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Anzeiger für die Stadt Fulda und denLandkreis Fulda

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Ilr. 1*3

Amerikanische Warnung an Europa

Während Botschafter v. Hoesch Berlin be­reits verlassen hat, um sich auf seinen Posten zu begeben, haben in der Reichskanzlei am Montag Besprechungen mit dem deutschen Botschafter in Washington Dr. o. Prittwitz stattgesunden, in denen die durch den Vorschlag des Präsidenten Hoover gegebene Lage eingehend durchgesprochen wurde. Das Problem ist am Montag aber praktisch nicht weiter vorwärts gediehen. Es k o m m t j e tz t zunächst darauf an,wie sichdiefran- z ö s-i s ch e Regierung e i n st e l l t. Man war­tet deshalb wohl erst den Ministerrat ab, der am Dienstag in Paris stattfindet. Frankreich wird vielleicht noch besondere Vorschläge machen, um seinen Ausfall zu vermindern. Es verstärkt sich in politischen Kreisen aber der Eindruck, daß auch die französische Regierung sich dem großen Gedanken Hoovers nicht entziehen können wird. Vielmehr liegt nach Ansicht politischer Kreise auf der Hand, daß Deutschland nicht mehr in der Lage ist, seine Re­parationsverpflichtungen zu erfüllen. Das ist durch den Schritt des Präsidenten Hoover und die Zu­stimmung, die er bisher bei den Hauptmächten — außer Frankreich — gefunden hat, auch nach außen hin zu sinnfällig bestätigt, als daß Deutsch­land noch zögern könnte, von sich aus bestimmte Schritte zu unternehmen, wenn die Aktion des Präsidenten Hoover etwa an dem Widerstand ei­ner einzelnen Macht scheitern sollte. Die Tatsache, daß solche Möglichkeiten gegeben sind, wird sicher auch in den Beratungen des französischen Kabi­netts am Dienstag nicht unbeachtet bleiben kön­nen. Umsomehr rechnet man damit, daß auch Frankreich sich schließlich in die allgemeine Front zur Sanierung der Weltwirtschaft eingliedern wird.

Genf und die Zmtialwe Hoovers.

Wie von unterrichteter Seite verlautet, mißt man auch in den führenden Kreisen des Völker­bundssekretariats dem Schritt der Vereinigten Staaten größte Bedeutung bei. Man bezeichnet ihn als einender größten politischen Initiativen seit Kriegsende und erklärt, daß es sich hier wahr­scheinlich um einen entscheidenden Wende­punkt handele. Selbst die französischen Kreise des Völkerbundssekretariats können sich dieser Auffassung nicht entziehen. Man hört weiter die

* „Im Westen nichts Heues“ bleibt in Oester­reich verboten. (Eig. Meld.) Die Beschwerde der Unioersalgesellschaft gegen das österreichische Bun­deskanzleramt wegen Verbotes des Filmes „Im Westen nichts Neues" ist vom Verfassungsgerichts­hof abgewiesen worden.

wtb. Paris, 23. Juni. (Eig. Meld.) Der diplo­matische Mitarbeiter der Agentur Havas glaubt zu wissen, daß Frankreich bereit wäre, dem Vor­schlag Hoovers zuzustimmen, daß es aber den Wunsch habe, das Problem einer aufmerk­samen Prüfung zu unterziehen, ehe es amt­lich seine Antwort zur Kenntnis bringt. Bestimmte Finanzkreise Frankreichs faßten ins Auge, daß Deutschland für 1931-32 500 Mill. Mark oder die ungeschützte Tranche in nationaler Währung zahlt, die Frankreich für Darlehen an interessierte Natio­nen zur Verfügung stellt.

wtb. Paris, 23. Juni. (Eig. Meld.) Der Außen­politiker des Matin bestätigt, daß gestern vor­mittag der amerikanische Botschafter in Paris in Abwesenheit Briands dem Generalsekretär von Quar d' Orsay offiziell von dem Vorschlag Hoovers Kenntnis gegeben hat. 1

Echo de Paris und Oeuvre schlagen vor, daß man der Hoover'schen Anregung zustimmen müsse, daß jedoch Frankreich auf den unge­schützten Teil der Zahlungen nicht ver­zichten könne.

