Beilage zur Fuldaer Zeitung
Ar. 147
NILS
28. Iuni
Sommer-Mittag.
Des Windes Wellen wiegen tief in reifen Aehren,
Und Sehnsucht wiegt sich zu mir her, Des Sommers seligstes Gewähren Neigt sich zur Erde überreif und schwer . . . Der Wind singt durch die grünen Weiten, Jubelndes Lachen blüht am Rain, Ich sehe Glück durch diesen Mittag schreiten, Rings liegt der Tag im gold'nen Schein.
Da dehn' ich meine jungen Glieder:
Mutz dies mir Sommer sein? —
?ch träumte einst vom Glück unk. Flieder, —
'■ träume noch, — und wieder lätzt die Stunde mich
allein . . .
Hans Brückner.
Unser täglich Brot.
Bon Friedrich Franz G o l d a u.
„Unser täglich Brot gib uns heute . . .!"
Auf dem weiten Erdkreise war es in der Frühmeise gebetet worden. Es lautete nicht: „Unsere Wünsche erfülle uns heute!" Nein, es lautete einfach und schlicht: „Unser täglich Brot gib uns heute . . .!"
lieber- den wahren Sinn dieser Bitte nachdenkend, die doch unzweifelhaft in Widerspruch stand zu den Wün- schen der Millionen, die unter den Begriff des täglichen Brotes auch die Bembergseide, das Passepartout zum Prater, das Auto für das Wochenend und das Bank- buch mit einigen Tausendern betrachten, schlenderte ich durch mehrere Strotzen. Ich kam auf einen Spielplatz der Großstadt. Kasernenbauten umrahmten ihn. Familien mit und ohne Kinder bewohnten die Räume dieses Blocks. Ziehharmonikas und Radios fangen darin. Herzaffe trumpften. Zuweilen Hangs auch, als setze man eine Flasche auf den Kartentisch.
Dem Spielplatz, über den ich ging, sah man’s nicht an, daß er in diesem Viertel lag. Unter weißlackierten Bänken, am Rande der Sandbecken und unter den Schaukeln lagen leere Zigarettenschachteln, Stummel und Brot. Kaum einen Schritt konnte ich tun, ohne auf Brot zu treten. Ueberall lag es, schmutzig und unsauber, zum Teil in den Boden getreten. Krusten waren es, ganze Schnitten und Brötchen, kaum an genagt.
Keiner der Erwachsenen, die zahlreich umhersaßen, mochte Anstalten, das Brot einzusammeln. Man sah es, ließ es liegen, beachtete es nicht und trat darauf.
Sinnend, die Blicke erdwärts gerichtet, verließ ich den Platz. Plötzlich stockte mein Schritt. Vor mir, inmitten des Verkehrgewühls der Großstadt, lag eine Weißbrotfchnitte. Autos, Menschen und Wogen rasten darüber hin. Ein lauter Zug überholte mich. Demonstrierende Männer riefen: „Hunger! Hunger!" Sie riefen es einem Vorsager nach, der den Austakt gab: „Was haben wir alle?" — „Hunger! Hunger!" antworteten sie ihm in kurzen Abständen. Wie fernes Gewitter grollte es. Der Zug ging achtlos an der Weißbrotschnitte vorbei. Mancher bemerkte sie. Keiner nahm sie auf. „Hunger! Hunger!"
Ich stand noch auf der gleichen Stelle und grübelte über manches. Es war nur eine Weißbrotschnitte, die meine Schritte hemmte. Warum überhaupt darüber grübeln? Man war doch auf der Jagd nach größeren Dingen, nach größeren Stücken Brot. Kleinigkeit, diese Weißbrotschnitte. Darum sich bücken?
Ich wußte nicht, ob ich es wagen sollte, ungeachtet des mich umbranbenben Verkehrs diese Schnitte, die einem Hungrigen sicher den ärgsten Hunger gestillt haben mürbe, vom Asphalt zu nehmen. D:e Autos grinsten mich an. Die Menschen schielten, es mar mir peinlich. Man konnte mich vielleicht kennen, man konnte lächeln. Vielleicht sprach man am folgenden Tage n der Stadt, daß ich mich bei einer Weißbrotfchnitte aufgehalten habe. Aber bas Brot dort liegen lasten?
