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Beilage zur Fuldaer Zeitung
Ar. 152
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durch das breite, offene Halle. Mißtönig knarrte Petersburger Erziehungsim -Winde. Abgerissene
Kalte Regenspritzer fegten Portal auf die Fließen der -er offene Torflügel des alten
oft die Folge der zu plötzlichen Abkühlung waren, weshalb dazu übergegangen wurde, die Amphoren mit den zu kühlenden Getränken in den Schnee einzugraben.
Von bekannten Gestalten des Altertums, die einen kühlen, sommerlichen Trunk liebten, war Alexander der Große der berühmteste. Von ihm erfahren wir, daß er während des indischen Feldzuges Schnee in grobe Tücher verpackt mit sich führte, um auch in der Tropenglut nicht aus das erfrischende Getränk verzichten zu müssen.
Größten Wert auf den erfrischenden Trunk legten die Japaner. Bei ihnen gehörte es zur Aufgabe verschiedener Adelsfamilien, den Kaiser stets mit Schnee zu versorgen. Als letzte Erinnerung hieran besteht heute noch die dem Nachkommen eines mittelalterlichen Samurrai obliegende Pflicht, dem Mikado im Sommer eine Kiste voll Schnee zu liefern, die durch Stafettenläufer in größter Eile zur kaiserlichen Sommerresidenz gebracht wird.
Wie so manches andere Wissen geriet die Kunst der Getränkekühlung im Mittelalter in Vergessenheit. In Italien wurde sie zwar an reichen Tafeln noch vereinzelt geübt, doch im übrigen Europa erst im 16. Jahrhundert wieder eingeführt. Die Türken dagegen kühlten auch im Sommer ihren Scherbet mit üem aus den kleinasiatischen Bergen stammenden Schnee. Zu Ende des sechzehnten Jahrhunderts war der Gebrauch von Schnee in fast ganz
Tilman Riemenschneider.
Zu feinem 400. Todestag am 7. Juli.
Nur das ist van Dauer in der Kunst, was über alle historischen Werte und Erinnerungen hinaus durch seinen Geist lebendig wirksam fein kann und gegenwärtig. Wahl geht der Streit darum, was eigentlich Tradition fei für kirchliche Kunst? Ob es die äußere Formulierung ist — also irgendein „Stil" —, oder ob der geistige Inhalt, die seelische Einstellung des Künstlers zum Glauben diese Tradition ausmacht, die uns Beispiel bleiben muß. Es fällt nicht schwer, klar zu entscheiden, daß es tatsächlich nur der Geist ist, ob man nun zu seiner Verwirklichung romanische, gotische oder barocke Formen anwandte. Der auch gleich bleiben wird und muß, wenn man im Geiste unseres Jahrhunderts für die Kirche künstlerisch schafft. Was aber Tilmann Riemen- s ch n e i d e r unserer Zeit von seinem Geist noch geben kann, das sei in einigen kurzen Worten bei seinem 400. Todestag gesagt.
Es ist notwendiger, diese geistigen Güter wachzurufen, als allzusehr an historischen, familiären Affären zu haften, die das Leben eines Künstlers ausfüllen. Das ist auch bei Riemenfchneider so, obwohl sein Leben recht unstet und schmerzvoll verlaufen ist, was ja anläßlich jener sehr bedeutsamen Würzburger Gedächtnisausstellung eingehend dargelegt wurde. Drei Frauen verlor er in der verhältnismäßig kurzen Dauer seines Lebens, das geladen war auch von Spannungen revolutionärer Art. Riemenschneider war aus dem Harz nach Würzburg gewandert, dort ansässig geworden, mit Ratsherrnämtern bekleidet; dennoch, als Götz von Berlichingen und Florian Geyer marschierten, sympathisierte er derart mit diesen, daß er ins Gefängnis kam, beinahe hingerichtet wurde und nur mit Mühe ein paar Jahre völliger Zurückgezogenheit am Ende feines Lebens in Freiheit erlangte.