Die französischen Bedenken.

Matin errechnet, welche Opfer Frankreich im Falle der Verwirklichung der Hoover'schen An­regung bringen müßte und hält drei Punkte für besonders wichtig: 1. Frankreich habe keiner­lei politische Vorteile von einem Opfer, das es sozusagen nur unter einem moralischen Druck bringen würde. Die Deutschen würden darin nicht eine Geste des Entgegenkommens Frankreichs sehen. 2. Der geschützte Teil der Reparationen habe, vom finanziellen Standpunkte aus gesehen, einen unantastbaren Charakter, durch die Zah- lungsausfetzung würde ihr aber dieser Charakter genommen werden. 3. Bedenklich sei nicht die

fehle die Zeit. Eine internationale Konferenz, wie sie in der französischen Presse mehrfach angeregt worden ist, komme also nicht in Frage, solle der Vorschlag die gewünschte Wirkung haben, dann müsse er unverzüglich von den Gläubigern Deutsch­lands angenommen werden.

Präsident Hoover „sehr befriedigt".

Präsident Hoover, der in seinem Landhaus in der Nähe von Orange (Virginia) von einer an- strengenden Woche ausruht, hat mit großer Ge- nugtuung die Presseberichte aus dem Auslande und aus verschiedenen Teilen der Vereinigten Staaten über die Aufnahme, die sein Vorschlag gesunden hat, gelesen. Amtliche Kreise betonen, Hoover sei „sehr befriedigt".

In einem Leitartikel unter der Ueberschrift „Ein großartiger erster Schritt" erklärt „World Tele­gramm", Hoover habe die Krise nicht übertrieben. Sie könne gar nicht übertrieben werden. D e u t sch- land sei dem Bankerott und der Revo­lution so nahe, wie es eine Nation nur sein könne. Ehe diese Ereignisse eintreten, müsse in dem einen Jahr, für das der Zahlungs­aufschub gelten solle, die Beseitigung des Wett­rüstens, der falschen Grenzziehungen und der un- übersteigbaren Zollmauern in Angriff genommen werden. Geschähe das nicht, so werde die Gefahr einer Explosion nicht verhindert, sondern nur auf­geschoben. Falls die früheren Alliierten in der kommenden Abrüstungskonferenz ihre Rüstungen nicht durchgreifend herabsetzten, könnten sie sicher sein, daß der Kongreß es ablehnen werde, den Zahlungsaufschub zu verlängern, und daß.die amerikanische öffentliche Meinung die weitere Zu­sammenarbeit mit Europa ablehnen werde.

Die Seit drängt.

Staatssekretär Stimson erklärte, zu einer inter­nationalen Erörterung des Vorschlags Hoovers

fahrt Deutschland überfluteten und in einem gro­ßen Maße im deutschen Handel und in der Indu­strie aufgeteilt worden seien. Das Kapital sei fast ganz investiert in Unternehmungen, die jetzt nicht mehr in der Lage seien, ein derartiges Zurückziehen innerhalb einer Frist von 24 Stunden zu ge- statten. Der Versuch, plötzlich große Teile die­ser kurzfristigen Kredite aus Deutschland zurück­zuziehen, habe die Schuldner gezwungen, sich au s w ä rti g e W ä h ru n g en von der Reichsbank zu verschaffen in einem Umfange, der immer drohender wurde; aber der Run auf die Reichsbank könne jetzt als beendet angesehen werden. Dies beweise klar, daß das Wirtschaftsleben der Welt auf gegensei­tigem Vertrauen aufgebaut sei. Der Minister schloß: Daß Großbritannien, das mit der Welt­wirtschaft mehr als irgend ein anderes Land ver­knüpft, sich dieser Schwierigkeiten bewußt ist und ebenfalls unter ihnen leidet, unsere Lage wür­digen würde, war von uns erwartet worden. Wir Schulden Groß - Britannien unseren Dank dafür, daß es, wie die letzten Tage gezeigt haben, Jo energisch Anteil genommen hat, um die Schwierig­keiten zu beseitigen.

