Begebenheiten
«indeaburg auf der Auloschau.
Berlin, 21. Sehr. (Eig. Meld.) Reichspräsident Hindenburg traf heute vormittag gegen 10 Uhr m von Nationalen Automobilausstellum ein, herzlich der w« ciner tausendköpfigen Menschenmenge. b«SE b Reichspräsident, der sich in Begleitung des Vers Meißner und seines Adjutanten, E^rktleutnant von Hindenburg, befand, unter dem 2y,,lf»uer der Photographen und Kinooperateure einen s fh nnn Lorbeerbäumen durchschritten hatte, wurde er ^M^Bräsidenten vom Reichsverband der deutschen Auto- yDIhifintiuftrie Dr. Almas und führenden Männern der «s.iftrie wie Bosch, Opel und Reichstein empfangen. Der ä.'*Lnräfibent schritt dann von Stand zu Stand, um ÄÄn&e Me Fortschritte der deutschen Auto- «Mfinäuftric zeigen und erklären zu lassen. Ueberall wurde er vom Publikum ehrfurchtsvoll begrüßt.
Eine kreissparkasse beraubt.
Die Räuber mit der Beute entkommen.
E N. B. Berlin, 21. Febr. (Eig. Meld.) Mit vorge- «.„ft-nen Revolvern drangen am Samstagsrüh gegen 8/S mirxtnei junge Burschen in die Zweigstelle der Kre.s- tiarfafie des Kreises Niederbarnim in Hohenneuedorf ein. L- erbeuteten etwa 3000 M k. und entkamen * t einem Auto. Der Ueberfall hatte nur wenige Minu- in Anspruch genommen. Dadurch, daß die Räuber «Mit aeschossen haben und ihre Kommandos aneinander Ä zuriefen, konnte es geschehen, daß Leute, die im Nebenzimmer waren, von dem ganzen Norf all nichts merkten. Die Räuber hatten nicht für nötig gehalten, sich zu maskieren.
Aufsehenerregende Verhaftung
wtb. Stuttgart 21. Febr. (Eig. Meld.) Dr Friedrich Wolf der bekannte Stuttgarter Arzt und Schriftstsl- l-r der Verfasser des gegen den Abtreibungsparagraphen berichteten Stückes „Zyankali", ist vorgestern wegen Nerbrechens nach § 218 verhaftet worden, -b-nso die Stuttgarter Fachärztin für Hautkrankheiten, Krau Dr. Else Jacobowitz-Kienle. Die Vertei. diauna der beiden haben Dr. Elsa-Stuttgart und Dr. Ap- kel-Berlin übernommen. Die Verhaftung Dr. Wolfs wurde vorgestern abend in seiner Wohnung m Stutt- «art, die der Aerztin am gestrigen Tage vorgenommen. Der Fall erregt überall großes Aufsehen, da Friedrich Wolf einer der Hauptagitatoren im Kampfe gegen den Abtreibungsparagraphen im deutschen Strafgesetzbuch ist.
aus aller Well.
politische Ausschreitungen.
wtb. Neumünster, 21. Febr. (Eig. Meld.) Als nach einer gestern abend abgehaltenen n a t i o - nalsozialistischen Versammlung die auswärtigen S. A. Mitglieder in 6 Lastkraftwagen die Stadt verlassen wollten, wurden sie auf der Straße von einer großen Menschenmenge mit Schmährufen empfangen. Die Polizei räumte das ganze Stadtzentrum unter Anwendung des Gummiknüppels. Es gab zahlreiche Leichtverletzte. Ein an den Ausschreitungen unbeteiligter Maurer wurde durch einen Steinwurf erheblich verletzt und mußte dem Krankenhaus zugeführt werden. Bei Räumung der Gänge zwischen den Häusern sind mehrfach Polizeibeamte angegriffen, mißhandelt und zu Boden geschlagen worden.
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In Charlottenburg fand am Freitag abend eine Versammlung des Wi ndthorst- b u n d e s statt, die durch Nationalsozia- l i st e n g e st ö r t wurde. Als die Ruhestörer aus dem Saal gewiesen wurden, kam es zu einer Schlägerei. Daraufhin griff die Polizei ein und entfernte acht Nationalsozialisten unter Gebrauch des Gummiknüppels aus dem Saal. Die Ruhestörer wurden der Abteilung la übergeben. Die Versammlung verlief dann ohne Störungen.
