„Deutschland wünscht Sie zu sehen!" Das Deutschland-Büro in der Aiflh Avenue. — Deutschland ist Mode geworden! — Ansichtbare Ausfuhr nach den ASA.
Von Karl Lütge.
Die „Vcmken-Schlüger".
Das Echo der hugenberg Hiller-Kundgebung.
Man sollte doch meinen, daß gerade Hitler und Hugenberg genau wüßten, n* es um die deutsche Wirtschaft steht. Die Wirtschaft selbst weiß es i sehr genau, denn ihre Notaktion soll dos Schlimmste, das Aller schlimmste verhüten. Noch I ist die Gefahr gar nicht abgewandt, und eine solche Elefantenpolitik, wie sie Hitler und Hugenberg nun betreiben, ist in der Tat geeignet, den fürchterlichsten Zusammenbruch, vor dem wir unmittelbar standen, mit Gemalt herbeizuführen. Was aus den Menschen und was aus der Nation wird, die unter diesen Trümmern begraben werden. ist diesen „Nationalen" offenbar ganz gleichgültig, wenn sie nur ihren Parteibock über das rauschende Trümmerfeld führen können unter dem Ruf: „Hurra! Wir haben gesiegt, es ist alles kaputt!"
Angesichts der gewaltigen Schwierigkeiten, in denen Deutschland zurzeit steckt, in dem Ringen um Kredit, in der Zerstörung des Mißtrauens, das gerade wieder der Fall der „Nordwolle" erzeugt hat, ist das Echo der bombastischen Kundgebung der Hugenberg-Hitler in der vernünftigen Presse ziemlich eindeutig. Die Purzelbäume der Radikalen nimmt man nur noch in welt- abgelegenen Dörfern und in Kleinstädten, in denen alle acht Tage einmal eine Zeitung erscheint, nicht ernst. Die „Kölnische Volkszeitung" würdigt sehr treffend die Angelegenheit, wenn sie schreibt:
Was der Tageschronist zu der Demonstration der Verantwortungslosen anzumerken hat, kann kurz sein. Man hat ja eigentlich nur festzustellen, daß dieser Alarm nach keiner Richtung hin etwas Neues bedeutet. Es ist weder neu, daß Hugenberg und HitlerArm inArm marschieren, wobei gelegentliche hochmütige Abweisungen Hugenbergs durch • nationalsozialistische Gazetten nie eine praktische Bedeutung hatten, noch ist es neu, daß sie den Kamps um die nationale BefMiung lediglich mit der Phrasenkanone führen und als solche allein in Erbpacht genommen haben. Man könnte ssth über die Ve r a n t- wortungslosigkeit wundern, die mit solchem Lärm und hölzernen Kanonen mitten in die schwerwiegendsten außenpolitischen Verhandlungen hineindonnert, die die allein ernst zu nehmende und großangelegte Befreiungspolitik der Regierung Brüning zu führen hat: zuleich mitten in gewaltige Anstrengungen wirtschaftspolitischer Art hinein, .bei denen es buchstäblich um Leben und Tod der deutschen Nation und der deutschen Wirtschaft geht. Aber auch über diese Verantwortungslosigkeit der „nationalen" Katastrophenpolitiker könnten sich tatsächlich nur diejenigen wundern, die bisher noch nicht begriffen haben, wie groß die Verblendung in jenem Lager ist, und wie wenig sie bereit und offenbar auch fähig ist, in verantwortlichem Geiste, wenn auch in der Rolle einer wachsamen Opposition, sachliche Politik zu machen und damit eine Mitwirkung zu leisten, wie sie in Ländern von ernsthafter demokrati'ch-par- lamentarischer Schulung auch den großen Oppositionsparteien als selbstverständliche nationale Pflicht erscheint. Nebenbei gesagt, fällt es schwer, nicht ironisch zu werden, wenn man sich der erfüllungs politischen Angebote Hitlers und anderer Großsprecher an das Ausland erinne-^
In Vorstehendem ist auch schon gesagt, was vom Standpunkte der Reichspolitik und der gegenwärtigen Lage unseres Volkes über die Wahl des Zeitpunktes dieser „neuen" Kriegserklärung zu sagen ist. Aber wem sollte es nicht auffallen, daß die Erklärung genau an dem Tage beschlossen und der Oeffentlichkeit übergeben wurde, als die Ablehnung der Landtagsauflösung in Preußen erfolgte und damit die „nationale Opposition" in die Notwendigkeit versetzt wurde, ihr Volksbegehren als Volksentscheid durchzuführen! Es wäre naiv von uns, zu erwarten, daß wir nicht das eine mit dem andern in innerer Verbindung sehen sollten. In diesem Licht erscheint der Hugenberg-Hitlersche Trompetenstoß als der Versuch, dem nur sehr mäßigen Elan ihrer Getreuen im Kampf um den Volksentscheid einen stärkeren Antrieb zu geben. Mit der ebenso geheimnisvollen wie bombastischen Ankündigung des „Entscheidungskampfes zur Niederringung des heutigen Systems" soll den Scharen der immer wieder Getäuschten und Enttäuschten der Glaube eingeimpft werden, daß endlich ihre große Stunde geschlagen habe, und daß es nur noch einer letzten und äußersten Kraftanstrengung bedürfe, um das verhaßte „System" niederzuwerfen.
