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WzeiiMMN IQ Vfs. cmff MN. Beilage 15 MH

Fulda. Amtliches kreisblatk.

Anzeiger für die Stadt Fulda und

3nbrg. 58

Freitag, 20. Mürz 1931

Eine berechtigte Forderung.

Von Abgeordneten fast aller bürgerlichen Par­teien ist im Reichstag ein Antrag Bornemann (volksnational)-eingebracht worden, der die Reichs- regierung ersucht, bei der geplanten Strafrechts­reform dahin zu wirken, daß die Vergehen der Beleidigung, der üblen Nachrede, der Verbreitung falscher, nicht erweislich wahrer Tatsachen, die geeignet sind,,dem Be­troffenen in feiner persönlichen und politi­schen Ehre in der Oeffenrlichkeit herabzuwür- drgen, als Diebstahl am höchsten Gur, an der Ehre, zum mindesten nach den Strafbestim­mungen, die für den Dieb st ah l an mate­riellem Gut maßgebend sind, geahndet werden. Die § 242 ff. des Reichsstrafgesetzbuches, sowie die straferschwerenden Bestimmungen für Rückfall müs­sen Anwendung finden.

Diese Erkenntnis kommt der Nachtausgabe, die noch den Hamburger Polizeibeamten als Opfer zu feiern versuchte, reichlich spät- Vielleicht ahnte sie, daß es jetzt mit der Geduld der Republik zu- ende gehen muß. Auch scheint das Maß ihres Aer- gers darüber, von den Nazis dauernd als nicht ganz zuverlässig angesehen zu werden, voll zu sein. Sie meint, die nationalsozialistische Partei sollte lieber Mordtaten verhüten, als Zey- suren über nationale Gesinnung zu erteilen. Das ist richtig. Nur sollten die Kreise um Hugenberg einen Schritt weiter gehen und sfth davon überzeugen, daß Leute, die den politischen Mord mit zu ihren Kampfmitteln'zählen, mit na­tionaler Gesinnung .überhaupt nichts zu tun haben können. Die Hugenbergpresse hat dem Treiben Hitlers und seiner Anhänger allzulange zugesehen, als daß sie nun erwarten dürfte, wegen zweier, halb bedauernder, halb verärgerter Sätze gleich wieder für moralisch unantastbar gehalten zu werden. Wenn sie sich zu einem sachlichen Kampf um nationale Fragen aufraffen will, kön­nen wir ihr mit geistigen Waffen entgegentreten. Aber den Beweis für diese Absicht muß sie erst noch erbringen. Mit Krokodilstränen allein geht es nicht. Hugenberg wird schon zeigen müssen, wo er wirklich und innerlich steht. Wenn er seine Haltung wandeln will, so wird er gerade in seiner Presse einen Haufen Arbeit vorfinden. ' ;

Die Seerüstungs-Frage.

Abrücken Amerikas vom englisch-französisch, italienischen Flottenobkommen.

Aus Washington wird gemeldet: Staatssekre­tär Stimson teilte mit, er habe ein 20 Minuten dauerndes Telephongespräch mit Botschafter Dawe» und dem amerikanischen Sondergesandten Morrow in London geführt und halte den Stand der Be­sprechungen über die Form des neuen Flottenpak­tes, nachdem der amerikanische Standpunkt von Morrow mündlich begründet worden sei, für sehr befriedigend. Dementsprechend werde das Abkommen sich wahrscheinlich auf die euro­päischen Mächte beschränken, und die Betei­ligung Amerikas und Japans an der endgültigen Formulierung werde nicht erforderlich fein.

