NIL
Beilage zur Fuldaer Zeitung
26. Juli
Sonne überm Land.
Von Hans ©äffen.
Sonne überm Land.
Nach grauen lagen voller Regen und Sturm Stehen die Wälder heiter im Morgen, Und über die Wiesen gehen die Schatten Verträumt dahinziehender Wolfenschisse.
Hoch im Blauen freist ein Bussard,
Und die Schwalben werfen den silbern ausleuchtenden Leib
In das warme, gütige Meer der leise wogenden Sommer- lust.
Sonne überm Land.
Die Linde im Burghof ist eine tausendfältige Orgel, Auf der ein ferner, ewig naher Gott das Lied der Frühe spielt.
Goldene Kreise liegen auf Stufen und Fliesen verstreut. Und ein Leuchten ist in jeder dunflen Falte des Gemäuers. Verflogen sind die grauen Schleier des Gestern.
Das Hoffen bläst die jubelnde Fanfare über das reifende Land.
Das Heim.
Vierzig Minuten vor der Zeit betritt Herbert Greve den Besprechungsraum der Sendestelle, stolz, etwas nervös und aufgeregt, bas Handexemplar feines Vortrags frampfhaft umflammernb. Es ist das erste Mal, daß er im Rundfunk sprechen soll. Der alte Portier öffnet ihm die Tür und ersucht ihn Platz zu nehmen, bis der Sprecher fommt.
Unruhig sieht Herbert Greve nach der Uhr, bann läßt er seine Blicke durch den Raum schweifen. Ein stilvoll eingerichtetes Zimmer, geschmackvoll bezogene Wände, eine behagliche Plauderecke mit bequemen Sesseln. Irgend jemand sitzt in einem der Sessel, eine Dame anscheinend. Herbert Greve macht eine flüchtige Verbeugung, während sein Blick schon die nächste Ecke sucht, in der der Heine Marmorblock hängt. Das Mifrophon. Andächtig hasten feine Blicke an dem Gerät. Dort also! Vor diesem Ding soll er sitzen und zu den Hunderttausenden sprechen, die ringsum Horen! Dann wieder ein Blick auf die Uhr. Noch ganze fünfunddreißig Minuten. Herbert Greve schlendert zu den Sesseln und sieht sich nun die Dorne etwas genauer an. Jung ist sie, gertenschlanf, goldblond, ein schweres Blond, das nichts zu tun hat mit Wafferstoff-Superoxyd. Das Kleid ist geschmackvoll, aber aus einfachem Crepe Georgette. Doch über dem Kostüm steht ein flargeschnittenes, verinnerlichtes Gesicht. Keines der üblichen Dutzendgesichter, sondern reine, klare Linien, die man nicht so leicht vergißt.
„Sprechen Sie auch hier?" eröffnet die junge Dame mit freundlichem Lächeln die Unterhaltung.
„Jawohl, Gnädigste, von 18,20 bis 18,40."
„Oh", lächelt die Fremde, „da haben Sie noch ’ne Menge Zeit. Worüber sprechen Sie denn?"
Herbert Greve deutet auf sein Manuskript. „Mein Vortrag heißt: „Heimat und Heim". Ich spreche zum ersten Male", fügt er etwas schüchtern hinzu, denn die Dame siegt ganz danach aus, als ob das Mifrophon ihr ein alter Bekannter wäre.
„Und da sind Sie natürlich etwas nervös? Lampenfieber?" lächelt sie ihn an.
Herbert Greve fährt sich mit der Hand über die Stirn.
„Nun, es ist keine Kleinigkeit. Sozusagen ein feierlicher Moment, nicht wahr. Ich habe natürlich schon öfter Vorträge gehalten in Versammlungen, vor einem beschränkten Hörerkreis. Aber da s a h man das Publikum, da vermochte man durch feine eigene Persönlichkeit den Kontakt zu gewinnen. Aber hier sitzt man vor dem kleinen Marmorblock und soll reden zu Tausenden, zu Hun- berttaufenben. In vielen hunbert Heimstätten sitzen Menschen, bie man nicht sieht unb bie man boch packen soll, packen mochte mit feinen Worten."