Was bedeutet uns Riemenschneiders Kunst heute? Vielleicht läßt sich das so am besten sagen: wenn man eines seiner Bildwerke unter die Erzeugnisse der religiösen Bildkunst der letzten fünfzig Jahre stellen würde, wie ein hohes Wunder menschlichen Geistes würde es da anzusehen sein! Warum? Alles, was an ihm ist, selbst auch die „Schönheit", ist voll Vertiefung, voll Wahrheit und Ernst. Wie unterscheidet sich doch seine unerhört schöne Gestalt der heiligen Elisabeth von den Dutzenden von äußerlich schönen, ja sinnlichen Darstellungen dieser hohen Frau. Eine großartige Feierlichkeit liegt über diesem ernsten Gesicht, das in dem etwas schmerzlichen Mund die leidvollen Erfahrungen dieses Lebens auf Erden — ihres Lebens im besonderen — ausdrückt. Diese Elisabeth ist schön durch ihren G e i st. Darrum ist in ihr auch das Wesen des Heiligen eindeutig gekennzeichnet.
Dieser Ausdruck des Schönen durch den Geist ist ein ganz besonderes Merkmal der Kunst Riemenschneiders, und als solches kann es für die kirchliche Kunst kommender Zeit nicht genug beachtet werden. Das andere, an dem wir auch nicht vordeifehen können, ist die große Kunst Riemenschneiders in der C h a r a k t e r i s i e r u ng der Gestalten. Seine Figuren sind keine Normaltypen, wie wir sie in unserer vergangenen kirchlichen Kunstepoche so oft gesehen haben; es sind Charakterköpfe im wahren
Windstärke 11. Alles gerefft. Sind nach Westen abgetrieben.
66» 30' 29” növdl. Br. 3» 11* 17” öftl. L.
Halten wieder Kurs. Ladung ist etwas übergeschosfen, aber keine Gefahr. An Bord alles wohl.
64° 57' 23” növdl. Br. 3» 91 48" öftl. L.
Jehren ist ganz aus dem Häuschen. Hat gestern in der Back große Reden geschwungen, er habe ein Menschenleben aus dem Gewissen. Man solle ihn auch erschießen, das sei das Beste für ihn. Er möge nicht mehr leben. Die Kameraden haben ihn beruhigt, sagten aber dem Steuermann, es sei ihnen unheimlich.
62° 19' 33" nördl. Br. 4° 21’ 10" öftl. L.
Jehren führt dauernd wirre Reden. Unten im Raum ginge der Tote um. Ob denn keiner ihn schreien höre! Er habe ihm doch nur helfen wollen, und jetzt sei er schuldig. Des Nachts schläft er nicht mehr, die Anderen beschweren sich, daß er mit seinem Stöhnen stört. Habe ihm Brom aus der Bordapotheke zur Beruhigung gegeben. Ernste Befürchtungen für feinen Verstand.
60» 42’ 32” nördl. Br. 4» 20’ 36" öftl. L.
Vollmatrose Jehren hat einen Tobsuchtsanfall gehabt. Holte ein Beil aus dem Werkzeugkasten und schlug damit auf die Ladung ein. Er sagte, der Tote läge darunter, er wolle ihn hervorholen, damit er von Bord käme. Da er nicht zu beruhigen war und um sich schlug, als man ihn zurückhalten wollte, habe ich ihn schließen lassen. Die Leute verlangen, daß er für den Rest der Fahrt ab'gefonbert bleibt.
58» 57’ 24" nördl. Br. 4° 1’ 22" öftl. L.
Jehren verfällt zusehends. Als ich ihn heute besuchte, bat er mit Tränen in den Augen, ihn unter der Ladung nach dem Mann aus Archangelsk suchen zu lassen. Vielleicht lebe der überhaupt noch. Es fei ein Bauer aus Bryansk, der ihm 50 Rubel versprochen habe. Aber er __Jehren — verzichte auf das Geld, nur den Tod wolle
er nicht auf dem Gewissen haben. Ich sollte nicht glau» ben, daß es wegen des Geldes geschehen sei, er habe ihm helfen wollen. Als ich ihm antwortete, der Mann sei doch gar nicht im Raum, sondern in Archangelsk von der Tscheka herausgeholt und erschossen worden, begann Jehren an den Fesseln zu reihen und schrie, wir wollten ihn mit Gewalt zum Mörder machen. Er hat jetzt dauernd Schaum vor dem Mund und verweigert das Essen. Hossentlich bringen wir ihn lebend nach Hause.