„Hungerl Hunger!" Es klang schon ferner, und bis Brot lag noch da.
Ich wollte mich in Bewegung setzen, den Damm überschreiten, um die Schnitte dort wegzunehmen und auf eine Erhöhung zu legen. Vielleicht kam ein wirklich Hungriger, der keine Zigarette hatte, der sie nicht brauchte, der auch keinen Schnaps hatte, der ihn nicht
brauchte, der aber kein Brot hatte und es brauchte, vielleicht kam er und holte es ab , . .
Da bemerkte ich einen Menschen. Er stand auf der anderen Straßenseite und schaute die Schnitte an. Ich orakelte an ihm. Dem Aeußeren nach war er ein Bettler. Vielleicht mar es seine Gewohnheit, alles, was herrenlos herumlag, zu betrachten. Ich kümmerte mich aber nicht weiter um ihn unb hob die Schnitte auf. Mit ihr kam ich auf die andere Straßenseite. Dort stand der Mann noch auf derselben Stelle. Regungslos stand er. Nur feine Augen folgten mir. Seine Schuhe waren zerrissen. Sein Anzug war reich geflickt und hatte Löcher und Fransen. Einen Hut hatte er nicht. Sein Kopfhaar hing tief in den Nacken. Die Stoppeln seines Gesichtes gaben ihm den Ausdruck eines geernteten Stoppelfeldes, auf dem nichts mehr zu holen ist. Er sah das Brot in meiner Hand. Da ging eine Wandlung in ihm vor. Ein Blick traf mich. Sehnsucht war darin, ein bittender Wunsch, ein zögerndes Verlangen, gen. So konnte nur ein Mensch nach dem Stückchen Brot schauen, der des Lebens Bitterkeit bis zur Neige genossen hatte.
lieberroältigt von diesem Blick und von einem mir unbekannten Schicksal dieses Armen legte ich die Weiß
brotschnitte in seine Hand. Ein Wort des Dankes, bas er sagen wollte, erstarb auf seinen Lippen. In seinen Augen stand es. Dann wandte er sich und ging davon. Ich sah noch, wie er die Schnitte nach flüchtiger Reinigung mit wirklichem Hunger genoß, als habe der Himmel ihm eine seltene Festspeise bereitet.
„Unser tägliches Brot gib uns heute . . .!"
Ich dachte an den Kinderspielplatz inmitten der Kasernenneubauten, an das viele Brot zwischen den Stummeln bei den teeren Zigarettenschachteln unb die Menschen, die daraus traten.
Morgen knallt es wieder durch die Straßen: „Hunger! Hunger!" wo Autos mit blitzenden Augen eine Weißbrotschnitte in den Boden fahren und wo Kinder auf Spielplätzen ihre Schnitten, Krusten und Semmeln auf den Platz werfen. Und vielleicht wird man dann irgendwo eine Fensterscheibe zertrümmern, um Tabak, Zigaretten, Würste und Delikatessen zu rauben. Oder man wird von Einbrüchen lesen, denn der Hunger der Moderne schreit nach dem Bankbuch, dem Auto unb dem Kavalier. . .!
„Unser täglich Brot gib uns heute . . .!" Möge der gnäbige Gott nicht erst eine Heimsuchung senden, damit man’s erkenne!
was bedeutet bet Freiherr vom Stein uns heute?
Eine offene Antwort anläßlich seines 100. Todestages am 29. Jntt.
„Die Grundursachen unseres Unglücks sind die Weichlichkeit und die Selbstsucht des Jahrhunderts, welche uns stets abgezogen haben von der durch die Pflicht vorgeschriebenen Linie."
