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Beilage zur Fuldaer Zeitung

Nr. 176

MUS

2. August

Einst . . .

Einst faßte jubelnd das Leben mich an der Hand, Dann schritt ich goldumflossen durch blühendes Land.

Und Duft und Schein Und silbern Blütenklingen Drängte von allen Seiten auf mich herein.

Dann hielt an einer Schattenmaul ich stumme Rast.

Das Leben flocht um mich leise den Glast.

Es bot mir beide Hände in stummem Glück.

Erhob sich und schritt langsam den Weg zurück.

Ich könnt noch lange warten, es kommt nimmermehr Und auch von allen weißen Blüten sind längst schon die Bäume leer.

Mittagsgespenster.

Don Dr. H. Schiffers.

Nach alter Gewohnheit dursten von jeher die Land­leute in der Zeit des Reifen-, und Erntens ein Mittags­schläfchen halten. Man nennt diesen kurzen Mittags- schlaf denOender", wovon auch ein Zeitwortöngere" gebildet wird. In der Zeit desOengers" durfte nach ungeschriebenem Gesetz niemand im Felde weilen: das Volk dachte sich die menschenleere Feldflur in denstillen und geheimnisvollen Stunden, in denen selbst die Äräfte der Natur in sich zurllcksinken und zu schlummern schei­nen", von einem gespensterhaften Wesen behütet und be­schützt, derEnnongersmoer" oder derEnnungsmöhn", der Mittagsmutter oder der Mittagsmuhme. Es gibt wohl kaum einen Ort, in dem nicht die Sage vom Mit­tagsgespenst in irgendeiner Form fortlebt.

Immer wieder erzählte man sich, daß mittags zwi­schen 12 und 1 Uhr die Ennungsmöhn über den Weg ging und olle verscheuchte, die sich zur Unzeit im Felde aufhielten. Mancherorts wollte man wissen, daß weiße Frauen durchs Feld zogen: Kinder, die im Felde ange- trosfen wurden, nahmen sie in einem Sack mit. Wieder anderswo wollte man beobachtet haben, wie das Mit­tagsgespenst, eine in Lumpen gekleidete alte Frau, um die zwölfte Stunde aus der Erde heraushuschte; sonst meinte man, sie wohne in Büschen oder Höhlen. Bis­weilen soll sich dos Mittagsgespenst sogar bis in die Häuser hineingewagt haben; kleine Kinder ließ man des­halb zur Mittagszeit nicht allein. Wenn es während der Mittagsglut im Gebälk der Scheune knisterte und krachte, wähnte man das Mittagsgespenst als lichte Ge­stalt über die Obertenne huschen zu sehen.

Der Glaube an das Mittagsgespenst war weit über die deutschen Gaue hinaus verbreitet, noch heute ist di« Sage am lebendigsten bei den slawischen Völkern. Auch haben wir sichere Beweise dafür, daß es sich um eine uralte Ueberlieferung handelt. Schon der uns allen aus der Komplet vertraute 90. Psalm singt, daß man unter dem Schutz des Allerhöchsten vor dem Mittags­gespenst bewahrt sei:D.u wirst dich nicht fürchten vor nächtlichem Schrecken, nicht vor dem Pfeil, der am Tage fliegt, nicht vor dem Wesen, das im Finstern wan­delt, nicht vor dem Anfall des Mittagsgespenstes"; je­denfalls haben die Juden eine Dorstellung von einem persönlich gedachten Geist gehabt.

Auch bei den Franken der Merowingerzeit lebte die Dorstellung von dem Mittagsgespenst fort. Wir haben mehrere Zeugnisse aus der Feder des berühmten fränki­schen Bischofs Gregor von Tours (540594). In seinem Buche über den hl. Martin z. B. berichtet er, daß ein Kleriker aus der Stadt Pectaoa an einem Fuße gelähmt war und daß er dieses Gebrechen einem Anfall des Mit­tagsgeistes zuschrieb; an anderer Stelle des nämlichen Buches heißt es: eine von der Feldarbeit heimkehrende Frau sei plötzlich zusammengebrochen und habe kein

