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Beilage zur Fuldaer Zeitung
3. Mai
Ave Maria.
Ave Maria! — Meer und Himmel ruhn, $on allen Türmen hallt der Glocken Ton: Ave Maria! — Laß vom ird'schen Tun!
| ^Ur Jungfrau bete, zu der Jungfrau Sohn!
Des Himmels Scharen selber knien nun Mit Lilienstäben vor der Jungfrau Thron, Und durch die Abendwolken grüßt's hernieder: Ave Maria! — hallt es wider.
' O heil'ge Andacht, welche jedes Herz
Mit leisen Schauern wunderbar durchdring!!
p sel'ger Glaube, der sich himmelwärts
I Auf des Gebetes sanftem Fittich schwingt!
t-. In milde Tränen löst sich da der Schmerz, V, Der Freude Jubel aber sanfter klingt.
Aoe Maria! Wenn die Glocke tönt,
Dann lachen Erd' und Himmel mild versöhnt.
Em. G e i b e k
I Mal-Andacht.
| Minder eilen zur Kirche. Ihre Augen sind leuchtende Sterne, ihre Mündchen blühen wie Rosen, ihre | Me trippeln über die Steine, als seien sie nur gc- LWhnt auf Blumen zu gehen. Ist es nicht der lebendige Mi, den Gott der Herr auf die Erde sendet, damit uns Mernden ein Seelenfrühling sichtbar sei, damit wir sehen, wie junge Menschenknospen ihm, dem Schöpfer Mer Guten, sich zuwebden — ach, in wieviel reinerer und innigerer Liebe als wir, die wir so schwer die Füße . W,f die Erde setzen und sie schier nicht losbekommen vor lauter Daseinsbeschwernis---
„Maria zu lieben, ist allzeit mein Sinn" — wie hat hieus Lied sich die jungen Seelen erobert! Klingt es nicht wie das Weihelied der Jugend, so voll, so warm, fo treu, so stark? Oh, da fingen auch die mit, die sonst scheu und schweigsam bleiben und deren Lippen sich nur ichwer zu Bekenntnissen erschließen. Dieses Lied öffnet ihre Lippen.
Und die Großen, sie blühen auf in diesem Frühling, eie werden Kinder und singen so hell, so klar, wie sie einst gesungen haben, als sie im kurzen Röckchen und hirjer Jacke ebenso trippelnd zur Maiandacht gingen. Und fit schauen aus zur Mutter so gläubig wie ehemals und Hgen sich vertrauensvoll in ihren mächtigen k Schutz
Die Blumen am Muttergottesaltar leuchten, frisch und 3iu — des Frühlings Erstlinge. Und die Kerzen ^knistern freundlich leise, als spräche durch sie die Gottes- mufter hie und da ein tröstend, ein gewährend, ein verheißend Mort. Ja, ein Mutterherz öffnet sich, und Mut- - inarme breiten sich, um alle zu empfangen, die kind- iidjen Herzens nahen!
v selig die Stunden, in denen wir zu Kindern roerben..... H. St.
Den Frühling spürt . .
Von Hans R 0 s e l i e b.
Wen Frühling spürt in der Nacht, wer aus der Wehrder Einsamkeit oder der Krankheit ein Fenster öffnet
- es knarrt, cs ächzt ein wenig, es verfliegt und da ist m Loch in die kosend-weiche Dunkelheit gestoßen zum i' Sdjauen — lange — lange.
Den Frühling spürt in der Nicht, wer im Auto auf »aidumfeitimten Straßen rast, den Duft von Wald- Mister schluckt und im Lichtkegel einen Hasen, trunken
°->m Licht, erspäht und dann von Sinnen an zu hupen längt, längst nachher, als der Hase um Haaresbreite am lobe vorbei getaumelt ist — —
Den Frühling spürt in der Nacht, wer mit einem gelten Menschen, vom Samtmantel der Dunkelheit um- änlit, schreitet und stille steht und lauscht auf einer Nachtigall Schluchzen und weiterschreitet, und wieder lauscht und nichts hört wie das Herzklopfen des Geliebten. Oder ist es fein eigenes? Und der dann ein Zuchten im Auge hat, als erscheine Gott.
