Beilage zur Fuldaer Zeitung
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Abend im Juni.
Don Franz C i n g i a.
Schon haben wunderleise sich
Der Erde Augen zugetan.
Er blickt dich sanft und feierlich
Dar adendfrohe Märchen an.
Und über Wald und Land verweht
Noch einer Glocke letzter Ton.
Die Vöglein sangen ihr Gebet Dem Himmel zu und ruhen schon.
Nur manchmal flüstert noch der Wind Mit Traumgestalten zart und sein. Und alle Erdendinge sind
Beglückt und wallen liebend sein.
Brachmond.
Ko hieß im altdeutschen Kalender Karls des Großen tz« Monat, in dem man jene Felder brach, die bis dahin „brach" gelegen hatten. Wir nun nennen diesen Monat nach dem lateinischen Wort „junius" „juvenis": dm „Jugendlichen". In der Tat, Juni und Jugend sind sprachverwandt. Sie bezeichnen das Gleiche, die „Blüte". Das Korn und alle Gräser, Mohn und Rittersporn, Kornrade und Kornblume, Akazie und Linde blühen nun zusammen mit dem Rotdorn und Goldregen, Jasmin und Rhododendron, vor allem aber dem Flieder, deffen sinn- bestrickender Zauber Hans Sachs in Richard Wagn rs „Meistersinger" spürt:
„Was duftet der Flieder
So 7mld, so stark und voll! Mir löst er weich die Glieder, Will, daß ich was s^zpn soll."
Fürwahr, ein altes Lied hab recht:
„Nun ist die Erde recht von Gott gebenedeit, Nun ist die rechte Kraut-, Saat-, Blum- und
Wurzelzeit."
Da jedes seine Kraft und seinen Saft erweist, Wofür es in der Welt bei Menschen ist geprüft. Nehmt darum selbige bei dieser Zeit in Acht, Denn es wird such hierdurch viel Nutzen ein« gebracht."
Daher nennt I. E. Thiemens Nürnberger „Wunderbuch" von 1687 den Ium „die recht« Kräuterzeit zum Destillieren". Denn, so meint er: „dieser Zeit sind sie in ihrer besten Kraft und kann das beste Oel und Arznei daraus gssuchet und gemacht werden". Er gibt denn auch einen besonderen Kräuterbericht für „Liebhaber der Lrzenei";
„Die sich auf Kräuterei verstehn,
Die werden Tag und Stund anseh'n, Wann jedes soll gewartet sgepslückt) sein. Das eine will den Mondenschein,
Das andere will sein eingetragen
Recht zwischen Unsrer Frauen Tagen (Mariä Himmelfahrt und Mariä Heimsuchung).
Nehmt auch den Mond hier wohl in Acht, Welch' Kraut hat nicht durch ihn 'was Macht!"
Das Wunderbuch erklärt dann weiter:
Die andere sieben Tag hiean
Geh'n Freier und Jungfrauen an
Das dritte Teil vom Monüenschein
Soll vor abgehende Jahre sein.
Das letzte Teil voll Dunkelheit Belangt die alten kranken Leut. Der so sein Kraut versammeln wird, Der hat hierinnen doctorirt."
Insbesondere sollen die Sträuter ihre Kraft zu Johannis entfalten. Dann verscheuchen sie die Un- holdinnen, wie vor allem Knoblauch, Beifuß und Eisenkraut, Lavendel und Rittersporn. Noch in christlicher Zeit huldigte man diesem Aberglauben aus der ger- wanischen Heidenzeit und bot di« Kräuter auf besonderen „Blumenmärkten" am Iohannisabend an. In Köln bekränzten die Frauen sich gar mit solch duftenden Kräutern, wie uns der italienische Dichter Petrarca in seiner
Der Mann vom Meer.
Don Julius Regis.