einziges Wort mehr über ihre Lippen bringen können, so daß die Leute der Ueberzeugung gewesen seien, der Mittagsgeist habe sie heimgesucht, wogegen sie ihre alten heidnischen Zaubermittel angewandt hätten. Auch der bekannte Mönch Cäsarius von Heisterbach (um 1240) be­richtet aus der Eifel einen Fall: den Ritter Heinrich von Falkenstein, den Schenken des Abtes von Prüm, der nicht an Geister glauben wollte, habe ein Zauberer an einen Scheideweg geführt, und zwar gerade zur Mit­tagszeit, we>l dann der Mittagsgeist größere Kraft be­sitze.

Ohne Zweifel spricht bei diesem Volksglauben die Ueberzeugung mit, daß die Mittagsstunde ähnlich wie die Mitternacht in besonderer Weise den Geistern ge­höre. Die Mittagsglut legte sich ja den Menschen wie ein Alp lähmend auf die Glioder, da zogen sie sich ge­ängstigt in den Frieden ihrer Häuser zurück. Und als mit fortschreitender Aufklärung der Glaube an solche ge- spensterhafte Dinge schwand, erzählte man noch den Kin­dern die alte Mär, um sie in der Mittagszeit, da dar Feld unbeaufsichtigt liegt, von dort fernzuhalten, weil sie

allzu gern diese Stunden benutzen, um allerlei Unfug zu treiben und Schaden anzurichten.

Gern mochte auch der Landmann die Furcht vor der Ennungsmöhn vorschützen, um 4m Genuß des übri­gens verdienten Mittagsschläfchens zu bleiben Na­mentlich Knechte und Mägde scheinen sich das zunutze gemacht zu haben, wie das viele Volkserzählungen an­deuten: auf einem Hofe, so wird beispielsweise erzählt, war ein Tisch, unter dem es immer klopfte: dabei rief eine StimmeHinaus, hinaus!", ohne daß man jemals den Klopfer und den Rufer gesehen hätte: ein kluger Bauer scheint auf solchegeheimnisvolle" Weise dem Gesinde die Furcht vor der Ennungsmöhn ausgetrieben zu haben. Schließlich mag noch an etwas anderes er­innert werden, das dazu beitrug, den Volksglauben an die Mittagsgespenster zu stützen: aus Unfug oder gar in der Absicht, die Angst und die Verwirrung der Mitmen­schen zu Diebstählen auszunutzen, haben manche sich in der Rolle des Mittagsgeistes geübt, und zwar nicht sel­ten, wie es eben die Volkserzählungen beweisen, mit gutem Erfolge.

Der Elfenbemschatz.

Von Ian Feith.

Aeußerlich war er wenig auffallend. Ein lahmes Bein verursachte seinen schleppenden Gang. Die Schultern waren hochgezogen, als ob er andauernd fröstelte. Sein Gesicht glich einer schlechtgegerbten Büffelhaut. Aber die grauen Augen darin blickten gescheit und kugelrund in die Welt. An ihnen konnte man lesen, daß er früher seinen Mann gestanden haben mußte.

Ja, früher! Seine Vergangenheit hatte ich eigentlich schon erraten, bevor er zu mir kam, um mir davon zu erzählen. Das war, als er auf einer Versammlung gut­gesinnter Bürger zur Beratung von Maßregeln bei Aus­bruch drohender Eingeborenen-Unruhen beiläufig die Be­merkung machte:Wenn man mir eine anständige Büchse in die Hand gibt, bin ich noch imstande, auf hundert Meter Entfernung ein Elefantenauge zu treffen!"

Ein etwas spöttisches Gemurmel war diese Worten gefolgt. Aber er machte sich nichts daraus. Er saß da, sein linkes Auge zugekniffen, als ob er tatsächlich schon im Begriff wäre, irgendein Großwild aufs Korn zu neh­men. Er beteiligte sich auch nicht weiter an der Diskus­sion. Aber bei einer Rundfrage wiederholte er noch ein­mal, gemütlich wie vorhin:Wenn es so weit kommt, müssen die Herren mir nur einen Scharfschützen-Auftrag geben. Ich fehle niemals."

