AHLS
Ar. 182
Vellage zur Fuldaer Zeitung
9. August
Ernte.
Der Tag ist heilig.
Aus tausend Wunden blutend, gibt die Erde ihre Frucht, gibt sie mit jenem stummen Weh, das in dem Windesseufzen flutend weit entflieht in ferne Hirnmelshöh *im nicht der Menschen Fest mit ihren Tränen zu ertränken. Und Halm auf Halm mutz jetzt die früchteschwere Krone senken.
Der Tag ist heilig. In jedem Korn, das in die Scheuer zieht, ruht mondelanges Harren, stilles Hoffen, tiefe Pein. Gewitternächte, Tagesschwüle, sanftes Rieseln, Sonnenschein — ach, die Welt mit ihrem ganzen Weh und Leid und ihrer ganzen Sommerseligkeit, des ganzen Jahres wechselnder Verlauf liegt in goldnen Garben jetzt zu Hanf.
Maria Bracht.
Der Ursprung -es Uolau-sbll-es.
Von Eduard Klocke.
„Seins unserer alten Rechtswahrzeichen ist so umstritten wie das Rolandsbild." Mit diesen Worten beginnt der Professor für Rechtsgeschichte an der Göttinger Unversität, Dr. Herbert Meyer, eine Untersuchung über das Rolandsbild in den „Nachrichten von der Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen". Die überragende Bedeutung Rolands, des Riefen am Rathaus zu Bremen, führte, als sich die Wissenschaft zu Beginn der Neuzeit mit den Rolanden zu beschäftigen begann, dazu, sie als Sinnbilder der Stadtfreiheit aufzufassen. Der Name wies auf den Paladin Karls des Großen hin. Man sah also in dem Standbilde die Darstellung einer historischen Persönlichkeit. Der erste, der sich gegen diese Auffassung richtete, war der Dichter und Gelehrte Johann Gryphiander (Griepenkerl). Seiner Ansicht nach waren die Rolandssäulen Königsbilder und Wahrzeichen des Königsbannes. Aber feine Meinung drang nicht durch. Iocob Grimm hielt an der Karlssage fest. Später ließ er freilich diese Deutung fallen und führte die Entstehung der Rolandsbilder auf den Einfluß der höfischen Epen zurück. Andere erblickten in den Rolanden Marktfreiheitsbilder, während sich Georg Sello für die alte Lehre vom Königsbild als Zeichen der Stadtfreiheit einsetzte.
Don einer ganz anderen Seite gingen Karl Heldmann und Franz Jostes an die Rolandsbilder heran. Sie sprachen ihnen den Charakter als Rechtswahrzeichen ganz ab. Nach Heldmann handelte es sich bei einer Reihe von Rolanden um bloße Spielfiguren. Er erinnerte an das ritterliche Scherzfpiel, das der patrizischen Stadtjugend die Aufgabe stellte, zu Pferde mit dem Speer gegen eine drehbare Holzfigur anzurennen, die mit ausgebreiteten Armen auf dem Marktplatze stand. Es galt den Schild zu treffen, den der linke Arm hielt, dann aber an der in Umlauf versetzten Figur oorbeizukommen, ohne daß den Reiter das Mißgeschick traf, von dem rechten Arm vom Pferde geschlagen zu werden. Demgemäß, meinte Jostes, habe das Wort Roland nichts mit dem Paladin Karls des Großen zu tun, sondern hänge mit „rotulare", sich drehen, zusammen Von diesen hölzernen Drehfiguren sei dann der Name Roland auf die später an ihrer Stelle errichteten Steinbildsäulen übergegangen.