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„5m Granittor ist eine Mine explodiert." keuchte er „Keine Gefahr ... Ist Wallion schon hier?"
in erreichbarer Nähe befunden hätte, so würde er sich in ererichbaer Nähe befunden hätte, so würde er sich wortlos über ihn hergemacht haben. Worte waren unnötig. Colt hatte, ih meine verabscheuungswürdige Falle gestellt, und um ein Haar wäre der Streich geglückt. Nein! Es war nicht Zufall, daß die Mine im Granittor lag. Colt hatte sie vermutlich vor einigen Tagen gefunden. Aber wie konnte er wissen, daß Erik eine Segelfahrt unternehmen würde? Vergeblich zerbrach Erik sich darüber den Kopf, indem er sich hastig umzog. Aber eins stand fest. Mochte der Problemjäger kommen oder nicht, auf jeden Fall wollte er nach Hamra hinüber und Colt eine Erklärung aboerlangen!
Er war jetzt schon etwas ruhiger, als er hinauskam und Märta erzähüe, was sich begeben hatte. Sie wurde leichenblaß.
„Er wollte dich umbringen?" flüsterte sie.
„Davon bin ich überzeugt. Er will mich aus dem 28ege räumen. Daß er das Wrack schon gefunden hat, ist nicht möglich. Das ganze war eine Lüge, die mich ins Verderben locken sollte."
„Du mußt Wallions Rückkehr abwarten!" Sie folgte ihm, als er mit langen Schritten zur Brücke hinabeilte.
„Dann könnte es zu spät sein," sagte er. „Nun ihm dieser Streich mißlungen ist, kann Colt nicht länger hier bleiben, und ich . ..
„Wer ist denn das?"
Jenseits des Sunds stand ein Mann auf halber Höhe de» Abhangs und blickte zu ihnen herüber. Gleich dar- »uf erschien ein zweiter und stellte sich neben ihn. Beide Ipähte nach Iägarö herüber.
Und jetzt sauste Wallions Motorboot um die Landenge herum und hielt auf die Landungsbrücke von Iä-
Reffefchilderung um 1330 erzählt. Im westfälischen Sauerlande meinte man, daß sich am Johannistage, und zwar um 12 Uhr mittags unter dem „Dragun", einer in der Küche gebrauchten Beifuß-Art, kleine Kohlen fänden, die gut feien gegen di« Krämpfe der Kinder.
Ueberhaupt kommt der Glaube an die der Jugend geweihte Kraft des Juni darin zum Ausdruck, daß man meinte, die in diesem Monat geborenen Kinder gerieten besonders gut. Nach dem genannten Nürnberger Wunderbuch sollen sie „ein scharf und subtil ingenium (feinen Geist) oder gut Gedächinüß hoben, hohen Verstand und rechten ernsten Mut, halten sich gemeiniglich ehrbar, seind eines redlich-aufrichtigen Gemüths nach Ehr und Lob strebend, sind Leichtfertigkeit, Schwelgerei, Fressen. Saufen und den Lastern seind, lieben hingegen die Wahrheit, halten über der Gerechtigkeit, haben ziemlich gut Glück, so doch wandelbar und unbeständig".
Das Sinnbild der Jugend, die Ros e, ist die eigentliche Blume des Monats. Schon der wilde German« liebte die an den Hecken lieblich blühend«, wie denn die Geschichte vom „Dornröschen" den Sieg des Sommers über den Winter versinnbilbet. Mit ihren fünf Blütenblättern hat die Heckenrose sich all die Jahrhunderte hindurch in Hausmarken und Wappen gehalten. Nicht minder als das Zeichen der Liebe. Diese urdeutsche Dereh- rung der Rose übertrug sich geheimnisvoll auf die Gottesmutter: „Frische Rose, reine Rose, keusche Rose ohne Dornen — Rose blühend, Früchte tragend — glühend rote, mehr als Ros«, weißer als die Lilie." Als das besondere Sinnbild der Unschuld galt die weiße „M a g - dalenenrose": die Reuetränen der großen Büßerin
garö zu. Er war allein und fragte hastig, ohne aus- zusteigen: „Wir hörten eine Explosion. Was war das?"
