-le. 67
Beilage zur Fuldaer Zeitung
Frauenlob aus zwei Zahrlausenden.
Kein andres Glück mag uns auf Erden
Als nur durch Frauenliebe werden;
Doch auch als tiefsten Elends Grund Tu ich euch Frauenliebe kund.
Bhartrihari (1. Jahrh. o. Ehr.)
Die beste Frau ist die, von der man auswärts am wenigsten zu ihrem Lobe oder zu ihrem Tadel hört.
Thukydides.
Diel Kluges kam doch schon von Frauen.
Euripides.
Don Freya hat der Ehrenname den Ursprung, daß man vornehme Weiber Frauen nennt.
Aus der Edda.
Vurchsüßet und geblümet stnd die reinen Frauen, Es gibt so Wonnigliches nirgend In Lüften noch auf Erden hier Auen. Walther v.
Frauen soll man ehren, Doch die beste steh voran!
Walther v.
Don Freude Frauen stnd genannt Ihr Freude freuet alle Land.
Die Antwort auf die gestellte Frage sollte doch eigentlich klar sein: je früher die Kinder zur Schule kommen, desto ftüher werden sie aus ihr entlassen und dem tätigen Leben zugeführt. Die Schule ist Durchgangsstation zum Leben. So betrachtet sie der Bauer, wenn er seinen Sohn zur Schule schickt oder seine Frau mit ihm zur Aufnahme gehen läßt. Je früher der Junge ausgenommen wird, desto früher hat er „die Schule hinter sich" und desto eher kann er auf dem väterlichen Hof einen Knecht ersetzen. Mit den Mädchen ist es ebenso. Wenn sie bald vierzehnjährig sind, müssen sie noch den halben Tag zur Schule und die Mutter könnte sie schon gut den ganzen Tag als Hilfe im Haushalt gebrauchen. In der Arbeiterfamilie liegen die Verhältnisse ähnlich: Je ftüher der Junge oder das Mädchen aus der Schule entlassen werden, desto eher können sie verdienen. Bei den Lehrlingen ist es wieder so. Durch spätere Schul- Mfnahme würden sie ein Jahr später Gesellen werden. N der Meister aber einen um ein Jahr reiferen Jungen in der Lehre hätte, der verständiger zu den Dingen und Aufgaben der Lehre stände, daran denken sie nicht. Die Hauptsache ist, daß der junge Mensch möglichst früh in den Existenzkampf des Lebens eingespannt wird. Ob seine Kräfte genügend dazu erstarkt sind, darüber wird nicht nachgedacht. Er wird schon von selbst nicht mehr arbeiten als er vermag. Und viele halten ihn noch obendrein für faul, weil sie seine Leistungsfähigkeit an der eigenen Kraft des voll erwachsenen Menschen messen.
Auch bei Eltern, deren Kinder die höhere Schule besuchen, finden wir oft das Bestreben, die Kinder möglichst früh der Schule zuzuführen, damit sie sie ein Jahr früher absolvieren können. Allerdings ist hier schon mancher Vgter bedenklicher, vor allem wenn er selber ein sehr junger Schüler im Jahrgang der höheren Schule war und damit seine eigenen Erfahrungen gemacht hat. Manche Sorge wäre wohl hinweggeschafft, wenn der Schüler ein Jahr älter und somit ein Jahr reifer gewesen wäre.
Und die nächste und fernere Zukunft wird noch ernstere Entscheidungen fordern. Der ganze Mensch wird dabei aufgerufen. Ueberall sehen wir die Zusammenhänge im religiösen und politischen Leben. Es läßt sich nicht mehr so leicht in den Tag hineinleben. Das Leben
Wie wohl der Freude konnte. Der Frauen zuerst sie nannte!
Freidank (um 1200).
Werter Gruß von Frauenmunde Freut aus tiefstem Herzensgründe, Mehr als aller Vöglein Singen.
Rubin (um 1230).
Die Frauen zu ehren ist eine Schuld, zu der jeder Ehrenmann von Geburt an verpflichtet ist.
Lope de Vega.
Es gibt gewisse Dinge, wo ein Frauenzimmer immer schärfer sieht als hundert Augen der Mannspersonen.
Lessing.
