Nr. 158
Beilage zur Fuldaer Zeitung
12. Iuli
Ortsbezeichnungen ließe sich noch verlängern. Aber schon die vorstehende Auslese mag beweisen, daß selbst ein nüchternes Ortsregister, wenn man Langeweile hat, ein recht unterhaltendes Buch sein kann.
Sommermorgen.
An einem Sommermorgen, Da nimm den Wanderstab;
Es fallen deine Sorgen Wie Nebel von dir ab.
Des Himmels heitre Bläue Lacht dir ins Herz hinein, Und schließt wie Gottes Treue Mit seinem Dach dich ein.
Rings Blüten nur und Triebe Und Halme, vom Segen schwer, Dir ist's, als zöge die Liebe Des Weges nebenher.
In puhmitteln mutz man sich auskennen! Jedesmal ein neues Scheuerpulver auszuprobieren — dabei kommt meistens immer dasselbe heraus: Man wird aufs Glatteis geführt. Am besten läßt man die Finger davon und bleibt beim B e w ä h r t e n. In diesem Satz steckt mehr als ei» Körnchen Wahrheit, liebe Hausfrauen. Ata — Henkels Putz- und Scheuerpulver — hat feine Meisterprüfung längst bestanden. Es ist und bleibt gut!
Drecknest oorzustellen, und auch D i ck s ch i e d im Taunus kann, obwohl dieser Name in der plattdeutschen Sprache einen recht herben Klang hat, ein sauberes Plätzchen sein. Im Falle Sie wieder kein Kleingeld haben sollten, um die längst geplante Reise nach Italien ausführen zu können, habe ich einen guten Rat für Sie: Fahren Sie nach C o r s i c a in der Neumark oder nach R o m in Mecklenburg! Ihre Bekannten, die ganz zu Hause bleiben müssen, werden sich auch so noch genügend ärgern. Krakau ist sowohl für die Dresdner als auch für die Zerbster bequem zu Fuß zu erreichen. Man kann nicht nur Badegast sein, nein, man kann auch herzliche Grüße aus Bade- gast bei Köthen senden. Für Kraftfahrer ist Benzin, das als Ort in Norddeutschland gleich dreimal vorkommt, der passende Platz. Wer Freude am Ringkampf hat, mag nach Wettringen bei Rothenburg o. T. gehen, und die Sangesbrüder werden sich zweifellos in W e t t e s i n- g e n bei Kassel recht wohl fühlen. Die Dürren gehen nach Burgmagerbein bei Dillingen, die Streitlustigen nach Radau in Ostpreußen und die Aengstlichen nach Thumirnicht bei Grimma. Die Schläfrigen hätten in Abend bei Ahrweiler immer eine gute Ausrede. Leute, die gar nichts anzuziehen haben, fänden in Hemden bei Bocholt wenigstens das Allernotwendigste, Zuckerkranken würde ich allerdings den Aufenthalt in S ü ß bei Amberg oder in S ü ß l o ch bei Bomst energisch verbieten. Die Unaufrichtigen müßte man nach H ä u ch- ling bei Lauf, die Schwachen nach Machtlos bei Kassel und die Abscheulichen nach Lieblos bei Gelnhausen abschieben. Viel harmloser ist die Bezeichnung Aha für je einen Platz im Bayerischen und im Badischen. Die wortkargsten Leute gibt es anscheinend in Schwaben, wo wir Orte namens A y und O y finden.
Wie ungemein wichtig es ist, Postsendungen stets mit genauer Anschrift zu versehen und besonders die Lage kleinerer Orte näher zu bezeichnen, geht aus der Häufigkeit gewisser Plätze deutlich hervor. So gibt es Buch 32mal, Buchholz S9mal, Fischbach 33mal, Orte, die mit Friedrich beginnen, 190maI, Hausen 62mal, Hermsdorf 36mal, Holzhausen 52mal, N eu- st a d t 37mal und Reichenbach sogar 45maL
Die Reihe der Merkwürdigkeiten auf dem Gebiete der
fragen zusammen mit etwas Politik. Meinungsverschiedenheiten werden dabei grundsätzlich sehr ernst ausgetragen mit vielem Gestikulieren und gegenseitigem Ins- wortfallen.