lichkeit abhängig gemacht. Sein Verlangen nacht Aktivierung der Internationalen Bank in dieser Richtung ist verständlich und zu unterstützen. Das hilft aber nicht über die Tatsache hinweg, daß bisher diejenigen Recht behalten haben, die der Internationalen Bank aus Gründen des natür­lichen Wirtschaftsegoismus der Völker gerade in der von Schacht gewünschten Tätigkeitsrichtung wenig Erfolg vorausgesagt haben. Schon die Ver­handlungen des Organisationsausschusses in Ba­den-Baden, denen Schacht ja deutscherseits bei­wohnte, haben einen sachlich durchaus unbefriedi­genden Verlauf genommen, und es ist wenig ver­ständlich, wenn er heute mit großem Lob an sie zurückdenkt. Auch bei der Zusammenkunft der Äo- tenbankpräsidenten in Rom, über die er übrigens gar nichts vermerkt, kann sich hinsichtlich der In­ternationalen Bank schwerlich Greifbares ergeben haben. Das Zwischenspiel im Haag, wo Schacht'» Brief wegen der Beteiligung der Reichsbank an der Internationalen Bank so großes Aufsehen und ein Einschreiten der Regierung hervorrief, hat, obwohl Sckacht in seinem Buch dasselbe zu einem erneuten Angriff auf die Regierung benutzt, doch nur untergeordnete Bedeutung. Der Schwerpunkt lag hier in der Notwendigkeit, daß dieser Brief eine eindeutige politische Note auiwies u. die poli­tische Führung nur bei der Regierung liegen konnte. Außerdem bot dieser Brief der Regierung wirklich nicht die vorüiglichen Handhaben, die Schacht so nachdrücklich hervorhebt, denn er erging sich —. allerdings unter Verkennung politischer Imponderabilien — in ganz allgemeinen und selbstverständlichen politischen Forderungen.

lieber die Einstellung Schacht's zur Finanz­politik des Reichs ließe sich ein besonderer Aufsatz schreiben. Seiner Behauptung, daß auch im letz­ten Jahr die Reparationen aus fremden Anleihen gezahlt worden seien, steht die Erklärung des Kanzlers gegenüber, wonach sie im Lande aufge­bracht worden find. Die Einstellung Dr. Schachts zur Änleihepolitik einseitig ist. An sich ist es wohl richtig, daß ein Volk seine Aufgaben durch Spar­samkeit aus sich selbst finanzieren soll. Freunde einer Anleihepolitik sind wir nie gewesen und wer» den es grundsätzlich auch nie fein. Und was die Sparsamkeit angeht, so ist es gerade das Zentrum gewesen, das durch Einsparung auf eine orga­nische Regelung der Finanzfragen im Reichshaus­halt schon immer und besonders während der letz­ten Jahre hingedrängt hat. Das Entscheidende aber ist immer die Frage, ob im gegebenen Zeit­abschnitt selbst eiserne Sparsamkeit zur Finanzie­rung aus sich selbst genügt, oder ob ein Volk durch feine gesamte Wirtschaftslage auf Auslandsgeld

wir Fe nutzbringender anbringen könnten. Das Ganze ist vielleicht auch dazu angetan, unser Kre- ditansehn im In- und Auslände zu gefährden.

Das find rein wirtschaftlich« Erwägungen, denen wir politische Erörterungen nicht beifügen wollen. Wir erklären: Wir wagen ein großes Spiel, größte Vorsicht ist am Platze, sorgfältigste Nachprüfung tut not.

Das Ende der Reparationen Schacht und die Politik.

Von einem führenden Wirtschaftspolitiker.

III.

Späte Erkenntnis.

Es ist eine der sonderbarsten Erscheinungen im verworrenen polisischen Getriebe unserer Tage, daß ein Mann wie Alfred Hugenberg stch immer abhängiger in das Schlepptau von Aben­teurern nehmen ließ und ihnen geradezu hörig wurde. Dabei hat es Hitler niemals daran fehlen lasten, Hugenberg feine Verachtung zu zeigen. Man erinnert sich der Vorgänge bei dem Volks­begehren im Herbst 1929, bei dem die Ausführun­gen der Hitlerpreste zu den Meinungen der Hu- genbergschen Zeitungen oft in schärfstem, durch keinerlei Höflichkeiten bemänteltem Widerspruch standen. Bei der Reichstagswahl am 14. 9. haben die Nationalsozialisten der deutschnationalen Par­tei Hunderte von Stimmen weggefischt, und erst als Hugenbergs Fraktion auch den Auszug aus dem Reichstag mitmachte, kam es zu gemeinschaft­lichen Beratungen. Das hindert aber nicht daran, daß die Deutschnationalen von den Hakenkreuzlern immer wieder aufs gröblichste beschimpft wurden.

Jetzt endlich, anläßlich des zweiten Hamburger Mordes, findet ein Hugenberg-Bkatt, die Ber­liner Nachtausgabe, den Mut, sich auf eine anständige Haltung zurückzubesinnen und von den Nazis abzurücken. „Es genügt nicht", so sagt sie, „diejenigen, die zu Schuldigen wurden, abzu- stoßen. Disziplin zeigt sich nicht nur in der Säu­berung einer Gemeinschaft nach dem Unglück."