* C.N.B. Berlin, 23. Juni. (Eig. Meld.) Die Be­sprechungen über den Vorfchlag des Präsidenten Hoover gehen auch heute weiter. Am Vormittag hat eine Chjefbesprechung stattgefunden. Außer­dem empfing der Reichskanzler den Führer der Sozialdemokraten, Otto Wels. Irgendein Ergeb­nis können die Beratungen des Kabinetts heute noch nicht bringen. Der Schwerpunkt liegt augen­blicklich in Paris. Man muß abwarten, wel­chen Standpunkt das französische Kabinett ein- nimmt. Sobald Frankreichs Antwort an Hoover oorliegt, wird die Entwicklung nach Auffassung politischer Kreise wohl schneller weiter gehen.

Das Schicksal der Sachlieferungeu.

In politischen Berliner Kreisen beschäftigt man sich auch lebhaft mit der Frage, was bei einer Ein­stellung der Reparationszahlungen am 1. Juli aus den Sachlieferungen werden wird. Es ist nicht daran zu zweifeln, daß auch die Sachleistun­gen mit eingestellt würden. Sie betragen im lau­fenden Etats- und Reparationsjahr etwa 450 Millionen Mark. Natürlich werden gewisse In­dustrien von einer Einstellung dieser Sachleistun­gen betroffen werden. In unterrichteten Kreisen hält man diesen Schaden aber nicht für sehr groß, da nach Ansicht der Fachleute mehr als die Hälfte, schätzungsweise sogar 60 bis 80 Prozent normalen Exports in den Sachlieferungen enthalten sind. Ein großer Teil der Lieferungen würde daim also ganz automatisch ganz auf den Export über­gehen. In Kreisen der Reichsregierung ist man der Auffassung, daß die freiwerdenden Repara- tion^gelder in erster Linie zur Reservebildung und zur Konsolidierung kurzfristiger Kredite ver­wendet werden müssen, daß es darüber hinaus aber auch notwendig sein wird, einen Ausgleich für den Ausfall eines Teils der Sachlieferungen zu schaffen.

Der Zweck des Schuldenfeierjahres ist ia ge­rade, die Wirtschaft wieder zu beleben. 660 Mil­lionen von der Annuität hat bekanntlich die Reichsbahn aufzubringen. Es ist zu erwarten, daß ein Teil dieses Betrages für Zwecke der Wirt- fchaftsankurbelung verwandt wird, um den Weg­fall der Sachleistungen wettzumachen.

Reichsbankpräsidenl Lulher bei Brüning.

Reichskanzler Dr. Brüning hatte Montag nach­mittag eine Besprechung mit Reichsbankpräsident Dr. Luther über die schwebenden tributpolitischen Fragen.

Dietrich zum Vorschlag Hoovers

wtb. London. 23. Juni. (Eig. Meld.) Reichs­finanzminister Dietrich hatte mit dem Berliner Reuter-Vertreter eine Unterredung, in der er er­klärte, die letzten Tage hätten gezeigt, wie eng die Interessen der industriellen Länder miteinander verbunden seien. Die noch nie dagewesenen Schwie­rigkeiten, die während der letzten Wochen auf Eu­ropa, insbesondere auf Deutschland lasteten, hätten keineswegs ihren Ursprung in dem nicht balancierten Budget des Deutschen Reiches, im Gegenteil, dessen Schwierigkeiten seien verursacht worden durch die kurzfristigen Kre­dite, die in den Jahren der scheinbaren Wohl-

Relchsregierung und Hoover-Volschasl.

Die Besprechungen in Berlin. — Die Botschafter berichten. — In Erwartung der Stellungnahme Frankreichs.

Frankreich hat das Wort.

