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Nr. 44

Abend im Februar.

Bon Franz C i n g i a.

Der Abend spannt di« Dunkelheit Geheim und lautlos übers Land. Und macht der tiefften Einsamkeit Die Wanderwege nah verwandt.

Der Wind ist wie ein wildes Spiel, Das ruhelos die Welt erfüllt Und ohne Freundlichkeit und Ziel Sich vielgestaltig ftefs enthüllt.

Die Bäume stehen voll Begehr Nach einem warmen, milden Licht, Das mit des Frühlings Wiederkehr Dis Wintermousr ganz durchbricht.

Steuern einst und jetzt.

Kein Halbwegs kultiviertes Volk hat jemals ohne Neuem auskommen können. Und wenn heute mancher leichthin 'die „gute alte Zeit" zurückwünscht, weil ihm hj« Last unserer Steuern unerträglich dünkt, so dürfte er sich wundern, wenn er in den Haupt- und halbamt­lichen Verordnungen aus jenen Tagen finden könnte, aus welch mannigfache Weis« man damals Steuern zu er« heben verstand.

Sa zog vor zweihundertfünfzig Jahren der preußi­sch« Staat die Steuerschraube recht spürbar an, um die großen Summen für Hofhaltung, Gehälter, zur Errich­tung öffentlicher Bauten und zu sonstigen Zwecken zu erhalten. Bald nach dem Regierungsantritt Fried­richs L, der damals noch Kurfürst war, wurde bestimmt, daß jeder Beamte den Zehnten seiner Be­soldung als Steuer herzugeben habe. 1601 Ede die Generalkopfsteuer eingeführt, von der nie« mmtö befreit werden konnte; sie ist gewissermaßen die Vorläuferein der heute in manchen größeren deutschen FtiDten erhobenen Bürgersteuer. Der Bauer zahlte damals zwölf bis achtzehn Groschen, der Tagelöhner unb selbst die Hütebuben mußten mindestens vier Gro­schen erlegen. Friedrich gab dem Volke ein gutes Bei- ipjed indem er als Kurfürst zweitausend und seine Ge­mahlin tausend, nach der 1701 erfolgten Königskrönung «doch viertausend und zweitausend Taler in den Staats- isuersäckel legte. Um die Kosten der Krönungsseierlich- •eifen zu bestreiten, wurde bis zum Ende des Jahres 1701 die Krönungssteuer erhoben. Berlin schien damals rote heute unter besonderem Geldmangel zu leiden, denn mn richtete dort eine Karossensteuer ein, da die Fahr- •nige laut Magistratsordnung ,chas Pflaster der Resi- :mz obnutzten".

Natürlich kannte man früher auch schon für einzelne A-me geltende Sonderabgaben. Sa erhob der Kölner Erzbischof Max Heinrich, dem auch das Bistum Lüttich unterstand, eine Glasscheiben st euer, die sich bis in unsere Zeit in Belgien erhalten hat. Unter die kom­munalen Abgaben fiel der „Hofzins" für Feldmar­ken, der „G a r t e n z i n s" für Obst-, Gemüse- und Weingärten; die Kaufleute mußten für ihren Markt- hollenstand und die Fleischer für ihre Scharren Stand­geld entrichten. Zu der Gewerbesteuer kamen noch Brücken- und Schiffahrtszölle, Lagergebühren für Ttapelplätze und Zollhäuser und der „Abschoß" von der Hinterlassenschaft derer, die fortgezogen oder in ein an­deres „Gericht" übergingen. Noch um 1850 war das „Zuzugsgeld" so hoch, daß sich mancher einen Umzug nur selten und erst meist nach reiflicher Ueberlegung lefften konnte.

Die L u x u s st e u e r war damals ebenfalls schon Mannt, die in allen möglichen und unmöglichen Ba- riationen existierte und natürlich sehr angefeindet wurde, zumol sie in geldknappen Zeiten nicht selten oft auf un­entbehrliche Gegenstände sich erstreckte. Besonders auf di« zum Anzugs gehörige Perücke hatte man es abge­sehen. Für die zum größten Teil aus Frankreich kom­menden Allongeperücken mußte der vierte Teil des Prei­ses, für die in Deutschland gearbeiteten nur der sech­zehnte Teil als Steuer bezahlt werden. Die Frauen mußten für die hohen entstellenden Fontangen (Hauben) einen ganzen Taler entrichten; neben dieser einmaligen Anschaffungssteuer wurde alljährlich noch eine Abgabe für Tragerlaubnis gefordert. Nach der Erhöhung der Perückensteuer durch Friedrich I. mußten auch die Geist-

Der Mann vom Meer.

