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Europa allgemein geworden. Am französischen Hofe mußte einer Verfügung gemäß stets ein größerer Vor­rat vorhanden sein. In Frankreich entwickelte sich später der Handel mit Schnee so stark, daß der Fiskus ihn zum Monopol machte und für teures Geld verpachtete.

Wie es unsere Vorfahren um diese Zeit fertig brach­ten, im Sommer das Bier mit der erfrischenden Kühle ouszuschenken, die wir heute neben seiner Bekömmlichkeit und seinem Wohlgeschmack so schätzen, wissen wir leider nicht. Daß sie es aber verstanden, beweist schon der Spruch aus der Mitte des sechzehnten Jahrhunderts: „Die Stube kalt, das Bier warm, das ist ein Wirt, daß Gott erbarm!"

Eine im Süden gebräuchliche Methode, den Getränken eine erfrischende Temperatur zu verleihen, war das Ab­kühlungsoerfahren. Seinen Ursprung scheint es in Aegypten genommen zu haben, roo der Schnee immer fehlte. Die Getränke wurden während der Nacht in porö­sen Tonkrügen dem Luftzug ausgesetzt und tagsüber in den Keller gestellt. Die Flüssigkeit durchfeuchtete rasch die porösen Wände des Gefäßes, und infolge der Verdun­stung kühlte der Inhalt um fünf bis zehn Grad unter­halb der Temperatur der Umgebung ab. Dieses Verfah­ren wurde im Laufe der Jahrhunderte weiter ausgebaut und hat sich dem Grundsatz nach in manchen ländlichen Gegenden Südeuropas erhalten.

Ein bedeutender Fortschritt auf dem Gebiete der Kühlungsbestrebungen war es, als man die Eigenschaften des Salpeters näher kennen lernte. Zuerst scheint dieses Salz im sechzehnten Jahrhundert in Italien zur Küh­lung des Wassers verwendet worden zu sein, in das man die Gefäße mit den Getränken stellte. Dann erfahren wir, daß in der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts zum ersten Mal mit Hilfe von Salpeter Eis erzeugt wurde. Damit war der erste Schritt zur Entwicklung unserer modernen Kühlindustrie getan.

Dom unbekannten Berlin.

An einem Berliner Abend besuchte ich eine jener ver­steckten russischen Gaststätten, die in kleinen Seitenstraßen des Wittenbergplatzes liegen. Ich war in Begleitung einer Dame, welche einem der ältesten baltischen Adels­geschlechter angehörte. Es tat sich plötzlich jenseits des Berliner Verkehrs eine Welt vor mir auf, die nicht an der Oberfläche der Sinne haften blieb, sondern mehr ins Innere greifen wollte.

Als wir durch die Türe der Gaststätte traten, kam hinter dem Büfett ein älteres Fräulein hervor, das meine Begleiterin überaus herzlich in russischer Sprache be­grüßte. Ich verstand nicht, was sie einander sagten. Aber gleich stellte mich meine Begleiterin mit französischen Worten vor. Da wurde die Haltung der anderen distan­zierter und bekam sogar einen Stich ins herablassend Leutselige, was ich nicht begriff und mich verletzen wollte. Ich glaubte doch einem geachteten bürgerlichen Beruf an­zugehören, der — nach bürgerlicher Auffassung — dem der Dame zum mindesten übergeordnet war. Aber so etwas war. hier nebensächlich. Die Dame war die Toch­ter des ehemaligen Gouverneurs von Kiew!

Dieses erste Erlebnis sollte während des ganzen Abends, den ich unter russischen Emigranten verbrachte, vorherrschend bleiben, ja im weiteren Verlauf des Abends noch verstärkt werden.