Auf dem Heimweg ging ich zufällig hinter ihm. Jetzt erst fiel mit sein mühsamer Gang auf, die spitzen Schul­tern und seine hinfällige Gestalt. Aber die lebhaften, schar­fen Augen, die ich soeben gesehen hatte! Ein Urwaldheld! war meine Diagnose. Ich schritt ihm zur Seite und, auf seine letzte Bemerkung eingehend, sagte ich:

Sie haben noch eine so sichere Hand in Ihrem Alter?"

Er blickte auf, fröhlich und ein bißchen untersuchend, aber da er keinen Spott in meiner Stimme hörte, ant­wortete er:

Ich habe nur wenig gefehlt in meinen jungen Jah­ren!"

Was?" fragte ich interessiert.

Nun . . . Elefanten natürlich."

Aus Liebhaberei? "

Aber nein. Es war mein Beruf."

Ich nahm ihn mit in mein Haus, und wir setzten uns vorn über die kühle Terrasse. Mein Diener brachte Whisky, Soda und Zigarren, und dann begann mein neuer Freund zu erzählen:

Tja, Elefantenjäger! ... Ich würde es heute noch fein, wenn mein lahmes Bein mir nicht im Wege wäre! Denn eine sichere Hand ist nicht alles auf der Jagd man muß auch ein paar flinke Beine dazu haben. Oder man müßte auf einen Baum klettern, um sie von einem Schießversteck aus niederzuknallen. Und das ist doch nichts für jemand, der seiner Zeit von den Batakkkrn derElfen­beinkönig" genannt wurde. Nein, mit dem Gewehr drauf los! Elefant gegen Mann Mann gegen Elefant! Das ist Jagd! Und von Elefanten kann ich was erzählen.

Als junger Kolonialsoldat kam ich nach Holländisch- Jndien, und beim Scheibenschießen entdeckte mein Leut­

nant meine einzige gute Eigenschaft: ein scharfes Auge und eine sichere Hand. Ich traf immer ins Schwarze; und so bekam ich die Korporalstreifen. Weiter habe ich's nicht gebracht, denn viel gelernt habe ich nicht. Schließlich kam ich hierher nach Sumatra. Es gefielt mir recht gut in Tapanoeli, und der Drill war erträglich. Ich mar Pa­trouille-Kommandant und hatte die erste Telegraphen­linie nach der Ostküste zu bewachen.

Aber es waren nicht die Batakker, auf die ich aufpaf- fen mußte, sondern die Elefanten. Die scheuerten sich ihre Haut an den Pfählen. Und aus Spielerei griffen sie die Drähte mit ihrem Rüssel, um Korkenzieher damit zu spielen. Wenn man das aus der Nähe gesehen hat, steht man erstaunt darüber, was die Tiere so für Späße treiben. Aber es waren Feinde der Armee! Und gegen die mußte man sich wehren, nicht wahr?

So wurde ich von selbst Elefantenjäger. Zwischen­durch schoß ich auch mal einen Tiger oder Panther. Denn damit erwies man der Bevölkerung einen wirklichen Dienst. Und so wurde ich mit der Zeit ein beliebter Mann in der Gegend.

Da passierte mir das Malheur, daß ich auf einer Büf­feljagd über den Haufen gerannt wurde. Wenn die Ein­geborenen mir nicht mit eigener Lebensgefahr geholfen hätten, wäre ich wie ein spanischer Stierkämpfer aufge- spießt worden. Nun kam ich mit einem Hüftenbruch da­von. Aber so was heilt nicht so schnell. Bei der ersten Inspektion wurde ich abgemuftert und mit der niedrigsten Pension entlassen. So stand ich denn da. Ich war lahm. Das einzige Handwerk, das ich verstand, war Jagen. Drum habe ich mich als Elefantenjäger dort niedergelas­sen. Denn ich hinkte zwar wie ein Hühneraugenkranker, aber ich hatte damals noch keine Beschwerden durch mei­nen Schleppfuß, wie heute.

