WIL
Nr. 135
Beilage zur Fuldaer Zeitung
Wünschen und Hoffen.
Wohl geht der Jugend Sehnen nach manchem schönen Traum; mit Ungestüm und Tränen stürmt sie den Sternenraum. Der Himmel hört ihr Flehen und lächelt gnädig: nein!
Und läßt vorübergehen den Wunsch zusamt der Pein.
(U hl a n d.)
Klage nicht, daß dir im Leben ward vereitelt manches Hoffen; hat, was du gefürchtet eben, doch auch meist dich nicht betroffen!
(Rückert.)
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Ein ungestörtes Glück verlangen, heißt Mondenlicht mit Netzen fangen, den Sonnenstrahl mit Ketten fesseln, und Rosen fordern von den Nesseln.
(Otto v. L e i x n e r.)
*
Der Jüngling hofft des Greises Ziel, der Mann noch seiner Jahre viel, der Greis zu vielen noch ein Jahr; und keiner nimmt den Irrtum wahr!
(Gellert.)
Der neue Götze.
Sklzze von Joseph Martin Bauer.*)
Bislang war die Zeit nur um das Dorf herumgegangen. Zäh und unnachgiebig hatte sie ihren Schritt gehalten um die Gruppe der sieben Häuser. Eine Fährte hatte sie getreten durch die Aecker und Wiesen, die blieb als ein schwarzer Strich von ölverschmiertem Basalt in der Landschaft liegen, hier nun lief die Zeit ihren ausgemessenen Schritt hinter sechs, acht zuckelnden Waggons her. Und fast schien sie das Dorf vergessen zu habe.n Der schwarze Strich lief seitab vom Dorf, schnitt einen leichten Bogen um die Häusergruppe und trug das Hasten anderer Menschen vorbei an dem stillen Dorf.
„So kann es nicht mehr weitergehen", sagten die Menschen im Dorf. Immer sagen die Menschen so, wenn es ihnen gut geht, wenn der Gleichschritt einer angenehmen Zeit ihnen wie ein Hohn im Ohr nachklingt. „So kann es nicht mehr weitergehen," sagten die Menschen im Dorf. Und sie traten einmal an einem Abend zusammen in der verrußten Stube der alten Wirtschaft, um hier hundertmal zu hören und selbst zu sagen, daß es so nicht mehr weitergehen könne. Ein klepperdürrer Mann, den sie „Herr Ingenieur" anredeten, dem es wie Wasser von den bleiten Lippen troff, gestikulierte einen Abend lang vor sieben Bauern mit den Armen in der Lust, und er fuchtelte mit seinen Armen ein Bild zusammen, das den Bauern gefallen sollte. Was der Mann sagte, war schön, und was er zu verheißen wußte, entsprach dem Traum von Jahrzehnten. Seit der schwarze Strich da draußen durch die Aecker schnitt, war man doch nicht mehr so rückständig, nicht mehr so abgelegen von der Welt, daß man nicht gewußt, hätte von der großen Kraft, der Elektriztiät.
Die Köpfe der bedächtigen Männer lernten bald den Takt des langen Ingenieurs, sie wiegten hin und her über den ahornen Tischplatten und hinter faltigen Snr-
*) Der Verfasser erhielt kürzlich den diesjährigen Jugendpreis Deutscher Erzähler für seinen Roman „Acht- sisdel".
nen bekamen die Gedanken die Form fester Bilder, die schön waren, wie alles, was die Zeit an Großem bringt. Das war viel Geld, ein ganzer Berg Geld. Einen großen Hof konnte man neu bauen damit, aber man saß dann wieder in den Nächten hinter dem matten Crd- öllicht und die Pferde mußten wie jetzt vor dem Zugbalken des Göpels gehen, wenn die Bauern Kraft brauchten zum Dreschen und Futterschneiden. Fürs erste schickten sie den Mann fort, schickten ihn auch ein zweites Mal noch weg, unverrichteter Dinge. Beim dritten Mal kamen gleich fünf so große Herren aus der Stadt die Fünfe redeten so uferlos dahin, daß den Bauern die Sinne wirr wurden davon. Jetzt sahen sie auch den Berg Geld nicht mehr so bedrohlich an.