Als wir den eigentlichen Gastraum betraten, erhob man sich allgemein hinter armseligen Holztischen und nahm vor meiner Begleiterin eine aufrechte und überaus würdige Haltung ein. Während ich nach einem flüchtigen Gruß zu allen hin im Hintergrund blieb, trat meine Be­gleiterin zu einigen Herren und bot ihnen zum Gruß die Hand, die man nach slawischer Art mit jener Inten­sität küßte, die uns Deutschen fremd ist. Alle waren durchweg in ärmlicher Kleidung, hatten aber dabei das Benehmen und Auftreten etwa von ehemaligen preußi­schen Gardeoffizieren. Alle waren russische Aristokraten, unter die ich, der einzige sogenannte Bürgerliche, getreten war. So trug man mir gegenüber auch ejn Verhalten zur Schau, das haarscharf an völliger Nichtachtung vor­beiging; und vor dem letzteren bewahrte mich nur die Gegenwart meiner Begleiterin.

Aber bald sollte ich mit all dem ausgesöhnt werden. Denn ihre Schicksale, die ich bald einzeln vernahm, stan­den hoch über den Aeußerungen menschlicher Zu- oder Abneigung. Ein alter, äußerst vornehm aussehender Herr — es war ein Fürst Wr. —, der mir irgendwie bekannt schien, verdiente sich seinen bescheidenen Unter­halt als Film-Komparse. Ich kannte ihn von der Lein­wand her. Sein einziger ihm gebliebener Reichtum bil­deten ein Frack und ein Pelzmantel. Aber nun hatte ihm der Tonfilm auch diese Verdienstmöglichkeit ge­nommen. Schon seit vierzehn Tagen hatte er nichts Warmes mehr gegessen. Und an diesem Abend war ein baltischer Baron sein Gastgeber, der auch der Gast­geber für alle andern war. Denn dieser hatte — welch seltenes Glück! — von deutschen Verwandten einige tau­send Mark geerbt. Das bedeutete aber auch einen Glücks­tag für alle die Enterbten. Denn wenn irgendwo, so bil­dete man hier unter sich eine Familie.

Es waren alles erschütternde Einzelschicksale, die ich von meiner Begleiterin vernahm. Und dennoch war ihnen etwas geblieben, das sie bei ihrem Elend aufrecht erhielt, das ihr einziger tatsächlicher oder nur eingebil­deter Besitz war — wie man es nehmen mag —; ihre Herkunft, ihr Adel! Mit diesem noch verbunden war etwas Geheinmisvolles, das auch an diesem Abend in Er­scheinung trat und das zu ihrem Elend noch stärker kon­trastierte. Ein alter Kosakenoberst sang zu einer Laute russische Volksweisen, und in einem Lied, dessen jedes­maligen Kehrreim alle stehend mitsangen, rauschte es ge­waltig auf wie in alten Bardengesängen. In ihm er­strahlte noch einmal ein alter und hehrer Gedanke der Menschheit: Sie sangen von ihrem Kaiser, dem Zar! Und obwohl ich nicht ihre Sprache verstand, so erfaßte mich umsomehr, als ich plötzlich das bleiche und schreckens­volle Bild dessen vor mir sah, der zuletzt dieses Gewaltige, von dem sie sangen, personifizierte, und der dennoch un­ter den Mörderkugeln zusammenbrechen und sein Leben in einem Keller verhauchen mußte.

Odo Pasch.

„Majestät.—Soldaten!" / Heinz Steguweik.

