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Ilr. 166

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Mittwoch, 22. Juli 1931.

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Mrg. 58.

Herslellung des vertrauens ist der kernpuntl.

Der Verlauf und die Aussichten der Londoner Sieben-Atächke-Konferenz. Die Schwierigkeiten, die zu überwinden sind.

In London haben alsbald nach der Ankunft der europäischen Diplomaten die Verhand­lungen unter dem Vorsitz des englischen Mini­ster-Präsidenten Macdonald begonnen. Sie fanden im Zimmer des Premierministers im Unterhause statt. Der Vorsitzende eröffnete die Konferenz, indem er die Delegierten willkom­men hieß, und gab eine Erklärung ab, in der er Ursprünge und Ursachen der Krise, die zu der au­genblicklichen Laae geführt hat, auseinanöersetzte, desgleichen die Wichtigkeit der Aufgabe der Kon­ferenz. Laval gab der Konferenz einen Bericht über die Zusammenkünfte, die in Paris stattge­funden haben, und setzte den Geist auseinander, in dem die Besprechungen zwischen den französi­schen und den deutschen Ministern eingeleitet wur­den. Er legte im einzelnen die Stellung Frank­reichs in der Debatte, deren Beginn bevorsteht, dar und drückte von neuem die Hoffnung loyaler Zusammenarbeit zwischen Frankreich und Deutsch land für die Wiederherstellung des Vertrauens und des Kre­dits in der Welt aus. Dr. Brüning bestätigte den Geist der Zusammenarbeit und drückte seine Dankbarkeit für die Gelegenheit der Pariser Be­sprechungen aus. Er gab hierauf eine Darlegung mit Statistiken über die finanzielle Lage Deutsch­lands und die Maßnahmen, die getroffen worden sind, um ihr zu begegnen. Er drängte auf die notwendige Unterstützung zur Besserung der Lage. Fragen des Verfah­rens wurden hierauf erörtert, und die Sitzung wurde bis Dienstag vertagt. Eine Plenarsitzung der Konferenz wurde auf zehn Uhr vormittags im Foreign Office festgesetzt.

In seinem Schlußwort faßte Macdonald noch einmal die Ausführungen Lavals und Brü­nings zusammen. Die Verhandlungen wurden in einem außerordentlich versöhnlichen Geiste geführt.

Es erregte ein gewisses Erstaunen, als die französischen Minister im Carlton-Hotel, wo sie ebenso wie die Deutschen wohnen, erschienen, während die deutschen Minister auf sich warten ließen. Bald wurde jedoch bekannt, daß Macdo­nald den Reichskanzler Dr. Brüning und den Reichsaußenminister Dr. Curtius zu weiteren Be­sprechungen im Unterhause zurückgehalten und sie ersucht hatte, mit ihm das Abendessen ein­zunehmen. Außer dem britischen Premierminister und den beiden deutschen Ministern nahmen an dem Essen teil: der britische Schatzkanzler Snow­den, Außenminister Henderson und der perma­nente Unterstaatssekretär im Foreign Office, Sir Robert Van Sittart.

Für Dienstag abend sind die Franzosen von Macdonald zu Tisch gebeten.

Das «politische Moratorium-

Bet der Beurteilung des Ergebnisses von Paris wird in Berliner politischen Kreisen auch die In­formation desDaily Herald" beachtet, daß der Plan eines fünfjährigen sogenannten politischen Moratoriums besprochen wor­den sei. Dazu ist zu bemerken, daß die Aussprache in Paris sich ganz allgemein auf alle Fragen er­streckte, die mit den deutsch-französischen Beziehun­gen im Zusammenhang stehen. Es ist aber voll­kommen ausgeschlossen, daß die deutschen Vertreter irgendeine Zusage gemacht haben oder machen, die geeignet wäre, die Deutschland durch den Versailler Vertrag überlassene Handlungsfreiheit weiter ein« zsischränken. Darum ist es auch abwegig, von ei­nem politischen Moratorium zu sprechen. Richtig ist, daß die Bemühungen um die deutsch-französische Entspannung fortgesetzt werden, und es erscheint denkbar, daß in diesem Rahmen eine Vereinba­rung getroffen wird, wonach alle Fragen, die eine von ihnen zu behandeln gedenkt, mit der anderen vorher besprochen werden. Eine solche Zu­sammenarbeit würde dem deutschen In­teresse durchaus entsprechen. Vorläu­fig scheint dieser oder ein ähnlicher Gedanke in den Pariser Besprechungen nur g e st r e i f t worden zu sein. Es wird erst den weiteren Bemühungen um eine Annäherung vorbehalten sein, ihn im ein­zelnen zu behandeln.

Nachklänge zu Paris.