„Glauben Sie nicht, baß man auch durch die Stimme den Kontakt mit dem Publikum gewinnen kann? Wenn man nur selber überzeugt ist, wenn man nur aus vollem Herzen gibt. Es ist gar nicht so schwer. "
„Vielleicht haben Sie Recht." Herbert Greve sucht mit den Augen sein Manuskript. Eigentlich schade, daß er nicht allein ist. Er hätte gern noch einmal seinen Vortrag durchgelesen, obwohl er ihn längst auswendig kann,
sich gejammell. oorberettet auf die große Stunde, statt Konversation zu machen. Er versucht, in dem Manuskript zu lesen. Nein, es geht nicht. Nach einer Minute muß er wieder ausblicken. Zwei große, warme Augen ruhen auf ihm mit einem schwesterlich mitempfindenden Ausdruck.
„Heim unb Heimat", sagt bie Same versonnen, „sollte das nicht eigentlich dasselbe sein?"
Herbert Greve sieht sein Gegenüber überrascht an. „Es ist dasselbe, mein Fräulein! Aber wer versteht es? Die Menschen von heute sind immer unterwegs, rastlos, ruhelos. Schnellbeförderungsmittel tragen sie von Land zu Land. Der Begriff der Heimat wird ins Maßlose getrieben, bis er sich schließlich verflüchtigt und keiner ihm mehr wirkliches Leben einzuhauchen vermag. Die Heimat haftet nicht mehr an der Scholle, Europa, die Welt. Und das Heim? Den meisten Menschen gilt es nur noch als Absteigequartier, als Ruhestätte zwischen zwei Rennstationen des Lebens. Und sollte doch Selbstzweck sein, eine Stätte des Glücks, von unserer Liebe umhegt. Heim und Heimat — man muß für beides leben unb, wenn es not» tut, sterben können."
Herbert Greve ist ganz warm geworden. In den Augen der fremden Dame liegt ein Sinnen, als ob sie in bie Ferne schauten nach etwas Ersehntem . . . Unerreichtem . . . Köstlichem.
Da kommt ber Sprecher.
„Herr Greve, nicht wahr? Sehr erfreut. Aber borf ich zunächst bekannt machen: Herr Privatdozent Greve — Fräulein Helga (Kajetan, Mitglied unserer Opernbühne. Na, also Herr Greve — Ihr Manuskript haben Sie bei sich? Gut. Sie setzen sich hier vor bas Mikrophon. Reden Sie ganz so, als ob Sie im Freundeskreise erzählten. Ich werde Ihnen einen Wink geben, wenn Sie lauter ober leiser sprechen sollen. Und bitte, blättern Sie die Seiten Ihres Manuskriptes nicht um. Das gibt immer ein störendes Rascheln. Legen Sie lieber Blatt für Blatt ruhig beiseite. Es macht nichts, wenn Sie etwas früher fertig werden. Aber mit den zwanzig Minuten müssen Sie auskommen. Setzen Sie sich jetzt ruhig vor den Block unb sagen Sie mir, wenn Sie klar finb. Ich werbe bann einschalten."
Herbert Greve erhebt sich gehorsam. Das klingt alles so einfach, so geschäftsmäßig. Sein banger Blick fliegt zu ber Dame herüber.
„Werben Sie hierbleiben, gnäbiges Fräulein?"
„Ja," sagte bie warme, klangvolle Stimme, „ich werde Ihren Vortrag aus erster Hand hören. Oder ist es Ihnen lieber, wenn ich Sie allein lasse?"
„Nein," sagte Herbert Greve hastig und noch einmal leiser, „nein, bitte bleiben Sie."
„All right?" Der Sprecher schattet ein und stellt sich neben Greve. „Achtung! Sie hören jetzt den Vortrag „Heimat unb Heim" von Privatbozent Herbert Greve."
Nickt bem Vortragenben zu und geht leise hinaus,.um im Senderaum den Vortrag anzuhören.
