Einzelbild herunterladen
 

Amtliches Kreisblatt

Anzeiger für die Staöt Aulda und denOandkreis Aulda

J " Mn

lahtg. 58

Samstag, 27.3uni 1931

Politische Zeitenwende?

ning findet in der Pariser Presse allgemeine Le­

hen.

*

stalten.

*

Die Rundfunkrede des Reichskanzlers Dr. Brw

Anläßlich des am 29. Juni wiederkehrenden 100 Todestages des Freiherrn vom Stein hatte der Westfalenbund Groß-Berlin am Donnerstag abend im Plenarsaal des Reichstags zu emer Ge­denkfeier eingeladen. Vor der Präsidententnbune war auf weiß-rotem Tuch inmitten eines riesigen Lorbeerkranzes dis Büste des Freiherrn vom

wollte von allen gehört werden, and wir möchten glauben, daß auch in solchen Kreisen, die von der Leutschnationalen Presse absichtlich über die poli­tische Entwicklung falsch orientiert werden, manch einer am Dienstag abend am Lautsprecher sich ein anderes Bild von dem Kanzler gemacht hat, der von Hügenberg und seinen Trabanten immer nur als der. Träger alles Uebels tzmgestellt wich.

Die Rundfunkrede des Reichskanzlers Dr. Brü­ning wird in einer halbamtlichen polnischen Aus­lassung als Ankündigung der Reichsregierung aus­gelegt, sich den Tendenzen zu widersetzen, die eine Anspannung in den Beziehungen zwischen Deutsch­land und seinen Nachbarn, also auch Polen, her- beiführen wollten. Die polnische Regierung sei stets der Meinung gewesen, daß nur in einer entspre­chenden Atmosphäre zwischenstaatli­cher Entspannung eine wirtschaftliche Stabilisierung Europas durchgeftihrt werden könne. Die nächste Zukunft müsse zeigen, in welchem Umfange die vom Reichskanzler ange­kündigte Politik verwirklicht würde.

Treviranus den Wunsch zum Ausdruck, daß das deutsche Volk wieder beseelt werden möge von dem Geiste Steins, dem Schöpfer und Schaffer

Stein ausgestellt. Im Namen des Westfalenbun­des Groß-Berlin hieß Rechtsanwalt Forkenbach die Erschienenen herzlich willkommen, darunter Reichskanzler Dr. Brüning und Reichsmmi- ster Trevi ra n u s , die preußischen Minister Severing und Dr. Höpker-Aschoff, Staatssekretär Dr. Krüger, Staatssekretär Bünder der Chef der Heeresleitung o. Ham­mer st ein, als Vertreter des Chefs der Ma- rineleitung Kapitän zur See Köhler, der Vizeprä­sident des Reichstags v. Kardorff, der Präsident des Preußischen Landtags Bartels, die Abgeord­neten der offiziell vertretenen Fraktionen der Deutschnationalen, der Deutschen Volkspartei, der Bayerischen Volkspartei, der Staatspartei und des Zentrums, ferner Oberbürgermeister Dr. Sahm Polizeivizepräsident Dr. Weiß und Pro­fessor Dr. Kohlrausch als Vertreter der Universi­tät Berlin. Als Erster brachte Reichsminister

wortnote zum Hooverplan fort. Die von dem amerikanischen Botschafter aus Paris eingegange­nen Nachrichten lauteten so ermutigend, daß Staatssekretär Stimson sich entschlossen hat, an seinem ursprünglichen Reiseplan festzuhalten. Er wird daher am Samstagnachmittag mit dem „Conte Grande" nach Neapel abfahren. Er wird sich kurze Zeit in Rom aufhalten und von dort ungefähr am 17. Juli nach Paris weiterfahren. In Berlin wird er etwa am 21. Juli eintreffen. Von Berlin wird er sich nach London begeben und nach längerem Erholungsaufenthalt in Schott­land Anfang September nach Amerika zurückkeh» ren. Im Staatsdepartement wurde betont, daß man die gegenwärtige Lage als in Ueber- einstimmung mit der von Hoover angestrebten Entwicklung für soweit geklärt halte, daß Stim­son es wagen könne, eine zwölftägige Seereise anzirtreten. In Europa werde Stimson durch per«