Pankeberg, ein märkisches Städtchen, lugte mit zwei Kirchturmspitzen über die vom Winde leicht bewegten Waldwipfel hinweg, sonst aber war nichts im Umkreis zu sehen, was nicht zum eigenen Wachstum der Natur gehört hätte. Die Kiefern, die Heidekrautstauden, die Grasnarben und glitzernden weißen Sandhügelchen waren Merkmale dieser Landschaft^ im Frühling kam nur Hoch die dottergelbe Pracht des blühenden Besenginsters hinzu. Und da, wo vielleicht ein längst versunkener See den Boden einige hundert Meter in die Länge und in die Breite flach und eben gelassen hatte, war eine Kom­panie Soldaten zu einer Uebung angetreten, Infanteristen mit Stahlhelm und Gasmasken. Der Hauptmann, der sie befehligte, studierte noch einmal den Uebungsplan, die Heranbildung einer kleinen Mustertruppe war seine Aufgabe; dann ließ er die Leute antreten, ließ Gewehr­griffe, Zugkolonnen, Schwärmen und Sammeln üben, und jeder dieser Soldaten wußte, daß solcher Fleiß den Körper forme und das Blut erfrische, kaum mehr und kaum weniger. Die Grundfesten der Welt hatten keine Ursache, unterm Schritt dieser Stiefel ängstlich zu er­zittern, zumal heute nicht, zwölf Jahre nach dem großen Krieg, wo hierzulande solches Bemühen doch nur ein ze- phirisches Säuseln gegen die überfüllten Arsenale frem­der Nationen ist.

In der Nähe des Uebungsfeldes waren Bauern damit beschäftigt, ihren Acker für die nächste Aussaat umzu­pflügen; man hörte zuweilen auch das Stampfen und Schnauben ihrer Gespanne, die das scharfe Eisen der Pflüge zu ziehen hatten. Und wenn ein leiser Windflug von diesem Acker her zu den Soldaten herüberwehte, meinte man den herben Duft jener Schollen zu riechen, die mit der feuchten Seite soeben nach oben geworfen wurden.

Von den fleißigen Bauern hatte sich eine volle Stunde lang keiner um die übenden Soldaten gekümmert, jetzt aber sah der Hauptmann, wie eine große Gestalt im Jägerrock auf ihn zukam, vielleicht der Hofmeister des nahen Gutes, vielleicht der verantwortliche Aufseher der

Ackerleute. Und dieser Bauer stellte sich mit artigem Gruß als Oberwärter der Pankeberger Nervenheilanstalt vor, fragte dann beiläufig, ob der Herr Hauptmann auch einen Erlaubnisschein zum Betreten des Geländes habe, denn er fei als Oberwärter dafür verantwortlich, daß sich nichts Außergewöhnliches auf diesen Feldern und Heidestücken ereigne.

Der Hauptmann ließ seine Leute für einige Minuten ausruhen und sagte dann zu dem seltsamen Besucher, er habe allerdings aus freien Stücken dieses einsame Ge­lände für seine Uebungen gewählt, doch sei er bereit, das Sandseld unverzüglich zu räumen, falls dies vom recht­mäßigen Eigentümer gefordert werden sollte.

Der Wärter dankte für diese Erklärung, sagte, für heute könne die Kompanie schon bleiben, doch sei es ihm dienlich, wenn für spätere Fälle eine besondere Erlaubnis eingeholt würde.

Dann schien der harmlose Zwischenfall schon beigelegt, aber die Neugier des Hauptmanns zwang den Wärter noch zum Verweilen, begehrte doch der Kompaniesührer zu wissen, ob denn eine Nervenheilanstalt wirklich im Besitz solcher ausgedehnter Landschaften sei. Der Wärter lächelte ein wenig bitter und offenbarte sich dem Fragen­den folgendermaßen:

„Herr Hauptmann, diese Natur gehört den Aermsten der Armen, sie gehört den Irren und Geisteskranken. Die Anstalt in Pankeberg beherbergt freilich nur fried­fertige Kranke, wir kennen keine Gummizellen, unsere Schützlinge sind arbeitssam und harmlos!"

Der Hauptmann schwieg, seine Soldaten ober kicherten als junge Schelme vergnügt hinter seinem Rücken. Also fragte der Offizier den Beamten:

„Und die Bauern bei den Pferden und Pflügen . .?"