Don Julius Regis.

Aebertragen au? dem Schwedischen. ®. Müller-Verlag, München.

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„Wie du siehst, ist nur von dem Täter und seinem Spfer die Rede," bemerkte dieser kalt. „Ich scheine dem ^uge des Gesetzes entgangen zu fein. Für dich und die Deinen dagegen ist die Sache unbehaglich, und to6nn die Polizei dich auffpürt, würde ich ja auch in silrs schlimme Sage geraten. Wir hatten ja beide nichts ’n der Villa zu suchen und haben uns der Pflicht ent- 8ngen, freiwillige Erklärungen abzugeben. Ich habe sogar die Spuren beseitigt und dabei den Fehler be« flogen, nicht an die Firmenanzeichen im Anzug zu den- ken. Wenn du nun wenigstens abgereift wärst, wäre •e6t alles gut. Allein hätte ich mir schon geholfen, aber

Zu zweien . . . Immerhin — jetzt stehen und hal- *en wir zusammen — sind zwei an dieselbe Ruderbank bettete Galeerensklaven. Und nun kurz und gut: was d-Nkst du zu tun?"

-Zch verstehe nicht — du scheinst mehr zu meinen, at$ du fragst?"

„Mag sein, aber das ist leicht begreiflich. Ich will Nicht in meiner Arbeit und meinen Plänen behindert Werden. Und dir rate ich nachdrücklich, dich nicht zu stellen! Jetzt, nach der Entdeckung! Das wäre kin­disch. ,

»Sprich es nur aus! Du willst es mir verbieten." „ »So dumm bin ich nicht. Ader wiege »ich nicht in Fusionen! Laß uns mal ein Denkexperiment machen: stelle dir vor, daß ich aus Gewissenhaftigkeit Meldung Niuchte —? Ja, darüber bist du starr, aber ich könnte M Lust haben, die Verantwortung abzuschütteln! Na, *®s war, wie gesagt, nur ein Gedanke, aber alles führt zu dem Schlußsatz, daß wir uns gegenseitig bei- stHen müssen, nicht wahr?"

»Veistehen!" Erik lachte bitter. „Auf welche Weife?" L »Durch gegenseitige Diskretion, durch dein Absehen *°n Maßregeln, die mich behindern, und durch mein

Beilage zur Fuldaer Zeiluug

22. Februar

lichen, Lehrer und Studenten, die bisher davon befreit waren, diese Steuer zahlen.

Um diese Zeit wurde in England der Besitz eines noch so bescheidenen Bartwuchses als „unverdien­ter Wertzuwachs" angesehen und deshalb besteuert. Unter der Regierung der Königin Elisabeth war „jeder Bart von vierzehn Tagen an" einer Steuer von drei Schillingen unterworfen. Peter der Große versteuerte 1705 die Bärte der russischen Edelleute mit hundert Ru­bel, die des Volkes dagegen nur mit einer Kopeke. Erst Katharina II. hob 1767 diese Steuer auf.

An unsere heutige Getränke st euer erinnert die damalige sogenannte Bierakzise, die bald nachher auch auf Wein ausgedehnt wurde. Da diese Akzisen zu un­angenehmen Zwistigkeiten führten und skandalöse Folge­erscheinungen zeitigten, wurden sie schließlich abgeschafft Auch unsere Ledigensteuer war unseren Vorfahren schon bekannt; fo mußte „jede unverehelichte Weibsper­son" von chrem zwanzigsten Lebensjahre bis zur Hoch­zeit oder, wenn sie nicht heiratete, bis zum vierzigsten Lebensjahre jährlich einen Taler opfern. In Koburg ist einmal eine Junggesellensteuer erhoben worden, die erst vor siebzig Jahren abgeschafft wurde.