Auf dem schwarzen Bahndamm zuckelten jeden Tag die Züge dahin, ihr Rattern erzählte den Bauern, daß sie mit ihrer Stiernackigkeit den Lauf so und so nicht aufzuhalten vermochten. Um den harten Menschen hier außen einen Gefallen zu tun, brachten sie einmal und wieder einmal Waggonladungen aus der Stadt, brachten Dinge, die zur Elektrisierung des Dorfes gehörten. Die Bauern gingen in die Wälder und schlugen hohe, schlanke ebenwüchsige Stämme aus der Mitte heraus. Wenn sie die Masten selber stellten, kam das ganze billiger. Drum schlugen die Bauern mit den Aexten klaffende Wunden in ihr eigenstes Sein. Es mochte bluten. Aber die fchlanken Hölzer trugen auf den Spitzen die neue Zeit, den Draht, der sich rotgoldig im Herbst durchs Land spannte.
Einem neuen Götzen bauten sie einen Tempel, dorthin stellten die Ingenieure den Altar des neuen Gottes, den die Bauern mit einer leisen Scheu verehren mußten. Nicht, daß sie den Gott nicht gekannt hätten, der mit seiner Lichtfülle die Nacht der Städte zum Tag machen konnte. Sie waren nicht fremd neben den Dingen hergelaufen, nur hier, in der Zeile der sieben Häuser, war das Neue ftemd, und der Altar schien einem blutgierigen Gott erbaut zu fein. Hoch und fremd stand der Tempel im Dorf, er schnitt unfriedlich durch das Weiß der getünchten Häuser mit feinem roten Ziegelwerk. Die Leute aus der Stadt schlugen eine Tafel mit einem zak- tigen Blitz an die eiserne Tür des Tempels.
Als brummend die Orgel in dem hohen roten Bau zum ersten Mal angab, da wußten die Leute, daß sie in der großen Welt standen, daß die Zeit im Lauf auf dem schwarzen Damm sich die Mühe genommen hatte, auch zwischen die sieben Häuser des Dorfes zu treten; und ihr Blick stand an den Abenden nun in den Fenstern. Es war nicht viel des Wunderbaren ins Dorf gekommen damit, aber das Neue herrschte, das Neue gebot jetzt in den Menschen den Schritt, den bislang die Pferde angegeben hatten in ihrer gemessenen Sicherheit. Sie fühlten all das nicht. Wenn sie das Geld armer Ernten dem neuen Götzen auf den stählernen Altar legten, buckelten sich ihre Rücken aus, weil die Last ihnen allen zu schwer schien. Aber sie wußten, daß Götter herrschen müssen und daß die Menschen sich krümmen müssen, wenn die Anbetung würdig genug fein soll.
Einer blieb ein Frevler. Einer stand mit siebzig Jahren noch.aufrecht in der Wehr gegen das Neue. In seinen Aeckern ging er hinter dem Pflug, und er war noch aufrechter als die Jungen. In feinem Göpelhaus gingen die Pferde wie früher vor dem Zugbalken her, u,nd die Zeit konnte nur scheel durch die Fugen und Astlöcher gucken. Bei dem stand kein Junger, der sich wehren konnte gegen veraltete Ansichten. Ein ferner Verwandter erbte vielleicht einmal den Hof, aber solange der Alte aus der Scholle war, sollte das Neue nicht Eingang ftnden im Hof. Das war der alte Wehrgeist des Dorfes.
Die Jahre krümmten auch feinen Rücken. Wenn er an dem roten Gebäu vorbeikam, fielen feine alten Schultern durch, weil das Brummen der Götzenorgel ihm die
Kraft nehmen wollte, die Kraft zum Leben. Es war doch nicht alles Fluch, was mit den Drähten ins Dorf getragen worden war. Vielleicht tat ein Junger bald das, was er durch Jahre jetzt ab gewehrt hatte vorn Hof. Jeder Tag führte ihn vorbei an der summenden Orgel. Und jeden Tag knickte er mehr zusammen, wenn der Schirumer vom Rot des hohen Baues in feine fiebrigen Augen fiel. Er fühlte, daß er aus der Zeit gefallen war. Den Schritt konnte er nicht mithalten, drum fluchte er dem neuen Götzen.
Mit dem Alten gingen tagaus und tagein zwei Pferde.
Die drei machten den Weg des Alters. An einem Regentag gingen sie zum letzten Mal. Gerade der Alte muhte mit feinen Pferden an den Platz kommen, an
die Stelle neben dem Ziegelhaus, wo ein abgerissener Leitungsdraht niederhing. Das Pferd zur Hand schiente unter dem Draht durch und fiel tot weg, das andere schrie den fürchterlichen Todesschrei, den nur das Pferd so markerschütternd hervorbringt. Das Wehren war umsonst.