„Sind keine Bauern, sind Kranke, Herr Hauptmann, sind ungefährliche Tröpfe. Der größte, den Sie dort am Krückstock stets allein durch die Furchen hinken sehen, war vor zwanzig Jahren noch Volksschullehrer in Pots­dam, seit 1910 aber bildet er sich ein, Friedrich der Große und König von Preußen zu heißen; er duldet

Fünf Minuten Denksport.

Magische Figur.

Die Wörter, wagerecht und senkrecht gleichlautend, be­deuten: Sohn Davids, spanische Anrede, Schiffsgerät, Ballaüenkomponist, italienische Stadt.

Sttben-Räksel.

Aus den Silben: a, an, chi, cho, de, del, der, dres, droh, e, e, e, fen fi, ge, gel, hoch, in, in, le, li, Ion, man, ne, ne, ni, o, pe, sa, sche, se, se, sei, sen, fi, so, ta, ten, tiv, tres, turn, gier, sind 17 Wörter zu bilden, deren erste und dritte Buchstaben, beide von oben nach unten gelesen, einen Spruch ergeben.

Die Wörter bedeuten: 1 Drahtnachricht, 2 Verbalform, 3 Heiltrank, 4 Teil der Scheune, 5 Märchendichter, 6 Griechischer Gesetzgeber, 7 Staat in Südamerika, 8 Schmelzofen, 9 Widerhall, 10 Festland im Meer, 11 Pla­

net, 12 Borte, 13 Biene, 14 Anschrift, 15 Stenographisches Abkürzungszeichen, 16 Stockwerk, 17 Stückmaß.

Vuchfkaben-RSIfel.

In Venedig ist's zu schauen.

Herrlich, ohne gleichen, Vielfach haben's unsre Frauen. Fehlt darin ein Zeichen.

Auflösungen ans dec letzten Sonntagsnummec.

. Lösung des Silbenräksels.

. Dehmel, 2 Ikarus 3 Eintracht, 4 Be., der ole, 5 Ibis, 6 Effekt, 7 Niagara, 8 Erlangen, 9 Nullpunkt, 10 Sper­ling, 11 Ehinin, 12 Wespe, 13 Arion, 14 Einwand, 15 Redaktion, 16 Modell, 17 Exil, 18 Spektrum, 19 Orbe, 20 Viebig, 21 Ossa, 22 Rathaus, 23 Juetland, 24 Orna­ment.

Die Bauernregel lautet: Die Bienenschwärme, so vor Johanni fallen, sind die besten.

Lösung des Kreuzworträtsels.

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keine andere Anrede als Majestät, wir willfahren ihm, und wie glücklich kann er dann werden!"

Der Hauptmann schüttelte den Kopf wie vor einemGe- heimnis, und als feine Kompanie abermals in ein fröh­liches Gelächter ausbrach, befahl er den Leuten, ruhiger zu fein. Dann fragte er den Wärter, ob es angehe, den armen Teufel kennenzulernen, ihn gar herzurufen, denn eine Begegnung solcher Art sei keine alltägliche. Der Beamte bejahte das unter der Bedingung, daß man den Kranken weder beleidige, noch verspotte, denn er dürfe nicht dulden, daß man seinen Schützlingen das menschliche Mitleid versage. Der Hauptmann blickte sich nach seinen Soldaten um, als er aber kein einziges Ge­sicht mehr in übermütiger Stimmung sah, sparte er sich jede Ermahnung und versprach dem Wärter die Er­füllung seiner Wünsche. Darauf legte der Beamte seine Hände um den Mund, schrie: „Majestät" über das Feld, und gleich reckte sich drüben der Angerufene auf; da der Wärter ihm winkte, er solle näherkommen, tat der Kranke ein paar hinkende Schritte, zuerst zögernd, dann eiliger, bis er plötzlich wieder stehen blieb, scheinbar scheu und erschrocken. Unbeweglich wie ein Denkmal verharrte der Kranke in seiner Pose, die rechte Hand auf dem Krück­stock, die linke auf dem Rücken. Er hatte wohl nicht die Absicht, sich noch näher in die Gesellschaft fremder Men­schen zu begeben, aber der Wärter rief ihn mit salu­tierender Geste noch einmal an:

