Beilage zur Fuldaer Zeitung
Ilr. 90
Am Morgen.
«ft es dieselbe Sonne,
J. e gestern sich im Nebel bettete so trüb und zag. und heut in ihrem hellsten Strahlenglanze geht? «st dasselbe Gras, das gestern welk am Wege lag, und heute tauumblitzt wie tausend Lanzen steht? -ist es dieselbe Lerche,
gestern scheu zur Furche niederflog, und heute jubelnd steigt, im Sonnenlicht zu baden? Und ist ’s derselbe Mensch, der gestern schwer des Weges zog, mit Müh und Not und Schuld beladen?
Aorch! Lieder tönen von dem Berge nieder, ein Glockenton schwingt durch das Tal, und junge Winde künden überall tzes neuen Tages frische Wunderkraft.
Erwach! Und sieh, am fernsten Himmelsrand, _ als wohnte drin das Auge Gottes rätselhaft, schaut still ein Wölklein über das verjüngte Land.
E. Stefan.
Neues aus dem Reiche der Technik. .
Der künstliche Schwamm — Wolkenschreiber und Aetherklavier.
An sich ist es nichts Neues mehr, daß Dinge, die die gütige Natur wachsen läßt, künstlich und mit Willkür erzeugt werden. So gibt es Perlen, zu deren Wachstum ein kluger Japaner, Mikimoto, den Anstoß gegeben hat, indem er jungen Perlmuscheln einen Fremdkörper ein- impfte. So gibt es Edelsteine, die in den Glühöfen in Bitterfeld gewachsen sind aus Befehl eines Ingenieurs.
Und jetzt gibt es Schwämme, nicht Gummischwämme; Schwämme, die alle Vorzüge des Meeresschwamms haben, ohne feine Nachteile zu besitzen.
Der Meeresschwamm ist tierischen Ursprungs; er besteht aus Kieselsäure, Kalk und Eiweißstoffen. Mit Sand und Muscheln ist er verunreinigt. Selten besitzt er gerade Flächen, die erwünscht sind für die Zwecke der Reinigung. Auch daß er mit Seife und Soda nicht ausgekocht werden kann, ohne feine Struktur zu verlieren; ist ein Mangel; denn der Meeresschwamm interessiert uns nur so lange und so weit, als er uns dienlich ist.
Der neue künstliche Schwamm besteht aus einer regenerierten Cellulose, wird ähnlich wie die Kunstseide der Strümpfe unserer Frauen aus Viskose, also aus den Baumstämmen unserer Wälder, hergestellt. Dielen neuen Schwamm kann man beliebig lange mit Seife oder Soda kochen, ohne ihn zu schädigen. Man kann ihn Dolltommen willkürlich mit großen oder kleinen Poren und in jeder gewünschten Größe Herstellen. Dabei erfassen seine glatten Flächen große Räume, und seine Saugfähigkeit ist so groß, daß man mit einem solchen Biskoseschwamm die eben gereinigten Flächen fast wieder mllkommen trocken reiben kann. Der seidige Griff und die Saugfähigkeit, die Lust, Feuchtigkeit zu trinken, werden diesem Viskoseschwamm einen großen Markt eröffnen und werden uns unabhängig machen von der Einfuhr ausländischer Schwämme.
*
Den Wolkenschreiber darf man nicht mit dem Himmelsschreiber verwechseln, diesem kleinen wendigen Flugzeug, das in größter Höhe kaum noch als Punkt erkennbar, wenn es im Sonnenlicht ausleuchtet, mit gewaltigen Rauchbuchstaben einem verehrten Publikum mitteilt, was das beste Waschmittel sei.
Dieser Wolkenschreiber ist der nächtliche Bruder des Himmelsschreibers. Während der Himmelsschreiber einen seidenblauen Himmel als Tagheft benutzt, schießt der neue Wolkenschreiber Leuchtbuchstaben auf gewaltige Wolken am nächtlichen Himmel der Großstadt. Auf einem 22 Meter langen Lastzug steht ein neuartiger Scheinwerfer mit einer besonderen Spiegelkonstruktion, welche eine außerordentliche Lichtausbeute ermöglicht. Er wird gespeist aus einer Kraftzentrale, die ebenfalls auf dem Lastzug eingebaut ist. Als Projektionswand dienen Dolkenschichten, die etwa 2000 Meter hoch sind. Auf ihnen erscheinen in Leuchffchrift Worte mit etwa 400 Meter hohen Buchstaben. Worte, die eine Gesamtfläche D°n weit über 100 000 Quadratmeter ausleuchten. Letzter
Der Mann vom Meer.
