FuldaerZertung
Anzeiger für die Stadl Fulda und denLandkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.
Nr. 154
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Mittwoch, S. Juli 1931.
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Zahrg. 58.
Em Aufruf der Reichsregierung.
Zu der Pariser Einigung. •
Die deutsche Reichs-Regierung erläßt zu dem an anderer Stelle gemeldeten erfolgreichen Ausgang der Pariser Verhandlungen folgende Kundgebung:
Die weitschauende und staatsmännische Initiative des Präsidenten Hoover wurde von Erfolg gekrönt. Die seelische Entlastung und die Hoffnung auf wirckichaflliche Besserung, die dieses Ergebnis mit sich bringt, löst allseits freundschaftliche und freudige Gefühle aus. Der Entschluß zu straffem und durchgreifendem Handeln eröffnet weitgehende Möglichkeiten zu der Wiedergesundung der Welt. Das deutsche Volk ist sich darüber klar, daß die endgültige Durchführung des Hooverplanes ihm als fchwerstbelasteken Land die verhältnismä- ßig stärkste Erleichterung bringen wird. Die Einigung über das Feierjahr konnte nur durch verständnisvolle Mitwirkung aller Beteiligten erreicht werden, von denen einige Staaten eine Vergrößerung eigener Schwierigkeiten unh erhebliche Unbequemlichkeiten in der Gesamllöfung auf sich nehmen mußten. Der hochherzige Verzicht des amerikanischen Volkes hat ein begrüßenswertes Echo ausgelöst, wir erkennen dankbar an, daß in der Stunde schwerster wirtschaftlicher Gefahr Deutschland dieses Verständnis für feine Lage gefunden Hal.
Deutschland ist auch nach Beendigung des Feierjahres keineswegs seiner wirtschaftlichen und finanziellen Röte üiberhoben. Es kann die ihm verbleibenden Mittel nicht benutzen, um die Opfer, die die Regierung der Bevölkerung hat zumute» müssen, bei Milderung gewisser Härten herabzusetzen. Ls darf nicht in seinen äußersten Anstrengungen zu sparen nachlassen. Die gesamten Erleichtermmgen, die der hoover-plan Deutschland bringen wird, werden zur Konsolidierung der öffentlichen Finanzen restlos benötigt und verwendet werden. Die hierdurch einlretende Erleichterung des Geld- und Kredit-Marktes muß dir deutschen Wirtschaft Kr gute kommen.
Eine Erhöhung irgendwelcher Ausgaben des Reiches, auf welchem Gebiete auch immer, sind während des Feierjahres nicht möglich. Darüber hat der Herr Reichskanzler
der amarikanischen Regierung eindeutige Erklärungen abgegeben. Das Hoover-3ahr solle der Wiederherstellung der deutschen Wirtschaft und darüber hinaus der wirtschaftliche» Erholung der Welt dienen. Soll sich die Hoffnung verwirklichen, daß in dar gesetzten Zeit dieses Ziel erreicht wird, so ist eine enge Zusammenarbeit der Völker nötig.
Die nächstein Monate werden Gelegenheit zu einer solchen Zusammenarbeit bieten. Die Heftung der Wunden dieser Krise und die Vorsorge gegen den Wiedereintritt ähnlicher Weltkatastrophen müssen das gemeinsame Ziel sein, von dem sich die Äaatsmäaner und die Völker bei der Lösung der noch größeren Aufgaben des kommcüiden Jahres leiten lassen.
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Die von verschiedenen Plättern gebrachten Meldungen, wonach der R e d i s k o n k r e d i t der Reichsbank bis über Ultimo Juli verlängert und um 50 Millionen Dollar erweitert werden soll, sind verfrüht. Diesbezügliche Verhandlungen sind jedenfalls nicht ausgenommen.
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wtb. Neapel. 7. Juli. (Eig. Meld.) Staatssekretär Stimson ist hier an Bord des Dampfers „Conte Grande" eingetroffen. Zu seinem Empfang hatten sich Vertreter der Behörden eingefunden. Sofort nach seiner Ankunft hatte Stimson mit den zu seinem Empfang erschienenen Persönlichkeiten eine vertrauliche Besprechung.
Preußischer Landtag.
DDZ. Berlin, 7. Juli. (Eig. Meld«.). Landtagspräsident Bartels eröffnete die heutige Land- tagssitzung um 13.25 Uhr. Er gedenkt zu Anfang der Sitzung des verstorbenen Abg. Winterlich (Komm.). Weiter gedenkt der Präsident des 100. Todestages des Frhr. vom Stein und weist darauf hin, daß die preußischen Länder bei der Gedenkfeier in Nassau im Einvernehmen mit den Abgeordneten des Landtages beschlossen haben, als Zeichen äußerer Ehrung für den großen Staatsmann im Festsaal eine große Bronzebüste des Frhr. vom Stein aufstellen zu lassen.