„Majestät, — Soldaten!" —

Da zuckte der hagere Körper des Menschen zusammen, und er beeilte sich jetzt, die Geduld der Wartenden nicht jünger zu mißbrauchen. Endlich stand er bei dem Be­amten, gebückt und voll geheimnisvoller Würde, ein menschliches Mirakel. Sein Alter konnte man auf 54 Jahre schätzen, seine dürre Figur und sein graues Gesicht waren den Kupferstichen und bunten Miniaturen Nicht unähnlich, die uns von der Gestalt des großen Preußen­königs erhalten blieben.

Nicht ein Klappern oder Räuspern störte die Stille auf dem Sandfeld, nur der zahnlose Mund des Kranken bewegte sich, als wollte er etwas rügen, während die Augen der wunderlichen Majestät plötzlich von mißtrau­ischer Dunkelheit überschattet wurden. Immer wieder irrten ihre Blicke an der Reihe der Infanteristen entlang, die, ohne Befehl dazu erhalten zu haben, sich zu einer schnurgraden Kompaniefront ordneten.

Da der Wärter sich genötigt sah, seinem Schützling irgendeine Silbe der Erklärung zu geben, und da er andererseits wieder ein fremdes, nie geahntes Unbehagen in diesem Augenblick spürte, sand er keine anderen Worte als dieselben, die er eben schon über das Heide­feld gerufen hatte:

„Majestät, — Soldaten!"

Da hinkte der Greis dem Hauptmann entgegen, stellte ich in Atemnähe vor feine Brust, musterte ihn von der Mütze bis zu den Gamaschen, knurrte noch einmal mit dem zahnlosen Mund und sprach dann, da ihm die be­queme Haltung des Offiziers offenbar mißfiel, mit wohl- gefügten, doch bitter klingenden Worten:

„Hauptmann, wenn sich die Zeiten auch änderten, wenn auch ein neues Reglement an die Stelle des alten gesetzt wurde: Er darf immer noch feinem alten König die schuldige Reverenz erweisen. Er hat kein moralisches

Recht, einem Menschen jede äußere Achtung zu versagen, dem dieser Staat ein gut Teil feiner Fundamente ver­dankt. — Ich war Soldat wie Er, ich habe gedient und befohlen wie Er, — ich denke nicht daran, das Alte nur gut und das Neue nur schlecht zu heißen, aber schäme Er sich nicht, für einen Augenblick alles zu vergessen, was das Alte vom Neuen trennt, man wird Ihn einer respekt­vollen Geste wegen nicht gleich kassieren. Oder gibt es keine Gerechtigkeit mehr . . —

Der Hauptmann antwortete nicht, er nahm nur eine ernste, ja ehrfürchtige Haltung an, unter seinen Soldaten aber war nicht einer, der durch ein Zucken oder Räuspern die geheimnisvolle Stille des Augenblickes gefährden wollte.

Die wunderliche Majestät dankte und reichte dem Offizier die Hand, und der Hauptmann schlug ein, keiner aber bemerkte, daß er die Zähne fest aufeinanderbiß. Dann hinkte der Greis an der Front der jungen Leute entlang, betastete bei einem der Infanteristen das selt­same Gebilde einer Gasmaske und schüttelte den Kopf, als sei er mit dieser Errungenschaft keineswegs einver­standen.

Der Wärter, der seinem Schützling efolgt war, nahm ihn jetzt tröstend in den Arm:

„Majestät, wir wollen wieder zu den Pflügen gehen, auf den Acker!"

Das lederne Gesicht des Greises nickte, er ließ sich führen, seufzend und müde, aber seine Haltung war noch gebückter geworden, seine Füße schleppten weit lahmer jetzt, als sie ihn hergetragen hatten.