Die Hausstau macht indessen die Küchenarbeit und hängt den Sonntagsrock des Mannes und der Kinder wieder in den Schrank. Denn der ist nur für den Vormittag. Die Jugend, auch die erwachsene, sammelt sich an den größeren Plätzen des Ortes und tut — eigentlich gar nichts. Die Hände in den Hosentaschen und mit der vornübergebeugten Haltung, die Interessenlosigkeit verrät, steht man in dichten Trupps beisammen, selbstzufrieden und selbstgenügsam. Wer sie nicht richtig kennt, diese Jungens, die trotz ihrer scheinbar teilnahmslosen Haltung doch auch aus sich herausgehen können, wenn erst ein gewisser Anstoß kommt, der könnte mit Bedauern den Kopf schütteln über dieses dolce far niente, das es nicht nur in Italien gibt.
Die weibliche Jugend mad>t ihre Sonntagsbesuche. Es wird das so fein wie überall, wo Evastöchter sich gegenseitig ihre Herzen ausschütten, Handarbeiten bewundern oder Neuigkeiten erzählen.
Zur Zeit der Nachmittagsandacht ist das Dorf wie ausgeftorben. Wer nicht in die Kirche geht, begibt sich nach Haufe. Auswärtige Wandervereine und Radfahrerklubs durchziehen den Ort und Autos rollen Über die frischgekehrten Straßen, ohne die unangenehmen Staubfahnen hinter sich aufzurollen. Ein Bauernhof erhält Besuch aus dem Nachbarort. Sie kommen mit dem Fuhrwerk an und haben alle Kinder mitgebracht. Es gibt eine geräuschvolle Begrüßungsszene und man geht ins Haus. Dann ist alles wieder still.
Die Andacht ist aus und schon steht der Nachmittagskaffee auf dem Tisch. Ohne Kuchen ist der Sonntag nicht
Aus der Geschichte der Rute.
Seit den ältesten Zeiten gilt die Rute als das Symbol der Schule. Selbst die alten Kulturvölker, bei denen Körperstrafen immer als etwas des freien Mannes Unwürdiges, als etwas Sklavisches galten, konnten die Rute nicht von dem Begriffe der Erziehung trennen. Die Juden benutzten dieses Strafinstrument fleißig, ja der weise Sirach sagte von denen, die ihr Kind nicht unter der Rute halten, daß sie es nicht wahrhaft lieben. Auch die Griechen huldigten ihr. Auf ihren alten Bild- ■ werken finden sich Szenen, wo Snaben mit Rutenstreichen gestraft werden, nicht selten. Jeder erwachsene Spartaner führte ein Stock bei sich, mit dem er jeden Knaben, der nicht kurz und bündig über „woher?" und „wohin?" Auskunft geben konnte, auf offener Straße abstrafen konnte. Die Römer räumten auch der Rute ein bedeutendes Recht ein. Rutenbündel wurden von 12 Liktoren dem Staatsoberhaupte als ein Zeichen der Gewalt Dorangetragen. Auch bei der Kinderzucht wurden Rute und Geisel reichlich angewandt, wie von dem berühmten Schulmeister Orbilius aus Benevent berichtet wird. Auch im Mittelaller spielte dieses Züchtigungsinstrument keine geringe Rolle. Besonders scheint England alles Heil der Schule in der körperlichen Züchtigung gesucht zu haben. In Winchester wurden jährlich mehrere Fuhren Ruten verbraucht, in Eton wurden sogar die Oberprimaner noch mit ihr bestraft. Die Berner Schulordnung von 1616 kennt sogar noch für Studenten der Philosophie Rutenstrafen, während die Theologen dieser nicht mehr unterworfen waren. Eine gewöhnliche Strafe bei den Pariser Studenten bestand in Rutenstreichen auf den entblößten Rücken in Gegenwart des Rektors und der Prokuratoren. Selbst Lehrer unterlagen dieser Strafe, wenn sie ihr Ziel nicht erreicht hatten. Diese Zustände dauerten selbst bis ins 17. Jahrhundert hinein.
