Ar. 164
Beilage zur Fuldaer Zeitung
Af/LS
19. Juli
Schlote.
Riesengroße
Recken sie steinerne Leiber In die grauschwere Lust, Stoßen den Schrei Gemarterter Menschen Schwarzwolkig Und zornglühend Zum bleinernen Himmel.
Aber des Abends,
Wenn die Sonne golden sich neigt,
Werden kahle Kasernen strahlende Kirchen, Und die Schlote wachen darüber Wie goldene Türme
In das offene Firmament.
Und wenn die Nacht Mit dunklem Mantel
alters Ritterspornbüschel über ihr Schreitchult gehängt, weil sie glaubten, ihr Anblick allein genüge, um die Augen zu stärken. Am Johannistag war es üblich, Rittersporn ins Feuer zu werfen und dabei zu sprechen: „All mein Unglück geh hinweg und sei verbrannt mit diesem Kraut." In der Blumensprache wird er als Zeichen der Beständigkeit gebraucht.
Die nelkenähnliche Kornrade dürfen wir keinesfalls vergessen, da sie zu den meistverbreiteten Feldblumen zählt. Mit den Samen dieses purpurnen Blümchens glaubte man in vergangenen Tagen Wunderkuren verrichten zu können. Diese Meinung ist natürlich schon lange dahin, und heute wissen wir nur, daß den kümmelähnlichen Körnern ein Giftstoff innewohnt, der dem Mehl nicht nur eine bläuliche Mißfarbe verleihen, sondern auch schädliche Wirkungen verursachen kann. In einigen Gegenden Deutschlands gelten aus Kornraden geflochtene Kränzchen als Liebeskränzchen und werden daher von schüchternen Liebhabern oft den Mädchen ins
lantischen Ozeans lebt. Dieser stattliche Herr — kann ein Militärmusiker anders aussehen? — wiegt etwa 140 Pfund und trägt in seiner Kehle starke, kalkhaltige Platten. Wenn das Tier atmet, reiben sich diese aneinander und rufen dadurch Töne hervor, die wie Trommelwirbel klingen.
Jedenfalls ist noch nicht festgestellt worden, daß ein Fisch zu irgend einem Zwecke wie Werbung um Liebe, Bedrohung eines Feindes oder Warnung eines Artgenossen vor Gefahren absichtlich Geräusche heroorgebracht hat. Die Konzerte der Meerestiefe sind nichts anderes als Freß und Atmungsbewegungen.
Auch das melodische Murmeln der Au st er, das man nahe bei Neufundland beobachtet hat, ist keine
bewußte Musik, sondern rührt von dem stumpfsinnigen Oeffnen und Schließen der ewig hungrigen Muschel her, über die unablässig die Fluten des Ozeans rauschen. Die Amerikaner stehen sicherem Vernehmen nach im Begriff, dieses Meereskonzert durch den Rundfunk an die Ohren der Festlandbewohner zu bringen.
Ein bewußt musizierender Meeresbewohner soll der Hummer sein, der durch Aneinanderreiben seiner Scheren ein pfeifendes Geräusch hervorbringt. Man will diesen Vorgang bei den Bermuda-Inseln beobachtet haben. Und zwar pfeift der Hummer angeblich aus Liebeskummer. Aber da sich hier gerade die Grenze des Alkoholverbots befindet, so muß man jenem Bericht doch einiges Mißtrauen entgegenbringen.
Hausenfang im Schwarzen Meer.
Bei den Kaviarfischern von Oleisa
Dich-
Besucht das (Mabethspiel am Kalvarienberg!
ren von mehreren hundert Mitgliedern aufzutreten, türlich würde es — in der Nähe belauscht — eine atonaler Musik sein. Aber da sie aus mehr oder Niger tiefen Wassern zu dem Hörer empordringt, klingt sie wie ein angenehmes Säuseln an das Ohr
die den Wein unvermischt tranken, während der ter ihn mit Wasser verdünnte.
Naturfreundes. Genau genommen kann allerdings nicht von einem Konzert die Rede fein, denn der Fisch gibt jene Töne beim — Fressen von sich.
Als Militärmusiker der Meerestiefe darf man den Trommelfisch bezeichnen, der im Westen des At-
Na- Art we-
so des
gen an, die ihm aber nicht im geringsten zukommen. Besonders zur Kräftigung der Augen sollte er beitragen und tatsächlich haben manche Gelehrte des Mittel-
Fenster geworfen.