Von Julius Regis.
»ebertragen aus dem Schwedischen. G. Müller-Verlag. München. 12] ------------
Um einen Tisch herum.
1.
,,Du bist wohl nicht recht bei Trost, Junge!" rief der °ue Reynold und richtete sich im Bett auf.
»Ich bat ihn ja um deinetwegen her, Vater. Ich hatte ”n9it du würdest dich zu langsam erholen, und jetzt ist Ichon unterwegs — in seinem eigenen Motorboot. . ." »Dr. Mauritz?" brummte der Alte. „Von dem hast 011 ,a "och nie gesprochen. Hast du ihn in Uppsala ken- "engefernt?"
»Nein, in Stockholm. Er ist sehr nett und wird dir !ch°n gefallen."
»Na, wir werden ja sehen! Natürlich ist er als dein ost willkommen. Aber ich werde ihn anführen", setzte er lachend hinzu.
»xSctjt stehe ich auf."
llnd das tat er, trotz Eriks und Märtas Bitten und j®cn&ui19cn- Nachdem er sich mit Eriks Hilfe ange- mst sb hatte, fetzte er sich am Fenster nieder und blickte Und ^ostagen auf das sonnige Grün, einen Ackerstreisen e,nen Teil des Wirtfchaftshoses hinaus.
T^lach gehört es uns!" hörte Erik ihn flüstern.
lief roa5_l)’e erste, die das Motorboot erblickte. Sie jyLan Strand hinunter und machte Erik darauf ein.rert|am' ^nn dieser vertrieb sich die Wartezeit mit i,arau^f^treU*en Besichtigung seines Segelbootes. Bald bin». lan& der lange, hagere Journalist vor den beiden ‘“»gen Leuten.
'm m.°re toon früher gekommen, wenn ich nicht auf Wall,» ^^ach mit Stockholm hätte warten müssen", sagte »Wir h “nb degrüßte Märta mit sichtlichem Interesse, btiben x Effan nun eine Untersuchungskommission aufnebw" » Kampf mit den hiesigen Spukgeschichten a>ende h6n ' begann er und setzte bann ernst hinzu: „Ich nid» m Ausdruck „Spuk" mit Absicht an und meine r den Mann vom Meer, sondern — bas Ganze."
Schrei einer Reklame, bie uns Tag unb Nacht, auf Schritt unb Tritt verfolgt, anbererfeits aber auch eine lichttechnisch überrafrijenbe Ceiftüng, bie vor wenigen Jahren noch für durchaus unmöglich gehalten worden wäre. Obwohl man schon vor dem Kriege imstande war, Scheinwerfer zu bauen mit einer Lichtstärke von mehreren Milliarden Kerzen, d. h. also Scheinwerfer, deren Licht noch auf dem Mond wie ein Stern sechster Größe empfunden wird.
Tagsüber Rauch — und nachts Leuchtbuchstaben! Der Himmel über den Städten wird bald sehr buntscheckig aussehen. Das Bündnis zwischen moderner Reklame und moderner Technik ist gefährlich.
*
Nach diesem Augenschmaus kommt ein Ohrenschmaus, der auch keine reine Freude hinterließ, das fei gleich vorausgesagt. Es handelt sich um das neue „Aetherklavier", das vor kurzem im Berliner Sender vorgeführt wurde. Der Gedankengang, der zur Konstruktion dieses Instrumentes führte, war folgender:
Alle Aufnahmemikrophone, wie sie heute bei den Rundfunksendern zur Umwandlung der Schallschwingung in elektrische Schwingungen benutzt werden, sind träge, d. h. verändern den Ton, sie geben ihn nicht ganz genau so weiter wie er von dem Instrument, z. B. einem Klavier, erzeugt worden ist. Daher versuchte man, die Saitenschwingungen eines Klaviers mit anderen Hilfsmitteln, unter Vermeidung eines Mikrophons, zum Steuern der Senderöhre zu benutzen.