„Meine Damen und Herren." Herbert Greves Stimme Hingt belegt. Die hunderttausend Unsichtbaren tanzen vor seinen Augen. Einige Sätze lang hält er den Blick starr auf bas Mikrophon gerichtet, dann irren seine Augen ab unb bleiben an bem gesammelten Gesicht der jungen Dame hängen, bie still in ihren Sessel gebrückt, ben Worten lauscht. Wie sprechenb bies Gesicht ist. Schon, klar, rein in jeber Linie. Wie ein Spiegel, ber jebes feiner Worte auffängt.
Unb plötzlich fällt alle Bangigkeit von ihm ab. Seine Stimme wird klar und frei, überzeugend, fesselnd, weil sie tief aus feiner Seele heraufrauscht. Die Hun- berttaufenbe finb versunken. Herbert Greve sieht und empfindet nur noch die Eine, die das schweigend mit glänzenden Augen lauscht. Er malt, malt das Traumbild, das seine Seele geboren. Das deutsche Heim. Heimat und Heim. Ist nicht die Heimat, die er das aus- matt, fein eigenes Heim? Und ist nicht die Frau, deren Augen wie Sonne auf der Heimstatt ruhen, bie eine, bie ba in ber Ecke lauschend sitzt?
Der Sprecher ist leise hereingekommen und wieder herausgeschlichen. Hat einen kleinen Zettel auf das Putt vor Herbert Greve gelegt. „Sehr gut so." Herbert Greve hat nichts gesehen.
„Nicht im rauschenden Leben, nicht in der Weite liegt das Menschenglück," schließt Herbert Greve seinen Vortrag. „Wir wollen ein Haus bauen, das Große und trauliche Enge in sich schließt — das deutsche Heim!"
Verwirrt sieht er sich um. Da ist der Sprecher schon wieder.
„Achtung! Sie härten soeben den Vortrag „Heimat unb Heim" von Herbert Greve. — Um 20 Uhr beginnen wir mit unserer Abenbunterhaltung.
Dann roenbet er sich unb streckt dem Vortragenden beide Hände entgegen.
„Großartig haben Sie das gemacht! Dabei zum ersten Male! Wirklich ganz famos!"
Immer noch halb betäubt stammelt Herbert Greve ein paar Worte. Seine Augen suchen. Und jetzt, während ber Sprecher eilig roieber hinausgeht, tritt Helga Cejetan ganz bicht vor ihn hin.
„Das war — schon." Die großen Augen glänzen wie zwei munberfame Ebelsteine. „Wie Sie bas gesagt haben! Ja — ein Heim!" Wieber liegt ein sehnsüchtiges Sinnen in ben Mädchenaugen. Dann zwingt ber feine Munb sich zu einem Lächeln. „Sehen Sie, es ist ganz großartig gegangen, trotz ber hunderttausend unsichtbaren Hörer."
Herbert Greve schüttelt ben Kops. „Ich habe ja gar nicht zu ben Hunderttausenden gesprochen," sagte er leise, während zwei Hände sich zögernd, fragend ineinander fügen, „ich sprach ja nur zu — dir!"
II'
as bedeutet uns Vernarb Shaw?
Zu seinen» 75. Geburtstag am 26. Juli.
Von Dr. Wilhelm Schulte.
Was hat Bemard auch bei uns so berühmt gemacht, daß seine Stücke zu den meistgespielten auf den deutschen Bühnen gehören? Zweifellos für die meisten Zuschauer — die salzigen Randäußerungen zu dem britischen Nationalismus, dann überhaupt feine Umwertung oller Werte, der verblüffende Mut, das Kind beim rechten Namen zu nennen. „Caesar und Cleopatra", „Helden" ober bie „Schlachtenlenker" wagen in ben hellen Mittag zu stellen, was selbst ein Bismarck nur insgeheim zu schreiben riskierte: er habe „drei Könige nackt gesehen, und sie sahen nicht immer gut aus". So fügt der spottluftige Ire von sich selber, er befolge „bas Beispiel ber alten Mythen, bie ben Helden als Besieger seiner Feinde nicht in gerechtem Kampfe, sondern mit verzaubertem Schwert darstellen, einem überirdischen Pferde und magischer Unverwundbarkeit": damit aber seien nach der Moral der gewöhnlichen Sterblichen die Heldentaten jedweden Verdienstes bar.