Neben der Konferenz in London stehen die Pariser Besprechungen zwischen den deutschen, fran­zösischen und englischen Staatsmännern im Vor­dergründe des Interesses der Berliner Zeitungen. Abgesehen von den Blättern der Rechten, die weiter die Lage pessimistisch beurteilen, (sie beurteilen die Dinge bekanntlich in erster Lime auf ihre parteipolitische Verwendbarkeit hin Die Schrift!) betonen die Zeitungen der Mitte und der Linken die Hoffnungen, die die Pariser Beratungen haben aufkeimen lassen. Be­sonders wird der große Eindruck hervorgehoben, den die Persönlichkeit des Reichskanz­lers Dr. Brüning in Paris gemacht hat. Die Aeußerung des französischen Ministerpräsidenten, man besinde sich in entscheidenden Stunden und dürste die sich bietende Möglichkeit, das Verhält­nis beider Völker freundlicher zu gestalten, nicht wieder fahren taffen, sei, so er­klärt selbst die rechtsorientierteDeutsche Allg. Zeitung", die Wirkung des Auftretens des deut­schen Kanzlers. Das Blatt, das bisher gegenüber der Pariser Konferenz einen ziemlich abwartenden Standpunkt eingenommen hatte, schließt seine Be­trachtungen mit den Sätzen:Man ist im Laufe

der letzten Jahre hinreichend skeptisch geworden. Aber man wird die Hoffnung nicht aufgeben kön­nen, daß eine neue Periode deutsch-französischer Beziehungen wirklich möglich ist." Sehr interessant ist der Bericht des Sonderkorrespondenten des Abend" über die Verhandlungen am Sonntag, bei denen es hart auf hart gegangen fei. Dem Berichterstatter zufolge habe der Reichskanz­ler kategorisch erklärt, daß er einer Erklärung nicht würde zustimmen können, in der die ein­zelnen politischen Streitfragen aus­drücklich erwähnt werden, weil er dann unverzüg­lich 'zurücktreten müsse. Laval habe erwidert, daß auch er mit einer starken nationa­listischen Opposition sogar innerhalb derRegierungsmehrheitrechnenmüß- te, die gegen ihn Sturm laufen würde, wenn er die Besprechungen mit einem nichtssagenden, allgemein gehaltenen Communigue abschließen und trotzdem die Reise nach London antreten würde. Aber er könne doch dem Reichskanzler nichts Unmögliches zumuten.

Die Erklärung Dr. Brünings, daß eine Prä­zisere Stellungnahme zu diesen Fragen für ihn nicht annehmbar wäre, genüge ihm und er bestehe nicht weiter auf seinem ursprünglichen Wunsch.

So ser, erMrt der Berichterstatter, die Stelle des (Kommuniques entstanden, die besagt, daß Frankreich bereit sei, über eine internatio­nale Hilfsaktion für Deutschland weiterhin zu diskutieren, vorbehaltlich der finanziellen Garantie und der P o l i - trfchen Beruhig ungs maß nahmen.

Die Kern-Frage.

wtb. London, 21. Juli. (Eig. Meld.) Morning Post befchäftigt sich heute in ihrem Finanzteil mit der finanziellen Hilfe für Deutsch- l a n d. Das Blatt führt u. a. aus, e s müsse ge­prüft werden, wie weit die finanziellen Schwierig­keiten Deutschlands und Europas politischer Natur seien. In der City herrsche die Ansicht, daß ein noch so klug ausgedachter finan- ziellerPlannichterfolgreich sein könne, wenn er auf politischem Gebiet nicht von Ver- ständigung und gutem Willen beglei- t et fei, durch die dem Publikum Ve rtrauen ein­geflößt werde. Es bestehe guter Grund für die Annahme, daß dank des guten Einvernehmens zwischen allen hiesigen Akzept-Banken, Clearing- Häusern und den Banken der Vereinigten Staaten keine Zurück;iehung von Krediten aus Deutschland durch diese Länder zu erwarten sei. Gleichzeitig scheine Grund für die Annahme vor- hgnden zu sein, daß die deutschen Banken selbst in jeder erdenklichen Weise zur Festigung der Lage zusammenarbeiten. In der City sei man der Ansicht, daß die Regierungen besser daran tun würden, das Vertrauen zum deut sch en Kredit zu stärken, anstatt große Anleihen zu gewähren.

Aehnliche Anschauungen werden auch im Fi­nanzteil der Times vertreten.