Wird es auf die Zahlung des ungeschützten Teiles der Reparationen verzichten?

Meinung, daß Frankreich unter dem Druck der Weltmeinung wahrscheinlich gezwungen ist, sich in der einen ober anderen Form an dem Plan zu beteiligen. Allerdings ist man sich auch darüber klar, daß von Frankreich Schwierigkeiten zu erwarten sind, weil es von allen Beteiligten am unmittelbarsten betroffen wird. Man teilt die Auffassung, daß ein etwaiger Hinweis Frankreichs auf seine Finanzlage nicht als gerechtfertigt angesehen werden könne; denn die finanzielle Stärke Frankreichs ist auch hier nur zu bekannt. In Kreisen der Wirtschafts- und Fi- nanzorganisationen des Völkerbundes hofft man, die Aktion Hoovers werde zu einer Ankurbelung der Wirtschaft beitragen, warnt aber auch vor dem Glauben, daß die Weltwirtschaftskrise nun mit einem Schlage überwunden werden könne. Im übrigen glaubt man auch hier, daß England und Italien sich ohne weiteres mit dem Plan Hoovers einverstanden erklären werden.

Das Echo in der polnischen Presse.

wtb. Warschau. 23. Juni. (Eig. Meld.) Die maßgebende polnische Presse nimmt heute zu dem Hoover'schen Vorschlag Stellung. Unter dem be­zeichnenden Titel „Das Geschwür bricht auf" kenn­zeichnet das Blatt der Regierung, „Gazetta Polska", die Weltlage. Das Blatt hofft, daß es auf Grund des Hoover'schen Vorschlages zu einer Einigung kommt. Sicherlich sei die Lage F r a n k- r e i ch s das nun auf 120 Mill. Dollar verzichten solle, überaus schwierig. Andererseits müsse jedoch bedacht werden, daß auch französisches „Kapital in Deutschland investiert sei. Die Möglichkeit eines Zusammenbruches der Reichsmark könne für Frankreich nicht verlockend sein.

„Kurjer Poranny" meint, daß Frankreich für seine großen finanziellen Zugeständnisse p o l i - tische Leistungen verlangen müsse. In die­ser Hinsicht sei auch Polen an diesem Weltpro­blem stark interessiert. Frankreich und Amerika dürften jetzt die Festigung der polnischen Unab­hängigkeit nicht außer Acht lassen und müßten von Deutschland kategorisch ein für allemal den Verzicht auf regionale Ansprüche gegenüber Polen verlan­gen. Die sich fetzt bietende äußerst günstige Ge­legenheit werde nicht so rasch wiederkehren.

zelheiten und gegenüber verschiedenen Bevölke- rungs- und insbesondere Erwerbsschichten führen können.

Nur eine Atempause wird uns vergönnt, wir müssen unsere Kräfte sammeln und neue Kräfte hinzugewinnen, um erst das eigentliche Sanierungs­und Aufbauwerk, das unser harrt, in Angriff neh­men und durchführen zu können.

FuldaerZerturrg

Arneiaer für die Stadl Fulda und denLandkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.

Einstellung der Zahlungen, sondern die Schwierig- leit, sie später wieder aufzunehmen.

*

Das Echo de Paris veröffentlicht eine Er­klärung einer ungenannten Persönlichkeit der französischen Regierung zum Vorschläge Hoovers, der ein einjähriges Moratorium der inteialliieiten Zahlungen vorsieht. In dieser Erklärung heißt, es u. a.: Die französische Regierung hat noch nicht alle notwendigen Präzisionen über die Modali- täten des amerikanischen Vorschlages erhalten. Der Ministerrat wird übrigens erst am Dienstag zusammentreten, um über die ernste Angelegen­heit zu beraten. Ernst ist diese Angelegenheit m der Tat, und die französische Regierung will hoffen, daß es sich bei dem Vorschläge des Prasi- benten Hoover nicht um eine Beeinträchtigung oer französischen Rechte handelt, da sich Frankreich vom wirtschaftlichen und vom poli- 11 s ch e n S t a n d p u n k t e a u s g e s e h e n, n i cht in der Lage befindet, auf 3 Milliar- den Franks zu verzichten, die Frank- reichs Anteil an der geschützten Annuität ausmachen, die durch die Bestimmungen des Aoungplanes und die durch die im Haag unter- zeichneten Terte feierlich garantiert worden ist. Amerika kann" nicht verlangen, daß sein Versuch, die Wiederflottmachung der deutschen Finanzen, durch eine Operation vorgenommen wird, bei der Deutschland der alleinige Nutznießer zum schaden Frankreichs und der anderen Länder Mitteleuro- pas sein würde, die ihr Vertrauen in Frankreich gesetzt hätten.

