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irr. 135

Fuldaer Zeitung (Amtliches kreisblatt)

Rund um die Woche

Spanisches. — Die Iefuiten. — Frühlingswehen. — Die Gurnitzer

Der Mann im Monde.

Man sagt Jesuiten

auf Sturm, so gibt Vor kurzem traf ich der heutigen Welt,

* Der neue Präsident des französischen Senats. Zum Senatspräsidenten wurde in der Stichwahl Senator Lebrun mit 147 gegen 139 Stimmen, die auf den Senator Jeanneney entfielen, gewählt. Senator Lebrun ist der intime Freund Poincares. Als Vorsitzender des Senatsausschusses für Heeres- wesen hat er im letzten Winter wiederholt Reden gehalten, in denen er ganz besonders das Thema der „deutschen Gefahr" behandelt hat.

* Henderson gehl nach Paris. Times meldet: Die britische Regierung hat eine Einladung erhal­ten, eine offizielle Abordnung zur Pariser Kolo- nialausstellung zu beordern. Das Kabinett hat die Einladung angenommen und den Staats­sekretär des Aeußern Henderson mit der Vertre­tung beauftragt. Die britische Abordnung wird sich während der „britischen Woche" der Ausstel­lung, ungefähr a m 10. I u l i, nach Paris begeben.

Weltgeschichte geschlagen hat. und meint Rom . . .

Deuten alle diese Zeichen es doch auch wieder andere, einen der klügsten Menschen

ist berufen, mitzuentscheiden, in dem größten Kampfe der Geschichte, dem Kampf zwischen Chri­stus und Satan.

Wenigstens andeuten möchte ich, daß das neue wundervolle Buch von der Dolores Vieser, der Verfasserin des „Singerlein", das den Titel führt „Der Gurnitzer", auch in diese Ebene hinabführt. Es ist wieder ein Werk, in dem ein Kind des Volkes feine Sprache spricht und das Lied smgt von den zwei Falken, die in die Sonne flogen und müde wurden, ein slavisch melancholisches und doch auch wieder ein deutsch ritterliches Buch.

Nimm und lies.

Noch danke ich für ein Geschenk von 60 Mark. Könnte ich nur den mir unbekannten Gebern sagen, wie viel Freude mit diesem Gelds gestiftet wurde. Ein herzliches Vergelts Gott. Auch ein Edelweiß ist mir auf den Tisch geflogen ... ich sag aber nicht, von wem . . . nein, nein, das sag ich nicht ....

der die Möglichkeit hat, alle Kontinente zu be­obachten. Er erzählte mir wie ausfallend es sei, daß heute in allen Ländern eine geheimnisvolle religiöse Welle zu bemerken sei. In Frankreich, in Amerika, in Afrika, bei den Türken selbst, bei den Japanern, überall treten Kreise von Menschen hervor, die aus der Not dieser Zeit und getrieben von einer überwältigenden Stimme von oben sich wieder der Welt der Religion zuwenden. Man könnte an das Gesetz der Goetheschen Polarität denken, die uns in diesem Falle sagt, daß in einer Zeit, die den Eotteshaß.in solcher Steigerung er­lebt, auch die Gottesliebe sich in heißer Form fin­den werde, und so verhält es sich in der Tat. Eine Geisterschlacht ist im Gange, nicht nur auf dieser Erde, sondern auch zwischen Luzifer und Michael. Stelle dich kühn hinein, denn der Mensch ragt empor in dieser hohen Geisterwelt, und er