Der Erfinder Hiller, ein bekannter Kurzwellen-Ama- teur, hat in seinem „Aetherklavier" elektrische Tonabnehmer über den Saiten des Flügels angebracht Diese Tonabnehmer bestehen aus kleinen Stahlmagneten, um die eine Drahtspule gewickelt ist. Alle Schwingungen einer Klaviersaite ober einer ganzen Saitengruppe lösen nun in diesen Spulen elektrische Ströme aus, genau entsprechend der Saitenschwingung, und diese Ströme
Der enkseette
Anläßlich der 200. Wiederkehr des Ii
Nächst der Bibel ist Defoes „Robinson Crusoe" das oerbreitetfte unb bekannteste Werk ber Weltliteratur geworden. Es gibt kaum eine Sprache, in bie es nicht Übersetzt worben ist, selbst Neger- und Malaiensprachen nicht ausgenommen. Es ist ein Welterfolg geworden, der einzigartig bafteht. „Das Leben unb die seltsam Überraschenden Abenteuer des Robinson Crusoe. Beschrieben von ihm selbst", so lautete der Titel, als Daniel Desoe das Werk im Jahre 1719 herausgab. Hinter diesem Robinson steckte der Matrose Alexander Selkirk, der auf ber Südseeinsel Juan Fernandez infolge eines Schiffbruchs vier Jahre in ber Einsamkeit zugebracht hatte und nach der Rückkehr in vielen Vorträgen und Erzählungen seine Schicksale schilderte. Aber in diesem Robinson steckte in gewisser Weise auch ber Verfasser selbst. Wenn er auch nicht in ber Einsamkeit einer Südseeinsel gelebt hat, so war doch fein Leben reich an Abenteuern und Wechselschlägen des Geschicks; sagt er doch von sich selber, daß niemand das wechselnde Geschick mehr erfahren habe als er; dreizehnmal sei er reich und wieder arm geworden. Zuerst zum Kaufmannsstande bestimmt, widmete er sich bald hauptsächlich dem Publizistenberus, schrieb eine große Zahl vielbeachteter Schriften und wurde ein namhafter Politiker. Im 58. Lebensjahr verfaßte er das Buch, das der größte Erfolg der Weltliteratur werden sollte. Aber wiederum blieb ihm das Glück nicht treu; fein ältester Sohn brachte ihn durch Betrügereien um fein ganzes Vermögen, und er starb in bitterstem Elend.
So wechselreich aber wie bas Leben des Verfassers war auch das Schicksal seines Buches. Auch in dieser Beziehung nimmt es einen Sonderplatz in der Weltliteratur ein. So lebhaft und eindringlich und anschaulich waren bie Schilderungen, so sehr regten sie die Phantasie der Leser an, daß man sich nicht damit begnügte, sie nur zu lesen, nein, man verlangte sie nach- zuschaffen, auszugestalten, immer wieder neu zu formen. Und so kam es, daß der Urtext, wie ihn Defoe geschrieben hatte, bald in Vergessenheit geriet und hinter
werden dann in der gleichen Weise wie die Mikrophonströme zum Steuern der Senderöhre verwendet.
Es fft leicht einzusehen, daß diese Anordnung zunächst einmal einen großen Vorteil hat, nämlich den. baß alle unbeabsichtigten Nebengeräusche aus bem Senderaum, bie ja von dem Mikrophon in jedem Falle mit übertragen werden, bei dieser Anordnung nicht mehr über den Sender gehen. i
Leider haben sich aber auch einige recht ins Gewicht fallende Nachteile herausgestellt. Das Mikrophon hat feine Fehler, doch auch der Tonabnehmer ist noch nicht fehlerfrei zu konstruieren; auch er ist eigenwillig und gibt nicht ein photographisch getreues elektrisches Abbild der akustischen Schwingung wieder. Nun hat man fcststellen müssen, daß ber beste Tonabnehmer ’n seinen Leistungen immer yoch schwächer ist, als das beste Mikrophon. D h. die Töne des Aetherklaviers lassen eine ganze Reihe von Oberschwingungen vermissen und klingen daher häufig flach und spitz wie die Töne eines Spinetts.