Worin dieser Entscheidungskampf bestehen, ob er etwa noch mit anderen Waffen als mit dem Abstimmun zettel an einem schönen August-
Im oberen Teil der Fifth Avenue zu New Park, dort etwa, wo sie sich aus einer eleganten Geschäftsstraße in eine vornehme Wohnstraße zu wandeln beginnt, findet man am Haus Nummer 665 ein Schild: „German Tourist Information Office". Das Deutschland-Büro in den Vereinigten Staaten, geschaffen zur Werbung für das Reiseland Deutschland. —
Der Fahrstuhl setzt den Deutschlandinteressenten in einem Obergeschoß ab. Helle, freundliche Büroräume mit höflichen Beamten öffnen sich ihm Er erhält hier Auskünfte, Reisepläne, Druck- ichriften, mit größter Bereitwilligkeit, bei sicherem Eingehen auf seine Wünsche. Dieser Herr wurde durch einen vom Deutschland-Büro gelieferten Film geworben, den er vor einem Jahr in einer Kirche sah. Jetzt fährt er nach Europa. Deutschland ist sein erstes Ziel. Ein Deutichland-Jnserat in einem verbreiteten Magazin gab den letzten Anstoß. Er entscheidet sich nun für bestimmte Orte und Rundreisen in Deutschland.
Der Betrieb im New Parker Deutschland-Büro ist überraschend lebhaft. Deutschland ist Mode geworden. Im letzten Jahre sind fast 80 Prozent aller Europafahrer (ungerechnet die Rückwanderer der dritten Klasse) nach Deutschland gereift oder haben Deutschland besucht. Dies ist der Erfolg, den das Deutschland-Büro in sechs Jahren erringen konnte.
Im Jahre 1925 wurde das Büro der Reichsbahnzentrale für den Deutschen Reiseverkehr als erstes Auslandsbüro gegründet. Obwohl mit den Verhältnissen in den USA und besonders in New Park gut vertraut — oder gerade deswegen —. hatte der Leiter wenig Hoffnungen. Die ersten Wirkungen der Anzeigen und Plakate waren auch wirklich nicht ermutigend. Briefe kamen: „Was, Ihr Hunnen wagt es, uns in Euer Land zu lok- ken?" Drohbriefe flatterten in das Haus Nr. 665 der Fifth Avenue. Man ließ sich dort aber nicht beirren. In Gasthäusern, Verkehrsbüros usw. tauchten immer häufiger die schmucken, verheißungsvollen, wirksamen Heftchen des Deutschland- Büros auf. Es gelang, bei Tagungen, bei Festen usw. Filme über Deutschland ins Programm ein« schieben zu lassen. Die Zeitungen zeigten sich bei bestimmten Anlässen geneigt, Lichtbilder von Deutschland zu bringen oder beachtenswerte Artikel und Mitteilungen abzudrucken.
Man hörte, sah und las immer häufiger, daß Deutschland ein interessantes Reiseland ist und daß man es gesehen haben müsse.
„Deutschland wünscht Sie zu sehen." (Germany wants to fee you) wurde zu einem Schlagwort.