immer von neuem. Drüben in Südamerika be­merken wir diese Hetze so gut wie in Spanien. Die neue Republik hätte gerade die Jesuiten schützen müssen, weil sie außerordentlich viel für die Arbeiter und überhaupt für die neue Zeit ge­tan haben. Es sei nur erinnert an das prächtige Jnstitnto Catolico de Artes s Jndnstrias, die mo­derne Ingenieurschule in Madrid, kurz genannt JCAJ., die von Jesuiten gegründet wurde und noch heute geleitet wird. Nicht nur Ingenieure werden dort ausgebildet, die bloß auf das Zeug­nis dieser Schule hin allenthalben in der spa­nischen Kulturwelt sofort eine Anstellung finden, sondern auch Arbeiter werden in den untersten Kursen geschult, und zwar gratis, nur aus Liebe zum Volk. So anhänglich waren die Schüler dort, daß f'e bei dem großen Klostersturm ihren Flügel mit Erfolg verteidigt haben. Aber gerade die Jesuiten wurden bei der Hetze in den Vorder­grund gestellt, und obgleich auch die Klöster an­derer Orden fast in gleicher Zahl angegriffen worden sind, so war doch fast immer nur die Rede von den Jesuiten. Das Unmöglichste wird von ihnen geglaubt, genau so wie schon in den Zeiten Bellarmins. Damals ging das Gerücht durch Deutschland, der Teufel habe ihn geholt, was man in der Zeit der Hexenprozesse auch wirk­lich für wahr hielt. Als Bellarmin davon hörte, verkündete er vor der breitesten Oeffentlichkeit, er lebe doch noch und so könne ihn der Teufel doch nicht geholt haben. Was willst du, das Gerücht ging lustig weiter, hat doch jede Zeit ihre Luden­dorffs. Ich fragte wogen dieser Dinge einmal einen alten Jesuiten, der mir als Antwort recht drollige Geschichten erzählte. Einmal kamen einige Fremden zu ihm und sagten: Hören Sie, wir sind ganz einig mit Ihnen. Auch wir glauben, daß der Zweck die Mittel heiligt. Nun haben wir einige Feinde, so etwa 30 an der Zahl. Nicht wahr ist, hier ist Geld, Sie werden sorgen, daß sie verschwinden . . . Dann wieder kam man zu ihm und sagte mit der gleichen Ehrlichkeit: Wir wissen, daß Sie an der afrikanischen Küste eine Flotte von 79 — also genau 79 — Schiffen unterhalten. Stellen Sie uns diese Flotte zur Verfügung gegen die Bolschewisten. Als der Pater, der von dieser Flotte nichts wußte, ablehnte, wurden sie sehr zornig und behaupten seitdem, die Jesuiten müß­ten im geheimen Bunde mit den Bolschewisten stehen, weil sie doch ihre Flotte nicht hergeben wollten. Solcherlei Geschichtchen erzählte mir der Pater dutzendweise. Wenn eine allgemeine Je- suitenhetze losgeht, dann weiß man, was es in der

Der Prozeß gegen Seldke und Düsterberg.

Seldke und Düsierberg zu je 800 Mark Geldstrafe verurteilt.

Vor dem Schöffengericht Berlin Mitte fand am Donnerstag der Prozeß gegen die beiden Bundes­führer des Stahlhelms, S e l d t e und Düster- b e r g, sowie gegen den Hauptschriftleiter K I e i- n a u wegen gemeinschaftlichen Vergehens gegen das Republikschutzgesetz statt. Die An­klage stützt sich auf den Inhalt eines Aufru­fes, der von den Genannten im Anschluß an die Einbringung des Stahlhelmsvolksbegehrens an­gefertigt wurde. — Die Verteidigung hatte den Wahrheitsbeweis für die in dem Aufruf enthal­tene Behauptung angeboten. Das Gericht hat je­doch die Ladung von Zeugen abgelehnt, sodaß nunmehr lediglich die Erklärungen der beiden Bundesführer ausschließlich im Vordergründe des politischen Interesses stehen dürften.

Wegen gemeinschaftlichen Vergehens gegen § 5 Ziffer I des Gesetzes zum Schutze der Republik vom 25. März 1930 wurden die Stahlhelmführer Seldte und Düsterberg anstelle einer an sich ver­wirkten Gefängnisstrafe von zwei Monaten zu je 800 Mark Geldstrafe, der Redakteur Kleinau an­stelle von drei Wochen Gefängnis zu 300 Mark Geldstrafe verurteilt. Alle Exemplare der Bei­lage der Zeitung „Der Stahlhelm", in der der Aufruf erschienen ist, werden eingezogen.