Hatte der Alte eine unbewußte Absicht dabei —? Er griff airf das schreiende Pferd hin. Und wie er unter hem Schlag wegsank, niedergezwungen von dem Gewicht des fallenden Pferde, kam ihm so schattenhaft lose noch einmal der Gedanke, daß es für sie alle drei besser so war.
Der Tempelturm des neuen Götzen sah die drei Leichen und das brummen der heiligen Orgel klang ganz ernst ohne jeden Triumph.
Bei den einstigen Verbündeten.
Nicht Deutsch: man spricht Französisch in Bulgarien! — Paradies der Billigkeit. — Wandlung vom Balkan zu Europa. — Arbeitsdienst- pflicht. — And trotzdem: Iawasch?
Als ich im Hauptbahnhof zu Sofia meinen Fahrschein wegen der Fahrtunterbrechung abstempeln lassen wollte, fragte der Stationsbeamte auf meine deutsch ausgesprochene Bitte: „Parlez-vous francais?" Nach den artigen, überraschend korrekten deutschen Antworten überall in Belgrad war diese Frage enttäuschend. Und als ich hernach Schutzleute nach der Wegerichtung fragte, da fand ich unter ben im Nu um mich und den Schutzmann gescharten Dutzenden Neugierigen nur Studenten, die entfernt ahnten, daß ich „Germansk" fei; und auch ihre Frage lautete immer „Parlez-vous francais?"
Damit ist nicht gesagt, daß sich Bulgarien, wi« seinerzeit nach dem zweiten Balkankrieg, von einstigen Verbündeten gelöst habe und mit ehemaligen Gegnern paktiere. Dazu liegt kaum Grund und auch gar keine Möglichkeit vor. Deutschland ist der weitaus größte Abnehmer bulgarischer Ausfuhr; es erwirbt deimal mehr als Frankreich und England zusammen! Allerdings ist Deutschland auch der größte Lieferant Bulgariens. Ungeachtet dieser engoerflochtenen Beziehungen und ohne Rücksicht auf die unbestrittene Stellung des Deutschen als Hauptumgangssprache in ganz Südost-Europa, wird in Bulgarien auffallend wenig Deutsch gesprochen.
Speisekarten in Deutsch, wie in Belgrad, sah ich nirgends. Aber dafür ist alles spottbillig, gewissermaßen zum Trost! Für den Fremden, der mit kräftiger Valuta (aber erst nach Erlog einer sehr happigen Visumgebühr!) nach Bulgarien kommt, öffnet sich ein Schlaraffenland — wie es Deutschland in der trostlosesten Zeit der Inflation zu seinem Schaden für halb Europa gewesen ist. Aber bei Bulgarien liegen die Dinge anders; hier wird nicht das Land „ausverkauft", wenn Fremde ihr Geld hier verzehren und Waren kaufen, sondern diese Beträge stellen, wie auch in anderen Reiseländern, die nicht zu unterschätzenden Posten „unsichtbarer Ausfuhr" dar. Was Bulgarien an Produkten selbst erzeugt, wird ja von den Fremden zum landesüblichen Preis erworben. Ein Kilo Brot kostet, direkt aus dem Backofen gereicht, etwa 4V4 Pfennig. Das ganze Kilo! Für 1000 Eer werden im Großhandel kaum mehr als 9 Mark gezahlt, und der Wein bringt es in den billigen Sorten pro Liter im Großhandel auf etwa 12—15 Pfennig. Bei einem Gang durch die imposante Markthalle von Sofia sind staunenswerte Preise festzustellen — bis zum Kaviar hinauf. In den Wirtschaften, sogar an Tafeln der guten Restaurants, ist ein Halbliter guter Wein für 20 Pfg. zu haben, und die Mahlzeiten kosten selbst im Speisesaal des stadtfernen Hauptbahnhofes nur 14—18 Lewa (40—55 Pfennig).
Als ich nach Bulgarien reifte, prophezeite mir ein
Kundiger, daß ich die dreifache Zeit dort verweilen, und doch nur die Hälfte des vorgesehenen Betrages ausgeben würde. Ich bin zwar nicht länger als beabsichtigt geblieben; aber ausgegeben habe ich tatsächlich so gut wie nichts. Für ein Mittagessen zahlte ich häufig nur 35 bis 40 Pfennig, selten über 50 Pfennig. Die Schachtel Zigaretten erstand ich um 15 Pfennig (5 Lewa); bis kurz zuvor hatte dieselbe Sorte nur 3 Lewa (9 Pfennig) bei 20 Stück Inhalt gekostet; und die Zigaretten sind gut in diesem Lande!