Während Erik berichtet«, verfinsterte sich das Gesicht des Problemjägers und er winkt« den beiden drüben stehenden Männern zu, die sofort umdrehen und bergan stiegen.
„Keine Zeit zu Erwägungen. Steig rasch ein! Wir werden uns Colt gleich vornehmen . . . Die beiden da drüben sind Geheimpolizisten. Sie können auf diese Weise leichter an Hamra heran. Ich habe sie hinter der Landspitze an Land gesetzt. Wir kommen bald wieder, Fräulein Hegelius . . . alle beide!!" rief er Märta zu, indem er das Boot in Gang fetzte.
„Sind es Polizisten aus Stockholm?" fragte Erik, als die zwei Männer zwischen den Bäumen verschwunden.
„Ja, und Kommissar Aspeland kommt mit Iourdain auf der Landseite direkt von Stöckholm im Auto herüber. Um acht habe ich mit Iourdain gesprochen. Dann mußte ich zwei Stunden aus jene beiden warten, und bas ging rascher als ich erwartete: sie kamen mit einem unserer neuesten Zollboote nach Furusund herüber. Wir werden hier an der Seeseite auftreten, und gleichzeitig kommen Iourdain und Aspeland aus der andern Richtung, so daß Colt uns nicht entwischen kann."
. Er sah nach der Uhr. „Wenn Aspeland nicht zu optimistisch in bezug auf das Auto ist, so ist es Zeit."
Sie schoben das Boot auf den Strand hinauf und gingen rasch auf das Haus zu. Erst war nichts zu sehen, bann aber gewahrten sie ben Mulatten, ber von ben Detektiven verfolgt ins Haus bineintief. Wallion beschleunigte seine Schritte.
„An ber anbern Seite hat bas Haus auch einen Eingang," sagte er. „Es wirb besser fein, wenn einer von Ihnen dahin geht."
Der eine Polizist rannte ums Haus herum. Wallion, Erik und der andere Beamte gingen die Treppe hinauf. In der Tür begegneten sie Colt, der mit einem Regenmantel überrn Arm im Begriff war, hinauszustürzen, Er schlug die Tür wieder zu, aber der Beamte griff rasch zu und riß sie an sich, gerade als Colt sie zuzuschließen versuchte. Er lief in ben Salon hinein, aber sie waren
haben die rote Rose weiß gefärbt. Weil so die Rose bas Zeichen der Tugend ist, kann der Teufel sie nicht leiden, wie auch die Hexen keine Rosen ansassen können. Im besonderen war der Rose ber Tag bes heiligen Bischofs Mebardus am 8. Juni gewidmet. Er stiftete schon zur Zeit der Merowinger im 5. Jahrhundert das heute in Frankreich gefeierte Rosenfest. In der Gemeind« Salency, wo fein Geburtsschloß steht, wird das bravste Mädchen als „Rosenkönigin" in ber Medarduskapelle gekrönt unb geehrt.
Dieser Msdardustog gilt wie der ber Siebenschläfer am 27. Juni als ganz besonders gefährlicher Wettertag. Die durch die Jahrhunderte gereifte Erfahrung unserer Altvordern hat in einer ausfallend großen Zahl von Bauernregeln festgehalten, „wie an Medor- bus bas Wetter fallt / Es bis zum Mondesfchlutz anhält". Dagegen: „Wenn es an Sankt $e its ta g (15.