Und noch ein Mangel tritt auf. Die Schallplattenindustrie und neuerdings auch der Rundfunk sind besonders stolz darauf, daß es ihnen gelungen ist, den , Raumton" zu reproduzieren, d. h. den Ton plastisch in den Raum zu stellen, also nicht nur den Ton selbst, sondern auch seine Wirkung im Raum, die Akkustik des Raumes, mit zu übertragen. Das fällt nun allerdings bei dem Aetherklavier vollkommen aus.
Immerhin, wir stehen bestimmt noch nicht am Ende dieser Entwicklung, und ber Versuch von Hiller wird zweifellos dazu anregen, weiter in der Richtung der endgültigen Lösung dieser Probleme zu arbeiten, wie wir ja überhaupt seit der Entwicklung der modernen Schallplattenherstellung, des Rundfunks unb des Klangfilms auf dem akustisch-elektrischen Gebiet größte Fortschritte gesehen haben in ununterbrochener Reihenfolge.
Hander.
„Robmsyn".
icstoges Daniel Defoe's am 26. April.
den zahllosen Bearbeitungen unb Nachahmungen vollständig verschwand. Zu Hunderten zählen die „Robinsons", die allein in Deutschland bis in die 70er Jahre des 18. Jahrh. erschienen. Jede nur erdenkliche Insel, jeder Meeresteil bevölkerte sich mit einem Robinson, jedes Land, ja, jede Stadt wollte einen besonderen Robinson besitzen, ber natürlich ein Kind dieses Landes ober biefer Stabt sein mußte. So erschien ein schwäbischer, thüringischer, sächsischer, kurzpfälzischer, böhmischer, ober- österreichischer, steyrischer, Wiener Robinson, ein Hamburger, Lübecker, Kölner Robinson burfte natürlich nicht fehlen. Unb sogar bie einzelnen Stände legten Wert darauf, einen Schneider- oder Schuhmacher-Robinson zu haben. Daneben standen bie vielen Robinsonaden, bie zu Erziehungszwecken geschrieben wurden, nachdem Heinrich Campe seinen „Robinson ber Jüngere" herausgegeben hatte, um darin „eine Lage darzustellen, worin sich alle ntürlichen Bedürfnisse des Menschen auf eine dem Geiste des Kindes sinnliche Art zeigen, und wo sich die Mittel, für diese Bedürfnisse zu sorgen, noch und nach mit Anschaulichkeit entwickeln." Diese Idee, wie sie Campe seiner Robinsonade gegeben hat, ist für den „Robinson" bis auf den heutigen Tag charakteristisch geblieben. Auch heute noch sieht man in ihm in erster Reihe ein Jugendbuch, in bem bie natürliche Entwicklung der menschlichen Künste und Fertigkeiten zusam- mengebrängt erscheint —: Robinson macht im Saufe einiger Jahre diejenige Entwicklung durch, zu ber bie Menschheit in ihrer Gesamtheit Jahrhunderte unb Jahrtausende gebraucht hat.
So bestechend diese Idee ist, man muß trotzdem behaupten: es ist schabe, baß Defoes Werk auf biefe Idee so einseitig zugeschnitten worden ist; daß es, sofern überhaupt mehr als eine bloße Abenteuersammlung daraus gemacht worden ist, nur zu einem Spiegel zivilisatorischer Entwicklung geworden ist und daß dabei ber ganze menschliche unb seelische Gehalt verloren gegangen ist. Der Helb unserer Robinsonaden ist ja kein Mensch mehr, sondern ist nur noch ein Schemen, eine Marionette.
„Unb ganz befonbers Hamra?" fragte Märta.
„Sehr richtig. Haben bie Leute heute von sich hören lassen?"
„Nein."
„Sie werden schon wiederkommn", sagte Wallion. „Es würde mich ungemein wundern,-wenn Drakenborch von dieser zweiten spiritistischen Sitzung Abstand nähme."
„Erik sagte mir, daß Sie ihr großes Gewicht beilegen?"