Diese Erklärung ist heute völlig überholt. Allen Rolanden eigen ist das blanke Schwert. Dieses weist nun aber nicht auf die Freiheiten der Bürgergemeinde hin, sondern auf das königliche Regal, durch das sich die Marktorte vor anderen Gemeinden auszeichneten, auf den Königsfrieden, der den Markt und das Marktgericht heiligte, auf den Königsbann, der dessen Verächter bedrohte. Dem Känigsschwert gesellt sich der Königsschild, den wir schon in der Lex Salica als Wahrzeichen des Königsbannes im öffentlichen Gericht antreffert. So treten uns die Rolande in rechtlicher Verbundenheit mit der
Hochgerichtsbarkeit entgegen. An ihnen wurden Hinrichtungen vollzogen, so in Bremen, in Zerbst, in Halberstadt, in Magdeburg; und ebenso tagten die Schöffen wie das peinliche Halsgericht in Halle vor dem Roland. Ein 1404 in Elbing errichteter hölzerner Roland diente als Pranger zur Schaustellung oder Auspeitschung ober als Stock der Verwahrung von Verbrechern. Der Roland zu Zehden in der Neumark stand auf einem Granitstein, der ein Halseifen hatte. In Nordhaufen befand sich das Gefängnis .Hinter dem Roland". Dadurch dürfte es sich erklären, daß Landstreicher als Roländer bezeichnet wurden.
Woher kommt nun aber der Name Roland? Professor Meyer weist daraus hin, daß, abgesehen von einzelnen Entlehnungen, der Name Roland nur in Niedersachsen und Ostfalen oorkommt. Er glaubt, daß ein Zusammenhang besteht mit dem hier üblichen Namen der Dingstätte, auf der sich der Roland erhebt. In Westfalen, wo die alten Gerichtsstätten im Freien sich erhalten haben, führen sie den Namen der „roten Erde". Das Wort bedeutet ursprünglich nicht das Land Westfalen, dessen Erde nicht röter ist als die anderer deutscher Gaue. Erst im Jahre 1546 kommt es in dieser Bedeutung vor. Freischössen mußten an echter Dingstatt im Freien, „up rober erbe, gemakt" werden; und solche war damals nur in Westfalen noch allgemein in Gebrauch. Aber die Beziehung zur roten Farbe tritt auch anderwärts bei Gerichten und Richtstätten hervor. Viele Städte haben einen „toten Turm" als Gerichtsstätte, und dieser hat seinen Namen von der Blutfahne, die von ihm dann immer wehte, wenn bas Halsgericht gehegt wurde. An anderen Orten bezeichnen „Rote Tore", „Rote Bänke", „Rote Gräben", ,,Rote Brücken" die Ge- richtsstätte ober die Grenzen des Gerichtsbannes. In Magdeburg und in Frankfurt a. M. war die Gerichts- stätte vor der „Roten Tür" u. f. f. So liegt denn der Gedanke nicht fern, daß der Roland seinen Namen von der roten Fahne oder von der roten Farbe des Gerichts hat. Schon 1700 sagt Andreas Ockel, ein Schöffe in Halle, zur Deutung des Namens Roland: „Rotland ist ein mit öffentlichem Frieden umwehrter Platz, wo Menschenblut vergossen wird." Professor Meyer nimmt nun an, daß der Name Roland die niedersächsische und ost- sälifche Entsprechung zu dem westfälischen „rote Erde" ist und ursprünglich die Opfer- und Dingstatt im Freien bezeichnet hat. Gerade in Niedersachsen konnte das Wort „Rodeland" durch Ausstößen des d zwischen den beiden Vokalen leicht zu „Roland" werden. Dadurch wurde es undurchsichtig und erinnerte an den Eigennamen. Die spätere Umdeutung auf den Paladin Karls des Großen wurde möglich, sobald das Rolandslied bekannt wurde, bas unter dem Einfluß des Weifenhauses und des Deutschen Ordens gerade im deutschen Norden und Nordosten seine Hauptverbreitung fand. „Roland" heißt also die „Gerichtsstätte", der Marktplatz, und von ihm wurde der Name übertragen auf das Wahrzeichen des Ortes, bas Rolandsbild.
vom Blitz.