Unvorstellbar „balkanisch" ist die Straße, die vom Hauptbahnhof schnurgerade auf das eine Viertelstunde seitab von der Bahn liegende Sofia führt; d. h. Straße ist eigentlich eine Uebertrcibung! Es ist ein Feldweg, ungewöhnlich breit, nur auf einem schmalen Streifen gepflastert. Die Häuser sind ärmlich, trostlos. Hier zeigt die Stadt, wie auch der Bahnhof mit den aus dem Wellkrieg noch herumstehenden hunderten zerschossener Güterwagen, Personenwagen und Lokomotiven, den ganzen Jammer des Landes. Das tapfere Volk hat die Balkan- triege siegreich geführt und wurde zum Schluß immer um den Erfolg betrogen, und auch der opferreiche Wellkrieg brachte statt Gewinn nur Verlust.
Sofia ist der Scheidepunkt von Orient und Abendland. Nach der jahrhundertelangen Türkenherrfchaft hat sich die Stadt immerhin überraschend zu einer im Stadt» tnnern völlig modernen europäischen Großstadt entwickelt, mit der Einschränkung, daß die große Armut des Landes dem raschen und völligen Ausbau hinderlich war. Aber die Stadt hat ihre großzügige Markthalle, die Mineralquellen sind in einem imposanten Badehaus gefaßt worden, ein stolzes Nationaltheater entstand ufw. Die von der alten Kathedrale ausstrahlenden Straßenzüge zeigen daz Bild einer planvoll und großzügig angelegten Stabt. Ueberbies ist die landschaftliche Lage von Sofia von Reiz! Die Stadt liegt im Schutze des fast 2300 Meter hohen Witoschaberges. Aus der Türkenzeit ist wenig erhalten, nur eine Moschee an der Maria- Luisa-Straße, dem Hauptstraßenzug. Die Stiefelputzer in ihren stummen Kolonnen an Ecken, Plätzen und Kreuzungen, die klapprigen, veralteten Straßenbahnwagen und die Zeitungsstände mit den verblüffend vielen deutschen Zeitungen und — französischen Aufschriften sind die weiteren einprägsamsten Merkmale der Hauptstadt.
Seit Juni 1920 hat Bulgarien unter dem patriotischen Schrei: „Za Bulgaria" die Trubowa powinost, d. h. die Arbeitsdienstpflicht eingeführt. Das Heer zähll 50 000 Mann und ist ein Söldnerheer laut Friedensvertrag. Für
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Blutrache.
Reiseerlebnisse aus Kurdistan. Don Heinz Schäfer.
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Hassan Mohammed Jussuf Kahib, ein Kurdenscheich, bei dem ich und mein Dolmetsch, Achmed, als Gäste waren, saß schon eine geraume Zeit im Kreise seiner Dorfältesten zur Beratung. Mehmet», der Sohn des Scheichs, ging nämlich vor wenigen Tagen auf die Jagd und war seither nicht mehr zurückgekommen. Der Scheich, welcher seinen Sohn als guten Jäger kannte, vermutete sofort, daß Mehmed in die Hände von Räubern gefallen war. Wir machten uns auch sogleich auf die Beine und suchten die Umgebung ab. Ohne Erfolg. Nun beschloß der Scheich und seine Dorfältesten einen größeren Erkundungsmarsch anzutreten. Heute noch sehe ich bas freudige Gesicht des Allen, als wir ihn baten, ihm bei der Suche nach feinem Sohn behilflich zu fein dürfen.
Wir erstiegen am nächsten Morgen ein nahegelegenes Stufengebirge. Cs ging durch menschenarme Gegend, über kahle Berghöhen. Nordöstlich, etwa drei Stunden von dem Dorfe des Scheichs entfernt, glaubten wir die Fußspuren Mehmeds gefunden zu haben. Bald sahen mir, daß wir uns getäuscht hatten. So verging der erste Tag ohne Resultat.
Am nächsten Morgen tarnen wir in sumpfige Gegend. Mannhohes Farnkraut erschwerte den Marsch. Bären machten sich durch Brummen bemerkbar; auch Steinböcke und Gazellen sahen wir bergan klettern.
