Beilage zur Suldaer Zeitung
irr. rs
Ostermoigen.
Noch tränen vom Tau die zarten Gräser, Ein Nebelbanner zieht schweigend voran Wie eines Trauerzugs düstere Jahre, ynb blasse Sterne am hohen Altane Des Himmels wachend, geleiten die Nacht.
O heiliges Leben der Mutter Erde, Erwach, erwach von Schlaf und Traum! Denn sieh, das Licht steigt aus den Gräbern, Das Dunkel flieht, an Busch und Baum Zupft Hoffnung mit tausend heimlichen Händen — Ein Wunder will sich heute vollenden!
Er lebt! Er lebt! Vernichtet fällt Zu seinen Füßen Verrat und Tod. Im Jubel schwingen der Erde Glocken — Der Heiland breitet in heil'gem Frohlocken Die siegenden Arme der ganzen Well!
Maria Bracht.
Aus der Geschichte des Osterlamms.
Lin uraltes Symbol. — volksbrällche in südlichen Länder«.
Von E. T r o st.
Das Lamm bezw. der Widder war schon in der Antike ein wichtiges Kulturticr und wurde als solches nicht selten aus Dasenbildern, Münzen und Skulpturen dargestellt. In der Kunst der Katakomben trat es in den ersten Jahrhunderten nach Christi auf, und zwar, wie etwa aus dem Sarkophage des Junius Basius, zunächst wiederum als Opsertier, sehr bald aber auch schon als ein Attribut des „Guten Hirten", in welchem wir eines der ältesten figürlichen Sinnbilder Christi erblicken dürfen. Der „Pastor bonus", der seine Lämmer weidet oder hütet, erscheint da gewöhnlich als schlanke, bartlose Iünglingsgestalt in kurzem Tunika-Gewande, entweder auf einen Stab gestützt inmitten der Herde stehend oder ein Lamm über den Schultern tragend. Die bekanntesten Darstellungen sind eine kleine Statue im Lateranmuseum sowie die berühmten Deckengemälde der Kirche Santa Agnese bei Rom. Etwa vom 3. Jahrhundert ab pflegte man das Lamm auch ohne die Figur des Guten Hirten abzubilden, wenig später kamen dann noch das Kreuz und die Kreuzesfahne hinzu, welche sich allmählich zur feststehenden Beifügung entwickelten.
In der ältesten Periode stand das Lamm zumeist auf einem Berge, von dem die vier Flüsse des Paradieses entsprangen, mit der Zeit aber wurden die Darstellungen freier und weniger schematisch. Sehr beliebt war das Lamm-Motiv im Mittelalter wie auch in der Renaissance. Stets von neuem finden wir es in kunstvoller Elfenbeinschnitzerei auf Andachtsbüchern und Bischofsstäben, aus den mannigfaltigsten Silberarbeiten und besonders auch in den schweren Stickereien auf Altartüchern, Kirchen- zgewändern und Paramenten. Auch auf vielen Gemälden bedeutender Künstler ist das Lamm verewigt. Das berühmteste davon dürfte wohl das große Altarwerk der „Anbetung des Lammes" von der Hand der Brüder Hubert und Ian van Eyck sein, das der reiche Genter Bürger Jodokus Dydt den Meistern um 1423 in Auftrag gab. Jedoch erscheint das Lamm auch auf den Werken anderer Maler jener Zeit, wie z. B. des Lukas Cranach, und besonders bekannt sind die zahlreichen Madonnenbilder der späteren italienischen und deutschen Meister auf denen das Jesuskind und Johannes mit einem oder mehreren Lämmchen spielen. Außerdem fand das Motiv des Lammes mit der Fahne in der Heraldik gelegentlich
Auferstehung.
Um wieder aufzublüh'n, bin ich gesät;
der Herr der Ernte geht und sammelt als seine Garben uns ein, die wir starben.
Wie Träumenden wird's uns dann sein.
Mit Jesu geh'n wir ein zu seinen Freuden.
Der müden Pilger Leiden sind dann nicht mehr.