Die Anregung des Reichskanzlers Brüning in seiner nächtlichen Rundfunkrede, nach dem Vor­bild von Chequers auch mit den französischen Staatsmännern eine Aussprache herbeizuführen, ist, wie wir bereits mitteilten, in Frankreich sym­pathisch ausgenommen worden. Wie aus Paris einlaufende Nachrichten bestätigen, wird der deut­sche Vorschlag außer von B r i a n d und dem Ml- nisterpräsidenten Laval auch von den übrigen Mitgliedern des französischen Kabinetts begrüßt. Daß die Zusammenkunft zustande kommt, gilt als sicher, obwohl noch keine offizielle französische Ein­ladung vorliegt. Voraussichtlich wird sie noch vor dem Gegenbesuch der englischen Minister stattfin­den. Der genaue Termin soll erst dann festgelegt werden, wenn eine Klärung über die Durchführung des Hooverschen Planes, erzielt ist, um die zwi­schen Washington und Paris bestehenden Differen­zen ausgeräumt sind.

2)ie französische Regierung wird dann offiziell in Berlin anfragen, ob eine Einladung erwünscht ist und sich mit den deutschen Staatsmännern über den Zeitpunkt des Besuchs verständigen. Der französischen Regierung fft offenbar daran gelegen, daß die deutsch-französische Aussprache recht bald erfolgt.

Verschiedene Pressemeldungen wollen wissen, daß als Termin für die Reise des Reichskanzlers Brüning und des Außenministers Curtius der 4. Juli in Betracht gezogen sei. Von unterrichteter Seite wird aber diese Meldung als eine müßige Kombination bezeichnet. Zu einer übertriebenen Eile liegt, wie die Frkft. Ztg. schreibt, gar kein Grund vor. Soll die deuffch-französische Aus­sprache einen Nutzen haben, das heißt, in dem ge-

I nannten Blatt weiter, soll sie die Einleitung zu ei­ner Reihe offenherziger Besprechungen über vitale Gegenwarts- und Zukunftsfragen bilden, so bedarf es sorgfältigster U e b e r l e g u n g und der Ausarbeitung politischer und wirtschaftlicher Grundgedanken, die auf lange Sicht voraus berechnet werden müssen. Bloß um sich die Hande zu schütteln, wird man ja, so sollte man wenigstens meinen, ein solches zweites Eheguers nicht veran-

der deutschen Nation.

Sodann ergriff der preußische Innenminister Severing das Wort, wobei er u. a. aus­führte:

Es ist vielleicht das Bezeichnende der augen­blicklichen geschichtlichen Epoche, die wir in Deutschland erleben, daß wir unseren Blick rich­ten in die Vergangenheit, um nach Situationen zu suchen, die den heutigen ähnlich sind, uns aufzu­richten an dem Beispiel, das Führer unseres Volks in früheren schicksalsschweren Zeiten gege­ben haben. Führer sein heißt, Dienst am Volke uneigennützig zu verrich­ten. Stein war ein solcher Führer. Er war in jedem Augenblick bereit, alles aufs Spiel zu fet­zen, wenn es der höhere Dienst am Volke ver­langte. Sein Name wird ewig leuchten als ein Zeichen dafür, was ein großer Charakter in scheinbar verzweifelter Lage des Vaterlandes ver­mag.

Mit dem Gesang des Westfalenliedes leitete hiermit die Berliner Liedertafel von 1897 zur Festrede des Ministerialdirektors v. Leyden über. Der Redner schilderte zu­nächst den Lebenslauf des Freiherrn vom Stein und zeigte die Faktoren auf, die zu dem großen Reformwerk dieses Staats­mannes führten. Er verwies auf die Bedeutung der Nassauer Denkschrift vom Juli 1807, die den Gesamtplan einer Neuorganisation des Staates,

Re entscheidende Slmde zrankreichs.