Schließlich ist noch der Hufeisenklee zu erwähnen. Im Harz erzählt man sich, diese Pflanze sei aus der Leiche eines vom Blitz getroffenen Pferdejungen herausgewachsen. Wohl aus diesem Grunde glaubten unsere Vorfahren, den Pferden fielen auf der Weide die Hufeisen ab, wenn sie zufällig auf eine solche Blume treten. Die Alchimisten des Mittelalters schrieben dem Hufeisenklee gar mitunter die Kraft zu, unedle Metalle in Silber verwandeln zu können.
Wenn die Feldblumen im allgemeinen auch für den Landmann höchst unerwünschte Gäste sind, so lassen sich doch manche von ihnen auch zum Schmucke der Hausgärten verwenden oder bereiten wenigstens der Kinderwelt beim Kränze- oder Sträußebinden viele Freuden.
Konzert auf dem Meeresgründe. Fische versammeln sich zu Baßgesang und Trommelwirbel — Das melodische Murmeln an der Austernbank.
Von Wenzel O r t l e p p.
„Wasser allein macht stumm; das beweisen im Teich die Fische", sagte einst der Altmeister Goethe. Und dieser Lebenskünstler und Naturforscher dürste unbedingt glaubwürdig sein. Aber so ganz ohne Ausnahme trifft der Satz doch nicht zu. Wobei übrigens berücksichtigt werden muß, daß obiger Ausspruch auch gar nicht als wissenschaftliche Belehrung gedacht war, sondern einige vorwitzige Studenten zurechtweisen sollte,
Maria folgte. Der Vater ließ sie eintreten und verschloß die Tür. Alles war in diesem kleinen Raume, wie sie es seit ihrer frühesten Kindheit kannte: Der Schreibtisch aus Nußholz mit den gedrechselten Säulchen, das Waschbecken hinter der Tür mit dem steifen Handtuche an abgespreiztem Holzarme — und der eiserne Koffer mit den beiden gewichtigen Schlössern. Seit Kriegsbeginn war dem Obersten ein Offizier beigegeben worden und nun stand auch dessen Arbeitstisch am Fenster. Maria bedauerte lebhaft, daß dieser invalide Oberleutnant Simonowitsch noch nicht anwesend war — so hatte der Vater Zeit, sie noch in der ersten Erregung abzukanzeln!
Der Oberst lief nach seiner Angewohnheit mit auf dem Rücken verschränkten Händen auf und ab. Maria lehnte am Tische des Adjutanten und betrachtete gleichgültig die aufgestapelten Akten.
Endlich begann der Oberst: „Du bist groß genug und ich kann dich heute nicht wie ein kleines Kind mit Gewalt in das Institut zurückschicken. Daß du hier bist, ist in diesen Zeitläufen vielleicht sogar besser; aber ich ersuche dich, keine revolutionären Studentenmanieren bei mir einführen zu wollen. Du hast anständige Kleidung zu tragen. Du hast dich deinem Vater zu fügen." Maria betrachtete angelegentlich die Spitzen ihrer Reitstiefel. Dann wanderte ihr Blick auf den glattgebohnerten Fuß- bodenbrettern den Schritten des Vaters nach und blieb an dem eisernen Koffer hängen. Es war für Maria Gewißheit, daß sie die Papiere erlangen würde, ebenso wie es ihr Gewißheit geworden war, daß sie das Zurückgebliebene aller dieser Menschen überwinden würde. Maria schien es seit ihrer Ankunft, daß der Vater, die Mutter, alle in diesem stillen Hause sie behindern wollten, frei zu fein; wie sie es nannte — Mensch zu sein.
Der Oberst stampfte auf: „Willst du mir nicht endlich antworten, Mädel?"
Maria glitt vom Tische und trat zum Vater. Er war kaum größer als sie. So legte sie ihm beide Arme um
Immerhin sind konzertierende Fische als etwas Außergewöhnliches zu betrachten. In den Riffen von Florida haust beispielsweise der sogenannte Frosch- fisch, der in regelmäßigen kurzen Pausen einen tiefen Laut von sich gibt. Diese gemütvollen Tiere lieben die Geselligkeit, und wenn sie nun in trautem Verein ihr „Kung-Kung" ertönen lassen, so klingen die vielen Baßstimmen derartig harmonisch ineinander, daß sie ganz und gar den Eindruck einer musikalischen Veranstaltung erwecken. • Ob die Kaltblüter eigens zu diesem Zwecke sich versammelt haben, ist natürlich eine schwer zu beantwortende Frage.