Daß der Steuerfiskus von einst auch Humor hatte, bezeugt die ,Zungenft euer"; danach hatten vor

Schweigen über dein — dein Malheur mit dem De­gen . . ."

Jetzt erschien Drakenborch Arm in Arm mit Reynold auf dem Balkon, und Erik erwiderte nur leise und hastig: „Ich werde dir antworten, sobald ich zu einem Entschluß gelangt bin.“

♦

Abends fragte Reynold nach der Zeitung, und Erik holte sie aus feinem Zimmer herunter und überreichte sie ihm in einer trotzigen Anwandlung von Selbst- quälerei fo, daß jener Artikel ihm in die Augen fallen mußte. Aber fein Vater beachtete ihn nicht, sondern vertiefte sich in die Börsennachrichten, während Märta neben ihm saß und in einem Buch las.

Gritf stopfte sich eine Pfeife und ging aus. Er konnte nicht still sitzen. Es begann schon zu dunkeln, und ein leiser Abendwind säuselte in den Bäumen, während er langsam zum Strand hinabwanderte.

Ein heftiger Groll gegen Colt durchglühte ihn. Warum hatte er ihn nach jener Villa gebracht — und warum war er so unaufrichtig? Uederhaupt — gab es im Mo­saik der Ereignisse nicht allerlei, was er nur nicht zu erkennen vermochte, weil er ihm zu nahestand? Ge­wisse Linien — ein Muster — irgend etwas Wesent­liches, Dunkles? — Aber wenn schon! Was bedeutete alles andere gegenüber der unausweichlichen unfaßbar harten Tatsache, daß er einen Menschen getötet hatte!!

Er blieb stehen, und als er aufblickte, gewahrte er dicht vor sich die Kajüte. Sonderbarerweise empfand er dabei eine Art dumpfer Genugtuung. Ob er vielleicht den Geist des alten Kaperkapitäns sehen würde, den Drakenborch herausbeschwören wollte? Nein, alles war still. Er ließ sich auf einen Stein nieder. Der Him­mel hatte sich bezogen, und ein Regentropfen traf feine Hand. Jenseits des Sunds leuchteten die Fenster von Hamra.

Eriks Gedanken irrten unruhig umher . . . Dolores war ein schönes Mädchen ... Ob ihr Vater wirklich glaubte, Vriesmans Geist zum Reden bringen zu können . . . Dann ging ihm wieder jener Zeitungsartikel durch den Kopf, während die Bäume um'ihn herum jausten und wisperten.

vielen Jahrzehnten die in Mecklenburg hn Landtag sitzenden Gutsherren Anspruch auf die Zunge jedes in ihrem Gebiet geschlachteten Rindes, „damit der Herr auf dem Landtag gehörig für die Seinen sprechen könne".

Daß die steuerbedürftigen Fürsten nicht nur darüber nach dachten, woher, sondern wohin die Steuern kämen, zeigt folgende köstliche Episode: August der Starke fragte einst bei Tisch seinen geistvollen und kühnen Hof­narren Kyau, wie es wohl zugehe,' daß die vielen von ilym ausgeschriebenen Steuern so geringen Ertrag hät­ten. Wortlos nahm Kyau aus einem Weinkühler ein Stück Eis und reichte es dem Nachbarn mit der Bitte, es weiter zu geben, bis es zum Herrscher gelange. So wanderte das Eis rundherum um die lange Tafel durch die Hände der hohen Beamten und Würdenträger, die am Bankett teilnahmen dann hielt August der Starke nur ein winziges Stücklein Cis in der Hand. Kyau sagte: „Da sehen Eure Majestät, wie Steuern zu Was­ser werden".

Dieser kluge Hofnarr soll auch gesagt haben, wenn Archimedes das Prinzip der „endlosen Schraube" nicht lchon erfunden hätte, würde der Steuerfiskus diese chm so nötige Erfindung sicherlich selbst gemacht haben.