Es hat sich im politischen Leben einiges ereig­net, das uns Zwingt, über die geistigen Hinter­gründe nachzudenken, obwohl sie noch sehr im Ver­borgenen liegen. In Spanien beobachten wir einen merkwürdigen Bund zwischen der liberal- sozialistischen Republik und dem Kommunismus. Tatsache ist es jedenfalls, daß es in den Tagen »er Revolution eine ganz fabelhaft organisierte Bande, gab, die jenen Klostersturm ins Werk ge­setzt hat. In Madrid waren es nicht mehr als 200 solcher Verbrecher, wahrscheinlich Importware, die das ganze Unheil angerichtet haben. Volks- wut und dergleichen hat es nirgends gegeben. Im Gegenteil haben in Malaga ein paar Fischer ge­nügt, ein ganzes Kloster vor den Zerstörern zu retten. Hätte es in jeder spanischen Stadt nur ein kleines Häuflein organisierter katholischer handfester Männer gegeben, die gegebenenfalls die Kirche verteidigt hätten, es wäre nichts pas­siert. Das ist die Wahrheit, die ich aus dem Munde von Spaniern, die alles miterlebt haben, unmittelbar erfahren habe. Nun hat,,Daily Mail" einen Berichterstatter hingesandt, der fesfftellen sollte, wieweit Moskauer Geld an den Aufständen beteiligt gewesen sei. Es kam heraus, daß drei Millionen Pfund Sterling, also über 60 Millionen Reichsmark, an Bestechungs- und Unter« stiitzungsgeldern ausgegeben worden sind. Das Interessante ist nun, daß diese Banditen von den Regierungstruppen nicht gehindert wurden. Sie standen eben doch Gewehr bei Fuß, als die Benzinhelden ihr Zerstörungswerk verrichteten. Da alles feine Ursache hat, so müssen wir hier auf Fäden schließen, die zwischen den Männern der Revolution und den Bolschewisten hin und her gelaufen sind. Aehnliches bereitet sich anderswo vor, vielleicht unter veränderten Umständen sogar in Italien. Nacheinander sftid die südamerikani­schen Republiken und nun auch die romanischen Länder Europas revolutioniert worden. Bolsche­wismus und politische Geheimbünde haben das gemeinsam gemacht. In die gleiche Linie gehört die eigenartige Haltung Frankreichs der Sowjet­union gegenüber. Der Nichtangriffspakt soll Zu­standekommen. Ganz abgesehen davon, daß Deutschland dadurch eine in den Augen mancher wertvolle Karte aus der Hand geschlagen wird, muß man auch hier an eine gewisse Verständigung hinter den Kulissen denken, wie es ja auch in Genf deutlich geworden ist. Das alles zwingt uns zur Annahme, daß eine gewisse Jdeenverwandt- schaft zwischen dem Sowjetismus und dem Libe­ralismus obwaltet und daß aus dieser Jdeenge- meinschaft gleichförmige Taten hervorgehen. Ihrem Kern nach besteht diese innere Verwandtschaft int gemeinsamen Haß und Kampf gegen das Chri­stentum und besonders die katholische Kirche. Wenn nicht alle Zeichen trügen, so sind wir nicht mehr weit von einer internationalen Kirchenver­folgung entfernt, die zunächst in den romanischen Ländern losbrechen wird.

Ein deutliches Zeichen sind auch die überall erneut einsetzenden Angriffe gegen die Jesuiten. Wir kennen das aus unseren eigenen Verhält­nissen. Juden, Freimaurer und Jesuiten sind das Dreigespenst, das nicht nur vor der aufgeregten Seele Ludendorffs herumirrwischt. So verrückt diese Phantasien sind, sie werden doch geglaubt, wie es überhaupt erstaunlich ist, was alles so ein moderner Ungläubiger „glaubt". Weniger in der großen Presse, um so mehr in den kleinen Blät­tern, wie sie heute massenhaft bei den verschie­densten Gruppen herauskommen, gehen diese Ge­spenster um. Es ist so dumm, daß man solche Dinge einer Antwort nicht für wert hält. Man sollte aber doch darauf reagieren und richtigstellen,

Der Zeileis-Stab genügt nicht.

SBerwrteilimg ckrres Arztes in einer Schadenersatz­klage.

Das Innsbrucker Landesgericht gab am Donnerstag in der Schadenersatzklage der Frau Winkler gegen Hofrat Dr. Zeipek wegen falscher Diagn osemitdem Z e i l e i s st a b

Sonntag, den 14. 3uni 1931.