Die Verhandlungen zwischen Paris und Washington. — Am die ungeschützte Annuität. — Amerikanische Rückfragen.

Brüning und Curtius gehen nach Paris

Der Zeitpunkt des Besuches steht noch nicht sest.

Freiherr vom Stein-Feier im Reichstag.

Zum 100. Todestage des großen preußischen Staatsmannes

Monatlich 1.80 einschließi. Postgebühr (48 PikM ohne .-ZusleUg Anzeigen-Preise: Kleinzeile (tlol.s lokai 0.15 llM ausroarte 0 20RM. Reklamezeile: lokal 0.60 RM.. auswärts 0.80 RM Bei Wiederholungen Rabatt Postscheckk Franti a M 4051

achtung. , , s,

„Mairn" stellt fest, daß sie hervorragend sei und daß Außenminister Briand sich hierüber des längeren mit Botschafter v- Hösch ausgesprochen habe. Die französische Regierung begrüße sehr herzlich den Gedanken eines Besuchs der Reichs­minister, sobald die Lage in Berlin ihnen eine Reise gestatte.

„Petit Parisien" äußert, Reichskanzler Dr. Brüning habe mit einer Kühnheit, die man anerkennen müsse, und die sogar alles das, was Gustav Stresemann in diesem Sinne versucht habe, übertreffe, die Anregung gegeben, b'r" Frankreich und Deutschland innerlich die Vergangenheit über­winden und sich entschlossen aus den Weg einer vertrauensvollen und loyalen Zusammenarbeit be­geben mögen. . _

„Journal" sagt, bevor Frankreich zu der Er­klärung des Reichskanzlers Stellung nehme, muffe es wissen, was die Deutschen wollten. Wollten sie von der finanziellen Hilfe sprechen, die Frankreich Deuffchland leihen könnte, oder von den Garan­tien zur Beruhigung, die sie etwa Frankreich zu ge­ben geneigt wären? Vor allem werde in dieser Hinsicht die Aufnahme, die man in Deutschland dem französischen Gegenvorschlag bereiten werde, inte­ressant sein. .

Der sozialistische „Populaire" sagt, letzt habe der Ministerpräsident Laval das Wort. Es erscheine unmöglich, daß er sich dem Appell Brünings ver­schließe. Die Lage sei zu ernst, als daß man zu­lassen könne, daß die Dinge sich in die Länge sie­

bte Einführung der Selbstverwaltung, die Tren­nung von Justiz und Verwaltung und tue Befrei­ung des Bauernstandes umfaßte, ferner auf die Geschichte vom Oktober 1807 über die Befreiung des Bauerntums und auf das Hauptwerk Steins, die Städteordnung von 1808. Dr. v. Leyden zeigte die doppelte Rolle Napoleons im Leben des Freiherrn vom Stein auf, der einmal auf Betrei­ben des Franzosenkaisers vom preuß. König tn Staatsdienst berufen, dann aber auf Veranlassung Bonapartes wieder entlassen werden mußte, ün Rußland gelang es Stein, das Bündnis zwischen Preußen 'und Rußland herbeizufuhren. Jedoch vermochte er es nicht, die Einigung der deutschen Nation und eine deutsche Volksvertretung aus dem Wiener Kongreß durchzusetzen. Der Redner schloß damit, daß es Steins heißer Wunsch sein würde, wenn er heute unter uns lebte, daß ^Na^d"er Gedenkrede Dr. v. Leydens verlas der Bundesvorsitzende Dr. Forkenbach das Tele­gramm des Reichspräsidenten. Worte besonderen Dankes richtete Dr. Forkenbach an den Reichs- kanzler, der trotz seiner großen Arbeitslast er­schienen sei.

