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Schlagerfieber und Tantiemen-Ernte.

Von Professor Friedrich Weber-Robine.

Andere Zeiten — andere Lieder! Diese Tat­sache leuchtet aus der Musikgeschichte aller Völker deutlich hervor. Den geringsten Abwechslungstrieb besitzen die Indianer, und sind trotzdem und auch ohne die modernen Werbekünste neuerdings die Träger nicht nur einer besonderen Art von Ton­schöpfungen, sondern damit zugleich die Befruch­ter einer neuen Musikinstrumenten-Industrie ge­worden. Sie, die der Kulturmensch seit Jahr­zehnten geringschätzend behandelte, zeigen jetzt plötzlich mit magischer Gewalt, gleich einer Ver­geltung, Millionen von Gebildeten neue Wege in der Musik. Man singt, man spielt, man tanzt nach ihren Weisen, als ob dies ganz felbstver- tändlich sei.

Wie der Zauberbann einiger launenhafter Li­nien und der Befehl einiger Farben in der Mode Hier die ganze Frauenwelt, zum Teil auch die Männer, hypnotisieren, so schwingen jetzt in der Kunst Dämonen ihr Szepter, in dem Glauben, alles was einst war, mit einer Hand voll Noten­köpfe wegwifchen zu können.

Daß sich mit den exotischen Melodien auch noch die trivialsten Texte verbinden, ja, daß man

* Für 11 Millionen Franken Diebesbeute. Aus der französischen Hafenstadt Toulon wird ge­meldet: Gestern sind hier vier Matrosen und drei Zivilpersonen verhaftet worden, die gemeinsam zum Schaden des Artillerieparks Bronze und Kupfer gestohlen haben und ihre Beute in Marseille ab­zusetzen pflegten. Sie sollen auf diese Weise für 11 Millionen Franken Metalle abgesetzt haben.

und ihre Erfahrungen sn vieler Hinsicht Klarheit darüber schaffen könnten, wie falsch und ver­derblich die Wege gewesen sind, die das evan­gelisch-konservative Deutschland einschlug, als es sich in blinder Anbetung vergangener Zeiten und unwiderbringlicher früherer Einrichtungen einem barbarischen Radikalismus verschrieb, der in vie­len Fällen schon Nationalisten von gestern zu Kommunisten von heute gemacht hat. (Dgl. den Fall Scheringer und andere.) Der christlich-soziale Volksdienst und andere konservative Gruppen ha­ben den Irrweg erkannt und gehen andere Bah­nen. Der Tag der Rückkehr weiterer konserva­tiver Kreise von diesen Irrwegen wird nirgends­wo freudiger begrüßt werden als in dem Lager, in dem in treuer konservativer Gesinnung, aber den Fo r de ru n g en der Gegenwart aufgeschlossen, und der sozialen Ge­rechtigkeit als der Kardinalforderung unse­rer Zeit dienend, nicht aespalten in rechtes oder linkes Zentrum, wie unsere Gegner hoffen, son­dern in unerschütterlicher Geschlossenheit, die deut­schen Katholiken stehen.