Ins Allerheiligste führt mich
mein Mittler dann; ich leb' im Heiligtume zu feines Namens Ruhme!
Hallelujah! Klop stock.
Verwendung, wie etwa das Wappen der alten Bifchofs- stadt Brixen in Südtirol beweist.
Im Laufe der Jahrhunderte wurde das Lamm dann immer ausschließlich zum Symbol und Emblem des Osterfestes. Die Päpste weihten — und weihen auch jetzt noch — jeweils im ersten sowie im siebenten Jahre ihres Pontifikats das „Agnus Sei*, kleine, aus den Ueber- resten der im Petersdome abgebrannten Osterkerzen gefertigte, wächserne Lammbildnisse — aber auch lebendige kleine Lämmer erblicken in südlichen Ländern heutigentags noch recht häufig das Innere der Kirchen. In erster Linie sind dies in Rom die winzigen, schneeweißen Tierchen, aus deren feiner Wolle später die Pallien, die breiten weihen Binden, welche einen Teil des Ornates des Papstes, der Kardinale und der Erzbischöfe bilden, hergestellt werden sollen. Man trägt diese Lämmchen in blumenverzierten Körben in feierlicher Prozession nach der oben erwähnten Kirche Santa Agnese bei Rom, wo sie die Benediktion erhallen. Doch bekommen auch die zum Genuß bestinrmten Osterlämmer in Italien und in Dalmatien eine Art Weihe, als deren äußeres Zeichen ihnen mit roter Farbe ein kleines Kreuz über den Rücken gezeichnet wird. Im Süden, in Spanien und Griechenland, hat sich das Lamm bis in unsere Zeit unentwegt als traditionelles Ostergericht zu behaupten vermocht. In manchen Gegenden wird Ostern im Volksmunde sogar kurzweg „Fest der Lämmer" genannt. Große Märkte finden in jenen Ländern um die Osterzell statt ,auf denen oft Tausende von Tieren aufgetrieben werden. Ob arm. ob reich, ein jeder« will sein Osterlamm haben — für welches übrigens eine alte Tradition das mittelalterliche Braten am Spieß vorschreibt.
Osterglocken.
Von F. Schrönghamer-Heimdal, Pafsau- Haidenhof.
Die Haus- und Dorfleute waren ins Kirchdorf gepilgert zur Auferstehungsfeier. Ich hatte daheimbleiben müssen bei der lieben Mutter, um ihr Handdienste zu leisten beim Krapfcnbacken und Eierfärben. Aber ich stand ihr mehr im Wege als ich ihr nützen konnte, und so war es ihr ganz recht, als ich über den Anger hinaus zum Waldhause lief, wo mein alter Freund, der Gras- singervater, schon auf mich zu warten schien.
Mein Herz schwang in Vorfreude über die österlichen Köstlichkeiten, die es morgen geben würde, über Krapfen und rote Eier, über Zwetschenpavesen und gebackenen Brein, über Osterfladen und Butterstrauben. Dazu schien die Sonne so lind und warm, daß ich den Wiesenweg schon barfuß wagen konnte, die Quellen rieselten lichtblitzend über die Rinnsale, umsäumt von goldgelben Dotterblumen, und Dogellieder stoben schon unbestimmt aus der linden, lichten Bläue des Osterhimmels wie Offenbarungen künftiger Herrlichkeiten.
So mischten sich meinem Knabensinn, auf Weltlichkeit gestellt, auch schon Ahnungen höherer Seligkeiten., sür die ich eine gewisse Empfänglichkeit hatte, aber ich wußte noch nicht zu unterscheiden, welcher Teil meines Wonnegefühls der eitlen Erdenluft und welcher der höheren Ofterglorie zuzurechnen fei.
So stand ich denn hochatmend vom Lauf und seligtrunkenen Auges vor dem Grassingervater. Der lächelte und sprach: „So, Franzl, heut kommst mir. gerade recht. Jetzt wollen wir aufs Bühl gehen und Auferstehung feiern, wie es sich für Christenmenfchen gehört."