Immer wieder die Forderung: Vertrauen!

wtb. Rem Jork. 21. Juli. (Eig. Meld.) Die Ansichten, die in den Washingtoner Informationen derNew Port Times" und derHerald Tribüne" zutage treten, stimmen im wesentlichen mit den Anschauungen der hiesigen Finanzkreise überein. Diese halten in der Mehrzahl an der Ansicht fest, daß angesichts der gegenwärtigen Lage des Bonds-Marktes eins Beteiligung der amerikani­

schen Banken an einer langfristigen Anleihe für Deutschland kaum erfolgversprechend sein dürfte. Die Blätter bemerken indessen auf Grund von gestern erfolgten Umfragen in Bank­kreisen daß irgendwelche wesentlichen Fort­schritte auf der Londoner Konferenz, namentlich hinsichtlich der französisch-deutschenBe- ziehung.en, auch einen entsprechenden W a n - del in derStimmung der übrigenFi- nanzwelt zur Folge haben könnten.

Was schlägt Amerika vor?

wtb. London, 21. Juli. (Eig. Meld.) Nach ei­ner Meldung aus Washington werden die a m e r i- kanischen Anregungen zur Behebung der finanziellen Krise in Deutschland, die heute der Londoner-Konferenz unterbreitet werden sollen, als konkrete Vorschläge bezeichnet, die Hoover gebilligt habe.

Die Schwierigketten.

Die diplomatischen Korrespondenten einzelner Blätter glauben Anlaß zu haben, auf die Schwierigkeiten hinzuweifen, mit denen die Londoner Konferenz sich auseinandersetzen muß, wenn sie zu einem Ergebnis gelangen soll.

Diese Schwierigkeiten werden insbesondere in derDaily Mail" betont, die auch auf die vor­sichtige Redeweise des amtlichen (Kommuniques über die erste Sitzung der Konferenz hinweist und erklärt, daß dieser Ton Beachtung verdiene. Dem Blatt zufolge soll man sich in maßgebenden Krei­sen über den an gewissen Stellen zum Ausdruck kommenden Optimismus sehr erstaunt geäußert haben. Frankreich ist nach Anschauungen des englischen Beobachters nach wie vor geneigt, Be­dingungen zu stellen, denen Deutschland sich wi­dersetzen müsse, und die zum mindestens von ei­nem Teil der anderen Mächte bedauert werden. Allerdings fei die Konferenz so ungeheuer wichtig für die Zukunft der Welt, daß die Delegierten es einfach nicht wagen würden, auseinanderzugehen, ohne etwas wesentliches zustande gebracht zu ha­ben. Außerhalb des Sitzungssaales werde von vielen Delegierten bekannt, daß die einzig wahre Lösung in der völligen Anullierung der Kriegsschulden oder in einer Ver­längerung des einjährigen Hoover- Moratoriums zu suchen sei; niemand aber sei bisher so kühn gewesen, dies innerhalb der Konferenz zu äußern. Auch glaubtDaily Mail" von Meinungsverschiedenheiten innerhalb de? englischen Kabinetts zu wissen, bei denen Macdo­nald und Snowden auf der einen, Henderson auf der anderen Seite sich gegenüber stehen, und zwar sei Henderson den französischen Wünschen gegenüber wehr zu einem Entgegenkommen ge- neiat, als feine Ministerkollegen, die sich an der öffentlichen Meinung Englands orientierten.

Der diplomatische Korrespondent derMor­ning Post" beschäftigte sich mit dem Frankreich zugeschriebenen Projekt einer durch die deutschen Zölle garantierten Zwei­mil l i a r d e n - A n l e i h e und verweist darauf, daß ein solcher Plan weder in London, noch in Washinbon Billigung fände. Ebenso sei es kaum durchführbar, die Erörterungen in London so eng zu umgrenzen, wie es von Frankreich gewünscht werde. _ , ...

Dailly Mail* richtet unter Hinweis auf die die 1 ganze Welt bedrohenden wirtschaftlichen Gefahren

einen Appell zur Einigung an die in London ver- ammelten Staatsmänner.

*

wtb. London, 21. Juli. (Eig. Meld.). Wie Reu­ter meldet, glaubt man allgemein, daß das Essen im Unterhause, zu dem Macdonald gestern abend die deutschen Minister eingeladen hatte, weit mehr als ein gesellschaftlicher Empfang war und vielleicht vollkommen neue Aussichten für d i e Konferenz eröffnete. Man glaube, daß Macdonald und seine Kollegen mit ihren Gü­ten die Frage erörtert hätten, wie man unver­züglich Hilfe leisten könne, ohne daß diese in Gestalt einer großen Anleihe erfolge, die von mehreren Mächten mit den Garantien und Bs- chränkungen gezeichnet werden würde, die unver- neidlich dazu gehören würden. Einer der Vor- chläge, die gemacht wurden, bestehe darin, daß die Konferenz die Möglichkeiten untersuchen solle, wie man Deutschland in seiner gegenwärtig kritischen Lage helfen könnte, ohne seine Verpflich­tungen, die, wie man sagt, eine fast unerträgliche Belastung bedeuten, in lästiger Weise zu ver­größern.