das Urteil bekannt, nach dem der Klage in ooIIem Umfange stattgegeben und gegen den Arzt auf Zahlung eines Schmer- zensgeldes, der Prozetzkosten, des Ko. stenersatzes für die zwecklosen Zahlungen, der Reiseauslagen und der ohne Verschulden des Beklagten aufgelaufenen Operativ ns- kosten und Mehrkosten der Patientin in der Schwerkrankenklasse erkannt wurde. Zu letzterem heißt es in der Begründung, daß der Klägerin diese Mehrkosten bei einer rechtzeitig vorgenomme­nen Operation erspart geblieben wären. Weiter wird in der Begründung unter anderem gesagt, daß es schon für einen Laien einleuchtend sei, daß die Untersuchung durch den Zeileisstab nicht unter allen Umständen zum Ziele führen könne und damit nicht alle etwa vorhandenen Krankheiten erkannt werden können. Es wäre Pflicht des Arztes gewesen, sich bei der Untersuchung aller Mittel zu bedienen, die die ärztliche Wissenschaft für die Untersuchung eines Kranken vorsieht. Die klinische Untersuchung, die im Hinblick auf die zu- gestandene, nicht absolute Verläßlichkeit des Diag­nosenstabes von vornherein geboten gewesen wäre, habe der Arzt ganz beiseite gelassen. Das mußte, wie auch der Erfolg zeigte, eine Fehldiagnose und damit eine unsachgemäße und zwecklose Be­handlung zur Folge haben.

* Todesurteil wegen Mordes. Das Gör- l i tz e r Schwurgericht hat den 23 Jahre alten Bäk- kergesellen Ponnwitz, der am 1. April ds. Js. der Kriegerwitwe Anna Rachfahl mit einem Mes­ser die Kehle durchschnitten hatte, so daß sie bald darauf verstarb, wegen Mordes zum Tode unter Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte ver­urteilt. Ponnwitz hatte die Tat bekanntlich aus Rache darüber begangen, daß Frau Rach­fahl das Liebesverhältnis, das er mit ihrer Toch­ter unterhielt, nicht dulden wollte.

* In den französischen Alpen verfliegen. Wie dem Matin aus Grenoble berichtet wird, haben sich zwei Deutsche in den französischen Alpen verstiegen. Sie saßen acht Stunden auf einem Felsen fest, bis sie von ortskundigen Bergsteigern aus ihrer gefährlichen Lage befreit werden tonn»

Die sparsame Marianne.

Am 13. Juni findet der Einzug des neuen fran­zösischen Präsidenten in das Elysee statt. Dabei zeigt es sich, wie raffiniert sparsam Marianne bei der Wahl war. Auf allen Schildern und Akten müssen nur die drei letzten Buchstaben des letzten Präsiden­ten gestrichen werden und alles ist für den Nachfol­ger bereit.

Mariann e: Ich wußte doch gleich, daß „Briand" nicht der richtige Name war.

Burnus ist in einschlägigen Geschäften in Dosen zu den ermässigten Preisen von 22 und 54 Pf. erhältlich. Weitere Auskunft über Burnus und seine Wirkung durch August Jacobi Akt.-Ges., Darmstadt.

Warum

keine Wäsche ohne Burnus?

Weil infolge seines Gehaltes an Enzymen Burnus schon durch müheloses Einweichen der Hausfrau den grössten Teil der Wascharbeit abnimmt, sie also in erheblichem Umfange entlastet Ausserdem aber werden noch wesentliche Ersparnisse an Seife, Seifenpulver und Feuerungsmaterial erzielt und ferner eine bisher unerreichte Schonung der Wäsche.

Deshalb

keine Wäsche ohne Burnus!

Viola.

Aus dem Leben einer Frau.

Von Charlotte Ursina.

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Ihr Gesichtchen hatte sich krampfhaft verzerrt bei den letzten Worten, und sie schüttelte den Kopf.

„Er befand sich damals gerade auf seiner größten Reise. Aber wir sind uns ganz zufällig in Honkong be­gegnet. Es war eine merkwürdige Fahrt damals, von Honkong nach Bombay ... ich glaube Erik Thorsen hat sie nie vergessen . . ."

„Was war zwischen Ihnen und Erik Thorsen? Und was wußte mein Vater darum?" fragte sie plötzlich, und ihre Augen blickten ihn durchdringend an.

„Jetzt, da beide tot sind, sollten Sic endlich spre­chen, — und ich glaube ein Recht zu haben, danach zu fragen : . . schon, um . . ." Sie wollte noch etwas von ihrem Vater sagen, aber sie brach hastig ab.

Kapitän Teja Thorsen stand einen Augenblick stumm. Er hatte diese Frage so kurz und sachlich nicht erwartet.

„Die „Viola" geht gleich nach Mitternacht in See . . vorerst mit Kurs auf Brindisi . . . Wenn Sie mitkom­men wollen?