Irgendwelche Mannigfaltigkeit besitzt das Konzert der Froschfische nicht. Anders der mexikanische S i n g- oder Kanarienfisch. Er kann sowohl bellen als auch seufzen. Dieser wackere Musikant pflegt in Chö-
feit das Seil aus dem Korb entwickelt. Schon finkt der zweite Stein, erscheint auf dem Wasser der ander« Schwimmkorken, und die Sache ist fertig.
Am anderen Tage wird wiederum, jetzt zum Fischzug, ausgefahren. Wenn Gott oder das Schicksal gnädig sind, werden an den Haken Hausen hängen, — riesige spitzmäulige Fische, deren Gewicht drei bis sechs Zentner, in seltenen Fällen sogar acht und mehr Zentner beträgt.
So fuhr einmal des Nachts Wanja Andruzaki auf feiner Barkasse aus der Bucht. Um die Wahrheit zu sagen, erwartete niemand viel Gutes von seinem Unternehmen. Der alte Andruzaki war im vorigen Frühling gestorben, und Wanja, nach Meinung aller erfahrenen Fischer noch gar zu grün, hätte noch an die zwei Jahre einfach Ruderer bleiben und ein weiteres Jahr Gehilfe eines Führers werden sollen. Er jedoch hatte eine Besatzung zusammengebracht, kommandierte auch wie ein echter Herr, beschimpfte seine bedeutend älteren Nachbarn und stach in See, am Bug des Bootes stehend, die Lammfellmütze, unter der seine schwarzen Pudelhaare vorguollen, frech in den Nacken geschoben.
In jener Nacht weht kräftiger Landwind. Einige andere Barkassen kehrten bald wieder um, weil der griechische Fischer ungeachtet seiner jahrhundertealten Er- fahrung sich durch ungewöhnliche Vorsicht, um nicht zu sagen Feigheit, ausgezeichnet. Wanja Andruzaki jedoch dachte nicht daran, umzukehren. Am Bug seines Bootes stehend, das bald auf schaumgekrönte Wellen stieg, bald in die Tiefen grüner Wogentäler stürzte, zog er mit gleichmäßigen Bewegungen der Arme und des Rückens das Geschlinge aus dem Wasser.
Fünf Hausen, die sich einer hinter dem anderen festgebissen hatten, lagen schon regungslos auf dem Boden der Barkaffe, dann wurde der Fang schlechter: ungefähr hundert Häkchen erwiesen sich als leer. Schweigend ruderte die Besatzung, kein Auge von den zwei Punkten am Ufer lassend, die ihnen ihre Führer gewiesen.
Plötzlich zuckte einer der gefangenen Fische krampfhaft zusammen. „Er schlägt mit dem Schwanz — er erwartet eine Freundin", sagte der junge Pawel einem alten Fischeraberglauben gemäß.
Da spürte Wanja Andruzaki schon, daß eine riesige lebende Masse bebend und Widerstand leistend am straff gespannten Seil hing. Ueber Bord gebeugt, erblickte er unter Wasser den lang zugespitzten, silbrig schillernden und zitternden Leib eines Fischungeheuers. Da konnte er sich nicht mehr halten, und zur Mannschaft gewendet, flüsterte er mit vor Entzücken leuchtenden Augen: „Wie ein Ochse! An die zehn Zentner schwer . . ."
So was durfte er nun auf gar keinen Fall äußern. Gott schütze einen davor, wenn man auf See ist, Ereignisse vorherzusagen oder sich gar, ehe man das Ufer wieder erreicht hat, über einen Erfolg zu freuen!
Und der alte Glaube bewahrheitete sich auch zugleich. Schon sah Wanja ein viertel Meter unter der Wasser-
Feldblumen in der Sage.
Don W. W e m i s.