Den Frühling spürt in der Nacht, wer in einer Schar Nnndervögel durch die blauen Waldschatten wandert >$er Baumwurzeln, die sich über den Weg winden und "er dabei schweigsam wie in einer Kirche auf etwas "ortet, das ihm die Brust weitet, unfaßbar groß und nhaben, kaum zu ertragen, bis daß einer aus der ^r feine Stimme erhebt und singt, fo schön wie nie,
Der Mann vom Meer.
Von Julius Regis.
t Vertragen aus dem Schwedischen. ®. Möller-Verlag, München 13| ------------
M-'Nein, um das Wrack ist mir's eigentlich nicht zu tun. । ™j Möchte mir die Beschaffenheit des Meeresbodens hier »or der Kajüte anfehen."
^^„Meinetwegen, wenn ich dein Sehnen auch nicht be- 1e!"
g6ic legten Erik die schwer lastende Tracht an, und °n sah beifällig zu, als er sich der Treppe näherte, r würde das nicht können," sagte er, „aber da Sie 1 daran gewöhnt sind, rate ich Ihnen dennoch, nicht "8er als ein paar Minuten unten zu bleiben."
®rtt sah ein daß dieser Rat gut war, denn die schwere e beengte ihn sehr. Doch als es zum Zeichen, daß „klar" war, oben im Kupserhelm knackte, stieg er be- 5t die Stufen hinab, lieh sich dann ins Wasser sinken ftanb gleich daraus, von Dunkel umgeben, aus dem resgrunb. Aber Luftschlange und Signalleine ver- ihn mit der lichten Oberwelt, und er hörte das ^ytbmjfche Geräusch der Pumpe in der Schlange.
gtrtt0.föritt er denn langsam in der Richtung nach dem Zu, indem er das grelle Lichtooal seiner Lampe | $ox'e’nen Fußen weitergleiten ließ. Der harte, sandige f kkiA? leinen vielen Steinen war von einerSchlamm- Gedeckt, die sich bei jedem Schritt in kleinen Wolken Die schweren Bleisohlen ließen eine Doppelreihe t Abdrücken hinter sich.
er Boden stieg hier merklich an. Als Erik den halben ■S® ans Land zurückgelegt hatte, wich er nach links ab KJ? 8’ng parallel mit dem Strand weiter. Dort war es Heller, da die Wasiertiefe nur noch zehn bis -Keter betrug. Hier und da bildete der Tang busch- ■l**”* Formationen. Kleine Fische erglänzten, indem or feiner Lampe entflohen.
°urg würde erstaunt gewesen fein, wenn er Erik beobachten können, denn er richtete die Blicke auf kleine unbedeutende Spuren im Sand, öfters stehen, um sie zu studieren. Plötzlich Bf er sogar minutenlang halt.
oder einer aus Gitarrensaiten eine nie gehörte Musik entlockt und bann sich plötzlich eine Waldlichtung auftut mit einem Dach aus Sternenlicht und alles verstummt, bis daß einer anfängt, ein Zelt zu bauen, pochende rammende Laute, Kommandos und Geflüster — und Echos, die weit verhallen.
Den Frühling spürt in der Nacht ein Kind, verführt durch den silbernen Mondschein ins Dunkel, geliebkost von Schatten, die es für Gespenster hält, betäubt von Gerüchen, die es halb irrsinnig machen, verfolgt von den Augen eines Uhus, der aus der Astgabel eines Baumes starrt, so daß es schreit: „Mutter! Mutter!", was niemand erchört.