Die Kompanie ordnete sich zum Abmarsch, der schweig­same Hauptmann an der Spitze. Und sie marschierten über die Landstraße, den Quartieren von Pankeberg ent­gegen; der Wind wehte kühl, bas Gras roch würzig, zuweilen flatterte eine Dohle plärrend aus der Heide auf.

„Singen!" rief der Hauptmann in die stillen Kolon­nen. — Es hat aber keiner singen können von der Kom­panie junger Soldaten.

Aphorismen.

Von Fred L. Dunbar v. Kalckreuth.

Obgleich die Dummheit nicht schön ist, darf man dar­aus nicht etwa schließen, daß schöne Menschen auch im­mer kluge sind.

*

Allzu dicke Freundschaften pflegen, wie schwüle Som- mertage, in Gewitter umzuschlagen.

*

Im Selbstverständlichen liegt das Geheimnisvolle.

*

Gewohnheit verleidet jeden Genuß, aber mildert jedes jedes Leid.

— Die Apfelbäume haben 285 Insektenarten zu Fein­den, die Pflaumen 237, der Kohl 49, der Weinstock 33, die Eiche am meisten, nämlich 587, die Nadelhölzer 299 usw.

und faßte mit Daumen und Zeigefinger an die schmer­zende Stelle der gepreßten Nase.

Che Maria antworten konnte, wandte sich der Sol­dat wieder ihnen zu. Er schlug Polkin vertraulich auf die Schultern und lachte bärenhaft. „Na, Spinne, was spinnst du an der kleinen Fliege herum? Die hat doch kein Blut, nur wässerige Gelehrsamkeit! Da ist mir guter Wodka lieber — was?" Mit behaarter Tatze klopfte das Mitglied des Soldatenrates der vor ihm stehenden Bittstellerin, einem drallen Bauernmädchen, über den Tisch hinweg auf den Arm.

Das Mädel lachte gutmütig überlegen zu Maria hin­über: „Das sind wir vorn Volke!"

Maria raffte sich auf. Sie stieß wieder die Nase in die Luft und nahm den Ton an, den sie früher den Or­donnanzen ihres Vaters gegenüber gewohnt war: „Also bitte, bekomme ich den Fahrschein?"

Polkin setzte den Kneifer auf. Wieder traf Maria ein zwinkernder Blick der wimperlosen Augen. Er sagte geschäftsmäßig: „Ihre Legitimation bleibt vorerst bei mir. Ich fahre selbst nach Rezna, Sie können mit mir fahren. Stellen Sie sich am Wagen drei an!" Dann wandte er sich zum Soldaten. „Passiert!"

Maria nickte möglichst hochmütig dem Tische zu, wo­bei sie bemüht war, dem Blicke Polkins nicht mehr zu begegnen. Sie wandte sich zum Gehen.

Der Soldat rief ihr nach: „Aus der Katze ist eine Fliege geworden — sieh zu, daß du noch schnurren kannst, sonst frißt dich die Spinne unbesehen!"

Der Wachtposten stieß mit dem Bajonett an Marias kleinen Koffer und machte eine Verbeugung dazu: „Darf ich Ihnen vielseicht tragen helfen, gnädiges Fräulein?"

Unbändiges Gelächter antwortete ihm aus der um­stehenden Menge.

Maria sah sich ein wenig hilflos nach dem Tisch der Kommissare um. Polkin lächelte breit und verächtlich. In plötzlicher Aufwallung fetzte Maria den Koffer nieder, stemmte die Fäuste in die Hüften und schrie mit ihrer hohen Knabenstimme: „Ihr Hundesöhne! Ihr gemeines Pack! Ihr wollt ein Volk sein, das sich selbst regiert — ihr könnt ein Mädel belästigen und herumlungern, das könnt ihr." Sie schöpfte erregt Atem. Die kleine Kappe hatte sich ein wenig verschoben und eine gelockte Strähne

dunkelbraunen Haares fiel ihr in die Stirne. Unachtsam warf sie den Kopf zurück und schimpfte weiter: „Ich verlange mein Recht. Auch ein Mädchen hat ein Recht!"

