7. Juni
M. 129
M Troslgedicht.
Don Joseph Stollreiter.
O klage nicht den Ewigen an!
Denn sieh, seine Ratschlüsse haben weise im Menschenherzen das Glück vergraben!
Schatzgraben müssen mir in uns selbst, geduldig schürfen, daß wir des Lebens kostbaren Trunk «inst würdig schlürfen.
Ein Aederchen Glück ist in jede Brust hineinverwoben--
und wer es findet, der spielt und träumt
V„ mit den Sternen droben.
Der Herr der 500 Schlangen.
«nf einer Gistschlangen-Farm in Bangkok. — Möchten Sie eine Sönigskobra streicheln?
Von Günther E r l e n b e ck.
Mitten in einem der vornehmsten Viertel der siamesischen Hauptstadt Bangkok liegt ein Grundstück, um daz -er Uneingeweihte am besten einen weiten Bogen macht. Würde er sich doch andernfalls unerwartet in der todbringenden Gesellschaft von mehr als 500 der gefährlichsten Giftschlangen befinden, die Süüostafien keimt. Neben der vier bis fünf Meter langen Königskobra kriecht hier die schwarz und gelb gefärbte Krait- schlange; kleine, grüne Grasvipern, Hutschlangen und die braunweiße Seefchlange — die aber mit dem im Sommer in unseren Zeitungen auftauchenden Ungetüm nur den Namen gemein hat — vervollständigen die wenig angenehme Gesellschaft von Reptilien, deren Biß den unvermeidlichen Tod zur Folge hat, wenn nicht rechtzeitig ein Gegengift das Schlimmste verhütet.
Und doch sieht der Fremde mit Erstaunen einen kleinen braunen Mann ohne die geringste Furcht sich inmitten dieser Schlangen bewegen; es ist Nai Liam, dem diese vom Pasteur-Institut eingerichtete Schlangenfarm untersteht. Mit seiner Hilfe wird hier den Nattern ihr Gift entzogen, das dann in Form von Serum den im Lande von Schlangen Gebisfenen Rettung bringen soll. Deren Zahl war bis vor kurzem noch erschreckend hoch. Seitdem aber das Pasteur-Institut in Bangkok die Schlangenfarm eingerichtet hat und die Gewinnung des Giftes und die Herstellung des Serums systematisch betreibt, ist ein beträchtlicher Rückgang dieser Art Todesfälle festzustellen. Denn das Rettung bringende Mittel bringt heute in die entferntesten Winkel des Landes, und olle Klassen der Bevölkerung haben gelernt, sich seiner zu bedienen.
Die Schlangen auf der Farm in Bangkok leben in tiefen Zementgruben mit hohen, glatten Wänden. Ihre eigentlichen Behausungen bilden niedrige, kegelförmige Gebäude, die etwas an eine Eskimohütte erinnern. In jeder Beziehung wird den Reptilien das Geben so angenehm wie möglich gemacht, gelten sie hier doch nicht als schädliche Bestien, die man vernichten muß, sondern im Gegenteil als höchst nützliche, mit aller Sorgfalt zu behandelnde Tiere.
Die Besichtigung dieser Schlangenfarm steht jedem Besucher bei Beachtung ber entsprechenden Vorsichtsmaßregeln offen. Man macht davon in weuestem Umfange Gebrauch, und täglich kann man Scharen von Neugierigen beobachten, die sich um die Schlangengruben drängen und mit leifem Schauder in das giftige Gewimmel hinunter starren. Neben dem reichen chinesischen Kaufmann steht da der arme Kuli, der buddhistische Priester und der bärtige Sikh aus dem fernen Indien neben dem dunkelhäutigen Malaien und dem unvermeidlichen ameri- kanifchen Weltreisenden mit Führer und Lichtbildapparat.
