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ES

26. Juli

Beilage zur Fuldaer Zeitung

Ilr. 170

Neunter Sonntag nach Pfingsten.

Eingangslied. Pf. 53, 67.

Seht, Gott Hilst mir, der Herr ist meiner Seele Hort. Wende das Unheil ab auf meine Feinde, in deiner Treue vertilge sie, mein Beschützer, o Herr. (Ps. ebb. 3). Gott, in deinem Namen rette mich, in deiner Kraft befreie mich.

Epistel: 1. ftor. 10, 613.

Brüder! Seien wir nicht lüstern nach dem Bösen so wie jene (bie Juden) lüstern waren. Werbet auch keine Götzenbiener, wie einige von ihnen, von denen geschrieben steht: Das Volk setze sich; sie aßen unb tranken; bann stanben sie auf unb tanzten. Lasset uns auch nicht Unzucht trei­ben, wie einige von ihnen Unzucht trieben, barob an einem Tage breiunbzwanzigtausenb umkamen. Lasset uns Christus nicht versuchen, wie ihn einige versucht haben unb burch Schlangen um kamen- Murret nicht, wie einige von ihnen murrten, und durch den Würgengel getötet wurden. Das alles widerfuhr jenen vorbildlich. Uns ober, die wir in den letzten Zeiten leben, ist es zur Warnung ge­schrieben. Wer darum meint, er stehe, der sehe zu, daß er nicht falle. Möge keine Versuchung über euch kommen, welche die menschlichen Kräfte übersteigt. Gott ist getreu; er wird euch nicht über euere Kraft versuchen lassen, sondern bei der Versuchung auch den guten Aus­gang geben, daß ihr bestehen könnt.

Evangelium: Jesu Klage über Jerusalem.

Jesus weint über Jerusalem.

Betrachtung zum Sonntagsevangelium.

Einem, der es wahrhaft gut meint mit seinen Mitmenschen, kann nichts Schlimmeres widerfah­ren, als wenn er auf Gleichgültigkeit ober ge­hässige Ablehnung stößt. Wer dergleichen schon erlebt hat, kann gut die Stimmung des Heilan­des verstehen, aus der heraus er weinte über die Stadt Jerusalem.

Er sieht sie schimmernd zu seinen Füßen lie­gen, die Stadt, der seine ganze Liebe gegolten hatte. Gr denkt an die Menschen in ihr. Nichts wollte er von ihnen, nur bas Heil wollte er ihnen bringen, dem einen Ziel galten seine Predigten -md'seine Wunder. Und die Bewohner? Nun, sie hörten sich vielleicht eine seiner Predigten an, gingen dann kopfschüttelnd weiter unb sagten: Solch ein Schwätzer! Als ob wir Zeit hätten, uns um bergleichen Dinge zu bekümmern! Was will ber überhaupt mit feinem Himmelreich! Ver­richten wir nicht all bie vorgeschriebenen Werke? Gehen wir nicht stets zu rechter Zeit in den Tem­pel, bringen wir nicht bie vorgeschnebenen Opfer bar, sinb wir nicht die auserwählten Kinber Got­tes?" Unb sie gingen tcleiter, ihren Geschäften nach

An biefe Menschen in Jerusalem denkt ber Heiland, und dabei kommen ihm bie Tränen in bie Augen, nicht aus Zorn, sondern aus Mitleid.

Und die Menschen unten in der Stadt wußten nicht daß der Gottessohn auf einem Berge über ber Stabt ftanb unb über sie meinte. Unb wenn es ihnen jemartb gesagt hätte, wären sie wahr- scheinlich lehr erstaunt gewesen unb hätten gesagt: Wie kommt ber denn dazu? Sind wir so schlechte Menschen? Sind wir nicht gute Israeliten und er­füllen bas Gesetz aufs Genaueste? Was will er denn da noch mehr?"