Ich war sehr zufrieden mit meinem neuen Beruf. Er bat mir eine anständige Existenz, denn jedesmal, wenn ich einen Elefanten erlegt hatte, hatte ich für einige Monate genug zum Leben. So ein paar Elefantenzähne die sind Geld wert. Zwanzig Jahre habe ich so unter den Batakkern gelebt. Ich habe zwar vergessen, zu zähley, wieviel Elefanten ich so im Laufe der Zeit geschossen habe, aber an die hundert werden es wohl sein. Mehr nicht. Denn bei den Toba-Eingeborenen gilt es als hei­lige Ueberlieferung, daß es keinem Jäger auf Erden ver­gönnt ist, seinen hundertsten Elefanten zu schießen. Bei Nummer hundert lauft es immer schief. Dann dreht der Elefant die Rollen um.

Leider verschlimmerte sich mein Fuß immer mehr. Die Eingeborenen merkten es wohl. Aber mit all ihrem Ho­kuspokus konnten sie mir auch nicht helfen. Und während ich noch überlegte, was ich nun anstellen sollte, kommt da eines Abends einer von den Leuten, der mich ein paarmal auf die Jagd begleitet hatte, vor meine Wald­hütte. Er' batet mich schon öfter benachrichtigt, wenn er einem Elefantentrupp auf der Spur war. Er war ein ausgezeichneter Waldläufer, der feine Sache verstand. Ich

hatte ihn wiederholt dazu verwendet, Elfenbein zu dem nächstgelegenen Posten zu bringen. Und er war in Geld­sachen ehrlicher als der beste Bankier in Batavia.

Der Elefanten - Friedhof", sagte er geheimnis­voll und wies nach den dichtbewaldeten Bergen in der Ferne.

Nun kannte ich die Eigenheiten der Eingeborenen: wenig sagen, aber viel meinen. Kurz und jjut: ich zog mit dem Mann mit, in den dichtesten Urwald hinein. Er zeigte mir die Fährte eines großen Elefantentrupps. Ein Irrtum war nicht möglich. Keine Einzelgänger, die man als Jäger sonst lieber aufs Korn nimmt, denn das Schießen in eine Herde bringt immer Gefahr mit sich. Dies war ein Trupp man sah es deutlich an den Spuren mit alten und jungen Exemplaren, Männchen und Weibchen. Es war eine Gegend, in der ich noch nie gewesen war. Aber ich wagte mich immer dichter in den Rimboe, weil ich Tobaori, meinem Führer, ebenso ver­traute wie mir selbst. Und nach vielen mühevollen Tagen saßen wir den (Elefanten auf den Fersen. Buchstäblich.

Es war ein Trupp, so zahlreich, wie ich sie noch nie auf einmal gesehen hatte. Sie sahen mich nicht und ro­chen mich auch nicht. Denn ich sorgte dafür, daß ich in der richtigen Windrichtung blieb. Was sollte ich tun? Schießen? -Aber das war nicht der Zweck, zu dem mich Tabaori so geheimnisvoll mitgenommen hatte. Ich ließ also mein Gewehr in Ruhe und beschränkte mich aufs Be­obachten. Denn ich sah, daß die Tiere etwas Ungewöhn­liches vorhatten, was ich sonst niemals bemerkt hatte. Anscheinend waren sie nicht im Begriffumzuziehen", wie sie es mehrmals im Jahr tun, wenn sie von einer Gegend nach einer anderen ziehen. Sie liefen langsam, fast feierlich, und sahen sehr betrübt aus, in allem Ernst!

Da! Ich hätte darauf schwören mögen, daß das Ganze einen Leichenzug barftellte. An der Spitze schritten zwei alte, männliche (Elefanten, ungeheure Tiere, mit riesigen Stoßzähnen. Sie waren so alt, daß sie schwankten im Gehen und wie Betrunkene taumelten! Und jedes der beiden alten Tiere wurde dabei von den jüngeren ge­stützt und geschoben. Die Weibchen hielten die beiden Alten aufrecht. Und es war, als ob sie sie im Laufen immer wieder ermunterten, nicht stehenzubleiben und nie­derzufallen, sondern sich anzustrengen und noch ein Stück­chen weiterzulaufen.