Den Frühling spürt in der Nacht ein Obdachsuchender, der nichts besitzt als sich, und auf einem Waldweg dahin- ftolpert ohne Sternenlicht, ohne Mondschein. Tierschreie, die erwürgt, menschliche Tritte, die ersticki, Klagen der Lust, das verweht, Baumgestalten, die zerrissen werden, Donnern eines Zuges, das unter der Erde zu verrotten scheint, Traum von Behaglichkeit, Licht und Wärme, der verraucht wie ein unsichtbares Feuer, und Schmerzen hinterläßt wie Brandwunden. Oder ist es bas Brennen bes Hungers? Nichts, was sich festhalten ließe, nichts, nichts, es sei denn der Schmerz der
Heimatlosigkeit, das Weh der Verlorenheit, das Grausen vor der Hoffnungslosigkeit. Alles Nahe ist grenzenlos und nicht zu fassen. Alles Feste schwankt wie an einem Abgrund. Alles Lichte ist trügerisch, alles Duftige vergänglich. Jeder Schritt führt ins Ungewisse. Verzweifelnd läßt er sich in die Grashalme fallen. Die Erde riecht so stark wie ein lebendiger Leib. Eine Stille schwebt wie auf Raubtierflügeln durch ein schwarzes Glänzen in ein Nichts. Knackte da nicht die Erdkruste oder krachte eine Pflanze heraus aus dem Gefängnis des Bodens? Bald hört er mehr mit dem Gehör der Seele als mit dem des Leibes, überall das Erdsprcn- gende, das sich aus dem Dunkel Zwängende, das Wachsende. Er bebt am ganzen Körper, bevor er es begreift. 'Und als er es begreift, da zuckt fein Mund, da stammelt er: Es ist gut. Alles ist gut. Obschon ich kein Obdach als diese Sträucher hier habe; es ist alles gut. Vielleicht ist es verrückt. Aber es ist gut. Und wenn es auch noch furchtbarer kommt, noch lebe ich, es ist gut — ---Sein Weinen trug bei zum Lippengewisper der Nacht, der gestaltlosen, der horizontlosen, dem Schoße immer erneuten Werdens Und der mystische Wind trocknete feine Tränen und alles war gut in dieser Nacht.
Einmal quer durch Berlin.
Der neue grotze Oberbürgermeister. — 20 oder 30 Pfg., das ist nun die Frage! — Berlin W und Berlin O. — Am Kurfürstendamm ist Holzauktion.
Die brennendste, allgemein interessierende Frage m Berlin ist zur Zeit — nicht der neue Oberbürgermeister, obwohl er (bei 2,15 Meter Körpermaß) natürlich als Zielscheibe des gesamten Berliner Witzes herhalten muß, auch nicht die neu eingeführte Verzehrsteuer, obwohl sie den Berliner ganz ungeheuer wurmt, sondern die brennendste Frage zur Zeit ist: wird denn nun der Fahrschein für die Verkehrsmittel herauf- oder herabgesetzt werden? Darüber ist sich jeder einig, daß der augenblickliche Preis von 25 Pfg. unnatürlich ist; dar Berliner rechnet mit Groschen, runden Groschen; der Fünfer ist ihm, wenigstens in der elektrischen Straßenbahn, ein Greuel, ein Dorn im Auge. Also hie 20 Pfg., hier 30 Pfg., ist die Kampfparole. 20 Pfg. — fo schreit die ganze Sjiermillionenftabt, 30 Pfg. — so schreit ein Dutzend Aufsichts- und Vorstandsmitglieder der Verkehrs- gefellschaften. Aus den Ausgang des Kampfes kann man gespannt sein. Wie wichtig das ist, ob der Berliner für 20 ober 30 Pfg. fahren fall, ob für das Um- fteigen ein Zuschlag bezahlt werden sott ober nicht, das kann man daraus ersehen, daß soeben zwei Sachverständige je ein Gutachten von mehreren hundert Seiten darüber erstattet haben, das je ein kleines Wunder exakter Forschung darstetten soll. Schade nur, daß die beiden Gutachten, die viel Geld gekostet haben, sich im Endergebnis widersprechen! „Nu stehste da . . .", w,e man hierzulande sagt.