denkbar. Der unvermeidliche Sonntagskuchen ist eine von den mannigfachen Ausdrucksformen der gegenüber der früheren, fast aszetifchen Einfachheit etwas gehobenen Lebensweise der Landbewohner. Allerdings ist der Nachmittagskaffee hier eine Sache, der keine große Bedeutung beigelegt wird. Er hält auch nicht lange auf Die Jugend läßt sich erst recht nicht in eine ausgedehnte Sitzung ein. Sie muß am Sonntag mit jeder Minute geizen, denn das noch folgende Programm ist gegenüber der einförmigen Werktagsarbeit sehr abwechslungsreich.
Auch auf dem Lande ist es der Fußballplatz, der im Mittelpunkt der durchweg sehr einfachen, aber trotzdem allbeliebten Vergnügungsetablifsements steht. Die weibliche Jugend ist auch hier schon lange nicht mehr so uninteressiert am Sport, daß sie es nicht für sehr unterhaltend fände, auch ihrerseits durch zahlreiche Anwesenheit zu glänzen. Man sagt, daß dadurch der Spieleifer der Sportjünglinge sich vergrößere.
Fußballspiele sind leider (ich würde sagen: Gott sei Dank) nicht an jedem Sonntag und an solchen spurtlosen Tagen muß doch auch etwas sein. Da geht man spazieren außerhalb des Dorfes. Der Weg ist immer der gleiche. Er ist gewissermaßen der Korso des Dorfes, auf dem Jung und Alt paradiert. Die Jugend tut es wohl aus demselben Grunde, der die groß- und kleinstädtischen Asphalttreter veranlaßt, täglich über eine Stunde auf dem „Bummel" hin- und herzupendeln. Der Grund ist leicht zu finden, wenn man sie beobachtet. Hier ist es ebenso. Ein Trupp Burschen folgt einer Reihe Mädchen. An der Hand des Sprichwortes „Was sich liebt, das neckt sich", hat man schnell heraus, wer zueinander gehört.
Die Alten schauen nach ihren Aeckern aus. Geredet wind dabei nicht viel. Meistens geht auch der Bauer allein.
Im Dorfwirtshaus sitzen die Skathelden und poltern auf den Tischen herum, daß sich selbst die Stubenfliegen aus dem Staub machen. Es gibt dabei viel Zank und Streit und der Wirt verdient nichts, da die Ausgaben meistens in der vier- bis fünfstündigen Spielzeit nicht über zwei Glas Bier und vielleicht noch eine Zigarre hinausgehen. Gemütlicher ist da schon eine andere Ecke, in der der Stammtisch ein Originalkleeblatt vereint. Die sitzen jeden Tag gegen abend am selben Tisch bei einem oder mehreren „Kännchen". Alte, verwitterte Gestalten. Sie rauchen ihre Pfeife und wischen sich ab und zu Über die Nase. Ihrer Unterhaltung zuzuhören ist ein Genuß, zwar kein ästhetischer, aber man kann da die alte unverfälschte Art des einfachen Dorfbewohners am besten kennen lernen.
Wie wird wohl die Hausfrau sich den Sonntag nach- mittag vertreiben? Wenn sie keinen Besuch macht ober empfängt, liest sie vielleicht in einem Kalender ober den Unterhaltungsteil der Zeitung. Ein Diertelstündchen erübrigt sie schließlich auch für einen Kirchenbesuch. Dann muß sie bereits wieder ans Abendessen denken.
Schon wird es auch auf der Straße lebhafter. Die Spaziergänger kommen zurück, die Mädchen mit Blumensträußen. Es ist Zeit, das Vieh zu füttern, eine arbeit, die sich auch am Sonntag nicht umgehen läßt, selbst nicht am Kirchweihtag.
Die Abendglocke läutet. Feierlicher als sonst schwin- gen ihre Töne über das Dorf und seine Flur. Sie läutet einen Tag zu Ende, den niemand besser, als der Bauer als Ruhetag zu schätzen weiß.
Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist oft nur ein kleiner Schritt. — Man wird zwar nicht behaupten können, daß ein dörfliches Mittagessen, zumal am Sonntag, eine lächerliche Sache wäre, aber an das Sprichwort kann man schon erinnert werden, wenn man sich vergegenwärtigt, daß eine halbe Stunde nach Beendigung des sonntäglichen Gottesdienstes auch schon 'die Reste des Mittagsmahles vom Tische geräumt werden. Der offizielle Teil des Sonntags ist damit beendet. Unumstößliche Traditionen seit Urgroßvaters Zeiten geben ihm einqn gediegenen Anstrich.
Seit Jahren fchon — oder sind es Jahrzehnte — holt der Bauer am Sonntag morgen beim ersten Läutezeichen denselben Sonntagsrock aus dem Eichenfchrcmk — an kirchlichen Hochfesten sogar den Hochzeitsstaat — unwohl immer um die gleiche Zeit wird er an seinem Stammplatz in der Kirchenbank stehen und seinen beiden Nachbarn den Sonntagsgruh zunicken.
Ebenso konservativ, wie die religiösen Gewohnheiten, ist der Speisezettel. Ob man in der Kirche ein Osterlied sang, oder ob man vor der Weihnachtskrippe kniete, immer wird es beim Mittagessen Rindfleisch, Meerrettich und Kartoffeln geben. Die moderne Zeit hat noch die fuße Nachspeise dazugebracht, deren Güte aber sehr von der Kochkunst der Haustochter abhängt. Eine gelegentliche Aenderung des Menus bestätigt nur die Regel.
Mit der Zeit bis zum Nachmittagkaffee ist nichts rechtes anzufangen. Sie reicht höchstens zu einem Gang durch das halbe Dorf, denn überall findet sich Gelegenheit zu einem kleinen Plauderstündchen, vielfach vom Fenster zür Straße. Bedeutsame Ereignisse und Probleme sind es sicher nicht, die da besprochen werden. Eine enge Verbundenheit mit der Scholle drückt sich beim Bauer aus in der Berührung landwirtschaftlicher Zeit-
Polkin bemühte sich offensichtlich, liebenswürdige Manieren zu zeigen und bot ihr einen Becher Tee aus dem Kessel an, der auf dem kleinen Fenstertische dampfte. Eine Zigarette im Mundwinkel, lächelte er. „Sie fühlten sich also wirklich wohl — in jener Gesellschaft?"
Maria hatte ihre Sicherheit zurückerlangt und der heiße Tee tat ihr unendlich gut. Sie trank bedächtig und antwortete dann: „3a, ich fühlte mich wohl. Eigentlich muß ich bekennen, ich bin beschämt — ich hatte immer geglaubt, daß heimkehrende Soldaten roh und unflätig sind. Hier aber haben sie sich sehr nett meiner angenommen."
Polkin und der Professor wechselten einen Blick.
„So, haben sie das? Das war also Ihr erstes näheres Beisammensein mit dem Volke!" Polkin sprach das letzte Wort mit sarkastischer Betonung aus. Er schlug die Beine übereinander und blickte Maria durch den schief- sitzenden Kneifer spöttisch an. Dann fuhr er fort, und Maria hatte den Eindruck als zittere ein neuer Klang in dieser kalten Stimme: „Was wissen denn Sie, Kind, was Volk ist. Was wissen Sie von Masse, die in Fluß gerät und Dämme einreißt und im brausenden Schwalle ein neues Bett sucht. Was wissen Sie von Regierungsformen und Revolution!"
Der Professor beugte sich vor und klopfte leicht auf die Tischplatte: „Vielleicht ist es besser so."
Maria schaute betroffen in den versonnenen Glanz der Gelehrtenaugen. Sie wußte aus heimlich erlangten Zeitungen, die in letzter Zeit im Institut verboten waren, daß Professor Rekin ein Führer der Radikalen war. Nun überraschte sie das milde, verträumte Aussehen eines Mannes, der nachweislich feine Wissenschaft der Herstellung vernichtender Explosivmittel und betäubender Gase gewidmet hatte, die Anarchisten und Kommunisten bei unzähligen Attentaten dienten.
