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NILS

Heimat.

Ich hab' es lange nicht gewußt, was Heimat sei und Vaterland.

Sprach's einer mit durchglühter Brust, winkt' ich nur spöttisch mit der Hand.

Don meiner Tage Not gewürgt, sprach ich mit haßverzerrtem Mund: „Nicht einmal hat für mich gebürgt der Heimat hochgepriesner Grund.

Hab keinen Acker, und mein Feld ist einer Kammer Dielenholz. Mir wuchs aus keiner eignen Well der Scholle harter Bauernstolz.

Wenn ich im Sonntagsfrieden ging ins wälderfrohe Land hinein, mein Herz ein böses Weh empfing durch das Gefühl: es ist nicht dein!

Es ist nicht dein, was ringsum blüht, es ist nicht dein, was ringsum wächst. Bist aus dem nächtlichen Geblüt, das nur für andre schafft und ächzt!" Und fremd war mir, was mich umgab, was blühend stand und rauschend floß, weil es in Fremdheit wie ein Grab mein heißes junges Sein umfloß."

Da kam des Krieges rote Flut — ich hörte, wie die Erde schrie: „Du bist mein Fleisch, du bist mein Blut! Steh auf, steh auf und banne sie!" Ein Rauschen sprang in meiner Brust empor und wurde wilder Brand. — Aus einmal würd' es mir bewußt, was Heimat heißt und Vaterland.

Alfons Petz old.

Uebereinlommen für die Zusammenarbeit der Zugendverbünde.

Die drei großen verbände der erwerbs­tätigen katholischen Jugend: der katholische Gesellenverein, der katholische Jungmänner- oerbünd, der katholische Arbetterverband se­hen in der in den letzten Jahrzehnten gewordenen Viel­heit der Jugendverbände einen Reichtum, der es kathol. Jugendsührung ermöglicht, allen Arten und Charakteren der Jugend gerecht zu werden und so die katholische Ju­gend in Deutschland in möglichst großer Zahl zu erfas­sen. Die drei Verbände erkennen die einmal bestehenden Jugendorganisationen als gleichberechtigte Wege zu einem Ziel an. Das gemeinsame Ziel aller muß sein, Die Rettung der Jugend vor den Jrrgängen des Reuhei­dentums und ihre Erziehung für Kirche, Familie, Volk und Staat.

1. Es muß darum als Forderung katholischer Ge­sinnung gellen, daß die bestehenden Jugendverbände bei aller Wahrung ihrer Selbständigkeit und Eigenart in ihrem Verhallen zueinander Wahrheit und Bru­derliebe hochhallen. Insbesondere darf keine Orga­nisation in der Werbung für die eigene Sache der an­der Organisation Ziele und Wege, unterschieben, die diese nicht hat oder geradezu ablehnt.

2. Die Zeitschriften der Verbände berichten vonein­ander in gegenseitiger Achtung als von Bruderverbänden. Der Gemeinschaftsgeist katholischer Jugend soll durch alle Organe katholischer Jugend gefordert werden, das gleiche gilt für die Veröffentlichungen in der presse.

z. Vor Reugründungen von Jugend­gruppen der verbände ist ein-e Verständi­gung der beteiligten Vereinsleitungen zu erstreben. Es muß ernste Sorge aller sein, Sr- gerniserregende Zwistigkeiten zu vermeiden (und eine Schädigung des pfarrlebens zu verhüten). Ist in schwie­rigen Fällen eine Einigung nicht zu erzielen, so ist die Entscheidung den jeweiligen Diözesanleilungen, gegebe­nenfalls der Bischöflichen Behörde, anheim zu geben.

4. Der ll e b e r t r i l l von einem Verein in den an­dern stehl den Mitgliedern frei. Er erfordert die schrift­

liche Benachrichtigung von der Leitung des früheren Vereins. Liegen Schwierigkeiten infolge von Richterfül­lung der Verbindlichkeiten gegenüber dem Verein oder von Disziplinlosigkeit gegenüber der Leitung vor, so er­folgt die Ausnahme erst nach Lösung derselben und Ver­ständigung mit der früheren Vereinsleitung, gegebenen­falls der Instanzen.

Dazu wünschte die Bischofskonferenz — so ist im Protokoll vermerkt — den Zusatz, „daß Jugendliche un­ter 18 Jahren den katholischen Jugendvereinen zuge- sührt werden, ferner, daß die Jungmannschaft der Werk­jugend von geistlicher Seile umsichtig religiös geschult werde". (Aus .Zugendpräses" Nr. 4. 1931.)