Gewohnheitsmäßig drängte die Menge heran, sobald sie den lauten Ton der Rede hörte.

Am Tisch der Kommissare rückte der Soldat seine schmierige Kappe aus der Stirn, hieb mit der Faust auf den Tisch und sagte anerkennend: „Recht hat sie. Ist doch ’ne Katze. Kratzen kann sie sogar. Recht hat die Katze!"

Sofort nahm die durch andauernde Volksversamm­lungen geschulte Menge Anteil und antwortete im Chor: „Richtig, richtig! Jeder hat ein Recht auf Recht!" Von hinten schrie ein Agitator, der nicht wußte, worum es ging, fein gewohnheitsmäßiges, schrilles: „Nieder!"

Polkin erhob sich, fein Gesicht zuckte nervös. Die Hand durchfuhr mit kurzem Hiebe die Luft. Der Soldat neben ihm pfiff leise durch die Zähne und duckte sich. Man schien in Parteikreisen die Spinne zu fürchten. Instinktiv fühlte die Menge den Führer und wandte sich ihm zu. Wie Peitschenhiebe fielen die Worte von den schmalen Lippen Polkins: „Kameraden, wir haben Besseres zu tun als auf das Gewäsch kleiner Mädchen zu hören. Betragt euch würdig der großen Idee, deren Vertreter ihr seid. Jeder ist Träger, jeder hat Recht! Geht auseinander und gebt Ruhe! Hier wird für euch gearbeitet."

Dann wandte er sich an Maria: „Folgen Sie jetzt meinen Weisungen und hallen Sie keine Volksreden. Nie­mand wird Sie belästigen."

Maria fühlte das Zwingende dieses Befehles^ nahm ihren Koffer auf und schritt dein Bahnsteige zu. schwei­gend machte man ihr Platz. Polkin setzte sich und kon­trollierte weiter Papiere, lieber feinem Mongolengesicht lag ein befriedigtes Lächeln.

Draußen, aus dem Bahnsteig, mengten Tausende von groben Stiefeln lehmigen Schmutz mit faulendem Stroh. Betrunkene Soldaten gröhlten ein Lied. Aus einer Gruppe zusammengekauerter Frauen drang weinerliches Geschrei kleiner Kinder. Eintönig trieb der Wind den Regen gegen abgeschabte Waggons. An einem von ihnen leuchtete mit Kreide die Aufschrift : „Nummer drei, Renza." Eine stumpfe Gruppe nässsdunsender Menschen

drängte sich vor der verschlossenen Türe. Maria trat zu ihnen und reihte sich ein.

II.

Nach Stunden des Wartens erschien ein mürrischer Beamter und öffnete die Wagentüre. Im Gedränge der Hastenden wurde Maria in eines der schmutzigen Abteile gestoßen. Struppiges Roßhaar starrte aus zer­fetztem Plüschüberzuge. Alle Riemen und Lederstücke waren abgeschnitten, die Vorhänge von den zerbrochenen Fenstern gerissen. Ekelerfüllt kauerte Maria in einer Fensterecke. Der in den russischen Wagen übliche obere Liegeplatz füllte sich mit schreienden und kreischenden Männern, nachdem unten zwölf Personen die vorhande­nen acht Plätze besetzt hatten und außerdem zwischen den Bänken ein Kartoffelsack, ein zerfaserter Korb, der mit groben Stricken umwunden war, und ein schreiendes Kind in einem Haufen Lumpen Platz gefunden hatten. Nach einigen Minuten schon duftete das Abteil faulige Nässe, drückenden Schweißgeruch, Knoblauch und schlechten Ta­bakrauch.