Jetzt erscheinen jährlich etwa 17 000 bis 18 000 Veröffentlichungen über Deutschland von mehr oder weniger Reklamegehalt in den Zeitungen der Vereinigten Staaten, 822 000 Prospekte werden in zweckvoller Weise im Jahre ausgegeben, 1 200
sonntag durchgeführt werden soll, das bleibt natürlich das Geheimnis der „Generale", aber. ihre „Soldaten" sollen wohl allerhand Großes und Gewaltiges mit gläubiger Hingabe ahnen. Man mag davon halten, was man will; fest steht jedenfalls, daß, wenn die Herrschaften wirklich verwegene Pläne solchen Kalibers wälzen sollten, eine solche Kopflosigkeit ftf) an ihnen selbst bitter rächen müßte. Sie würden auf Granit beißen und zugleich die breite Front derer, die Brünings Weg gehen und entschlossen sind, sich diesen Weg nicht durch innenpolitische Torheiten oder revolutionäre Umtriebe verschütten zu lassen, nur desto fester zusammen- schließen. Aber, wie gesagt, wir lassen uns durch Paukenschläge auf das geduldige Kalbfell weder aufregen noch ins Bockshorn jagen.
— Hlänner und Jrauen auf der (Erbe. Wenn auch die Zahl der Männer und der Frauen auf der Erde annähernd gleich ist, so ist doch in einzelnen Ländern das eine oder das andere Geschlecht in der Ueberzahl: zum Teil ist dies eine Folge der Auswanderung, eines Krieges oder sonstiger Ursachen. Im allgemeinen werden in Europa mehr Knaben geboren als Mädchen; es kommen nämlich 103 bis 109 Knabengeburten auf 100 Mädchengeburten. Im ersten Lebensjahr sterben aber mehr Knaben als Mädchen (110 bis 128 Knaben auf 100 Mädchen), fo daß das weibliche Geschlecht schon sehr früh in der Mehrzahl ist. Nun ist schon mehrfach beobachtet worden, daß nach großen Kriegen die Zahl der Knabengeburten steigt, wie wenn die Natur die an Männern erlittenen Verluste auszugleichen suchte. Das war auch nach dem Weltkrieg in Deutschland der Fall, wo die Zahl der
Vorführungen von Werbefilmen, Kulturfilmen usw. finden jährlich statt, und mindestens jeden zweiten Tag wird in einer großen Stadt ein Vortrag über Deutschland, deutsche Städte, Kultur, Technik usw. gehalten. Täglich kommen Anfragen von Lehrern, Geistlichen, Technikern, die Material über Deutschland wünschen, Angaben, Photos, Bücher. Deutschland hat sich mit Erfolg in das rasch- pulsierende Leben der USA eingeschaltet. Man sieht die Deutschland-Werbung in Schaufenstern von Philadelphia, in Autobussen von Chicago, in den Zügen oder Bahnhöfen der 185 amerikanischen Eisenbahngesellschaften, man hört im Hotel in Detroit einen Rundfunkvortrag über irgend etwas aus Deutschland und sieht in fast allen der 4 000 Reisebüros des Landes die Druckschriften Deutschlands.
Für 1930 erhielt das Deutschland-Büro eine Ehrenurkunde für geschmackvolle Werbung, und zwei seiner wirkungsvollen, feinkünstlerischen Inserate wurden in ein Reklame-Standardwerk ausgenommen, das 100 preisgekrönte Inserate der letzten zwei Jahre enthält. Das Urteil lautete: „Klaffe und Qualität".
Taktvoll werden nicht die Erfolge der Werbung vom Deutschland-Büro in New Pork in den Vordergrund gestellt, sondern allein das, was Deutschland ist und was es bietet. Der Psyche des Amerikaners wird die Werbung angepaßt. Jener Amerikaner, der in feiner Kirche einen Film von den Kapellen in den bayrischen Alpen, von Oberammergau oder dergleichen sah und sich nach einem Jahr noch lebhaft an die starke Wirkung dieser Bilder erinnerte, ist ein sprechendes Beispiel. Er fährt mit Familie nach Deutschland. Der Prediger hat mit seiner eifervollen Rede für die Religion und mit den Bildern der vielen Kirchen und Kapellen im Landschafis- rahmen großartiger Alpenberge in dem Hörer den Wunsch wach werden lassen, jenes Land kennen zu lernen. da§ statt der Wolkenkratzer andachterwek- kende Kirchleiy besitzt. Andere werden durch die Kunsffchätze Deutschlands, von denen sie durch Vorträge, Bilder oder Bücher erfuhren, verlockt, Deutschland beim nächsten Europabesuch „mitzu- nehmen": viele locken technische Anlagen, von denen sie durch Artikel oder Filme Kenntnis erhalten.