Gleisender Sonnenschein hat sich über die wogenden Aehrenfelüer gebreitet, und der Landmann schärft bereits die Sense, um den Lohn für seine monatelange Arbeit unter Dach und Fach zu bringen. Manch prächtiges Blümchen lacht ihm aus dem Gold der reifen Aehren entgegen. Am allerhäufigsten wohl die leuchtende Cyane ober Kornblume. Ihr herrliches Blau hat schon die Gärtner des 16. Jahrhunderts veranlaßt, sie zur Zierblume zu veredeln. Ob sie diese Ehre aber wirklich verdient ist zweifelhaft, denn unsere Vorfahren betrachteten sie als Symbol der Wankelmütigkeit. „Wer fein Herz wandelt und selbst nicht weiß, wobei er bleiben will, der soll Kornblumen tragen", so heißt es in einer alten Schrift. Die Ursache dieses Vorwurfes ist leicht erfindlich: sie ist in der Veränderlichkeit, der ihre Färbung ausgesetzt ist, zu suchen. Nur wenige Sonnenstrahlen genügen, um sie blaßblau, fast weiß zu färben. Auch rosafarbige Kornblumen sind nicht selten zu finden. In einigen Gegenden unserer Heimat nennt man sie Schimmelblumen, weil man ihnen nachsagt, daß das Brot im Speiseschrank zu schimmeln beginnt, wenn Kornblumen ins Haus gebracht werden.
Neben der Kornblume sticht uns schon des Farbenunterschiedes wegen der wilde Mohn oder die Klaffchrose am meisten ins Auge. Diese feuerrote Blume galt schon in alter Zeit als Kinderspielzeug. Unsere Kleinen legen noch heute das dünne, seidenweiche Blütenblatt über einen durch den Daumen und Zeigenfinger gebildeten Hohlraum und klatschen mit der zweiten Hand darauf. Der alte Botaniker Leonhard Fuchs, der im 16. Jahrhundert lebte, war der erste, der sie aus diesem Grunde Klapper- und Klatschrose nannte. Auch die brennenbrote Farbe hat unsere Vorfahren gefesselt. Aus Mohnblüten haben sie Röcke geflochten und die Teufel bei ihren Schauspielen damit bekleidet.
Mit dem wilden Mohn kann sehr leicht der zinnoberrote Sommer-Adonis, der am liebsten unter Weizen wächst, verwechselt werden. Der Sage nach entstand dieses Blümchen aus den Blutstropfen, welche der von einem Eber verwundete Adonis, ein Liebling der Göttin Aphrodite, vergoß.
Der Rittersporn zählt unstreitig zu unseren schönsten Feldblumen. Den Alten galt er als eine Blume der Trauer, weil er erst aus dem Boden gesproßt sein soll, als Ajax, der Held, gestorben war. Die Aerzte des Mittelalters dichteten dem Rittersporn allerlei Heilwirkun-
Die Augen des unbekannten Soldaten
3] Roman von Paul Edmund von Hahn.
Copyright by Knorr und Hirth, G. m. b. H., München.
Lächeln. „Ich habe doch, wie du weißt, gute Augen und Ohren. Gestern im Waggon hörte ich einige Soldaten reden. Man glaubt auch, daß hier im Rayon Offiziere eine militärische Organisation bilden." Sie beobachtete den Vater scharf und bemerkte das verräterische Zusammenzucken, sah den ängstlichen Blick, mit welchem der alte Herr den eisernen Kasten streifte.
Mühsam brachte er hervor: „Und . . . hörtest du, ob sie etwas unternehmen wollen? Fiel mein Name?"
Maria sah die Veränderung ihres Vaters und fragte sich selbst erstaunt, wie es käme, baß sie so ganz unbeteiligt, so grausam und kalt diesen alten Mann peinigen und betrügen könnte, ohne inneren Widerstand zu verspüren. Ein starkes Siegesgefühl stieg in ihr auf. Sie dachte: Ihr seid alle schwächer als ich — ich werde alles erreichen, was ich mir vornehme!
Der Oberst stand in der Mitte des Zimmers neben dem eisernen Kasten. Unter der wettergebräunten Röte seiner Haut lagen graue Schatten. Maria bemerkte erst jetzt, wie alt der Vater geworden war. Er beugte den Nacken, wie unter einer schweren Last, und fragte leiser:
„Glaubst du denn, daß sie mich verfolgen werden? Ich bin doch nun schon zwanzig Jahre hier im Bezirk." Plötzlich hob er den Blick: „Was spricht man in der Stadt — wird sich die Regierung halten?"
Maria schlug mit einer kurzen, nervösen Bewegung den Sporen in bas Tischbein, daß Holz splitterte. Sie hatte bas Gefühl, irgendwie die lastende Spannung entladen zu müssen. Und doch war eine zwingende, wider- willige Neugierde in ihr, diesen alten Mann, den sie Vater nannte, bis zum Aeußersten zu treiben. Sie trat schnell an den Obersten heran. „Man kann nicht zwei Herren dienen, Papa, und . . ." sie führte einen unbewußt brutalen Lufthieb mit dem kurzen Reiistock, „du bist zu alt dazu!"