54° 6’ 13” nördl. Br. 3» 59’ 46" öftl. L.
Vollmatrose Willem Jahren ist in der Nacht 4 Uhr 25 verstorben. Wurde zuletzt immer stiller, hat nur noch vor sich hingewimmert und ist am Ende erloschen wie ein Licht. Vielleicht ist es so für ihn am besten. Der Mann hat sich schrecklich gequält. Eigentlich sonderbar, warum nahm er sich den Tod des Erschossenen so zu Herzen? Er konnte doch nichts dafür —. Da mir in zwei Tagen binnen sind, nehmen wir seine sterblichen Reste unter Deck mit. Ich habe die Flagge halbstock setzen lassen und eine Bordandacht gehalten.
Rotterdam, im Hafen.
Beim Löschen der Ladung hat sich etwas Entsetzliches herausgestellt. Zwischen dem Holz fanden mir am zweiten Tag einen zerquetschten Körper, der Kleidung nach einen russischen Bauern. Jehren hat also noch einen zweiten Mann an Deck gehabt, und feine Sorge galt gar nicht dem Erschossenen von Archangelsk, sondern diesem. Bei dem Sturm unter dem Polarkreis, als die Ladung abrutschte, ist der Fremde, den Jehren wahrscheinlich bis dahin mit Lebensmitteln versorgte, verschüttet worden. Wir brauchen uns wohl keine Vorwürfe zu machen, daß etwas versäumt wurde; der Mann war sicher gleich tot. Ader es ist ein schrecklicher Gedanke, daß wir Jehren für verrückt gehalten haben, während ihn nur die Angst von Sinnen brachte, dem Unglücklichen im Raum könne noch zu helfen fein.
Der arme Junge. Er war ein braver Kerl.
Erkenntnis.
Wenn ein Sonnentag verging, klingt es in den Dämmerungen: Warst du so von Glanz durchdrungen, daß dein Herz ihn voll empfing?
Wenn ein Tag verregnet schied, forscht es: Seele, war dein Lauschen so erfüllt von seinem Rauschen, daß kein Vers dir fehlt im Lied"
Immer ist die Antwort Qual:
Nie in all den langen Jahren hab ich etwas ganz erfahren, hoffend stets: ein andermal!
Doch das Unerlebte baut einen Turm, durch dessen Fugen wir zuweilen heimlich lugen, wo die Ewigkeit erblaut. —
Kurt Erich Meurer.
Logbuch der »Meisje vonUtrecht*
Skizze von Erik L o r e n s s e n.
Archangelsk, vor der Ausreise.
Uebemahmen in sechs Tagen die Ladung Holz für Pitlers u. Jansen. Mannschaft vollzählig, neugemuftert niemand. Wenn ich morgen vormittag die Papiere von der Hafenbehörde bekomme, fahre morgen mittag aus.
Ausreise einen Tag verschoben. Heute früh kamen Beamte der politischen Polizei an Bord; suchten vier Stunden nach einem Flüchtling, welcher der Gegenrevolution verdächtig ist. Der Mann wurde zwischen der Ladung gefunden. Ich versicherte den Tschekisten, daß ich von dem Vorhandensein des Mannes keine Ahnung gehabt hätte und auch meine Leute für unbeteiligt hielte. Hoffentlich bekomme ich die Papiere.
67° 14’ 22" nördl. Br. 42» 39’ 18" öftl. L.
Fuhren aus. Erhielt Papiere auf der Kommandantur nur unter Schwierigkeiten. Wurde bedeutet, im Wiederholungsfälle würde der Reederei für die Zukunft der Hafen gesperrt. Habe die Leute antreten lassen und auf die Schädigung der Firma hingewiesen, die durch solche Vorkommnisse entstehen konnte. Zugleich klar gemacht, eine wie ernste Gefahr derjenige läuft, welcher sich nut diesen Dingen befaßt. Der bei uns Entdeckte ist sofort erschossen worden, und einem überführten Helfershelfer steht nicht viel Besseres bevor. Ermahne ausdrücklich, sich unter keinen Umständen der Begünstigung schuldig zu machen.