So gelangte der sonderbare Zug an eine morastige Stelle. Hier ließ man die alten Tiere los, aber die Weib­chen begannen sie mit ihren Rüsseln weiterzuschieben, vor­sichtig und wie mit Mitgefühl. Da strauchelte einer der beiden Alten, um nicht mehr aufzustehen. Darauf der zweite. Er blieb ebenfalls liegen. Und zugleich scharte sich der ganze Trupp um die beiden gewaltigen Körper, und alle stießen einen Schrei aus. Alle Rüssel flogen hoch, es war ein verzweifelter Abschiedsruf. Aus dem Schlamm sahen noch die Rüssel der beiden versinkenden (Elefanten hervor, und mit einem gewaltigen Trompeten« ton antworteten sie zum letzten Male. Dann machte die Herde kehrt. Langsam, feierlich, wie eine Familie, die vom Begräbnis heimkehrt, zog sie fort.

Ich war sprachlos. Aber Tabaori flüsterte mir mit glänzenden Augen zu, als der Zug im Rimboe verschwun­den war:Der Elefanten-Friedhof, Herr!" Und dann gab er mir die nötigen Erklärungen.

(Elefanten halten sich Friedhöfe, genau wie die Men­schen. Aber niemand weiß sie zu finden. Die alten Führer einer Herde werden dorthin getrieben, sobald ihre Zeit gekommen ist. So kommt es, daß man im Rimboe niemals die Ueberbleibfel eines verstorbenen Elefanten findet. Aber hier hatten wir nun einen ihrer Begräb­nisplätze entdeckt und eine Elesanten-Beerdigung mit» erlebt.

Als ich am nächsten Tage mit Hilfe von Tabaori im Morast zu suchen anfing, fand ich dort, tief im Schlamm versunken, riesige Schädel und Knochen. Seit Jahren, seit Jahrhunderten vielleicht tagen sie hier begraben. Aber dort lagen auch ihre Stoßzähne. Er war ein Elfenbein­schatz, beinahe so viel wert wie eine Goldmine! Ich er­kannte, daß ich mit einem Schlage reich geworden war. Und diese Entdeckung hat mich zum Elfenbeinkönig ge- macht."

Der alte Mann schwieg und trank seinen Whisky- Soda aus.

Und?" fragte ich neugierig auf feine weiteren Er- lebniffe; aber der Elfenbeinkönig sah grübelnd vor sich

Die Äugen des unbekannten Soldaten.

81 Roman von paul Edmund von Hahn.

Copyright bv Knorr und Slrth, ®. m. b.H., München.

Das kleine, bunte Heiligenbild flog zu Boden. Die junge Soldatin sah es nicht mehr. Sie.lächelte noch immer obgleich sie nicht mehr atmete.

In dem Zimmer der Maschinengewehre war plötz­liche Stille. Maria schreckte auf und stürmte herein. Das eine Maschinengewehr hatte eine Ladestörung, vor dem anderen knieten nur mehr drei Frauen, deren eine am Arm verwundet mar.

Maria beugte sich aus dem zerschossenen Fenster und schrie hinunter:Vier Mann Maschinengewehrablösung herauf!"

Prasselnd klatschte eine Kugellage um die Komman­dantin. Steinsplitter und Kalkstaub flogen ihr ins Ge­sicht. Begeistert starrten sie die Frauen an. Kühl schritt Maria wieder dem Ausgange zu und lief zur Barrikade.

Drüben hatte sich die Reihe der Angreifer bedeutend nähergeschoben. Links und rechts waren schon die ge­genüberliegenden Straßenseiten der Häuser besetzt. Kleine Haufen von Pflastersteinen deckten Gewehrläufe. Maria merkte mit Schrecken, wie das Feuer bei Pal­kins Abteilung immer schwächer wurde. Sie zog ihre Reserven heran, um im entscheidenden Augenblick ein­greifen zu können. Die Frauen schlugen sich muster­gültig. Verbissen; hysterisch heulend, wenn sie einen Treffer zu sehen glaubten; in fürchterlicher Raserei.