An jedem ersten Dienstag im Monat wird das für gewöhnlich schon dichte Gedränge geradezu beängstigend; ist dies doch der Tag, an dem den Schlangen ihr Gift entzogen wird. Pünktlich um zehn Uhr kommt ein Siamese im weißen Doktorkittel mit einer kleinen, schwarzen Kiste unterm Arm aus dem Verwaltungsgebäude: Der Oberveterinär der siamesischen Armee. Hin-
VeNage zur Fuldaer Zeitung
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ter ihm ein Kuli mit einem kleinen, weißen Tisch. An der ersten Schlangengrube stößt zu ihnen ein anderer Siamese, gleichfalls im weihen Kittel, einen langen zweizackigen Stock in der Hand: der berühmte, bereits genannte Nai Siam Suttram.
Er öffnet den Zugang zu der Grube, in der unten die giftigen Reptile durcheinander krabbeln, ergreift den Tisch und die Kiste und steigt langsam und gelassen in die Vertiefung hinein. Unten angekommen, entnimmt er dem schwarzen Kasten eine Anzahl konvex geschliffener Glasplatten und legt sie vor sich auf den Tisch. Der Oberveterinär ist inzwischen unter Aufbietung aller Vorsicht dem berühmten „Herrn der Schlangen" gefolgt.
Dieser beginnt seine Tätigkeit damit, daß er die Hütte einer großen Königskobra einfach umtippt. Wenn das Reptil herausfchieht, heftet Nai Liams es durch einen geschickten Stoß seines Zweizacks, dessen beide Spitzen die Schlange dicht hinter dem Kopse zwischen sich nehmen am Boden fest. Dann ergreift er das völlig wehrlose Tier mit der rechten Hand im Genick, während die linke den jetzt überflüssigen Zweizack entfernt und die Schlange an der unteren Hälfte ihres Körpers ergreift, die von Nai Lim zu dem am Tische wartenden Arzt getragen wird.
Nai Liam Suttram, der berühmte „Herr der Schlangen", öffnet mit einer geschickten Bewegung von rechtem Daumen und Zeigefinger das Schlangenmaul, der andere schiebt schnell eine der Glasplatten hinein, und nun sicht man eine ölige Flüssigkeit langsam daraus niedertropfen: das gefürchtete Schlangengift.
Sind mehrere Teelöffel voll davon den Giftdrüsen entzogen, so trägt Nai Liam die Schlange zurück und schleudert sie mit einer geschickten Bewegung in den im
Hintergrund befindlichen wassergefüllten Kanal. Dann kommt das nächste Tier an die Reihe. So werden allein in der ersten Grube sieben Königskobras und acht See- schlangen zur Hergabe ihres Giftes genötigt. In der nächsten Grube hausen nicht weniger als 300 Hut- schlangen und verwandte Arten, von denen etwa ein Drittel ebenfalls den begehrten Stoff nach dem gleichen Verfahren hergeben muß.
Der Oberveterinär verläßt jetzt nach mehrstündiger Arbeit die Schlangengrube, aber Nai Liam gibt den gespannten Zuschauern noch eine kleine Sondervorstellung. Er ergreift eine der sich am Boden ringelnden Schlangen und wirft sie einige Meter entfernt zu Boden. Das Reptil richtet sich sofort zur halben Größe auf, blaut den Hals, und die liderlosen Augen starr aui den Eindringlina oerirf'h’t f^-- -* -- s-- ' * .
und her, jeden Augenblick bereit, sich auf jenen zu stürzen. Nai Siam kümmert sich nicht darum, er ergreift eine andere Schlange, und das Schauspiel wiederholt sich- Plötzlich tritt der Siamese auf die beiden wütend zischenden, hin und her schwingenden Reptile zu und streichelt ruhig die aufgeblähten Hälse, nicht viel andere, als wir unseren Sieblingshund liebkosen. Dann steigt er mit vergnügtem Grinsen zu den wie gelähmt ihn anstarrenden Zuschauern aus der Grube empor.
Der „Herr der Schlangen" ist wohl mehr als hundertmal von Giftschlangen gebissen worden, aber infolge rechtzeitiger Behandlung mit dem geeigneten Serum trägt er nie irgend welchen Schaden davon. Jetzt hat er bereits so zahlreiche Einspritzungen mit den verschiedensten Gegengiften im Seibe, daß er so gut wie gisstest ist und es sich leisten kann, ungefährdet zwei gereizte Gststchlangen zu streicheln.