Dienstag vormittag in London.

wtb. London, 21. Juli. (Eig. Meld.). Dor dem heutigen offiziellen Beginn der Konferenz um 10 Uhr vormittags hatten Reichs­kanzler Dr. Brüning und Staatssekretär Dr. Schäffer vom Reichsfinanzministerium eine ein­stündige Besprechung mit dem englischen Schatz­kanzler Snowden im Schatzamt, während Reichsaußenminister Dr. Curtius und Staatssekre­tär vor Bülow eine Unterredung mit dem engli­schen Außenminister Henderson im Foreign Office hatten.

wtb. London, 21. Juli. (Eig. Meld.) Dis Sieben-Mächte-Konferenz ist um 10 Uhr vormit­tags im Außenmini st erium wieder z u- sammengetreten.

*

Man geht kaum fehl in der Annahme, daß die heutigen Verhandlungen nach den Vorgeschäften des'gestrigen Tages in medias res geführt werden. Die bereits gemeldete Tatsache, daß heute früh vor Beginn der eigentlichen Konferenz ein» stündige Aussprachen zwischen Reichskanzler Dr. Brüning, Ministerialdirektor Schäffer vom Reichs­finanzministerium, Schatzkanzler Snowden und Leith Roß vom britischen Finanzministerium im Schatzamt einerseits und Reichsaußenminister Dr. Curtius, Staatssekretär von Bülow und Außen­minister Henderson im Foreign Office andererseits stattgefunden haben, könnte darauf schließen lassen, daß die Erörterungen, die gestern abend zwischen den britischen und deutschen Staatsmännern beim Abendessen und danach begonnen haben, heute vor dem Zusammentreffen mit den übrigen Konferenz­teilnehmern auf einer konkreten Grund­lage fortgesetzt worden sind.

(Kommunique über die Dormillagssihung.

wtb. Loudon. 21. Juli. (Eig. Meldg.). Dis 7-rilächke-Kouferenz verlagte sich um 12.45 Uhr über die Mittagspause, lieber die Vormittags- siihung wurde folgendes (Kommunique ausgegeben:

Die Konferenz ist um 10 Uhr im Foreign Oft fite zusamrnengelreien und Hal über interna- f i on a t e finanzielle Zusammenar­beitsmöglichkeiten beraten, die geeignet fein könnten, möglichst umgehend das wirt­schaftliche Gleichgewicht in Deutsch­land wieder herzu st eilen, und zwar als Vorbereitung zur Prüfung weiterer Maßnahmen, die sich als notwendig Herausstellen sollten, um die Finanz-Situation Deutschlands sürdauernd wieder auf eine feste Grundlage zul stellen. Es wurde vereinbart, daß die Finanz- minifter der auf der Konferenz vertretenen Mächte sowie Reichskanzler Brüning heute nachmittag un- ter Vorsitz Macdonalds $u einerneuen Sil- jung zusammentreten sollen, in der die Prüfung der aufgeworfenen Fragen fortge- fetjt werden fall.

Telegramm -Politik.

Telegramm derRationalen Opposition" an Brüning.

DDZ.Berlin, 21. Juli. (Eig. Meld.) Wie das Nachrichtenbüro des Vereins Deutscher Zeitungs­verleger meldet, haben die Herren, die sich als Führer derNationalen Opposition" bezeichnen, an den Reichskanzler Brüning nach London folgen­des Telegramm gerichtet:

Dem ursprünglich als Erleichterung gedachten Plan des amerikanischen Präsidenten Hoover wer­den die unverhüllten Absichten Frankreichs entge­gengesetzt, das deutsche Volk auf die Dauer unter fein Diktat zu zwingen. So soll aus der Erleichte­rung eine Verschlimmerung werden. Es wird den verantwortlichen Kreisen in Frankreich nicht unbe­kannt sein, daß in unserem gequälten Volk, ins­besondere in der Jugend, die Verzweiflung der­artig angewachsen ist, daß allerorts gefährliche Gedankengänge aufkeimen. Das deutsche Volk, daß sich von der Schuld am Kriege frei fühlt, will und kann die ihm aufgezwungenen ungerechten Lasten nicht länger tragen. Erst recht aber ist eine weitere Schmälerung der deutschen Staatshoheit unerträglich und nicht zu verantworten. Die ge­samtenationale Opposition" macht daher in aller Form darauf aufmerksam, daß sie gemäß ihrer Grundeinstellung auch neue Bindungen, die gegen»

Oben: Blick auf das Auswärtige Amt in London, vorn St. James-Park aus gesehen. Unten; Der Locarno-Saal im Auswärtigen Amt, wo die Konferenz stattfinden wird.