Irr. 40
Beilage zur Fuldaer Zeitung
IS. Februar
Dors im Winter.
Die Dächer Hügeln sich verschneit zusammen, Und halten eine warme Wolke
Von Kien und Rauch, von Fleisch und Brot behüte! Und goldig aus den Fensterscheiben Licht brechen in das graue Einerlei, Darin die Weiden geistern und die Brunnen Wie Ketten klirren uild die Kufen knarren. Wenn bärtig aus dem hohlen Wald Holzknechte blutige Stämme fahren. In deren Leib die blaue Axt Steckt, ein gefrorner Blitz.
Friedrich Dem I.*)
*) Entnommen aus: „Neue katholische Dichtung", gesammelt von Martin Rockenbach. 8°. 182 und 32 Seiten. Leinen Mk. 7.50. Verlag Joses Küsel u. Friedrich Pustet, München.
Vor dem Sturm!
Wir leben zwar im Fasching. Die Menschen versuchen, obwohl es manchen schwer fällt, den Alltag zu vergessen. Prinz Karneval hat größeren Zulauf als politische Veranstaltungen, mögen sie auch noch so marktschreierisch verkündet werden. Die große Mehrzahl vergißt wenigstens für einige Tage den politischen Hader und denkt zur Abwechselung an alles andere als an den politischen Haß, der in den Massen von geschickten Leuten großgezogen worden ist.
Lassen wir uns durch den Fasching aber nicht täuschen. Wir stehen vor einem schweren Kampf. Ueberall wird geschürt, überall werden die Gehirne vernebelt, um die Menschen leichter zu unbesonnenen Taten mitreißen zu können. Die „nationale Opposition" glaubt das Volk in der „Aschermittwochsstimmung" umso leichter auf ihre Seite zu bringen, und die Kommunisten hoffen, am Ende der lachende Dritte sein zu können.
Man kennt ja die Leute, die sich zur „nationalen Opposition" rechnen, zur Genüge. Diese Herrschaften sind in unseren Augen alles andere als „n a t i o n a l". — Sie sind engstirnige Parteimenschen, die meist nur deshalb der deutschen Republik feindlich gegenüber stehen, weil in ihr die „Ultramontanen" auch ein wenig Geltung haben. Wir Katholiken sollten endlich merken, daß sich ein Sturm gegen uns vorbereitet. Die „Schwarzen" müssen aus Berlin verschwinden. Die gläubigen Katholiken sind in den Augen der „Nationalisten" keine Deutschen, sondern ein verdächtiges Pack, das niedergehalten werden muß, wenn Deutschland wieder groß werden soll. Es lebt m vielen Menschen ein Katho- likenhaß, den wir kaum begreifen können. Bezeichnend ist z. B., daß der völkische Redner Wulle im Evangelischen Gemeindehaus nur Beifall bekam, als er gegen Rom hetzte.
Wir sollten uns diese Zeichen merken, nicht um Vergeltung zu üben; im Gegenteil, wir Katholiken müssen so
deutsch empfinden, daß wir auch den uns verständnislos und feindlich entgegen tretenden Menschen als deutschen Volksgenossen achten. Wir glauben nämlich daran, daß wahre Liebe zu Volk und Vaterland stärker ist als der Haß der anderen. Aber mir müssen verhüten, daß der deutsche Katholizismus wieder ohnmächtig wird. Wir Jungen dürfen uns nicht durch nationale Phrasen von unseren Führern weglocken lassen.
Meist ist es so, daß der Katholizismus immer erst dann aufwacht, wenn eine Gefahr riesengroß geworden, wenn es fast zu spät ist. Soll es auch mit dem politischen Katholizismus in Deutschland wieder so gehen? Muß es so weit kommen, daß uns jeder Dummkopf verhöhnen zu dürfen glaubt. Bilden mir rechtzeitig eine Front, die nicht nur zur Abwehr, sondern auch zum Angriff bereit ist. Wir kämpfen ja nicht nur um unser Recht, sondern wir kämpfen um die Vorbedingungen einer wahren deutschen Volksgemeinschaft.' Es kann kein Friede in Deutschland werden, wenn Leute in Deutschland ans Ruder kommen, die nicht einsehen können und wollen, daß auch romtreue Katholiken ebenso gute Deutsche sind als die „nordischen" Altpreußen. Preußen hat seine geschichtliche Mission in Deutschland erfüllt, wir müssen endlich zum großdeut- s ch e n Reich kommen.