Trotz solcher Sprüche ist Show mehr als ein enfant terrible oder gar der Clown, für den viele ihn halten. Gewiß, in „John Bull" läßt er uns durch Peter Serigan erklären: „Ich sage die Wahrheit, das ist der beste Witz der Welt." Aber man hort da mehr auf ben Witz
als bie Wahrheit. Das kommt vielleicht auch baher, weil eben biefe „Wahrheit" in ben Shawschen Stücken oft von ber Art jener stärksten elektrischen Ströme ist, beren Spannungen zu hoch finb, als daß sie ben längeren Weg burch unseren Körper machten: sie gehen nur über die Haut und versetzen uns so keinen Schlag.
Man lacht über ein Stück wie „Candida". Mit Recht. Candidas Gatte ist danach. Aber was müßte nun die Folge davon fein, wenn dieser saftlose Wortprediger ben „kraftsprühenden" jungen Dichter ins Haus führt? Wir wissen, wie es nach Ibsen oder Gerhard Hauptmann zuzugehen hätte. Bei Shaw aber hären wir nichts von dergleichen Seufzer über llnoerftanbenfein, „Joch ber Ehe", „zur Freiheit bestimmtem Menschentum". Es gibt keinen Ehebruchs-Candida, „bie flugtätige Hausfrau, das edelgeistige und sinnenkräftige,®eib", schickt ben Dichter einfach unb nett hinaus. Unb das nicht nur, weil sie weiß, daß Ehe Ordnung ist, ein „Ertragen, ohne viel davon zu sprechen". Mehr noch, weil sie gerade an der Seite ihres Mannes ihre tiefste Frauennatur er- füllen kann. Es ist, wie Carl Chr. Bry einmal sagt, „jenes tiefste Helfenwollen der Frau, das schließlich alles andere, Ordnung unb Liebe unb Rausch und Gewäh-
Die Augen des unbekannten Soldaten.
4] Roman von Paul Edmund von Hahn.
Covtzrigbt bb Knorr und Hirtb, G. m. b.H., München.
Dieses Schreiben beantwortete Professor Rekin mit folgenden Zeilen:
Liebe Spinne!
Vergiß, daß dies Mädel eine Frau ist! (Leider scheinst Du trotz allem zuviel daran zu denken.) Wer Gift sät, wird Gift ernten. — Wer Tanks baut — soll keine Hochzeitskutschen daraus machen wollen. Die Kommandantin ist ein Tank! Du kennst bie alte Geschichte vom Golem. — Trachte, baß er vernichtet, — unb schätze Dich selbst! Entscheibung fällt in ben nächsten. Tagen. Umarme Dich in Eile
Dein Professor.
P. S. Da ich nicht weiß, ob Du mich recht verstehst: was den „Golem" betrifft, so bemerke ich, daß dieses ein Wesen zu sein pflegt, welches von einer Idee suggestiv erfüllt, blind vorwärts stürmt und, vom rechten Zauberwort erweckt, jäh zusommenbricht. Der Golem hat keinen Körper — er ist Ton! Hüte Dich, den Körper zu erwecken, denn dann wird aus dem Instrument meistens eine Geißel des beleidigten Schöpfers.
Wer Masse führt, muß auf Persönliches verzich- ten. Du wolltest die Kommandantin — so verzichte auf bie Frau! R."
♦
Der Drbnungstommiffar Polkin erhielt diese Antwort des Professors etwa um ein Uhr nachts, als durch die kalten Regenschauer bie ersten Schüsse fielen.
Lange Zeit saß er nachbenklich über bem zerknitterten Briefe. Ein schmerzlich spöttisches Lächeln hing sich an seine Munbwinkel. Er trat vor ben kleinen Wanb- fpieget üftb betrachtete sich. Rote Flecken brannten auf ber gelben Haut feiner spitzen Backenknochen, er murmelte: „Es scheint, baß die Spinne beinahe von einer Fliege gefangen worden wäre." Krampsig ballten sich
die hageren Hände: „So gibt es nur eine Siebe: Erfolg — und eine Raserei: Kamps."