72° 49’ 31" növdl. Br. 28° 7' 56" öftl. L.
Nordkap passiert. Vollmatrose Willem Jehren gesteht, den Fremden unter Deck verstaut zu haben. Hat gehört, daß dieser erschossen ist und sagt mir, er mache sich Vorwürfe, weil er an seinem Tod schuldig fei. Soll sich feine Raupen in den Kopf setzen; wäre der Mann an Land geblieben, würde es ihm auch nicht besser ergangen sein. Habe den Maat gewaltig heruntergeputzt und gedroht, ihn vom Schiff zu jagen, lieber feine Beteiligung an der Sache ihm Stillschweigen auferlegt und gesagt, über (em Verbleiben an Bord nach der Reise werde die Firma entscheiden. Schadet ihm nichts, wenn er ein bißchen m Angst ist. Eine Verwarnung genügt; der wird in Zukunft die Finger davon lassen. An Bord alles wohl.
69° 1’ 27" nördl. Brr. 12» 19’ 3" öftl. L.
Lofoten gesichtet. Jehren hält sich von der übrigen Mannschaft zurück und führt Selbstgespräche. Ist viel unter Deck. Gefällt mir nicht. Wird aber wieder zurecht kommen, macht feine Arbeit und ißt tüchtig. Luken verschalt. Windstärke 8. Das Glas fällt stetig.
67° 23’ 46" nördl. Br. 2° 9’ 52 öftl. L.
Institutes für Offizierstöchter .
Akkorde eines Massengesanges flatterten durch die schräg
Die Augen des unbekannken Soldaten Roman von Paul Edmund von Hahn.
Jnstitutsoberin ducken und von Professoren mit ungepflegten Bärten väterlich belehren lassen. — Sie, Maria Rukow, taugte nicht dazu!
Ein anerzogener letzter Blick traf den Spiegel. Der fast militärisch mit dem Gürtel um die Taille gezogene Regenmantel und die tief in die Stirn gerückte Kappe widersprachen dem klösterlichstrengen Schnitte des Jn- stitutskleides, dessen hoher schwarzer Kragen mit säuberlichem Spitzensaume verlegen aus dem kecken, spitzen Ausschnitt des Mantels schaute. Maria bog die knabenhaft untersetzte Figur etwas zurück und lachte ihrem Spiegelbilde spöttisch zu: So bist du, Maria — oben schon die flotte Haut der neuen Welt, und unten immer noch das Jnstitutsgänschen, das ohne Aufsichtsdame nicht spazierengehen darf! Die ein wenig zu breite Hand mit den kurzen festen Nägeln gab der Kappe einen verwegenen Strich und schlug den Rockkragen auf, daß er männlich-starr vor dem kleinen, eckigen Kinn stand. Noch einen letzten Blick warf Maria in die Halle des Er- ziehungsinstituts für Offizierstöchter, nahm den Koffer auf und fchritt in den Regen hinaus.
Kindisch trat Maria in die Pfützen des schadhaften Gehsteiges. In jeder Bewegung wollte fie bartun, daß sie, Maria Rukow, nunmehr frei fei von jeglicher Bevormundung, frei aus ureigenstem Entschlüsse. Eine Droschke war selbstverständlich nirgends zu sehen, so wanderte das Mädchen durch verödete Straßen zum Bahnhof. Irgendwo in der Nähe mußte wohl eine Volksversammlung ab- gehalten werden, denn hin und wieder kreuzten kleine Trupps von Soldaten mit roten Schleifen ihren Weg in der Richtung des großen Platzes und plötzliche Windstöße trugen den Aufschrei der Masse zu ihr. In der Nahe des Bahnhofes wurde es belebter. Auf den schmutzigen Stufen desselben herrschte zwischen lagernden Soldaten, auf« gestapelten Ballen und Säcken beengendes Gedränge. Maria hielt den Koffer vor sich und bahnte sich mit kleinen Stößen ihren Weg bis zum Wartesaal. Mancher der Gestoßenen 'fluchte. Wenn er aber das nasse, kecke Gesicht des Mädchens erblickte, fügte er meist einen ber»
gepeitschten Tropfen.