Wir vom Windthorstbund rufen deshalb allen jungen Katholiken zu: Schart Euch zusammen. Laßt Euch durch die Gegner nicht verwirren. An unserer jungen Volksfront müssen der Haß und die Diktaturgelüste der Radikalen zerschellen. Nur wenn wir Katholiken den „schwarzen Block" bilden, können wir den Bruderkamps in Deutschland verhüten. Das ist unsere Aufgabe.
Unser Bekenntnis sei:
Wir stellen uns schützend vor den deutschen Volks- staatl
Wir kämpfen gegen Diktatur und rohe Ge- walt!
Wir bekämpfen die fluchwürdige Derhetzung, die unser Volk mit den Mitteln der Lüge und Verleumdung zu einer besinnungslosen Masse machen will!
Wir wollen uns mit aller Kraft einsetzen für eine Umgestaltung des heutigen Wirtschaftssystems, damit alle Deutschen ihr selbst verdientes Brot essen können!
Wir werden nicht eher ruhen, bis das deutsche Volk wieder seine äußere Freiheit erlangt hat und das Unrecht von Versailles beseitigt ist. Aber wir werden auch nicht zulassen, daß törichtes Säbelgerassel und prahlerisches Kraft- meiertum unser Volk wieder außenpolitisch isolieren.
Als höchstes Ziel schwebt uns ein einiges, freies Reich vor, in dem alle Menschen deutschen Volkstums eine Heimat haben, über dem als Siegeszeichen das Kreuz des Wellerlösers steht.
Unser Volk wird nicht nnkergehen.
Die Ablösung der Generationen.
Ein junger Fuldaer Landsmann, der seit Jahren im Ausland tätig ist und Gelegenheit hat, die Entwicklung in Deutschland und den deuten Menschen gut zu beobachten, hat seine Gedanken über die politische Lage in Deutschland niedergeschrieben.
In Deutschalnd sieht es traurig aus. Politische Unruhen, wirtschaftlicher Tiefstand, Arbeitslosigkeit, — Depression auf der ganzen Linie. Und in diese Zeit hoffnungslosen Bangens klingt die
Kölner Rede Brünings,
nicht nur eine Rechtfertigung feiner Politik, sie ist mehr: ein Trost und zugleich eine Mahnung an die Jugend. Wir wissen, daß sie jedem Deutschen, der sich seiner Pflicht als Staatsbürger voll bewußt ist, wieder Zutrauen und Zuversicht zu der innerdeutschen Entwick- tung gegeben hat. Ist es nur die Persönlichkeit des Kanzlers, die Vertrauen und Hoffnung einflößt? Oder hat Deutschland endlich einen Grad innerer Reife erreicht, daß man sagen kann: es wird, — es muß eine Wendung kommen, und sie wird uns einem politisch und wirtschaftlich gesunden Deutschland entgegenführen!
Das mag klingen wie Hohn und Ironie, wenn man daran denkt, wie sich politische Extremisten täglich die Köpfe blutig schlagen, wenn man den geradezu beängstigenden Tiefstand unserer Parlamente und das ständige Anwachsen des Arbeitslosenheeres betrachtet. Und doch,, haben wir nicht ein Recht zu hoffen und an uns selbst zu glauben?
Betrachten wir Deutschland:
drei Generationen leben zusammen: die Vorkriegsgeneration, die Generation der Frontkämpfer und die
der Nachkriegszeit.
Drei Generationen, die in ihrer inneren Struktur so grundverschieden sind, wie sie eben nur durch Epochen hervorgebracht und geformt werden können, wie sie die Zeit des Bismarckschen Reiches, die Glanzzeit unter Wil
helm II. und das erste Jahrzehnt der Deutschen Republik darstellen.