* Die englische VergwerksvorlaM vom Unterhaus angenommen. Das Unterhaus billigte ohne Abstimmung in zweiter Lesung die Vorlage über die Kohlenbergwerke.
Ser Papst drangt zur Entscheidung.
Zur jüngsten Enzyklika über die katholische Aktion in Italien.
Von unserem eigenen
Dem Heiligen Vater ist Sie Aussendung der jüngsten Enzyklika, in dem er sich — was man tu der Wirkung nicht unterschätzen darf — an die kirchlichen Obern der Gesamtkirche wendet,sicher nicht leicht geworden. Demnach war sie notwendig, wenn der Papst in seiner Zurmkhaitung nicht ins Hintertreffen kommen wollte.
Das italienische Konkordat sieht bekanntlich für alle Streitfälle nicht etwa die Ueberweisung an ein neutrales Schiedsgericht, sondern gütliches Uebereinkommen war. Die Streitfälle sollen also nicht nach außen getragen werden. Italien legt das so aus, daß alle Meinungsverschiedenheiten innerhalb Italiens ausgetragen werden sollen. Das wäre nun auch ganz schön, wenn sich nur Italien selber daran gehalten hätte. Aber da ist zunächst ein höchst illoyales Verhalten von faschistischer Seite festzustellen. Während der Vatikan verabredungsgemäß über den Notenwechsel und anderes schwieg, ließ man von italienischer Seite aus Meldungen in die auswärtige Presse fließen, die die Stimmung einseitig zu JtaWens Gunsten färbten. Es wiederholte sich also daL Spiel, das man schon kurz vor dem Abschluß des Lateranfriedens beobachten konnte. Für die Mitarbeiter der katholischen Presse ergab sich die besondere Schwierigkeit, ob sie untätig zusehen sollten, wie ihre Kollegen von der anderen Seite einseitig gefärbte Nachrichten in die Sensationspresse der Welt hinausschickten, oder ob 'sie auch von dem auch ihnen auf diesem Wege gewordenen Wissen Gebrauch machen sollten.
Andererseits ist es von Italien ja ein durchaus unbilliges Verlangen, das auch gar nicht mit der sonstigen Haltung zum Vatikan übereinstimmt, zu fordern, daß der Papst sich nicht mit der ganzen übrigen Kirche ins Benehmen setzen solle.
Wenn sich der Papst mit den Vertretern der Gesamtkirche berät, wenn ihm von katholischen Führern aus allen. Erdteilen Sympathiecidressen zugehen, die der „Osservatore Romano^' veröffentlicht, so wendet sich der Papst damit keineswegs an die übrige Welt, sondern er bleibt durchaus im Rahmen der Kirche, die eine Welbkirche ist. Wenn es Italien wirklich so peinlich ist, daß auf diese Weise die Katholiken der ganzen Weit in Bewegung kommen, so hat es ja die Möglichkeit zur Hand, den Streitfall sich nicht erst in solchen Dimensionen auswachsen zu lassen.
Aber wenn es sich über diese Wirkung beklagt, so muß es auch bedenken, daß die Faschisten es sind, die den Anlaß zu der ganz ungehörigen, weil unkatholischen. Trennung der Eigenschaften des Papstes als Oberhaupt der Kirct)e und römischer Bischof gegeben haben. Das Konkordat -
römischen Mitarbeiter:
ist doch nicht mit dem Papst als dem römischen Bischof abgeschlossen worden. Und gerade die führende faschistische Presse („Tribuna" und andere) behandelt den Heiligen Vater, wenn sie besonders boshaft sein will, als „Oberhaupt eines fremden Staates, nicht weit von Rom."
Der Papst soll eben, je nachdem wie es ihr gerade liegt, als Bischof von Rom handeln und als fremdes Staatsoberhaupt behandelt werden.
Der Wortlaut der Enzyklika ist inzwischen durch die Telegramme und auf anderem Wege bekannt geworden. Da es sich nicht um neue Dinge handelt, kommt es nun entscheidend darauf an, was Italien, was insonderheit der neuerdings so zurückhaltende Mussolini antworten wird. Aber auch hier sei dreierlei sehr stark unterstrichen:
1. Der Papst hat nur faschistischen „Dokumenten" gegenüber die krassesten Streitfälle nüchtern und keineswegs überspitzt und konstruiert — wie es die Gegenseite liebt — herausgestellt.