Aachkriegs-Generatton.

In der Beilage „Für Hochschule und Jugend" der „Frankfurter Zeitung" schreibt Alfred Tismer folgende kurze, zum Nachdenken anregende Be­trachtung: Wir würden gerne hören, welches Echo sie findet. Wir glauben, daß die in ihr zum Ausdruck kommende Resignation nicht berechtigt ist: lieber ihren Anfängen liegt der Schrecken des Krie­ges wie ein Schatten; er zerstörte die Generation, der sie entstammt. Neben ihr lebt eine ältere, zu der sie ohne Verbindung ist. Diese ältere Generation hatte die Bedeutung des Staates nicht begriffen und ihn da­durch vernichtet. Sie glaubte, es genüge, gute Geschäfte zu machen. Der Krieg und alles, was folgte, hat ihre Schwächen allzu deutlich gezeigt. Die junge Generation glaubt nicht an sie. Und die, die an sie glauben könnte, weil sie sich geopfert haben, hat der Krieg verschlungen. So glaubt die junge Ge­neration nicht an das Alte und sie ver­zweifelt an dem Neuen. Dadurch wurde sie zur unentschlossensten und haltlosesten von allen, die je in den Staat und die Gesellschaft hineinwuchsen.

Der Krieg zerriß die Ahnenfolge, den geschichtlichen Anschluß der Generationen. Er entfesselte das staatliche Leben von jener hierarchischen, autoritären und despoti­schen Ordnung, die sich dem Schicksal nicht gewachsen ge­zeigt hatte. In einer nach Jnteressentengruppen organi­sierten Republik setzen die alten Gewalten auf allen Sei­ten ihren Geschäftsbetrieb unter Angliederung einer poli­tischen Abteilung fort. Ohne Rückhalt und ohne Ziel glaubt ein Teil der jungen Generation, sich dem Teufel des Radikalismus verschreiben zu müssen.

Der Staat, die Republik sind krank. Alle fordern von ihnen, niemand will opfern. Die junge Generation hoffte in fast religiösem Empfinden auf den Diktator wie auf den Erlöser der Welt, den Gott schickt, weil er die Welt liebt. Sie ruft nach dem Mann, der eine Diktatur der Vernunft errichtet, einer Vernunft, die sich in dem freien Spiel der Kräfte einer Demokratie nicht mehr selber durchsetzt ,weil der empfindliche Mechanismus dieser De­mokratie durch die robuste Wirkung von Machtfaktoren zerstört ist. Die junge Generation — jede junge Gene­ration — hat nicht mehr als ihre Ueberzkugung, ihren Eifer und die Folgerichtigkeit ihrer Uederlegungen auf ihrer Seite. Allzu schwache Mittel in dem Kampf um die Macht, der zwischen Korporationen, Geld und Bajo­netten ausgefochten wird und der keinen Raum für eine auf lleberlegungen, Ueberzeugungen und Einsicht begrün­dete Position mehr läßt.

Die junge Generation empfand mehr Kameradschaft, gesellschaftliche Ethik und Opferbereitschaft als manche vor ihr. Zu spät, zu wenig. Sie löste sich bereits von innen her auf. Damit ist eine erträgliche Neuordnung unserer staatlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse bis auf weiteres vertagt.

Formierung der Zungmannschast.

Die Formierung der deutschen katholi­schen Jungmannschaft muß zunächst einmal von der Jungmannschaft selbst her kommen Die mannigfaltigen Bünde haben neben dem vielen Gu­ten, z. B. in der Persönlichkeitsbildung, vielfach auch die Schuld daran, daß noch heute die Frontbildung der kathollschen Jungmannschaft illu­sorisch ist. Wohl bejahen und fordern wir den Bund und sehen seine mannigfaltige Berechtigung, wollen dann aber auch über feine Grenzen hinaus als eine Jung­

mannschaft das Volk und unsere spätere Stellung in ihm sehen.