Juni) regnet / So fall das ganze Jahr fruchtbar fein". Dieser letztere Tag hat im Verlauf des Juni eine besondere Rolle. Nach ihm werden die Stangenbohnen, die um dies« Zeit blühen, „Deitsbohnen" oder „Fitze- bohnen" genannt. Und doch war di« alt« heidnische Gottheit, die in ganz Deutschland gefürchtet war, und nach der man das bekannte Leiden die „Veitskvankheit" genannt hat, garnicht einmal deutscher Herkunft. Swantewit war ein Wendengott, dessen Tempel zu Arkana auf der Insel Rügen stand. Die Missionare bes Klosters Corvey an ber Weser waren es, die an feine Stelle das Andenken eines Märtyrers aus der Diokletian sichen Ehristenversolgung setzten, den hl. Vitus (französisch: St. Guy, tschechisch: Santo Vit), ber dann unser Nothelfer wurde. Paul I. non Sone.
dicht hinter ihm, unb in ber gegenüber besinblichen Tür begegnete ihm ber anbere Detektiv. Da blieb er stehen, zuckte bie Achseln unb lachte.
„Ist bies ein Gesellschaftsspiel, meine Herren, ober was veranlaßt bisse Invasion?"
„Sinb Sie der Ingenieur Maximilian Cott?" fragte der neben ihm stehende Detektiv.
„Jawohl, ber bin ich. Wenn ich Ihnen einen Dienst ober eine Freube erweisen kann, so sagen Sie es mir. Aber rasch! Ich hab' es eilig."
„Sie sinb verhaftet, Herr Cott."
„Ach! Wirklich! Hoffentlich sinb Sie im Besitz von Ausklärungen über bie Sache! Weswegen bin ich verhaftet?"
,Lhnen werben sogleich reichhalttge Aufklärungen zur Verfügung stehen," sagte Wallion. „Diese Herren gehören ber Kriminalpolizei an. Ich schlage vor, baß wir eine gewisse Person erwarten, bie Sie kennt, Herr Colt. Das wird uns unnötige Wiederholungen ersparen."
Colt warf seinen Mantel beiseite und setzte sich am Tisch nieder. Gleichzeitig ertönte vom Fenster her eine schleppende Stimme.
„Ist Dr. Mauritz vielleicht auch Polizist?" bemerkte Drakenborch, der behaglich im Sessel lehnte. Vielleicht ist er mal wieder über Dinge unterrichtet, von denen wir nicht wissen, unb läßt uns schließlich alle verhaften . . . Womöglich sogar seinen Freunb, Erik Rey- nolb?"
Erik trat vor. „Was meinen Sie damit, Herr Drakenborch? Heraus mit ber Sprache!"
Der Kubaner bewegte schläfrig eine Hand.
„Das Denken ist doch wohl erlaubt? Ich sage nicht mehr, als ich weiß . . ."
Wallion warf Erik einen warnenden Blick zu. Dolores faß hinter ihrem Vater in der Fensternische.
„Man weiß nicht immer, was man weiß, Herr Drakenborch," sagte ber Journalist. „Was mich betrifft, so will ich gern mit gutem Beispiel vorangehen. Ich bin weber Arzt noch Polizist, und mein Name ist Maurice Wallion."
Eine Sekunde lang hob Cott die schwarzen Augen und starrte ihn an. Da hörte man ein Motorrad in ra-
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flutete ein Etwas, das drohte, mahnte und warnte. Das ihnen lautlos Unrecht gab. Und über ihnen, unerreichbar, standen die Sterne, die ihrer Fäuste spotteten. Die kreisend ihres Weges zogen unb ihre leuchtende Schrift an den Himmel malten. Der Nachtwind seufzt« au?: Ja, Recht und Unrecht wirb alles einmal gewogen — der das Brot vorenchält, wird gerichtet — gerichtet wird ber es raubt und stiehlt.
In bie Stille fiel es spottend: „Ober seit Ihr Schwach- köpf, und Feiglinge?"
Wild tobte ber Schrei: „Zur Kathedrale! Auf! Steckt bie Kathedrale in Brand!"
Etliche stürmten voraus. Zögernd folgte der Haufe.
Fahl und grau stand der Turm der Kathedrale im Laternenlicht. Oben verlor er sich unsichtbar im Nackt- Himmel. Ein Heller Stern schien seinen Knauf zu hüben.