Sitzung des französische MMisterrats.

Der französische Ministerrat wird sich am Diens­tag eingehend mit einer Antwort auf die amen, konische Note befassen, deren Entwurf bereits vom Finanzminister Flandin gemeinsam mit Minister- Präsident Laval und Außenminister Briand aus- gearbeitet worden ist.

Hie Atempause.

Haben weitere Kreise des Volkes in den letzten Tagen eigentlich eine Vorstellung davon gehabt oder auch nur geahnt, in welcher entsetzlichen Lage wir uns befanben? Trotz der letzten Notverord­nung und trotz der surchtbaren Opfer, die sie ver­langte, ist der ganze Ernst der Sage doch wohl noch nicht überall erkannt worden.

Um es heute rund heraus zu sagen, es dreh: sich einfach darum, ob wir in acht bis vierzehn Tagen überhaupt noch Geld genug zur Verfügung hatten, um auch nu,r einem Teil der Verpflichtun­gen des Reiches nachkommen zu können. Es han­delte sich jetzt nicht mehr um die Frage, ob fünf oder sechs, sondern ob fünfzig oder sechzig Prozent an Beamtengehältern hätten gekürzt werden müs­sen. Ja, man konnte, wenn die Dinge so weiter­gegangen wären, den Tag und die Stunde aus- rechnen, in welcher das Reich überhaupt keine Ge­hälter mehr hätte zahlen können, und ähnlich war es in der Wirtschaft. Es handelte sich auch da nicht mehr darum, ob die gegenwärtige Notlage durch Verzicht auf einen Teil der Einkünfte überwunden werden kann, sondern einfach darum, ob der ein­zelne Angestellte überhaupt noch einen Arbeits­platz hat! Und nach den Vorgängen auf dem Devisenmarkt gerade in der letzten Woche trotz der 2 prozentigen Diskonterhöhung handelte es sich für den Kaufmann, den Handel- und Gewerbetrei­benden darum, ob er überhaupt noch imstande ist, ein Geschäft, seinen Betrieb, sein Unternehmen zu inanzieren.

Das, was wir in der letzten Woche am Devisen­markt erlebten, war einfach niederschmetternd. Die 2prozentige Diskonterhöhung hat in ihrer Wir­kung versagt. Die Devisenansprüche schnellten mit einmal wieder zu gefährlicher Höhe. In den drei letzten Tagen der vergangenen Woche wurden wiederum nahezu 180 Millionen Mark beansprucht. Davon allein am letzten Samstag 80 Millionen. Der Reichsbank blieb gar kein anderes Mittel, als nunmehr, da auch eine weitere Diskonterhöhung kaum den erwünschten Erfolg hätte bringen kön­nen, zur Kreditrestriktion, einem Brutalen, aber wirksamen Mittel, überzugehen. Das geschah da­durch, daß die Reichsbank vorerst überhaupt keine Wechsel mehr diskontiert und damit die Banken, die bisher auf dem Rücken der Reichsbank oder mit Reichsbankgeldern ihre Devisen finanzierten, zwingt, nunmehr aus ihre eigenen Bestände zu­rückzugreisen und die in letzter Zeit doch in außer­ordentlicher Höhe auch von den Banken auf Vor­rat gekauften Devisen abzustoßen. Aber die schlimme Auswirkung der Kreditrestriktion macht sich für die Wirtschaft und auch hier wiederum weniger für die große, als für die kleine und mittlere Wirtschaft bemerkbar.