* Neue Tumulte um das „Flötenkonzert". Im Lichtspieltheater Colosseum in Berlin läuft zur Zeit, wie in anderen Theatern, das „Flötenkonzert von Sanssoucie". Gegen Abend sammelten sich am Freitag viele, meist jugendliche Personen vor dem Theater an, und gegen 19.30 Uhr war die Menschenmenge auf etwa 2000 Köpfe angewachsen. Die Polizei mußte wiederholt gegen die Menge vorgehen, da sie versuchte, in das Kino einzudringen. Gegen den Eingang des Theaters wurden Eier geworfen, und man hörte Nieder-Rufe auf den Film. Im Kino selbst herrschte bis gegen 21 Uhr Ruhe. Dann setzten auch da Störungen ein. Die Vorführung wurde durch Zwischenrufe unterbrochen, und schließlich warfen einige Personen Stinkbomben.
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Wahnsinniger schießt mit selbstgebanter Kanone.
Das selbstgebaute Kleinkalibergeschütz des Ingenieurs Lauktien. Oben rechts: Das „Firmenschild" des Erfinders vor seinem Hause.
Sn Berlin schoß ein Geisteskranker mit einer selbstgebauten Kanone auf die umliegenden Häuser, angeblich um die Behörden auf seine Erfindung aufmerksam zu machen.
Das Berliner Polizeipräsidium wird über die Affäre hem preußischen Innenministerium einen sehr ausführlichen Bericht erstatten, der sich vor allem mit der Tatsache beschäftigen wird, daß der Geisteskranke sich alle notwendigen Einzelteile für seine Konstruktion und auch das Pulver für die Geschosse ohne jede Beschränkung im Handelswege ver sch affen konnte. Es ist bekanntlich inzwischen festgestellt worden, daß
er sich das Rohr seines „Geschützes" im rohen Zustande bei einer Stahlrohrfirma besorgt hat und daß er es bei einer Waffenfabrik nach seinen eigenen Angaben entsprechend bohren ließ. Nach Auffassung der Polizei bestehen hier bedauerliche Lücken in der Waffengesetzgebung, wie auch in den Bestimmungen über den Handel mit Schießpulver.
I Die Polizei nahm 21 männliche und eine weibliche Person fest. In der zehnten Abendstunde kam es von neuem zu starken Ansammlungen vor dem Colosseum, die mehrfach durch Schutzpolizei mit dem Gummiknüppel auseinandergetrieben wurden. Ein Polizeiwachtmeister wurde von einem bisher unbekannten Täter durch einen Stich in die rechte Schulter verletzt.
♦ Aus Gram über die Auktion auf Schloß Glienicke gestorben. Der 84 Jahre alte Haushofmeister des Prinzen Friedrich Leopold, Conrad Mendel, ist in seinem Zimmer im Schloß Glie
nicke aus Gram über die Auflösung des alten Fürstensitzes gestorben. Der seit 56 Jahren im Dienste der prinzlichen Familie stehende Mann hatte schon vor Wochen geäußert, daß er die Auktion der Möbel und Wertschachen nicht überleben würde. In den letzten Tagen hatte ihn eine Grippe auf das Krankenlagen geworfen. Die Aufregung über die vielen fremden Menschen, die sich in den letzten Tagen in dem Schloß einfanden und über den Abtranhport von Wertsachen gab am Donnerstagnachmittag dem alten Mann den Todesstoß.
Fuldaer Land und Nachbargebiet
Wir muffen mach und bereit fein.