2. Der Papst will damit der Versöhnung und nicht der Verewigung des Streites dienen, wozu die Enzyklika bei aller Bestimmtheit v'ele Ansatzpunkte bietet.
3. Keineswegs aber will der Papst sich in den Kampf um den Faschismus mischen.
Die Enzyklika ist keine politische, ü. h. parteipolitische, sondern eine kirchliche, religiöse und seelsorgerlrsche Angelegenheit. Der Papst will, wie ausdrücklich aus der Enzyklika hervorgeht, nicht den Faschismus an sich bekämpfen, sondern er will dazu beitragen, aus seinem Programm und mehr noch aus seiner Praxis das zu entfernen, was nicht mit dem katholischen Grundsatz in Uebereinstimmung zu bringen ist.
So ist die Enzyklika eine ernste Gewissensauf- rüttelung für den Faschismus, der doch im Lateranfrieden und in Konkordat Italien als einen katholischen Staat und Rom als eine katholische Stadt bezeichnet hat und dem Charakter nach bewahrt und geschützt haben will. Tie Enzyklika zeigt in eindringlicher Weise, an welchen allerdings brennenden Punkten es dazu noch sehr fehlt.
Was der Papst im einzelnen über die Katholische Aktion und die faschistische Jugenderziehung sagt, ist an sich nicht neu, beachtenswert ist die Schärfe und Bestimmtheit der Form. Hierauf wird in Zusammenhang mit den italienischen Antworten, die hevorstehey folley, einzugehen fein.
Moskau macht kehrt!
Bezahlung wieder nach der Leistung.
Aus Moskau wird gemeldet!
Stalin machte in einer Rede, die er auf einer Konferenz russischer Wirtschaftsführer hielt, eine Reihe von Vorschlägen zur Reform der Verwaltung der idustriellen Unternehmungen der Sowjetregie- rung und zur Anspornung der Arbeiter. Die Rede war bereits am 23. Juni gehalten worden, doch wurde sie erst heute veröftentlicht.
Stalin verlangte eine volle Durchführung der Reformen, damit der Arbeitswille und das Verantwortungsgefühl eines jeden Arbeiters und Fabrikleiters gestärkt werde. Auch follten die jetzigen Ve*waltungsmethoden, die schwerfälig seien, vereinfacht werden. Einige der Vorschläge Stalins sind nicht neu, vielmehr sind sie in seiner Rede nur ausgebaut worden. Stalin verlangte u. a. einen Ansporn der Arbeiter durch höhere Bezahlung der Facharbeit. Ferner sollten die großen schwerfälligen Trusts in kleinere Unternehmungen aufgeteilt werden, um eine bessere Ueberwachung zu ermöglichen und den einzelnen Leitern eine größere Verantwortung zu geben. Weiter wollte der Gedanke der kollektiven Verwaltung von Jndustrieunternehmun- gen zugunsten der Einzelverwaltung aufgegeben werden. Die Arbeiter müßten streng für ihre Maschinen und für ihre Werkzeuge verantwortlich gemacht werden. Wo die Fünftagewoche zur Verantwortungslosigkeit Anlaß gegeben hätte, sei nach Stalins Ansicht eine Aufhebung zugunsten der alten Siebentagewoche gerechtfertigt. Es müßten stärkere Anstrengungen gemacht werden, um eine Intelligenz der Arbeiterklasse heranzubilden. Keine herrschende Klasse könne ihre Herrschaft ausüben, ohne über eine eigene Intelligenz zu verfügen. Gleichzeitig bestand Stalin darauf, daß die Verfolgung des Teils der früheren bürgerlichen Intelligenz aushöre, der sich loyal der Sowjetregierung
zur Verfügung gestellt habe. Schließlich müsse die Schwerindustrie sich rentabel gestalten und Betriebsmittel ansammeln durch Einsparung von Ausgaben und durch verantwortlichere Leiter der Unternehmen._____________________
* Der Reichsrat ist zu einer Vollsitzung auf Donnerstagvormittag einberufen worden. Er wird sich dabej u. a. mit dem Gesetzentwurf über das Abkommen zur Milderung des Loses der Verwundeten und Kranken der Heere im Felde und das Abkommen über die Behandlung der Kriegsgefangenen zu beschäftigen haben. Inzwischen ist dem Rat auch der Entwurf einer Verordnung über die Förderung des freiwilligen Arbeits- d i e n st e s zugegangen.