Allgemein ist die Meinung verbreitet, daß vom Blitz vor allem hochgelegene Stellen getroffen werden. Dazu ist aber zu bemerken, daß nicht die absolute Erhebung über dem Meersspiegel, sondern die bedingte Höhe über der unmittelbaren Umgebung verhängnisvoll werden kann. Für die Richtung des Blitzes ist die kürzeste Linie ins Erdinnere maßgebend, wobei verschiedene Erdschichten und Beschaffenheiten der Erdoberfläche mitwirken; am allerschnellsten aber wird der Blitz durch das Wasser ins Erdinnere geleitet. Da die Bäume nun mit ihren Wurzeln bis zum Grundwasfer hinabreichen, weisen sie dem Blitz den geeignetsten Weg. An Gewässern stehende Gebäude sind dem Blitzschlag am meisten ausgesetzt.
Richt jeder Blitzfunke zündet. Trifft er einen guten Leiter (Metall, Wasser), dann gleitet er an ihm ins Erdinnere, trifft er aber einen schlechten Leiter (Holz, tierische Körper) ober ein Metall, das von einem schlechten Leiter umgeben ist, so wirb er aufgehalten und erzeugt durch diesen Widerstand Feuer.
Metallgegenstände ziehen durch ihren an den Spitzen ausftrömenben Magnetismus den Blitz an.
Ein Blitzableiter schützt alle Gegenstände unter einem
Kegelmantel, dessen Grundflijchenrabius gleich der Höhe der Auffangspitze über dem Fußboden ist.
Befindet man sich während eines Gewitters auf freiem Felde, so lege man sich lang auf die Erde hin. Falsch ist es dagegen, wenn man sich in einen Graben am Wege hinlegt, weil in ihm die Feuchtigkeit ober gar bas Grunbwasser ein guter Leiter für den Blitz ist. Sämtliche Metallgegenstände sind in einiger (Entfernung abzulegen. In keinem Falle sollte man unter einsam stehenden Bäumen Schutz vor Gewittern suchen. Hier kommen noch die verschiedenen Baumarten in Betracht. Am gefährlichsten als Blitzableiter sind Eichen und Fichten, am wenigsten gefährlich sind Buchen und Obstbäume („der Eiche weiche, die Buche suche").
Im Wald ist an und für sich keine erhöhte Blitzgefahr. Durch ein vom Reichsversicherungsamt erstattetes Gutachten von Geh.-Rat Professor Dr. Aßmann vom Meteorologischen Institut wird die allgemein angenommene Blitzgefahr des Waldes verneint. Es heißt in dem Gutachten, daß die Erfahrung gelehrt habe, daß in einem geschlossenen Bestand von annähernd gleich hohen Waldbäumen Blitzschläge verhältnismäßig selten vorkommen. Nur bann, wenn größere Zwischenräume zwischen Bäumen vorhanben, ober wo einzelne Bäume ihre Umgebung erheblich überragen, sei die Wahrscheinlichkeit eine größere. Die Vielheit der in dem gleichen Niveau befindlichen Baumwipfel wirke vielmehr ausgleidjenb auf die elektrische Spannung. Außerdem würde ein in einen
Wald einschlagender Blitz unbedingt einem Baurn folgen und durch dessen Wurzeln zur Erde gehen. Hiernach ist die Blitzgefahr für einen sich zwischen den Bäumen aufhaltenden Menschen keineswegs groß.
In einem Gebäude ist der Aufenthalt während eines Gewitters am sichersten, jedoch muß man sich an einem trockenen Platz und nicht in der unmittelbaren Nähe einer Wand oder metallener Geräte befinden.
Die meisten Blitzschläge kommen auf dem flachen Lande vor, weil dort ein System der Blitzableiter fehlt. Es empfiehlt sich, an Landhäusern möglichst breite Dachtraufen zu bauen, damit die Wände trocken bleiben, und an jeder Hausecke eine dicht geschloffene Regenröhre mit breiter, senkrecht zur Erde gerichteten Deffnung anzubrin- gen, damit der evtl, einschlagende. Blitz zur Erde geleitet wirb.
Man entferne aus der Nähe von Scheunen und Schobern eiserne Geräte, besonders diejenigen mit spitzen Enden.
Am Wasser sich aufhaltende Menschen oder an Gewässern stehende Gebäude sind der Blitzgefahr mehr ausgesetzt als an wasserarmen Orten.
