Tränen nach.

Nicht kraftvoll wollendes Staatsvolk, nur eine dumpf brütende Masse ist unser Volk, dem Schreier nachlaufend und dem politischen Jakob auf dem Jahrmarkt des politischen Geschehens; einJnteressenhaufen", auf dem jeder nur sein Stück am großen Volksküchen sucht und zu retten bestrebt ist, um ihn unversehrt Heimtragen zu kön­nen. Und die Mehrzahl unserer vermeintlichen, eingebildeten politischen Führer? Geschäftsführer sind sie und Geschäftsträger zur Erreichung be­stimmter aufgestellter Programmpunkte oder Lei­ter von Organisationen zur reinen Vertretung egoistischer Interessen, nickt aber Lebensführer aus Treue und Glaube. Das ist eine gefährliche Krank­heit der Seele unseres Volkes. . Soll es anders werden, und es muß anders werden, so muß uns der Führer etwas mehr werden und sein als nur Exponent der Masse" oder herausgestellter Funk­tionär. Ja, Führer muß uns fein, wer das Verstehen

Präsident von Hindenburg, um in der Diploma­tenloge Platz zu nehmen. In feiner Begleitung befanden sich die Reichsminister Dr. Wirth und Gröner, Reichstagspräsident Lobe und Reichstags­vizepräsident von Kprdorff.

Die Feier wurde eingeleitet durch die Motette: Der Geist hilft, von I. S. Bach. Als die letzten Töne verklungen waren, ergriff Reichsminister der Finanzen Dr. Dietrich das Wort zu seiner weit ausholenden Weiherede, in der er einleitend auf die Entwicklung der letzten acht Jahre hinwies. Im Verlauf seiner Ausführungen würdigte Mini­ster Dietrich die Persönlichkeit des Frei- Herrn vom Stein, der die Voraussetzungen für eine neue deutsche Geschichte geschaffen habe. Heute sei das deutsche Volk über alles, was Stein plante, hinausgeeilt. Es habe das freie Bürgerrecht in der Gemeinde und im Reiche. Trotzdem befinde es sich in einer Krise. Der Ruf nach Reformen sei groß und er dürfe auch nicht ungehört verhallen. Es komme darauf an, die Aufgaben und Zuständigkeiten zwischen Reich, Ländern und Gemeinden richtig zu verteilen und die finanziellen Folgerungen daraus zu ziehen, um die oft leerlaufende Verwaltungsmaschine zu entlasten. Der Minister schloß: Mit dem Frei­herrn v. Stein sind wir stolz auf unser Volk und seine, wenn auch oft tragische, so doch glänzende Geschichte, und wir verbinden am heutigen Tage, an dem wir die Verfassung von Weimar feiern, mit der Achtung vor der Vergangenheit den Glau­ben an Deutschlands Zukunft.

Im Anschluß an di- Ausführungen des Finanz­ministers wurde die Hymne: Sämann Deutschland vorgetragen.

Darauf ergriff der Reichskanzler das Wort. Auch er erinnerte an die Persönlichkeit des Freiherrn vom Stein, des Wegbereters deutscher Einheit und Freiheit. Der Führer zum volkhasten Staat sei uns in diesen Zeiten des Duldens und Harrens, des Handelns und Gestaltens aufrichten­des und mahnendes Beispiel. So wie seine freiheit­lichen Reformen die sittlichen und moralischen Kräfte der Nationen zu stärkster Wirkung anfachte, so solle und müßte die in der Reichsverfafsuna ge­gebene Freiheit und Mündigkeit allen ein Appell sein, in bewußten und diszipliniertem Wollen sich der Bürgerpflichten zu erinnern, die diesen Bürger­rechten entsprächen. Auf die Zeit, in die Steins Schaffen gefallen sei, sei der Ausstieg gefolgt. So solle auch jetzt jedem Deutschen die Zuversicht er­füllen, auf eine bessere Zukunft und den Wieder­aufstieg unseres Vaterlandes.

Der Kanzler schloß: In diesem Sinne bitte ich Sie, Herr Reichspräsident, und Sie, meine Damen und Herren, mit mir einzustimmen in den Ruf: DasinderRepublik geeinte deutsche Volk, es lebe h o chj"

Auf dem Platz vor dem Reichstag sand dann

mitbringt und einen unerschütterlichen Opfersinn, und wer die Opferkraft aufbringt für das Ideal unsers Volksstaates im Dienste der Gemeinschaft des ganzen großen notleidenden Volkes als gott- gefanbter Herold und als Mittel göttlicher Da- zwifchenkunst. Ihm, um) ihm allein kann man vertrauen und im Vertrauen folgen, auch bann, wenn man feine einzelnen Handlungen nicht rest­los versteht. Und darum geht es heute bei uns. Das allein ist unsere Rettung.

