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Anzeiger für die Stadt Julda und denLandkreis Julda. Amtliches Kreisblatk.
Samstag, 6. Juni 1931
Zahrg. 58.
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Das Inkrafttreten der Aot-verordnung
Brauns-Kommission schlägt vor.
DieResormderArbeitslosen-Versicherung.—MchtigeIreuerungen
Von links nach rechts: Reichskanzler Dr. 25rü= kmg, Englands Berliner Botschafter Rumbold und ^eichsaußenminister Dr. Curtius wenige Minuten pr der Abfahrt der beiden Minister zu dem bedeu- tüngsoollen Wochenende von Chequers,
cnb. Berlin, 5. Juni. (Eig. Meld.) Das dritte Teilgutachten der Brauns-Kommission wird heute der Oeffentlichkeit übergeben. In seiner Einleitung bringt es zunächst einen knappen Ueberblick über die Entwicklung der verschiedenen Formen der Arbeitslosenhilfe. Ueber den finanziellen Notstand, in dem die drei Formen der Arbeitslosenhilfe geraten sind, berichtet der nächste Abschnitt. Die Kommission hält es nicht für ausgeschlossen, daß rm Rechnungsjahr 1931 eine Jahresdurchschnittszahl von 4,5 Mill. Arbeitslosen erreicht wird. Sie empfiehlt daher eine sehr umfassende
finanzielle Vorsorge.
Angesichts der finanziellen Bedrängnis der Arbeitslosenhilfe mußte die Kommission ihr Hauptaugenmerk auf schnellwirkende Abhilfemaßnahmen richten. Die Vorschläge dafür gibt der 2. Hauptabschnitt des Gutachtens. Die Kommission empfiehlt, an der versicherungsmäßigen Ausgestaltung der Arbeitslosenhilfe unbedingt sestzuh alte n. Aus dem Wesen der Versicherung ergaben sich innerhalb der Kommission grundsätzliche Bedenken gegen die Bedürftigkeitsprüfung, so auch das einer großen verwaltungsmäßigen Erschwerung.
In den letzten Monaten ist viel über die Frage der Zweiteilung oder Dreiteilung der Arbeitslosenhilfe gestritten worden. Fast alle Vorschläge stimmen darin überein, daß sie eine Verschmelzung von Krisenfürsorge und ge- melndlicherFürsorge für Wohlfahrtserwerbslosen zu einer Reichsarbeitslosensür- sorge anstrebe. Die Kommission ist aber der Ueber - zeugung, daß der K r i s e n f ü r s o r g e in ihrer
liche Kritik, die die Heimat dem Kanzler nach Che- quers mitgibt? Kann sie vielleicht für seine Aussprache mit Macdonald und Henderson den notwendigen ernsten Grundton, den klangverstärkenden düsteren Baß liefern? Leider ist alles, was auf den erwähnten Tagungen und Kundgebungen gesprochen wurde, etwas unkonkret und al l g e m e i n. Auf den Inhalt der Notver- ordnung hat es keinen Einfluß mehr, auf den Inhalt einer etwaigen Reparationsdebatte kann es ihn noch nicht haben. Es wird darüber zu reden sein, wenn der Reichskanzler aus England zurückkommt. Er wird von dort gewiß keine Siegesfrückte mitbringen, kann es auch gar nicht. Das Beste, was ihm befchieden sein kann, dürfte sein eine Unterhaltung wieder in Gang gebracht zu haben, die die Welt seit der Haager Konferenz vom Januar 1930 zu Ihr"' für abgeschlossen hielt.
Der vierte Teil enthält eine Herabsetzung der kommunalen Wohlfahrtslasten und sichert den Gemeinden die bisher zur Lohnsteuererstattung verwendeten Beträge. In einem weiteren Abschnitt werden Tabaksteuer und Steueroereinhqitlichung unter Abänderung früherer Notverordnungen neu geregelt. Der letzte und sechste Teil beschäftigt sich mit der Wohnungswirtschaft und stellt die Grundsätze für Enteignung und Entschädigung im Städtebau fest.
Die Staffelung der Krisen st euer ist folgende: Bei den Lohn- und Gehaltsempfängern: bis 300 M monatlich 1 Prozent, 300 bis 700 1,5
Prozent, 700 bis 1000 M 3,5 Prozent, 1000 bis 1500 cAt 4 Prozent, 1500 bis 3000 4,5 Prozent, bei den Veranlagten: bis 8000 M im Jahre 1 Prozent, 8000 bis 20 000 1,5 Prozent, bis 100 000 M 2
Prozent, 100 bis 250 000 M. 2,5 Prozent, 1 Million Mark 4 Prozent. Der starke Sprung in der Staffelung bei den Gehaltsempfängern von 1,5 Prozent auf 3,5 Prozent erklärt sich daraus, daß die Klasse von 300 bis 7000 Mark erhöhte Beiträge zur Arbeitslosenversicherung zu tragen hat.