Der Weg, aus dem sich die Jungmannschaft treffen muß und wird, ist das Werk der Bereitmachung zum D i e n st. Aus all dem obigen ist zu folgern, daß Bewußtsein und Wollen der Jungmannschaft stark ge­worden sind. Sie haben nicht Befriedigung mit dem Be­kleiden eines Amtes, mit der Jungenschaftsführung mit Singen und Tanz oder mit allerlei präparierten Bil­dungskram. Die Jungmannschaft will alle ihre Anlagen «. Fähigkeiten (vor allem zunächst einmal ihren Sinn als Jungmann) real erkennen und aus dieser Erkenntnis her­aus die persönliche Konsequenz ziehen und diese wird heißen: Bereitmachen zum Dienst, zur Mannschaft, zur Volkskraft. Es soll nicht daraus jetzt wieder ein Stoff langer Beratungen und lleberlegungen entstehen. Dem spontan hervorbrechenden Willen zur Jungmannschaft muß mit konkreten Wegweisungen begegnet werden, die das Vertrauen derselben erfüllen können.

Wesentlicher Grundzug der Arbeit wird der organisch lebendige Ausbau sein, da setzt die Bejahung der echten Führung ein, da wird der Ausgleich der Kräfte, die vor uns stehen, anfetzen. Die Männer, die vor uns stehen, werden uns Wegbereiter und Helfer sein müssen.

Zum äußeren Formen und Bilden dieser Arbeit sind Bereits, ebenfalls von der Jungmannschaft her, konkrete Möglichkeiten begonnen worden; so verschiedenerorts Formen wie die „Schule der jungen Volksschaft", Volks­hochschulkreise und Werkkreise. (Es setzt hier bereits auch bei den jungen Frauen die Parallele an.) Sinn dieser Arbeit ist die H i n f ü h r u n g der Persönlichkeit zur V o 1 k s k r a f t und zur Kirche.

In allen ist nicht eine „Bildung" das Ziel, sondern

über die Persönlichkeitsformung zu. kom­men, als Jungmannschaft von heute. Aus diesem Wil­len zum Konkreten wird dann auch den Mann viel eher Raum bei uns gewinnen, der sachlich etwas weiß und kann in feinem Gebiet; er wird anerkannt von uns, weil er als Mann vor uns steht mit einer Aufgaben­erfüllung.

Klare Erkenntnis zwingt dazu, nicht eher einen Dor- stoß ins Volk zu unternehmen, nicht eher Raum zu for­dern, bis wir uns die Kraft und die Fähigkeit zum Aus­bau dieses Raumes erarbeitet haben.

Als solche Jungmannschast werden wir so zunächst eine Zweckformation (ein und keine „Gemein­schaft". Gemeinschaft^ ist uns eine Aufgabe, die in der Arbeit liegt, aber nicht Arbeitsziel zunächst ist. Voraus­sichtlich wird die kommende Gemeinschaft ein anderes Gesicht haben, wie es sich heute schon manche heraus­arbeiten wollen; vielleicht wird sie den unbedingten Gleichklang der Kameradschaft haben, aber all das soll nicht schon heute unsere erste Sorge sein.

Um den ersten Schritt zu tun, ist eine ganz starke Jungmannschaft erforderlich und diese wird sich auch fin­den. Es muß sich ein ganz starker Sern, der sich nicht durch seine jeweiligen bündischen Verbindungen einge­engt fühlt, formieren; ein Kern, der möglichst frei von eigenen Hemmnissen gründliche und schnell voranschrei­tende Arbeit tun kann. Wir brauchen die Konzentrie­rung der Kräfte, damit die Vorstoß- und Durchschlags­kraft gesteigert wird.

Der innere Rhythmus der Jungmannschaft wird der des Marsches ,des inneren Kommandos der Sraffheit und Ordnung, der unbedingten Sieghaftigkeit fein. Wir verteidigen nicht — wir erobern!

Jugend und Radikalismus.

Von Studien-Assessor Br. theol. Friedrich Murawski.

Es ist eine Tatsache, daß den radikalen politischen Parteien rechts und links vorzüglich und in großer Zahl die Jugendlichen cmhängen. Es ist weiter Tatsache, daß eine Partei umsomehr Aussicht auf die Jugend hat, je radikaler sie ist. Diese Tatsachen werden von gesitteten Staatsbürgern mit Achselzucken hingenommen — man tröstet sich mit der Hoffnung, daß die Jungens bei wach­sendem Alter schon „vernünftig" werden; in den meisten Fällen schimpft man über die „Lausejungen", die überall große Bogen spucken wollen, obgleich sie noch nichts ge­leistet haben. Trotz des Achselzuckens und Schimpfens bleiben jene Tatsachen Ober bestehen.