H. St

Plötzlich war ihm, als ob sein Bewußtsein sich jäh auf einen einzigen Punkt konzentrierte. Er saß mit dem Rücken nach dem Waldrand gewendet, und ohne seine Stellung zu verändern, horchte er plötzlich auf. Er fühlte, daß in feiner Nähe irgendeine Veränderung vorgegangen war. Irgend etwas zwang ihn, atemlos aufzuhorchen. Der Wind mar lebhafter geworden. Er raschelte in den Büschen und bewegte die Baumwipfel.

Da horte er durch das Waldessaufen in dem wispern­den Chor noch etwas mehr . . . und zugleich wehte ihm ein kühler Hauch in den Nacken, der ihn wie ein lichter Schauer übertief.

Er vernahm eine Stimme.

War es Einbildung? Nein, er unterschied sie vom Säuseln des Abendwindes. Sie flüsterte Worte, die er vergeblich mit seinem Gehör zu erfassen strebte. Nun trat wieder Stille ein — unerträgliche, aufdringliche, war­nende Stille . . .

„. . . Erik Reynold . . .“

Er sprang empor. Sein Name mitten in diesem un­ausgesetzten Gewisper! Erst jetzt merkte er, wie tief die Dunkelheit sich auf ihn heradgesenkt hatte, und zugleich hatte er die deutliche Empfindung, daß irgend jemand ihn anftarrte.

„Wer ist da?" rief er aus. Keine Antwort! Vergeb­lich ging er am Waldrand entlang — drängte sich zwischen die Büsche. „Ist jemand hier?"

Nein, nichts! Alles still! Er riß die Kajütentür auf und strich drinnen ein Zündholz an. Der kleine Raum war leer.

Es begann sachte zu regnen. Kaum vermochte er den Rückweg zu finden. Er stolperte über Wurzeln und tastete sich an rauher Baumrinde weiter.

Wer war es, der durch Wind und Finsternis seinen Namen gerufen hatte? Er bemühte sich, nicht daran zu denken. Fing er denn an, den Verstand zu verlieren?

Jemand schreit.

I.

„Ich denke mir, daß Drakenborch heute nachmittag herüberkommen wird", sagte Reynold am nächsten Mor­gen beim Frühstück, und setzte dann in etwas unsicherem

geht, die die Mondphasen betrifft. Es handelt sich darum, ieftzuftellen, in welchem Jahre der 14. bezw. 15. Nisan auf einen Freitag fiel.

Die Juden bestimmten den Monatsanfang nach der Beobachtung des Neumondes. Sobald der erste Schein der neuen Sichel zu sehen war, galt dieser Tag als Mo­natserster, wobei die Tage genau von Sonnenuntergang bis Sonnenuntergang gerechnet wurden. Wenn nun bedeckter Himmel war. war die Beobachtung nicht mög­lich; dann lief der alte Monat bis zu einer gewissen Höchstzahl von Tagen weiter. Infolge dieser eigener' tigen Berechnung ist es heute sehr schwierig, mit astro­nomischen Hilfsmitteln zum Ziel zu kommen. Wenn man jedoch das Wettermoment unberücksichtigt läßt, läßt sich der Beginn des Monats Nisan für jene Jahre bestim­men, da sich die Sichtbarkeit des Mondes berechnen läßt. Im Jahre 30 nun waren besonders eigenartige Verhält­nisse; der Mond stand am 23. März dieses Jahres 9.5 Grad über dem Horizont — genau an der Grenz« der Sichtbarkeit. Es ist möglich, daß er beobachtet worden ist, es ist möglich, daß er nicht gesehen wurde. Und es ist daher denkbar, daß der damalige Monatsbeginn ver­schieden gerechnet wurde, da er von der mehr oder min­der scharfen Beobachtung abhing. Dies würde die Un- stimmigkeit zwischen dem Johannesevangelium und den Synoptikern nicht nur erklären, sondern sogar dafür sprechen, daß

dieses Jahr mit dem zweifelhaften IHonatebeglnn da, Todesjahr Christi war.

Dies stimmt auch zn der Angabe des Talmud, daß 40 Jahre vor Zerstörung des Tempels sich anläßlich eines Erdbebens wunderbare Zeichen im Tempel gezeigt hät- t«n, — die gleichen Zeichen, die nach dem Evangelium beim Tode Christi eintraten. Der Tempel wurde im Jahre 70 nach Christus zerstört. Hiernach wäre Chrfftus am 7 April des Jahres 30 gestorben.