Sie hatten ja recht, die Bewohner Jerusalems, sie erfüllten wirklich bas Gesetz aufs Genaueste und wußten gar nicht, daß ihnen der Gei st des Gesetzes verloren gegangen war: die Liebe. Und diese Liebe zu verkünden, war der Heiland gekommen, aber die Menschen verstanden ihn nicht ....

Wenn der Heiland heute auf einem Berge über unserem Dorf, über unserer Stadt stände u|b meinte, wie damals über Jerusalem würden wir nicht vielleicht ebenso sagen wie die Bewohner von Jerusalem? Vielleicht so:Wir besuchen doch den Gottesdienst, wir empfangen die Sakramente, wir erfüllen die Gebote, wir sind Mitglieder der alleinseligmachenden Kirche, was sollen wir denn noch tun?" Und wir würden uns vielleicht ratlos anschauen.

Wenn uns auch der Heiland sagte, er weine deshalb weil er trotz beinahe zweitausend Jahre

Das Buch im Sommerurlaub.

Geben wir uns nur ruhig zu: Wir haben das Buch das Jahr über vernachlässigt. Unsere Zeit war zerrissen, und Körper und Seele waren bedrängt, und dies und jenes ist dazu gekommen und hat uns die Ruhe verwehrt, ohne die nun einmal ein Buch nicht gelesen, nicht wahrhaft ausgenommen und genossen werden kann. Geben wir es nur ruhig zu: Wir haben die Zeitung ge­lesen und haben zur Zeitschrift gegriffen, denn die bei­den gehen mit dem Tempo der Zeit und sind nicht un­willig, wenn wir von der Lektüre abgerufen werden Aber mit dem Buche ists etwas Anderes: Das Buch will, daß wir bei ihm bleiben, daß wir es nicht aus der Hand und dem Herzen geben, daß wir ihm zuhören und feine Spannung mitschwingen, seine Linien nachtasten und seine Sprache voll über uns klingen lassen. Rein: Tin Buch kann man nur in der Ruhe lesen, in der Ruhe der Umwelt und in der Ruhe der Welt, die in Einem ist. Aber der Sommer und seine Ferien schenken diese Ruhe und ich meine, wir könnten nun auch nichts B»l- seres 'tun als diese Ruhe und diese Befreiung vom Ich dem Buche zu schenken und sie wieder aus dem Bucke zurückzugewinnen. Denn das ist es wohl, was wir zuvörderst vom Urlaub empfangen: die Befreiung vom Ich, die Entfernung von dem, was uns sonst wichtig zu sein scheint und unserem Leben Maß und Gestalt gibt, und mit solcher Befreiung die Möglichkeit, wieder anderen zuzuhören, von anderen Maß und Gesetz zu empfangen. Und fragt nun einer, welche Bücher es sein sollen, zu denen er greifen muß, um eben diesen Gewinn zu erzielen, dann meine ich: jedes Buch, das uns in einen Lebenskreis trägt, in den wir sonst nicht dringen, das uns neue Türen auffchüeßt und uns neue

Christentums noch so wenig Liebe in ber Welt finde, kaum mehr als zur Zeit seines Erbenwal­lens würben wir ihn verstehen?

Anser Vorsehungsglaube.

Mit b e m Unglauben ist bei ben Völkern in unseren Tagen wohl bezmingenber unb be­drängter benn je die Hoffnungslosigkeit unb Haltlosigkeit ein gezogen; es brach bie Ankerkette, bie unser Lebensschifflein mit bem sicheren Grunb bes Vertrauens auf die Füh­rung unb Fügung eines liebevollen Vaters im Himmel verband, und was der Mensch, sei es als Einzelwesen ober als Kollektiv, sich zum Ersatz aus« dachte, erweist sich nur zu sehr als brüchig unb sturmreif. Da ist bas Büchlein Prof. Bartmanns, das aus den trotz allem noch unverschütteten Quel­len des Offenbarungsglaubens den Glauben, das Vertrauen auff, Gottes gütige Vor­sehung unbtrotz allem" neue Lebenskraft schöpft, gerabe recht am Platze. Bartmann ist in seiner ruhigen, abmägenben unb hoch zwingenden Art ber rechte Führer. Es finb ja schwierigste unb außer im Lichte ber Offenbarung immer unlösbare Menschheitsfragen, bie hier behanbelt werben: Vorsehung unb Schicksal, Vorsehung und Schuld, Vorsehung unb Leib, bie Vorsehung unb bie U n « gleichheit ber Menschen (Gott keinKlas­sengott"). So ist dieses Buch gerabe heute von brennendster Aktualität. (Verlag ber Bonisatius- Druckerei, Paberborn). M.