Verwirrt sah der Oberst feine Tochter an. Die müh- selig anerzogene Maske des martialischen Kriegers war verschwunden. In wirren Fäden hing der graue Bart auf das peinlich ausrasierte Kinn und ängstliche Abwehr eines kindlich verschlossenen Gemütes vor fremder, greller Wahrheit zitterte in den vielen feinen Fältchen um die altersklaren Augen. Maria mußte daran denken, daß der Vater jo ausgefehen hafte, als ihm einmal ein unerwar
teter Hagel die geliebten Rosen in voller Blüte zerschlagen hatte.
Der Oberst wankte. Tastend ließ er sich auf den eisernen Kasten nieder, der seit vielen Jahren ihm an- vertraute Dienstgeheimnisse geborgen hatte, und wo nun Dinge ruhten, welche er seinen Vorgesetzten nicht mehr zeigen durfte. Er stützte das Haupt auf die ein wenig von Gicht gekrümmten Hände und sprach vor sich hin: „Du lächelst, Marussa — ihr seid so leicht fertig, ihr Jungen, und du hast recht, ich bin zu alt geworden! Vierzig Jahre hab ich dem Kaiser gedient, und jetzt habe ich der neuen Regierung geschworen. Und konnte doch gleichzeitig den Kameraden nicht die Treue brechen . . ." Der Oberst stöhnte auf. „Ich bin ein guter Christ — und jede Gewalt, die ist, ist von Gott! Wo also liegt die Sünde?" Ein trampfiges Zittern durchlief den alten Leib. Er schlug die Hände vor das Gesicht und ganz undeutlich hörte Maria die Worte: „Du, mein Kind, haft es mir ja ins Gesicht gesagt, ich habe geschworen und habe ver- raten — und hätte ich die Regierung nicht verraten, wäre ich wieder Verräter an den Kameraden. Ihr Jungen lächelt — wir Alten aber leiden!"
Immer noch lag das gefrorene Lächeln auf Marias Sippen. Krampfhaft bemühte sich etwas in ihrem Innern, sich Bahn zu schaffen. Ein trockenes Schluchzen schnürte ihre Kehle — und doch handelte ihr äußerer Mensch mit der präzisen Exaktheit einer Maschine. Sie sah den völlig zusammengebrochenen Vater, sah den verwirrten weißen Scheitel in den gekrampften Händen des alten Mannes; beobachtete, wie der Schlußriemen des Schaffftiefeis mit feiner Schnalle schabend bei der zitternden Bewegung des Knies am Eisen der Truhe scheuerte. Gerade dort, wo der Verstellring des Ge- heunschlosses heroortrat. Alle Aufmerksamkeit des Mädchens konzentrierte sich auf die kleine, gelbe Scheibe mit den deutlich sichtbaren Buchstaben. Jetzt faßte die Schnalle in den gezackten Rand — das Rädchen verschob sich. Maria kniete neben dem Vater nieder, sie zog seine Hände vom Gesicht und sah, daß der Oberst Rukow geweint hatte.
Aergerlich, um den letzten Rest feiner Wurde zu bewahren, sprang der alte Mann auf, und wandte sich ab. Heftig wischte er über die nassen Augen und mur-
Der Hausen, eine Störart, auch Glatt-Stör genannt, ist der wichtigste Fisch des Schwarzen Meeres. Er liefert den Kaviar, — dies ist der eingesalzene Rogen des Fisches.
Der fromme Fischer Fjodor aus Oleisa entzündet in feiner Hütte bei Beginn des Hausenfanges vor dem Heiligenbild Nikolais, des Schirmherr» aller Seeleute, Wachskerzen und Lämpchen voll besten Olivenöls. Wenn er mit feiner aus Tataren bestehenden Mannschaft in See sticht, wird dieser „Hohepriester des Meeres" als Führer und Glückbringer am Bug seines Bootes angenagelt fein.
Eines Morgens beim ersten Frühwinde, noch in tiefer Dunkelheit, fegeln an die hundert Boote von der Halbinsel ab.
„Mit Gott! Gebe Gott euch Glück!" wird ihnen nachgerufen.