Frauen sind genannt vom Freuen, Weil sich freuen kann kein Mann Ohn ein Weib, das stets von neuem Seel und Leib erfreuen kann. Wohlgefraut ist wohlgefreuet, Ungefreut ist ungefraut;
Wer der Frauen Augen scheuet, Hat die Freude nie geschaut. Wie erfreulich, wo so fraulich Eine Frau gebärdet sich, So getreulich und so traulich, Wie sich eine schmiegt an mich. Rückert.
fordert eine immer größere Reife. Das muß auch die Schule bedenken. Für sie besteht die Aufgabe, ihren Anteil an der Erziehung zur Selbständigkeit und Verantwortung beizusteuern. Und dies kann sie um so mehr, je reifer die Kinder entwickelt sind, die von ihr ausgenommen werden. Das Wohl des Kindes sollte daher auch der Leitstern für die Antwort auf die Frage sein, ob die Kinder früh zu Schule kommen sollen. Die meisten Eltern urteilen da nur nach wirtschaftlichen Gründen. Ist aber die Elternpflicht mit wirtschaftlichen Erwägungen — deren Notwendigkeit ich keinesfalls bestreite — erschöpft? Ist eine solche „Liebe" zum mindesten nicht sehr einseitig?
Zur verantwortlichen Entscheidung in dieser Frage ist allerdings nur ein Teil der Elternschaft aufgerufen; denn die Gesetzgebung der einzelnen Länder entscheidet genau über das Alter der schulpflichtigen Kinder und läßt daher den Eltern in dieser Spanne keine Wahl. Darüber hinaus enthalten die Bestimmungen aber die Möglichkeit, solchen Kindern die Aufnahme zu gestatten, die bis zu einem Vierteljahr nach dem Endtermin der Aufnahmepflichtigen das sechste Lebensjahr erreichen. So tötmee z. B. in Preußen die Kinder, die in der Zeit vom 1. Juli bis zum 30. September, in Thüringen die Kinder, die vom 1. April bis zum 30. Juni sechsjährig werden, zur Schule kommen, wenn sie „körperlich und geistig entsprechend gut entwickelt" sind. Für die Eltern dieser Kinder ist eine Stellungahme zu der gegebenen Frage wichtig. Dürfen die Eltern die Frage nur vom Standpunkt der Wirtschaftlichkeit aus betrachten? Sind denn Kinder nur die zukünftigen Knechte, Geldverdiener und Selbstversorger? Hier kann das Elternhaus zwischen Liebe und Egoismus entscheiden.
Man preist so gerne die Zeit der „goldenen Kindheit". Ist selbst bin fein Freund der gefühlvollen Sehnsucht nach vergangenen Jugendtagen; auch das Leben des Erwachsenen kann gerade durch die richtige Einstellung zur Arbeit reich fein — aber ich sträube mich dagegen, daß manche dieser Kleinen um ein Jahr Kindheit gebracht werden, weil sie in einen Pflichtkreis eingespannt werden, den sie mit ihren Kräften noch nicht recht umspannen können. Wo wäre der närrische Gärtner, der von einem Bäumchen Aepfel verlangt, das noch
seine ganze Kraft zum eigenen Wachstum braucht und gar keine Zeit zum Früchtetragen hat? Der gute Gärtner dagegen nimmt einem schwachen Bäumchen noch den Blütenansatz weg, damit es zunächst kräftig werde. Auch der vernünftige Bauer spannt das junge Zugtier nicht zu früh an einen schweren Wagen, damit es sich keinen Schaden zufügt. Beim eigenen Kind aber vergißt mancher Vater und manche Mutter die Sorgfalt, weil sie nur an dos frühe Herauskommen aus der Schule denken. Ich habe Arbeiter gesprochen, die auf die Ausnutzung des Arbeiters im heutigen Wirtschaftssystem schimpften, die selbst aber äußerst bedacht waren, ihr Kind möglichst früh mit einem Körper, dem noch ein Jahr Ruhe als Vorbereitung gerade gut gewesen wäre, dem Lebenskampf zuzuführen. Viele schmächtige Kinder, die in unseren Schulen sitzen, sind um dieses Jahr Erholung und Vorbereitung gebracht worden, viele Sitzenbleiber, die durch ihren schwachen Erfolg ihre ganze Schulzeit und darüber hinaus bedrückt wurden, wären bei späterer Aufnahme wohl normale Schüler und keine Sorgenkinder für Eltern und Lehrer geworden. Auch das Kind entwickelt sich langsam wie das Bäumchen, und je kräftiger es bereits in feinem Wuchs ist, desto bildfamer ist es. Dies gilt auch für das geistig frühreife Kind, es verliert bei normaler Schulaufnahme durchaus nichts von feiner bereits vorhandenen Fähigkeit, sondern diese wächst weiter und es wird im nächsten Jahr um so mehr von dem Unterricht erfaßt, wenn es auch schon ein Jahr früher gut zu folgen vermag. Also selbst bei einem „geistig und körperlich gut entwickelten" Kind läßt sich überlegen, ob man ihm nicht gerade deshalb ein Jahr zum Wachstum in die Breite geben soll.