Der letzte Sieger.
Don Axel Rudolph.
Mit jedem Kilometer, den der Schnellzug verschlang, wurde es beklommener in Mac Hensoms Brust.
Tausende waren diesen Weg gefahren, Jubel im Herzen, Heimkehrsellgkeit in den Augen. Tausende von Kameraden, die der Friedensschluß aus den Gefangenenlagern Deutschlands erlöst und dem Geben wieder gegeben hatte.
Wie lange war das nun schon her, das Gräßliche, Unausdenkbare, das dennoch einmal geschehen war? Mac Henforn schien es erst gestern gewesen zu (ein. Wie hatte er sich abgernüht, es zu vergessen! Umsonst alle Mühe. Mit erbarmungsloser Deutlichkeit stand es vor ihm, jede Einzelheit in greller, unbarmherziger Schärfe.
Am Kemelberg war es gewesen. Da waren sie eingesetzt worben, die Hochländer. Da war auch der junge Geutnant Mac Henspm zum ersten Male ins Feuer gekommen. Der erste Sturmangriff! Max Hensom erlebte immer wieder im Geiste jenen Augenblick, da er bei Einbruch der Dunkelheit mit seinen Geuten aus dem Graben hervorgebrochen war. Da war der Drahtverhau, da das Niemandsland. Das Herz schlug ganz oben im Haste. Und mit einem Male war die Nacht zur Hölle geworden. Tausend wahnwitzige Gespenster zischten und winselten durch die Guft. Flammensäulen, dunkle Dreckfontänen, beizender, stinkender Rauch. Blitz auf Blitz, Schlag auf Schlag. Heulen, Menschenschreie, nein, tierische Schreie, wild und jäh, langgezogen, nervenzerreißend. Man war vorwärts gestolpert, ohne mehr zu wissen, warum ober wohin. Da war der lange Butler aus Inverneß plötzlich zusammengesackt. Wie ein Nest ekler Würmer quollen ihm bie weißen Därme unter dem zerrissenen Leibriemen hervor. Da stolperte Mac Hensom über einen abgerissenen Arm mit Sergeantentressen am Aerrnel. Da gähnte ihm aus dem freundlichen Knäbengesichte des Fletcher plötzlich ein blutiges Loch entgegen, wo sonst Mund und Nase saßen.
Und mitten in diesem Greuel hatte eine wahnsinnige, wilde Angst den Leutnant Mac Hensom gepackt. Plötzlich hatte er sich wie ein verrückt gewordener Gaul im Kreise um sich selbst gedreht, hatte seine Pistole von sich geworfen und war gelaufen. Gelaufen wie gehetzt. Wohin? Ganz egal! Nur fort! Fort aus der Hölle!
lieber einen Körper war er gestolpert und lang hinge
schlagen. Hatte wie im Traum Reginald Nicolls erkannt, seinen Hauptmann, der da mit starren, schrecklich weiten Augen und abgerissenen Schenkeln vor ihm lag. War zähneklappernd neben dem Sterbenden niebergetauert, währenb weihe Leuchtbomben bas Totenfeld mit grellem Licht übergossen. Dann wieder aufgetaumelt, weitergerannt, immer grabeaus, durch die bellende, heulende, röchelnde Nacht. Die bleiche Würgefaust der sinnlosen Furcht um die Kehle. Bis er endlich schreiend, wild um sich schlagend, Schaum vor den Lippen, zusammengebrochen war, dicht vor einem Drahtverhau.
Tagelang hatte er in wilden Fieberphantasien gelegen. Als ihm bas Bewußtsein wieberkehrte, hatte er sich in einem Lazarett gefunden. Geborgen. Fernher nur hatte er wie abziehende Gewitter den grollenden Donner der Front gehört. Aber fonderbar: Die Sanitäter um ihn trugen alle fremde, graue Uniformen, sprachen eine fremde Sprache. Es mußten Deutsche fein. Mit einem Schlage kam die Erkenntnis: Kriegsgefangen! Er war auf der anderen Seite, lag als (Befangener in einem deutschen Lazarett.