Mir war es recht, und so lies ich gleich voraus, um uns ein sonnenwarmes Plätzchen zu rechter Rast auszusuchen. An der Stelle, wo wir sonst unsere weithin wabernden Sonnwendfeuer abbrannten, fand ich zwei ebene Steinblöcke, und ich rief dem alten Freunde gleich zu: „Hier können wir gut sitzen. Hier ist lauter Sonne und Stille!" Und so war es auch. Ein besseres Plätzchen für unfete Auferstehungsfeier konnte es gar nicht geben. Wir hatten weiteste Schau über das ganze Waldland hin, die Eibenbäume und Wacholderbüsche standen wie ernste Wächter um unser Heiligtum und der Hochwald dahinter rauschte so feierlich wie eine ferne Kirchenorgel.
Indes der Grassingervater die Sitzsteine mit seinem Sacktuch von Staub und Aschenresten der früheren Sonnwendfeuer rein stäubte, hob im Kirchdorf schon das Geläute mit allen Glocken an. Da nahm der Alte das Käpplein von seinem greisen Haupte und hörte stehend mit gefallenen Händen den Glockenchor. Ich war ohnedies barhaupt von zu Hause fortgelaufen und brauchte deshalb nur die Hände aufzuheben zu einem
Die Glocke von Kaschira/
Freilich hat Kaschira, wie jede Stadt unter Sichel und Hammer, ihre Räte, ihre Kommissare und Funktionäre, ihre Aufklärungskurse und Parteioersammlungen. Unzählige Kommissionen haben Kaschira besucht, die Wohnungen inspiziert und registriert, Befehle erteilt und Reformen auf allen Gebieten angebahnt. Aber im Grunde ist Kaschira das alte Städtchen geblieben, das es immer war. Nicht, daß die Bewohner konservativ oder gar sowjetfeindlich wären. Der Beamte der GPU., dem der Bezirk unterstellt ist, hat einen leichten, beschaulichen Posten. Aus Kaschira ist noch niemand in das rote Haus an der Lubjanka eingeliefert worden. Mitglieder der alten Aristokratie und Bourgeoisie leben in Kaschira nicht, was einst zum Tschin gehörte, ist längst verschwunden und durch Parteifunktionäre ersetzt worden, und da die junge Industrie der Sowjetunion ihre Zyklopenarme noch nicht hierher ausgestreckt hat, braucht auch niemand hier argwöhnisch nach Spionen, Saboteuren ob-«- Konterrevolutionären zu fahnden.
Nein die Leute von Kaschira, Armut gewohnt und bescheiden, sind ganz zufrieden mit den Verhällnissen.
Auch Ossip Timofejewitsch, dessen kleiner Hof ganz 3°nz draußen am Westende der Gemarkung liegt, wo die Oka in breitem Bogen das Gelände durchschneidet. ®ffip ist kein Kulak, kein Großbauer, der in Opposition ?u dem landwirtschaftlichen Programm der Sowjets steht. Seine paar Desjatinen Land geben nur das notwendigste Brot für ihn und die Familie, und im Srall bat er nur zwei Kühe und die „Loschadjonka", ein altes, struppiges Kosakenpferdchen. Wenns hart auf hart geht, wüssen Katarina Semenowna, die alte Mutter, und 5"druschka, die Frau, den Pflug mit ziehen helfen. Ein lunger eifriger Funktionär hat sich im Anfang darüber uufgeregt und mit Verbot und Bestrafungen gedroht. i.°er Mutter Katja hat ihm unter einem betäubenden Schwall von Worten klar gemacht, daß es so sein muß.
Ossips Bauernschlauheit hat es sogar verstanden, strengen Jünger der Freihett völlig für sich einzu- c'1; sn durch die Bemerkung, daß jeder, ob Mann, ob
Osker Erzählung von Axel Rudolph
Weib, seine ganze Arbeitskraft hergeben müsse zum Wohle der Sowjetunion.