Die Summen, welche die Amerikaner in Deutschland ausgeben, smd dem großen, wichtigen Posten „unsichtbarer Ausfuhr" zuzurechnen. Den stark rückläufigen Jnlandsbesuch kann nur der Auslandsbesuch weftmachen. Ihn anzuregen ist Aufgabe der tatkräftig geleiteten Deutschland- Büros im Ausland. Außer dem größten und ältesten in New Port bestehen zurzeit solche in Paris, Rotterdam, Mailand, Wien, Kopenhagen, Göteburg, Zürich, Prag, Budapest. Ueberall ergeht dort der nicht zu überhörende Ruf: „Deutschland wünscht Sie zu sehen!"
Knabengeburten von 106,2 auf 108,5 im Jahre 1919 stieg, um seither wieder langsam zu sinken. Neuerdings hat man diese Erscheinung aus der ungünstigen Ernährungslage zu erklären versucht, da auch China, wo die vegetarische Ernährung die Regel bildet und oft ganze Provinzen Hungersnot leiden, eine hohe Knabenzahl (115 bis 117 auf 100 Mädchen) aufweist.
— wieso die Menschen jetzt älter werden. Die Statistik beweist, daß in unserer Zeit die Menschen länger gesund bleiben und länger leben. Aber werden die Menschen wirklich älter? Im Jahre 1880 kamen in Deutschland auf 1000 Einwohner 25 Todesfälle, im Jahre 1928 nur noch 11,6. Das Durchschnittsalter der Bevölkerung betrug 1880 nur 35,6 bei Männern, 38,5 bei Frauen; jetzt ist es 56 bezw. 58,8 Jahre. Wir werden also älter? Wir können also damit rechnen, daß wir zwanzig Jahre länger leben? Das wäre sehr schön, aber man muß Statistiken zu lesen verstehen. Jene günstigen Zahlen kamen nämlich nur dadurch zustande, daß es den Errungenschaften der ärztlichen Wissenschaft gelungen ist, die Säuglings- und Kindersterblichkeit, die früher erheblich ins Gewicht fiel, ganz bedeutend herabzudrücken. Daneben mag die Besserung der allgemeinen Hygiene und die Bekämpfung mancher Krankheiten an sich dazu beigetragen haben, das Lebensalter der einzelnen Menschen zu verlängern. Aber daß die Statistik so günstige Ergebnisse aufweisen konnte, liegt einmal an der geringeren Sterbllchkeit im Kindesalter und zweitens an der Verminderung der Geburten überhaupt; dadurch kommt es zu einem Ueberwiegen der älteren Generationen, die dann in der Statistik auch zahlenmäßig überwiegen und so das Lebensalter der Gesamtheit höher erscheinen lassen.
peterspay.
Skizze von O. Th. Stein.
Die Marksburg sah hochmütig von drüben in das stille kleine Dorf herunter. Gerade am Rheinknie bei dem Städtchen Braubach standen seine Hütten. Und stromabwärts lebten ihm zwei Schwestern, Oberspay und Niederspay. Stattliche Dörfer, mit mauerumwehrten, sturmfesten Friedhöfen. Peterspay aber schmiegte sich offen in ungeschützter Armut, vertrauensvoll an den Strom und hatte seine Kapelle, dem heiligen Petrus geweiht, wie eine freundliche Hand ihm bis ans Ufer entgegen gestreckt.
Notzeit stand über dem Rheintal wie über der ganzen deutschen Welt. Es waren die Jahre, da des Kaisers Reitergeneral Johann von Werth sich bald da, bald dort im Rheingau mit den Franzosen herum schlug. Er geisterte auch jetzt irgendwo im dürren Hunsrück mit seinen Scharen umher. Jeden Augenblick konnte aufflammende Lohe am Himmel sein Nahen künden. Des Krieges blutige Fratze mochte dann wieder höhnisch über die Berge in die verödeten Flußtäler herunter grinlen, aus denen Blutdunst und Pestaten der grausigen Zeit kaum noch einen Ausweg fanden von einem Schrecknis zum andern.