* Die internationale Scheckrechks-Sonferenz hat mn Donnerstag in Genf ihre Arbeiten mit der Unterzeichnung von drei Abkommen abgefchlosten.

* Die Wahl des Vorsitzenden des Zentralere-» kntwkomitees Sowjetrußlands. Aus Moskau wird gemeldet: In der ersten Sitzung des neugewähl­ten Zentralexekutivkomitees der U. d. S. S. R. wurden die sieben Vorsitzenden, an erster Stells Kalinin, und der Sekretär des Zentralexe­kutivkomitees gewählt.

Das RussengefchSsk.

Notwendige Feststellungen.

Von unserem wirtschaftspolitischen Mitarbeiter.

Um von vornherein die erforderliche sachliche Einstellung zu ermöglichen, betonen wir mit allem Nachdruck, daß auch wir für die deutsche Wirt­schaft selbst nichts sehnlicher erwarten und erhoffen als eine Belebung unserer handelspolitischen Be­ziehungen mit allen Ländern. Es ist unleugbare Tatsache, daß wir in unserer Wirtschaft nicht ge­sunden, daß wir vor allem unseren Reparations­verpflichtungen nicht nachkommen können, wenn wir nicht in größtem Maße unseren Export zu fördern vermögen.

Weil wir das erstreben, fühlen mir uns aber dennoch verpflichtet, gerade das Ruffengeschäft rein sachlich zu prüfen. Zumal nach der „geschäftlichen" Seite des Problems. Wir verweisen dabei auf das zwischen Rußland und Amerika getätigte Ge- schäft, das ganz anders Bestimmungen enthält Rußland muß bei der Bestellung der Waren ein Drittel sofort in bar bezahlen, ein Drittel bei Lie­ferung der Ware und nur über das letzte Drittel wird von Fall zu Fall eine Kreditfrist von höchstens zwei Jahren gewährt.

Weiter verlangt Rußland uns gegenüber als Lieferant nicht nur Barzahlung der gelieferten Waren, sondern weiter eine Bevorschussung feiner Lieferungen.

Bei dem Rußlandgefchäst aber tritt Sowjetruß­land als Kunde auf, und in dieser Eigenschaft fordert es Zahlungsfristen, stellt Bedingungen, wie wir sie bei keinem Handelsverkehr mit anderen Ländern finden. Es werden Kreditfristen verlangt auf durchschnittlich 29 Monate, Fristen, die in der Praxis niemals einem deutschen Kunden gewährt würden. Es ist alles auf Risiko eingestellt. Denn wer vermag vorauszusagen, wie sich die russischen politischen und wirtschaftlichen Derhältniste in den nächsten zweieinhalb Jahren entwickeln werden. Wer vermag sich auch für die deutsche Wirtschaft auf irgendeine Frist festzulegen.

Gehen wir zur reinen Geschäftspraxis über, be. trachten wir den normalen Geschäftsverkehr, dann erklärt uns jeder deutsche Kaufmann oder Unter­nehmer, daß, wer solche Kreditfristen fordert, be­stimmt ein sogenannter fauler Kunde ist. Wir nehmen zwar an, daß die von uns jetzt aufge­stellten Argumente auch bei den deutschen Indu­striellen bei ihrem Besuche in Rußland und bei Ab­schluß des Geschäftes eine Rolle spielten. Denn es wurde mitgeteilt, daß die Reise auch dem Zwecke biente, sich über die Wirtschafts- und politische Lage Rußlands an Ort und Stelle ein genaues Bild zu machen. Das muß auch geschehen sein, sonst wür­den dis Industriellen nicht in der Uebernahme einer Ausfallgarantie für die Russenkredite in Höhe von 70 Prozent durch Reich und Länder eine Voraussetzung des Rußlandgeschäftes ansehen.

Nun lassen wir demgegenüber den deutschen Unternehmer auch aus der Praxis heraus sprechen. Viele Stimmen sind schon laut geworden, die er­klären, daß unter solchen Bedingungen, wie sie von Rußland gestellt wurden, viel bessere und sicherere Absatzmöglichkeiten in anderen Ländern geschaffen werden könnten. Ja, man sagt weiter, daß, wenn Reick und Länder für die eigene Indu­strie solche Garantien leisten würden, diese Tat­sache schon allein genügen müßte, um der hei­mischen Industrie zu helfen und die eigene* Pro­duktion zu fördern.