trachten will, nicht kommen, wenn man nicht zu­längliche Beweise in der Hand hat. Hätte je ein Engländer bezweifelt, daß sein sozia­listischer Ministerpräsident Macdonald aus anderen als patriotischen Beweggründen handeln würde? Daß aber in der Abrüstungsfrage ge­rade die deutschen Wehroerbände denjenigen Krei­sen in Frankreich, die sich der Abrüstung am zähesten widersetzen, durch ihre geräuschvollen Kundgebungen und Paraden die be st en Ar­gumente liefern, kann nur verkennen, wer die Auslandspresse nicht verfolgt und das Echo dieser Veranstaltungen nicht kennt. Mit dem Einsender obiger Zuschrift bedauern wir sicherlich am meisten Auswüchse in der Propaganda. I Wenn er schreibt, beim Stahlhelm würde man wenig davon sehen, so sagen die Tatsachen doch etwas anders. Es ist bekannt, daß in der Nr. 23 der Stahlhelmzeitung ein Bild erschien, das Reichskanzler und Reichsfinanzminister an einer Presse zeigte, zwischen der eine als deutscher Mi­chel dargestellte Gestalt lag. Die Unterschrift die­ser Zeichnung lautete: „Sehen Sie nur, Herr Kollege, jetzt spuckt er nicht nur Geld, jetzt spuckt er auch schon Blut!" Auf Grund dieser Zeichnung wurde dann die Stahlhelmzeitung verboten. Wie man hört, hat auf besondere Veranlassung des Reichspräsidenten von Hinden­burg hin der Bundeskanzler des Stahlhelms ei­nen Brief an den Herrn Reichskanzler gerichtet, worin diese Zeichnung mißbilligt und dem Herrn Reichskanzler die Mißbilligung zur Kenntnis ge­bracht wurde. Es hat leider erst eines Eingrei­fens des Reichspräsidenten bedurft, bevor die Bundssleitung des Stahlhelms erkannte, wie sie durch eine solche unerhörte Darstellung den Reichskanzler auf das gröblichste beleidigt. Was soll man dann mit einem Satz anfangen, der sich in dem Sprechsaalartikel des Stahlhelm im „Fuldaer Anzeiger" findet: „Die Reichsregie­rung, der wir die patriotische Ge­sinnung nicht ab sprechen, verfügt nicht über die notwendige Härte des Entschlusses." Pa­triotische Gesinnung spricht wohl aus Kundgebun­gen, wie sie die Deutschnationalen in Berlin dieser Tage abh'elten, wo unter dem dröh­nenden Beifall der Versammlung ein hysterisches Weib schrieb: „Brüning muß aufgehängt wer­den"? Wir sind die letzten, die bezweifeln, daß viele wertvolle deutsche Volksgenossen int konser­vativen Lager stehen und daß sie für die Arbeit für unser deutsches Vaterland und die positive Arbeit nur schwer zu entbehren sind. Aber es ist eine traurige Tatsache, daß sich diese Kreise kritik­los Führern unterstellt haben, deren höchster Ehr­geiz es zu fein scheint, die wüste Agitation der Kommunisten erfolgreich zu übertreffen. Uns ckill es scheinen, als ob gerade diese Tage

Bekanntlich hat die kommunistische Partei Deutschlands in flammenden Worten an ihre An­hänger die Aufforderung gerichtet, die Aktion des Stahlhelms, der Nationalsozialisten und der Deutschnationalen Hugenbergscher Richtung, die die Auflösung des preußischen Land­tages bezwecken, zu ihrer eigenen Sache zu machen. Dadurch ist mit unerwarteter Klarheit er­kenntlich geworden, wie sehr es sich bei dem „Volks­entscheid" um eine Angelegenheit des po­litischen Radikalismus handelt. Wenn nun auch in Sprechsaalartikeln der farblosen Presse diese gerade im Augenblick der politischen Entwick­lung unheimliche Unternehmung als „v a t er- ländische Heldentat" gefeiert wird, so kann man doch die Beobachtung machen, wie a u ch i n rechtsstehenden Kreisen ein Gruseln über diese Aktion erkennbar wird. Mit Interesse ver­folgt man in dem Kasseler Rechtsblatt die krampf­haften Bemühungen des Leitartiklers, die kommu­nistische Wegqenossenschaft in ein harmloses Licht zu rücken. Die Leser sollen glauben, wenn das Ziel der Auflösung mit Hilfe der Kommunisten erreicht sei, dann werde die nationale Opposition in der Lage fein, die Herrschaft in Preußen u n- eingeschränkt wieder übernehmen zu können, wie sie in der Vorkriegszeit int Dreiklassen- staat von ihnen ausgeübt worden ist.