— Giesel (Kr. Fulda). Der Gau Fulda der W! n d t- horstbünde hielt am Donnerstag abend im Saale der Gastwirtschaft Robert Schnell einen von Burschen und Mädchen sehr gut besuchten politischen Ausspracheabend ab. Der Gauführer des Gaues Fulda war mit einigen Bundesbrüdern mit dem Fahrrad aus Fulda herüberge- tommcn und wies in allgemein verständlichen Ausführungen auf die Notwendigkeit hin, daß sich jeder junge Deutsche von der heute herrschenden Phrase lossage und versuche, die politische W i r k l i ch k e i t zu erkennen. Diese sieht anders aus, als sie in radikalen Versammlungen geschildert wird. Nicht nur durch nationale Worte kann Deutschland und das deutsche Volk aus der Not geführt werden, sondern durch nationales Handeln. National handeln aber nicht diejenigen, die als „nationale Opposition" gegen den Staat Hetzen und das Vertrauen zur deutschen Wirtschaft im In- und Ausland untergraben. Nicht durch neue Unruhen kann Arbeit und Brot geschaffen werden, nicht durch ein Zaubermittel kann die wirtschaftliche Krise beseitigt werden, sondern durch die Durchführung der Reformen, wie sie ein national handelnder Mann wie der Frontkämpfer Brüning in Angriff genommen hat, und durch die Mitarbeit jedes einzelnen. Die besonnenen und vaterlandsliebenden deutschen Menschen müssen sich um Brüning scharen als festen Block, an dem die Radikalen scheitern. Ein Kampf um den deutschen Volksstaat ist entbrannt. Das Volk darf nicht so blind fein, sich ein System aufdrängen zu lassen, das die breiten Massen rechtlos machen will. Es ist nicht wahr, daß die Männer, die in der Nachkriegszeit die Verantwortung übernahmen, Verbrecher und Verräter sind . Sie übernahmen ja nur die Konkursmasse der Herrschaften, die uns bis zum Zusammenbruch führten und heute wieder Morgenluft wittern. Und doch ist erreicht worden, daß der Zerfall des Reiches verhütet und der Wiederaufbau des Staates gegen alle äußeren und inneren Feinde begonnen werden konnte . Es ist an der Zeit, den Radikalen entschieden die Stirne zu bieten und zur Rettung des Staates und zur Linderung der Volksnot die notwendigen Maßnahmen entschlossen durchzuführen. Die Parole der kath. Jungmannschaft heißt: Mit Brüning gegen den Radikalismus und für die Rettung des Vaterlandes. An die Ansprache schloß sich eine längere, durchaus sachlich geführte Aussprache. Die Versammlung war umrahmt von exakt vorgetragenen musikalischen Darbietungen des Musikoereins „Heimatklänge" unter Leitung von Kapellmeister Karl Schützer.
Beifpielsroirtfdiaffen im fireife Schlüchtern.
— Schlüchtern. Unter Mitwirkung der Landwirt- fchaftskammer, des Kreises und der Landwirtschaftsschule sollen im Kreise Schlüchtern verschiedene Beispiels- Wirtschaften eingerichtet werden. Zweck der Einrichtung ist die Schaffung von Betrieben mit neuzeitlicher Bewirtschaftung, wobei die Steigerung der Rentabilität das Hauptziel fein soll. Gleichzeitig sollen in diesen Betrieben, welche im Mitetlpunkte bestimmter Bo
den- und Klimaverhältnisse einzurichten sind, Erfahrungen gesammelt und den unter den gleichen Verhältnissen wirtschaftenden Landwirten zugänglich gemacht werden. Es sind im Ganzen 3—5 Beispielswirtschaften vorgesehen, nämlich eine für den Vogelsberg, eine weitere für den Kinziggrund, eine dritte für die Verhältnisse des östlichen Kreisteils und eine vierte für die Bezirke mit leichtem Boden. Für die Einrichtung einer Beispielswirtschaft kommen nur solche Betriebe in Frage, deren Betriebsleiter den zu stellenden Anforderungen gewachsen sind. Der Betrieb selbst braucht nicht wesentlich über dem Durchschnitt zu liegen. Nähere Auskunft über die Einrichtung ufro. erteilt die Landwirtschaftsschule und Wirt- schaftsberatungsstelle in Schlüchtern, bei der auch Anträge auf Einrichtung einer Beispielswirtschaft zu stellen sind.
Stillegungsantrag der Hanauer Kleinbahn.
— Hanau. Kürzlich fanden hier mit den beteiligten Stellen (Kreis, Gemeinden, Bezirksverbänden und Aufsichtsbehörden) Verhandlungen statt, ob man die Hanauer Kleinbahn Gesellschaft 21. G. in die öffentliche Hand übernehmen und weiterbetreiben solle. Diese Verhandlungen sind ohne Ergebnis verlaufen. Wie der LPD hört, hat die Verwaltung nunmehr beim Regierungspräsidenten in Kassel beantragt, sie von der Betriebspflicht zu entbinden.
Aus Oberhessen.
— Wetter (Bez. Kassel). Der Stadtrechner von Wetter hat bei der Marburger Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren gegen fich beantragt. Sein Vorgehen steht im Zusammenhang mit den in letzter Zeit in der „Hessischen Volksmacht" in Kassel erschienenen Artikeln, in denen an der städtischen Verwaltung, insbesondere an Bürgermeister und Stadtrechner, scharfe Kritik geübt wurde.