Ausnahme-Bestimmungen.
~ Wie der „Börsen-Courier" von unterrichteter Seite erfährt, ist in dem Notverordnungsabschnitt, der sich mit der Arbeitslosenversicherung beschäftigt, eine Ermächtigung für die Reichsregierung enthalten, einzelne Gewerbezweige von der Beitragspflicht zur Arbeitslosenversicherung unter gewissen Bedingungen zu befreien, bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung der Versicherungsleistungen an die betreffenden Arbeiter und Angestellten. Diese Maßnahme dürfte zunächst für den Steinkohlenbergbau zur Anwendung kommen, um eine Kohlenpreisherabsetzung um 6 bis 7 Proz. und damit eine Produkt^onsbelebung herbeizuführen.
Ueber den Zeitpunkt des Inkrafttretens der neuen Notverordnung erfährt die Börsenzeitung, daß die Bestimmungen über die neuen Steuern und über die Gehaltskürzungen bei den Beamten mit dem 1. Juli wirksam werden sollen. Einige Bestimmungen über die Arbeitslofenversiche- rungsreform bedürfen einer gewissen Anlaufsfrist, die Bestimmungen, in denen wie z. B. 'bei den Mineralölen, eine Aenderung des Zollsatzes vorgesehen ist, treten mit dem Tage der Verkündung in Kraft. •
Die Notverordnung, die sich fast mit sämtlichen Gebieten der Finanz-, Sozial- und Wirtschaftspolitik beschäftigt, zerfällt in s e ch s T e i l e, von denen der wichtigste, der die Haushaltssicherung enthält und aus zehn Kapiteln besteht: Krisensteuer, Gehaltskürzung, Etatsabschlüsse, Rentenkürzung, Abgeltung von Kriegsschäden, Zuckersteuer, Zölle, Vorschriften für die Finanzgebah- rung der Gemeinden und verschiedene Gebührenfragen.
Mit der Arbeitslosenfürsorge befaßt sich ein anderer Teil der Notverordnung; er hat zum Inhalt die Einsparungen in der Arbeitslosenversicherung, die das Defizit von 400 Millionen decken sollen. Eine Erhöhung der Versicherungsbeiträge findet nicht statt, dagegen dürfte beschlossen sein, daß die Lohn- und Gehaltsempfänger bis zu'einem Monatseinkommen von 700 Mark, die bisher nur mit 300 Mark beitragspflichtig waren, nun mit ihrem ganzen Einkommen beitragspflichtig sein sollen. Weiter bringt dieser Teil der Notverordnung wohl eine Ermächtigung (nicht gesetzlichen Zwang) zur Arbeitszeitkür- zung und verschiedene Maßnahmen zur produktiven Bekämpfung der Arbeitslosigkeit; ein weiterer Teil der Notverordnung regelt die Fragen der Unfall-, Invaliden- und Knappschaftsversicherung und bringt eine Aenderung der Fürsorgepflichtordnung.
wtb. London, 5. Juni. (Eig. Meldg.). Times sagt in einem Leitartikel über den Besuch der deutschen Staatsmänner, es handele sich keineswegs in erster Linie um einen Besuch geschäftlicher Art. Unsere Gäste bringen keine Sachverstän- d i ge mit, deren Abwesenheit schon zur Genüge beweist, daß auf keiner von beiden Seiten detaillierte Verhandlungen geplant werden. Die Unterredungen werden zweifellos freimütig und informativ sein und werden dazu beitragen, daß die Regierungen Englands und Deutschlands den kommenden Dingen mit einer genaueren Kenntnis der Auffassungen und Bestrebungen der anderen Seite gegenübertreten.
. berechtigten Angehörigen von 7 aus 14 Tage.
3. Bei Arbeitslosen mit 4 oder mehr zuschlagberechtigten Angehörigen aber nur von 3 auf 7 Tage.
Die Komstiission verkennt nicht, daß bei gesenkten Löhnen und wiederholter Arbeitslosigkeit eine Verlängerung der Wartezeit vielfach hart ist und Hilfsbedürftigkeit auslöst. Sie mußte diesen Weg aber gehen, weil angesichts der Notwendigkeit, Einsparungen zu erzielen, sonst eine stärkere Senkung der Unterstützungsleistungen hätte oorgeschlagen werden müssen, die schwerer zu tragen sind als eine längere Wartezeit.