Es war drei Uhr morgens, als der Kommissar Polkin bie Türe zum Wachraum öffnete unb fragte: „Wo ist bie Kommandantin?"
Eine heisere Frauenstimme antwortete: „Bei den Vorposten."
Da ging ber Kommissar Polkin in sein einsames Zimmer zurück und trank. Hin unb wieder stieß er bas Schnapsglas zur Seite, ging zur offenen Glut des Ofens und bohrte mit eisernem Haken in die glühende Kohle, auf ber verkohlte Fetzen eines Briefes lagen. So kam ber Tag . . .
V.
Klatschend warf ber Wind nasse Schneebrocken an die rissige Hauswand der Straßenecke. Leer gefegt waren die Gehsteige in beiden Richungen, die man vom Fenster aus überblicken konnte. Maria steckte den beschlagenen Feldstecher ein unb manbte sich in bas Zimmer zurück. Der grünbraune Uniformrock mit ben breiten, aufgenähten Taschen saß eng. anüegenb über ben Reithosen. Arn Gürtel hing der Revolver im offenen Futteral, die Mütze mit großem Schirme war kavalleristisch nach hinten gezogen. Es war ein großer, vierfenstriger Salon, in bem sie stand. Mit kurzem Plick streifte sie bie bronze- beschlagenen Möbel, Vasen, Nippes, Spiegel. Sie winkte einer Gruppe von sechs Solbatinnen, bie wartend am Eingang des Salons standen und kichernd bie Einrichtung bewunderten.
Ein scharfer Blick der Kommandantin traf sie. „Los! die Eckfenster frei für die Maschinengewehre. Allen Plunder auf bie Straße runter!"
Die Weiber wechselten einen Blick des Bedauerns. Ihnen tat es offensichtlich leib, die schonen Sachen zu zerstören — statt sie mitzunehmen.
Maria stampfte ungeduldig mit dem Fuße auf: „Wirds? Ihr Bagage!"
Die Korporalin Awuscha, ein rotbackiges Weib, bisher ihres Zeichens Gemüsefrau, spuckte in die Hände. „Na, kommt. Wollen da ein Bett für die feinen Jungchens machen, die da zu uns in bie Stabt mochten."
Grobes Lachen antwortete unb Hirrenb flogen die ersten Polstermäbel auf bie Straße hinab. Maria polterte bie Stiege hinunter.
Im Schutze ber norfpringenben Häuserreihe ftanb mit Gewehr bei Fuß eine Frauenkompagnie, lieber allen ben alten und jungen Frauengesichtern lag derselbe Zug verbissener Bitterkeit. — Maria Rukow hatte gut gewählt, und noch besser erzogen. Scharf unb militärisch schlug bas Kommando in bie Reihen.
Zwei Gruppen Frauen mit Hacke und Spaten begannen das Pflaster aufzureißen: zwei weitere schichteten die großen, unregelmäßigen Pflastersteine zu sicherem Wall. Fünfzehn Schritte vor ihnen krachten die Möbelstücke von den Fenstern auf das Pflaster. Nun ein Schrei von oben: „Achtung, Musik!" Klirrend unb polternb stürzte ein großer Konzertflügel auf bas Pflaster unb blieb mit zerborstenen Saiten liegen. Johlen- bes Freubengeschrei antwortete.
Kein Zivilist zeigte sich an den Fenstern, bie meisten Wohnungen waren leer. Nur aus bem gegenüberliegen» ben Hause stießen mehrere Frauensvlbaten eine Familie.
Die Mutter trug ein einige Wochen altes Kind auf ben Armen, bas im nassen Winde jämmerlich weinte. Verzweifelt wandte sie sich an bie Solbatinnen: „Erbarmt euch, ihr feib boch Frauen. Laßt mir Zeit, warme Sachen für die Kinder mitzunehmen!"
Der hagere Gefreite stieß mit dem Kolben zu.