Polkin schien ihre Gedanken erraten zu haben. Er sagte leichthin: „Sie wundern sich, daß der „Vater des
Die Türe des Abteils wurde aufgeriffen und eine scharfe Stimme rief sie an: „Maria Petrowna, hier finde ich Sie endlich! Man hat vergessen, Sie in mein Abteil zu weisen. Kommen Sie."
Polkin stand in der Türe und das sichtbar getragene Abzeichen des Ordnungskommissars bewirkte es, daß der Hausierer diensteifrig feinen Packen wegschob, um das Mädchen durchzulassen, während die Soldaten ruhig wei- terfputften.
Maria gab einem Gefühl der Geborgenheit gegenüber dem fremden, stärkeren Willen nach, als sie antwortete: „Ich habe hier einen guten Fensterplatz und danke Ihnen, ich bleibe hier."
Polkin griff nervös nach dem Zwicker, beifälliges Gemurmel erhob sich bei den Soldaten. Maria fühlte, daß diese Menschen für sie einstehen würden, falls Polkin sie zwingen wollte, mit ihm zu gehen.
Der Kommissar lächelte. — „Es freut mich, daß Sie sich hier wohl fühlen. Sie können ja auch hierher zurückkommen, ich wollte Sie nur sprechen, da auch Ihre Legitimation noch bei mir ist." Er wandte sich ab und drängte sich durch den vollgepfropften Gang zur nächsten Tür, vor der ein Soldat mit aufgepflanztem Seitenge» wehr stand. Maria folgte ihm.
Das kleine Abteil war verhältnismäßig sauber gehalten. An Tür und Fenster verkündete ein Blatt: „Reker- viert! Ordnungskommissar des Zuges!" Am Fenster faß ein älterer Mann mit graumeliertem Spitzbart und golbner Brille, der sich bei Marias Eintritt höflich erhob und ihr mit ein wenig abwesendem Lächeln die Hand schüttelte. „
Polkin sagte: „Dies ist der Genosse Professor Rekin." m.„
Maria fühlte sich durch die Anwesenheit des Wissen- schaftlers, dessen Namen sie kannte, beruhigt. Sie setzte sich auf Polkins Aufforderung zwischen den beiden Männern nieder.
Wiffen Sie, was Guderhandviertel ist?
Don H. A. Klug.
Ich weiß bestimmt. Sie können sich unter diesem Wort mit dem besten Willen nchts vorstellen, es fei beim, daß Sie in der Gegend zwischen Hamburg und Cuxhaven zu Haufe sind. Guderhandviertel ist nämlich der Name eines Dorfes von etwa 700 Einwohnern, das an der Lühe, einem linken Nebenflüßchen der Unterelbe, liegt. Aber fchließich haben Sie recht, wenn Sie erwidern, daß man die vielen Tausende kleiner und kleinster Ortschaften in Deutschland unmöglich alle kennen kann.