Und der Werth war dem Rheintal näher, als man dachte. Rach raschem Beutezug über das einsame Gebirge stand sein Korps gerade über Peterspay, wie der schnelle Bussard auf ein wehrlos Mäuslein nieder zu stoßen.
Aber lauerten etwa im Tale Feinde auf ihn? Des Kaisers gefürchteter Marschall reckte sich im Bügel und spähte durch das Nachtdunkel hinab zur Stromzeile. „Ihr kennt Euch da unten aus, Wachtmeister?"
Der schnauzbärtige, riesige Kürassier hinter ihm nickte: „Bin da geboren!"
Der General lachte spöttisch: „Und denkst noch manchmal an Mutters Kunkel und an Vaters Pflug, was? Da schick' ich lieber doch einen andern."
„Din drüben vom Braubacher Fährhaus. Vater und Mrstter hat längst der Tod geholt, und hier unten kenne
ich vollends niemand. Ist all schon lang her und oer- gessen."
„Gut, Ihr schleicht Euch zum Dorf voraus. Die Lichter brennen nicht mehr. Wird keiner wach sein. Dort ist die Kapelle am Rheinuser. Tod jedem, der Sturm läuten will! Verstanden?"
„Ihr kennt mich, General!"
Mit gespanntem Pistol, den Degen im Wehrgehänge gelockert,' schritt der Kürassier bald unten den Leinpfad entlang, dem Dorfe zu. Er sah sich um. Kaum rangen sich durch die dichten, vom Rhein auswal- lenden Nebelschwaden die Lichter vom andern Ufer. Em Feuerschein int Strom? Knistern von brennendem Holz? Stimmen? Beruhigt lächelte er: Salmfischer auf ihrem Prahm! Die dachten wohl kaum, daß Johann von Werth ihnen so nahe war. Der Vater hatte ihn oft genug zum Fischen mitgenommen. Da lagen sie ums Feuer, schwatzten und warteten auf die Fangzeit.
Sprach das nicht von längst vergangenen Jugendtagen? Ach was, er hatte Besseres zu tun! Die Zeiten waren vorüber. Heute stand er im Reiterdienst.
Das Dorf war da Der Mond versilberte die schlafende Gasse und den Nebel, der sich an die Häuserreihe heran schlich. Im Schatten ging der Kürassier vorsichtig dem Ufer zu. Eine Linde breitete schützendes Dunkel über das Kapellendach. In der tiefen dunklen Türnische am Turm zeigte sich ein Sitz.
Seltsam ergriff diese nächtliche Heimatstille die abgehärtete Reiterseele. Der Kürassier ließ sich nieder, legte den gezogenen Pallasch über die Knie. Wartete. Er konnte sich nun doch der Erinnerung nicht erwehren, die sich im kühlen Nachthauch mit unsagbar linden Mutterhänden nach seinem Herzen ausstreckte.
Die Eltern hatte damals, als er noch Knabe war, des Mansfelders Rotte erschlagen, ihn selber fortgeschleppt. Heute war er ein wilder Reiter, an dessen Koller reichlich unschuldig Blut klebte, das Blut wehrloser und friedlicher Menschen.
Kam es vom Nachthauch? War das tiefinnerster Ekel vor sich selber? Die mastige Reitergestalt schauerte plötzlich zusammen. Schlafen! Wie lange haben die blutgeränderten, wild blickenden Augen keinen friedli
chen Schlummer mehr gesehen! Der Werth gönnte seinem Volk wenig Ruhe.
Dem Einsamen war, als höre er eine geisterhaft flehende Priesterstimme aus der Kapelle klingen:
„Vor des Teufels Trug und List,
Vor Pestilenz und teurer Zeit,
Vor Krieg und Blutvergießen,
Vor Aufruhr und Zwietracht, Dor Hagel und Ungewitter, Vor Feuers- und Wassersnot, Vor dem ewigen Tod Behüt uns Herr, Herr, unser Gott!"
Murmelnd betet die Gemeinde mit. Und dann schlägt feierlich die Betglocke an — dreimal — mehrmal unaufhörlich!