Die Kabinen sind vorzüglich, — Luxuskabinen! — Auch mit der Aufwartung und Bedienung dürften Sie zufrieden sein ... — Eine kleine Erholungsreise täte Ihnen gut, besonders nach diesen Stunden . . . Und dann würde ich Ihnen alles sagen . . . Alles!"

Teja Thorsen machte noch einen winzigen Schritt aus sie zu. Viola rührte sich nicht. Nur aus ihrem Blick sprach ihre ganze Seele — sie haßte ihn!

„Darf ich Sie jetzt zum Souper bitten? Es ist be­reits ein Viertel vor neun Uhr. Nach elf Uhr muß ich mich an Bord begeben."

Sie schritt an ihm vorbei, ohne einen einzigen Blick, vor dem Spiegel blieb sie stehen.

Ihr Hut? Ach, ja, ja! sie erinnerte sich. Sie warf den champagnerfarbenen Seidenmantel mit den breiten Sommerpelzbesätzen um Kragen und Aermel ab, zog ein wenig an dem mattgrünen Jumperkleidchen, rückte die keine, echte Perlenkette um itz7«n Hals zurecht, zog das

silberne Kämmchen aus ihrer Manteltasche und glättete ihr verwirrtes Haar.

Thorsen verfolgte jede ihrer Bewegungen.

Sie kühlte die heißen, fiebrigen Hände unter dem hel­len Wasserstrahl des fließenden Wassers und betupfte das Gesichtchen leicht mit einer hauchdünnen Schicht duf­tenden Puders. Auch diese kleine, goldene Puderbüchse war Eriks Geschenk, — damals in San Remo hatten sie es gemeinsam gekauft. Damals! Wie sie wieder da­ran dachte, an diese acht Tage, an diese glückseligsten Tage ihres Lebens.

Sie lächelte . . .

Teja Thorsen betrachtete sie unverwandt von der Seite, aber sie schien ihn ganz vergessen zu haben; als sie sich umwendete und seinem Blick begegnete, schrak sie wieder zusammen.

„Ich will nach Hause fahren! Sorgen Sie, daß mein Auto bereit steht!"

Sie öffnete entschlossen die Jnnentür des Zimmers und stieß die zweite, nach außen, zum Gang führende auf. Als sie den ersten Schritt auf die Schwelle machte, zuckte sie zurück ... ein Schwindel packte sie . . . Sie zitterte ... sie schwankte . . .

Hätte Thorsen sie nicht in seinen Armen ausgefangen, sie wäre hingesunken.

Draußen schritten drei Herren mit den großen gel­ben Aktenmappen in den Händen vorbei. —

Teja Thorsen legte Viola vorsichtig auf das Bett. Als er sich wieder umwendete, um die Türen zu schließen, war einer der Herren vor dem Zimmer stehen geblieben. Er starrte durch die dunkelrandige Brille, sein blasses Ge­sicht wurde noch fahler, gelblicher, verzerrte sich. Da schlug Thorsen hart die Tür«ins Schloß.

Viola lag besinnungslos auf den weißen Kissen. Die Augen hatte sie geschlossen, kaum daß er ihren matten Atemzug vernahm.

Er knipste das kleine Nachttischlämpchen an und setzte sich auf den Rand des Bettes.

„Viola . . . Viola . . ."

Zögernd griff er nach ihren Händen, streichelte sie, küßte sie. — Dann legte er sie wieder vorsichtig auf die seidene Bettdecke zurück, um sie nicht in seinen har­ten Händen zu zerbrechen . . .

„Viola , . , Viola ter Gruiten," sprach er halblaut

vor sich hin mit mattbelegter Stimme, und sein Blick umfing ihre kleine Gestalt.

„Viola ter Gruiten!"

Er wollte sie in seine Arme reißen, hinaustragen, in das Dunkel der Nacht, bis zum Hafen hinüber, in der kleinen Barkasse, die ihn erwartete, wollte er sie hinüber bringen auf fein Schiff . . . und dann. . . dann . ..

„Viola . . .!"

Und ein verzweifeltes Stöhnen rang sich aus seiner Kehle.

„Viola ter Gruiten ..." Er ballte die braunver­brannten Hände zur Faust, durch seinen schweren, mas­sigen Körper lief ein Zittern . . .

„Viola . . .!"