I Feinden von außen her berührt wenden könnte. Heber die politische Wirkung des Telegramms der nationalen Opposition kann man sich durch die Lektüre der Steigerungen in der Londoner „Ti­mes" genug unterrichten. D i e Stimme ist ge­rade in nationalistischen Blättern auch zitiert wor­den: allerdings wurde nur ein Satz daraus heroorgehoben und aus dem Zusammenhang her­ausgerissen und ausgeschlachtet. Nicht zu finden war eine weitere Aeußerung der „Times" über das Hugenberg-Hitler Telegramm, die besagt:

„Entweder sind die Rechtsparteien in Deutschland tat­sächlich unfähig zu verstehen, wie schwierig solche all­gemeinen Drohungen alle internationalen Verhandlun­gen machen, oder aber — und es liegt durchaus Grund für diese Vermutung vor — mindestens einige unter ihnen rechnen auf einen Zusammenbruch der Verhandlungen, und einen Vorwand für Pläne, Deutschland von der Welt abzuschneiden, ein auswärti­ges Moratorium zu erklären und im allgemeinen eine national-bolschewistische Politik zu be- treiben, die in ihren Wirkungen auf die übrige Welt kaum von der bolschewistischen Politik Sowjetrußlands zu unterscheiden wäre."

So sieht das Echo des Telegramms der „Natio­nalen Opposition" aus. Dasi auch sozial­demokratische Abgeordnete das Recht haben, mit gleichgesinnten Freunden im Ausland zu sprechen, kann solange nicht bezweifelt werden, als man den sozialistischen Führern die Absicht nicht bestrei­ten kann, ihrem Vaterland und Volk zu nützen. Zu dem gegenteiligen Vorwurf aber soll man ge­rade, falls man politische Dinge sachlich be-

Es ist nicht wahrscheinlich, daß die rechtsgerich­teten Leute in vollem Umfang das Opfer ihres po­litischen Verständnisses bringen werden, um an diese These zu glauben. Viele werden sich im Innern darüber klar fein, daß gerade mit dem jetzigen Landtag ein starker Schutzwall niederbre­chen würde, der bisher radikale Experimente in Preußen, dem deutschen Kernland, erfolgreich ver­hindert hat. Auch zu den Lesern der Fuld. Zeitung gehören Anhänger des Stahlhelms, evangelische Konservative, die der jetzigen Entwick­lung der „nationalen Opposition" zu einem wilden Radikalismus mit unverkennbarer Skepsis gegen« überstehen, und die nicht verkennen, wie wichtig es ist, „Brücken zur Verständigung zwischen deutschen Kreisen zu schlagen, die zur V e r st ä n d i g u n g miteinander kommen müssen, wenn die Wogen die­ser schweren Zeit nicht über allen zusammenschla­gen sollen". Von vornherein fragt man sich ange­sichts einer solchen erwünschten Verständigung, warum die Hunderttausende deutscher Arbeiter, die sich zur Sozialdemokratie bekennen und die namentlich in ihren gewerkschaftlichen Organi­sationen in manchen bedrohlichen Augenblicken der Vergangenheit starke Stützen der staatlichen Ordnung gewesen sind, nicht auch des Versuches zur Verständigung wert sein sollen. Jedenfalls müßten sie doch dem auf positive Staatspolitik gerichteten Sinn als erträglichere Wegge­nossen erscheinen als die K o m m u n i st e n, die nach Moskauer Parole beim Stahlhelm-Volksent­scheid mit I a stimmen wollen, weil sie offenbar als Ergebnis eines Erfolges dieser Aktion Möglichkei­ten für ihr verheerendes Programm sehen. Ein Leser aus dem oben gekennzeichneten Kreis des „Stahlhelms" hat sich durch die Mitteilung in Nr. 169 der FuldaerZeitung: „Wo blieb der Stahl­helm" veranlaßt gesehen, seine Ansicht bekanntzu­geben. In seiner Zuschrift heißt es:

Wo blieb der Stahlhelm? Diese Frage in Nr. 169 der Fuldaer Zeitung vom 25. Juli 1931 glaube ich beantworten zu können, wenn ich als einfaches M't- glied des Stahlhelm auch nur meine eigene Meinung geben kann, nicht eine authentische Erklärung des Bun­des: Auch ich glaube zu wissen, daß von der Bundes- leitung des Stahlhelm mit Franzosen verhandelt worden ist. aber nur mit der führenden französischen Frontkämpfer - Organisation. Die Verhandlungen sind geführt worden, weil wir nicht die öden Kriegshetzer sind, die unsere Gegner meist in uns sehen. Wir glauben noch heute, daß von Soldat zu Soldat über die Grenzen hinweg eine Brücke des Verstehens aus dem Kriegs­erlebnis führt. Eine Verständigung in Ehren kann nie­mand mehr wünschen, den Frieden mehr lieben, als der Frontsoldat, der den 'Krieg kennt mit aii seinen Schrecken, lieber allem aber steht dem Soldaten di? Ehre, die nach 4 Jahren ruhmvollen Kampfes h

den Gegner als Verbrecher und Besiegter nicht verträgt, noch 12 Jahre nach dem Frieden. An dieser Einstellung der französischen Frontkämpfer sind die Verhandlungen gescheitert, vertagt auf die Zeit, wo die Franzosen ge­lernt haben, daß sie uns als Gleichberechtigte anerken­nen müssen, wenn sie eine Verständigung mit uns wol­len, die sie einst brauchen werden. Durch eine Ver­handlung gewinnen kann nur, wer stark genug ist, einen ergebnislosen Abbruch mit in Kauf zu nehmen. Wir haben fierrn Reichskanzler Brüning dank­bar zu fein, daß er das verstanden hat in London, als erster deutscher Verhändler seit dem Versailler Frie­den. Das Telegramm der nationalen Opposition wird ihm hierbei eine bessere Stütze gewesen sein als die vorangegangenen Verhandlungen der S. P. D.-Abge­ordneten Breitscheid und Wels mit den Regierungen in Paris und London. Verhandlungen mit auswärtigen Regierungen sind nur Sache der deutschen Regierung. Wenn Private, Verbände, Abgeordnete sie führen, kön­nen sie nur Schaden stiften und deshalb werden sie vom Stahlhelm stets verurteilt. Wenn die nationale Oppo­sition und auch der Stahlhelm die Regierung vor Ver­handlungen mit Frankreich warnen, so geschieht das unter dem Eindruck der ungeheuerlichen Rüstungsnoiie, die Frankreich gerade zur Zeit der Londoner Konferenz in Genf überreichen mußte. Sie zeigt, daß Frankreich' keine ehrliche Verständigung will.

Es geschieht aus der schweren und nach 12 Jahren bit­terer Erfahrung nur zu berechtigten Sorge, daß auch jetzt wieder von der deutschen Regierung wertvollstes Zukunftsgut für kleine Augenblickserfolge und umso mehr Elend später doch noch geopfert werden wird.

ttm weiter zu kommen wird es wohl notwen­dig sein, daß Verhandlungen mit dem französischen Volke nicht nur zwischen Frontkämpfer- Organisationen geführt werden. Tatsächlich wer­den aber auch solche Verhandlungen, wie sie oben zugegeben werden, immer gewisse Einwirkungen auf politische Stellen anstreben. Daß gerade ein­zelne S t a h l h e l m k r e i s e zu solchen Verhand­lungen stets geneigt waren, ist bekannt. Unver­gessen ist doch z. B. der Stahlhelm-Besuch bei Mussolini, der nachher von der Stahlhelmbundes­leitung heftig getadelt werden mußte. Daß Ver­handlungen seitens Deutschland mit anderen Staa­ten heute in einer Form geführt werden, die der Ehre Genüge leistet, sollte man in der Zeit der Ministerbesuche mit ihrer fast gesuchten Höflichkeit nicht besonders zu bewei­sen brauchen. Daß im übrigen die Ehre ein Besitz innerer Art ist, und von außen her nicht im Wesen angetastet werden kann, das ist eine tröstliche Tatsache, gerade auch für diejeni­gen, die im heutigen innerpvkitischen Kamps für Deutschlands Zukunft stehen und die tatsächlich verzweifeln müßten, angesichts der un­erhörten Ehrenkränkungen gerade auch durch rechtsradikale Presseerzeugnisse (wir denken an unsere eigenen Erfahrungen), wenn die E h r e von |