Wie Ameisen an einem Baumstamm schlichen dunkle Gestalten unten hin und her. Schlugen mit Hämmern an das Gestein, daß Funken sprühten. Rüttelten an den verschloffenen Türen.
Nun ein dumpfer Schlag. Und noch einer. Ein Krachen und Splittern. Die Tür ist zerschmettert.
„Heran!" ruft einer vor der Tür den andern zu, die scheu vor dem Portal stehen. „Heran! Und Fak» fein her!" Hohl klingt die Stimme aus ben Gewölben wider.
Nun flammt düsterer • Fackelschein in dem Eingangs» gewölbe auf. Ueb er gießt die Wände mit roter Glut. Kriecht empor bis zu dem Deckengewölbe.
Die Turnttreppe polterts herauf. Ein halb Dutzend Männer mit ebenso vielen Fackeln.
Nun stehen sie am Balkenwerk. Glockenseile hängen überall herab.
„Die zuerst!" ruft einer und hält die Fackel an ein Seil. Das Feuer leckt gierig daran, faßt zu, und bald züngelt eine Flamme empor. Ein wildes Geschrei stoßen die Leute aus, in einem Augenblick flammen alle Seile und tragen die feurigen Zungen empor. Tragen sie an die Bretter und die Balken. Unb überall bringen bie Fackeln nun das Feuer an, lichterloh brennt bas Holz- werk. Einer steckt bie Treppe, die zu ben oberen Stockwerken führt, in Brand. Dann torkeln sie hinunter.
Bon draußen sicht man den Brand. Die Turmluken werden hell. Hier und da weht Rauch heraus. Johlend und schreiend stürzen die Brandstifter hervor. *
„So! Nun mag Der da oben löschen, wenn er will!" Die Straße wird lchendig. Fenster werden auf» gestoßen. Grelle Schreie ertönen. Haustüren werden geöffnet. In wenigen Augenblicken ist die Straße mit Menschen erfüllt. Don allen Seiten eilen sie herbei. „Die Kachedrale brennt!" Der Ruf pflanzt sich mit Windesgeschwindigkeit durch die nächtliche Stadt fort. Sie, die wie ausgestochen lag, wird lebendig. Die revo- lutionären Trupps werden überrannt. Unabsehbar wogt bie Menschenmenge.
Schon haben die Flammen ein weiteres Stockwerk des Turmes erreicht. Wild schlagen sie aus allen Turm- lucken, bis an die oberste Spitze hell erstrahlt der Turm in rotem Glanz. Die Sterne alle sind verschwunden in dem grellen Feuerschein.
Längst hat sich der Trupp vor der Kachedrale aufgelöst. Zwischen ben anderen Menschen stehen sie da, halten unschlüssig ihre Gewehre in der Hand und möchten sie am liebsten verstecken. Und mancher läßt heimlich die Waste zur Erde fallen.
„Fünfhundert Jahre lang hat man an der Kachedrale gebaut", ruft jemand.
„Und in einer Stunde brennt sie nieder", antwortet ein anderer.
Grelle Signale ertönen. Don allen Seiten eilen die Feuerwehren herbei. Auch Militär rückt an. Kommandos erschallen. Es wird geschaffen unb bretnge« schlagen.
Leitern legen sich an das Mauerwerk. Wasser- schliiuche werden emporgezogen. Vergebens. Das Feuer hat sich bereits so hoch durchgefressen, daß die Wasserstrahlen es nicht mehr erreichen. Der ganze Turm ist ein schauriges, feuriges Fanal. Die Funken stieben von ihm nieder, fallen den Menschen unten auf das Haupt und auf die Kleider, versengen ihnen das Haar und brennen Wunden in die Stirn. Aber so dicht stehen sie und so stark drängen die weiter abstehenden
sender Fahrt herankommen. Dor ber Treppe machte es halt, ein junger Mann stürmte herein unb lief auf Wallion zu.