Und plötzlich warf er sich vor ihrem Bett auf die Knie, — er wühlte den Kopf neben dem ihren in die Kiffen und spürte den schmeichelnden Duft ihres lockigen Haares.

„Viola . . . Viola . . .!"

Und Kapitän Teja Thorsen begann zu meinen wie ein Kind. Es war das erste Mal in feinem Leben, daß er eine Träne fühlte, aber er achtete nicht darauf, wohl tat es ihm — unsäglich wohl, dieses Weinen.

Er hatte lange so auf seinen Knien gelegen. Er wußte nicht einmal, wie lange. Als er sich endlich er­hob und auf die Uhr blickte, war es ein Viertel nach elf.

„Es ist Zeit", sagte er leise und stand auf!

Vor dem Spiegel ordnete er oberflächlich an feinem Anzug, dann lehnte er noch einmal an Violas Bett.

Ganz ruhig, ganz gleichmäßig, nur unendlich leise hauchten ihre Atemzüge.

„Jürgen . , ." lallten ihre blassen Lippen.

„Jürgen . . ., ich war in Erik Thorsens . . . Haus." Und wie ihm schien, lächelte sie im Traum.

Kapitän Thorsen war unbeweglich stehen geblieben. Langsam entsann er sich wieder jener drei Herren von vorhin . . . und jenes Herrn, der vor der Tür gestan­den und in das Zimmer geblickt hatte, als Viola ohn­mächtig geworden, in feine Arme gesunken war.

Irgendwo . . . irgendwann hatte er dieses Gesicht einmal gesehen . . .? Er versuchte sich zu erinnern. Dieses blasse, schmale, beinahe strenge Gesicht mit den i nüchtern blickenden grauen Augen aus den großen, ru.nden Brillengläsern. Das dunkelbraune Haar im kor- |

retten Scheitel . . .? Diese schlanke, mittelgroße Figur. Die peinliche Gepflegtheit des Anzuges?

„Jürgen," flüsterte es wieder von Violas Lippen.

„Jürgen?" fragte er laut.

„Ja, ja, ja, ja! Jetzt wußte er sich zu erinnern; Ge­nau, ganz genau zu erinnern . . .

In der Katharinenkirche hatte er ihn gesehen — damals am Hochzeitstage, als er versteckt hinter einer Säule gelehnt hatte.

Dr. Jürgen Heinzius von ter Gruiten u. Heinzius! Er befühlte seine Stirn, sie war kalt — eiskalt.

Dr. Jürgen Heinzius hatte vorhin vor der Tür ge­standen! Da plötzlich lächelte er wieder — dieses harte, ironische Lächeln.

Dr. Jürgen Heinzius — Violas Gatte!

Er beugte sich noch einmal über ihre Hand und küßte sie, dann verließ er das Zimmer.

Als Viola Heinzius am Morgen aus bleischwerem Schlaf erwachte, matt, müde, zerquält, dauerte es lange, sehr lange, bis sie sich zurecht gesunden hatte in ihren verworrenen Gedanken.

Alle Mühe gab sie sich beherrscht zu sein. Sie hatte nur noch den einen Gedanken — nach Haus! Nach Haus!

Als sie durch das große Vestibül schritt, sah sie an allen Menschen vorbei. Sie bestellte den Wagen aus der Garage, und sie stieg ein. Sie fühlte wohl die Blicke, die ihr nachhingen, aber gelassen streifte sie die wildledernen Handschuhe über und faßte das Steuer. —

Hinter ihr tag das „Brüx".

Sie fuhr langsamer als gewöhnlich, sie fichr auch unsicher, ängstlich, nervös, es machte ihr Mühe, sich im Gewirr der lebhaften Straßen zurecht zufinden; erst als sie in die Allee einbog, beschleunigte sie das Tempo.

Eine dreiviertel Stunde später rollte der kleine, »le« gante, dunkelrote Studebaker durch das große, schmiede­eiserne Einsahrtsnortal der Villa „Dr. I. Heinz ur "

Der Hausmeister war ihr beim Aussteigen behilflich, der Chauffeur sprang herzu und besorgte den Wagen.

Als Viola die Stufen zum Hause empor stieg, wun­derte sie sich, daß sie hierher gekommen.

„Der Herr Doktor ist verreist!" sagte das Hausmäd­chen auf der Diele, als es ihr den Mantel von den Schultern nahm.

Viola nickte, e (Fortsetzung folgt.)