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FuldaerZertung

Anzeiger für die Stadt Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.

irr. 139

Erschein« sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Sie Welt im Bild" und „Buchenblätter'. Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernrufe: Schrift- ::: leitung 3153, Fuldaer Actiendruckerei 3151 und 3152. :::

Freitag, 19. Juni 1931.

Monatlich 1.80 einschlietzl. Postgebühr (48 Psg.) ohne fluftellg. Anzeigen-Preise: Kleinzeile (l£ol.) lokal 0.15 RM., auswärts 0.20 RM. Reklamezeile: lokal 0.60 RM., auswärts 0.80 RM. Bel Wiederholunaen Rabatt Postschecks Frankl c> M 4051

Zatzrg. 58.

Der Weg geht weiter.

Der Weg, der in Chequers beschritten ist, geht nicht mehr zurück, er geht weiter. Es ist überflüssig, besonders zu betonen, daß dieser Weg schwerste Aufgaben für die Reichsregierung mit sich bringt und daß wir uns aus härteste Kämpfe vorbereiten müssen. .'

Wer die wirtschaftspolitischen und finanziellen Ereignisse, die Erschütterungen des Wettwirtschafts­gebäudes, die sich immer stärker auswirkenden Krisen in den letzten Jahren, besonders in den vergangenen Monaten sorgsam studierte, der wird erkennen, daß die Krise, in der wir uns in der Welt befinden, nicht mehr die normale Krise ver-^ gangener Jahrzehnte ist, sondern die erste Krise des Hochkapitalismus in den zurück­liegenden fünfzig Jahren. Das ist eine furchtbar ernste Feststellung, die vor allem die amerikani­schen und englischen Bank- und Jndustriekreise machten. Man unterhält sich darüber, forscht nach den Ursachen, aber eine wirkliche Lösung dieser Krise ist noch von niemandem gefunden worden. Bis die Wirtschaft mit ihrer Erkenntnis und Ein­sicht in der eigentlichen Politik durchdringt, ist es meist zu spät. Daraus besonders ergibt sich eben die pflichtvolle Aufgabe unserer Regierung, die in Chequers die Diskussion über die Revision des Poungplans und damit auch über das Kriegs­schuldenproblem, als die eigentlichsten Ursachen der Wirtschafts- und Finanzkrise, eingeleitet hat, immer mehr die Wirtschaft selbst zum kraft­vollen Vorstoß gegen eine unsinnige Macht- und Gewaltpolitik zu alarmieren.

Man ist in der Welt bei der Mehrzahl der Regierungen noch nicht so weit, zu sehen, worum es jetzt, zumal in Europa, geht. Wir haben unsere Karten offen auf den Tisch gelegt, die Verhält­nisse in Deutschland geschildert, wie sie sind. Außer der Notverordnung lehrt aber noch ein anderer Vorgang die Welt, daß es so nicht mehr weiter­gehen kann. In Wien ist vor einigen Wochen die Oesterreichische Kreditanstalt über­raschend zahlungsunfähig geworden. Nahezu 150 Millionen mußten bereitgestellt werden, um die Schuldenlast zu decken und eine Sanierung zu er­möglichen. Eine internationale Hilfe wurde ge­währt. Aber es sind 'hohe Kosten, die Oesterreich und mit ihm andere Länder dafür bezahlen müssen. Denn Frankreich ist allem Anschein nach be­strebt, ohne Rücksicht aus die eigene Goldpolitik, ruhig einige Milliarden preiszugeben mit dem Ziel, die ausschlaggebende Mehrheit im Aktien­besitz der österreichischen Kreditanstalt zu erlangen. Sie ist keine Bank im gewöhnlichen Sinne, sondern eine Holding - Gesellschaft und Besitzerin der Aktienmehrheiten von zahllosen, ja beinahe sämt­lichen industriellen Werken nicht allein in Oester­reich selbst, sondern auch in Ungarn, der Tschecho­slowakei, Rumänien, Bulgarien und Jugoslavien.

Die Verhältnisse dieser Kreditanstalt, welche die Vorherrschaft in Mittel- und Osteuropa bei der Mobilisierung des Kapitals für industrielle Anlagen besitzt, sind so schwierig zu sanieren, daß die bisher vorgesehene Summe nicht ausreichen wird. Für geraume Zeit, mindestens für Mo­nate, müssen wohl Woche für Woche Hunderte von Millionen für die Sanierung aufgewandt werden. Zu einer solchen Sanierung ist in der nächsten Zukunft nur Frankreich in der Lage, da es über Goldmilliarden verfügt, welche zum größten Teil aus den deutschen Tributzahlungen stammen. Frankreich will sich mit Hilfe seiner Goldpolitik nun auch noch die wirtschaftliche Hegemonial­stellung in Mitteleuropa sichern.