Die Kommission ist der Auffassung, daß als Notmaßnahme auch
eine zeitweilige Senkung der Unkerstühungsfähe
in Betracht gezogen werden müsse- Sie hält diesen Weg jedoch nur dann für gangbar, wenn mindestens gleichzeitig auch auf der Seite der Einnahmen der Versicherung dieser Notlage und den großen Opfern der Arbeitslosen Rechnung getragen wird. Denn die beträchtlichen Summen, welche zur Sanierung der Arbeitslosenhilfe erforderlich sind, können unmöglich allein an der Unterstützung der Arbeitslosen eingespart werden. Die Kommission hält es deshalb für erforderlich, daß zu den den Arbeitslosen zugemuteten Opfern
auch Opfer des Teils der Bevölkerung treten müssen, die sich noch in günstigeren wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen befinden.
Die Kommission schlägt ferner vor, zu erwägen, ob der Reichsanstalt für den Ausgleich von Einnahmen und Ausgaben in der Arbeitslosenversicherung eine gewisse Autonomie eingeräumt werden soll.
Den Ausschluß der Saisonarbeiter aus der Arbeitslosenversicherung konnte die Kommission nicht befürworten. Sie glaubt aber, dem überaus hohen Risiko der berufsüblichen Arbeitslosigkeit durch folgende Vorschläge Rechnung tragen zu müssen:
1. Mr Arbeitnehmer mit berufsüblicher Arbeitslosigkeit ist die Anwartschaft von 26 auf 30 Wochen zu verlängern.
2. Die Höchstbezugsdauer der Arbeitslosenunterstützung ist für Arbeitnehmer mit beruf- üblicher Arbeitslosigkeit von 2 6 auf 20 Wochen herabzusetzen.
3. Die Unterstützungssätze für Arbeitnehmer mit berufsüblicher Arbeitslosigkeit sind auf die Sätze der Krise nun terstützung herabzu, setzen.
Ferner schlägt die Kommission vor, hie Hau s- gewerbetreibenden und Heimarbeiter grundsätzlich aus der Versicherung herauszunehmen, jedoch den Verwaltungsrat der Reichsanstalt zu ermächtigen, unter gewissen Voraussetzungen einzelne Kategorien in die Versicherung einzubeziehen. Die Fragen, ob an der geltenden unteren Altersgrenze etwas zu ändern ist, und ob eine obere Altersgrenze eingeführt werden soll, hat die Kommission verneint.
Einen besonderen Abschnitt widmet das Gutachten der Krisenfürsorge. Im Hinblick auf die Verordnung vom 11. Oktober 1930, die die Sätze der Krisenfürsorge bereits beträchtlich gesenkt hat, spricht sich die Kommission nicht für eine weitere Senkung der Leistungen in der Krisenfürsorge aus, es sei denn, daß sich eine solche automatisch aus einer Senkung der Unterstützungshöhe in der Arbeitslosenversicherung ergeben sollte.
Die nach der Verordnung bestehende Möglichkeit zur
Prüfung der individuellen Bedürftigkeit
will die Kommission
stärker als bisher ausgenutzt
wissen. Hinsichtlich der Kosten der Krisenfürsorge schlägt die Kommission, um den Gemeinden zu helfen, vor, daß das Reich auf den Eemeinde- anteil in der Krisenfürsorge verzichtet. Eine Beteiligung der Länder an dem Aufwand der Krisenfürsorge dagegen kann die Kommission nicht empfehlen.
Zum Schluß weist die Kommission darauf hin, daß sie durch ihre beiden früheren Teilgutachten mit aller Deutlichkeit gezeigt habe, daß sie
nicht gewillt
ser, die Massenarbeitslosigkeit als ein unabwendbares Schicksal anzu sehen, dem wir ohnmächtig gegenüberstehen.
Die Kommission regt an, vor allem zur Verwirklichung der im 2. Teilgutachten entwickelten Gedanken nichts unversucht zu lassen. Das Gelingen eines solchen Versuches hänge nicht zuletzt auch von unserer eigenen Entschlußkraft und vom ernstlichen Willen aller Beteiligten ab.
gen, die bekanntlich darin besteht, vor Anpacken der Reparationsfrage alles in unseren Kräften Stehende zur Sanierung des deutschen Staatshaushalts zu tun, damit so den Gegnern der Beweis erbracht werde, daß wir am Ende unserer Kräften seien. Dr. Schacht befürchtet von dieser Politik, daß sie sich in einem Feil- schep um die künftige Reparationsziffer verlieren werde. Er hat keine 21 n g ft vor Kreditkündigungen und ist mit runden und klaren Worten dafür, daß Deutschland „schle u n ig st die T ritz u t z a hlu n g e n ein ft eilt, bis es s i e aus seiner Wirtschaft erübrigen kann."