Die befreiten Segeln entfalten sich, und nachdem sie ein paar Male unschlüssig in die Luft geklatscht haben, blähen sie sich plötzlich wie aufwärtsgerichtete weiße Vo- gelschwingen. Schräg zur Seite geneigt gleiten die Boote aus der Bucht ins offene Wasser. Die Wellen rauschen und schäumen ihnen zu Seiten und sprühen hinein. Auf den Bootsrändern jedoch, zuweilen mit dem Zipfel der Joppe im Wasser schleifend, sitzen lässig junge Fischer und rauchen in prahlerischer Gleichgültigkeit felbftoerfertigte Zigaretten. Unter dem Gitter des Hecks liegt ein kleiner Mundvorrat starken Schnapses, etwas Brot, an die zehn Stück geräucherter Fische und ein Tönnchen mit Trinkwasser.
Die Gerätschaften zum Hausenfang bestehen in folgendem: stellt euch vor, daß in einer Meerestiefe von neunzig Metern ein kräftiges Seil von einer Werst Länge ausgezogen wird; alle anderthalb Meter sind an diesem Strick Drahtstücke befestigt, an deren hakenförmigen Enden kleine lebende Fische hängen. Zwei flache Steine an beiden Enden des Seiles dienen als Anker, und zwei Korkbündel, die über diesen Ankern an der Oberfläche des Wassers schwimmen, zeigen seine Richtung an. Diese Schwimmkorken tragen kleine rote Flaggen.
Bei Sonnenaufgang sind die Fischer an Ort und Stelle. Jeder Bootssührer hat seinen Lieblings-, seinen Glückspunkt und findet auf offener See ebenso schnell wie wir unseren Behälter mit Stahlfedern auf dem Schreibtisch. „Man braucht nur so zu stehen, daß der Polarstern sich genau über dem Kirchturm des Klosters St. Georg befindet und geradeauswegs gen Osten zu lenken, bis der Leuchtturm von Foros erscheint!" So hat jeder Führer seine besonderen Geheimzeichen in Gestalt von Leuchttürmen, einsamen Fichten auf den Bergen und Sternen.
Jetzt ist die Stelle bestimmt. Der erste Stein am Seil wird ausgeworfen, die Schwimmkorken werden angebunden, und nun geht es bei langsamem Rudern weiter, während der Führer mit erstaunlicher Geschwindig-
den Nacken und lächelte: „Papachen! Sicher füge ich mich! Warum sollte ich nicht? Ich gehe in anständiger Kleidung, — ich benehme mich anständig, und was du revolutionär nennst, Papachen, das versteh' ich nicht. Hast du dich nicht selbst der revolutionären Regierung zur Verfügung gestellt?"
Der Oberst wandte sich ab. Wieder durchmaß er den Raum mit eiligen Schritten. „Ich tue, was ich kann, das verstehst du noch nicht, Mädel!" Sein im Grunde gutmütiges Gesicht war verlegen.
Maria lächelte siegesgewiß: „Siehst du, Papachen, ich versteh es besser als du glaubst. Was will ich denn? Ich will eine Frauenabteilung organisieren, du weißt doch, daß ich ausgebildet bin wie kaum ein Rekrut. Man wird auch die Frauen nötig haben."
Der Oberst schüttelte zweifelnd das Haupt. „Das klingt alles recht schön — aber du bist mir zu . . ." Er suchte nach einem Ausdruck.
Maria half ihm mit spöttisch aufgeworfenen Lippen: „Zu selbständig, wolltest du sagen, Papachen!" Maria lehnte sich schmeichelnd an den Vater. „Du weißt es doch, daß die Regierung überall die Bildung von Frauenabteilungen unterstützt. Besser also, deine Tochter an der Spitze zu haben als jemand — noch Unzuverlässigeren. Sie bilden dir ja doch die neuen Formationen vor der Nase — und verlangen alle Waffen und alle deine Munition von dir. Mit mir könnte mein Papachen doch noch reden!"
Erschreckt blickte der Öberft seine Tochter an. Er hielt . ihren Kopf mit vorgestreckten Armen vor sich. Ganz leise fragte er: „Woher weißt du das alles? Woher weißt du, was die Regierung tun wird und warum sprichst du von--Waffen!"
Es lag eine unterdrückte Angst in der Stimme des alten Mannes, und Maria mußte alle kalte Entschlossenheit ihres neuen Jchs zusammenfasfen, um ihrer Rührung nicht nachzugeben. Sie zwang sich zu einem liebevollen
Liebend alles Laute verhüllt,
Werden die Schlote wie schlafende Menschen,
Die halb im Traume
Stille leise Kindergebete
Zum Vater atmen. Maria Krusemeyer.