Wfnn man du Angaben der Synoptiker unberück­sichtigt läßt und an dein 15. Nisan des Johannesevan- aelium fefthälit, bann kommt mir das Jahr 33 in Frage. In diesem Jahr traf der 15. Nisan auf einen Freitag. Hierauf hat sich, wie wir wohl annehmen dürfen, Dionysius gestützt. Er hat von dem Jahr 33 die drei Jahre Lehramt abgezogen, hat, obwohl Lukas ausdrücklich nur von „ungefähr 30 Jahren" spricht, ein genaues Alter von 30 Jahren am Beginn des Auftretens vorausgesetzt und ist so zu dem Jahre 1 als Geburtsjahr gekommen. Diese Berechnung, so plausibel sie klingt, bot jedoch, abgesehen davon, daß sie die Angaben der Synovtiker unberücksichtigt läßt, noch mit einer anderen Schwierigkeit zu kämpfen. Der König Herodes nämlich, der nach Christi Geburt den Bethlehemitifchen Kinder- mord verübte, ist bereits im Jahre 4 vor Christus ge­storben. Demnach kann Christus nicht erst im Jahr« 1 geboren fein! Dem Abt Dionysius stand dieses Datum nicht zur Verfügung, heute muß es jedoch als einwand­frei angefehen werden. Christus muß also spätestens im Jahre 4, wahrscheinlich aber noch früher, geboren sein. Wenn man nun aber annimmt, und andererseits an dem Jahr 33 als Todesjahr festhalten will, dann ergäbe sich für Christus bei seinem Tode ein Alter von 39 bis 40. bei seinem ersten Auftreten ein solches von 36 bis 37 Jahren — was mit der Angabe, er sei bei Beginn seines Lehramtes ungefähr 30 Jahre alt gewesen, kaum noch zu vereinen ist. So gewinnt also auch von diesem Gesichtspunkte aus gesehen, das Jahr 30 an Wahrschein­lichkeit.

Cs muß allo zugegeben werden, daß das nm de-s sich die Weltgeschichte dreht, nicht das richtige ist. Wir Menschen sind auch hierin der menschlichen Unvoll­kommenheit und Unzulänglichkeit zum Opfer gefallen. Einen absolut „richtigen" Kalender werden wir nie zu­wege bringen. Trotz aller Reformen. Ja, es besteht die Gefahr, daß wir bei dielen Reformen noch das wenig« Feststehende, das uns mit alten Zeiten verbindet, ver- lieren und vernichten. Wir haben gesehen, nichts von der Zeitrechnung der alten Volker ist von Bestand ge­wesen außer der Woche. Sie allein hat gedauert.

Von den älfeffen Zeiten bis heute sind die Wochen- tage einander ohne Störung gefolgt, eine ununter- brochene Reihe.

Keine Feststellung hmsichttich des Todesjahres Christi wäre uns möglich, wenn mir nicht die Angaben hätten, daß er an einem Freitag gestorben sei, und wenn diese uralte Tradition der Woche irgendwo einmal unter« Ton hinzu: „Sein Vorschlag ist höchst interessant — meint ihr das nicht auch?"

„O ja,," erwiderte Märta zögernd, „jedenfalls sehr ungewöhnlich".

Erik schwieg und verließ bald darauf bas Haus. Drau­ßen begegnete er bem Pächter unb bat ihn um Erlaubnis, mit feinem Motorboot ausfahren zu bürfen, was diesen veranlaßte, ihn bis an die Brücke zu begleiten.

„War jemand von Ihnen gestern abend an der Ka­jüte?" fragte Erik scheinbar beiläufig, indem er den Mo­tor in Gang setzte.

„Gott behüte!" Der Mann machte große Augen. „Da- hin geht keiner von uns nach Dunkelwerden. War ba roieber etwas los?"

„Nein, nein!" Erik bezwang ein Lachen. „Ich meinte, Stimmen zu hören, als ich dort spazieren ging, aber bi« klangen natürlich von irgendeinem Boot herüber. Auf Widersetzen!"