Wie gesagt: Ossip Timofejewitsch ist ganz zufrieden. Von dem nach seinen Begriffen herrlichen Leben, das die Lebensmittelkarte für Schwerstarbeit vermitteln kann, weiß er nichts. In Kaschira beziehen nur die Beamten der GPU. und der Ortskommissar diese Karte. Und nie ist es Ossip eingefallen, für sich das gleiche zu verlangen, was hohe Behörden fordern können. Mit Dank zu Gott: Das Brot hat immer noch gereicht, die Kinderchen sind gesund und das Vieh, wenn auch abgemagert, hält noch aus. Es ist wahr: das Haus ist etwas baufällig geworden und die kleine Scheune hängt bedrohlich nach einer Seite, weil die Stützbalken verfault sind. Aber geht es den Nachbarn besser? Oder ist es jemals besser.gewesen? Schön ist es doch, Ossip Timofejewitschs Heim. Nach Westen hin sieht man über die geruhsam strömenden lehmgelben Wasser des Flusses. Und wenn man unter der alten Kiefer steht, dem -mzigen Baum der Umgebung, sieht man gen Norden gerade auf die Zwiebelkuppel der Kirche von Kaschira. In jeder Sonntagsfrühe steht Osiip dort, hört die Glocke läuten, nimmt seine Mütze ab und betet, sich bekreuzigend, sein „Cospodin pomilu".
Ossips höchster Stolz aber ist Tonja, sein Töchterchen. Der Stein, den der alte Ossip sich durch seine weisen Worte bei dem Sowjetbeamten ins Brett setzte, hat bewirkt, daß die Behörden von Kaschira ein gewisses Wohlwollen auch auf die Tochter Ossip Timofejewitsch übertragen haben. Ossip ist immer stolz gewesen auf sein Töchterchen. Denn Tanja ist ein kluges Kind. Die Mutter hat gescholten und vor sündhaftem Hochmut gewarnt. Aber Tonja hat es durchgesetzt, die Stadtschule zu besuchen. Sie hat Lesen und Schreiben gelernt und sogar einen proletarischen Bildungskursus absolviert. Seit einem Jahr aber ist Ossip schier aus dem Häuschen vor Freude und Stolz. Denn Towarischtsch Selesnoi, der Ortskommissar, hat Tonja Ossipowna zur Lehrerin an der Stadtschule ernannt. Man denke: Tonja lebt jetzt
ten Häuser. Da ist das Dach des weißen Schulhauses, in dem das Töchterchen wohnt. Da ist die' breite Kirchenkuppel mit dem vergoldeten Kreuz. Und doch fehlt irgend was. Und ganz plötzlich durchfährt ihn ein jäher Schreck: Die Glocke! Die Kirchenglocke läutet ja nicht! Sollte Sergei Piotrowiifch krank fein? Aber dann müßte doch ein anderer . . . Kopfschüttelnd lauscht Ossip hinaus in die schweigende Leere.
Am Abend kommt Tonja, fieberhaft erregt. Es hat eine Sensation gegeben in Kaschira. Eine Kommission aus Moskau war do am frühen Morgen, ein Beamter der Exekutive und einige Genossen aus dem neuen „Bund der Gottlosen". Die Kirche sollte geschlossen und die Glocke entfernt werden. Und unglaublich, — als Sergei den Genossen-Vorgesetzten in die Kirche geführt, da war die Glocke verschwunden gewesen! Einfach verschwunden. Mit finsteren Mienen waren die Genossen vor dem leeren Glockenstuhl gestanden. Hatten dann vergebens die ganze Kirche und die Umgebung abgesucht. Nichts. Sergei selbst war einem peinlichen Kreuzverhör unterworfen worden. Aber er hatte ruhig seine Unschuld beteuert. Sogar Tonja selbst war von dem Ortskommissar verhört worden. Ob sie etwas davon gewußt hatte, daß die Kam- Mission heute komm«: würde. Nun gecifj, so mel und so wenig wie alle anderen. Es war davon gesprochen worden in der letzten Funktionärversammlung und sie hatte auch mit Sergei gelegentlich davon gesprochen. Aber weder sie selbst noch Sergei hatten die Sache eigentlich so recht ernst genommen. Das Ende war gewesen, daß man Sergei wieder entlasten hatte mit dem Auftrag, unter allen Umständen ausfindig zu machen, wer die Aus- sührrng des Moskauer Befehls sabotiert '»abe und daß der e-enosse Vorgesetzte vor der Kirche eme flammende Rede gehalten hat, in der er nachwies, daß es für einen Kommunisten unwürdig fei, an einen Gott zu glauben und daß die Popen Feinde der Sowjetunion feien.