Tatsache aber ist, daß man zur Zeit noch für 25 Pfg. ober, wenn man den Omnibus benutzt, für 30 Pfg. eine Fahrt durch ganz Berlin machen und volle zwei Stunden oder auch zweieinhalb in der Straßenbahn oder im Omnibus ab fitzen kann. Man fährt z. B. mit der Nummer 44 vom äußersten Ende von Steglitz ab und gelangt damit bis zum Görlitzer Bahnhof, um dort in irgend eine andere Linie umzusteigen, die bis Kaulsdorf oder Mahlsdorf fährt. Alles für 25 Pfennige. Es kommt dem Nichtberliner schier unfaßbar vor, daß der Schaffner, nachdem man eine volle Stunde in einer Straßenbahn gesessen hat, in der nächsten Linie ruhig das Billett in Zahlung nimmt und man weitere anderthalb Stunden ganz nett untergebracht ist. Für Obdachlose bei Regenwetter ist die Benutzung der elektrischen Bahn nur zu empfehlen! Es ist ganz erheblich billiger, als wenn man in einem Lokal Unterschlupf sucht!
Und man sage nicht einmal, daß eine solche Fahrt quer durch Berlin langweilig sei! Im Gegenteil, wer die „Volksseele" Berlins studieren will, hat dabei die beste Gelegenheit. Im Westen allerdings wird er
sich auf äußere Wahrnehmungen beschränken müssen. Denn man ist dort exclusiv und zugeknöpft. Jeder bildet eine kleine Welt für sich. Stumm und lautlos — vis auf bas Getöse, bas die Räder machen — fährt dort fo ein Straßenbahnwagen oder Autobus dahin. Jeder fitzt fest auf seinem Platz. Damen wirb nicht Platz gemacht; sie müssen stehen unb warten, bis jemand aus- steigt unb an sie bie Reihe kommt. Kinder sieht man selten; und wenn, dann sitzen sie wie kleine Erwachsene da, schauen gelangweilt zum Fechter hinaus — sie haben ja alles schon hundertmal gesehen, sie fahren die Strecke ja jeden Tag, wie sollten sie über etwas in Erstaunen geraten!
So nähert man sich denn dem Zentrum. Man merkt es daran, daß sich der Wagen mehr unb mehr füllt. Schließlich ist er voll besetzt, unb ber Schaffner hat an den Haltestellen seine liebe Not, die Wartenden, bie alle hinein wollen, am Einsteigen zu hindern. Zwei Mann stiegen aus. „Zwei Plätze frei!" ruft ber Schaffner, und als die beiden eingeftiegen sind, und die Treppe hinauf zum oberen Stockwerk wandern, da streckt er einen Arm wie eine Barriere vor, unb der Ansturm zerschellt vor seinem kategorischen Ruf: „Laut Polizeiverordnung!" Nun, das Wort „Polizei" wirkt in Berlin, und so ziehen sich benn die Anftürmen- ben unter mitunter recht saftigen Ausdrücken zurück, um auf den nächsten Wagen ber Linie hoffentlich nicht wieher vergebens, zu warten. Im Wagen geht es nicht mehr ganz so reserviert zu; man verstaut in gegenseitigem Einvernehmen bie Pakete, die sich jetzt häufen, und man macht halblaut seinem erleichterten Herzen Luft, wenn im Wagen selber etwas „Luft" wird. Sogar ein kurzes Gespräch wirb hie unb da angeknüpft.
Der Wagen leert sich wieder; benn das Zentrum liegt hinter uns, und bie östlichen Stadtteile riik- ken heran. Das Publikum wechselt. Arbeiter steigen zu, die von ber Arbeit kommen, Verkäuferinnen, Nähmädchen in billigen Fähnchen, Frauen, denen bie Not des Lebens im Gesicht geschrieben steht. Unb fast immer gehören auch zu den Insassen kleine Kinder, die entweder mit ihren Müttern oder wohl auch allein fahren und denen das Interesse der Mitfahrenden gilt. Bereitwillig steht ein junger Mann auf unb macht einer Frau mit ihrem Kirche Platz; ein anderer weist feinen Platz, verlegen lächelnd, einem • jungen Mädchen zu, das ihn, ebenso verlegen lächelnd, einnimmt. Unb schon ist bie Bekanntschaft vollzogen. Die Mutier erzählt, wie klug ihr Kinb sei, wohin sie fahre^ wo man am besten eintaufe ein alter Herr schimpft über die Regierung
Die Lampe beleuchtete einige längliche Spuren, bie alle nach berfelben Richtung, nämlich borthin gerichtet waren, wo bie Kajüte jtanb. Unb obwohl sie halb ver- waichen waren, unterlag es boch keinem Zweifel, baß es Fußspuren fein mußten, bie nicht heute entstanden waren.