Es ist gar nicht so uninteressant, einma einen Blick in ein lückenloses Verzeichnis deutscher Ortsnamen zu werfen Da gibt es z. B. Namen wie Speck bei Grevenbroich, Sülze bei Hannover, Schweinebraten bei Strahlau, Mehlfack bei Braunsberg, alles Orte, die besonders in der Kriegs- und Inflationszeit sehr zu beneiden waren. Bei Rheinbach liegt der Ort Essig und bei Rathenow sogar eine Wassersuppe. Datteln sind nicht nur eine Lieblingsspeise der Araber, sondern Datteln ist auch ein großes Dorf von fast 4000 Einwohnern im Kreise Recklinghausen. Tiernamen, darunter recht liebliche, finden sie auf einer guten deutschen Landkarte eine ganze Menge: so liegt z. B. Ehsel bei Recklinghausen, Floh bei Schmalkalden, Hammel bei Augsburg, Hering im Odenwald, Kröte bei Lüchow und Lerche bei Hamm. Ja, es leben sogar Leute im Asfental bei Bühl, in Hammelsta 11 bei Ückermünde, in Hunde 1 ust beiZerbst, in H u nd s st a 11 bei Homburg o. d. H., in Katznase bei Marienburg, in K a tz e n 1 o ch bei Bernkastel und in K u h f r a ß bei Rudolstadt. Möchten Sie in Bösgefäß bei Gelnhausen wohnen? Dann sicherlich lieber noch in Daumen in Holstein. Das Wort Haar kommt als Ortsbezeichnung sogar dreimal vor. Ob alle Damen in Pagenkopf bei Schönwalde die gleichnamige Haarmode mitmachen? Mit Elsa kann man nicht nur spazieren gehen, sondern man kann in Elsa bei Koburg auch wohnen. Wem dieser Mädchenname nicht gefallen sollte, der ziehe nach Frida bei Eschwege, nach Helena in der Oberpfalz ober nach Thekla bei Leipzig. Etwas weniger anmutig klingen Ortsnamen wie Dreiweib ern bei Liegnitz und Frauenzimmern bei Brackenhaufen. Brautpaare, bie Interesse an Herrenzimmern haben, finben in der Gegenb von Rottweil das richtige. Ob es in Hochzeit bei Arnswalde immer lustig zugeht, ist stark zu bezweifeln. An unser letztes Stündlein erinnert lebhaft die Orte Kirchhof bei Melsungen und Leichendorf bei Zirndorf. Nicht weit in den Himmel haben die Bewohner von Himmelpforten bei Stabe und von Himmelstür bei Hilbesheim, gar nicht zu reden von den Glücklichen, die schon auf dieser Welt im Paradies, das es in Deutschland gleich dreimal gibt, ober in Parabiese bei Soest leben, denn sie brauchen sich nach ihrem Tode gar nicht erst weiter zu bemühen. Bedeutend schlechter steht es mit den armen Leuten in Höll und Haid bei Kemnath. Unter Dresthar- burg bei Lüneburg braucht man sich durchaus kein
Die Auge« des unbekannte« Soldaten
2) Roman von Paul Edmund von Hahn.
Copyright by Knorrund Hirth, G. m. b. H., München.
Zwischen Hochamt und Vesper
Oberfchlefifche Dorffkizze von Leo Roll.
Giftes", wie man ihn nennt, nichts Menschenfresserisches an sich hat?" Wieder zeigte er sein spitzes Lächeln: „Wir sind weniger harmlos als wir aussehen."
Plötzlich beugte er sich vor und blickte Maria scharf in die Augen. Ganz leise fügte er hinzu: „Ebenso wie Sie, Maria Petrowna!"
Maria fühlte einen dumpfen Druck auf ihr Gehirn. Ein Gedanke schreckte durch die müde Starrheit: Hypnose! Die glänzenden Kneisergläser schienen ihr alle Strahlen stechend zu sammeln. Automatisch antwortete sie. „Ich bin doch noch gar nichts. Was wollen Sie von mir?" Dabei hatte sie das merkliche Gefühl, daß neben dem müden Körper eines entlaufenen Jnstitutsmäbchens eine zweite, ältere Maria Rukow sitze, als habe sich ihr Wesen gespalten. Dieser neue Teil ihres Jchs schien alles schon erlebt zu haben. Maria lächelte hölzern und blickte zum Professor auf.
Professor Rekin prüfte kurz die starre Pupille der Beeinflußten. Dann winkte er Polkin zu: „Du kannst reden."
Polkin beugte sich nun ganz nahe zu Marias Ohr und flüfterte: „Gerade in Rezna gibt es Taten zu vollbringen. Du kannst es. Gerade du! Ich spreche zu dir wie zu einem Kameraden. Ich spreche zu dir als zu einem Kameraden der großen Idee."
Maria nickte wieder mit dem kalten Gefühl der Kör- perlofigteit. Sie sagte ganz bewußt: „Ich bin bereit und höre."