Hölle und Teufel! Er fuhr hoch aus Schlaf und Traum: Die Glocke stürmte ja! Und er hatte Wache und Pflicht im närrischen Traum versäumt!
Die Glocke schrie durch das Stromtal um Hilfe, wimmerte, dröhnte, weithin hallend: „Feinde im La nöl Wahrt Euch!"
Grell weckend und schreckend hallte die Glocke von Peterspay. Und drüben begannen anitere zu antworten. Geschrei lärmte auf. Menschen rannten. Waffen klirrten. Wagen rasselten. Ein Schuß krachte durch die Nacht. Und aus den Häusern von Peterspay schlugen hellauf die Flammen. Das Volk Johann von Werths, des Kürassiers eigene Kameraden waren im Dorf. Plünderten, brannten, mordeten, wie es ihr blutiges Geschäft war.
Und er? In wilder (Erregung sagte er die steile Sturmstiege empor. Da stand zttternd der Küster von Peterspay und ließ todergeben beim Anblick des blitzenden Degens die Hände vom Glockenstrang, fiel auf die Knie.
Den Kürassier faßte es mit rätseldunkler Gewalt: „Nicht aufhören, Schulmeister Daß stes hören drüben: Der Feind ist im Land! Der blutige Marschall reitet! Läute! Läute!" Ergriff mit kraftvoller Hand das Glockenseil. Und auch der Küster ermannte sich. Hängte sich mit ein.
Letzte Nachrichten.
Dr. Lukhers Rückkehr.
mtb. Berlin, 11. Juli. (Eig. Meldg.). Wie die Deutsche Lufthansa mitteilt,, ist Reichsbankpräsident Dr. Luther heute vormittags 10.40 Uhr mit dem planmäßigen Flugzeug der Deutschen Lufthansa im Pariser Flughafen Le Bourget abgeflogen. Das breimotorige Großflugzeug, das in Köln eine Zwischenlandung vornimmt, trifft um 17.10 Uhr in Berlin-Tempelhof ein.
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totb. Köln, 11. Juli. (Eig. Meld.) Reichsbankpräsident Dr. Luther ist mit dem fahrplanmäßigen Flugzeug, von Paris kommend, heute mittag 12,15 Uhr, 43 Minuten vor der fahrplanmäßigen Zeit, auf dem Flughafen Köln eingetroffen. Zu feiner Begrüßung hatten sich der Präsident des Landes- sinanzamtes Köln und ein Vertreter der Stadt eingefunden, lieber feine Besprechungen in Paris irgendetwas zu sagen, lehnte Dr. Luther ab. Dr. Luther begrüßte in Köln seine Kinder, die sich zur Zeit bei Bekannten in Essen aufhalten und nach Köln gekommen waren, um hier ihrem Vater Guten Tag zu sagen. Um 13,55 Uhr fliegt Dr. Luther nach Berlin weiter.
* Vor dem amerikanischen Konsulat in fiöln haben Narren ein Fenster zertrümmert und einen Konsulatsbeamten leicht verletzt. Der Polizeipräsident hat dem amerikanischen Konsul sein Bedauern ausgesprochen. Der Täter konnte noch nicht ermittelt werden. Man vermutet poli« tische Beweggründe. — So etwas fehlt natürlich noch!
* Die blutigen Arbeitslofen-Unruhen in ftulriu Aus Warschau wird gemeldet: Zu den Arbeits- losen-Unruhen in Kulm wird berichtet: Vor dem Magistrat in Kulm versammelten sich etwa 1000 Arbeitslose. Polizei erschien und forderte die Menge auf. auseinanderzugehen. Als dies nicht geschah und aus der Menge Steine geworfen wurden, ging die Polizei mit Tränengas und der Schußwaffe vor. Einer der Demonstranten wurde getötet, mehrere wurden verwundet. Die Unruhen dauerten jedoch fort, sodaß die Polizei Hilfstruppen aus Thorn anforderte.
Frankfurter Börse.
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Industrie-Aktien
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A.dt Gebr.
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Anl. Abi. Schuld do. oh. Ausl.
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Cem. Heidelberg
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Contin. Ges. Daimler
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Seid. Pfdbr. u. »irl.
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D, Scheideanstalt
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Dürkoppwerke
Eisenw. Kaisers!.
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70/0 Pr Ldptbr. An st.