I es sogar wagt, die schönsten Motive aus den größ- tenMeisterschöpfungen vergangener Zeiten heraus- zugreifen und sie in Tanzweisen zweifelhafter Art zu verarbeiten, setzt diesem Niedergang des deut­schen Kunstgeschmackes vor aller Welt die Krone auf. Es ist ein „A n t i - M u s ik - B a zi l l u s", der hier trätet und alle guten Keime im deutschen Vvlksgemüt z u ersticken droht. Gleich einer Epidemie zieht dieses Ver­langen nach Trivialem durch die Lande, selbst die kleinsten und abgelegensten Dörfer nicht verscho­nend.

UeberaH spricht man von „Schlagern". Und besonders interessant ist, daß selbst ernste Unter­nehmer und Veranstaller von der Idee gefangen worden sind, man käme heute ohne diese Art von Musik nicht mehr aus. Das heißt also, die füh- I renden Kreise der Volkskunst und Vvlksunterhal» fung besitzen nicht mehr die Macht, durch leuch­tende Beispiele wie einst unser Volk vom „Schlag­fieber" zu heiligen. In ihm liegt aber nicht die einzige Krankheit der deutschen Volksseele. Nicht weniger schlimm ist das alte liebel der Lieb­äugelet mit dem Auslande. Wir öffnen auslän­dischen Autoren, Unternehmern und Künstlern Tür und Tor mit schreckenerregender Unbesonnen­heit und Selbstvergessenheit. Natürlich wird nie­mand in Abrede stellen, daß Kunst und Wissen­schaft die großen Weltversöhner fein können, aber kein Volk der Welt wände es gestatten, daß man sein Musikleben in einem so unnatürlichen Ver­hältnis, wie dies bei uns geschieht, mit Auslands- geift überfluten und die herrlichen Meisterschöp­fungen des eigenen Volkes in das Reich der Ent­fremdung und baldigen völligen Vergessenheit drängen läßt. Ein Volk, das in den höchsten Kul­turfragen seine Eigenart aufgibt, hat sich selbst aufgegeben.

Dies gilt aber nicht nur in Bezug auf Musik, und Literatur, sondern ebenso auch auf den Tanz und auf die gesellschaftlichen Sitten. Dazu kommen die wirtschaftlichen Folgen aus je­dem Kulturzustand. Das Schlagerfieber zu züch­ten, ist nebenbei bemerkt, eine Gewissens-, nicht nur eine Geldfrage, weil mit dieser übermäßigen Pflege fremdländischer Tanzmusik jährlich Millio­nen ins Ausland wandern und der Erfolg noch obendrein Kräfte ins Land zieht, die unseren ein­heimischen Künstlern das Brot wegnehmen.

In der Allgemeinheit macht man sich keine Vorstellungen davon, mit welchen Unsummen in der Musik-Tantiemenwirtschaft gerechnet wird. Im vergangenen Jahr waren es bestimmt wieder über zehn Millionen Mark, die für die Aufführung gebührenpflichtiger Musik eingenom­men wurden, und zwar von den Autorenoerbän­den. Es gehört kein Mathematiker dazu, um ohne weiteres behaupten zu können, daß hiervon ein unglaublich hoher Prozentsatz auf die „Fabrika­tion" von sogenannten Schlagern entfällt. In den letzten Monaten sind in jeder Woche durchschnitt­lich über zwanzig solcher erschienen. Sie werden heute nicht mehr wie ehedem nach ihrem Sieges­zug durch die Welt als Schlager bezeichnet, son­dern jetzt gleich als solche abgeliefert, weil Rhyth­mus, Text und aus dem großen Kessel heraus­gefischte Melodien gewissermaßen das darstellen, was man eben Schlager nennt.