„Ja, das tu’ ich. Ob ,ie mich aufforbern ober nicht, ich werbe babei fein. Wie ist es mit Ihrem Vater, Rey- nolb? Werbe ich ihn sehen bürfen?"
„Aber selbstverständlich, Herr Wall ... Dr. Mauritz."
„Sv förmlich?" lachte Märta. „Bei alten Freunden fallen die Titel doch weg, sollt' ich meinen."
„Sie denken doch wirklich an alles, Fräulein Hege- lius," erwiderte Wallion. „Das müssen wir uns merken, Erik."
Sie drückten einander die Hand, unb Erik fühlte voller Freude, baß Wallion bas nicht als leere Form betrachtete.
„Die Fremdenstube neben Eriks Zimmer steht für Sie bereit," sagte Märta, als sie sich bem Gutshof näherten.
„Taufenb Dank," ermiberte Wallion. „Ob ich Ihres Gastfreiheit heute bis zu dem Grade in Anspruch nehmen werde, ist noch die Frage. Es wird am besten sein, wenn ich ganz offen spreche: wir haben ungemütlich wenig Zeit zur Verfügung, und wenn die Sitzung nicht heute ftattfinbet, muß das Spiel auf irgendeine andere Weise forciert werden."
„Es wird sicherlich heute abend dazu kommen," sagte Erik. „Mein Vater brennt darauf, und sie wurde lediglich meines Widerstandes wegen aufgehoben."
„Um so besser. Jedenfalls muß ich, wie sie auch verlaufen mag, gleich nachher nach Stockholm abreisen. Mein Kamerad Lang meldete mir vor einer Stunde, daß ber Belgier morgen eintrifft, unb baß es Iourdain ist. Meine Hoffnung hat mich also nicht betrogen. Aber sein Sittenmaterial über Delplace ist eine Bombe, die nicht explodieren darf, bevor ich mit ihm gesprochen habe."
„Aber was wird dadurch gewonnen?" fragte Erik.
„Vielleicht — ein Tauschhandel. Ich glaube sicher.
daß Iourdain mir einen Einblick in seine Aktenmappe gestatten wird. Aber unsere Lage erfordert, daß wir den Ränken auf Hamra ein Ende bereiten, bevor ber Fall Delplace ben letzten Akt erreicht."
„Ja, wir müssen sie entlarven," murmelte Erik.
„Entlarven unb unschäbllch machen. Sie haben gute Karten in ber Hand, aber wir werben sie zwingen, mit ihnen herauszurücken, ob sie es nun wollen ober nicht."
Hugo Reynold empfing ben Gast erst mit wohlwollen- ber Zurückhaltung, bie sich jeboch halb zu sichtlichem Interesse erwärmte. Bereitwillig beugte er sein graues Haupt, um es untersuchen zu lassen.
„Ich höre von Erik, baß Sie hinfielen unb sich habet ben Kopf verletzten?" sagte Wallion. „Das hätte schlimmer ablaufen können."
„Das Merkwiirbige ist, daß ich nicht recht weiß, wie es zuging," erwiderte ber alte Herr. „Vielleicht war es eine leichte Gehirnerschütterung, woburch mein Gedächt- nis zeitweise Derbunfeit würbe."
„Kann wohl sein. Mit ben Umschlägen können wir aufhoren, ba keine Wunbe, sonbern nur eine geringe Geschwulst vorliegt. Sinb Schwindelempfindungen vor- handen?"
„Absolut nicht."
Wallion fühlte ben Puls. „Etwas zu schnell, aber gleichmäßig. Ich mochte glauben, daß Sie sich gegenwärtig in einer gewissen Nervenspannung befinden, die von andern Ursachen als jenem kleinen Unfall herrührt."
„O ja, bas stimmt," brummte ber alte Herr.
Der Journalist hatte sich am Fenster niedergelassen und spielte das Gespräch unmerklich mit größter Liebenswürdigkeit auf bas von ihm erwünschte Thema hinüber. Trotz ber verschwiegenen Natur bes alten Herrn befand man sich bald mitten in einer Unterhaltung über ben Meermann und die alte Erbschaftsgeschichte. Als sein Vater ben Gast schließlich eifrig nach ber Bibliothek führte, um ihm den Bericht seines Vorfahren über besten Begegnung mit bem Meermann zu zeigen, zog Erik sich zurück, unb bas Gespräch ber beiben Herren nahm erst ein Enbe, als Märta sie zum Mittagessen rief.