Neues aus Frankfurt.
— Defraudant Becker noch im Lande! Wie wir aus sicherer Quelle erfahren, soll sich der vor zehn Tagen geflüchtete Buchhalter Karl Wilhelm Becker noch in der Umgebung Frankfurts aufhalten. Personen, die ihn genau kennen, aber von seinen Unterschlagungen nichts wußten, haben ihn am letzten Dienstag noch im Taunus gesehen. — Die Summe, die Becker der alten Dame unterschlagen hat, beträgt nach Mitteilungen der Bank 102 000 RM.
— Bad Ems. Im benachbarten Bergdorf Becheln brachte ein Mutterschwein die ungewöhnlich hohe Anzahl von 26 lebendigen Ferkeln zur Welt. Leider gelang es aber nur wenige Tage, alle Tierchen mit Flaschennahrung am Leben zu erhalten. 14 sind inzwischen eingegangen.
Aus bet Thüringische« Rhön.
Aus Geisa und Umgebung.
Schneemassen im Thüringer Wald.
Aus Ilmenau wird gemeldet: Seit Jahren ist auf dem Thüringer Wald der Schneefall nicht so stark gewesen wie in diesen Februartagen Im Höhenlustkurort Frauenwald findet man haushohe Schneewehen. Dort mußte bereits vorige Woche die Kleinbahn Frauenwald— Rennsteig für einige Tage den Betrieb einstellen. Sie blieb neuerdings wieder im Schnee stecken Die Frühzüge der Strecke Stützerbachs—Schleusingen konnten sich ebenfalls infolge der fortdauernden Schneefälle zwischen den Stationen Rennsteig und Schmiedefeld keinen Weg durch den Neuschnee bahnen. Erst als weitere Maschinen herangeholt wurden, war es möglich, die Züge in dem bis an die Trittbretter reichenden Schnee vorwärts zu bringen. Alle Züge hatten Verspätungen von durchschnittlich eineinhalb Stunden. Die Reisenden mußten zum Teil wieder umkehren oder konnten nur mit großem Aufenthalt die Fahrt fortsetzen.
..leine Nachrichten.
Bei Naumburg schossen gegen Abend zwei Handwerksburschen, die in Leislau bei Camburg
gebettelt hatten, auf den Leislauer Schmiedemeister, der auf seinem Motorrad nach Naumburg fuhr. Er wurde jedoch nicht verletzt. Die Täter konnten entkommen.
Nachts wurde in der Verkaufsstelle des Ein- kaussvereins Dorndorf eingebrochen. Die Diebe erbrachen alle Räume und ließen für etwa 1000 Mark Waren aller Att mitgehen.
Ein in Eisenach weilender englischer Industrieller übergab Oberbürgermeister Dr. Janson einen namhaften Geldbetrag für Wohlfahrtszwecke.
In den nächsten Tagen wird eine Staffel Lan- despolizel von 20 Mann nach Altenburg gelegt werden. Die Verlegung der Polizeistaffel nach Altenburg erfolgt vor allem, um den Dersamm- lnngsschutz und den Schutz der Arbeitswilligen zu gewährleisten.
Ein verwegener Einbruch wurde in der vergangenen Nacht in ein Gut bei Mühlhausen verübt. Die Einbrecher drangen in eine Hühnerfarm ein, schlachteten an Ort und Stelle 250 bis 300 Leghornhühner ab und nahmen sie mit. Die raffinierten Diebe haben vor dem Einbruch den Wachhund des Gutes vergiftet und sind mit ihrer Beute im Auto davongefahren.
Rolande wird gellebk
Roman von Pierre L'Ermite
Autorisierte Uebersetzung aus dem Französischen von Thea Kara.
Copyright by Karl Köhler u. Co., Berlin-Zehlendorf.
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Drittes Kapitel.
Peniapon, der nicht nur Philosoph, sondern auch Psy- ^ologe war, rupfte das Gras am Grabenrande aus, ganz Üufrieben leistete er-einer Kuh Gesellschaft, die sich derselben Beschäftigung hingab.
Er beeilte sich durchaus nicht, er weidete wie ein Esel, der weiß, daß er genügend Zeit hat.
In der Tat, die Unterhaltung der jungen Leute schien sch in die Länge zu ziehen. In Noirmoutier ist man Niemals eilig. Warum sollte man? Der Salon sind die Felder, an Unterhaltungsstoff mangelt es nie.