Maria verhielt auf dem letzten Treppenabsatz ben Schritt unb lauschte. Sie stellte bas kleine Köfferchen neben sich auf ben Boben. Eine kalte, zerrenbe Spannung war in ihr, wie sie über Augenblicken großer Entscheidung zu lasten pflegt. Automatisch nahm Marias horchendes Aufmerken viele kleine Nebensächlichkeiten auf, die sie in den letzten Tagen der Unrast Übersehen hatte. Der Vorleger an der Eingangstüre war verschoben, hier und da fleckten Erdbrocken die sonst so sauber gescheuerten Fliesen. Die Nische des Torwarts war leer und — unwillkürlich erhob sich Marias Hand __ bas ewige Licht vor dem alten Heiligenbilde in der Ecke erloschen. Der Torflügel kreischte lauter im zunehmenden Sturme, näher schallten die Töne des Marschliedes. Maria straffte sich, warf den Kopf mit der ein wenig kurzen Nase über breiten Sippen in der ihr eigenen, mutwilligen Bewegung entschlossen in den Nacken und schritt mit hallenden Tritten dem Ausgange zu. Man sollte es nur ruhig hären, daß sie dieses Haus verließ. Sie hasste es sogar, daß die Oberin oder eine der Lehrerinnen ihr in den Weg treten wurden.
Noch einmal zauderte sie am Kreuzpunkte der beiden langen Gänge, vor dem großen Spiegel. Alle Hanger leer, keine Schirme und Gummischuhe wie sonst; nur ein vergessener Stock lehnte einsam und würdevoll mit silberner Krücke im großen Behälter. Maria lächelte. Sie erinnerte sich, daß der Stock dem alten Geschlchts- professor gehörte. Geschichte! Draußen peitschte der Wind brausende Klänge als Begleitung zum neuen llb- schv-tt der Weltgeschichte — draußen wurde Geschichte ger- 'it — da mochten sich zimperliche und ängstliche klc Mädchen weiterhin unter dem Rockschoß der Frau
Sinne des Wortes. Und auch in dieser Freiheit der Charakterisierung ohne Hinblick auf einen billigen Normaltyp liegt wiederum ein Ausdruck der geistigen Schönheit der Kunst Riemenschneiders.
Und nun zu dem letzten: zu der Freiheit der künstlerischen Mittel. Vor mir steht eines der ergreifendsten Bildwerke, die ich gesehen habe: Riemenschneiders vater mit dem Leichnam Christi". Alles, was der Künstler vermochte, hat er in dieses Werk gelegt. Das größte Wagnis konnte — vielleicht — nur ihm gelingen, Gott 33ater in individuelle Gestalt zu formen. Der gewaltige Kopf Gott Vaters, in dessen Hoheit °"ch ein unsagbar tiefer Schmerz liegt, wie wenn das ganze Leid der Welt in ihm sich ausspreche, ist fast noch einmal so groß als der Kopf des Heilandes, dessen todesstarken Körper Gottvater wie eine großartige, überwältigende 2Ral)nung ber Welt vorzuhalten scheint. Die Gestalt aber Gott Vaters wirkt ganz unscheinbar neben seinem großen Haupt, überhaupt so, als fei er gar nicht körperlich in naturalistischem Sinne. Man wird wohl heute sagen hören, dies Werk sei nicht richtig gezeichnet, weil der eine Kopf so groß und der andere viel kleiner, weil der Kops zu groß im Verhältnis zum Körper ist. Aber erst durch diese Freiheit der Gestaltung ist dieses Werk so über das Sichtbare, über das Zeitliche hinausgewachsen, daß es ewige, unsichtbare Werte zum Bild werden lassen konnte.
Jene drei Dinge aber: Geist als Schönheit, Wahrheit in der Charakteristik und Freiheit in der Gestaltung möchte ich der religiösen Kunst von heute Vorhalten. Vielleicht enthäll diese Kunst Riemenschneiders auch damit das, was man unter jener so oft aufgerufenen Tradition wahrhaftiger religiöser Kunst zu verstehen hat.
Dr. Willy O e f e r.
wie in aller Zeit Getränke gefühlt wurden
Von Ernst Herbert Petri.