Maria preßte das Gesicht an die zerbrochene Scheibe und zwang sich, daran zu denken, daß alle diese Menschen ebenso berechtigt waren, einen Platz zu haben wie sie selbst. Fast bis vor ihr Gesicht baumelten vom oberen Platze kotbeschmierte Soldatenstiefel. In regelmäßigen Abständen spuckten die Obensitzenden Tabaksast und Son­nenblumenkerne auf den Boden hinab. Wenn bas Kind zufällig getroffen wurde, heulte es auf und die Mutter erging sich in unflätigen Beschimpfungen.

Von oben klang junges, männliches Lachen. In wohlgezieltem Wurfe flog eine aus Zeitungspapier ge­drehte Zigarette der Keifenden zu: „Damit du's Mauk hältst!"

Die Frau nahm die Zigarette, entzündete ein Streich­holz am Absatz des Wadenstiefels und murmette be­ruhigt: „Wenigstens etwas hat man von euch Männern." Gierig sog sie den beißenden Rauch ein. Da bemerkte sie den erstaunt geweiteten Blick Marias, blinzelte gut­mütig zu ihr hinüber und streckte ihr'die angebrannte Zigarette hin: „Willst auch mal einen Zug, Kleine? Da fühlt man den Gestank nicht so,"

Maria schüttelte verneinend den Kopf, mußte aber lächeln. — Diese Frau, die sie anfangs durch ihre Un­flätigkeiten so erschreckt hatte, war doch eigentlich ein gut­mütiges Tier! Sie fühlte eine unerklärliche Freude dar­über und beugte sich unter den Stiefeln des Soldaten vor, um der Frau etwas Liebes zu sagen.

Aber vor dem beschlagenen Fenster begann hastiges Laufen und Schreien, Pfiffe ertönten und der Zug setzte sich dampfend und schwankend in Bewegung. Ein Hau­sierer auf der anderen Bank kam mit einem Soldaten in Streit, weil dieser die lehmbekrusteten Stiefel auf die Packen des Hausierers gestellt hatte. Der Hausierer rief Gott und die neue Freiheit zum Zeugen an, worauf von der oberen Bank ein Schnellfeuer ausgespuckter Sonnen­blumenkerne auf das zottige Haupt des Hausierers nieder- ging.

Neben Maria saß ein bleicher Jüngling, dessen Gesicht von einer Menge eitriger Pickel übersät war. Das ver­schossene Jäckchen und die in die Stirne gekämmte Locke kennzeichneten den russischen Studenten. Nachdem er mehrmals versuchte hatte, seinen Körper ganz nahe an Maria zu drängen, richtete sie sich auf, versetzte ihm re­solut einen Stoß mit ihren spitzen Ellbogen und sagte: „Bemühen Sie sich nicht und sitzen Sie ruhig. Es ist so eng genug."

Auf der oberen Bank schob sich daraufhin ein blond- bebartetes Gesicht über die herabhängenden Stiefelspitzen. Maria sah wässerigblaue Augen und der typische Solda­tenbaß grollte herunter: „Studentchen, wenn du Käse­gesicht das Mädel nicht in Ruhe läßt, tret’ ich dir in die Zähne, daß du kein Examen mehr machst!"

D-r Student fühlte l-ch offenbar durch dl« bedrohliche Nähe der riesenhaften Soibatenftiefel in feiner freien Willensäußerung beinflufjt; er murrte etwas, warf Ma­ria einen giftigen Blick zu — und zog sich dann die schad- haften Schnürschuhe aus.

Trotz des Luftzuges fühlle Maria, wie der Brodern ihr den Atem benahm und ihr heftige llebelfeit verur­sachte. Gleichzeitig aber stieg in ihr ein Gefühl gerührter Liebe zu der Kameradschaftlichkeit des blonden Soldaten auf, der ihr in diesem Augenblick bas Volk verkörperte. Sie erhob sich, um ihn genauer betrachten zu können.

(Fortsetzung folgt.)