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Alles Staatliche ist nur Form und wird ge­tragen von der die Form ausfüllenden geistigen Volkssubstanz in der Volksordnung. Diese ist bei uns wie auch in weiten Kreisen des westlichen Europas .zerstört und vernichtet. Volksauflösung, Volkszerstörung, aufgelöstes, zerftörtes Volk ist die elementare Tatsache der Zeit. Man sieht sie noch nicht überall, aber beginnt sie allmählich überall ganz dumpf zu fühlen und zu empfinden; nur so lassen sich die freilich falsch angelegten verschiede­nen völkischen Erneuerungsbewegungen erklären. Wir sind gar nicht mehrVolk", wir find nur noch Masse und Klasse und Konfession und Par­tei und Gewerkschaft, wir sind nur noch leblose Organisation, nicht aber ein lebendiger und le­bensfroher und lebenskräftiger Volksorganismus. Wir sind zerrissen und zerklüftet und gespalten, konfessionell. und politisch und wirtschaftlich und sozial. Vom Boden der Gegenwart aus, von den gegebenen Verhältnissen aus und vorläufig auch unter den gegebenen Verhältnissen eine neue Bin­dung der jetzt noch einzelnen Menschen und Men­schengruppen zu einem neuen Treubund in einer neuen Volksordnung zu schaffen versuchen, das haben wir nun als uns vervflichtende Zeitausgabe erkannt. Doch werden wir sie zu lösen vermögen? Das ist die große Schicksalsfrage der Nation. Von oben her, von Staates wegen kannVolk" nicht geschaffen werden, und auck nicht durch das dema­gogische Aufpeitschen völkischer Leidenschaften, wie die Nationalsozialisten und auch andere sog. völ­kische Bewegungen es zu tun belieben. Volk wird nur durch und in der Anknüpfung neuer Bezie­hungen von Mensch zu Mensch, von Seele zu Seele. Und so schreibt der Erde des Rembrandt- deutschen ganz mit Recht:Es gilt zuerst, den Blick auf die unverdorbenen, die reinen Seelen unseres Volkes zu richten und von da aus auf alle Seelen. Wenn sich die Besten aus allen Stän­den gegenseitig suchen und finden, dann kommt auch wieder das junge Geschlecht in organische Le- bensverbinduna mit dem abflutenden Alter. Dann kann wieder Liebesgemeinschaft der Stände im Staate erblühen. Und diese allein wird Deutsch­lands Seele erhalten." Da ist unsere volkspolitische Aufgabe vor und über aller und jeder Staats­politik. Denn. sie erst sichert dieser in Richtung auf den zu begründenden sozialen Volksstaat einen wirklich dauernden Erfolg, . »nd.

Parade-Auf st ellung vor dem Reichspräsi­denten statt.

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wtb Berlin, 11. Aug. (Eig. Meldg.). Die Berliner Polizei hielt heute vormittag im Lustgarten eine Verfassungsfeier ab, an der auch der preußische M i n i st e r p r ä s i d e n t D r. h. c. Braun teilnahm. Bei der Feier hielt Polizei­präsident Grzesinski eine Ansprache, in der er unter Hinweis auf die Not der Zeit u. a. fol­gendes ausführte: Es ist nützlich, daran zu er­innern, daß wir schon einmal eine Verfassungs­feier begangen haben, bei der die Not das deutsche Volk bedrückte und verwirrte Das war die V e r. faffungsfeier im Jahre 1923, die unter derart chaotischen Umständen stattfand, daß sie in keiner Weife mit der heutigen Krise verglichen werden fönnte. Damals hing das Schicksal der Republik und mit ihr das Schicksal des deut­schen Volkes nur noch an einem ganz dünnen Faden. Dennoch gelang es in überraschend kurzer Zeit, der fürchterlichen Erschütterungen in Wirt­schaft und Politik durch Wahrung der öffent­lichen Disziplin, Geduld, festen Wil­len und klares Wollen wieder Herr zu werden. Sollte, was damals gelang, heute un­möglich fein? Man mag im Augenblick die Dinge so düster sehen, wie man will, eines steht auf jeden Fall fest, daß, wenn man hier über­haupt vergleichen kann, die heutige Sage Deutsch­lands trotz aller Not doch besser und weitaus hoff­nungsvoller als damals ist. Eine feste staat­liche Gewalt ist aber besonders jetzt von Nöten, da sie allein im Stande ist, die Regelung der verworrenen Verhältnisse sicherzustellen.