II.
„Sieh ba!" sagte Erik halblaut. „Dacht ichs doch. Wir brauchten sie nicht aufzusuchen."
19. AprU
Und es ist dringend nötig, durch den Wust der Bearbeitungen einmal wieder zu dem Urtext vorzubringen. Dann wird sich erweisen, wieviel Unrecht dieser bekanntesten Figur ber Weltliteratur unb auch ihrem Schöpfer geschehen ist, wie sie durch die überwuchernden Bearbeitungen entseelt worden ist.
Wenn es oben hieß, daß in bem Schicksal Robinsons euch bie Schicksale Defoes leise mitklingen, so ist es für den Hellhörigen klar, daß Defoe nicht nur mit den Widrigkeiten des Lebens zu ringen hatte, sondern auch mit den Mächten seiner Seele. Und auch Robinson ringt auf feiner Insel nicht nur um sein nacktes Leben, nein, er ringt auch um fein seelisches Gl"'^——5*t das in der Einsamkeit außer Fassung gerät, er ringt um (Bott, der dort zwischen Himmel und Meer zu ihm zu sprechen beginnt. Und in feinem Tagebuch wird diesem Ringen kein geringer Raum gewährt Es ist ergreifend, wie er zum ersten Mal seine grenzenlose Einsamkeit spürt, er, der bisher nie von religiösen Ideen behelligt worden war. „Als ich vor der weiten, grenzenlosen See stand", so heißt es in dem Tagebuchblatt vom 28. Juni, „da kam mir zum ersten Mal ber Gebaute: Was ist diese Erbe unb diese See, die ich so oft gedankenlos gesehen habe? Woher sind sie gekommen? Und was sind wir, all die wilden und zahmen Kreaturen, Menschen und Tiere? Woher kommen wir? .Wir müssen von irgendeiner geheimen Macht geschaffen sein, wir nennen sie „Gott". Wenn Gott sic aber geschaffen hat, so leitet und regiert er sie auch, und nichts im großen Umkreis seiner Werke kann geschehen ohne seinen Willen und seine Zustimmung." Diesen Grundgedanken nun baut Robinson weiter und weiter aus. Immer klarer kommt ihm zu Bewußtsein, daß er, wo er steht und geht, in einem geheimen Schutz sich befindet aber mitunter überdauern ihn auch die Aengste und er fühlt es um sich wie böse Dämonen, die ihm nachstellen. Höchst em- drucksvoll ist in dieser Hinsicht die Stelle, wo er zu [einem Erschrecken einen Fußtritt im Boden findet, einen Fußtritt auf dieser völlig unbewohnten Insel. Wie ihn da die Angst würgt; wie er nicht weiß, ist es sein eigener Fuß, ist es der eines Dämons; wie ihn da die ganze Seelenangft eines Verlassenen packt, bis er endlich in bem wieder auftommenben Gedanken an den Schutz Gottes Ruhe finbet. Dies Ringen um sein Verhältnis zu Gott, das inmitten feines Ringens um die leibliche Existenz immer wiederkehrt, wird späterhin gefordert, als er in feinem Diener Freitag einen Menschen findet, den er unterrichten muß. „Ich fand, daß alles, was mir bisher unklar unb dunkel gewesen war, sich entroirrre unb enträtselte, als ich es biesem armen Geschöpf barlegen mußte."