Das meiste, was bis jetzt in Rede und Schrift anläßlich des großen Stein-Gedenktages geäußert wurde, ist das Geschmus, wie wir es bei dergleichen Gelegenheiten über uns ergehen zu lasten gewohnt sind. Was heißt denn, den „Schöpfer der kommunalen Selbstverwaltung" zu feiern, heute, wo so viele unserer Stadtverordnetenkollegien durch ihr Verhalten das Diktat des Staatstommiffars herausfordern? Der tiefere Sinn der vielberufenen Stäbteorbnung war doch kein anderer, als zu felbsterkann- ten Opfernotwendigkeiten freiwillig ja zu sagen. Gewiß, Stein wollte durch feine Reform die Fesseln staatlich-zen- tralistischer Bevormundung lösen. Aber doch zu keinem anderen Ziele als: „Belebung des Gemeingeistes unb Bürgersinnes, Benutzung der schlafenden oder falschgeleiteten Kräfte und der zerstreut liegenden Kenntnisse, Einklang zwischen dem Geiste der Nation, ihren Ansichten und Bedürfnissen und denen der Staatsbehörden, Wiederbelebung der Gefühle für Vaterland, Selbständigkeit unb Nationalehre". Man sieht, welche Pflichten bies Recht der Selbstverwaltung enthält. Wer sich weigert, ein unbefolbetes städtisches Amt anzunehmen, soll bestraft
werden; „dem Volke wird nicht gestattet, sondern besohlen, sich selbst zu regieren."
Stein beabsichtigte damit — wenn auch nicht in erster Linie — die Entlastung von überflüssigen Beamten, von „Papiertätigkeit unb leerem Dienstmechanismus". Rücksichtslos zog er überzählige Beamtenstellen ein unb setzte die Pensionen nicht nur herab, sondern ließ sie überhaupt nur bei nachgewiesener Bedürftigkeit bestehen. Daß er folgerichtig alle Beamtengehälter kürzte, darf man ebensowenig verschweigen wie das andere, daß keiner die Beamten so sehr als Diener am Volk aufgefaßt hat, wie der Mann, der sogar verlangte, sie sollten mit den Leuten Platt küren.
Gewiß, Stein wollte die Anteilnahme des Volkes an der Regierung. Aber — und auch das wird meist übersehen — nur eine verantwortliche Mitarbeit. Von nichts hat er weniger wissen wollen, denn von den sog. „nationalen Verbänden", jenen Gesellschaften ,die, ohne die eigene Person dabei einzusetzen, durch ihr Reden und Lärmen der ernsten Politik ins Handwerk pfuschten. Stein verwarf das Getue der damaligen „Tugendbünde" als „Spielerei" und „Anmaßung", da ihr „ungeschulter Patriotismus" nicht jene Selbstzucht besaß, die nun einmal Voraussetzung ist für das Gelingen solcher auf Leben und Tod gehenden Pläne, wie der „Vaterlandsbefreiung". Stein lehnte ejne Amateure ab, die die Not des Staates
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Das Geburtshaus des Freiherr» vom Stein in Nassau.
dazu benutzten, um sich mit billigen Plänen wichtig zu machen.
Stein verlangte Opfer für den Staat. Wobei er eben unter Staat nicht das verstand was heute die meisten dafür hallen. Staat war ihm nicht Wirtschastsoerband, nicht Interessengemeinschaft, sondern die sittlich-religiöse, gottgegebene Ordnung der Menschen: „Der Staat ist kein landwirtschaftlicher und Fabriken-Verein, sondern sein Zweck ist, religiös-sittliche, geistige und körperliche Entwicklung". Ziel der Reform war also „ein kräftiges, mutiges, sittliches, geistvolles Bolk, nicht allein ein fünft
Denkmal v. Steins in Berlin.