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Farbenindustrie
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GM.Kom.-ObLR.20
Filzfabrik Eulda
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Goldschmidt
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Hammerson
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Holzmann Ph.
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Kammg. Kaisers!.
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Wo L. Kr. Kass.
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25,25
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Gold-Pfdbr. 26 R. 1
Lahmeyer & Go.
103,25
7°'o L. Kr. Kass.
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LingeL Schuht.
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Gold-Pfdbr. 27 R »
Mainkraftw.
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Gold-Pfdbr. £XVU)
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Motoren Oberursel N. S.U. (Neckarfz.)
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Bankaktien
Schuhstoff Eulda
Siem. & Halske
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Commerzbank
Danatbank
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Sttdd. Zucker A.-G V. Faßt Cassel
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Deutsche Bank D.EfLu. W.Bk. Diskonto-Ges.
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Wayß & Freytag Zellst Aschaffenb Zellst. Waldnof
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Dresdner Bank
100,0
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Frankfurter Bank
84,5
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Bergwerks-Aktien
Frankf. Hyp.-Bank
12ö,Ü
123,5
Buderus Eisenw
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38,0
Meininger Hyp.-Bk. Reichsbank Westbank Frankl
123,0
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Gelsenk. Bergw.
67,75
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Harpener Bergbau Ilse Bergbau
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54,0
Aktien titsch. Transp.-
Kali Aschersleben
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Mannesmann
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Anstalten
Riebeck
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Gass. Strassenbahn
47,0
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Berliner
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Devisenkurse
Geld
Brief
Geld
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Holland
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London
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Schweiz
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Spanien
40,08
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Italien
22,04
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Dänemark
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112,94
112,72
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Norwegen
112,72
112,94
112,72
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Schweden
112,86
113,08
112,86
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Prag
12,47
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12,47
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Wien
69,19
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59,20
59,82
Beftelll immer
frühzeitig die Zeitung des kommenden Monats.
Aufschrie von neuem der Glockenruf von Peterfpay. Eine eherne Warnung — ein metallener Schrei, baß denen die im Rheintal auf und ab die Ohren gellten und der Verschlafendste aus den Federn sprang.
Schon aber knatterten schwere Reiterstiefel wütend die Treppe empor. Sie achteten nicht darauf, die beiden, die da läuteten.
Eine Pistole krachte. Der Küster schlug vornüber. Ein Degenstich in die Brust des Kürassiers: „Verfluchter Verräter, fahre zur Hölle!"
Mit einem befreiten Seufzer stürzte der riesige Kürassier rücklings gegen die Wand. Sackte dann schwer zusammen. Die Glocke wimmerte noch einmal klagend auf. Schwieg . . .
Wutknirschend hasteten die ertappten Räuber der Höhe zu und verloren sich im Gebirge.
Peterspay brannte nieder und ward nicht wieder auf- gebaut. Nur die Kapelle am Rheinufer wahrt noch heute fein Gedächtnis. Und irgendwo morschen im Boden die Knochen des aus seinem Bluttraum zu seligem Heimattode erweckten Glockenstürmers. Den man damals an der Mauer verscharrte, weil man nicht wußte, ob er geweihter Erde würdig war.
— haben Sie vielleicht ein Streichholz? Der Leiter einer großen amerikanischen Firma hatte die Gewohnheit, wenn sich ein Bewerber um eine Stellung in seinem Betrieb vorstellte, seine Erkundigungen plötzlich zu unterbrechen mit der Frage: „Haben Sie vielleicht Streichhölzer bei sich?" Auf diese Frage sind drei verschieden« Antworten zu erwarten: Man sagt tatsächlich „nein", ohne in die Tasche zu greifen; man sagt „ja" und bringt sofort aus einer bestimmten Tasche das Streichholzschächtelchen zum Vorschein, oder man sagt „ja" und sucht dann in allen Taschen herum, bevor das Döschen Überreicht werden kann. Im letzteren Falle hat der Bewerber keine Aussicht, angenommen zu werden. Das Urteil des Firmenleiters geht dahin, daß jemand, der für Gegenstände, die er bei sich führt, nicht immer die gleiche Tasche benutzt, schwerlich die erforderlichen Eigenschaften besitzt, durch die eine tüchtige Arbeitskraft sich auszeichnet. Ms.