„Was gibt es Neues in der Stadt?" fragte Fllbert.
„D, eine ganz große Neuigkeit! Denke dir nur, von Paris ist ein Abbe gekommen, nein, zwei Abbes . . ., sie haben die alte „Krabbe" gekauft.
„Die alte Krabbe?"
Fllbert stützt sich auf seinen Spaten und schiebt die Matrosenmütze auf die Stirn ...
„Wo ist die alte „Krabbe"?"
«Ganz nahe bei unferm Haus — das große, alte Haus bn der Ecke der Straße. Kennst du es nicht? Das Haus Neben der Burg — Du weißt doch, wo die Peaus wohnen? — In der kleinen Straße, wo der Steuerempfänger wohnt?"
_ „Ja, nun weiß ich es. Das ist allerdings in eurer Nächsten Nähe. Was wollen die mit dem großen, alten Haus machen?
„Eine Ferienkolonie für junge Pariser."
„Schon bald?"
„Vorn nächsten Monat an."
Fllbert nahm feine Mütze ab und fuhr mit der Hand bnrch fein dichtes, schwarzes Haar.
»Das ist keine angenehme Nachricht."
»Warum? Das wird in unser Gäßchen ein wenig bringen. Tante Cäcilie ist ganz entzückt."
„Ich bin weniger entzückt darüber. Ich stimme mit unserem alten Bürgermeister überein: „Einige Fremde sind notwendig, aber zu viel ist vom UebeL" Unsere Insel soll unsere Insel bleiben. Sie ist schön, so wie sie Gott für uns geschaffen hat. Erinnerst du dich noch, Rolande, als wir vor zehn Jahren zusammen zur Schule gingen? Da sah man vom Damm bis nach Vieil nur einige Häuser. Heute wird überall gebaut, überall wird man behindert. Bäume werden gefällt, um Tennisplätze anzulegen. Stacheldrähte werden gezogen, wir können uns nicht mehr frei bewegen. Ich kann nicht mehr den Fußpfad benützen, der mir eine halbe Stunde Umweg erspart, und den ich immer benützt habe. Man spricht sogar davon, den Sandweg, der von Noirmoutier nach Vieil und La Blanche führt, pflastern zu lassen. Wenn das geschieht, werden wir uns vor den Autos nicht mehr retten können. Wo ein Auto erscheint, hört alle Poesie auf."
„Hier handelt es sich ja nicht um ein neues Haus. Ein altes, verlassenes Haus wird wieder zu neuem Leben erweckt werden."
„Ich weiß wohl, aber siehst du, Rolande, es ist trotzdem schlechte Nachricht."
„Du darfst auch nicht egoistisch fein, Fllbert. Gönne doch den armen Parisern einen Monat lang die herrliche Luft, die wir das ganze Jahr hindurch genießen können."
„Die meisten dieser Pariser sind Zugezogene oder die Söhne von Zugezogenen. Sie sind degeneriert, tuberkulös . . . Warum sind sie in die Großstadt gekommen? Warum bleiben sie darin?"
„,2er Rückweg ist nicht immer leicht zu finden. Du siehst ja, sie wollen gar nicht immer in Paris bleiben, sie wollen jetzt zu uns kommen."
„Um sich zu amüsieren. Keiner wird auch nur einen Finger rühren wollen. Du kannst dich darauf verlassen! Also einen ganzen Monat lang werden die nun in eurer nächsten Nähe wohnen?"
„Selbstverständlich!"
„Was für eine Sorte werden diese Pariser sein?" „O, dem Anscheine nach alles bessere, junge Leute." „Du wirst sie jeden Tag sehen . . .?"
„Nein, — aber Fllbert —? Du kannst doch unmöglich eifersüchtig sein--?"
„Nein, ich bin nicht eifersüchtig. Ich hasse die Eifersucht, sie erniedrigt den Menschen. Aber wenn man liebt, hat man immer ein wenig — nun jagen wir — man hat
ein wenig Furcht. Besonders ich, der ich immer das Herz auf der Zunge trage--frei von meiner Liebe spreche,
einem jungen Mädchen gegenüber, das immer so beherrscht, so zurückhaltend, so schweigsam ist . . . Kennst du das junge Mädchen, Rolande?"