Durch die Erkenntis des Großen, Edlen und Schönen, was deutsche Kunst der Welt geschenkt und was ihm das Recht verlieh, mit an der Spitze der Kulturvölker zu marschieren, kann allein die deutsche Seele wieder gesunden. Und niemand darf sagen, man solle alles gehen lassen, wie es geht; sondern es müssen sich Kräfte regen, die al­les daran setzen, um deutsche Kunst im ernsten und im heiteren Gewände dem Heranwachsenden Geschlechte vor Augen tu führen, damit es nicht einmal zu spät ist und die Erzieher des neuen Menschengeschlechts nicht den Fluch der Versäum­nis auf sich laben.

Fremde Gäste in der Elbe.

Von Dr. Gerhard Venzmer.

Matrosen bringen von ihren Auslandsreisen oft bte sonderbarsten Dinge mit nach Hause, um sie in der Hei­mat „an den Mann zu bringen". Daß solche M.t, bringfei aber auch einmal Folgen nach sich ziehen kön­nen, die kein Mensch vorausgeahnt hätte, zeigt sich an der überraschenden Einbürgerung der chinesischen Woll­handkrabbe (Echiocheir sinensis) in der Elbe. Ursprüng­lich ist dieser zu den Zehnfüßern (Dekapoden) gehörende Krebs in den brackigen Küstengewässern des fernen Osten, zu Hause, hat aber auch dort schon früher die Neigung erkennen lassen, das Salzwasser mit dem Süßwasser zu vertauschen. Ein paar Matrosen mögen gelegentlich die bizar geformten Tiere, die sie an der Küste des Rei­ches der Mitte aufgelesen hatten, mit nach Deutschland gebracht haben. Gewiß muteten sie dort als besondere Seltenheit an; aber weil niemand sie ihnen abnehmen wollte — denn schließlich gibt es ja auch in der Nordsee ähnlich geformte „Taschenkrebse" — so warfen sie ihren Fund im heimatlichen Hafen kurzerhand über Bord. Im Jahre 1922 wurden dann zum nicht geringen Er­staunen die ersten chinesischen Wollhandkrabben in der Unterelbe bei Brunsbüttel und der Insel Finkenwärder gefangen. Anfangs glaubte man an einen Zufallsfund aber bald zeigte es sich, daß die chinesische Wollhand­krabbe in unseren Gewässern nicht nur festen Fuß zu fassen, sondern sich auch rasch auszubreiten begann; denn schon wenige Jahre später wurden die Wollhandkrabben in der Weser beobachtet, und vor zwei Jahren konnten einige sogar schon in der 3abe und in der Unterems gefangen werden. Gegenwärtig bringt die Wollhand­krabbe ständig weiter in der Elbe und Weser vor; so wurde sie bereits in den Havelseen bei Brandenburg und neuerdings auch bei Schönebeck, Barby und Glinde fest­gestellt. Sogar in die Saale ist sie gedrungen und hat ihre Wanderung die Saale aufwärts bereits bis Calbe fortgesetzt. Fast überraschender noch ist es, daß die Krabbe nach neuesten Meldungen nun auch hn Oderge­biet in Schlesien nachgewiesen worden ist. Dabei konnte bis heute noch nicht mit Sicherheit feftgefteOt werden ob sie dorthin aus der Havel gelangte, ober ob sie aus dem Stettiner Haff nach Schlesien eingeroanbert ist. Auf je- ben Fall hat bas ursprünglich im Seewasser bezw. Brack­wasser lebende Tier sich inzwischen völlig auf bas Sehen im Süßwasser umgestellt.

Besorgnisse, daß die Wollhandkrabbe der Fischerei schädlich werden könnte, dürften nach neuestem fachkund­lichem Urteil unbegründet sein; es ist sogar darauf bin- gewiesen worden, daß das Fleisch der Tiere recht wohl­schmeckend ist, wie denn ja auch die allbekannten „Ta- schenkredfe" an der Nordseeküfte gern gegessen werden.

Zahlen zur Frage: evangelisch "katholisch.