Es gibt Gegenden, wo Gewitter sehr selten auftreten, andererseits werden manche Landstriche oft durch solche heimgesucht, und hier dürften die Bewohner ihre Erfahrung bei der Verminderung der Blitzgefahr in den obenerwähnten Fällen bestätigt finden.
Aoch einmal: Untergang -es Abendlandes?
Blick ins Gesicht der Zeit.
Man muß sich darüber klar sein, daß jeder Versuch, der Zeit ins Gesicht zu blicken, eine Vorwegnahme der Geschichtsschreibung späterer Tage darstellt. Erst aus weiter Perspektive läßt sich mit Sicherheit bas Gesicht einer Zeit bestimmen, lassen sich bie treibenden Ideen ausfonbem, die Stärken und bie Schwächen feststellen und läßt sich endlich der Zeit ihr gebührender Platz in der Welt- und Kulturentwicklung anweisen. Wer dies bei derjenigen Zeit versucht, der er selbst angehört, kann dies nur tun, indem er die zukünftige Entwickelung vor- roegnimmt und sich einen Standpunkt im Kommenden konstruiert — immerhin eine nicht ganz zuverlässige Basis. Trotzdem muß der Versuch immer wieder neu unternommen werden — genau so wie der einzelne Mensch sich immer wieder selbst bespiegeln und im Gewissen erforschen muß. Das vorgeahnte Kommende ist ja nicht die einzige Basis, von der aus die Beurteilung erfolgt, auch die Vergangenheit gibt Anhaltspunkte, und zwar entscheidende.
„Erkenne dich selbst!" — diese starke Mahnung steht zwischen den Zeilen eines neuen Buches, das wie ein unerbittlicher Strahl in bas wirre, verzerrte, form- und haltlose, zum Teil wüste Antlitz der Gegenwart leuchtet. Otto Forst de B a ttaglia hat es im „Verlag für Zeitkritik", Berlin, herausgegeben. „Der Kampf mit dem Drachen" ist sein Titel, und „(Eine A b - redjnung mit den falschen Größen der Zeit" lieft man darunter. Es ist weit mehr als eine Abrechnung mit den falschen Größen der Zeit. Diese bieten nur den Anlaß, um der Zeit selber die Larve vom Gesicht zu ziehen. Genau so wie der Charakter eines Einzelmenschen entscheidend dadurch bestimmt wird, welches die Werte sind, denen er zustrebt, genau so wird der Charakter der Zeit dadurch bestimmt, wem sie Wert und Bedeutung beimißt.
Des Verfassers konstruktiv erschlossener Standpunkt im Kommenden, von dem aus er die Gegenwart beurteilt, liegt in dem Fundamentalsatz ausgesprochen, mit dem er sein Werk beschließt: Etat crux, dum volvitur orbis — es sieht das Kreuz, wenn auch die Erde stürzt. Und nicht minder wird durch diesen Satz der Ausgangspunkt feiner Ausführungen bestimmt. Bon der Errichtung des Kreuzes auf Golgatha, von feinem Sieg über das morsche Römerreich bis auf die Gegenwart sieht er einen einheitlichen Zug: ein Ringen um das Kreuz und mit dem Kreuze, eine Abkehr vom Kreuz und, vorausschauend, eine neue Hoffnung, bie sich wiederum um das Kreuz rankt. „Ms bie Antike versank und nun
wieder zum Untergang des Abendlandes lodert das Prometheifche Feuer: Kampfeszeichen wider die Vorsehung, Siegeszeichen des Menschen, der sich für das Maß aller Dinge hält und für sich kein einengendes Matz duldet. Aber die Heberzeugung darf ich gestehen, datz ich in dem beglückenden, wärmenden, segenspendenden Gestirn, das dem Abendlande so lange gestrahlt hat, auch das künftige, und nach einem Fiebersturm in beklemm- der Düsternis, herrlich erneute Gestirn von morgen erwarte. Ich glaube an eine zweite, vom Abendland her den ganzen Erdball erfaffenbe Christliche Welt, eine Well ber Drbnung und ber Unterordnung."