reiches, gewerbesteißiges". Nur so ist es zu verstehen, weshalb Stein den Fürsten die Maske des Gottesgnaden- tums abriß. Von Gottes Gnaden war ihm das Volk. Das staatliche Zusammenleben, die staatlichen Maßnahmen lagen also für Stein nicht außerhalb der für jeden Einzelnen gültigen moralischen Ordnung. Kein Bismarck hat so aus dem Gedanken heraus gelebt, daß auch für den Diplomaten die Gesetze der Moral gelten. Das galt Stein nicht nur für die Innenpolitik; er bestimmte danach auch das Verhältnis der Staaten untereinander. So national er gewesen ist, so sehr er sich das Wort Herders zu eigen machte: „daß der Wilde, der für seinen Stamm mit beschränkter Wirksamkeit glüht, ein wahreres Wesen ist als der Kosmopolit, jener gebildete Schatten, der für den Namen seines ganzen Geschlechtes entzückt ist" — Stein lehnte den modernen nationalen Machtstaat ab, der andere Staaten zu unterwerfen sich berechtigt wähnt. Die Teilung Polens hat er verurteilt. Wenn aber „in der freien Entwicklung und Veredelung der eigentümlichen Natur jedes Völkerstammes der Zweck der bürgerlichen Gesellschaft" liegt, dann findet jeder Staat seine Schranken an diesen heiligen Ausgaben und Rechten der übrigen Staaten, und der Sinn des „Staatennereins" besteht darin. Recht und Freiheit der einzelnen Staaten zu verbürgen. Deshalb hat Stein die Gründung der heiligen Allianz, die Idee einer christlichen Staatengemeinschaft, überzeugt begrüßt. Erst von dieser politischen Grundhaltung aus versteht man auch Steins Haß gegen Napoleon. Er bekämpfte ihn nicht als „Deutscher"; als religiöser Mensch war er der Feind dieses „Zerstörers von dem gottgewollten Nebeneinander der Nationen", sah er in Napoleon den „bösen Geist", „den Egoismus des sich selbst vergötternden und die Menschen in den Staub tretenden Despoten". Für Stein stand 1813 nicht Deutschland gegen Frankreich, sondern gute gegen böse Idee, Licht gegen Finsternis, Wahrheit gegen Lüge; der Freiheitskrieg war für ihn ein Kreuzzug.
Was für Anforderungen stellte Stein aber damit, wollte er kein Pharisäer fein, an fein Volk, an jeden einzelnen Deutschen?! Versteht man nun, weshalb dieser Reichsfreiherr der geschworene Feind des damaligen Adels fein mußte? Man sieht, nicht um irgendwelcher sozialistisch-kommunistischer Ideale willen. Weil er von
Die Höllenmaschine.
Von Rudolf Lexner.
..Morgen vormittag um diese Zeit wird von diesem Schiff unb allem, was sich darauf befindet, nichts mehr existieren."
Kapitän Küster sah den Mann, der da in der Ka- pitänsfabine vor ihm stand und eben diese merkwürdigen Worte mit einer sonderbar teilnahmslosen Stimme gesprochen hatte, mitleidig lächelnd an.
„Ganz unbegründete Besorgnis, verehrter Herr. Wir haben tadelloses Wetter, unb Eisberge gibts auf dieser südlichen Route nicht."
Der hagere, lange Mensch verzog keine Miene. „Dennoch wird der Dampfer „Arminius" morgen vormittag 10 Uhr 15 mit Mann und Maus untergehen. "
Ein Verrückter, dachte der Kapitän. Aber man mußte ihn zart anpacken, sonst war der Kerl noch imstande, sämtliche Passagiere nervös zu machen. So setzte Kapitän Küster denn seine liebenswürdigste Salonmiene auf, als er fragte:
„Würden Sie die Liebenswürdigkeit haben, mir zu erklären, wie Sie zu dieser merkwürdigen Behauptung kommen?"
„Weil sich eine Höllenmaschine an Bord befindet, die um die genannte Zeit explodieren wird."
„Waaas befindet sich an Bord?" Dem Kapitän schwoll die Ader an der Stirn. „Wie kommen Sie auf diese verrückte tjbee, Herr?"
,Zch habe sie selber in Hamburg an Bord gebracht."