Wertvolle Aufklärungsarbeit der preußischen Regierung zu einem irreführenden Aufruf des „Stahlhelms-.

In Blättern, die dem christlich-sozialen Volksdienst nahestehen, ist ein Aufruf zum Stahlhelm-Volksbegehren erschienen, der über die konfessionelle Zusammensetzung der preußischen Beamtenschaft ganz falsche Mitteilungen enthält. Der Aufruf behauptet, die evangelischen Volkskreise mürben in Preußen unter der Herr­schaft der jetzigen Regierung als Staatsbürger zweiter Klasse behandelt. Während die Mehrheit der preußischen Bevölkerung sich nach wie vor zum evangelischen Glauben bekenne, werde die preußische Ver­waltung überwiegend von Katholiken und Dissi­denten beherrscht.

Auf Grund der Notverordnung hat der preuß. Mi­nisterpräsident Braun diesen Blättern eine Entgegnung zustellen lassen, in der die Paritätsverhält­nisse klargestellt werden. Daß die Behauptungen des evangelischen Volksdienstes unzutreffend sind, geht aus folgenden Ausführnugen des preußischen Minister­präsidenten hervor:

„In der gesamten preußischen Verwaltung gehört die Beamtenschaft zum überwiegenden Teil, zum mindesten aber zu zwei Drittel, wie es dem zahlenmäßigen Anteil der Evangelischen in Preußen entspricht, den evangeli­schen Kirchen zu. Wahrscheinlich ist der Prozentsatz aber noch größer. Es ist bekannt, daß der katholische Volks­teil unter dem königlich preuß. Regime dau­ernd über Zurücksetzung der Katholiken in der Beamtenlaufbahn klagte. Noch am 30. April 1931 ist im preußischen Landtag ein Entschließungsantrag der Zentrumspartei eingebracht worden, der unter Hinweis auf die jahrzehntelange früher beklagte unparitätifche Be­handlung der Katholiken verlangte, daß bei Neueinstel- lungen von Beamten die Anwärter katholischen Bekennt­nisses solange bevorzugt werden sollten, bis die zu un- gunften der Katholiken bestehende Imparität wenigstens einigermaßen als beseitigt angesehen werden könne. Die große Masse der mittleren und unteren Beamten­schaft und der politischen Beamten, was auch die Ver­fasser des Aufrufs wohl nicht bezweifeln, ist evange­lischen Bekenntnisses. Sie haben jedenfalls auch, da sie von der „Beherrschung der Verwaltung" sprechen, mehr die höheren Beamten im Auge. Dazu ist festzustellen:

Von den Ressort-Chefs in den Sta.atsministe - rien sind vier evangelisch, drei katholisch und einer Dis­sident. Von ben politischen Beamten sind unter den höchsten dieser Kategorie, den Staatssekretären in den

preußischen Staatsministerien, ebenfalls acht an der Zahl, mit Ausnahme von zwei dem Zentrum angehörigen Staatssekretären alle übrigen, also sechs, d. h. mehr als zwei Drittel, evangelisch. Von ben 35 preußischen M i- nifteriatbirettoren, den nächst ben Staatssekre­tären höchsten politischen Ministerialbeamten, sind nicht weniger als 27, d. h. 80 Prozent evangelisch. Soweit die Ministerien. Wie die Dinge draußen im Lande lie­gen, zeigt zum Beispiel die Tatsache, daß von den 408 preußischen Landräten 259, also über 63 Prozent, evan­gelisch sind. Insgesamt sind von 535 politischen Ver­waltungsbeamten 323 evangelsich.

Aus diesen Angaben geht unzweideutig und unwider­legbar hervor, daß jede Behauptung von der „Beherr­schung" der preußischen Vermattung durch Katholiken und Dissidenten oder auch nur von einer zahlenmäßigen Zurücksetzung der Evangelischen eine glatte Unwahrheit ist. In Wirklichkeit entspricht der Anteil der Evangeli­schen auch in der höheren Verwaltungslaufbahn zum mindesten ihrem Prozentsatz an der Bevölkerung ober überschreitet ihn 'nicht unwesentlich zugunsten der Evan- gelifchen.