„Was ist denn los, Sang?" fragte dieser und zog ihn beiseite.
„Er wird noch zehn Minuten dauern, bis sie hier sind," flüsterte Sang. „Es ging langsamer, als Aspe- land gedacht hatte. Ich war bei ihnen, aber schließlich fuhr ich voran, weil ich wußte, daß du schon warten würdest."
Diesen Augenblick benutzte Colt. Don seinem Platz am Tisch sprang er mit einem Satz gegen den in ber Tür stehenden Polizisten an. Beide fielen hin, aber Coll kam im Nu wieder auf bie Füße unb stürzte hinaus. Das Motorrab knatterte, unb bas Geräusch verlor sich bereits in ber Fene, als bie übrigen hinauskamen.
II.
„Er hat mein Motorrad genommen!" rief Sang, außer sich vor Zorn. Wallion spähte ben Weg empor unb eilte auf bie Garage zu.
Plötzlich ftanb ihm ber Mulatte mit unverkennbar feinblidjer Miene gegenüber. Er wollte Colt offenbar um jeben Preis einen Vorsprung verschaffen unb versperrte ben Eingang zur Garage in Boxerstellung. Aber es kam nicht zum Kampf. Niemanb — nicht einmal Napoleon — gewahrte bie Bewegung des Journalisten, bevor dessen Faust ben Mulatten mit einem dumpfen Knall unters Kinn traf. Es sah aus, als ob dieser eine Sekunde lang an Wallions Faust hinge. Dann brach er zusammen, und ber Journalist trat über ihn hinweg.
Hinter ber halb offenen Tür ftanb Colts Auto bereit und bewies, daß dieser im Begriff gewesen war, Hamra zu verlassen. Als Erik lebendig an Sand kam, hatte er das Spiel verloren gegeben, konnte aber nicht ahnen, daß bie Polizei ihm auf ben Fersen war.
„Siehst bu wohl? Neue Reifen," sagte Wallion leise zu Erik. „Auf bie Weise hoffte er, seinen Besuch in ber Haberschen Villa ableugnen zu können. Kein Wunber, baß er versuchte, dich aus dem Wege zu räumen." Er saß bereits am Rad, unb Erik neben ihm. Sang stieß beide Garagentüren auf unb fprang ins Auto hinein, in« bem es hinausglitt. Einer der Polizisten jchwang sich
Brand der Kathedrale.
Don Francesco Dinare;.
Die Straßen lagen leer und verlassen in der herein- brechenden Dunkelheit. Die Fenster waren geschlossen. Hie und da öffnete sich ein Spalt in den Läden, und ein weißhaariger Kopf schaute vorsichtig hinaus, die Straße entlang. Und sah nichts als eine Reihe matter Laternen, die zu leuchten begannen.
Ein Schuß fiel irgendwo. Kurz und knapp und ohne Nachhall, als wäre er ins Leere abgefeuert. Gleichzeitig erschien in der Fern« ein dunkler Trupp, der sich die Straße entlang schob. Voran ein Mann ohne Kopfbedeckung, das Haar wirr in der Stirn; er trug einen schweren Schmiedehammer geschultert. Dahinter Burschen und Männer mit in den Nacken geschobenen Mützen und mit offenen Blusen. Alle hielten sie eine Waffe, manche eine Flint«, andere einen Revolver, manche auch Totschläger und Gummiknüttel. In einem lockeren Tritt, der militärisch sein sollte, stampften sie dahin, langsam, sich überall umschauend, verdrießlich unb mürrisch. Dumpfe, wirre Reden gingen mit.
Da hob ein Mann, der in der Mitte ging, die Flinte hoch über die Köpfe. Und wieder knallte ein Schuß.
.Laß dos blöde Schießen bleiben!" schrie einer ber Vorderen, indem er sich umkehrte.