Zuerst hatte ihn ein Gefühl der Zufriedenheit ergriffen. Endgültig dem Gräßlichen entronnen, herausgerisfen aus dem Rachen des Todes, der Krieg für ihn vorbei! Bei dem Gedanken dehnte er sich wohlig unter der groben Bettdecke.
Aber je klarer er wurde, um so mehr hatte er zu grübeln begonnen. Wie war das doch gewesen? Die Deutschen mußten die Stellung genommen haben. Hatten ihn wohl aufgelesen, unverwundet, bewußtlos. So weit war alles in Ordnung. Aber da war noch etwas. Etwas Furchtbares, Unerklärliches, Aengstigendes, das aus dem Unterbewußtsein ans Licht drängte.
Und plötzlich hatte er es gewußt. Jawohl, so war es gewesen! Er hatte Angst gehabt, ganz gemeine, unverzeihliche Furcht! Die Hochländer waren gefallen in bravem Vorwärtsstürmen, die zerrissenen Leiber der Kameraden verwesten irgenddwo draußen im Schlamm des Niemandslandes. Er aber, Mac Hensom, war geflohen! Feige aus der Schlacht geflohen wie ein Deserteur!
Schande, Schande! Mac Hensom kroch fast ganz unter die Bettdecke. Ihm war, als müßten alle die britischen und deutschen Männer, bie ba ringsum stöhnend in
Der Ulatm vom Meer.
Bon Julius Regis.
17] (Schluß.)
Wallion schwieg bis sie Hamra erreichten und in die Garage hineinfuhren. Als sie aber ausgestiegen waren, »ahm er nochmals das Wort.
„Ich werde dir genau erzählen, was sich zugetragen hat. Cott, der fürchtete, daß es Delplace gelingen könnte, da? Auto vom Hotel aus zu verfolgen, blieb auf, als du dich zu Bett begeben hattest. Er hört den Belgier kom- •nen — hört ihn ins Haus schleichen. Delplace wollte sich wohl vergewissern, ob keine Verwechslung der Person vorläge. Colt greift zu der Waffe, die er meisterhaft zu führen versteht, versteckt sich, erwartet den Belgier und siicht ihn nieder. Bis dahin wird er kaum daran gedacht haben, die Schuld auf dich abzuwälzen, sondern hat wohl nur flüchtig überlegt, auf welche Art er die Leiche feines Gpfers verbergen könnte. Aber der geräuschvolle Fall bewirkt, daß du schlafend aus dem Bett steigst. Coll sieht dich kommen, begreift, wie es um dich steht und bringt dich durch Worte oder hypnotischen Einfluß dazu, in dein Zimmer zurückzukehren. Er legt den Degen unter dein Bett — und läßt dich die Entdeckung machen. Alles geht am Schnürchen. Der Blutfleck an deiner Hand beweist, daß du den Toten in deinem somnambulen Zustand berührt hast. Fußspuren beweisen, daß du draußen im Gang warst — aber keineswegs, daß du dort allein warst. Nackte Füße hinterlassen nämlich deutliche Spuren im vtaub, Schuhe hingegen viel schwächere. Glaubst du mir Nun?"
„3a", flüsterte Erik. „Ja, ja".
Ihm war, als ob man ihn aus einem finstern Abgrund herausgezogen hätte. Er sah die Sonne wieder — er atmete auf. Und plötzlich ergriff er Wallions Hand Und drückte sie krampfhaft.
„Und nun wollen wir zu Drakenborch hineingehen," sagte Wallion.
Gang saß auf der Treppe. Er hielt eine Brieftasche in der Hand.
„Die hatte ich auf dem Motorrad gelassen, aber Colt hatte keine Zeit sie zu besehen, und außerdem war sie verschlossen. Da hast du das Papier! Es ist nur eins."