Aber damit ist der kritische Chor im Rücken des Englandfahrers Dr. Brüning noch nicht erschöpft. Die Deutsche Volkspartei meldet Opposition gegen die neue Notverordnung an, und ihr Führer Dr. Dingeldey fordert Abkehr von der Wirtschafts- und Staatspolitik der letzten zehn Jahre — welche Politik bekanntlich maßgebend Richtung erhielt durch Dingeldeys größeren Vorgänger Strefemann.
Ernster und entscheidender sind die Direktiven, die die Sozialdemokratie von ihrem Leipziger Parteitag nach Hause bringt. Der Inhalt der Notverordnung war dem Parteitag nicht bekannt. Aber die Sozialdemokratie droht mit dem Antrag auf Wiedereinberufung des Reichstages. Zweifellos möchte sie den jetzigen Zustand, bei dem sie die Regierung Brüning widerwillig genug „toleriert", so lange wie möglich beibehalten, denn sie weiß nicht, ob nicht nach der Tolerierung noch Schlimmeres kommt. Aber weder Kanzler noch Sozialdemokratie können sich aufeinander mit großer Sicherheit verlassen.
Ist es vielleicht eine im höheren Sinne nütz-
Vrümng in England.
Kritik als Reisegeipäck.
wtb. Southampton, 8. Juni. (Eig. Meld.) Reichskanzler Dr. Brüning und Reichsaußenmini- per Dr. Curtius sind hier eingetroffen. Eie warben vom Bürgermeister und anderen Vertretern der Behörden empfangen.
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Der Herr Reichskanzler ist mit dem Außenminister Dr. Curtius in Cuxhaven an Bord gegangen, um zu Besuch nach England zu t. fahren. Es ist fein fröhlich-festlicher Besuch, wie ihn die Machthaber vor 1914 häufig, allzu häufig nach Albion unternahmen (siehe die Denkwürdigkeiten Bülows und Valentinis). Was die deutschen Staatsmänner in Chequers bei Macdonald erwartet, sind keine Erholungsstunden, und hinter sich lassen sie Deutschland im Zeichen der neuen Notverordnung.
Die Köpfe der Deutschen, die noch klar genug sind, um die Lage richtig zu erkennen, werden nach Kräften von den Interessenten zu verwirren gesucht. Ernst genug steht in einem englischen Blatt am Vorabend von Chequers die Spitzmarke: Deutschlands drohender Staats- banker ott. Aber zahlreiche Männer und Frauen erfreuen sich an dem „schönen Breslauer Stahlhelm-Tag", bei dem der Exkronprinz, bei Kriegsende geradezu der „Liebling des Volkes", tm Vordergrund stand und 150 000 Stahlhelmer an sich vorbeimarschieren sah. Immerhin wird ans Berlin heute gemeldet: Ein Berliner Vormittags- blatt wollte erfahren haben, daß der polnische Gesandte eine offizielle Demarche beim Auswärtigen Amt in Sachen des Reichsfrontsoldatentages in Breslau unternommen habe. Diese Nachricht, in der auch die angebliche Erwiderung des Staatssekretärs von Bülow an den Gesandten Dr. Wisocky wiedergegeben wurde, ist, wie wir erfahren, freierfunden.
Die Regierung hat auch so genug Sorgen. Kritisieren ist zurzeit an der Tagesordnung. Und je schwieriger das Operieren für den Kanzler wurde, desto entschiedener meldete sich die Kritik zu Worte. Im Augenblick, da er nach England abfuhr, schwollen die kritifchen Töne von allen Seiten zum lauten Konzert an.
„i. Arn sorgsamsten vorbereitet war diese Stö- 'rungsmusik offenbar vom „Langnamver- ein", dem mächtigsten schwerindustriellen Verein, mit dem umständlichen Namen „Verein zur Wahrung der gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen in Rheinland und Westfalen". Vor 1500 führenden Industriellen aus Nordwest übten die führendsten ' Leute der deutschen Wirtschaft eine Kritik an Dr.