Wer die französische Presse, besonders ihren Handelsteil, aufmerksam verfolgt, kann zwischen den Zeilen lesen, daß Frankreich ein Gleiches wie in Oesterreich bei der Kreditanstalt auch in Deutsch land vorhat. Darin liegen große und größte Gefahren, auf die wir mit allem Nachdruck ber den Erörterungen über das Reparationsthema

Humor des Tages

SÄ' Ä

Die Ablehnung der Anträge auf Einberufung des Reichstags und des Haushaltsausschusses hat die politische Krise beigelegt, iodaß Brüning Ruhe hat, sich den großen außenpolitischen Aufgaben zuzuwenden.

Brüning: „Hier sind wir durch. Hoffentlich haben wir die politische Stratosphäre erreicht,, in der keine Stürme mehr toben."

Hinweisen. Es ist besser, man kennt die Wahrheit und richtet sich danach ein, dann sind die Gefahren zu bannen, wird die französische neuerliche hinter­listige Gewaltpolitik zunichte gemacht.

Wenn wir in Deutschland unseren Befreiungs­kampf, unser Ringen um eine umfassende Dauer­entlastung von unmöglichen Tributverpflichtungen aber zu einem Erfolg führen wollen, . müssen Staat und Wirtschaft ein Ganzes bilden, müssen Regierung und Wirtschaftsführer zusam­menarbeiten. Die Wirtschaft darf nicht sich nur vor den Staat hinstellen und die öffentliche Hand beschuldigen, daß Fehler gemacht worden seien. Damit ist weder ihr noch dem Volke gedient. Denn gleiche, wenn nicht noch schwerere Fehler hat auch die Wirtschaft in den letzten Jahren nach dem Kriege gemacht. Das sollte verantwor­tungsbewußte Wirtschaftsführer veranlassen, eine strenge Gewissenserforschung anzustellen. Dasselbe gilt für die Bankwelt. Genau wie wir in der Reichspolitik heute neue Wege beschreiten, harte Reformen durchführen, rücksichtsloseste Sparsam­keit zur obersten Pflicht machen, so kommen wir auch nicht um eine Systemänderung in der Wirt­schaft und in der Finanzgebarung herum.

Die P e r s ä n l i ch k e i t ist wieder in den Vor­dergrund der Wirtschaftsgestaltung zu stellen. Der ist entscheidend für den Ausbau und die Gesun­

dung in der Wirtschaft, der planvoll handelt, selbst energisch zupackt, nicht aber der, der in dem Er­raffen von Aktienpaketen sein großes Ziel sieht. Wer glaubt, eine Besserung der wirtschaftlichen Verhältnisse mit ausländischen Krediten herbei- führen zu können, handelt töricht. Die Per­sönlichkeit allein schafft Vertrauen. Das Vertrauen wiederum bringt den Kredit, den aber mehr als bisher unsere Banken selbst zu geben haben und der auf der Persönlichkeit beruht. Bei jeder Kreditgewährung kann allein nur aus­schlaggebend sein, was der Unternehmer aus fei­nem Betrieb sür sich herausholt, wie er sein Kapi­tal im eigenen Betriebe zum Auf- und Ausbau verwendet. Darin sehen wir nämlich die positive Kraftanstrengung, die bei der Durchführung plan­voller Ideen, die von den Industriellen und den Bankorganisationen in der Zukunft zu fas­sen sind, bei stetig wachsender Einsicht und ber ber Umkehr in einer sich als falsch erwiesenen Wirtschaftspolitik uns aus den Krisen herausretten und hinführen kann auch zur Befreiung unserer heimischen Wirtschaft von äußerer Belastung. Wie in der Politik, so muß auch in die Wirtschaft Stabilität und Ruhe kom­men, sonst helfen alle staatlichen Maßnahmen nichts.

fen und die Gefahr eines Zusammenbruches ver­größern.

Empfang bei Bundespräsident BUklas.

Bundespräsident Miklas hat am Mittwoch Vizekanzler Dr. Schober, ferner den Präsidenten des Rationalrates Dr. Renner, Bürgermeister Seitz, Landeshauptmann Dr. Buresch und Bundes­minister Vaugoin empfangen.

Frankreich und die Wirtschaftskrise.

wtb. Paris, 18. Juni. (Eig. Meld.) „Avenir" schreibt, daß die Weltwirtschaftskrise auch auf Frankreich üb er greife. Der Warenaustausch im Mai sei der schlechteste seit der Stabilisierung des Francs. Es scheine auch nicht, daß der Außenhandel int Juni günstiger ausfalle.