Maria lächelte. Die waren bald fertig zum Sturm! Sie fühlte einen rasenden Wunsch, den Tod zu sehen. Sie redete sich ein, daß sie bas kleine Mädchen dort oben an diesem Fedja rächen müsse. Alle lleberlegung der Führerin schwand Maria griff nach einem Kara­biner und begann wütend zu schießen.

In Palkins Abteilung waren bedeutend größere Ver­luste. Die schlechter gedeckte Stellung ermöglichte flan­kierendes Feuer. Der Stacheldraht der spanischen Reiter hing in Fetzen an zerfetztem Holz. Polkin, aus einer Kopfwunde stark blutend, sagte sich, daß der Angriff offensichtlich auf diesen Durchbruchspunkt konzentriert

wurde. Knirschend mußte er zugeben, daß die fanati­schen Frauen sich besser hielten als die kriegsmüden oder jungenhaft-tolpatschigen Männer seiner Abteilung. Er beschloß, nach vorhergehender Verständigung Marias den rückwärtsliegenden Häuserblock zu besetzen und diese Stel­lung aufzugeben. Kaum hatte er einen Meldegänger abgesandt, als die gegnerischen Maschinengewehre ihr Feuer erneut auf den Straßenübergang konzentrierten. Dann plötzlich schwieg das Feuer.

In die unerwartete Stille klapperten stampfend und rasend Pferdehufe. Aus der nahen, unübersichtlichen Seitenstraße bog eine Reiterabteilung ein. Es war schwer zu übersehen, wie viele es waren. Heller Schein blitzender Säbel ineinandergeballte schnaubende Masse jagender Pferde

Polkin schrie:Schnellfeuer auf anreitende Kaval­lerie!"

Einzelne Schüsse knatterten auf. Ihnen antwortete im gleißenden Heben schlagbereiter Säbel jauchzender Schlachtruf der Reiter. Polkin hörte wirres Geschrei um sich, in eilenden Sprüngen flogen Flüchtende über ihn weg. Plötzlich sah er. ganz nahe ein Pferd im Sprung, darüber ein paar leuchtende Augen unter flatterndem weißen Haar. Polkin hob in schreckhafter Abwehr den Revolver: drückte ab, fühlte einen wütenden Schmerz in der Schulter und wurde ohnmächtig.

lieber ihn hinweg setzte die kleine Schar der Reiter den Fliehenden nach. Das herrenlose Pferd des Führers raste mit flatternden Zügeln voran. An der Straßen­ecke, wo der Kampf verebbte, verhielt einer der Reiter fein Pferd. Dann kehrte er eilig zurück. In weiten Sprüngen setzte graue Infanterie trotz des Seitenfeuers von Marias Barrikade in die geschlagene Bresche.

Der einzelne Reiter suchte die Stellung ab. Er achtete nicht der vorstürmenden Kameraden suchend glitt (ein Blick den Weg der Attacke entlang. Endlich! Hart am zweiten spanischen Reiter, zwischen verdecken­

den Haufen von Pflastersteinen, leuchtete ein weißer Fleck. Iwan Polikarpowitsch Polkin stieg vom Pferde und eilte auf ihn. Der Kopf mit den weißen Haaren leg unbeweglich dem Boden zugekehrt. Der Feldwebel beugte sich hastig und versuchte, den Liegenden umzu- drehen. Feines rotes Gerinnsel sickerte zwischen den Schulterblättern über das verschmutzte Tuch. Die Stür­menden stießen ihn beiseite, heftiges Geknatter kündigte erneuten Kampf von der Frauenbarrikade.

Mitten in das Getöse des Kampfes hinein schrie der alte Feldwebel:Herr Oberst, Herr Oberst!" Er kniete nieder. Seine Fülle war es schwer, den starren, alten Körper, der sich zwischen hie Steine geklemmt hatte, zu wenden. Endlich gelang es. Iwan Polikarpowitsch Pol­kin, der komische, verknöcherte Bürofeldwebel, saß mit­ten im Kampfe auf den Steinen, hielt den Kopf seines Obersten auf den Knien und weinte ganz unmilitärisch. Er starrte in die faltigen, in der letzten Zeit so furcht­bar verfallenen Züge des alten Obersten, dessen Augen starr geöffnet waren, und hörte zu meinen auf.