Reichskanzlsr Dr. Brüning nahm hierauf das Wort zu einer Schlußansprache. Er wolle, sagte er, nur wenige Worte sprechen. Das zieme einem Westfalen und steme auch im Augenblick dem verantwortlichen Staatsmann in dieser entscheidenden Stunde unserer Geschichte. Dann fuhr der Kanzler fort:

Die Aufgaben der Geschichte wechseln. Nie kehret Gleiches wieder. Aber eines bleibt tn jeder entscheidenden «Stunbe etneä Volkes dasselbe : Das tst der Geist, mit dem an eine Aufgabe herangegangen wird. Und wenn ich Sie bitte, eine Mahnung von dem heutigen Abend mitzunehmen, so ist es die F r e i h e i t , wie sie Freiherr vom stein ge­meint hat; die Freiheit, wie wir sie aus un erer Heimat kennen. Sie ist ut erster Linie G e b u tr - denhert, Verpflichtung, Opfersinn, Verantwortlichkeit, Gemein sinn Das sind die Dinge, die die bürgerliche Freiheit bei« gründen. Das sind die Dinge, die in der burger- sichen Freiheit wieder die nationale Freiheit er- möglichen. Wollen Sie dieser Mahnung gerade in diesen Tagen eingedenk fein. Es kann einem Volke auch in schwerster Lage und schn^rster Stunde niemals schlechter gehen, wenn es sich ein- gedenk ist, daß die Freiheit nu r b u r tp Opfer, durch Verpflichtung, durch Ver- antwortung erkämpft wird. Und es kann einem Volke der Weg zur Freiheit nie verbaut werden, wenn Männer und Frauen sich wewutzt sind, daß Beharrlichkeit und Hoffnung und unab- Wsig zähe Arbeit eines Tages doch zum Ziele! führen müssen. Und mit Westfalens ungebeugten deutschen Söhnen und Töchtern rufe ich Sie auf und bitte Sie, sich zu erheben und mit mir emzu.- stimmen in den Rus: Unser Deutsches Vaterland, es lebe hoch!

Telegramm des Reichspräsidenten.

Der Wesffalenbund Groß-Berlin hat an den Herrn Reichspräsidenten folgendes Tew- gramm gerichtet:

„Bei her Freiherr vom und zum Stein-Feier des Westfalenbundes Groß-Berlin huldigen wir und die hier vertretenen Heimatoereine aller deut- fchen Stämme Ihnen, Herr Reichspräsident, der Sie die deutsche Reichseinheit durch Ihr hohes Amt verkörpern, eingedenk der Worte Steins: „Ich kenne nur ein Vaterland und das heißt Deutsch­land".

Gez. Westfalenbund Groß-Berlin".

Der Herr Reichspräsident hat hierauf das Folgende geantwortet:

„Den zur Gedenkfeier für den Freiherrn vom und zum Stein im Plenarsitzungssaal des Reichs­tags versammelten Mitgliedern des Westfalenbun. des und ihren Gästen danke ich für ihr freundliches Meingedenken bei der heutigen Veranstaltung. Dir Erinnerung an den großen Preußen und Deutschen Freiherrn vom und zum Stein, der in den Jahren tiefster nationaler Not verstand, alle Kräfte im Volke zu wecken und zum Wiederaufbau nutzbar zu machen, muß gerade uns in der so schweren Ge­genwart eindringlich mahnen, alle Kräfte zusammen­zufassen und einzusetzen zur Ueberwindung der Not und zum Wiederaufstieg unseres Vaterlandes.

Mit sreundlichen Grüßen

* Gez. v. Hindenburg, Reichspräsiednt".

Havas verbreitet am Donnerstagabend folgende Auslassung: Die französische Regierung hat noch keine Antwort von der amerikanischen Regierung auf die Abänderungsvorschläge erhalten, die sie am Mittwoch auf den Vorschlag Hoovers hat machen lassen. Jedoch hat die amerikanische Re­gierung nähere Angaben betreffend die tech­nische Durchführung über den von Frankreich gemachten Vorschlag der ungeschützten An­nuität (Jneonditionnel) durch Deutschland und zu. der Gewährung einer Anleihe an Deu tsch- lan d durch Vermittlung der internationalen Zah­lungsbank erbitten lassen. Man folgert daraus, daß die amerikanische Regierung die französische Antwott nicht zurückweist, sondern eine metho­dische Prüfung ihres Inhalts vornimmt.