Wallion nahm es an sich, warf einen Blick darauf und ging, von Erik und Gang gefolgt, ins Haus hinein. Der Detektiv stand in der Salontür, währenbDrakendorch noch immer lässig im Lehnstuhl am Fenster saß, als ob er keine Muskel bewegt hätte, während die andern fort waren.
„Nochmals dieser Dr. Mauritz, der sich dann in Herrn Wallion veränderte," sagte der Kubaner. „Ich denke immerfort nach und finde keine Erklärung. Ist dies Haus denn an einer Landstraße erbaut?"
„Ich werde nicht lange stören," versetzte Wallion lächelnd. „Es liegen nur ein paar Fragen vor, deren Beantwortung von Interesse sein würbe."
„Von Interesse — für wen?"
„Für alle Beteiligten. Bedauerlicherweise hat Ihre Stellung hier infolge jener spiritistischen Malheure einen etwas zweideutigen Charakter erhalten. Kurzum, es hat so viele Mißverständnisse in bezug auf die eventuell vorhandene Vriesmansche Erbschaft gegeben, daß Sie froh fein werden, weiterer Sorgen darüber enthoben zu fein. Seit wann interessieren Sie sich für die Reynoldsche Hinterlassenschaft?"
„Nomdre de Dios, raten Sie es, wenn Ihnen daran gelegen ist!"
„Fünfzehn Jahre reichen wohl nicht hin, wie? Vielleicht stammt die Erinnerung noch aus Ihrer Kindheit her?"
„Wie scharfsinnig," murmelte Drakenborch.
„Vielleicht betrachten Sie sich geradezu als recht- mäßigen Erben jenes reichen SBriesmans?"
„Gewiß. Ich allein bin sein (Erbe, und nach mir Dolores. Ist unser Name denn nicht Drakenborch?"
„Was hat dieser Name mit der Erbschaft zu tun?" warf Erik ein.
„Seit -zweihundert Jahren ist er im Zusammenhang damit nicht einmal genannt worben!"
„In Schweben nicht, amigo, aber anderwärts, benn Vriesrnans Tochter Miriam heiratete einen Drakenborch."
„.Seltsam, baß Sie Ihre Ansprüche Herrn Reynold gegenüber nie erwähnt haben," sagte ber Problemjäger
gelassen. „Weshalb rückten Sie nach jenem Fiasko mit dem Porträt nicht mit Ihren großen Kanonen vor? Daß Miriam sich mit einem Kapitän Drakenborch vermählte, ist wahr. Das kann ich bezeugen — aber auch noch etwas anberes. Miriam Drakenborch starb tinberlos. Sie hinterließ keinerlei Nachkommen."
„So? Unb wie wollen Sie das beweisen?"
Wallion öffnete die Brieftasche. „Dies ist der Beweis: ein Brief, den der Advokat Marschall im Jahre 1863 an Leopold Sandel geschrieben hat. Er schreibt darin u. a. wie folgt: „Obwohl der beklagenswerte Zustand der hiesigen Archive alle Nachforschungen sehr erschwert, habe ich jetzt dennoch endlich folgendes festzustellen vermocht: Erstlich, daß die in Frage stehende Miriam wahrscheinlich Vriesmans Tochter war, zweitens daß sie einen gewissen Kapitän Drakenborch geheiratet hat, drittens, daß dieser Ehe keine Kinder entsprossen sind."
„Ich bin aber ein Drakenborch!" wiederholte der Kubaner, ohne jedoch irgendwelche Ueberraschung zu verraten.
„Ja, aber von einer anderen Linie," entgegnete Wallion. „Und ich kann mit Recht hinzufügen, daß es Ihnen außerordentlich schwer fallen dürfte, irgendwelche Ansprüche geltend zu machen. Uebrigens ist die ganze Sache erledigt. Cott ist bereits verhaftet, und Ihnen bleibt nichts weiter übrig als abzuwarten, was die Polizei mit Ihnen machen wird. Deren Fragen werden Sie beantworten müssen. Und wenn bas geschehen ist, rate ich Ihnen, eiligst nach Kuba zurückzukehren, wo Ihre Methoden vielleicht besser am Platz sein werden."