Anscheinend wirklich ein Irrsinniger. Man mußte den Schisfsarzt rufen. Aber während der Kapitän schon die Hand nach dem Telephon ausstreckte, forderte er den verrückten Passagier auf, doch einmal zu erzählen, wie bas gekommen fei. Unb was ber Mann, ben die Schiffsliste als Ingenieur Karel Selenin aus Boston, Passagier erster Klasse, austnies, in ben folgenden Minuten erzählte, veranlaßte den Kapitän, vorläufig Telephon Telephon fein zu lassen und aufmerksam zuzuhören.
„Ich bin geborener Russe, aber amerikanischer Staats« arger," erklärte Herr Selenin mit unheimlicher Ruhe.
„Außerdem gehöre ich einer Organisation an, die hier nicht weiter interessiert. Ich war beauftragt, ein Urteil zu vollziehen, ein gerechtes Urteil an einem Manne, ber zwar eine sogenannte hochstehenbe Persönlichkeit, aber nichtsdestoweniger ein Schuft ist. Da der Mann sich mit einer Leibgarde umgeben hat, die ein Heran- tommen unmöglich macht, blieb uns nichts übrig, als das Schiff, auf dem er reift, in die Luft zu sprengen, so bedauerlich das auch für die übrigen Passagiere ist. Die Höllenmaschine ist in einer mittelgroßen Kiste verpackt unb enthält eine Ladung von Ecrasit und Nitroglycerin, stark genug, um dieses Schiff vollkommen in Fetzen zu reißen. Das Uhrwerk ist genau auf ben 15. Mai 10.15 eingestellt."
„Hm. Und wie werben Sie selber entkommen, ehe die — Katastrophe eintritt?"
„Wenn sie eintritt, werde ich ebensowenig entkommen wie die anderen." Die farblos nüchterne Stimme begann, den Kapitän nervös zu machen. Da war fo etwas fanatisch Desperates in den grauen Augen vor ihm, so daß das seine Verrückten-Theorie ins Wanken brachte.
„Angenommen, es verhält sich wirklich so, Herr Selenin. Was veranlaßt Sie beim, mir jetzt davon Mitteilung zu machen? Schlägt Ihnen das Gewissen?"
„Nein. 'Wir sind einer Mystifikation zum Opfer gefallen. Erst gestern habe ich erfahren, daß der Verurteilte sich gar nicht an Bord befindet, sondern wahrscheinlich aller Ueberwachung zum Trotz heimlich ein anderes Schiff benutzt hat."
„Na schön!" Der Kapitän stand auf. „Also kommen Sie mit und zeigen Sie mir, wo Sie die Höllenmaschine haben."
Der Fremde schnitt eine Grimasse. „Ich habe sie nicht, Herr Kapitän, die Kiste ist als Frachtgut aufgegeben unb befindet sich im Laderaum. Ich habe beobachtet, wie sie an Bord kam, unb kann Ihnen ungefähr angeben, wo sie steht. Ich werde dies auch tunu, aber nur unter der Bedingung, daß Sie mir Ihr Ehrenwort verpfänden, mich weder weiter zu behelligen, noch mich der Polizei anzuzeigen, wenn die Gefahr glücklich abgewendet ist."
„Staus!" brüllte Kapitän Küster unb griff nach einem
schweren Aschenbecher. „Staus, ober ich lasse Sie in Eisen legen, verstanden!"
„Wie Sie belieben. Ich habe Sie gewarnt."
Der Fremde verbeugte sich leicht und verließ die Kabine.
Als die Tür sich hinter ihm geschlossen hatte, fand sich Kapitän Küster in einer Verfassung, die alles andere war als rosig. Was sollte er anfangen? Eigentlich war es seine Pflicht, den offenbar Wahnsinnigen einzusperren. Schon damit er nicht etwa eine Panik an Bord anrichtete. Aber wenn nun doch etwas Wahres an der Sache war! Dieser Selenin sah ganz so aus, als ob ihm am Leben verflucht wenig gelegen wäre. Der Teufel hole diese Russen, besonders wenn sie amerikanische Bürger sind unb womöglich mit Al Capone ober Jack Dia- monb in Verbinbung stehen! Irgend etwas mußte geschehen, aber was? Sein Ehrenwort hatte dieser Halunke verlangt! Der Henker mochte ihm sein Ehrenwort geben!