Auf der anderen Seite hören wir die Befür­worter des Rußlandgeschäftes sagen, daß der große Umfang des russischen Bedarfs ausschlaggebend fein müsse, daß ja außerdem der russische Staat die schuldnerische Haftung für die Bezahlung der deutschen Lieferungen übernehme. Dahinter setzen wir ein großes Fragezeichen. Bis jetzt ist der Fünfjahresplan Stalins ein Versuchsobjekt, keineswegs eine durchgeführte Tatsache. Wir wis­sen auch noch nichts über die politische Entwicklung in Rußland. Also haben wir es mit einem zwei­felhaften Garanten zu tun, und es muß starke Ueberlegung gefordert werden, ob die deutsche Wirtschaft, ob Reich und Länder sich mit einem solchen Garanten in größere, sowohl Gewinne als Verluste in sich bergende Geschäfte eintreten können.

Was bietet uns denn Rußland an? Es erklärt sich bereit, 20 Prozent des Lieferungswertes in Wechseln als Anzahlung zu leisten. Das ist über­haupt kein Zugeständnis, wenn wir daneben das außerordentlich lange Zahlungsziel betrachten. Wir können uns des Gedankens auch nicht erwehren, daß den Russen ein schlauer Schachzug geglückt ist, indem sie sich von Deutschland bedeutende Kredit­fristen zusichern ließen, dagegen nur schwache Zuge­ständnisse machten, um so in die Lage zu kommen, ihren Verpflichtungen anderen Ländern gegen­über in der Zwischenzeit nachzukommen, weil diese Länder — wir verweisen auf Amerika — Rußland gegenüber keine Langmut und kein Entgegenkom­men zeigen wollen.

Schließlich eine weitere Gefahr, auf die wir im Hinblick auf die Kabinettsberatungen über das Russengeschäft besonders Hinweisen wollen. Wir sprachen von Möglichkeiten. Eine solche Möglich­keit könnte es fein, daß die Russengeschäfte eines Tages stocken. Dann hätten Reich und Länder, also die Steuerzahler, die Verluste in Höhe der Ausfallbürgschast von 70 Prozent zu tragen, her Lieferant selbst müßte nach Abzug der 20prozen- tigen Wechselzahlung auch noch einen Betrag von 10 Prozent der Lieferung auf sich nehmen. Da­neben sehen wir in der langen Frist des Liefe­rungsabkommens eine Erschwerung der Lage Cg- an ihm beteiligten Industrien, schon allein butu) die wirtschaftliche und politische Unsicherheit Ruß­lands.

Wir sehen aber auch eine Erschwerung für den Kapitalmarkt, der die langfristige Finanzierung des Russengeschäfts übernimmt. Größte Summen werden auf lange Zeit gebunden. Sie fehlen uns vielleicht sehr bald an anderen Stellen, an denen

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Dreihundert Tote.

re, ist sicher relativ richtig, wenn die Redner der hinter der Regierung stehenden Parteien in den Nericunmlungeu mit Genugtuung feftftellen, daß ffingen ift, bas deutsche Reich durch einen Enter hindurch zu bringen von dem man bas r-Alimtnfte erwarten mußte. Sie sagen, trotz katastrophalen Arbeitslosigkeit, die sich in den witen Monaten um eine Million gesteigert hat, -i das Land ruhig geblieben. Das stimmt insofern, e3 nirgendwo zum offenen Aufruhr gekommen S und es stimmt namentlich im Hinblick auf die - 'radezu mustergültige Disziplin die von der Ar- E^rschaft geübt wird. Man hat ihr die Lohne «ckürzt, man hat sie auf Kurzarbeit gesetzt, man Ct ganze Betriebe stillgelegt. Wenn es 5 Mil­anen Arbeitslose gibt, so bedeutet das, daß 12 V!; 15 Millionen Deutsche darben. Trotzdem bleibt ruhig im Lande. Das Leben geht weiter, der Kampf um das Dasein geht weiter, und es ist keine Frage, daß die Front derjenigen, die mit den Absichten der Regierung sympathisieren, sich von Tag zu Tag verstärken. Das ist ein Erfolg, auf hen die Regierung stolz sein kann, und er ist der gründ dafür, daß auch die Zentrumspartei vieles stillschweigend mitmacht, was ihr eigentlich sehr unbehaglich ist. Aber es gibt zur Zeit keine größere Ausgabe als die, durch angestrengte und hart­näckigste Sanierungsarbeit das Reich nicht nur zusammenzuhalten, sondern es auf eine tragfähige Grundlage zu stellen, die für die Zukunft einen reibungslosen Ablauf unserer wirtschaftlichen Ent­wicklung gewährleistet. ,