Es war gegen Mittag. Wir hatten eben eine düstere Schlucht passiert. Vor uns lag eine graue Bergmafse. Kein Weg, kein Pfad war zu sehen. Es blieb uns also nichts anderes übrig, als die schroff emporragenben Felsen zu ersteigen. Es war nicht leicht. Das Gestein bröckelte ab unb mir waren ftänbig ber Gefahr ausgesetzt, abzustürzen. Fast brei Stunben vergingen. Endlich kamen mir in ein enges Tal. Wir machten Halt. Mit scharfen Blicken suchte ber Scheich die Umgebung ab. Wohl fünf Minuten vergingen. Dann zeigte der
Alle mit ber Hand auf einen unbewachsenen Bergkegel unb sprach, zu uns gemenbet: „Effenbis, seht ihr ben zarten Rauch gen Himmel steigen; ich glaube, baß bie Gegend von Menschen bernohnt ist." Während der Scheich sprach, fiel mein Blick auf den schmalen Talweg. Deutlich waren die Spuren von Menschen und Tieren zu sehen. Wir folgten ihnen. Es ging etwa zweihundert Meter durch bas Tal. Dann wurde der Weg steiniger und mündete bergan. Nur kurze Zeit verging, da hatten wir eine mit Gesträuch bewachsene Höhe erreicht. Vor uns lag ein Tal, welches von steilen Felsen eingeschlossen war. Hart an den Felsen standen einige Lehmhütten. Die Hütte, welche uns am nächsten lag, unterschied sich von den anderen. Sie war bedeutend größer, auch war das Dach nicht flach wie bei ben übrigen Bauten, sondern kuppelartig, ohne jede Oesf- nung, während die anderen Hütten fenfterartige Löcher zeigten. Vor der ersten Hütte standen zwei bewaffnete Kurden. Nun war für uns äußerste Vorsicht geboten. Wohl eine Viertelstunde lagen wir beobachtend da. Dann vernahmen wir den Schrei eines Käuzchens. Dieser war so plump fingiert, es gab für mich nun keinen Zweifel mehr, in ber Nähe von Räubern ober Wegelagerern zu sein. Es ging auch nicht lange, ba bekamen wir abermals ein Käuzchenschrei zu hören. Er würbe von einem ber Wächter vor ber Hütte erwidert. Alsbald bewegten sich am gegenüberliegenden Hange die Büsche und nacheinander stiegen etwa zehn wilde, verwegene Gesellen bergab in die Talsohle. Etwas später hatten die Kurden die erste Hütte erreicht. Bei Ansicht ber zerlumpten Bergsöhne konnte sich unser Scheich kaum mehr beherrschen. Erregt nahm der Alte fein Gewehr an die Wange und wollte schon zum Schüsse anlegen, da gelang es mir, ihm die Waffe zu entreißen. „Allah kerim" (Gott ist gnädig), flüsterte der Scheich, „er hat mich finden lassen den Platz, wo mein Sohn Mehmed gefangen ist. Cure Augen erblicken im Tale einen hochgemachsenen Kurden. Ms Zeichen seiner Bürde trägt er ein Bärenfell um die Lenden. Es ist Mustasa, genannt die Hyäne ber Berge. Er raubt unb mordet. Schon einige Jahre ist es her, da überfiel Mustafa mein Dorf. Aber meine Krieger stellten sich den Räubern entgegen. Bei dem Kampfe blieb Mu
stafas einziger Sohn tot auf dem Kampfplatz zurück. Wir begruben den Toten, aber am anderen Morgen war das Grab leer. Mustafa hatte den Leichnam jedenfalls durch feine Leute ausgraben lassen. Nun weiß ich bestimmt, daß mein Sohn keinem anderen in die Hände gefallen ist, als dem Bandenführer, der mir ewige Rache schwor."
Mustafa, der Bandenführer, sah wirklich nicht vertrauenerweckend aus. Dieser robuste Geselle mit feinem wilden Gesicht war jedenfalls zu allem fähig. Schimpfend ging er auf bie Wächter zu, stieß einige wüste Flüche aus unb versetzte bem einen Kurben einen Faust- schlag, baß ber Geschlagene lautlos an bie Mauer taumelte. Dann verschwand Mustafa in der Hütte. Kaum waren einige Minuten vergangen, da vernahmen wir Geschrei. Die Klagelaute wurden immer stärker und verstummten erst, als der Bandenführer aus der Hütte kam. Mustasa murmelte Flüche vor sich hin und begab sich dann in das danebengelegene Lehmhaus.