Roter HeMgen-Ersah.

Selbst in biefer verstanbeskalten unb vernunft- stolzen Zeit kann ein erst vor Jahren Verstorbener zum Halbgott avancieren.Abenbs nach getanem schweren Tagewerk im Dunkel ber Hütte, ober draußen am Lagerfeuer unter bem Sternenhimmel der südlichen Steppen unb Hochländer besingen bie

Sänger Lenin, erzählen bie Erzähler Märchen über sein Leben unb Werk." Also rebet berRote Trommler", ber ben Kinbern Sowjetrußlands Volksmärchen" beschert.Der schlaue Lenin" heißt gleich das erste.Wie Lenin und der Zar bas russische Volk unter sich teilten",Lenin unb Kutschuk-Abam" ufw. die anberen. Lenin ist barin ber große Weise, bas Licht ber Welt. Mit Lenin beginnt bie neue Weltepoche, bas goldene Alter bes Glücks. Lenin ist nicht tot . . .

Lenin stieg von den Bergen hinab und kam in die Steppe. Und die Steppe legte sich weich um seine Füße. Giftige Schlangen, Eidechsen und Frösche krochen ihm aus dem Wege, damit ihr Anblick sein Ange nicht ent­weihe. Aber heimlich blickten sie aus dem Grafe und weinten darüber, daß allen Lenins Liebe zuteil werde, nur ihnen nicht. Lenin vernahm dieses Weinen, rief die Schlangen, Eidechsen und Frösche und alle anderen Reptilien und zeigte ihnen seine Liebe. Keinen ließ er unbeachtet. Doll Glück krochen sie alle in ihre Löcher und sagten:Das ist der erste Mensch, der bei unserem Anblick nicht zum Stein griff, sondern uns streichelte und gufe Worte schenkte."

Man sieht: ber Intellektuelle, ber aus ber Theo­rie zum cäsarischen Bluthunb würbe, erhält hier franziskanischen Glorienschein. Der ba Schuld baran trägt, baß Hunberttausenbe seiner Lanbs- leute von Heim unb Herb vertrieben, gemartert urtb gernerbet würben, wirb hier zum sanften Se­gensbringer, ber keiner Kröte etwas zuleide tut. Der heiße Hasser aller bürgerlichen Drbnung wird in einen Heiligen umgesälscht unb fein Bild hängt heute in ben Herrgottswinkeln, wo früher bie Got­tesmutter unb bie lieben Heiligen ihren Platz hatten. Wen schaubert es nicht vor ber satanischen List, bie es fertig bringt, ben röligiöfen Sinn bes Volkes berart zu betören! Mythen unb Märchen zu ersinnen, um so ein menfchenschinbenbes Ge­waltregiment ohnegleichen zu sanktionieren! Nie noch bat sich ber Teufel unverschämter als ber Affe Gottes geoffenbart als hier. (Neues Reich").