Die Weltabrüstungs-Sonserenz.

Wie vom Völkerbundssekretariat mitgeteilt wird, hat der Generalsekretär des Völkerbundes jetzt die offiziellen Einladungen für die Weltab­rüstungskonferenz, die am 2. Februar 1932 in Genf beginnt, ergehen lassen. Es sind sämt­liche dem Völkerbund angehörende Staaten ein­geladen worden, außerdem noch Afghanistan, Brasilien, Costarica, die Vereinigten Staaten von Nordamerika, Aegypten, Ecuador, Mexiko, die Tür- Jet und Sowjetrußland. Die Eingeladenen sind gebeten worden, dem Völkerbundssekretariat zu gegebener Zeit die Benennung und Zusammen­setzung ihrer Delegation mitzuteilen.

England hilft Oesterreich.

150 Millionen Schilling bei der österreichischen Nationalbank eingezahlt. — Eine Demonstration gegenüber Frankreich.

Bei der Oesterreichischen Nationalbank sind Mittwoch abend aus London 150 Mill innen Schilling als Vorschuß auf die von der öster­reichischen Regierung im gleichen Betrage zu ge­benden Schatzscheine in ausländischer Währung eingezahlt worden. Diese Einzahlung wird als ein Beweis dafür angesehen, daß England volles Vertrauen zur österreichischen Nationalbank und zur österreichischen Währulng besitzt und von der baldigen Unterbringung der Schatzscheiüe über­zeugt ist. .*

Mit dieser Hilfeleistung hat England den Plan Frankreichs, das sich seine Hilfeleistung gegen­über dem in schweren finanziellen Sorgen befind­lichen Oesterreich mit einer Preisgabe von dessen politischer und wirtschaftlicher Selbständigkeit bezahlen lassen wollte, int letzten Augenblick vereitelt. Schon seit Wochen stand die österreichische Regierung mit Paris in Unterhandlung wegen Uebernahme von 150 Millionen Schilling österreichischer Schatz­scheine, deren Begebung int Zusammenhang mit der Sanierung der Oesterreichischen Kre­ditanstalt notwendig geworden war. In Frank­reich zog man die Verhandlungen in die Länge, indem man immer wieder neue finanzielle Bedin­gungen stellte. Je drängender die Lage Oester­reichs wurde, um so deutlicher trat der politische Charakter der französischen Forderungen hervor. Schließlich stellte Frankreich ein kurzfristiges Ultimatum, das am Mittwochabend ablief, und das für die Placierung der Schatzscheine die Aufgabe der politischen und wirtschaftlichen Selb­ständigkeit Oesterreichs verlangte. Man wollte da­durch nicht allein den Gedanken einer Zoll­union ein für alle Mal erledigen, sondern auch Oesterreich überhaupt unter französischen Einfluß bringen. Diesen Plan hat nun England, das die große Gefahr für die mitteleuropäische Situation erkannte, int allerletzten Augenblick durchkreuzt. Es trat der französischen Regierung nicht auf diplo­matischem Wege entgegen, sondern kam ihr durch eine Tat zuvor. Am Donnerstag, spät nachts, langte in Wien die Meldung an, daß England 150 Millionen österreichische Schilling bei der österreichischen Nationalbankhatein­zahlen lassen. Durch diese Finanzhilfe, die kurzfristig bis zur Unterbringung der Schatzscheine gewährt wurde, ist Oesterreich von der französi­schen Umklammerung befreit worden. Das Vor­gehen Englands ist als eine Demonstration für die Respektierung der österrei­chischen Unabhängigkeit gegenüber den französischen Forderungen zu werten. Politisch und finanziell bedeutet der englische Schritt für Oesterreich einen großen Erfolg.

Neues Kabinett Ender.