Viele praktisch. Schulleute halten das Schulaufnahmegesetz in seiner jetzigen Fassung überhaupt für reformbedürftig. Statt mit sechs sollten die Kinder mit sieben Jahren zur Schule kommen. Der Prozeß des Lesen- lernens, der in der Hauptsache das erste Schuljahr erschwert, ließe sich mit sieben Jahren infolge der erhöhten Entwicklungsreife der Kinder sicherlich in einem Viertel der Zeit erledigen. — „Und wir hätten die Kinder ein Jahr länger daheim herumlaufen", sagen entrüstet die Eltern. Aber besteht denn Elternpflicht darin, die Kinder recht schnell „los" zu werden?
Wenn auch der Anfangsunterricht heute das Spiel des Kindes einbezieht, so täuscht auch der heitere Ton im Schulbetrieb nicht darüber hinweg, daß die eigentliche Schulreife erst mit dem siebten Lebensjahre gegeben ist. Deshalb können die Eltern, deren Kinder nicht aufnahme- pflichtig sind, für die aber die Möglichkeit gegeben ist, sie aufnehmen zu lassen, zu Wohltätern ihrer Kinder werden, wenn sie die Kinder noch ein Jahr zu Hause lassen. Wenigstens sollten sie dem Lehrer Verständnis entgegenbringen, der ihnen von der Aufnahme abrät. Es sollte dafür bei manchem schmächtigen und wenig entwickelten schulpflichtigen Kind heißen: Kann es nicht noch ein Jahr von der Schule zu Hause bleiben?
W. Krick, Geismar.
Der Hausarzt gibt Ratschläge.
Von Dr. meb. F. Moser, Berlin.
Das Gewicht und das Längenwachstum des Säuglings.
Ein gesunder Säugling soll bei der Geburt etwa 3150 Gramm wiegen und 49.5 Zentimeter lang fein. Das Gewicht muß sich dann im ersten Monat auf 3800 Gramm steigern, die Länge beträgt etwa 53 Zentimeter. Im dritten Monat wiegt der Säugling 4600 Gramm bei 56.5 Zentimeter Länge, im vierten 5450 Gramm, während der Körper jetzt schon auf 60 Zentimeter heran- gewachsen fein soll. Die monatliche Zunahme wird nun allmählich geringer, sie beträgt zwischen dem 6. und 7. Monat noch 500 Gramm, verringert sich vom 7. bis zum 10. Monat auf 350 Gramm, um im 11. und 12. Monat auf 300 Gramm zurückzugehen. Am zweiten Geburtstage soll der Normalsäugling 9250 Gramm wiegen. Die Körperlänge nimmt vorn vierten Monat ab unregelmäßig zu, d. h. sie beträgt monatlich abwechselnd
anzuschauen in allen grünen d. Vogelweide.
d. Vogelweide.
Sollen die Kinder früh zur Schule kommen?
Ein Wort zur Aufnahme der nicht schulpflichtigen Kinder.
16. April
2 oder 1 Zentimeter mehr wie im Vormonat. Nach einem Jahr soll der Säugling 74—75 Zentimeter lang sein. Abweichungen nach oben werden oft beobachtet und sind im allgemeinen nicht bedenklich, bleibt dagegen Gewicht und Länge wesentlich unter den angegebenen Maßen und Gewichten zurück, dann muß der Arzt zu Rate gezogen werden.
wachholdersast als BlufteinlgungsmltteL
Für die vielfach im Frühjahr vorgenommenen Blut- reinigungsfuren hat sich der Wachholdersaft als ein ganz ausgezeichnetes Hausmittel bewährt, den man am besten am frühen Morgen teelöffelweise einnimmt. Wer sich an dem etwas strengen Geschmack stört, mag ihn leicht zuckern.