rabe bie Ursache bes Zusammenbruchs ist. Unter­nehmungen jeder Art selbst wenn es nur ber Haushalt bes Arbeiters ist bie sich auf Kredit (Teilzahlungen, Darlehen ufw.) grünben, leben in Wirklichkeit von Gelb, bas gar nicht ba ist, bas vielleicht einmal ba sein wirb. Es werben Werte als bestehenb vorgetäuscht unb versprochen, bie erst noch geschaffen werden müssen; bie tägliche Erfahrung jeden Konkurses unb jebes Offenba- rungseibes lehrt aber, was von solchen Verspre­chungen zukünftiger Werte zu halten ist. Wenn jeder sich mit ben Geldern begnügen würde, die er wirklich erarbeitet hat, bann gäbe es keine Zusam­menbrüche wie Danat unb Norbwolle. Die Gelb­geber freilich tragen bie Schulb selbst, weil bie Gier nach mühelosem Verdienst zur Zinsenwirt­schaft die Grundlage bildet. Das Zinsverbot ber mittelalterlichen Kirche war von einer sehr tiefen Weisheit eingegeben.

Wirklich zu wünschen wäre es, baß tnieber in weitesten Kreisen ber Grunbsatz zu Ehren käme, schuldenfrei zu fein. Dann müßte man sich zwar manche Erwerbung versagen: manches Haus würde nicht gebaut, manches Auto nicht gekauft, manches Möbel nicht bezogen, manches Kleid nicht getragen. Dafür wäre aber auch bie Wirtschaft, ber Haushalt, gefunb.

Pflicht bes wahren Staatsbürgers wirb es fein, nach besten Kräften aus eigenen Mitteln zu schaffen, nicht mit fremder Hilfe, unb bafür auch manchen Wunsch zu opfern. Nur mit größter Vor­sicht barf er Kredit in Anspruch nehmen seien es auch nur unbezahlte Rechnungen bei Handwer­kern u. Kaufleuten benn wenn er seine Verpflich­tungen nicht erfüllen kann, vernichtet er Werte, bie ihm nicht gehören, trägt Elend und Not ins Volk. Er wird anderseits auch ebenso vorsichtig Kredit gewähren benn was ber andere aus eigener Kraft nicht aushalten kann, soll er lassen. Nur gegen bar Wert gegen Wert das muß der Grundsatz fein, ber beiderseits erfüllt werden muß.

Ist nicht bas Kreditwesen ber heutigen Zeit zum größten Teil Ausbruck ber Unfelbftänbigteit Ausbruck aber auch einer gewissen Unehrlich­keit? Wer über seine Verhältnisse hinaus lebt, wer über feine Kräfte hinaus Unternehmungen schafft bas sinb Egoisten, bie nur an sich, nicht aber an ihre Opfer denken Da fehlt jeder Funke von Verantwortung unb Pflicht­gefühl, bas Ich regiert unb beutet bie Dummen aus bie freilich ihrerseits oft mieber von der Gier oerblenbet sind (man denke an die Falle Klaute, Bergmann ufw.)

Pflichtgefühl, Selbständigkeit, Ehrlichkeit bas alles wächst immer wieder aus dem grundlegenden Bewußtsein der Verantwortung hervor, und aus all diesem formt sich ber Staatsbürger-Geist.

Es muß aber noch etwas dazukommen, um nun wirklich aus bem Volke eine Gemeinschaft zu machen, nämlich ber W i ll e zu r S a ch l i ch k e 11, ober besser: das gegenseitige Verständ­nis Das ist nicht leicht zu gewinnen benn natürlicherweise lebt jeder in seinen eigenen Ge- banfengängen und beurteilt alles nach feinen eige­nen Maßstäben; bann aber wirb er an anderen immer vorbeibenken, weil bie ihre eigene Welt haben. Da muß man sich ganz auf den Stand­punkt bes anderen stellen, gleichsam mit den srem- den Augen sehen unb mit bem fremden Herzen fühlen können. Man muß und bas ist die Haupt- fache in jedem Menschen nicht eine Sache ober einen Wert, sondern bie l e b e n b i g e Pers ö n « lichkeit achten unb ehren. Diese Persönlichkeit mag wertvoll ober wertlos erscheinen, mag Zu­neigung ober Abneigung wecken sie ist zunächst eine unantastbare Größe, bie nicht erniebrigt wer­den barf-

Es erweist sich also überraschenderweise, daß der Staatsbürger-Geist gar nicht von der Stellung zu Staat unb Volk feinen Ausgang nimmt, fonbern von ber Stellung von Menfch zu M e n f ch , alles anbere ist eine Folgerung daraus. Es ist also ganz abwegig, feinen Staatsbürger-Geist in De­monstrationen zeigen zu wollen nein, bu zeigst ihn in beinern Verhalten zum nächsten Angehorr- gen, zu deinem Arbeitskollegen. Man kann dabei die großen Zusammenhänge sehen ausschlag­gebend bleibt der kleine Vorgang bes Alltags .