Wie aus Washington gemeldet wird, setzten Hoover, Stimson und Mills am Donners­tag ü)ie Berattmgen, über bk ftanMfche Ant-

Es ist ein Vorgang von weltgeschichtlicher Be­deutung, daß der Präsident der Vereinigtenstaa- ten von Amerika in dem Augenblick, da die Wogen über uns zusammenzuschlagen drohten, Deutschland die Hand zur Rettung reichte. Es/st em.Gluck, daß der Mensch im allgemeinen die Große bet Gefahr, in der er sich befinden kann, nicht erkennt. Wird sie ihm nachher schaudernd bewußff so be- - ginnt er zu begreifen, daß es Machte gibt, ohne ■ deren Hilfe und Huld er dem blinden Verderben : ausgeliefert wäre. In einer solchen Gefahr hat . sich vor 8 Tagen noch das Deuffche Reich befun­den, aber glücklicherweise haben es nur die wenig­sten gewußt. Man hat, bewußt oder unbewußt, einen Sturm auf die Reich sbank unternormnen, der beinahe stark genug gewesen wäre, unsere Wah­rung zu erschüttern. Erschüttert hat er genug und die Reqierungsmänner in Berlin und anderswo haben sich sehr, sehr sorgenvolle Gedanken gemacht.

In diesem Augenblick kam das Hilfsangebot aus Amerika, der Vorschlag, sämtliche Schulden- und Reparationszahlungen vom bevorstehenden 1. Ichl ab auf ein Jahr ruhen zu taffen. Das bedeutet für uns, daß das Wasser, das ringsum immer höher stieg, zu sinken beginnt. Aber freilich müs­sen wir uns bewußt bleiben, daß von einem plötz­lichen Wohlstand nun selbstverständlich keine Rede sein kann. Die Krisentage der beiden letzten Wochen haben sehr viel Geld gekostet. Die eben erlassene Notverordnung muß den Reichsetat in Ordnung bringen. Wenn wir darüber hinaus durch den Vorschlag Hoovers etwa IVs Milliar­den an Ausgaben sparen, so müssen sie dazu be­nützt werden, um die Wirtschaft wieder m.Gang zu bringen. So weit sind tote leider noch nicht, daß wir das Geld nun verteilen könnten. . .

Darauf hat auch der Reichskanzler tn ferner Rundfunkrede am Dienstag abend sehr ernsthaft und mit starker Energie hingewiesen: Warnung vor übertriebenem Optimismus. Wir sind den Amerikanern dankbar, aber die weitere Hilfe haben wir selbst zu leisten. Nichts wäre verkehrter, als wenn wir jetzt die Hände in den Schoß legen woll­ten. Es war ein typisches Beispiel für die rück­sichtslose Entschlossenheit Brünings, nut den Illu­sionen auszuräumen, daß er deutlich aussp^ch, die schlimmsten Folgen der augenblicklichen Em- kommensverkürzungen würden sich erst in den Steueraussällen des Jahres 1932 Leigen. Auch I wenn der Vorschlag Hoovers jetzt durchgefuhrt und in der weiteren internationalen Politik die Auswirkungen haben wird, die jeder vernünfuge I Friedensfreund erhofft, dann stehen uns Deut­schen noch viele Monate bevor, in denen wir wirt­schaftlich wenig zu lachen haben werden.