Und weiter trotteten sie, müde und vevbroffen. Wozu marschierten sie nun eigenttich durch die Straßen? Die Revolution muß siegen, sagen bie Führer. Nun siege einer, wenn sich fein Gegner zeigt. Dreinhauen soll man sie lassen. Lange genug haben sie es in sich aufgespeichert. Jahrelang haben sie auf diese Stunde gewartet. Dies« Stunde ftanb ihnen vor Augen wie ein Märchen, das so schauerlich-schön ist, daß man kaum daran glauben kann, Und nun war das alles? Zwecklos, ziellos, tatenlos zogen sie durch leere, ausgestorbene Straßen, bie Flinte, den Revolver, ben Hammer in ber Hanb — unb nicht ein Schuß, nicht ein Hammerschlag? Kein Mensch, der ihnen entgegentrat?
Doch! Endlich! Dort kommt ihnen etwas entgegen. Feste packen sie die Waffen. Vielleicht reaktionäres Militär, das sich des Abends in ber Dunkelheit wichtiger Plätze bemächtigen will. Vielleicht Polizei. Langsamer gehen sie, langsamer auch rückt der entgegenkommende Trupp vor. Die Gewehre schußbereit, so spähen sie in bie Nacht.
Jetzt erkennen sie die einzelnen Gestalten. Nein, das ist nicht Militär, das fft nicht Polizei. D"s ist ein Trupv
ber Ihrigen, der genau wie sie tatenlos durch die Straßen irrt und hie und da einmal einen Luftschuß abgibt.
Die beiden Führer treten aufeinander zu. Sie nehmen die Hämmer von den Schultern und stellen sie auf den Boden. Und die Mannschaften nehmen Fühlung miteinander.
Es ist nichts zu berichten. Sie hoben nirgendwo einen Feind gefeljen. Die Revolution hat kampflos gesiegt-
Mit einem Male Mieten alle auf. Aus einer Seiten» gaffe kommt ein Mann geschritten. Ein einzelner. Er ist waffenlos, die Hände hat er in der Hosentasche. Langsam schlendert er aus fie zu. Bleibt vor ihnen stehen, nimmt die Pfeife aus dem Mund und sieht sie höhnisch an. Dann spricht er: Habt Ihr heute schon fattge- gessen?"
Keiner antwortet ihm. Er fpuft auf den Boden. Also nicht. Schöne Revolutton, was? Das neue Zeitalter bricht gut an." Er weist auf bas große Eckgebäude an der Straßenkreuzung. „Darum geht Ihr da nicht hinein unb nehmt Euch, was Ihr braucht?"
Die Führer treten vor. „Wer fft ber Mann?"
„Einer der Eurigen. Aber einer, ber es satt hat, bas Kindertheater mitzumachen", fft bie Antwort.
„Auch die Revolution muß bas Eigentum schützen", klingt bie Stimme des Führers. „Unb Ordnung muß fein."
,Hm, hm! Ihr habt fleißig gelernt: „Du sollst nicht sichten, nicht wahr? Und bu sollst nicht töten, auch wenn ber anbere dich tötet, nicht wahr?" Der Mann riß sich die Mütze vom Stopf. „Ich werde Euch sagen: Ihr könnt lange Revolution machen —". Er erhob eine Hand zum Himmel. — „Ehe Ihr nicht gegen Den da revolutioniert, fft Eure Revolutton ein Dreck! Unser täglich Brot gib uns heute---Wenn er es aber nicht gibt,
wenn er es nur den Reichen gibt---Was können
denn die Reichen dafür, daß Ihr dumm seid!?"
Da erscholl aus ber Mitte des Haufens ein Schrei: „Zur Kathedrale! Auf! Zur Kathedrale! Steckt die Kathedrale in Brand!"
„Das fft ein Wort!" lobte der Hinzugekommene. „Zeigt einmal, daß Eure Revolution nicht nur auf dem Papier steht!"
Die Leute standen stumm. Ja, sie hatten doch einen Gegner, das spürten sie. In bem kühlen Nachthauch