Rolande senkt die Augen, sie bückt sich, hebt etwas Kartoffelkraut auf, bann sieht sie ihn an:
„Bei einem jungen Mädchen ist das doch etwas anderes!"
„Wenn ich nur die Gewißheit hätte . . .?"
„Nun, ich denke--nach allem könntest du ein
wenig Vertrauen haben!"
„Ja, ein wenig--das heißt, ich bin unter deine
Bewerber eingereiht, ich habe ebensoviel Aussicht wie ein anderer. Gestehe, Rolande, das ist nicht viel?"
Fllbert lachte bitter auf.
„Ich hatte auf so viel mehr gehofft!"
Ein peinliches Schweigen trat ein:
„Apropos, warum willst du heute so viel Hummern haben?"
„Zur Hochzeit des jungen Gendron. Ich werde morgen Brautjungfer fein."
„Wer ist dein Brautführer?"
„Du kennst ihn nicht. O, er ist mir sehr gleichgültig."
Fllbert ergriff zärtlich die Hand des jungen Mädchens und sagte leise: *
„Die Hochzeit des jungen Gedron, — Rolande, meine liebe Rolande, wann wird unsere Hochzeit {ein?"
Mit einer ausweichenden Bewegung zog Rolande ihre Hand zurück.
„Meine liebe Rolande, wann wird unsere Hochzeit fein . . .?"
In diesem kritischen Augenblick kam Pentapon -feiner Herrin zu Hilfe, er sprang über den Graben, den Sßagen hinter sich herziehend. Ein prächtiges Maisfeld hatte ihn unwiderstehlich angezogen, die saftigen, zarten Maiskolben schienen ihm viel begehrenswerter als das Gras am Grabenrand.
Rolande mußte zuspringen, um einen Flurschaden zu verhindern und das Tier auf den Weg der Pflicht zurückzuführen.
Auf der Landstraße angekommen, verabschiedete sie sich von Fllbert mit einem Blick und einer Bewegung, i aus denen er ein wenig Liebe, ein wenig Hoffnung, aber | nichts Bestimmtes entnehmen konnte
„Nach allem," sagte sie sich, Pentapon mit einem leichten Peitschenschlag zu einem kleinen Galopp anfeuernd, „ein junges Mädchen ist ein junges Mädchen — ich weiß, was ich habe . . . Was würde Tante Cäcilie sagen, wenn ich ohne alles Weitere Ja sagen wollte. Es ist keine Kleinigkeit dieses „Ja"! Das ist für das ganze Leben."
Träumerisch blickten die von schwarzen Wimpern umsäumten Augen Rolandes in die Ferne.
Sie sah auf den Ozean, der in seiner Unendlichkeit vor ihr lag; er schien den Himmel zu berühren.
. Für das ganze Leben--? Ja, gewiß! Das
"Leben ist so lang!"---
Viertes Kapitel.
Am Abend dieses Tages war Pentapon nicht zufrieden! — O, aber ganz und gar nicht.
Der Kummer fraß an feinem tief verletzten Eselsherzen.
Man denke! Seine Herrin hatte den ganzen Tag in Herbaudiere zugebracht. Anstatt feines guten Futters, bestehend aus Hafer und dem guten Kleietrank, den er fo sehr liebte, besonders wenn er alles in Ruhe in feinem schönen Stall verzehren konnte, stand der arme Pentapon eingespannt, das Geschirr auf dem Rücken, in der einzigen Straße von Herbaudiere in vollem Zugwind, angebunden an einen Zaun. Vor sich hatte er ein elendes Bündel Heu und einige alte Brotkrusten, die seine Herrin ihm großmütig hingeworfen hatte.
Aber, was ihn besonders kränkte, anstatt auf der grasten Landstraße zurückzufahren, wo der Wagen fast von selbst rollt, schlug seine Herrin den Sandweg ein, der am Meer entlang führt, wo die Räder einen halben Meter tief in den Sand versinken. Diese Straße ist der Tod aller Esel.
Rolande stieg noch nicht einmal ab. In ihre Träumereien versunken, blieb sie auf dem Wagen sitzen, während der arme Pentapon sich abmühen mußte, um das Fräulein samt ihren Träumen und ihrer Liebe fortzubringen. —
Ja, auch noch mit der Liebe!--
Wenn man auch ein Esel ist und einen dummen Namen trägt, man hat doch Augen im Kopfe. Man beobachtet und versteht, — besonders solche Sachen.
(Fortsetzung folgt)