Bekämpfung der Schlaflosigkeit.
Diele Menschen, besonders aber die geistigen Arbeiter leiden im Frühjahr unter der Schlaflosigkeit, die man am besten mit naturgemäßer Lebensweise und nicht mit chemischen Mitteln zu bekämpfen sucht. Ein lauwarme» Bad vor dem Schlafengehen wirkt oft Wunder, besonders, wenn man am Abend etwas diät lebt und nicht zuviel zu Nacht ißt. Grundsatz sollte fein, mindestens zwei Stunden vor dem Schlafengehen die letzte Mahlzeit zu sich zu nehmen. Als Schlafmittel benutze man einen leichten Abguß von Baldianwurzeln, der im Bett kalt und ohne Zucker getrunken wird. Als Schlafmittel hat sich auch der Knoblauch gut bewährt. Man nimmt eine Scheibe Roggenbrot und verreibt daraus eine Zehe Knoblauch, dann wird das Brot mit Butter leicht überstrichen und gegessen. In Fällen schwererer Schlaflosigkeit wird aus mehreren Knoblauchzehen durch Ueberbrühen mit heißem Wasser ein Tee bereitet, dem man zur Verbesserung des Geschmacks einige Körnchen Salz zugibt. Der Tee wird eine Viertelstunde vor dem Schlafengehen getrunken. Man muß sich an ihn gewöhnen, denn er schmeckt nicht gut, aber er hilft.
Gegen Sommersproffen.
Ein einfaches Hausmittel gegen Sommersprossen hat man in junger gehackter Petersilie, die am Abend auf die betreffenden Stellen aufgelegt wird. Am andern Morgen wäscht man bas Gesicht mit einem weichen Wasser.
Lämmer, eine pikanle Frühlingsspeise.
Von Elly Schönhofer, Frankfurt a. M.
Eine Larnrnbrust wird wie üblich gekocht, jedoch vor dem völligen (Sarroerben herausgenommen. Die übrig« bleibenbe Brühe verwenbet man unter Zusatz von Fleischextrakt ober Bouillonwürfeln zu einer Suppe. Aus bet Larnrnbrust werben alle Knochen entfernt, worauf man sie mit einer Farce von gehacktem Rinb-, Schweine- und Kalbfleisch, füllt, zusammenrollt unb in Butter gelbbraun brät. Wer bie Farce befonbers pikant liebt, kann die Leber, Nieren unb auch bas Herz des Lämmchens hineinhacken. Man gibt den Braten zu Kartoffel- ober grünem Salat.
Lammragoul.
Man schneidet das Lamm in kleine Stücke, gibt diese mit Butter unb einer Zwiebel in eine Kasserole und läßt bas ganze etwa 15 Minuten bämpfen. Dann füllt man mit Fleischbrühe auf, gibt einige Pfefferkörner, Gewürznelken unb Lorbeerblatt bazu unb läßt bas Ganze bis zum völligen Garwerben bünften. Kurz vor dem Anrichten gibt man noch einen Schuß Weißwein dazu unb dickt das Ragout mit Mehl etwas ein. Als Zuspeise gibt man Kartoffeln, Kartoffelklöße, Nudeln oder Maccaroni, auch mit Reis und jungen Erbsen schmeckt das Ragout vorzüglich.
Der duftende Frühlingsstrauß
bleibt lange frisch, wenn mein beim täglichen Wasserwechsel eine Aspicintablette in bie Vase legt.
Glyzerin
auf frische Brandwunden getupft, verhindert bie lästig« und keineswegs immer ungefährliche Blasenbildung.
2 Teller
Was gehl in der Literatur vor?
Wir wollen heute auf eine bemerkenswerte, für viele seltsame Erscheinung aufmerksam machen. Wem fiele es vor einem Gemälde oder ange- Uchts eines Architekturwerkes ein, zu sagen, es fei ein acholisches oder evangelisches Bild oder Bauwerk? Mm urde dergleichen auch bann nicht aussagen, wenn man ®°s Bekenntnis bcs Künstlers wüßte. Nichr als ob es -i- gleichgültig wäre. Aber uns geht bas Werk an, seine Schönheit, sein Eindruck, seine Idee. Auf keinem ®e= E E der Kunst, nur auf dem Gebiete der Literatur ist es i, e (.n? selbstverständlich geworden, das Werk nach n E Konfession des Autors zu bezeichnen. Und auch da macht man eine beachtliche Ausnahme. Selbst wer C" weiß, daß Artur Bransewetter ein Protestant ist, nicht daran, feine Romane als „protestantisch" »on tett*Crcn ®an3 und gar geläufig ist es geworden, __ ,e‘ner „katholischen" Dichtung zu sprechen, und zwar in h kW es sich um ein wirkliches Kunstwerk — meist Bo Ew Sinne, es fei „zwar" katholisch, aber „dennoch" "™erf- man dürfe es also wohl lesen, ohne bange "Een, d°ß . - .