Langsam und bedächtig, als wäre er mit dem Toten ganz allein, richtete er den Körper auf und lächelte. Er nahm die Mütze ab und faltete die Hände. Aber statt eines Gebetes kamen ihm die Worte:20 Jahre habe ich mit dir gedient 20 Jahre habe ich still geflucht und hast du laut geschimpft." Er schüttelte das Haupt.Aber gekannt habe ich dich nicht. Auch dann nicht, wie uns alle dieses Mädel ins Bockshorn jagte." Streichelnd glitt feine Hand über die Orden und Auszeichnungen, die der Ober ftangelegt hatte, wie sonst nur zu Kaisers Geburtstag.Ich habe geglaubt, du bist ein alter, ver­bitterter Mensch wie ich und nun nun bist du ge­storben wie . ..." Der alte Feldwebel mußte doch wieder schlucken, er sand in seiner Vorstellungswelt nicht das rechte Wort. So bekreuzigte er sich und beendete fein Totengebet . . .unsere alte Familie die Armee. Verflucht noch einmal!"

Der arte Polkin wischte mit der rissigen Hand über das so unmilitärisch feuchte Gesicht und richtete sich auf, um Träger zu rufen. Der tote Oberst saß starr an den Steinhaufen gelehnt und hatte wieder die Miene wie sonst an großen Paradetagen, wenn er alle Orden trug.

Hinter dem Steinhaufen stöhnte es. Der Feldwebel hatte es bisher nicht beachtet. Der Lärm des Kampfe, hatte sich nun ganz gegen die Frquenbarikade zu verscho­ben. Um die Straßenkreuzung war es leer. Ausstehend lugte der alte Polkin über den Steinhaufen. Er zuckte zusammen. Mit einem ungeschickten Satze stand er im Schützenloch. Vor ihm lag zufammengekrümmt, mit blu­tendem Kopfe und säbelzerfetzter Schulter fein Sohn.

Starr stand der Feldwebel. Sein Blick lief zurück zu dem Haupte des Obersten, dessen weißes, dichtes Haar über die trennende Schranke wie eine Standarte flatterte, roie eine weiße Standarte. Mühsam, mit unfolgsamen Gelenken kniete der Alte nieder. Langsam richtete er den Sohn auf. Fedors Augen waren geschlossen. Das spitze, geldliche Gesicht schmerzhaft verzogen. Eine sinnlose Wut ergriff den arten Mann. Er achtete nicht des Blutes au» den Wunden des Sohnes, rüttelte ihn und schrie:Du! Du hast gemordet! Das beste Stück meines ehrlichen Le­bens. Du hast mich zum Verräter gemacht. Du und die» Teufelsmädchen."

Der Verwundete öffnete die Augen und flüsterte: Wasser!"

Der Alte ließ ihn fallen und lachte wild:Trink Blut, du Spinne, du bist nicht von meinem. Das da brühen", er wies auf den taten Obersten,das da ist Körper, von dem ich bin, Seele, an der ich Teil habe. Teil der vielen, mit denen ich lebte, diente und war." Er fuhr mit irren Händen in das Blut des verwundeten Sohnes:Fließ auf die Erde, die du verraten hast!" Er stöhnte auf,vielleicht vergibt sie dir ich kann es nicht!"

Aechzend erhob sich der Alte, wankte zu der Leiche des Obersten, neigte sich fast zärtlich und hob den altmodischen Säbel auf, welcher der Hand des Toten im Sturz entglit­ten war. Wie etwas sehr Teueres, Heiliges, hob er den blitzenden Stahl. Irres Leuchten fuhr über die faltigen Züge. Mit gestrafften Schritten eilte er den vorausge­stürmten Kameraden nach.

Der alte Feldwebel Iwan Polikarpowitsch Polkin fiel an der nächsten Straßenecke durch einen Schuß aus einem Fenster.

Maria stand hinter der Steinbarrikade und feuerte mit mutender Hartnäckigkeit. Hin und wieder kroch sie