Wenn man da einfach behaupten möchte: die Jun­gens seien eben noch dumm, sie ließen sich von jedem wortgewaltigen Hetzer mitreihen, sie wollten nur Kra­keel machen, sie litten an Größenwahn, es fehlte ihnen jede Bescheidenheit — so träfen diese Sätze keineswegs den Kern der Sache. Diese Vorwürfe gelten nämlich auch sicher einer großen Zahl Er­wachsener, vor allem all den Bierbankpolitikern. Und wenn diese Vorwürfe auch in Grenzen zutreffen, so liegt doch der Kern der Sache viel tiefer.

Wer mit Jungens viel zu tun hat und sich einiger­maßen in die Jungenseele einfühlen kann, der wird un­bedenklich die Feststellung der Jugendpsychologie unter­schreiben: Echte Jugend ist immer radikal. Das ist manchmal eine Schwäche, meistens aber das schönste Vorrecht der Jugend.

Solcher Radikalismus erwächst nämlich in einer Seele die mit frischer, ungebrochener Kraft sich dem Ideal hm- gibt. Noch sieht sie nicht die vielen Schwierigkeiten und Hemmungen, noch prüft sie nicht kritisch die Möglichkei­ten, noch ist sie nicht gelähmt und ernüchtert durch Ent­täuschungen, — nein, sie sieht vor sich ein herrliches, leuchtendes Ziel, und mit großartigem Aufschwung strebt sie ihm entgegen. Der junge Mensch hat noch klare Au­gen, mit denen er die Ideale sieht — er glaubt an sie mit ganzer Seele. Und ebenso gibt er sich dem Ziel ganz ausschließlich hin, strebt ihm mit jubelnder Begeisterung zi», opfert ihm alles und sogar sich selbst. Der Erwach­sene macht Abstriche an seinem Hochziel, er macht es „praktisch durchführbar", kühl und nüchtern berechnet er — und ach, wie oft zerfließt

ihm da das Ideal nicht unter den Händen, er wird ein Spießer, aus dem sonnenfrohen Adler ein grämlicher Maulwurf.

Jugendlicher Radikalismus unb ge­reifte Nüchternheit find beide seelisch» törperlid) bebingt. In der Jugend ist die Seele noch nicht von Eindrücken überflutet, das Weltbild ge­staltet sich erst; das reiche Gefühlsleben verbindet nut den Vorstellungen stärkste Erregungen, die jene Vorstel­lungen hochwertig und beherrschend machen, sodaß ge­genseitige Erwägungen gar nicht zu Worte kommen. Beim Erwachsenen ist das Seelenleben durchschnittlich gleichmäßiger, in seinen Kurven weniger steil; der Er­wachsene gehört schon seinem Lebensalter nach mehr zu den Zyklothymikern, während der Jugendliche eher Sch'.- zothymiker ist. Die Fähigkeit, sachlich zu denken, ent­steht erst, wenn im Gefühlsleben eine gewisse Gleichför­migkeit eingetreten ist und dadurch die Vernunft die Kraft erlangt hat, kontrollierend und wertend den Vor- ftetlungsablauf zu verfolgen und zu lenken. Es handelt sich dabei um ganz verwickelte Vorgänge im gesamten Organismus des Menschen; maßgebend sind dafür z. B. Veranlagung, Vererbung, Blutverteilung, Blutver­sorgung der Großhirnrinde, Reizbarkeit der Nerven, in­nere Spannung in den Nervenelementen, Tätigkeit des Herzens, Arbeit der endokrinen Drüsen. Diese Dinge sind nur wahllos herausgegriffen aus der Fülle jener, die zu beachten sind. Man sieht, wie schwierig solche Fragen sind, wenn man ihnen auf den Grund geht.

Jugendpsychologisch gesehen, ist es also selbstverständ­lich, daß ein Junge in seinem Denken, Fühlen und Wol­len radikal ist. Und wenn Erwachsene dem radikalen Jungen entrüstet oder spöttisch ablehnen, dann ist das nicht nur ein Mangel an Verständnis — es klingt darin heimliche Trauer über verlorene eigene Jugend, geheimer Neid. Man denkt zurück an vergangene läge, da noch stürmische Begeisterung bas Herz höher schlagen ließ, da man noch aus brennender Seele lieben und hassen konnte, da man die Seligkeit eines erhabenen Zieles schauernd empfand — „himmelhoch jauchenz, zu Tode betrübt", aber immer ganz und unbedingt, voll Kraft und Feuer. Der heute so nüchterne, bedächtige Erwachsene ist selbst

Wander- und Wallfahrten.