Dies ist der Rahmen, in den die Kritik der Zeit eingespannt ist, — einer Zeit, deren Signatur die Auflösung aler Harmonie und Ordnung ist. „Wohin wir auch unser Auge lenken, ein erbarmungsloser Kampf um die leergewordenen Plätze an der verdüsterten Sonne. Kampf gab es stets. Allein er wurde während ber verklungenen Epoche, gutgläubig ober heuchlerisch, jedenfalls im Namen einer Gerechtigkeit geführt, deren Normen jeder sich unterwarf. Der Staat stritt mit der Kirche, mit den andern Staaten, mit Gruppen seiner Angehörigen nicht um das Vorhandensein, sondern bie Auslegung von Rechten und darum, ob in einem bestimmten Fall die an sich nicht bezweifelten Rechte angewandt wurden. Wo wäre heute die allgemein als verpflichtend empfundene Ordnung? Die Staaten untereinander, der Staat, die auf Wirtschaftsinteressen, auf ber Sprache unb der Rasse beruhenden Gemeinschaften beanspruchen jede den Vorrang und gegenüber dem Individuum vorherrschende oder alleinige Hoheit. Zwischen dem Individuum und seinen Mitmenschen, zwischen ihm und den hadernden Gemeinschaften tobt ein zäher Kampf. Keiner wagt es da zu sagen, was Gottes und was des Kaisers, was des Menschen und was der Gesamtheit ist. In der gottverlassenen Welt entscheidet die brutale Kraft. — Unsicher schwankt der Mensch zwischen den Lehrmeinungen. Heber die letzten Dinge jagt ein letztes Wort der Wissenschaft das andere. Und wie mit der Wahrheit über das Sein und Werden, steht es mit den Begriffen des Guten, des Schönen. Alles ist relativ, war es schon lange, ehe Einsteins Relativitätstheorie dem aus der Metaphysik verbannten Absoluten auch in der Physik den Garaus machte. Wohin immer wir schauen, es nähert sich die Verwirklichung des Leitgedankens russischer Nihilisten: Alles ist erlaubt, zugleich mit dem ber zügellosen Skepsis: Alles ist möglich. Denn nichts ist gewiß und nichts von einer unanfechtbaren Autorität getragen. Wir fe-
Die Augen des unbekannten Soldaten.
6J Roman von Paul Edmund von Hahn.
Copyright b» Knorr und Sirtb, G.m b.H. München.
Die Oberschwester furchte unwillig die Stirn und warf der Redenden einen strengen Blick zu.
Diese ließ sich nicht aufhalten: „Herr Stabsazt, ich halle es nicht aus. Das nächstemal bekomme ich auch einen Schreikrampf." Sie warf einen ängstlichen Blick auf die starr mit geschloffenen Augen daliegende Kranke. „Sie ist vom Teufel besessen!"
Der Stabsarzt hob abwehrend die Hand. Furchtsam blickte er zur Tür hinüber. Dann streifte sein Blick die Patientin, und ohne auf die strenge Gebärde der Oberin zu achten, hob er sich nach seiner Angewohnheit wieder auf die Zehenspitzen unb fragte mit einem Tone, wie ihn Kinber haben, wenn sie gruselige Geschichten hören: „Warum glauben Sie bas? Hat sie roieber von ben Augen gerebet?"
Die Pflegerin griff sich mit beiben Händen an den Kopf. Mit zwei hastigen Schritten stand sie vor dem Stabsarzt und beugte sich flüsternd zu ihm: „Es fängt ja immer so an — erst blickt sie so starr, bann klappen ihr die Augenlider und sie fängt an, mit den Händen über bie Decke zu fahren, als wenn sie etwas sortscheuchen wollte. Dann sagte sie: „Nein, nein!" unb bann" — bas Mäb- chen beugte sich vor und der Stabsarzt wich auf ben Zehenspitzen einen Schritt zurück . . . „bann . . . schreit sie: „Schließ die Augen!" Unb bann geht es los. Sie wirst bie Decke weg, kratzt unb beißt unb gellt wie so eine Fabrikspseise: „Die Augen, bie Augen!"
Die Pflegerin zitterte am ganzen Leibe. „Immer in ye Augen will sie uns fahren — alle Nägel haben wir ihr schon abgeschnitten unb doch kratzt sie noch wie eine Katze. Ist bas nicht Teuselswerk?"