So erzählt Tonja, die ganzen Aufregungen des Tages noch einmal durchlebend. Die Frauen bekreuzigen sich erschrocken. Ossip aber reißt die wasserhellen Augen weit auf.
„Ja, soll denn die Glocke nicht mehr läuten, Tonja, mein Täubchen?"
, „Nein, Väterchen liebes, höre doch: die Pfaffen betrügen das Volk mit ihrem Geschwätz. Sie sind kontra-
stillen Beten und Horchen. Denn was wir da auf unserer Höhe hörten, war schon wie ein Wunder. Aus allen Kirchdörfern im ganzen Waldland her schwammen und schwänge nunzählige Glockentöne über unsere Häupter hin, und obschon die einzelnen Töne nicht zusammenstimmen modjten, so war das Ganze doch wie eine brausende, schwebende, schwingende Flut himmlischer Harmonie, die mein Knabenherz unendlich beseligten. Denn solches hatte ich noch nie gehört, und ich war, ohne es auszusprechen, dem Grassingervater recht innig dankbar für den herrlichen Herzensgruh. Obwohl der letzte Glockenton längst verklungen war, schwang die ganze Harmonie noch lange in unseren Herzen nach, und ich glaube, sie würde heute noch darin schwingen, trotz der vierzig Jahre, die seitdem dahingegangen sind, wenn wir unsere Ohren nicht wieder andern Dingen zugewendet hätten, wie es eben das Leben heischt. Gleichwohl saßen wir auch so noch lange in schweigender Ergriffenheit und ließen uns auch von den Kirchgängern nicht ablen- ken, die wir da und dort auf Steigen und Pfaden ihren Heimstätten zustreben sahen. Das liebe Greisenantlitz meines großväterlichen Freundes war still und leuchtend, wie verklärt in innerem, verzücktem Schauen. Und aus dieser verzückten Schau heraus tat er an mich die Frage:
„Büblein, jetzt sag mir: Wo ist Gott?"
Ich aber schnurrte die Antwort fjerunetr, wie ich sie längst auswendig wußte: „Gott ist allgegenwärtig, das heißt, an allen Orten und Enden, wie im Himmel, also auch auf Erden."
„Brav! Und ist Gott auch hier auf dem Bühl?"
Ich stutzte erst, dann sagte ich laut und ftramm: „Ja — weil er doch allgegenwärtig ist!"
„Ganz recht! Und ist Gott auch in dir?"
Da schwieg ich betroffen. Denn diese Frage wußte ich noch nicht auswendig, weil wir sie in der Schule noch nicht „gehabt hatten".
Der Alte aber lehrte lächelnd weiter: „Diese Frage solltest du nicht auswendig, sondern inwendig wisten. Denn wenn Gott nicht in dir wäre, müßte es ein anderer fein, den ich nicht näher nennen will. Du weißt schon, wen ich meine."
Da wurde ich sehr erschüttert und sprach: „Ja, Gott soll in mir fein und fonft niemand! Gott — nur Gott!"
„Wenn das dein fester Wille ist, SB Üblein, dann hast du Gott und Gott hat dich allzeit. Dann bist du mft Christus auferstanden zum ewigen Leben, hier schon auf Erden wie dereinst im Himmel.
Seltsam ergriffen stieg ich vom Bühl nieder. Ich ahnte die Erhabenheit des alten Freundes mehr als ich sie verstand Aber das Leben hat sie mir bewahrheitet in guten und bösen Tagen, auf geraden Wegen wie auf Irrpfaden. Und wenn die Auferstehungsglocken durchs Land wallen, versetze ich mich zurück aus die Steinplatte am Bühl und habe alles wieder: Sonne, Stille, (Bott. Das Einzigste und Wichtigste. Alles andere ist nichts.