Eines Geisaer Lakeinschülers Ferienfahrl nach den Pyrenäen und Alpen.

4] Von Peter Schmi11er.

Bald fahren wir durch die reichen Weingegenden Südfrankreichs über Toulouse nach Carcassone, tfer großen, alten Festung, die sich mit ihren Mauern und 52 Türmen stolz erhebt und die neben Toulouse den Charakter einer echt französischen Stadt am reinsten be­wahrt hat. Aber wir eilen weiter bis ans Mittellän­dische Meer zur zweitgrößten Hasenstadt Säte (Bis vor 3 Jahren schrieb sie sich Kette). Säte ist hauptsächlich Weinhafen. Französische Weine werden auf den riesigen Frachtdampfern nach allen Ländern verladen. Ebenso kommen afrikanische Weine hierhin, um umgeladen und weiter verfrachtet zu werden. Während wir durch die Stadt dem Hafen zueilen, war es dunkel geworden. Spät am Abend stehen wir auf der Mole. Von hier aus hoben wir einen herrlichen Blick, hinter uns die terraffen- artig aufsteigenden Lichter der Stadt, vor uns und um uns das weite Meer, bas in ber Nähe unb am fernen Horizonte burch gefpenfterartig fahrende Schiffe belebt wird. Die Leuchttürme geben sich mit verschieden gefärb­ten Scheinwerfern den Schiffen zu erkennen, wobei sie über Land und Wasser wie Uhrenzeiger ihre gigantischen Lichtstreifen gleiten lassen.

Auf einem anliegenden Berge St. Eiair steht eine kleine, uralte Kapelle, die uns schon von weitern gegrüßt hat, als wir mit der Eisenbahn zwischen den großen zur Salzgewinnung bestimmten Wasserflächen durchfuh­ren. Diese Kapelle besuchen wir am folgenden Morgen, um den Rundblick zu genießen. Die Kirche ist zu Ehren der dl. Gottesmutter, des „Meersternes", errichtet, die

die Schisser auf dem Wasser beschützt. Schon vielen ist die Gottesmutter in der größten Gesahr zur Hilfe ge­kommen.

Das gewaltige Meer begehren wir auch im Sonnen­scheine funkelnd zu sehen, nicht nur im Silberglanze des Mondenscheins. Deshalb begeben mir uns zum Bade­strände. Unterwegs begegnen uns viele zweirädrige Wagen. Mit diesem Transportmittel vermag ein Pferd 12 Weinfässer, mit 1000 Liter Inhalt, zu ziehen.

Arn Strand ziehe ich meine Schuhe und Strümpfe aus, gehe ins Meer hinein unb suche Muscheln. Das Wasser ist durchsichtig klar. Ich finde tote und lebendige Muscheln, runde, kleine und große, längliche und ovale, andere mit Spitzen und noch andere sehen aus wie ge­wöhnliche Landschnecken. In einigen haben sich Ein­siedlerkrebse angesiedelt. Zahlreiche Krabben und andere Krebse, auch sonstige Meersebewohner, haben die Wellen ans Land geworfen.

Am Nachmittage fahren wir mit der Trambahn schnell noch einmal zum Meere hin. Dieses Mal in­teressieren uns die Korallenbänke. Als wir hinkommen, liegen sie frei da. Das Wasser ist zurückgetreten. Auf den Bänken treffen wir Leute an, die eifrig nach Meer­schnecken suchen, um sie zu verkaufen. Wir springen von einem Stein zum andern und müssen uns in Acht neh­men, damit wir nicht ins Wasser fallen.

Wir müssen wieder zur Stadt zurück; bald fahren wir weiter nach Marseille, — der größten Hafenstadt Frankreichs.