* keine Verlängerung der Wahlperiode des Preußischen Landtages. Die Meldung eines Berliner Blattes, über angebliche Pläne amtlicher preußischer Kreise, die Wahlperiode des gegenwärtigen Preußischen Landtags über den durch die preußische Verfassung gegebenen Termin hinaus zu verlängern, wird uns von berufener Seite als völlig haltlos bezeichnet.
* 80 Tote bet den Unruhe» in Korea. Rach einer Reutermeldung aus Tokio sind bei _ den anti- chinesischen Ausschreitungen in Korea in den letzten Tagen 80 Chinesen getötet und 170 verletzt worden. Etwa 4000 Chinesen, darunter auch Frauen, haben in den Gebäuden der Post, Polizei, ärztlichen Institut und Lebensmittelfabrik Pingyang Zuflucht gesucht. Die Unruhen dehnen sich über die ganze Provinz aus. — Der chinesische Außenminister teilt mit, daß bei der japanischen Regie- rung wegen der antichinesischen Ausschreitungen in Korea ernsthafte Vorstellungen erhoben worden seien und die Zusicherung verlangt wurde, daß sich diese Ereignisse nicht wiederholen würden.
Heue Mglichleil der Mllerversöhnung.
Der Weltkrieg wäre in solchem Ausmaß nicht möglich gewesen, hätten die sich bekriegenden Völker voneinander mehr gewußt. Das wird heute niemand mehr bezweifeln. Was glaubte (und glaubt vielfach noch heute) der Durchschnitts- Amerikaner, Engländer, Franzose von dem Deutschen — und umgekehrt? Solch schicksalshaft wahnbetörte Ausfassungen wurden den Kindern schon in der Schule eingeimpft. Es ist eine Tatsache: Die französische Fibel hat größeres Unheil angerichtet als nod) so fanatische Reden oder Zeitungen, die sich an die Erwachsenen wendeten. Hätten letztere überhaupt daraus gehört, wenn sie nicht von Jugend auf dafür vorbereitet gewesen wären? Wo also müßte man beginnen, um zu erreichen, was heute nur noch dem Fafcio überflüssig, ja verdammenswert zu sein scheint? Die viel beachteten Vorkommnisse zwischen der Schulpolitik Mussolinis und dem Vatikan zeigen, daß man heute noch von der Wahrheit des uralten Wortes überzeugt sein darf, wer die Jugend habe, der habe die Zukunft.
Es wird von ausschlaggebender Bedeutung fein, von welchen Gesinnungen die Lehrer in allen Ländern beherrscht sind. So wertvoll der^ zwischenstaatliche Austausch von Schülern, die Schul- und Jugendfahrten ins Ausland oder der internationale Schülerbriefwechsel ist — noch mehr wird es ankommen auf die Lehrerpersönlichkeit, ohne die jene Einrichtungen ja überhaupt kein Leben gewinnen können. Was für ein Segen würde davon ausgehen, wenn die Lehrer der Völker sich untereinander näher kennten! Sie werden sich aber als Menschen um so näher kommen, je mehr sie sich als Fachleute im Gedankenaustausch über ihre Berufsarbeit gegenseitig befruchten. Ich meine das nicht nur in dem Sinne, daß man gegenseitig von einander weiß, der eine von den Ideen und der Arbeit des anderen. Das könnte womöglich und gar leicht nur ein untätig Wissen bedeuten. Solche Begegnungen, Gespräche und persönlichen Beziehungen zwischen wertvollen Menschen von nationaler Prägung entfalten ihre befruchtende Kraft erst recht dann, wenn des einen Strebungen und Leistung die Arbeit des anderen anregen und fördern. Wohlverstanden, nicht um die von Landwirtschaft und Klima, Rasse und Kultur hervorgebrachten Völkereigen- orten zu einem saft- und kraftlosen internationalen Einerlei zu vermanschen. Gerade umgekehrt: um durch solche Beeinflussung diese Eigenart zur Vollwirkung ihres Sonüerwertes zu entwickeln.
Das Voneinander-Lernen ist ein Prinzip schon in unserem persönlichen Leben. Weshalb nicht im Leben der Völker? Die Geschichte beweist es doch zu allen Jahrhunderten: Welche Völker haben sich am höchsten und gerade in ihrem Eigenwert entwickelt: Die Tibetaner hinter den Höhen des Himalaja, die alten Chinesen hinter der großen Mauer, die Bergbewohner von Kentucky, kurz solche Völker, die infolge ihres Charakters ober geographischer Verhältnisse nicht ober nur ungenügend mit der übrigen Welt in Berührung tarnen? Oder jene Nationen, die in lebhaftem Kulturaustausch miteinander standen? Weshalb ist der Rheinländer ein anderer als der Mecklenburger, sogar innerhalb unseres eigenen Volkes?