Erik folgte ihnen zum Straube hinauf, wo sie allmählich unbeutlicher wurden und schließlich ganz verschwanden. Hier hatte bas Wasser ben feineren Sanb geglättet. Er kehrte um unb ging wieder abwärts.
Die spukartigen Fußtapfen bildeten eine gerade Linie bis in den tieferen Teil bes Sunbes hinein. Zuweilen waren sie kaum sichtbar, um bann auf weicherem Boben wider deutlich hervvrzutreten. Nach etwa fünfzig Schritten stieß er auf andere, von links kommende Spuren. Die stammten von Johnsson her. Der Unterschied war unverkennbar. Dort nur rundliche Gruben, hier tiefe, mit deutlichen Umriffen. Ob Johnsson jene Spuren gesehen hatte? Unb wie lange währte es wohl, bis solche Spuren hier unten ganz verwischt würben?
Nachbenklich kehrte Erik zum Prahm zurück, gab das Zeichen unb stieg wieder ans Tageslicht empor.
„Nun?" fragte ber Taucher, nachdem Erik von dem schweren Helm befreit worden mar. „Gab's etwas zu sehen?"
„Es ist ein wunderliches Gefühl, da unten herumzu- fpazieren", erwiderte Erik ausweichend.
„Ja, zuweilen!" sagte ber Taucher. „Nun komm ich roieber an bie Reihe."
Der Prahm fuhr eine Strecke weiter, währenb Erik sich niebersetzte unb gebankenvoll rauchte. Plötzlich sah er jenseits des Sunds etwas aufblitzen, als die Sonne einen Augenblick zwischen ben treibenden Wolken hervortrat. Der Blitz ging von ber Veranba auf Hamra aus, unb jetzt konnte Erik beutlich sehen, daß Drakenborch dort saß unb ein Fernglas vor bie Augen hielt. Neben ihm lehnte Colt an einem Pfeiler. Erik konnte ihr offenbares Jn- tereffc verstehen. Es war sogar erstaunlich, daß niemand von Hamra herüberkam, da das Erscheinen des Taucher- schisfs hier boch sozusagen ein Ereignis bedeutete.
Es währte nicht lange ,bis Blasen im Wasser aufstiegen, unb Johnsson roieber heraufkam. „Keine Spur von einem Wrack", sagte er. „Ich will mich nur ein bißchen
verpusten unb bann noch eine Strecke nach der andern Seite gehen."
In diesem Augenblick kam der Sohn des Pächters angerudert unb fragte lebhaft: „Wonach suchen Sie? Nach dem Mann vom Meer?"
„Von wem sprichst du?" entgegnete Johnsson.
„Ach, das ist eine alte Spukgeschichte", warf Erik ein. „Die Leute glauben, daß der Schiffbrüchige umgeht."
„Aber das ist boch nicht Einbildung!" rief Knut aus. „Ich hab' doch selbst gesehen, wie er aus ber See herauskommt unb hier bei Nacht um bie Kajüte herumgeht."
Der Taucher rieb sich bie Nase und blickte den Jungen forschend an. „So? Tut er das? Behauptest du bas? Na, wenn ich ihn zu sehen kriege, werd' ich ihn dir 'raufschicken, mein Junge." Darauf stülpte er den Helm über und verschwand wieder im Wasser.
Diesmal blieb er wohl eine halbe Stunde fort, und auffteigenbe Tangmassen verrieten, daß er ganz gründlich suchte.
Endlich kehrte er zurück.
„Nein, Herr Reynold, der Meerrnnn muß das Wrack weggchcxt haben . . . Wir können aber noch ein Ende weiterfahren."
Erik sah seinen Vater an den Strand herabkommen unb rief Knut zu, er möchte ihn an Land rudern.
„Bis jetzt haben wir nichts gefunden, Vater", sagte er. „Bei ber Kajüte scheint Vriesmans Schiff jedenfalls nicht gesunken zu fein."