Brüning, wie sie bisher in solcher Schroffheit aus diesen Kreisen nicht gehört wurde. Wenn der Vorsitzende Dr. Springorum darüber klagte, daß politische Rücksichtnahme und parteipolitische Erwägungen wirtschaftliche Erkenntnisse nid# zum Durchbruch kommen ließen, so war das ein Vor? tourf an den Reichskanzler, daß er aus parteipolitischen Gründen wider seine bessere Einsicht Politik mache — ein Vorwurf, der bekanntlich ebenfalls von der Gegenseite, wenn auch in anderer Bedeutung erhoben wird. Dr. Paul, Reusch, der Generaldirektor der Gute Hoffnungs- Hütte, vermißte ebenfalls am Reichskanzler Mut und Rücksichtslosigkeit ,und gar Dr. Fritz Thyssen, der an Hitlers kapitalfreundliche Gesinnung glaubende Erbe eines berühmten Namens, fand, daß das Pferd des Reichskanzlers falsch aufgezäumt fei und daß es „noch an der richtigen nationalen Politik" fehle. Fachlicher, obwohl darum nicht unbedingt sachlicher sprachen die Herren Dr. Bögler und Dr. Silverberg, und eine Entschließung verlangte von der Regierung einen „klaren, auf Jahre hinaus abgestellten Plan zur Herstellung des Gleichgewichts zwischen Einnahmen und Ausgaben". Also die Industrie verlangt von der Reichsregierung einen Fünfjahres- I plan — freilich nicht für die ganze Wirtschaft, sondern nur für die Reichsfinanzen.
Am gleichen Tage hielt Dr. Schacht in Dresden die hier schon wiedergegebene Rede über die Neuaufrollung der Reparationsproblems. Er trat der vom Reichskanzler betriebenen Politik entge-
elastischen Mittelstellung zwischen Versicherung und gemeindlicher Fürsorge eine große Bedeutung zukommt. Es ist freilich festzustellen, daß die Krisenfürsorge der Arbeitslosennot nicht so hart folgen können, wie es ihrem Zweck entspricht. Gemeinden und Gemeindeverbände sind in vielen Fällen über ihre finanzielle Kraft hinaus in Anspruch genommen worden, ein Zustand, der dringend der Abhilfe bedarf. Diese Abhilfe in einem System- Wechsel zu suchen, hat die Mehrheit der Kommission wenigstens zur Zeit nicht empfehlen können, dagegen befürwortet sie die Anpassung der Krisenfürs o rge an die gesteigerte Notlage. Allerdings waren zwei Mitglieder der Kommission mit dieser Auffassung nicht einverstanden.
An den Voraussetzungen für den Unterstützungsanspruch hat die Kommission wenig Aende- rungen vorgeschlagen. Insbesondere will sie die Anwartschaftszeit unberührt lassen, da sonst bei den heute verringerten Beschäftigungsmöglichkeiten Personengruppen von der Unterstützung ausgeschlossen würden, denen sie aus sozialpolitischen Erwägungen zukommt. An dem bisherigen Begriff der Arbeitsfähigkeit hält die Kommission fest.
Dagegen hat die Kommission erhebliche Aende- rungen der gesetzlichen Vorschriften über
die Wartezeiten
vorgeschlagen. Die regelmäßigen Wartezeiten sollen erhöht werden:
1. bei Arbeitslosen ohne zuschlagsberechtigte Angehörige von 14 auf 21 Tage,
2. Bei Arbeitslosen mit einem bis 3 zuschlag-
* Französische Militärflugzeuge über Borkum. Es ist festgestellt, daß über der Reede von Borkum zwei französische Militärflugzeuge gesichtet worden sind. Die Flugzeuge, die aus Kopenhagen kamen, hatten Einflugerlaubnis für die Niederlande, aber keine Genehmigung für die Ueberfliegung deutschen Gebietes. Die deutsche Botschaft in Paris ist angewiesen worden, in diesem Falle der Verletzung der deutschen Lufthoheit Protest zu erheben.
* Russisch-französische Handelsvertragsverhandlungen. Der offiziöse „Petit Parisien" bestätigt, daß franzöfisch- sowjetrussische handelsoertragsverhandlungen feit einigen Tagen zwischen den beiden Regierungen ausgenommen worden seien, die jetzt in Paris fortgesetzt werden würden. _____________________
* Vorbereitung eines neuen sowjekrufsischen Aünfjahresplanes. Aus Moskau wird gemeldet: Bei der Staatlichen Planwirtschafts-Kommission wurde laut Telegraphenagentur der Sowjetunion unter Vorsitz Kuibyscheffs ein Ausschuß gebildet, der sich mit der Ausarbeitung eines zweiten Fünfjahresplanes beschäftigen soll. Der Ausschuß besteht aus 73 Mitgliedern.