Hier beginnt die Ausgabe der Polizei. Nicht, daß ich der Meinung wäre, daß wirtschaftliche und so­ziale Fragen durch die Polizei gelöst werden müßten oder könnten. Aber der Staat kann nicht handeln, seine vielfach tief ins Leben der Nation eingreifenden Gesetze und Verordnungen nicht durchführen, ohne eine starke, geschlossene Executive, die mit Leib und Leben sich für die Rechte und Sicherheit des Staa­tes einsetzt. Ich darf mit Stolz sagen, daß die Berliner Polizei vom ersten bis zum letzten Beamten ihre Aus­gabe nie anders ausgefaßt hat. So wahr die Republik heute wie gestern die einzige Möglichkeit darstellt, Deutschlands staatliche Existenz in den wiederholten fürchterlichen Erschütterungen der Nachkriegszeit zu sichern, so wahr ist es, daß die preußische und Berliner Polizei durch ihre aufopferungsvolle, hingebungsvolle Arbeit Staat und Volk immer wieder in den Stunden höchster Not vor dem Hineinstürzen in den Abgrund be­wahrt haben. Ich weiß, was in den letzten Monaten im Berliner Polizeipräsidium geleistet wurde und ich wollte nur, daß ganz Berlin mit mir begriff, was es der hingebungsvollen Arbeit feiner Polizeibeamtenschaft zu danken hat. Der Polizeibeamte steht heute leider auch auf schweren Gefahrenposten. Neuerdings scheint sogar der gemeine Meuchelmord politi­sches Kampfmittel geworden zu sein. Hier auf der Straße jedenfalls und im Dienst haben schon viele Beamte die Liebe" dieser Kreise mit ihrem Leben bezahlen müssen. Das Grab des Wachtmeisters Zänkert ist gestern von sei­nen Mördern geschändet worden. Schlimmeres und Verabscheuungswürdigeres ist hier in Berlin, und ich glaube auch in Deutschland, noch nicht passiert.

Die Teilnehmer an der Feier ehrten darauf das An­denken der Toten durch eine Minute ehrenvollen Schwei­gens. Polizeipräsident Grzesinski fuhr bann fort: Das kommende Jahr wird sicherlich noch höhere Anforderun­gen an uns alle stellen. Mehr denn je ist es unsere Auf­gabe, den Gesetzen und Geboten der verfassungsmäßigen Regierung und dem Staate selbst Gehorsam, seinen Sym­bolen Achtung zu verschaffen. Dabei haben wir aber auch die Pflicht, das Volk mit feinen Nöten zu begreifen und für feine Klagen Verständnis aufzubringen. Die Nachkriegspolizei ist eine Volkspolizei und soll es bleiben. So sehr ich aber verständige Einsicht und Be­sonnenheit von allen Beamten immer wieder verlange, so sehr ist harte Entschlossenheit und Rücksichtslosigkeit in der Abwehr dann selbstverständlich, wenn es zum Angriff auf die Beamten, zur offenen Auflehnung gegen die Ge­setze ober gar gegen die Verfassung kommt. Wir fühlen, welch hohe Ausgabe es ist, diesem Volke und Staate zu dienen und wissen, daß der Polizeibeamte eine harte und doch herrliche Aufgabe hat, wenn er diesem Volke und feinem Staate ein treuer Hüter und Schützer ist.

Der Polizeipräsident schloß mit einem Hoch auf die deutsche Republik und die Farben Schwarz-Rot-Gold. Die eindrucksvolle Feier endete mit der Uebergabe einer neuen Standarde in den Reichs- und preußischen Far­ben an die Schutzpolizei und einem Vorbeimarsch der Polizeitruppe. '

Nautilus hat wieder Havarie.

Das U-Boot treibt auf offenem Meer.

wtb Xromfö, 11. Aug. (Eig. Meld.) Das Po- lar-Unterfeeboot Wilkins,N a u t i I u s" erlitt gestern kurz nach feiner Abfahrt eine neue Hava­rie, welche die Mannschaft während der Nacht zu beheben versuchte. Da derNautilus" keinen ge­wöhnlichen Anker hat, so treibt er wenige Mei­len von Tromsö entfernt auf offenem Meer. Es ist zuxzeit nicht möglich, nähere Einzelheiten in Erfahrung zu dringen, doch vermutet man, daß es sich um einen Maschinenschaden handelt.

Neue Bemühungen für Deutschland.

wtb. London, 11. Aug. (Eig. Meld.» Gestern hat eine wichtige Zusammenkunft zwischen den Londoner Clearing - Häufern und führenden internationalen Ban­kiers zu einer Vereinbarung über die Einberu­fung einer internationalen Bankier-Konferenz zur Erörterung einer Abmachung zur Unterstützung Deutschlands zur Fortsetzung kurzfristiger Anleihen für einen weiteren Zeitraum geführt, die wahr­scheinlich in wenigen Tagen entweder in London oder in Paris stattfinden soll.

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wtb. Paris, 11. August. (Eig. Meld.) Nach dem Sonderkorrespondenten desExelsior" in Basel wird der Bankier-Sachverständigen-Aus- schuß vermutlich Anfang kommender Woche Basel Verlassen und sich nach Berlin begeben. Es bestehe die Möglichkeit, daß dann die franzö-