2Il(o nicht nur die abenteuerliche Geschichte eines Schiffbrüchigen, nicht nur die Entwicklung ber menschlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten wird in dem Ur- Robinson geschildert, sondern auch die Entwicklung einer Seele zu Gott. Aus das Leitmotiv: „Gott hat mich in diese Einsamkeit geführt, um mich inne werden zu lassen" ist dieser Ur-Robinson gestimmt; er ist, ebenso wie eine' Apologie der natürlichen Entwicklungsfähigkeit des Menschen, so auch eine Apologie ber natürlichen Erkenntnis Gottes. Dieses Motiv, bas tn den ersten Bearbeitungen noch aufklingt, würbe in den spateren mehr und mehr ausgemerzt, da es ben Bearbeitern fast nur noch auf äußere Abenteuer ankam. So mutz man sagen, daß dieses Buch im Laufe der Jahrhunderte seiner Seele beraubt worben ist. unb es wäre wohl »ert, d tz endlich einmal, auf den Urtext zurückgehend eine, man möchte sagen, „Klassikerausgabe" von ihm herauskame, die diese Verfälschung gutmacht und uns den ganzen, lebendigen, Leib und Seele tragenden Robinson wieder gibt, statt des kinohaften Zerrbildes, das eit Iahrhun- Werten in der Jugendliteratur herumge.stert Merkwur- dig, weder „Gullivers Reisen" von Swift, noch der „Don Quichotte" des Cervantes, d,e dem Robinson am ehesten zur Seite zu stellen wären, haben em s°lch-s Schicksal gehabt. Niemand hat sich an ihrem Geist ver griffen. Wie diese, so behandelt auch der Robinson ein immer bleibendes Motiv, bas Motiv der vo llgen, abso- luten Einsamkeit unb Einzigkeit des Menschen. Erst neulich hat ja die Robinsonade auf den G°lapagos-In [ein wieder einmal bie ganze Welt erregt Kann es jemanbem einfallen, sie von den seelischen Motiven n denen sie begründet ist und von denen sie begleitet sein muß, zu losen? Nein. Bei dem Robinson Defoes aber hat man bas getan. !Dr-
Er saß nachmittags mit Wallion zusammen unter ber Linbe, als bas Motorboot von Hamra auf dem Sund sichtbar wurde. Der alte Reynold kam gerade aus dem Hause heraus. Diesmal kamen Drakenborch und Colt ohne Dolores herüber.
„Welche Freude, Sie wiederhergestellts zu sehen, amio!" rief Drakenborch und brückte ihm die Hand. „Ich fürchtete schon, Sie heute abend nicht sehen zu dürfen."
Sein Blick streifte Erik und blieb an Wallion haften. Weder er noch Colt legten irgendwelche Uederraschung über das Vorhandensein dieses Fremdlings auf Jägaro an ben Tag, aber sie ließen ihn nicht aus den Augen.
„Dr. Mauritz," stellte Erik ihn vor. „Ein alter Freund von mir."
„Sehr erfreut," murelte Drakenborch, während Colt sich nur stumm verneigte.
Man fetzte sich und begann zu plaudern, aber es währte nicht lange, bis Reynold mit schlecht verhehltem Eifer fragte:
„Wie ist es denn mit der geplanten zweiten Sitzung?"
Drakenborch richtete sich auf. „Richtig! Fast hätte ich es vergessen. Meine Tochter hat Lust, noch einen Versuch zu machen. Was meinen Sie dazu?"
„O, voriges Mal war sie so interessant, daß ich gerne die Fortsetzung erleben mochte."
„Das vorige Mal?" Drakenborch schüttelte den Kopf. „Da waren wir von Kräften umgeben, bi* wir nicht oft herausfordern mögen. Wir mochten unsere Sitzung deshalb in Hamra vornehmen — sozusagen auf neutralem Boden." Er fann einen Augenblick nach. „Sagen wir, um acht Uhr auf Hamra. Ist Ihnen bas recht?"
„Gewiß! Sie kommen boch auch mit, Dr. Mauritz?" „Wenn ich bars, sehr gern." erwiderte Wallion.
Drakenborch betrachtete ihn forschend, und es währte mehrere Sekunden, bis er sagte: „Sie sind selbstverständlich willkommen. Darf ich fragen, ob Sie an okkulistische Dinge glauben?"
Wallion sagte: „Das kann ich nicht behaupten, aber ich verachte keinen Weg, der zur Wahrheit führen kann."
„Haben Sie je an einer okkultistischen Sitzung teilgenommen?" warf Colt ein.
„Ja, im Auslände mehrmals."
„Und haben Sie berühmte Medien gesehen?"
„Ich war bei einer Seance der berühmten Mrs.