Es ist, so sagen wir, ruhig im Lande. Aber E5 jst auch nicht zu leugnen, daß immer häufiger bie Flamme des Aufruhrs bald hier, bald da auf» «ackert. Die Zeitungen führen darüber eine er­schütternde Chronik. Im Reichstag ist am Mon­tes abend festgestellt worden, daß im letzten Jahr in Deutschland rund 300 Menschenleben politischen Anschlägen zum Opfer gefallen sind. Es vergeht kein Tag und keine Nacht, ohne daß es irgendwo in den Städten zu blutigen Zusammenstößen fame. Die Radikalen von rechts und links gehen schwer bewaffnet herum, lauern dem Gegner «uf und schießen oder stechen ihn nieder. 300 Tote — bas ist unter 60 Millionen Lebenden natürlich ein verschwindender Prozentsatz. Aber wir haben es hier nicht mit statistischen Haarspaltereien zu tim, sondern mit der Erscheinung, daß das Leben bis Menschen, das Höchste, was es in der Weit gibt, in immer steigender Ziffer politischer Leiden- Wft und fanatischer Hemmungslosigkeit geopfert wich 300 politische Morde — das ist ein Rekord, dessen Deutschland sich vor der ganzen Welt zu schämen hat. Aus einem ruhigen, fleißiger Arbeit und kulturellen Aufgaben sich widmenden Volke droht ein Heer von Wildwest Politikern zu werden. Der Versammlungsredner wird durch den Kopfjäger verdrängt, an die Stelle sachlicher Aus­einandersetzungen treten Revolver und Dolchmesser, geistige Waffen werden nicht mehr respektiert. Wir verlangen von der Regierung, daß fie diese Zu­stände ändert, und zwar sofort, von heute auf morgen. Das Reichsministerium des Inneren hat lange genug zugesehen und sich mit philosophischen Betrachtungen über den Sinn der Demokratie und die Durchschlagskraft der politischen Vernunft be­gnügt. Es fängt an, fein Vertrauen einzubüßen, Mnn es nicht schleunigst stahlhart wird.

Was z. Zt. in Hamburg möglich ist, zeigen die Hamburger Mordfälle in erschreckender Weise. Ein mit nationalsozialistischen Gedankengängen sym­pathisierender Polizeibeamter schießt seinen Vor­gesetzten nieder, drei, andere Hakenkreuzler ermor­den im Autobus einen politischen Gegner. Aber es ist nun nicht etwa so, daß die intellektuellen Urheber solcher Mordtaten, die nationalsoziali­stischen Führer, bedingungslos von den Tätern ab« rückten, sondern die Verhöhnung der Reichsgewalt, die wir seit langem an ihnen gewohnt sind und die namentlich das Innenministerium sich so gedul­dig gefallen läßt, wird von Hitler auf die Spitze getrieben, indem er erklärt, das Mitleid, das er mit den Führern habe, veranlasse ihn, die Kosten Mr ihre Verteidigung zu übernehmen. Er stellt ihnen den Anwalt zur Verfügung, der seinerzeit die Ulmer Reichswehroffiziere in Leipzig vertrat. Da­mals suchte dieser Rechtsanwalt nachzuweisen, daß die nationalsozialistische Partei an dem Landes­verrat der drei Leutnants unschuldig sei, und jetzt soll er auf Befehl Hitlers die Verteidigung von drei Mördern übernehmen, deren Zugehörigkeit ö^r Partei nicht bestritten wird.