Denn die erste und unmittelbare Folge der Ver­weigerung der Diskontierung von Wechseln durch die Reichsbank ist doch die Weigerung der Ban­ken, ihren Kunden Kredit zu geben oder gegebene Kredite zu verlängern. Die Forderung nach Rück­zahlung der Kredite, besonders wenn sie mit so schroffen Mitteln namentlich den kleinen und mitt­leren Handel- und Gewerbetreibenden gegenüber betrieben werden, wie wir das in letzter Zeit wiederholt beobachten mußten — während man die Großen schont, obwohl sie viel höhere Bankschulden haben! — würde aber zahllose Existenzen einfach zum finanziellen Zusammenbruch, zum Konkurs und zur Vernichtung ihrer ganzen Existenz bringen. Und dennoch ist die Kredittestriktion das einzige Mittel, um einen Währungszusammenbruch zu ver­meiden. Die Opfer, die gebracht werden müssen, und der Preis, um den dieser Währungsschutz er­kauft werden muß, sind freilich ungeheuer hoch, bte letzten Reserven müssen darangesetzt werden.

Wenn in diesem Augenblick die amerikanische Hilfsaktion in die Erscheinung tritt in Gestalt Lines sogenannten „W e l t f e i e r j a h r s", wo­nach also für ein volles Jahr die Reparations­zahlungen, und zwar nicht nur in ihrem geschütz­ten, sondern auch ungeschützten Teil eingestellt werden sollen, so bedeutet das nicht nur eine Atempause für Deutschland, das allerdings un­mittelbar am Rande der Katastrophe wandelte, sondern für ganz Europa und für alle Länder, die durch die Weltwirtschaftskrise so verhängnis­voll in Mitleidenschaft gezogen worden sind. Wenn nun unter Abziehung der auf jeden Fall zu zahlenden Zinsen für die Dawes- und die Poung- anleihe vom 1. Juli 1931 bis zum 30. Juni 1932 rund 1500 Millionen Reparationsgelder nicht be­zahlt werden brauchen, so bedeutet das gewiß eine fühlbare Entlastung; aber es wäre eine gefähr­liche Täuschung, wollte man nun glauben, daß ka­mst alle wirtschaftlichen Schwierigkeiten nun mit einem Schlage überwunden wären. Davon kann gar keine Rede sein.

Diese Atempause muß dazu benutzt werden, um der Wirtschaft neuen Antrieb und neuen Impuls zu geben, und das ist am besten da­durch möglich, daß der von Seiten der Reichs­bahn zu zahlende Reparationsanteil nunmehr für die Vergütung von Aufttägen an die Industrie -benutzt werden kann und daß in Wechselwirkung dieser Belebung auch die übrigen Industriezweige langsam wieder festen Boden unter den Füßen bekommen können. Um etwas anderes kann es sich gar nicht handeln als darum, daß die Wirtschaft sich wieder auf einem starken Fundament sam­meln und von da aus an den Wiederaufbau Herangehen kann. Die Schuldverpflichtungen des Reiches, der Länder und Gemeinden bleiben nach wie vor bestehen, und das Defizit muß auf «Ale Fälle ausgeglichen werden. Hoffnungen, die also etwa dahingingen, daß nun die zwischenzeitlich er­folgten wirtschaftlichen Auflagen, Steuern und dergleichen nach und nach verschwinden wurden, oder gar, daß die letzte Notverordnung vollkom­men aufgehoben werden könnte, gehen absolut fehl. Wohl aber würde die Wirkung des Schuldenfeier­jahrs ohne weiteres auch zu einer Erleichterung der Anforderungen dieser letzten Notverordnung und zu einer Verminderung ihrer auch an dieser Stelle wiederholt erörterten Härten in vielen Ein-

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