Ruüb um das Ei.
Sprüche, Sprichwörter und Raffet.
Läßt du dieses Eilein fallen, Alsogleich es dir zerbricht. Auch die Welt wird einst zerfallen Unsre Liebe niemals nicht.
(Oberpfälzisch) *
Um ein ungelegtes Ei sollst du dich nicht bekümmern. (Sprichwort.)
*
Ein Wein, ein Jahr alt.
Ein Brot, ein* Tag all,
Ein Ei', ein' Stund' alt. Uns gesund erhall'.
(Schwäbisch.)
♦
Es ist ein Faß,
Das ist von zwei Weinen naß —
Was ist das?
(Altbayr. Rätsel.)
*
Es ist a Kastl — Wann 's auftust du, Geht's nimmermehr zu!
(Tirol.)
Aue Gemacht im russischen Gefängnis.
Erinnerungen aus dem Jahre 1920.
Von Nora Iurczewitsch.
„15, 14 ,9, 5, 6, — 10, 8, *1 . . . diese Morsezeichen wurden am Vorabend des Osterfestes an die Wände, Kanalisations- ued Heizungsröhren des Petersburger Gefängniffes in der Spalernaja 25 geklopft. Sie bedeuteten keine gefährliche Verschwörungszeichen, sondern enthielten die kurze, für uns so frohe Botschaft: ,cheltte nacht Gottesdienst." Mitten in unserer größten Not hatte die Gefängnisleitung gestattet, einen gemeinsamen Gottesdienst unter Hinzuziehung eines Geistlichen abzuhalten.
Doch wie kam es, daß sich die Kommissare dazu bereit erklärt hatten, den von den neuen Machthabern so hart bekämpften und verfolgten Christen Gelegenheit zu geben, einen gemeinsamen Gottesdienst abzuhalten, gemeinsam um Erleichternug und Befreiung von den unerträglichen Qualen anzuflehen. Und noch mehr: Gott zu bitten, diesen Heimsuchungen des russischen Volkes ein möglichst baldiges Ende zu machen. Sicherlich war dieser unerwarteten Genehmigung eine große Beratung vorausgegangen, in der über das Für und Wider eingehend verhandelt worden war. Ein solcher gemeinsamer Gottesdienst, so werden dei einen gesagt haben, bietet eine vorzügliche Gelegenheit, genau zu beobachte;:, wie sich die Gefangenen unter sich verhalten, welche Gruppen miteinander sympathisieren, ein paar flüchtige Worte aufzufangen, um hieraus neue Momente für Anklagen und Urteile aufzuspüren. Denn es war ja noch wenig Blut — „weißes Blut" geflossen; es waren noch zu wenig Leid und grauenhafte Qualen über das geduldige, weite Rußland gekommen . . .
Doch vielleicht werden einige noch aus anderen Gründen ihr Ja gesprochen haben, nämlich um Gelegenheit zu haben, „dienstlich" d. h. ohne sich selbst zu verraten, einem Gottesdienst beizuwohnen und dabei Gott zu bit-
wie eine Borina, hat ein eigenes Zimmerchen bekommen im Schulhause, bezieht eine Arbeiter-Rationskarte und bekommt sogar Geld. Wenn sie abends zu den Eltern kommt und mit jugendlicher Begeisterung von den Doktrinen des reinen Sozialismus spricht, mit flammenden Augen Marx, Lenin, Bucharin, Dera Figner und Stalin zittert, dann hört Ossip Timofejewitsch ehrfürchtig und tief beglückt zu. Er versteht zwar kein Wort davon, aber es muß schon etwas Großes, Erhabenes sein um den Kommunismus, der aus einem Arbeitsmann einen Beherrscher Rußlands und aus einer Bauerntochter eine Gelehrte machen kann. Und auch die Frauen haben sich ausgesöhnt mit der unheimlichen Bildung Tanjas. Besonders feit es offenkundig ist, daß Tonja Ossipowna und Sergei Piotrowitsch, der Kirchenverwalter von Kaschira, in kurzer Zeit Monn und Frau fein werden. Jedesmal, wenn Tonja beim Betreten der Stub? sich vor dem Muttergottesbild in der Ecke verneigt, denkt Mutter Katja daran, daß das Kindchen bald Frau des Kirchenverwalters fein wird und bekreuzt sich dankerfüllt. Wie wäre ein solches Glück früher denkbar gewesen? Gott gab uns die Sowjetunion.