v , een wir ruhig ZU, daß tatsächlich lange, allzulange ^'st° auf dem Gebiet der „katholischen Literatur" i|t till9 wert, als gut gemeint war. Doch wie lange die c;5--nun to°n her! Wenn es seltsam anmuten würde, >neii tter °ber Eichendorfs mit jenem abschätzigen Na- ten , iu belegen — warum soll es den Lileraturgeschich- ftatteM • ®°rWer- Kneipp, Schaukai, Schaumann ge- tDiiL.?"!?. Und doch hätte es schon feinen tiefen, fünft- httta ch-ÜUichen Sinn, von einer „katholischen" Dich- ^enbo --Pre^en!. Denn jene Schönheit Stifters unb entftanh^5 toie bie Max Mells ober Richarb Sitlingers gijjte ietzlich boch aus jenen Tiefen, die wir bie reib r ncnnen. Der „Stoff" an sich machte sie ebenso
wenig zu katholischen Dichtern wie „Die Makkabäer" Otto Ludwig zu einem jüdischen. Wie aber sie diesen Stoff gestalten, das ist bas Entscheidende. Ein Kunstwerk ist eben gestaltetes Seelenerlebnis; es verhält sich zu ihm wie bie Frucht zur Pflanze. Wie bie „Struktur" die Frucht bestimmt, fo bestimmt bie der Seele eingeborene Haltung dem Sein gegenüber, die Schau der Welt, auch bie Art des Kunstwerks: feine Schichtung, das Verhältnis von den Menschen, den Dingen unb ben Geschehnissen zueinanber. Mit benfelben Steinen führen verschiebene Künstler immer roieber verschiedene Werke auf. Wenn also bas Werk eines jeden Dichters in der Leidenschaft wurzelt, alles was ist, in ein Verhältnis zu bringen, so ist es das Wesen des katholischen Dichters, alles in ein katholisches Verhältnis zu bringen.
Diese weltanschauliche Schönheit des Charakters, bie Charakterfchönhcit einer Dichtung konnte einem in letzter Zeit nirgendwo fo sinnfällig entgegentreten als in der soeben herausgekkommenen Sammlung „Neue katholische Dichtung". Der bekannte Herausgeber der früheren Literafurzeitschrist „Orplid", Martin Rockenbach, hat hier Beiträge von nicht weniger als 22 kathol. Autoren unserer Gegenwart, bekannte und neu entdeckte, zusammengestellt, Vers und Prosa. Was ist das Erstaunliche daran? Kein Mensch würde hier, entschiede der „Stoff", von katholischem Dichtergut sprechen. „Kgr- sreitagsministrant" (Henz) — „Der Segen des Papstes Pafchalis" (v. le Fort). — das sind die einzigen Titel, die allenfalls auf „Katholisches" deuten könnten. Wie aber bei Beiträgen nach Art der „Dafenbriefe" Murons, der „Tiergeschichten" Hans Roseliebs ober bei den von Rockenbach sozusagen entdeckten Gedichiten Friedrich Demls: „Bahnhofshalle", „Fränkischer Herbst", „Lärchenbaum im Spätherbst". „Dorf im Winter", ,,An bie
Lerche", „Aehren", „Der sterbende Vagabund", „2B;r Wolken", „Der Acker zu ben Aehrenleserinnen"? So beweist das ganze Werk zunächst einmal, baß fein Stoff ben katholischen Dichtern ber Gegenwart fremd ist. Die ganze Welt liegt ihrem Zugriff offen.