Die Forderung wahren Staatsbüraer-Gelstes in Verantwortung, Pflichtgefühl, Selbständigkeit, Welt unb Menschen erobern muß; aber sofern er nur bie letzte Verbindung hat mit dem Ewigen, kann doch wenigstens ein Hoffnungsstrahl, ein letzter Abglanz ei­nes großen Lichtes hinter und über allem stehen. Es wirb ihm der Mensch unb seine Welt mehr werden als nur bie Kreatur unter demSold der Sünde", er wirb beglückt das große Ringen in der Welt um das Gute empfinden, weil er weiß, daß Gott gut rft.

Freilich: solche katholische Literatursendung steht heute bem Geiste einer ganzen Welt entgegen, bie zwar zum Teil sehnsüchtig bes positiven Glaubens harrt, die aber nichts mehr weiß von den Wurzeln, aus denen er einzig sprießen kann. Und es ist nicht von ungefähr, daß die junge Stenotypistin wohl Namen nennt, die heute sich des besten Rusez erfreuen, daß sie aber nichts weiß von Federer und Dörfler oder gar Timmer­mans, um nur ein paar zu nennen. Sollten da nicht auch Verschuldungen auf unserer Seite liegen, daß wir selbst nicht dankbar genug hervorheben: Wir haben sie ja, diese tiefinnere Freude, nach der unendlich viele sich sehnen; wir haben sie ja, und sie ist bei uns auch im­mer wieder neu im Werden? Wir wissen wenigstens die Richtung, in der unsere Hoffnung und unser ©rau­ben liegen, mag auch in unserer Dichtung nicht alles vollendeter Jubel sein, solange Irdisches, auch Schweres unb Trübes feine Darstellung sucht; ober nie können wir bie Ausblicke verlieren auf Ewiges, die stärken und trösten. .

Es ist Sache fast jedes Einzelnen, daß dieses Wissen die innere Wahrheit, di- allein ^erzeugt, nicht ver­liert. Dem Schassenden wie dem -Uufnehmenden er­wächst eine Fülle neuer Aufgaben im D.^fte katholischer Literatursendung, die Quellen der Kraft n» e der Freude 1 werden soll in unserer Zeit der Bedrängm-,

Staaksbürger-Geist.

Von Stirbien-Assessor Dr.

Die gegenwärtigen Schwierigkeiten Deutsch- lanbs zu beheben, ist durchaus nicht nur die Sache ber Reichsregierung. Jeber Deutsche ist zur Mit­arbeit berufen unb verpflichtet. Für solche Mit­arbeit ist allerdings Voraussetzung nicht ein wirt­schaftliches Vermögen ober ein verstanbsrnäßiges Wissen, sondern ein rechtes Wollen. Dieses Wol­len gibt, wenn es gedanklich zureichend unterbaut ist, ben Staatsbürger-Geist, ber heute noch in bedauerlichem Maße fehlt.