Eine der Hauptsehenswürdigkeiten Marseilles ist wohl die Kirche Notre Dame de la Garde. Sie wurde von den Oblaten der Unbefleckten Jungfrau Ma­ria gebaut, unter der Leitung des damaligen Bischofs und Gründers dieses Ordens Eugen de Mazenod. Seme große Lebenssorge war der Bau der Kathedrale

am Meeresufer und der Marien-Wallfahrtskirche U. L. Frau von der Wacht hoch oben auf einem schroff aus dem Meere aussteigenden Hügel. Sie sind eine Zierde der Stabt und ein Ruhm für den gläubigen Sinn des Volkes. Wir fahren mit einem Aufzug hinauf. Es find 2 Kirchen übereinander. Aehnlich wie in Sete sind auch in diesen Kirchen viele Dotivdarstellungen von geretteten Schiffen aufgehängt als Zeichen des Dankes für den Schutz ber Gottesmutter.

Von der Höhe aus, auf der Notre Dame de la Garde liegt, sehen wir vier Wasserflugzeuge über dem Meere. Es ist ein merkwürdiges Schauspiel von oben herunter unter dem blauen Himmel im Glanze der Mittagssonne eine solche Erfindung des Menschengeistes gleich einer rasch fliegenden Möve bald über dem Meeresspiegel, bald um die Felsen einer Insel, bald über Schisse hinweg da- hingleiten zu sehen.

Wir hören, daß man für einen Frank, gleich 16,41 Pfennig, eine Stunde lang durch die Hauptgeschäfts­straßen unb bie Promenade de la Corniche fahren kann. Diese Gelegenheit lassen wir nicht unbenutzt. Selbstver­ständlich sehen wir uns die Geschäftsstraßen der Stadt, in denen reges Leben herrschend ist, mit Muse an. Die Bewohner von Marseille sind so stolz daraus, daß sie sagen: „Wenn Paris eine Canebiäre hätte, dann wäre es ein kleines Marseille."

lieber den „alten Hafen" führt eine Fahre, die aber nicht mit dem Wasser in Berührung kommt, sondern in ber Luft schwebt unb sich an einem gewaltigen Eisen­gerüst bewegt. Im neuen Hafen liegen sehr viele Perso- nenbampfer vor Anker. Hier herrscht ein ganz unüber­sehbarer Geschäftsverkehr. Alle Nationen sinb vertreten, bas zeigt sich sowohl in den Arten und Flaggen ber Schiffe, als auch in ben Vertretern ber großen Geschäfte, besonders der Weinbranchen, wie man aus den Firmen­

schildern der Häuser längs des Meeres und in den näch­sten Straßen sehen kann. Nahe bei dem Hasen steht die bereits erwähnte Kathedrale und neben ihr die St. Laza» ruskirche.

Bald müssen wir heimwärts fahren. Zunächst kom­men mir noch Lyon. Die größte Sehenswürdigkeit ist unstreitig die Kirche Notre Dame de Fouroiäre. Sie liegt auf einer von der Saone steil ansteigenden Höhe. Wir fahren mit der Zahnradbahn „la ficelle", „der Bindfaden", wie die Lyoner sagen, hinauf. Die Kirche ist ein gewaltiges Bauwerk, das bie Franzosen der aller- seligsten Jungfrau, im deutsch-sranzüsischen Krieg, int Jahre 1870 für ben Fall gelobt haben, daß bie Deutschen nicht bis Lyon vorrückten. Das Innere ist mit Mosaik ausgeschmückt. An den Wänben sinb gewaltige Bilder, bie unter anderem den Sieg bei Lepanto, Szenen aus dem Leben ber Jungfrau von Orleans, bes hl. Pothinus unb Irenäus und die Erklärung des Dogmas der Un­befleckten Empfängnis darstellen. Auf dem Turme einer alten Kapelle steht die Gottesmutter mit dem Jesukind als ein Wahrzeichen, das man von weither sehen kann.

Einen der beiden Türme ersteigen wir und genießen das herrliche Panorama der Stadt. Wir überschauen das Tal ber Rhone, die unterhalb der Stadt, die am Fuße von Fouroiäre vorb «fließende Saone aufnimmt. Für 10 Centimes gleich 1,6 Pfg. gehen wir durch den Rosengarten einen abgekürzten Weg hinab nach Lyon. Dabei gehen wir auf den steilen Treppen und durch die­jenigen Straßen hindurch, deren Gebäude infolge von Ge­ländesenkung etwa drei Wochen später zusammengestürzt sind, wobei eine Anzahl Menschen das Leben verloren haben. Unten angekommen besichtigen wir noch kurz die Kathedrale St. Jean, bie bei dem Einsturz zur Aufnahme der ersten Verunglückten gedient hat.

(Schluß folgt.)