Der Polizist an der Tür wurde unruhig und blickte sich um.
„Es riecht nach Rauch!" rief Lang gleichzeitig aus.
Der Flur war undurchsichtig grau. Sie liefen hindurch und rissen die Tür nach der Küche auf. Diese war voller Rauch, und mitten in dem Gewölk stand eine Gestatt — Dolores.
Sie war eifrig damit beschäftigt, Blätter aus allerlei Büchern herauszureißen und sie in den Herd zu stopfen, aus dem bereits zwischen dem zusammengeballten Papier ienzelne Flammen emporloderten.
den Betten lagen, ihm ansehen können, was er getan, ihn anspucken, ihn, den Feigling.
Keinen Tag mehr hatte ihn ber Gebanke verlassen. Es waren keine Hochlanber außer ihm in betn Lazarett. Auch später, im Gefangenenlager, hatte er meber Bekannte noch Regimentskameraden getroffen. Aber sie wußten, oh, sie wußten, daß er feige davongelaufen war! Hatte nicht sein Kamerad Hutchinson ihm nachgerufen in jener Schreckensnacht „Hensom, he, Hensom!" Er meinte bie Stimmen noch zu hören, bonnernd, wie Posaunen- schall. O ja, man wußte, was er getan. Daheim war er längst gestrichen aus ber Reihe ber sauberen, anftänbigen Menschen.
Schanbe! Er, Mac Hensom, Sohn bes Obersten Hen- som, ber im Punshab als pflichttreuer Mann sein Leben gelassen! Pfui Teufel! Unb fein Mütterlein, fein liebes, graues Mütterlein, bie so stolz gewesen war auf ihn. Wie mochte sie es ertragen haben?
Mac Hensom hatte nicht nach Hause geschrieben. Wie bürste er, ber Lump, ber Feigling noch schreiben! Im Gefangenenlager hatte er einen falschen Namen angegeben, hatte angstvoll unter ben Kameraden gesessen, bie freimütig ihre Kriegserlebnisse bistutierten. Mehr als ein Jahr hatte er bie Lüge mit sich herumgeschleppt, in ftän- biger Angst, baß irgenbein Bekannter im Lager auftauchen unb ihn entlarven würbe.
Dann war ber Tag bes Friedensschlusses gekommen. Bon Millionen ersehnt, erfleht. Im Lager mit hellem Jubel aufgenommen. Heimwärts! Heimwärts!
Unb Mac Hensom hatte überwunden. War zum La- qertommanbanten gegangen unb hatte seinen wahren Namen angegeben. Erstauntes Achselzucken ber deutschen Offiziere. Gewiß, es war ja möglich, baß er bamals im Lazarett, im Fieber, sich selber falsch genannt hatte und so in bie Listen eingetragen worben war. Aber spater! Warum denn . . .? Mac Hensom hatte dazu geschwiegen. Er war mit sich fertig. Er wollte seine Strafe auf sich nehmen. Aber hier bie Schande eingestehen, — nein, bas ging über seine Kraft.
So hatte er Zurückbleiben müssen, als die anderen ab- fuhren. Schriftstücke waren gewechselt worben zwischen bem Roten Kreuz unb seinem Heimatort. Unb eines Tages war bann ber Befehl gekommen, baß der kriegsgefan- gene Leutnant Mac Hensom an bie holländische Grenze ab transportiert werden solle.
Nun lag Deutschland schon hinter ihm. Als letzter hatte er es verlassen. Durch bie Niederlande trug ihn der Zug. Freundliche Menschen staunten ihn an, boten ihm Speise und Liebesgaben. Frauen lächelten ihm zu. Aber die Räder sangen peinigend den immer gleichen, klirrenden Rhythmus: Feigling . . . Feigling . . . Feigling.
Da war die herbftische Nordseebrise, ba bie Kreide- felfen Englands, da das Gewühl von Waterloo Station. Mac Hensom schlich wie ein Verbrecher durch das Menschengewühl zum Schottland-Expreß.