Wir haben keine Veranlassung, die K o m m u - v'sten in Schutz zu nehmen. Auch sie haben rneliältige Blutschuld auf sich geladen, aber es muß doch bei dieser Gelegenheit wieder daran erinnert werden, daß die Mordseuche in Deutschland von -echtsradikaler Seite her begonnen hat. «Son Kurt Eisner angefangen, über Erzberger, Rothenau, Paasche zeigt die Totenliste tmm^r wie- ?et Namen von Politikern, die von den sogenann- wn Nationalen für Marxisten gehalten wurden, stiegen ist oft genug bei den Zusammenstößen wniaien feindseligen Gruppen im Lande auch ein «Nhanger der Rechten ums Leben gekommen. Da- yer richtet sich der am Montag vom Reichstag an« ynomtnene Antrag der sozialdemokratischen Frak- wn mit Recht gegen die Mordgesinnung auf 0 eiben Seiten.

65 an stch notwendig wäre, neue gesetzliche -lümmungen zu schaffen, bleibe dahingestellt, u. eF, uns ist jedes Mittel recht, das das Leben ,;;/yst und Deutschland auf die Dauer von dem k. befreit, das Land der volitifchen Morde zu |em.

3 * Der zum Tode verurkeilke Verschwörer von ca begnadigt Wie Havas aus Madrid meldet, »nm e .^°n*9 von Spanien die Begnadigung des m Kriegsgericht in Jaca zum Tode verurteilten juptnranng Ssdiles unterzeichnet. Das Dekret r° morgen veröffentlicht werden.

Das Kapitel über die sogenannte Sanktions­klausel des Poungplans gibt Dr. Schacht Gelegen­heit zu den schärfsten Angriffen auf den deutschen Außenminister Dr. Curtius, dem er bescheinigt, daß ihre Annahme den „Tiefpunkt der Erniedri- gungs- und Entmannungspolitik" darstelle. Zwar könne man in einem Vertrag Maßnahmen für den Fall vorsehen, daß ein Vertragspartner den T | - trag bricht; es fei aber „der Gipfel der Würde­losigkeit", wenn solche Maßnahmen nur einseitig für eine Vertragspartei gelten. Man sieht, Dr. Schacht gebraucht hier der starken Worte zu viel. Es ist eher die Frage, ob er sie am richtigen Ob­jekt verschwendet. Zunächst ist es ganz selbstver­ständlich, daß auch im Poungplan Vertragsbrüche oller Seiten auf Grund internationalen Rechts eine Regelung erfahren müssen. Auf der anderen Seite aber ist nun, was speziell die Zahlungs­verpflichtung anbelangt, Deutschland allein ver­pflichtet, daher können Maßnahmen aus einem Vertragsbruch der Zahlungspflicht auch nur Deutschland gegenüber einseitig in das Auge ge­faßt werden. Es ist nun eine Frage, ob es durch­aus notwendig war, die Möglichkeit eines solchen Vertragsbruches und das daraus erstehende selbst­verständliche Recht einer Regelung besonders sest- zulegen,und wir stehen nicht an, diese Notwendig­keit zu verneinen. Die allgemeine Form der so­genannten „Sanktionsklausel" gibt aber ganz be­achtliche Interpretationsmöglichkeiten. Und die na­tionale Würde erheischt es, keiner Interpretation Vorschub zu leisten, Sie, besonders von beachtlicher Stelle gegeben, den deutschen Standpunkt zu schä­digen geeignet ist. Wie kommt der in nationalen Angelegenheit so empfindliche Unterzeichner des Doungplans, Dr. Schacht, dazu, ausgerechnet iene französische Interpretation in seinem Buch in den VorSergrund zu rücken, die Tardieu in der Abge­ordnetenkammer zur Beruhigung der französischen Nationalisten abgegeben hat? Fehlt ihm hier das Verständnis oder ist es ihm hier nicht zweckmäßig, das er für eine andere Klausel, nämlich für die der Revision, bezeugt, wenn er richtig schreibt: „Es ist nicht nur sachlich unrichtig, sondern auch taktisch falsch, die Revisions-, Abänderungs- und Beendi­gungsmöglichkeiten, die im,Boungplan find, zu un­terschätzen" ? —

Die Ausführungen über die Internationale Dank nehmen einen breiten Raum in dem Schacht' schen Buch ein. Mit einem gewissen Recht, denn Schacht ist nicht nur ihr geistiger Vater, sondern sie bildet für ihn auch den Mittelpunkt des Pouna- plans. Von der Erschließung neuer wirtschaft­licher Möglichkeiten, neuer Absatzmärkte durch sie hat Schacht geradezu die deutsche Zahlungsmög-