Er steuerte auf den Sund hinaus, unb als das emsig töffenbe Boot um einen Holm herumkam, zog er ein Kursbuch hervor unb begann barin zu studieren. Ja, um 9.51 kam in Rorrtälje ein Stockholmer Zug an. Der brachte sicherlich Zeitungen mit . . . unb nur um eine Zeitung war es ihm zu tun.

Es war bereits nach zwölf, als er die klein« Stabt er­reicht hatte unb fo viele verschiedene Zeitungen unterm Arm trug, wie es dort nur zu kaufen gab.

Aber sie enthielten nichts, was für ihn von Wert war. „Das Ensta-Rätfel noch ungelöst... die Polizei fetzt ihre Nachforschungen energisch fort . . . Man neigt immer mehr zu der Annahme, baß ber Täter ein — vielleicht in­ternationaler — Berufsverbrecher ist . . . Direktor Ha­ber selbst ist ber Ansicht, baß alles auf einem blutigen Streit zwischen Spritschmugglern beruht . . . ^ebenfalls werden die nächsten Tage wohl Aufklärung über die Identität des Toten bringen . . .“

Spät nachmittags kehrte Erik heim. Märta faß un­ter ber Linbe unb putzte Stachelbeeren, und er sank er­müdet neben ihr auf ber Bank nieber.

„Du bist gesegelt?" fragt sie nach einer Welle. „Nein, der Pächter hat mir jein Motorboot geborgt.

NasZahr. um das sich dreWelkgeschichle dreht

Neue Forschungen über das Geburks- und Todesjahr Christ?. — An die Kalender- reformer: Hände weg von der uralten Tradition der Woche!

Rund em Jahrtausend hat es gebraucht, bis sich die Menschheit di« handliche unb praktische Form der heu­tigen Zeitrechnung geschaffen hatte, bi« bas Geburtsjahr Christi, den Beginn der neuen, erlösten WeÄ, zum Angelpunkt macht und von ihm aus rückwärts bezw. vorwärts zählt. So einfach und selbstverständlich uns diese Zeitrechnung heute anrmitet. es bleibt deshalb nicht minder wahr, daß sie eine geniale Erfindung ist. Was uns ohne sie hinsichtlich der Zeitbestimmung blühen könnte, darüber gibt der Wirrwar, ber im Altertum herrschte, genügend Aufschluß. Fast jedes Volk hatte seine eigene Zeitrechnung, ja zuweilen bestanden im gleichen Volke mehrere nebeneinander. Die Römer rech­neten von der Gründung Roms, sie rechneten nach den Konsuln bezw. Kaisern. Eine besondere Bedeutung ge­wann unter diesen wieder ber Kaiser D i ostet i an. nach dem die Diokletianffche Aera rechnet, die die Christen mit Vorliebe anwandten, die sie jedoch „Aera ber Mär­tyrer" nannten. Im Orient waren hauptsächlich die Alexandrinische Aera, di« willkürlich mit dem Jahre 30 vor Christus begann, und die Byzantinische Aera im Gebrauch. Daneben wurden allerhand wichtige Ereignisse zu Zwecken der Zeitbestimmung benutzt.

Es war eine erlösende Tat, als der Papst hn Jahre 525 dem Abt Dionysius Exiguus den Auftrag gab. diesem Wirrwar ein Ende zu bereiten und das Geburts­jahr Christi als Beginn einer neuen, einheitlichen Zeit­rechnung festzufetzen. „Ab incarnatione Domini" sollte fortan die Zeit rechnen. Ader es dauerte noch Jahr­hunderte. ehe sich diese christliche Aera durchsetzte. In Deutschland wurde sie erst durch Karl den Großen einge» sührt,. in England durch den gelehrten Mönch und Schriftsteller Beda, der im 8. Jahrhundert lebte. Auf den Gedanken, diese Zeitrechnung mittels Rückwärts­zählung auch auf die Zeit vor Christus anzuwenden. kam man erst zu Beginn der Neuzeit.

Aber nun erhebt sich die Frage: Hat Dionysius Cxi- guus hn 6. Jahrhundert das Geburtsjahr Christi richtig angesetzt? Hatte er die Möglichkeit, es einwandfrei festzustellen?