Wenn Hoovers Angebot den Weg für die wirt­schaftliche Vernunft in der Welt wieder freizu­legen suchte, dann bedeutete Brünings Rundfunk­rede den heroischen Entschluß, mit dem diplo­matischen Eeheimkram zu brechen und über alle parteiischen Winkelzüge hinweg von Volk zu Volk einen Frieden anzubieten, der aus der Gesinnung und aus der Erkenntnis erwächst. Diese Rede war mehr als nur ein Hilferuf. Sie war der Ausdruck des Verständigungswillens einer Nation, und.sie war die Aufforderung zur Gewisfenserforschung für eine andere. Deutschland bietet Frankreich, sprechen wir es nur ehrlich aus, die Freundeshand. Und dieses Angebot hat gewirkt. Daran können alle zweifelnden und hämischen Bemerkungen in den Zeitungen, die hüben und drüben etwas anderes wollen, nichts ändern. Die Behauptung franzö­sischer Blätter, die gewisse deuffche Stimmen sich schadenfroh zu eigen machen, Brünings Appell sei -u. spät gekommen, kann die Tatsache nicht aus der West schaffen, daß die französische Regierung durch diese Rede gewissermaßen bei ihrer Ehre gepackt worden ist. Sie mag noch, in verjährten Ideo­logien befangen, nach Ausflüchten und deckenden Redensarten suchen. Die Welt steht ^u threr Mehr­heit in diesem Augenblick auf Seiten Deutschlands, und wenn ein Pariser Blatt auch jetzt noch den Mut hat, zu behaupten, Brünings guter Wille müsse erst noch bewiesen werden, so richtet es sich ^"^chon^cheint freilich festzustehen, daß die ftanzö­sische Regierung den Vorschlag Hoovers nur unter Vorbehalt annehmen Will,- aber wir glauben, bafe daS letzte Wort nicht in Paris, sondern m Was­hington und in London gesprochen wird. Frankreich würde sich durch Starrsinnigkeit und Unversöhn­lichkeit einer Jsolierungsgefahr aussetzen, die es kaum zu bestehen vermöchte. Es wurde all denen Recht geben, die seinen Beteuerungen me geglaubt haben. Briand, der so stolz darauf ist, der Vater des Paneuropagedankens zu sein, kann dem hoch­herzigen Vorschläge Amerikas gegenüber nicht aus seinem Nein beharren. Er wird sich seinen Chauvi­nisten gegenüber durchsetzen müssen, wenn er nicht einen Ruf als Friedenspolittker, auf den er so viel Wert legt, mit einem Schlage vernichten will.

Leider hat ein Teil der deutschen Presse den zögernden Franzosen auch in dieser entscheidenden Stunde wieder Handlangerdienste geleistet. Blat­ter, die unter dem Einfluß des deutschnationalen Führers Hügenberg stehen, haben es für richtig ge­halten, zunächst den Vorschlag Hoovers überhaupt -u bagatellisieren und dann die Rede des Kanzlers als belanglos hinzustellen. Der Berliner Lokal- anieiger hat es nicht einmal über sich gebracht, die Rede abzudrucken. In ganzen 11 Zeilen hat er sie erledigen zu können geglaubt. Das spricht nicht ür die Güte seiner politischen Anschauung. Auch der Ungeschulteste kann die ungeheure Bedeutung dieser Reaierungskundgebung mit Händen greifen. Die Blätter, die sie zu unterdrücken versuchen, setzen sich dem Verdacht aüs, daß sie ihren Lesern die Wahrheit vorenthalten wollen. Und so ist es wohl in der Tat. Die Radikalisierung großer Mas­sen in Deutschland hat ihren Grund nicht zuletzt darin, daß fie durch ihre Parteiblätter über das, was in Wirklichkeit vorgeht, nftht unterrichtet wer­den Und doch bleibt das Wort bestehen, daß nur' die Wahrheit uns freimachen kann. Brunmg hat nicht absichtslos den Rundfunk benutzt. Er

-ä M WzeMMN iß M M 3IIK Beilage 15

FuldaerZeitung

--Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: -Die Welt

AAR im Bild" und „Buchenblätter'. Rotationsdruck und Verlag Jlt. 140 ^r Fuldaer Acttendruckerei tn Fulda. Fernrufe: Schrift- ... leitung 3153, Fuldaer Actiendruckerei 3151 und 3152. :::