Die junge Lehrerin hat zwar ihre stillen Sorgen, von denen sie nicht spricht. Sergei, ihr Verlobter, ist nicht gut angeschrieben „oben". Sie weiß es: Sergei steht innerlich mißtrauisch kühl dem System gegenüber, will nicht recht zugeben, daß Frömmigkeit und Kommunismus sich vereinigen lassen. Aber Sergei liebt sie, und Sergei ist ein guter Mensch. Es müßte sonderbar fein, wenn sie gerade ihn nicht bekehren könnte, sie, Tonja Ossipowna, deren junge Begeisterung die ganze Schuljugend mit leuchtenden Augen in sich fjineintrrift. Auch ihr hoher Gönner, der Kommissar Selesnoi, hat ihr schon Andeutungen in dieser Richtung gemacht. Tonja weiß, was das proletarische Rußland von ihr fordert und ist bereit, mit dem ganzen Ungestüm ihrer Ueberzeugung Sturm zu laufen gegen Sergeis Mißtrauen. Zu Rußlands und zu seinem eigenen Heile.
So weit ist alles gut und schön. Die Tage kommen und gehen in Kaschira ohne Aufregung. Aber eines Sonntagsmorgens ist es anders. Ossip Timofejewitsch steht vor seinem Hof und blickt verwundert zur Stadt hinüber. Es ist alles wie sonst. Da sind die langgestreck
ten ihrem Judasdienst unter den neuen Machthabern ein baldiges Ende zu machen.
9, 5, 19 . . " es rumort noch immer in den Rohren und Steinen, die kalten, dicken Gefängnismauern scheinen plötzlich Stimmen bekommen zu haben. Man hat die freudige Nachricht nun schon so oft vernommen und doch „morst" man sie selbst immer wieder weiter. Denn es könnte ja doch noch jemand im Hause des Schreckens fein, dessen Ohr die frohe Nachricht noch nicht gehört hat.
In den Zellen herrscht Hochbetrieb. Ich bin mit 28 Frauen in einer Zelle, die nur zehn Schlafpritschen enthält, also nur für zehn Personen bestimmt ist. Alle bereiten sich auf den Kirchgang vor. Jede macht sich „so schön und sauber" wie möglich. Die eine sitzt auf der Pritsche und kämmt sich das Haar, eine andere hockt auf den Steinfliesen und versucht, sich von dem quälenden Ungeziefer zu befreien. Doch vergebliche Mühe! Während sie das eine Tierchen tötet, ist schon längst ein anderes von der Erde auf das arme Menschenkind geklettert, um es zu peinigen und von neuem zu quälen.
Endlich ist es so weit. Die Wache kommt. Wir werden aus den Zellen herausgeführt, durch lange unterirdische Gänge, die das Frauengefängnis mit dem der Männer verbindet. Hier tief unten kommen wir an Einzelzellen vorbei. Wie mir einer von den Begleitsoldaten grinsend erzählt, werden hier die zum Tode Verurteilten beherbergt. Sie, die göttlichen Trost am nötigsten brauchen, dürfen an der Dfterfcier nicht teilnehmen. Im Vorübergehen machen die in der Mitte gehenden Gefangenen die Türluken dieser Einzeizellen auf, die folgenden werfen fix und geschickt Liebesgaben, Zigaretten, kleine Stückchen Brot und Ostergebäck durch die geöffneten Luken. Aber schnell und unauffällig — —