Die Amtliche Nachrichtenstelle meldet: Der Bundespräsident ersuchte Mittwoch abend denBun- deskanzler Dr. Ender, die Bildung der neuen Regierung zu übernehmen. Bun­deskanzler Dr. Ender erklärte, daß nach seinen Erfahrungen die außergewöhnlichen Schwierigkei­ten der heutigen Lage vom Parlament in seiner gewöhnlichen Weise nicht bewältigt werden kön­nen, und daß er daher dieser Aufforderung des Bundespräsidenten nur dann Folge leisten könne, wenn ge wisse Vorbedingungen geschaf­fen werden. Erste Bedingung sei, daß das Par­lament der Regierung weitgehende a u ß e r o r - dentliche Vollmachten für eine angemes­sene Zeit erteile, um das Gleichgewicht im Bun­deshaushalt rasch wieder herzustellen und in dem die Ereditanstalt betreffenden Fragenkom­plex die gebotenen Maßnahmen treffen zu kön­nen. Die Mitwirkung eines kleinen Parlaments­ausschusses bei Ausübung dieser außerordentlichen Verordnungsgewalt wäre dabei vorzusehen. Eine weitere Bedingung sei die, daß die Bereitwil­ligkeit gewisser Persönlichkeiten zur Mitwirkung in der neuen Regierung gegeben sei..

Der Bundeskanzler wird am Donnerstag durch Fühlungnahme mit Parteien und den in Frage kommenden Persönlichkeiten feststellen, ob

diese Bedingungen erfüllt werden, worauf er seine Entscheidung über die Annahme der Betrauung treffen wird.

*

Zur österreichischen Kabinetskrise schreibt der diplomatische Korrespondent des Londoner „Daily Telegraph": Der Rücktritt der österreichischen Re­gierung ruft starke Besorgnisse in diplomatischen und finanziellen Kreisen hervor. In London herrscht die Ansicht vor, daß die Zeit gekommen sei, Oesterreich wenigstens vor der ihm unmittel­bar drohenden Gefahr zu bewahren. Jetzt müßten sich die Regierungen Europas entscheiden, ob Oesterreich durch eine internationale Finanz- aktion bei seiner Wiedergesundung geholfen werden solle, oder ob man ihm den w i r t s ch a ft- Iich en Anschluß a »Deutschland gestatte. Eine Mittelweg würde sich auf die Dauer als nutzlos erweisen. Die englischen an der Kreüitan- stalt interessierten Banken seien nicht bereit, einen großen Preis für die Verhinderung der deutsch- österreichischen Zollunion zu zahlen, da sie sich we­nig ober gar nicht um die politische Frage inter­essierten. Lediglich Frankreich dürfte bereit sein, notwendige finanzielle Risiken aus politischen Gründen einzugehen. Italien sei mehr an Un­garn interessiert, da dieses Land als eventueller Verbündeter für wertvoller erachtet werde.

Oesterreich ist am Rande einer neuen Krise angelangt, schreibt ber diplomatische Kor­respondent des „Daily Herald". Der Rücktritt der Regierung wird die Wirtschaftskrise verschär-

* Strafverfolgung zweier nationalsozialistischer bayerischer Landlagsabgeordneter. (Eig. Meld.) Das Plenum des bayerischen Landtags geneh­migte die Aufhebung der Immunität der natio­nalsozialistischen Abgeordneten Streicher und Wagner zur Strafverfolgung in dem Straf­verfahren und in der Privatklage des Schriftlei­ters Schwingenstein von der Bayerischen Bauern­bund-Korrespondenz wegen der bekannten Ohr­feigenszene im Landtag.

Der Konflikt in Spanien.

Die Spannung zwischen Regierung und Kirche.

Der spanische Minister des AuswärUgen hat den apostolischen Nuntius in Madrid empfan- gen, der ihm eine Note des Heiligen Stuhls über­reichte. Hebet den Inhalt der Note ward« keine Mitteilung an die Presse gemacht.

Der Vorsitzende der vorläufigen Regierung hat den Bischof von Madrid empfangen, bet int Namen der spanischen Kirchenfürsten gegen die Art und Weise protestierte, wie der Kardi- nalerzbrschof von Toledo und Primas von Spanien festgenommen und ausgewiesen wor­den ist.

* Wieder polnische Militärflieger über deut­schem Gebiet. (Eig. Meld.) Mittwoch abend zwi- scheu 5 und 6 Uhr überflogen zwei polnische Mili- tärslugzeuge, gekennzeichnet durch die totweißen Karees, deutsches Gebiet zwischen Freystadt und Earnsee.

Amerika uni) die Schulden-Diskussion.

Dem größten Interesse begegnen die amerikani­schen Stimmen zur Schulden-Frage. Es gibt in Amerika eine sozusagen regierungsamtliche und eine mehr wirtschaftliche und finanzpolitische Ein­stellung zu diesem Weltproblem, das einer Lösung nunmehr entgegengeführt werden muß. Daraus resultieren die Widersprüche, sehen mir uns zu ber Feststellung veranlaßt, daß es ,,z w e i" A m e r i ka gibt Vor allem gilt das für die Einstellung gegen­über Europa.