„Ich wußte es ja", sagte ber alte Herr. Aber er ging nicht fort, unb Erik saß schweigend neben ihm.
III.
Um fünf Uhr nachmittags hatte bie Arbeit des Tauchers noch zu keinem Erfolg geführt.
„Ich hatte sicher erwartet, daß wir das Wrack heute finden würden", tagte Seburg bei Tisch. „Ader jetzt muß ich gestehen, baß die Aussichten gering finb, es sei benn, daß es drüben liegt."
„Näher bei Hamra", fragte Erik. „Das wäre eine interessante Lösung! Aber — ich bezweifle —"
„Nun, Johnsson ist bereit, heute abend mal hinunter« zugehen, unb morgen könnten wir trotz bes Sonntags fortfahren."
ober wahrscheinlicher noch über die Berliner Stadtverwaltung, woraus ein Stadtverordneter — er hat sich durch seinen Freifahrtschein als solcher ausgewiesen, bemerkt: „Erlauben Sie mal jefälligft —" und seine bessere Kenntnis der strittigen Angelegenheit an den Mann bringt. Ja, Berlin O und Berlin W das ist ein gewaltiger Unterschieb! Und ein Vergleich fällt nicht immer zu Gunsten von Berlin W aus, — wovei man noch nicht einmal an den drastischen, aber treffsicheren Ausspruch eines Lumpensammlers zu denken braucht: ,,Jck ziehe Berlin O entschieden vor. Wissen Se, for wat? Da kann man allerlei jute und verwertbare Sachen von die Straße weg uffheben, Zigarrenstummel, Zeitungen frisch vom Tach, Bananenschalen, an denen manchmal noch wat von Fruchtfleesch is, und wenn Sie Jlück haben, finden Sc sogar mal ne junge Schuhsohle liefen. Aba im Westen, da können Se nischt uffheben als allenfalls bet $erbauungsrefultat von ba Jnädijen ihrem Affenpinfcha, unb wo ber wat hat fallen lassen, müsten Se wissen, bas is ooch noch Naturschutzsebiet" — womit er einen tatsächlich sehr reformbedürftigen Zug im Bilde der „saubersten Stadt der Welt" erwähnt hat. Die Berliner sind gewiß große Tiersreundc, unb um ein Hündchen spielen sich manchmal Szenen ab, die man rührend nennen könnte, wenn sie nicht schon fast bas Läppische streifen würden. Aber andererseits ist dieser Hunde- unb Katzenkult — er geht so weit, daß es in Lankwitz ein besonderes „Rettungsheim" für Hunde unb Katzen, ja sogar ein „Ferienheim" gibt, und viele Tierärzte verbinden mit ihrer Praxis eine „Hunde- Bade- unb Pflegeanstalt" — auch eine ber aufreizend- sten Erscheinungen für die mit Glücksgütern weniger Gesegneten. „Ach, wat, wenn ’t noch dreckiger wirb, bann jehn wir und spielen im Westen Hund" — bte|t Redensart läßt tief blicken.
Auch nach Berlin kommt diesmal ber Frühling spät. Noch stehen alle Bäume kahl, nur gerade die Kastanien haben dicke Knospen aufgesteckt, bie vor Ungebulb schon fast platzen wollen. Hunderte von Bäumen aber, unb zwar im Westen, werden überhaupt keinen Frühling mehr erleben. Die lange Kantstraße, bie von dem Zoo bis zu ben Ausstellungshallen unb bem neuen gewaltigen Funkhaus führt, ist bereits im vorigen Herbst völlig kahlgelegt worden, trotz aller Proteste. Der Verkehr hat es erfordert, wie man sagt. Unb soeben ist auch ber Kurfürstenbamm an bie Reihe gekommen. Der in der Mitte ber breiten Prachtstraße befindliche Reitweg, ber mit hohen Bäumen bestauben war, liegt zur Zeit mit Baumleichen bedeckt, Tag für Tag fallen neue Stämme unter ber Axt und ber Säge, und wenn ber Berliner früher fang: „Im Grunewalb, tm Grünewald ist Holzauktion", fo singt er bas alte Licd jetzt mit einer Abwandlung: „Am Kurfürstendamm, am Kurfürstenbamm ist Holzaktion . . ."