So ist man denn heute in allen Ländern, wo nach dem Weltkrieg und dem Zusammenbruch der alten Kultur mit Hingebung um die besten Erziehungsmethoden gearbeitet wird, wo geradezu ein Wettbewerb um den Ausbau des Bildungswesens herrscht, hellhörig an den pädagogischen Errungenschaften des Auslandes interessiert. Der Weltkrieg war eben nicht nur das erste Schicksal, das die ganze Menschheit gemeinsam erlebte, Die
Folge davon war, daß sich der planetarische oder weltperspektivische Gesichtspunkt auch in der Pädagogik durchsetzte. Namen solcher Pädagogen wie Kierkegard oder Tolstoi, Ellen Key oder Maria Montessori sind im Nachkriegsdeutschland allen geläufig geworden. Die Anhänger der Koedukation berufen sich auf Schweden, die einer besseren Erziehung der Strafgefangenen auf Ame- rifa, die der Volkshochschulbewegung auf Dänemark oder englische Ärbeiterbildung. . Und was haben wir nicht schon von ihnen allen bei uns ausgenommen! Nicht also nur, daß wir uns dadurch zu jenen Völkern, die uns befruchten, näher hinfinden, ist unter dem Gesichtspunkt der Mensch- heitsentwicklunq das Einzige und Entschuldende — sondern, daß sich durch dergleichen Austausch jedes Glied des Menschheitsorganismus kräftiger zu sich selbst entwickelt.
Wenn wir alle diese Gedanken und Tatsachen überlegen, so dürften alle Bemühungen um internationalen Austausch in der Erziehungsarbeit — an Jugend wie Erwachsenen — nicht nur Beachtung bei den Fachleuten finden. Wie allgemein die politische und soziale Entwicklung der Staatsvölker eine pädagogische Bewegung in früher unbekanntem Ausmaß hervorgerufen hat, so mus- fen sich heute neben den Lehrern auch Familien und Geistliche, die Aerzte und verschiedenen ©nippen der Fürsorge um die Fragen internationaler Erziehung kümmern, schon deshalb, damit dies allgemeine Interesse der Oeffentlichkeit wieder auf den Lehrer zurückwirke und er sich um so eifriger um diese einzigartige Möglichkeit der Vol- kerversöhnung und der Menschheitsentwicklung bemühe, auf daß der Artikel 148 unserer Reichsverfassung nicht umsonst geschrieben sei: „3n allen Schulen ist sittliche Bildung, ftaatsburger- liche Gesinnung, persönliche und berufliche Tüchtigkeit^ im Geiste des deutschen Volkstums, und der Völkerversöhnung zu erstreben.
Wir haben schon eine Reihe von Möglichkeiten, dies Ideal zu verwirklichen: Professor Ker- fchensteiner, einer der deutschen pädagogischen Führer, hält feit Jahren an der Universität Mün- chen kritisch vergleichende Vorlesungen über das Bildungswesen von England, Frankreich und den Vereinigten Staaten. Das Deutsche Institut für wissenschaftliche Pädagogik (Münster), die Deutsch« Pädagogische Auslandsstelle (Berlin) und das Zentralinstitut für Erziehung und Unterricht (Bär- [in) veröffentlichen Berichte über ausländisches Schulwesen, veranstalten Studienfahrten deutscher Lehrer und Vorträge hervorragender Pädagogen des Auslandes. Eine Zusammenfassung aller dieser Bemühungen bekamen mir jüngst in der „I n • ternationalen Zeitschrift für Erziehungswissenschaft" (bei Bachem, Köln; Herausgeber: Pros. Dr. Fr. Schneider, Köln). Sie will in Aufsätzen aus englischer, fron- Mischer und deutscher Feder über die Entwicklung der pädagogischen Theorie und Praxis in den verschiedenen Ländern auf dem Laufenden halten, erziehliche und unterrichtliche Anregungen von einer Nation zur anderen weitergeben, in die gegenseitige kulturelle Auseinandersetzung der verschiedenen Nationen aktiv eingreifen, über internationale Zusammenschlüsse und Kongresse berichten, sie ideelich vorbereiten und ihre Ergebnisse auswerten. Das soeben erschienene erste Heft enthält schon Beiträge führender Pädagogen aus Amerika, Frankreich England und Deutschland. Ob das Ausland angesichts eines solch idealen, trotz aller Not opferbereiten Unternehmens noch der Meinung bleiben kann, das deutsche Volk verdiene, ein Helotendafein zu führen?
Dr, K. Bergmann, j