Der Stabsarzt blickte ängstlich zur Oberin hinüber. Diese ftanb hager unb ernst, mit gefalteten Händen da. Sie sagte mit ihrer krankgewohnten Schwesternstimme ruhig: „Ich gab ihr eine Morphiuminjektion, wie Sie es verordneten, Herr Stabsarzt. Aber ich mußte die Dosis
verdoppeln — es wirkt so nur auf ganz kurze Zeit bei dieser Patientin."
Die andere Pflegerin rührte sich nun auch. Sie breitete ein wenig hilflos die starken Hände aus und sagte mahnend: „Das nächste Mal werden wir aber mindestens Zwei Wärter zur Unterstützung nötig haben. Wenn sie die Spritze sieht, wird sie ganz gefährlich und schlägt alles kaputt."
An der Türe klopfte es. Mit hörbarem Ruck setzte der Stabsarzt die Absätze auf den Boden, zog mit der kleinen feisten Hand den weißen Mantel zurecht und wandte sich mit würdiger Miene zur Türe. Die Oberschwester kam ihm zuvor.
Auf dem karbolduftenden Gange stand eine alte Dame mit verweinten Augen. Hastig versuchte sie durch die halbgeöffnete Tür in das Krankenzimmer zu gelangen.
Die Oberschwester stellte sich dagegen mit hartem Flüstern: „Es ist ganz ausgeschlossen — Sie würden Ihrer Tochter nur schaden!"
Der kleine Stabsarzt sah die bittenden Augen im kleinen, faltigen Gesicht ber Mutter Maria Rukows. Mit unerwarteter Gewanbtheit schlüpfte er unter dem Arm ber Oberin durch auf den Gang, schloß behende die Türe hinter sich und führte, ehrerbietig dig alte Dame unter ben Arm nehmenb, bie Oberstin Rukow in fein Ordinationszimmer. Dort setzte er sie auf einen ber weißlackierten Stühle unb lief geschäftig vor ihr hin und her. Bal- briantropfen mußte die alte Dame zu sich nehmen, etwas Zuckerwasser dazu. Ein Teekessel brummte gemütlich in ber Ecke.
„Nur noch eine Schale Tee?" fragte er eifrig.
Die Oberstin mußte lächeln, so possierlich war der gastliche Eifer des Stabsarztes. Sie schlug den langen, schwarzen Schleier vollends zurück unb fragte leise: „Sie sind so gut, Herr Stabsarzt, warum lassen Sie mich nicht zu meinem Kinde?"
Der Stabsarzt machte ein wichtiges Gesicht: „Sie
wissen, gnädige Frau, baß ich augenblicklich hier ber einzige Arzt bin. Die Herren vom Spital find rechtzeitig abgefahren — unb bie- Herren Kollegen aus der Stabt haben alle Hände voll zu tun. Ich konnte die Verantwortung nicht auf mich nehmen, die Kranke zu beunruhigen. Heute mittag erwarten wir den berühmten Kollegen Rekin, ber, auf Befehl bes Kommandos, Ihre Tochter behandeln soll." Der Stabsarzt atmete erleichtert auf. „Ich bin doch nur ein einfacher Landarzt!"
Jetzt erst bemerkte ber Stabsarzt, daß die Oberstin Rukow seinen Ausführungen nicht gefolgt zu sein schien. Sie weite leise vor sich hin. Verwirrt starrte er sie an.
Die Oberstin sagte leise: „Es ist ein wenig viel auf einmal über mich gekommen. — Erst ist das Mädel in diese Geschichte hineingeraten, unb dann hat meinen guten Mann ber Tob erlöst unb nun . . ." Sie ballte bie alten Hande in ber Anstrengung, bas Schluchzen zu unter- brücken. „Nun hoffe ich zu (Bott, daß mir diese Krankheit die Tochter roiebergibt." Sie hob kraftlos eine Hand. „Ich würde sie ja am besten pflegen. Besser krank, als so ein . . .* Sie stockte und brachte nur mühsam hervor: „so ein Leben, wie sie es zuletzt geführt."