Die Grundlage des Staatsbürgergeistes bildet das Bewußtsein ber Verantwortung. Die Verantwortung kann man zunächst rein wirt­schaftlich auffassen: in ber gewaltigen Maschi­nerie bes Gemeinschaftslebens bilbet jeber Einzelne ein ©lieb; er empfängt oon ber Gemeinschaft Güter unb muß folgerichtig auch Güter geben ein ständiger Ausgleich muß zwischen Nehmen unb Geben herrschen. Dabei zeigt sich aber gleich, daß jene Güter nicht nur solche sinb, beren Wert sich in Reichsmark ausbrücken läßt; denn was z. B. ein Lehrer seinen Schülern vermittelt an Wissen unb Bildung, das finb Keime wirtschaftlicher Güter aber Keime, bie entbehrlich sinb. Denn wem es an Wissen fehlt, ber wirb seine Kräfte niemals nutz­bar machen können; wem es aber an guter Bil- bung fehlt, ber wirb sein Wissen unb seine Kräfte leicht zum Schaben ber Allgemeinheit anwenben man denke etwa an einen hochintelligenten Ein­brecher. Das Gedankenleben bes Menschen ist stets bie Wurzel feiner Hanblungsweife und so er- weitert sich die Verantwortung bes wahren Staatsbürgers: er fühlt sich nicht nur als ein Glieb feiner Handelsgesellschaft, fonbern als Menschen unter Menschen. Deshalb tauscht er auch nicht nur Waren, sondern auch geistige Güter; er ist ver­pflichtet, seine eigene Persönlichkeit zu entwickeln, um bann als Ebelmensch aus bem eigenen seeli­schen Reichtum geben zu können. Dabei macht es gar nichts aus, ob fein Wirkungskreis groß ober klein ist er macht eben feine Kräfte nutzbar, so gut er kann.

Denn jenes Bewußtsein ber Verantwortung entwickelt sich sofort zum Pflichtgefühl. Die Pflichten bes Staatsbürgers erschöpfen sich nicht

theol. F. Murawski.

in ber Zahlung von Steuern unb der Beobachtung von Polizei-Verordnungen bei weitem nicht! Das sind nur Aeußerlichkeiten, Nebensächlichkeiten. Auch daß jemand arbeitet, um der Allgemeinheit nicht zur Last zu fallen, b. h. um seinerseits Güter zum Ausgleich für die Leistungen der Allgemein­heit zu schaffen auch bas erschöpft noch nicht bie Pflicht des Staatsbürgers. Selbst die Treue im Beruf ist noch nicht ausreichend. Der wahre Staatsbürger betrachtet alle Gaben» die ihm durch Gottes Güte zugefallen finb, als ernste Aufgaben. Das Bewußtsein ber Verantwortung verpflichtet ihn, seine volle Persönlichkeit in ben Dienst seines Volkes zu stellen, unb zwar an jebem Punkte: m feiner Familie, im Betrieb, im öffentlichen Leben. Daraus ergibt sich bie Pflicht, rastlos an sich selbst zu arbeiten, an Bilbuna bes Verstanbes und For­mung bes Charakters. Denn wie ein Steinchen, m ben stillen Teich geworfen, eine Welle erzeugt, bie weiter unb weiter ihren Kreis zieht, so erzeugt Versagen unb Bewährung im Verkehr von Mensch zu Mensch stets weitere Kreise, regt ähnliches Ver­halten auch bei anberen an. Das i st bie ge­waltiges ast derVerantwortung, bie jeber Mensch als Führer ober Verfürer trägt, bie i hm zur Pflicht wirb, stets Führer zu sein.

Führer fein kann aber nur, wer selbständig ist. Ein trauriges Zeichen ber Zeit ist ber bauernbe und allseitige Schrei nach bem Versorgungsamt. Versicherungen gegen alles unb jedes sollen bem Leben das Risiko nehmen. Die Allgemeinheit, ber Staat wirb als Rettungsengel in jeber Not ange­rufen. Warum nicht mehr Selbftänbigfeit? Warum immer dieses Warten auf den Staat? Warum nicht fein Geschick in eigene Hände nehmen?

Freilich gehört zu solcher Selbständigkeit man­ches, was dem modernen Menschen nicht mehr liegt. Dazu gehört an erster Stelle die Fähigkeit zum Entsagen. Nur wer auf manches ver­zichten kann, wird auf eigenen Kräften stehen kön­nen. Das führt zu einem weiteren Gedanken.