Feigling! Feigling! Erbarmungslos schrien es bie Räder. Das Ende kam. Ob sie ihn wohl an bte ®anb stellen mürben, ben Deserteur? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Der Sieg brachte manche Amnestie für tobesrour- biqe Verbrechen. Aber das andere, bas viel Warner, schimpflicher war als ber Tob, das kam unaufhitttsam, unvermeidlich, unb Mac Hensom trat ber falte Schweiß auf bie Stirn, wenn er baran bachte: bas Wiedersehen mit ben Kameraden.
Grell unb beutlich sah er es vor sich. Das Bataillon erstarrt auf bem Kasernenplatze. Hunderte kalte, neugierige Gesichter. Er sah Sir Ebrnond Rale.gs, bes Obersten, zornrotes Bullboggengesicht, sah wie die eisgrauen Schnurrbartspitzen bes Mannes, ber seines Va- ters Freund und Kamerad gewesen, vor Erregung zitter- ten. Sah die eisigen, verachtungsvollen Blicke ber Dm* -iere. Unb bann ein kurzer, empörter Befehl: Eine Ser- geantenfauft riß ihm die Abzeichen herunter, zerbrach seinen Degen ...
Heimkehr! Mac Hensom stöhnte in tiefer Seelenqual in sich hinein.
Es war Mittag, als Mac Hensom in Aberdeen ankam. Trugen ihn noch bie Füße? Endlos wurde der kurze Weg
Stufiluerflopfung. Nach den an den Kliniken für innere Krankheiten gesammelten Erfahrungen ist das natürliche „Franz - Jofef“ ■ Bitterwasser ein äußerst wohltuendes Abführmittel. Es ist in Apotheken und Drogertentthaltlich.
„Ei, sieh da! Was machen Sie hier, Fräulein Drakenborch?"
Wallion nahm ihr die Bücher weg, von denen indessen nicht viel mehr als die Einbände übrig waren. Das Mädchen wich gegen die Wand zurück. „Feige Spione!" schrie sie mit zornblitzenden Augen.
„Da hätten wir also Mills drei verschwundene Jour- nale'," sagte derProblemjäger, zu Erik gewandt. „Warum so heftig, Fräulein Drakenborch? Wir machen Ihnen gar keine Vorwürfe, obwohl Sie Diebesgut verbrennen.
Er kehrte in den Saal zurück unb hielt dem Kubaner bie zerfetzten Einbände vor die Augen.
„Bedauerlicherweise hat Ihre Tochter einen Teil die- fes Studienmaterials verbrannt, dessen Sie vielleicht für Ihre Geschichte des Handels mit China bedürfen. Nicht? Nun, bann werben Sie wohl nichts dagegen haben, baß ich biefe Reliquien an mich nehme — Mynheer Steu- binger in Amsterbam dürfte allerlei über bie Sache zu sogen haben. Geben Sie wohl, Herr Drakenborch!"
Drakenborch erroiberte fein Wort. Nur feine brü- tenben schwarzen Augen folgten dem Journalisten, als er gefolgt von ben anberen bas Zimmer verlieh.
IV.
„Bleiben Sie hier," sagte Wallion zu bem Detektiv, „Herr Jspelanb wirb sicherlich balb kommen.
„Wirb Drakenborch verhaftet werben?" fragte Erik, währenb sie zum Strand hinabgingey.
„Ich glaube kaum. Er wird ebensowohl wie bas Mädchen über seine Bekanntschaft mit Colt Auskunft geben müssen, aber bann werben Sie Billetts nach Havanna nehmen können." Der Problemjäger blickte über ben Sund hinüber und hob bie Augenbrauen. „Wo ist denn bas Taucherboot geblieben?"
Am Eingang zum Granittor war ein Ruderboot zu sehen. Am Achterteil saß ber ate Reynolb, während Märta bie Ruder sührte.
„Sie tauchen da sicher schon nach dem Wrack! rief Erik aus.
Wallion änderte den Kurs, unb bas Moto- "ot fuhr