Den ganzen Tag über war ber Kapitän ungenießbar. Offiziere und Mannschaften wunderten sich, woher die „Saumetterlaune" des sonst so jovialen „Alten" wohl käme. Es regnete Vorwürfe unb Donnerwetter, als sei bas Barometer mindestens 20 Grad gefallen oder ein Schraubenflügel gebrochen. Unb dabei war doch alles m schönster Ordnung an Bord.
Als der erste Offizier um acht Uhr abends feine Freiwache antreten wollte, wurde er zu feiner Verwunderung in die Kapitänskabine gerufen. Kapitän Küster hatte sich entschlossen, seinen Ersten ins Vertrauen zu ziehen, denn der Erste war ein Mann mit klarem und kühlem Verstände.
Kapitän Küster hätte gern gesehen, wenn sein Erster ihn recht kräftig ausgelacht hätte. Aber als der Kapitän seine Erzählung beendet hatte, machte er ein verflucht ernstes Gesicht.
„Tja, Kapitän, es ist natürlich möglich, sogar wahrscheinlich, daß es sich da um die Phantasie eines wildgeworbenen Gehirns tjanbelt. Aber ich glaube, auf sich beruhen lassen können wir die Sache nicht. Dazu ist die Verantwortung zu groß. Es wird uns nichts anderes übrig bleiben, als auch den Lademeister ins Vertrauen zu ziehen und nach ber Kiste suchen zu lassen."
„Die Kiste suchen," schrie der Kapitän wütend. „Zum Teufel, wo sollen wir denn das Ding finden? Ich kann doch nicht die ganze Ladung umkrempeln lassen. Da können wir suchen, bis wir in Newyork sind."
„Aber ich denke, der Kerl weih ungefähr, wo die Kiste verstaut wurde?"
„Weiß er! Will es aber nur sagen, wenn tch ihm ehrenwörtlich Straffreiheit zusichere."
„Tja, Kapitän," der Erste wiegte bedeutsam ben Kops, „da wirb Ihnen wohl nichts übrig bleiben, als das verlangte Ehrenwort . . ."
Was der Erste weiter sagte, erstickte ein hahnebüchener Seemannsfluch seines Kapitän. Aber die Folge der Unterredung war doch, baß der Kapitän auch den Lademeister rufen ließ unb ihm bie Frage vorlegte, ob er sich getraue, eine Kiste noch in biefer Nacht aus bem Laderaum zu schaffen, wenn ihm die ungefähre Lage derselben bezeichnet würde. Das meinte ber Labemeister wohl zu können.
„Also holen wir mal diesen Herrn Selenin ober wie er heißt, her!"
Eine Viertelstunbe später stand der unheimliche Fremde wieder vor dem Kapitän.
„Sie bleiben also dabei, daß sich an Bord eine Höllenmaschine befindet, bie in etwa 15 Stunden explodieren wird?" empfing ihn der Kapitän.
Der Fremde zog seine Taschenuhr unb warf einen Blick daraus. „In genau 13 Stunden, Herr Kapitän."
„Also gut." Kapitän Stifter tat einen tiefen Atemzug. „Ich gebe Ihnen im Beisein meines Ersten Offiziers mein Ehrenwort, daß ich Sie nicht verfolgen lassen werde und daß Sie in Newyork unbehelligt das Schiff verlassen sollen, wenn Sie behilflich sind, das Verbrechen zu verhindern. Ich mache Sie aber daraus aufmerksam, daß ich Sie unweigerlich einsperren lasse, wenn sich die Unwahrheit Ihrer Angabe herausstellt." Das Gesicht des Kapitäns begann sich wieder bedenklich zu röten. „Außerdem schlage ich Ihnen dann alle Knochen im Leibe kaputt!"
Der Fremde neigte leicht den Kopf. „Vollkommen einverstanden, Kapitän. Die Kiste rourte durch Luke 3 im Vorschiff verstaut. Es handelt sich um eine Holzkiste