Polkin warf noch einen Blick auf die Türe, vor der ein Vorhang und die Mäntel der beiden Herren hingen, dann begann er erregt zu sprechen: „Dein Vater ist zur provisorischen Regierung übergetreten und ist daher weiterhin Bezirkskommandeur. Durch seine Hände gehen die Befehle, Anforderungen und Transportweifungen. Im geheimen aber gehört er der Offiziersverbindung an. Im Bezirk von Rezna formieren sich die Offiziere. Dort fammeln sich die vom Reooluttonstribunal Verfolgten, dort sind auch Kriegsgefangenenlager, deren Stellung zweideutig ist. Es ist sicher, daß dein Vater diese Umtriebe durch falsche Papiere, die er den Offizieren aus- ftellt, und durch Monitions- und Wafsenschiebung deckt. Ich bin in dem Bezirk von Rezna als Ordnungskommisfar ernannt, aber t « Polkin lächelte verächtlich, „bie jetzige
Die Legende vom Gärtner.
Don Albert Rein icke.
Als der Tag sich zu Ende neigte und die sinkende Sonne ihre letzten Strahlen fanbte, ging der alte Gärtner __ wie immer — in den Garten, um nach feinen
Blumen zu sehen. Er pflegte sie alle mit gleicher Liebe und Sorgfall; weiße Lllien, stolze Rosen, das deschei- bene Veilchen wie bas zierliche Vergißmeinnicht.
Jeder kannte ihn, den alten Gärtner mit dem langen weißen Bart und den gütigen Augen. Niemand aber wußte, woher er gekommen war, noch die Zahl seiner Jahre.
Während er die Blumen durch Wasser erquickte, nahten zwei junge, frohe Menschenkinder: ein Bursche und ein Mädchen, Hand in Hand, barhäuptig beide. In ihren lockigen Haaren verfing sich spielend der Adend» Regierung besteht aus Waschlappen. Da müssen wir, unsere Organisation, schon nach gutem, altem Muster arbeiten, um die Offiziere klein zu kriegen. Man wird es uns danken. — Auch dir, denn du kannst bei beinern Vater alles erfahren, und mir in bie Hand geben."
Die Spannung des Spielers lag auf den Zügen Polkins. Maria überlegte einige Minuten. Auch die Lieder fchwiegen. Eintönig klapperte der morsche Wagen und aus den anderen Abteilen klang gedämpft rohes Schnarchen.
Einen Augenblick erschien Maria die Vision des «einen Hauses, mit den geschmacklosen grünen Glaskugeln im Vorgärtchen. Sie sah den Vater, wie er in Hemd, ärmeln seiner geliebten Beschäftigung, der Blumenpflege, nachging; sah den alten, eisernen Kasten in der Kanzlei, der sie immer als Kind mit so viel geheimnisvollen Vorstellungen von gesiegelten Dokumenten und schrecklichen Mobilisationsverfügungen erfüllt hatte. Aber Maria fühlte kein warmes Verhältnis mehr zu diesen Dingen. Ein klapperndes Geräusch schreckte sie auf — der Professor schenkte wieder frischen Tee in ihren Becher und reichte ihn ihr. Wieder trank sie, und nahm bann aus Polkins Dose eine Zigarette. Sie hatte schon im Institut und auf den Ferien zu Hause geraucht, jetzt aber schien ihr der Rauch eine ähnlich belebende Wirkung auszuüben wie bas heiße Getränk. Ihre Gedanken wurden erstaunlich scharf und klar.
Eine kleine senkrechte Falle stand zwischen ihren dichten Augenbrauen, als sie sich wieder Polkin zuwandte: „Es könnte mich reizen—denn ich glaube, daß bei euch mehr zu holen ist als bei den anderen. Ich will leben. — Nicht wie die dummen Frauen, ich will führen und kämpfen. Kann ich das bei euch?"
Polkin lächelte: „Du wirst frei fein von jeder Bevormundung, und ich kann dir noch eines sagen: in Rezna soll ein Frauenbataillon ausgestellt werden. Wenn du dich gut hältst, kannst du es nach vorheriger Ausbil- düng organisieren. Aber vorher mußt du durch die Tat beweisen, was du kannst und »er du bist."
Maria nickte. „Ich werde es. Ich werde nicht wei- bisch fein. Man soll sich auf mich verlassen können!
Der Professor rauchte schweigend, Polkin wurde auf den Gang zur Schlichtung irgend eines Streites gerufen