Man erhofft heute das Heil der Wirtschaft von Krediten. Es würde sich aber sehr lohnen, ein­mal zu untersuchen, inwiefern das Kreditwesen ge-

Erkenntnisse bringt, damit wir an ihnen das große Gesetz des Lebens aufs Neue und von einer neuen Seite her finden und wissen, ob wir uns in dieses Gesetz ein­gereiht haben. Und dieses Wissen um sich selbst gibt nur das Leben und das Buch!

Katholische Literatursendung.

Von Dr. Ilse Mosbach.

Da hat der Börsenverein deutscher B uch - Händler ein Preisausschreiben veranstaltet. Er ist an die jungen, Heranwachsenden Mädchen herangetre­ten und hat sie befragt, was sie gern lesen. Ein paar von diesen Stimmen sind mir in die Hand gefallen, im Auszug, wie ihn die Zeitung bot. Vielleicht sollte man zwei von diesen Stimmen nur ganz schlicht sprechen las­sen, und es würde einem klar, was katholische Litera­tursendung bedeutet

Da heißt es bei einer H^jährigen Primanerin so: ......es müßte einmal, wenigstens im Buch, ein Mädchen oder eine Frau geben, dte mit den Konflikten, in bie wir heute kom­men, fertig wird.

Und die zweite wichtige Stimme, die einer ISjähri- gen Stenotypistin angehört:.....säst jedesmal, wenn

ich einmodernes" Buch, sagen mir Zuckmayer, Wer­fel, Wassermann, Frank Thieß oder Thomas Mann ge­lesen haben, dann bin ich immer ziemlich unglücklich oder erregt. Die ganzen Menschen kommen mir so trost­los und die Probleme so verwickelt vor, daß es mir graust bei dem Gedanken, er gäbe wirklich Menschen, die so empfinden. Ich finde, mir brauchten mehr Bücher, die Sonne und Lebensfreude schildern, als solche, die

die ganzen Leidenschaften der Menschen einzeln zer­pflücken, aber doch nie einen Ausweg finden oder höch­stens den durch Tod oder geistige Umnachtung."

Rur zwei Stimmen ujtb doch, ist nicht in jeder et­was wie ein Hilferuf, wie ein sich Anklammernwollen einer Jugend, die bald nur noch die ungelöste Proble­matik des Lebens vorgelegt bekommt?

Hier spricht sich deutlich eine Zeit aus, die ihr Bestes, ihre Jugend zermürbt, weil sie keine Wege mehr weiß vom sicherlich oft fruchtbaren Problem zur beru­higenden, beglückenden Lösung, bie vielfach nicht einmal glaubt, daß es überhaupt so etwas gibt wie eine Lösung, oder wie Menschen, die mit denKonflikten fertig wer- den." Und stt es da unnatürlich, wenn heute bie ju­gendliche Seele vielleicht mit am stärksten beeindruckt ist vom Gefühl der Lebensangst? (Es sind nicht einmal nur die ganz Jungen, denen des so geht). Und wenn wir diese Geisteshaltung naher betrachten, so erwachsen uns wohl Recht und Pflicht, oon katholischer Literatur- fenbung zu sprechen.

Wie heute das ganze Leben sich gestaltet hat, muß uns allen klar werden, daß aus einem reinen 25er« wurzeln im Zeitlichen unmöglich die Kraft em- porwächft, die von der Darstellung im Buch aus wei­ter greifen kann auf den Leser, um ihm etwas wie Sonne unb Lebensfreude zu vermitteln. Es heißt tie­fer gehen, vorstoßen zu den Quellen des Ewigen, wie es sich immer wieder im Zeitlichen offenbart, wie es stär­ker und größer ist als das Zeitliche, an dem besonders der junge Mensch so bitter leidet. Kurz gesagt, einströ- men sollte etwas von derFreude ber Kinder Gottes". Es wird ja fo fein, daß auch der katholi­sche Schriftsteller sich selbst oft unter schweren Kämpfen Schritt für Schritt feinen bejahenden Glauben an