Wenn die Sonne schön brennt und ben Schweiß aus allen Poren treibt, beherrscht der Eiskutscher die Lage. Er wirft sich ordentlich in die Brust, denn er weiß, wie jeder Wirt auf ihn wartet. Der Bierapparat muß ja bis obenhin mit Eisstückchen gefüllt sein, soll das Bier mit der Kühle aus dem Hahn fließen, die es zur köstlichsten sommerlichen Erfrischung macht.
Die Vorgänger unseres auf das Wohl feiner Gäste bedachten Wirtes, die vor Jahrhunderten lebten, kannten in dieser Beziehung noch andere Sorgen als er. Sie konnten nicht beim nächsten Eiswerk anrufen, und doch sollten sie ihre Getränke kühl halten. Sie versucht- , diese Aufgabe mit allen möglichen Mitteln zu lösen. Das am häufigsten angewandte war der Schnee, der vom Winter her in Erdlöchern oder Kellern aufbewahrt wurde. Eine fast ebenso große Rolle spielte bas Eis.
Die ältesten Keller dieser Art, von denen wir wissen, waren um bas Jahr 1000 v. Chr. in China gebräuchlich. Ein Liederbuch aus dieser Zeit erzählt von den Festlichkeiten, die beim Füllen unb Entleeren dieser Keller üblich waren. Aus dem alten Testament erfahren wir Aehn- liches, heißt es doch in den Sprüchen Salomons einmal: „Wie die Kälte des Schnees zur Zeit der Ernte, so ist ein getreuer Bote dem, der ihn gesandt hat, und er erquicket seines Herrn Seele."
Genaueres wissen wir über die Art, wie Griechen und Römer für die Kühlung der Getränke sorgten. Sie füllten den Schnee, der im Winter auf ihren Bergen fiel ober den sie im Sommer schiffsladungsweise vom Aetna holen ließen, in große Gruben und deckten ihn mit Erde, Gras, Dünger unb Zweigen zu. Oft preßten sie ben Schnee in den Gruben selbst oder schon vorher so stark zusammen, daß er zu Eis wurde.
Die Kühlung ber Getränke erfolgte nun dadurch, daß man den Schnee in den Becher warf, wie wir es heute mit. dem Kunsteis machen. Viele zogen es freilich mit Rücksicht auf die nicht immer appetitliche Grubendecke vor, den Schnee erst schmelzen zu lassen und dann das durchgesiebte unb filtrierte Wasser dem Getränk beizumischen. Hierbei stellte man freilich fest, daß Darmerkrankungen
6en Spaß hinzu und gab Raum. Vor den geschlossenen Schaltern saßen an einem langen Tische einige Soldaten und Studenten, gaben Fahrscheine aus und kontrollierten Papiere. Ein Doppelposten mit wirr umgehang- ten Masichnengewehrftreifen flankierte fie. Sn langer Schlange stellten sich Zivilpersonen an.
Unschlüssig blieb Maria stehen. Ihrer Ungeduld schien es unmöglich, die schier unendlich lange Kette der Vordermänner abzuwarten. Dann war es auch wieder ein Zwang; und aller Zwang sollte doch beendigt sein! Ohne auf die Proteste, Beschimpfungen unb Schreie ber Wartenden zu achten, trat Maria an den Tisch und redete einen der Studenten an: „Was soll das heißen, baß man hier bei Ihnen in Reih’ und Glied stehen muß wie in der zaristischen Armee? Ist bas Freiheit?
Der Stubent blickte erstaunt; der Wachtposten lachte unb bie anderen Kontrollierenden sahen von ihrer Arbeit auf. Ein prüfender Blick des Studenten glitt an Marias Gestalt hinab. Sein verbissenes, hageres Gesicht mit ben spitzen, mongolischen Backenknochen unter faltiger gelblicher Haut zuckte hämisch. „Institutsmab- chen! Wo haben Sie denn Ihre Garbedame? Das riskiert hier große Töne!"
Der neben ihm sitzende Soldat stützte die Ellbogen auf den Tisch und deutete mit dem tintenbeschmutzten Zeigefinger auf Maria: .^Papachen war wohl General, was» Daß Sie so einen Ton an sich Haden?"