Der Scheich war nicht leicht zu beruhigen. Immer wieder wollte er sich auf die Hütte stürzen, wo er seinen Sohn vermutete. Mein Plan war, bie Nacht abzuwarten, bie Wächter Überfällen unb bann nach bem Scheichsohn zu suchen. Der Alte war zufrieben.
Es währte keine Stunde, da kam Mustafa wieder auf die Wächter zugehumpelt und schrie ihnen die Worte entgegen: „Nicht lange geht es mehr, da macht der Tag ber Nacht Platz. Ich bin vom Marsche ermüdet unb brauche Ruhe. Es ist ganz gut möglich, daß ber alte Scheich — Allah weiß, daß er mein größter Feind ist, weil er meinen einzigen Sohn getötet hat — ben Weg burch die Schluchten in unser Lager findet. Der Alte wird versuchen, auch wenn es ihn das Leben kostet, seinen Sohn aus der Hütte zu befreien. Ich verlange daher von euch die größte Wachsamkeit — wehe euch, wenn ich morgen die Hütte leer finde, ich werde euch dann dafür langsam zu Tode quälen."
Mit unsicheren Schritten, die den Genuß eines alkoholreichen Getränkes verrieten, ging Mustasa seiner Behausung zu. Rasch dunkelte es. Auch ber Mond zeigte sich unb warf sein Licht auf bie tote Bergwelt. Vorsichtig fliegen wir von der Anhöhe ins Tal. Im Schat
ten der Berge krochen wir, abseits von den Hütten, an einer schroff emporragenben Felsenwand entlang. Wir taten bas mit Absicht, um den Wächtern in den Rücken zu kommen. Es gelang uns. Wir waren bereits ganz in der Nähe der Kurden, da brach ein Wildschwein aus bem Gesträuch, sprang auf die Wächter zu unb streifte ben einen so wuchtig, baß er kopfüber auf bie Erbe fiel. Der Augenblick war günstig für uns. Wir fielen üb ec die Wächter her und nach weniger Zeit waren sie gefesselt und nach rückwärts gebracht. Leise schlichen wir nun in bie Hütte. Im spärlichen Mondlicht erblickten wir eine regungslose Gestalt am Baben. Es war Meh- meb, ber Scheichsohn. Seine Füße waren entblößt uni) zeigten blutüberlaufene Wunben. Wir trugen Mehmet) vor bie Hütte. Er war bewußtlos. Rasch waren bie Hanbfesseln abgenommen. Mit Hilfe von Holzstücken hatten wir halb eine primitive Tragbahre angefertigt. Auf biese Weise gelang es uns, Mehmeb rasch aus dem Bereich Mustafas zu bringen. Auch die Wächter nahmen wir mit. Wir taten das absichtlich, um die Kurden der angedrohten Strafe ihres Oberhauptes zu entziehen.
Es war eine schwere Arbeit, den Verwundeten, der manchmal vor Schmerzen laut aufschrie, über die steilen Felsengruppen zu bringen. Endlich graute der Morgen. Das schwierigste Gebiet war überwunden. Dor unseren Augen lag ein breites Tal. Von diesem führten mehrere Schluchten nach Norden und Süden.
Am Eingang einer Schlucht machten mir Halt. Mehmed wurde auf bie dürren Farnkräuter gebettet. Der Arme mußte furchtbare Schmerzen haben, er schrie aus Leibeskräften. Der Scheich wollte nun einige Leute nach feinem etwa zwei Stunden entfernten Dorfe schicken. Sie sollten Tragtiere holen, um ben Derwunbeten besser beförbern zu können. Ich war mit bem Plan nicht ein- verstauben unb ersuchte ben Scheich, den Marsch fortzusetzen. Doch ber Alte blieb bet feinem Entschluß.
Es mochten zwei Stunben vergangen sein, ba fpran« gen bie am Eingang ber Schlucht als Wache ausgestellten Kurden in wilder Hast aus uns zu. Ich erfaßte mein Gewehr und hatte bald eine unweit gelegene Felsengruppe erstiegen. Von dieser aus konnte ich das ganze Tal übersehen. Auch Achmed und der Scheich tarnen nach. Das, was ich nun sah, ließ mir fast bas