Noch erstaunter wird fein, wer meint, dieser „Griff" müffe bann aber eben immer ber gleiche fein, bas Erlebnis und feine Gestaltung immer einerlei. Wie es je» boch nicht angeht, von „bem" katholischen Menschen zu sprechen, ist es auch unmöglich, einen einzelnen Stil im besonderen „ben" Katholischen zu nennen. Die Vielfalt der in dem Rockenbachschen Sammelwerk oeitrefenen Eigenarten, fei es — um nur ein paar Proben zu nennen — die tyrannische Gottfried Hasenkamps, bie erbige Demls, bie mystische Krischwengs, bie apokalyptischen Reinhold o. Walters, bie volksliedhafte ber Emmy Hennings. bie ekstatische Fr. I. Weinrichs — sie alle zeigen mit überjeugenbem Einbruck, wie das Verhältnis der Katholiken zu ihrem Glauben durchaus nicht nur eines ist, und baß deshalb vom Ziel eines jeben besonderen Erlebnisses dieselben Wahrheiten immer wieder in anderer Ordnung, Beleuchtung, Lebenskraft erscheinen. Wer noch fein Bild davon hat, überzeuge sich hier von ber umfassenden Allseitigkeit, ber „Katholizität" ber Gestaltungskräfte biefer Dichter.
Wenn so bie aus (ebenbem Katholizismus erwachsenen Dichtungen in vielen, noch so vielen künstlerischen Bezirken liegen, so liegen sie — bas ist bas dritte hier Auf- leuchtenbe — boch immer in demselben seelischen Koordi- natensystem. Das ihnen allen Gemeinsame, — wahrhaftig nicht nur künstlerisch — Beglückende ist eben dies, daß selbst hinter noch so voll erfaßter Natur (z. B. bei Roselieb, v. Walter, Weismantel) genau so wie bei ben mystisch-ekstatischen Dichtern durchscheint und -tön» ein Größeres, Universales, Ueberweltliches. Jedes Ding, ob Pflanze, ob Tier, ob Schicksal, erscheint irgendwie sinnbildlich, sich öffnend in größere Weiten. Man frage sich z. B, wie etwa ein Zola diese Kellerszene des russi
schen Flüchtlingselenbes in Paris geschildert hätte, das R. v. Walter in bas Bild „Der Kalligraph" dichtete; ober man vergleiche den „Wolf" und „Die Lemminge" Hans Roseliebs mit den Tierschilderungen Fleurons, Kiplings oder von Bvnsels, um zu spüren, wie der kathol. Dichter sich einerbnet in den vom Schöpfer urtümlich gegebenen Kosmos, mit dem Blick stets aufs Ganze von ber Höhe bis zur Tiefe, unb fo „wissend" um den Sinn des „Sdjitffel»".
Diese Ligenart der schöpferischen katholischen Dichtung hat — das bedarf wohl keines Beweises mehr — ihre Stelle in ber Symphonie unserer beutschen Gesamtdich» tung; oder besser: jedem Gebiet unseres literarischen Lebens wachsen aus dem lebenden Katholizismus besondere Kräfte zu. Jedem, auch dem der Unterhaltungsliteratur! Als Beispiel nenne ich Peter Heinrich Keulers beacht- lichen Roman aus ber Zeit ber Rheml«nbbesetzung. der Separatistenwirtschaft, ber Inflation und Revolution. Mitreißender, als man es sich eingestehen möchte, ist dieser „Roman eines jungen Menschen", dennoch von literarischem Wert — wobei ich den echt dramatifchen Aufbau — (bis zum „Moment der letzten Spannung") nicht gering anschlage. Des Wesentliche dieses — sagen wir ruhig einmal — „Kriminalromans" ist aber, daß es unsere Nerven trotz stärkster Beanspruchung nicht auspumpt, sondern erfrischt mit jener Kraft, die schon aus dem Titel uns anspricht: „Das Herz in der Fau st". (Der Roman erschien bekanntlich kürzlich in der „Fuldaer Zeitung". Die Schriftleitung). Woher aber diese Kraft pulst, das spürt der Leser aus dem „Geschmack", den der Roman noch lange hinterläßt. Hier wurde das scheinbar Unmögliche möglich. Keulers betritt mutig unb mit Erfolg ein literarisches Gebiet, auf das man sich nicht mögen zu dürfen wähnte, wohl nicht zuletzt deshalb, weil die Trauben zu sauer waren, und er beweist, daß gute Kerne nicht unbedingt die rauhe Schale des Schwerlesbaren haben müssen.
Dr. Wilhelm Schulte.