Die anderen Delegierten lachten; aus den Reihen der Wartenden fielen Drohungen. Maria fühlte, wie ihr übermütiges Freiheitsbewußtfein zu wanken begann. Sie errötete sogar. Der Gedanke sprang auf, man könnte sie am Ende in das Institut zurückschicken. Doch sie bezwang sich, bohrte die Hände mit abgespreizten Ellbogen in bie Taschen des Regenmantels und hob trotzig das Kinn: „Ich bin Studentin. Wo ich studiert habe, geht keinen Menschen was an. Ich verlange einen Fahrschein."
Sie stockte einen Augenblick, dann beugte fie sich über den Tisch unb sagte so bestimmt sie es vermochte: „Weil ich nämlich kein Geld habe und nicht mehr unter der Fuchtel der Lehrerinnen sein will!"
Der Student betrachtete das Mädchen prüfend mit kurzsichtig zwinkerndem Blicke der kleinen Augen.
Der Soldat bagegert' wiegte bedächtig den breiten Schädel und meinte anerkennend: „Brave Katze. — Hat
Eine einzige Kaiicchohne..
Iwas könnte sie nicht alles erzählen! Nicht nur von sengenden Sonnenstrahlen, die sie zur Keife brachten; oder von wochenlanger Seefahrt über Weltmeere. Nein, sie würde zur Hauptsache plaudern von der sorgsamen Pflege und liebevollen Behandlung, die sie mit all ihren Schwestern erfuhr, bis sie befähigt war, Zeugnis abzulegen von der nicht zu übertreffenden Qualität des
Klipp s Hatice
ga Seit 50 Jahren Bremer Qualitäts - Kaffee
"weiße Pfoten, springt aber aus dem warmen Zimmer in den Dreck hinaus!" Er griff schon nach dem Block mit Fahrscheinen.
Der Student legte ihm jedoch die knochige Hano auf den Arm: „Warte, Genosse!" Mit stechendem Blick wandte er sich an das Mädchen. „So, also aus dem Institut sind Sie ausgerissen? Wie heißen Sie und wohin wollen Sie?"
Maria zwang sich mühsam, Haltung zu bewahren. Sie fühlte die Blicke aller dieser Männer auf sich gerichtet. Es war doch eigentlich das erste Mal, daß sie allein unter so vielen fremden — und gefährlichen Menschen war. Sie schluckte ein wenig, bevor sie antwortete. Ihre Stimme war bedeutend leiser als vorher: „Ich will nach Rezna und heiße Maria Rukow.
Dabei zog sie eine Schülerinnenlegitimation aus der Tasche. Der Student lehnte sich zurück und verschränkte die Arme. Wieder lächelte er, und Maria fand, daß diesem Lächeln schwerer zu begegnen sei als sogar dem gestrengen Blick ber Oberin im Institut.
Rings um bie deiben drängte das Leben dieser Herbsttage der provisorischen Regierung Rußlands Bürger und Soldaten weiter in die Tretmühle des ungeordneten, erwartungsvollen Hastens. Maria schwieg. Sie hatte bas Gefühl, plötzlich in ein neues, untergeordnetes Verhältnis zu diesem Unbekannten getreten zu sein. Unwillkür- lich klang ihr ein Wort mit der Schreckensvorstellung des Kindes auf: Spinne!
Der Student wippte ein wenig auf dem Sessel, fein Lächeln wurde fast höflich. Er spreizte die hageren, an ben Gelenken knotigen Finger und sagte betont: „So sind Sie also die Tochter des Herrn Bezirkskommandan- ten. Sehr angenehm, sehr angenehm! Ich fürchte, der Herr Papa dürfte kaum über Ihren Entschluß ins freie Leben zu treten, entzückt fein!" Er verbeugte sich iro- nisch „ich heiße Polkin — Aber das dürfte Ihnen Nichts sagen! Mein Vater ist Bürovorsteher des Herrn Obersten. Feodor Iwanowitsch Polkin, wenn es Ihnen recht ist, kleines Fräulein."
Wenn Polkin lachte, so bedeutete dies bei ihm ein Zucken der gelblichen Haut an den Backenknochen über em wenig gespitztem Munde. Nach Art ber Kurzsichtigen
1 nahm er immer wieder ben jchiessitzenden Zwicker ab