Wieder einmal ist aus ben steinernen Zügen der Weltstadt ein Stück Natur verschwunden. Wo in früheren Zeiten Reiter und Reiterinnen an schönen Sonntagen ihre Reitpferde dahintänzeln ließen, da werden binnen kurzem die Wagen der elektrischen Straßenbahn, bie bis jetzt ben Fahrdamm benutzten, rasselnd dahin- ziehen. Ihnen hat der baumbestandene, schattenspendende Reitweg weichen müssen. Hat der Berliner so ganz Unrecht, wenn das leidige Thema „Verkehr" aus feinen Gedanken, Ueberlegungen und Unterhaltungen nicht weichen will?
Meine Fran treibt Geographie.
Von Karl Fuß.
Ist es Ihnen nicht auch schon aufgefallen, daß die meisten Frauen schwach in ber Geographie sind? Den Popokatepetl halten sie für einen Negerstamm, Lima verwechseln sie mit dem Lido, Celebes suchen sie in der Gegend „so um ben Panamakanal herum", und bie Pfalz annektieren sie einfach für Preußen!
„Wir wollen doch mal ein bißchen Geographie treiben", sagte ich daher zu meiner Frau. „Neulich in der
Entfettungs kuren im Frühling
sind sehr empfehlenswert, weil der Körper gerade jetzt eine besondere Neigung zur Stoffausscheidung besitzt. Nehmen Sie früh, mittags und abends 2 — 3 Toluba-Kerne bie Sie in Apotheken erhalten, sicher; Hof-Apotheke zum Schwan, Fulda, Marktstraße 14.
Als Erik später mit Seburg zu dem Taucherschiff zu- rückkehrte, kam bas Motorboot von Hamra herüberge- braust. Drakenborch unb Dolores faßen darin, aber Colt war nicht dabei, sondern ein Mulatte in Livree führte das Boot. Diesen Besuch hatte Erik erwartet, aber gehofft, daß Wallion vorher zurück fein werde. Nur ungern trennte er sich von Seburg, um bie Nahenben am Stranb zu empfangen, aber er wollte verhindern, daß fein Vater die Gäste sprach, ohne daß er zugegen war.
„Ja, ja, amigo, es ist wie mit bem Telegraph!" rief Drakenborch bem alten Neynold entgegen, als bie drei bie Bibliothek betraten. „Eine Störung, ein mangelhafter Apparat unb bie Botschaft ist unleserlich — oder ist ganz anders, als man erwartet hat. Aber Marie hat sich noch nie geirrt."
„Wäre es nicht ein natürlicher Beweis gewesen, wenn Vriesman ein wenig mehr über sich selbst und seine Tochter erzählt hätte?" fragte Märta, als alle Platz genommen hatten.
„Da verlangen Sie ein bißchen zuviel, Sennorita!" lachte der Kubaner. „Eine so klare, direkte Botschaft wie die gestrige ist eine. Seltenheit."
„Hätte Vriesman nicht selbst durch das Medium sprechen können?" warf Erik ein unb erhielt als Antwort einen fieberhaften Blick aus Tolore’s Augen. Er hatte eine dunkle Empfindung, als ob sie sich vor ihm oder dem, was er sagen würde, fürchtete.
„Das hätte ich nicht ausgehalten", flüsterte sie. „Selbst mit Maries Beistand war es sehr schwer."
„Zwischen Dolores unb Marie besteht eine vollkommene Harmonie", setzte ihr Vater hinzu. Es haben schon andere als Marie durch Dolores gesprochen, aber nicht so gut. Vor allem Beweise, sage ich! Wurde nicht der Name genannt? Sprach ber Geist nicht von seiner Tochter? Wies er uns nicht mit erstaunlicher Energie auf jenes Bild hin, von dem niemand wußte?"
„Ja, ja. Ich habe nichts dagegen einzuwenden", sagte Reynold.
„Erfreulich war es ja nicht." Drakenborch wiegte den Kops unb machte ein betrübtes Gesicht. „Es kam anbers, als wir gedacht hatten. Wie gern hätte ich noch eine»