Wenn heutzutage Ereignisie von Bedeutung geschehen, sit die genaue Datierung derselben die erste Sorge. Cs ist jedoch unverkennbar, daß die Zeitgenossen Christi, vor allem die Apostel, auf die genaue Fixierung der Daten des Lebens Christi kein größeres Gewicht gelegt haben, was sich aus den damaligen Verhältnissen auch ganz ungezwungen erklärt. Di« geschilderte große Mcinigfaltigkeit in der Zeitrechnung, deren Wirrwar noch dadurch gefteigert wurde, daß jede Zeitrechnung einen anderen Jahresbeginn und andere Monate hatte, hätte ja auch jede Bemühung ill'.lsorisch gemacht, zumal die jüdische Zeitrechnung von den anderen stark abwich;

ihre Monate waren verschieden lang und wurden von Fall zu Fall bestimmt. Dionysius Exiguus konnte fick, demnach auf keine Tradition stützen, er war bei feinen Forschungen auf die gleichen spärlichen Unterlagen an­wiesen, wie sie uns heute zur Verfügung stehen.

Schon der berühmte Astronom Kepler hat die Ver­mutung ausgesprochen, daß Dionysius sich geirrt habe und bie Geburt Christi um sieben Jahre zu spät ange­setzt habe. Er ging hierbei von astronomischen Erwä­gungen aus; die wunderbaren Sternerscheinungen bei der Geburt glaubte er auf die Konjunktion der Planeten Jupiter und Saturn zurückf'ihren zu sollen, di« im Jahre 7 vor Christus stattfand. Wie man sogleich erkennt geht dies über eine Hypothese nicht hinaus, aber die Frage ist seitdem nicht zur Ruhe gekommen, und soeben ist sie von bem Astronomen Gerhardt wieder auf gegriffen worden und in einer 25 Seiten langen, sehr ausführ­lichen Abhandlung in den „Astronomischen Nachrichten" neu behandelt worden, und zwar unter Hinzuziehung neuer Gesichtspunkte, die aus heutigen astronomischen Erkenntnissen geworden sind. Die Sternerfehemungen, in denen andere im Gegensatz zu Kepler Kometener« scheimmgen oder das Aufflammen einer sogenannten Nova gesehen haben, spielen hierbei jedoch keine Rolle mehr, da sie zu wenig Anhaltspunkt« bieten.

Das Geburtsjahr Christi kann nicht für sich allein betrachtet werden, es mufj mit dem Todesjahr in Be­ziehung gesetzt werden; die Beziehung, die zwischen ihnen besteht, ist die, daß Christus bei seinem Auftreten nach dem Lukasevangelium etwa 30 Jahre alt war und daß fein Wirken drei Jahre umfaßte. Er muß also im Alter von 32 bis 35 Jahren gekreuzigt wurden fein. Für den Beginn feines Lehramtes ist die Angabe wichtig, daß Johannes, ber ihn ja unmittelbar vorher taufte, mi Jahre 15 der Regierung des Kaisers Tiberius aufge« treten fei. Die Angabe des hl. Lukas ist die einzige ganz bestimmte Zeitangabe, bie vorhanden ist. Leider ist ihr Wert dadurch gemindert, daß Tiberius erst zwei Jahre als Mitregent, dann als Alleinregent regierte, und mir nicht wissen, von wann an die Zeitangabe des Evan­gelisten zu verstehen ist; jenachdem trifft sie auf das Jahr 26=27 ober 28-29 nach Chrfftus zu (bie Jahranfänge stim­men nicht mit den heutigen überein). Christus kann also frühestens im Jahre 27 aufgetreten und im Jahre 30 gestorben fein.

Nun ist nach den Synoptikern am Freitag, den 15. Nisan, nach dem Johannesevangelium am Freitag, den 14 Nisan gestorben. Diese Unstimmigkeit ist es beson­ders, die bisher zu verschiedenen Berechnungen geführt bat, nach Gerhardt läßt sie sich jedoch erklären und lasten sich beide Angaben miteinander vereinen, wobei Ger­hardt von einer neuen astronomischen Beobachtung aus»