Der Stabsarzt senkte ben Blick, Der Schmerz dieser Mutter war seinem einfachen (Bemüte nur zu verständlich. Leise sagte er: „Warten Sie, Frau Oberst. Ich will Sie nachher zu Ihrer Tochter führen."
Eilige Schritte klapperten ben Gang entlang. Es klopfte. Der Stabsarzt fuhr zur Tür herum.
Ein Tatare steckte ben schlitzäugigen Kopf in das Zimmer, ließ einen blitzschnellen Erkunderblick über die Dinge unb Menschen gleiten unb melbete unterwürfig: „Der Kommissar Polkin läßt Herrn Stabsarzt bitten."
Der Stabsarzt warf ber Oberstin einen ängstlichen Blick zu, eilte zu einem kleinen Schränkchen an der Wand, aus dem er schnell eine Spritze und eine Ampulle holte, unb folgte dem Tataren.
An ber Tüte manbte sich ber Arzt noch einmal hastig um unb winkst der Oberstin zu bleiben. Dann eilte er wieder ben langen Gang hinunter unb betrat den Raum neben dem Krankenzimmer Marias. Alle Zimmer in diesem sogenannten Osfizierstrakt waren einander ähnlich. Das gleiche Fenster mit ben schmalen, weißen Gardinen, der hellgelbe Tisch mit dex vertrockneten Blume und den
zwei Stühlen davor — bas weiße Eisenbett mit ber daran hängenden Fiebertabelle unb bem kleinen Büchlein ber Krankengeschichte.
In hochausgeschichteten Kissen lag bas spitze Gesicht Polkins. Nervös zuckten feine Mundwinkel. Neben ihm, am Kopfenbe bes Bettes, ftanb ein Telephonapparat. Ein Soldat hielt den Höhrer an das Ohr bes Verwundeten. Polkin beendete offenbar ein Diktat:
„. . . bie (Befangenen finb in das Haus Nummer fünf auf der Perfkcija überzuführen. Die Keller dort sind mit entsprechenden Sicherungen zu versehen. Bei Oberst Rukow weitere Haussuchungen. Es müssen noch Listen vorhanden sein." Ein scharfer Blick traf ben Arzt. „Weitere Befehle holen Sie sich selbst heute abend."
Er winkte bem Soldaten, ber ben Hörer aufhängte unb bas Zimmer verließ. Der Tatare ftanb unbeweglich an der Türe unb ber Stabsarzt hatte bas Gefühl, von einem Kettenhunb bewacht zu werden.
Wütend rieb ber Kranke ben mageren Nacken in den Kissen. Er zischte: „Doktor! Wann werde ich gesund sein? Du verschleppst mutwillig meine Heilung. Du bist ein Reaktionär. Ein Verschwörer. Du gehörst an den Galgen!"
Der kleine Stabsarzt fühlte, daß seine Knie zu beben anfingen. Dieser Kommissar Polkin war schrecklich! Im stillen teilte der biedere Landarzt die Ansicht der Wärterin, daß sowohl Maria wie dieser Polkin vom Teufel besessen seien. Aengstlich streckte er bie Spritze vor.
Polkin lehnte ab: „Noch nicht! Ich habe noch mit dir zu sprechen." Er streckte sich schmerzhaft: „Du hast mir genau zu berichten, wie es ber Kommandantin Rukow geht. Es soll von nun ab alles notiert werben, was sie spricht." Er lachte mit bleichen Sippen. „Das meiste höre ich ja hier. Sage mal, kannst bu sie nicht befragen, was das für Augen finb, von benen sie immer schreit?" Er furchte die Stirne. „Heberhaupt, mein Lieber, du verstehst nichts, ober — bu willst nicht! Ich würde dir raten, dich anzustrengen!"
Befriedigt über den Eindruck seiner Rede ließ sich Polkin wieder in die Kissen fallen. Seine bandagierte Schulter schien ihn heftig zu schmerzen. Er verzog das Gesicht. Hastig beugte sich ber Stabsarzt vor und gab ihm die Injektion. Polkin schloß die Augen halb unb