Ebenso unzutreffenb ist in diesem Aufruf eine zweite Beschuldigung: Die preußische Staatsregierung habe nach „jahrelanger Verschleppung erst unter dem Druck der wachsenden Empörung des evangelsichen Volksteils ben Staatsvertrag mit den evangelischen Kirchen abgeschlos­sen, zwei Jahre nach Abschluß bes Konkordats mit der katholischen Minderheitskirche". In Wirklichkeit kann von einer Verschleppung keine Rede fein. Die Verhand­lungen mit der katholischen Kirche bis zum Abschluß des Konkordats haben, weil es sich eben bei derartigen Kirchenoertrögen um außerordentlich schwierige finanz­politische und kulturpolitische Fragen handelt, volle vier Jahre gedauert, obwohl nur ein einziger Partner mit der Staatsregierung zu verhandeln hatte. Demgegenüber konnten die Verhandlungen mit den acht evangelischen Landeskirchen in zwei Jahren zu Ende geführt werden. Das katholische Konkordat mußte zuerst abgeschlosien werden, weil das aus der königl. preußischen Zeit bereits bestehende Konkordat auf Grund der neuen Reichsver­fassung völlig umgearbeitet werden mußte, während mtt den evangelischen Landeskirchen, die bisher in Preußen durch die Person des früheren Landesherrn mit dem Staate organisatorisch aufs engste verbunden gewesen waren, ein solcher Kirchenvertrqg niemals zuvor abge­schlossen war/

Aus aller Welt.

* Mokoradfahrer rast in einen Eisenbahnzug. Aus Wohlauf wirb gemeldet: Ein Motorrad­fahrer, dessen Fahrzeug mit Beiwagen versehen war, stieß auf der Strecke Stein au - Parch- witz mit seinem Motorrad bei einem Bahnüber­gang mit einem Zuge der Liegnitz-Rawitscher Klein­bahn zusammen. Der Zug schleifte das Fahrzeug etwa 50 Meter mit, bevor er zum Halten gebracht werden konnte. Bei dem Zusammenstoß explodierte der Benzintank des Motorrades, sodaß der Fahrer im Nu in Hellen Flammen stand und verbrannte. Der Mitfahrer wurde mit schweren Verletzungen in ein Liegnitzer Krankenhaus eingeliefert.

* Das Tilsiter Proviantamt in Flammen. Wie aus Tilsit gemeldet wird, brach in einem der größ­ten Magazingebäude des Proviatamtes in Tilsit Feuer aus. In kurzer Zeit stand das ganze Ge­bäude in Flammen. Haushohe Feuersäulen schlu­gen aus dem bis unter die Dächer mit Heu ge­fällten Magazin empor. Die Wehren standen dem Riesenbrande machtlos gegenüber. In den Maga­zinen befanden sich 300 Tonnen Preßstroh, 270 Tonnen diesjähriges und 160 Tonnen vorjähriges Stroh. Auch die Bäckerei, die sich in dem Häuser­komplex befindet, batet Feuer gefaßt. Die Wirt- schafts- und Wohngebäude einer nahegelegenen Möbelfabrik schwebten zeitweise in größter Ge­fahr. Die Feuerwehren des Proviantamtes und der hiesigen Zellstoffabrik sowie zwei Züge des Til­siter Reiterregiments wurden zur Hilfeleistung herangezogen.

* Diebstahl an einem Gesandten. Nach einer Meldung der Kaschauer Polizei an das Polizeikom­mando in Miskolz wurde dem Budapester tschechoslowakischen Gesandten Pal- lier auf der Fahrt von Budapest nach Kaschau aus dem Zuge Kleidungsstücke gestohlen. In den Taschen befanden sich 550 Pengö und 3440 Tschechokronen Bargeld sowie Papiere.

politische Vernunft und Stahlhelm-Mion Die Rolle der Kommunisten.