Entsetzt hüllte die Mutter das schreiende Kind in ihr wollenes Umschlagtuch. Ein kleiner Knabe und ein Mädchen Hämmerten sich ängstlich mit froststarren Fingern an die Rockfalten der Frau unb begannen nun ebenfalls zu heulen.
Maria, bie bie Szene stumm beobachtet hatte, trat näher. Sie wollte bie Frau anfprechen, aber biefe blickte ber Kommandantin in die Augen, bekreuzigte sich und
nung umschließt. Nehmen wir selbst Shaws am meisten umstrittenes, in Amerika sogar verbotenes Stück „Frau Warrens Gewerbe". Sie lebt und lebt reich aus den Einkünften ihres Bordells. Wie verhält sich Vivie, ihre kluge, studierte Tochter, dazu? Nicht, wie in einem Gerhart Hauptmannschen Drama, indem sie ihre Mutter mit dem Gesetz des Milieus unb ber Vererbung entfchul- big! — obgleich bei ber aus bem Kellerladen ber Groß» stabt aufgestiegenen Frau allerhand darüber zu sagen wäre. Wir hären auch nicht bie Arthur Schnitzlersche Entschuldigung — „Alles verstehen heißt alles verzeihen" — von der Macht des Fleisches und den Wirkungen mißbrauchter Jugendliebe. Wir hären erst recht nichts von der Wedekindschen Rechtfertigung der freien Siebe als „einziger Glücksquelle". Nichts überhaupt von dem, was wir in dem modernen Drama und gar erst im Schwank gewohnt sind. Vivie verzichtet ohne alle Pofe auf bie Hunderttaufende ber Mutter, auf ben Millionär, ben biefe ihr andrehen möchte, schließlich auf bie Mutter selber. „Die Menschen," sagt sie, „machen immer die Umstände für bas verantwortlich, was sie geworben finb. Ich glaube nicht an Umftänbe." Und verdient sich das Brot als Angestellte.
Auch als Sozialist macht Shaw nicht mit. Gewiß ließ er sich von Karl Marx über die Bedeutung des Kapitals aufklären. Selbst Richard Wagners „Nibelungenring" deutete er in feiner Jugend im Sinn des Haffen« kämpferischen Sozialismus: Alberich, als den Schöpfer des Kapitalismus: fein Bergwerk konnte „gerade fo gut eine Streichhölzchenfabrik fein mit gelbem Phosphor, brandigen Kiefern, hohen Dividenden und vielen Geistlichen als Aktionären", wie denn der Tarnhelm „ben Aktionär unsichtbar macht unb ihn in verfchiebene Gestalten verwanbelt, in einen frommen Christen, einen Beitraggeber für Spitäler, einen Armenwohltäter, einen vorbildlichen Gatten und Vater . . . Wo er doch nur ein Schmarotzer der Allgemeinheit ist". Aber Shaw gehört nicht zu ben Marxfchen sentimental-fatalistischen Zukunftsaposteln. Er ist der Vorkämpfer jenes echten Sozialismus, der den Arbeiter menschenwürdig, aber ehrlich in unser Wirtschaftsgefüge eingeorbnet wissen will. Shaw will „ben makellosen herrschaftlichen Diener, ber sozusagen mit Stolz Diener ist, weil er es vollkommen ist, unb weil er baburch bem Aristokraten gleichsteht: ben vollkommenen Chauffeur, ber gar nichts weiter fein will als Chauffeur unb eben baburch in denkbarer Freiheit neben seinem Dienstherrn steht: denn er, der Chauffeur, kann fahren, der Dienstherr nicht" (Bry). Wie hätte ein landläufiger Sozialist denn auch die Frage in „Major Barbara" gelost! Barbara ist Major in der Heilsarmee und lernte das Elend ber Armenviertel zum Entsetzen kennen. Macht sie ihren Vater, ben Kanonenkönig Un- bershaft, dafür verantwortlich? Im Gegenteil, sie wird sich klar, daß die fromme Suppe, mit der die Heilsarmee mildtätig sättigt, nur von Augenblickswirkung zu fein vermag, und übrigens nur so lange geliefert werden kann, als die „verfluchten" Reichen Geld dafür geben. Nein, das Elend wird aus der Wurzel gehoben nur dadurch, daß immer mehr Arbeitsmöglichkeiten in Un» derfhafts gutgehenden Fabriken geschaffen werden.