In diesen Tagen haben zwei Kundgebungen Richtung und Ausblicke für die amerikanische Auf­fassung gegeben. Der Unterstaatssekretär Castle hat von einer amerikanischen Schuldennachlaßge­neigtheit gesprochen, während Präsident Hoover erneut den ablehnenden Standpunkt vertrat. Da­mit ist noch lange kein Faktum geschaffen.

Nach Castle könnte für Amerika die Möglich­keit einer Aenderung feiner internationalen Schul­denpolitik eintreten, das Staatsdepartement könnte sich von dem Vorhandensein der Notwendigkeit ei­ner Revision überzeugen lassen, sonst wäre auch die gegenwärtige Europareise S t i m s o n s nicht in allem begründet. Besonders wertvoll ist aber die Erklärung Castles, daß niemand in der Welt glauben dürfe, Amerika halte an der These der völligen Unverbundenheit von Schulden und Re­parationen fest. Das ist die erste offizielle Er­klärung, daß tatsächlich ein enger Zusam - menhang zwischen Kriegsschulden und Reparationen besteht. Wir können auf eine Bereitschaft Amerikas hoffen, die Schulden und damit die Reparationsfrage neu zu erwägen. Vielleicht haben die „Newyork Times" nicht Un­recht, wenn sie dieser Erklärung Castles die Deu­tung gegen, baß Amerika sich vielleicht an einer in einigen Monaten fälligen allgemeinen Repara­tionskonferenz beteiligen werde, weil es unklug auch handeln würde, eine Schuldenreoision abzu- lehnen, falls die Weltverhältniffe dazu drängen.

Um für die Zukunft die amerikanische Haltung verstehen zu können, ist schließlich daraus zu ver­weisen, daß mindestens vom Standpunkt ber Logik aus die amerikanische Auffassung, zwischen Kriegs­schulden und Reparationen bestünde kein Zusam­menhang, nicht zu widerlegen ist. Denn bei der Schaffung des Poungplanes bildeten die Schulden und deren Zinsen seitens der Reparationsmäape

gegenüber Amerika nur den ri u tab

der eigenen Forderungen, ein ' i"i« dem

Versailler Vertrag ist aber nicht möglich. Aber so n-ie । rh ''?nie ISchuld"' 1 ^t

gestaltet haben, kann eben in der Tat nur dann ein Ausweg aus ber Krise gefunden werden, wenn man sich in der ganzen Welt verständigt und über das Kriegsschuldenproblem ebenso verhandelt, wie über das Reparationsproblem.

Die Rede Hoovers in Indianapolis dagegen zeigt uns das „andere" Amerika. Hier sprach ber Politiker, der hartnäckige Staatsmann, der m schroffer Form Europa einfach erklärt, daßAmenka keine Veranlassung habe, sich um diesen Erdteil zu kümmern. Noch ist Hoover der, mit bestimmter Absicht bislang stets vertretenen Auffassung, daß die amerikanische Wirtschaft allein befähigt sei, die Krisen zu überwinden und ohne Rücksicht aus andere Erdteile auch eine Lösung zu finden. Das dürfte sich als gefährliche Selbsttäuschung erweisen. Optimismus ist zwar gut, aber so unerschütterlich darf er aus politischen Gründen — unö tue a.lein sind ausschlaggebend für die Haltung des pran- denten Hoover — denn doch nicht zur Schau ge­tragen werden. Es dürfte sich als falsch si^aus- stellen, wenn Hoover glaubt, Amerikas Wirtschafts- frife sei ausschließlich eine amerikanische Kri.e, wenn er die Schicksalsgemeinschaft des Abendlandes beiderseits des Atlantik leugnet.

Es wird schließlich den Vereinigten Staaten we- der einen Gewinn noch eine Krisenlosung bringen, wenn sie allein nur nach den Rezepten ihres Präsi­denten handeln und sich gegen Europa absperren, wie gegen eine ansteckende Krankheit, als ob es bei ber engen Verbundenheit der Wirtschaft in der gan­zen Welt überhaupt noch jemals ein isoliertes Vor­gehen geben könnte.

Auf alle Fälle sind die maßgebenden Wirt­schaftsführer in Amerika anderer Ansicht als der Präsident und Parteiführer Hoover. Ihre Erkennt- nis von dem Notwendigen ist auch schon eingedrun­gen in die Regierungskreise, und es kommt die Stunde Amerikas, in welcher es sich mit den euro­päischen Staaten an einen gemeinsamen Verhand­lungstisch setzen wird, um mitzuraten und mitzn» wirken bei der Lösung des europäischen Problems, das mit jedem Tage mehr zum Weltproblem wird.