Mit solchen Ideen haben wir den Grundriß des Shawschen Werkes. Er ist fürwahr alles andere als ein billiger Spaßmacher. Wer 15 Jahre alt als Kanzlist unb Kassierer eines Landagenten begann unb bann nicht nur Romane und Dramen schrieb, sondern auch als Kirchspielsvorsteher und Gemeinderat sich bewährte, der kennt das Leben zu genau, als daß er sich nicht über den Unwert des bloßen Predigens klar geworden märe:
„He who can boes, he who cannot teaches" (Wer kann, hanbelt; wer nicht kann, prebigt).
Wir kennen Shaw also noch lange nicht aus ben „Illustrierten". Er ist gewiß Rohköstler, Abstinent in jeber Hinsicht, Pazifist — aber er stellt sich damit nicht als SBelterlöfer auf bie Bühne. Wenn etwas fein Evangelium ist, bann: Drbnung, Sifeforce. In ber Vorrede zur Gesamtausgabe feiner übersetzten Werke (1910) lesen wir sein Bekenntnis: „. . . In unserer Welt ist der Junker ein geübter und disziplinierter Mann mit ben Grund-
Wenn Radio
versagt, rufe 2412 Funkhaus leibold an.
floh die Straße hinab. Hysterisch schrie sie dabei: „Tiere, Tiere! die Wett geht unter!"
Erstaunt blickte Maria ihr nach. Sie wandte sich ihren Frauen zu: „Laßt euch nicht irre machen von solchem Geplärre. Gerade wir sind Menschen."
Sie erblickte in den Mienen einzelner Frauen ein Schwanken. Mit erhobener Stimme fuhr sie fort: „Oder wollt ihr euch wieder zum Arbeitstier machen lassen?"
Die Frauen antworteten: „Wir folgen dir, führ uns!"
Kleine Frauenabteilungen besetzten die umliegenden Häuser. Halbbekleidete, verängstigte Menschen, meistens Greiss, Frauen unb Kinder, wurden mit Kolbenstäßen und Bajonettstichen „evakuiert".
Eine Mauer von plötzlichem Elend unb Jammer umrahmte mit zerfetzten Vorhängen und zerbrochenen Fensterscheiben bie zur Bastion gewordene Straßenkreuzung. Aus ben Eckfenstern schoben sich die Mäuler der Maschi» nengewehre.
Maria stieg zu Pferde.
In der Ferne klapperten durch ben Regen unordentliche Schüsse. Am Ende der graben Straße tanzten in schwärzlicher Wolke bie Flammen ber ersten Bränbe.
Maria beobachtete mit eisiger Unparteilichkeit ihre Frauen. Sie sah sie von Zeit zu Zeit auf das ferne Schießen horchen. Immer wieder aber riß sie der Reiz ber Plünderung, bas Zerstören mit sich fort. Die Kommandantin gab ihre letzten Befehle unb ritt zur nächsten Kompagnie, bie einige Straßen weiter ähnliche Befestigungen aufführte. Dazwischen lag eine offengehaltene Rückzugstraße für bie zurückweichenben Abteilungen Palkins.
Maria verhielt ihre Stute an ben sertigstehenben spanischen Reitern und horchte in bas graue Wetter hinaus. Draußen setzten jetzt einige Maschinengewehre ein. Dann ein scharfer dumpfer Knall — eine spitz aufftei» genbe, wattig-graue Rauchsäule. Maria nahm den Feldstecher von ben Augen — Kanonen hatten sie keine, also mußte Polkin bie Brücke gesprengt haben. Sie biß sich auf bie Lippen. Diese feigen Hunde, vor einer Handvoll schlechtbewaffneter Kriegsgefangener mit einigen abgehetzten, meist verwundeten Offizieren liefen sie davon!
Einmal blitzte ber Gedanke auf: „Gehörte ich nicht eigentlich dorthin, auf die andere Seite? — Zu der