Die Männer, die in das praktische Leben in der Zeit nach 1870 eintraten, die bas Vorwärtsstreben, das Aufblühen Deutschlands und feiner Wirtschaft miterlebten, die vom Strom der Zeit getragen wurden. War es für sie, — ich spreche von Kaufleuten und Unternehmern — nicht gleich einem Wettlauf auf laufendem Band? Alle kamen zum Ziel, der eine schneller, der andere langsamer. Sie hatten das Glück, eine Weltkonjunktur ausnützen zu können, die dank der weitsichtigen Politik hervorragender Führer immer neue Absatzgebiete für die Erzeugnisse der deutschen Industrie fand — es gab nur Aufstieg, Ausdehnung, kurz, diese Zeit schuf den Typus des Rentners, des Menschen, der in feinem Leben gearbeitet, in Wohlstand gelebt und soviel erworben hat, daß die Zinsen seines Vermögens ihm einen sorgenfreien Lebensabend sichern. Es mag Ausnahmen geben, aber es ist der Typus, den unsere Großväter verkörperten.
Und ihre Söhne? Ihr Leben vollzog sich nach einem bestimmten Gesetz, es gab ja noch eine Tradition! Schulzeit, Lehre und das Dienen in der Armee, das war der Werdegang für alle. Als fertige Menschen traten sie ins Leben, sei es, daß sie zur Hochschule gingen, daß sie dem Staate als Beamte dienten ober im freien ober kaufmännischen Berufsleben ihr Brot fanben. Sie hatten Bob en unter den Füßen, den gesunden Boden eines innerlich und äußerlich starken, gefestigten Vaterlandes. Und wenn es auch bei ihnen eine politische Opposition gab, — eines hatten sie gemeinsam: den festen Glauben an ihr Vaterland!
Da ereignete sich das, was manche vorausgesehen haben — es tarn zum Weltkrieg! Wir wollen nicht die Schuldfrage untersuchen, — wir wissen, es sind Fehler gemacht worden. — Voll Zuversicht zogen unsere Väter hinaus.
„Lieb Vaterland magst ruhig sein!" Wie anders kam es, als sie geglaubt hatten! Und während sie draußen ihr Leben einsetzten und verbluteten, da tarn doch so
manchem ein resigniertes „Warum!" über die Lippen, es tarnen ihm Gedanken, die ihm vor einigen Monaten noch als Vaterlandsoerrat erschienen wären. — In der Heimat die Alten, die hatten noch ihren Glauben und ihre Zuversicht, wenn auch da schon mancher dachte: hätten wir noch einen Bismarck, so wäre alles anders gekommen.
Dann kam das Ende, der Zusammenbruch. Deutschland wurde zur Republik, — bas beutsche Volk gab sich eine Verfassung.
Verantwortungsvolle Männer übernahmen bie Leitung bes Staates, versuchten bas Volk zu führen unb zu schulen. — Leute, bie bie Mängel bes kaiserlichen Regimes kannten, — Leute, benen es darum zu tun war, dem Volksganzen zu dienen, allen Teilen, allen Schichten und Klassen. Es sollte keine Politik der Stände mehr getrieben werden, alle sollten gleichberechtigt {ein, unb bie Beauftragten bes Volkes sollten regieren.
Unb bas geschah zu einer Zeit, wo alle Männer, — es sei beim, baß sie von ber Schulbank in den Schützengraben mußten — noch ganz jn der (Erinnerung der glorreichen Vorkriegszeit lebten. Gewiß, der Weltkrieg hatte sie umgeformt! Ader was gab ihnen die Republik? Was gaben ihnen bie Leute, bie ben Versailler Vertrag unterzeichneten, wo Deutschlanb Lasten aufgebürbet würben, die es nie unb nimmer ertragen würde, einen Vertrag, der große Landesteile unter feindliche Willkür und Kontrolle brachte?
Und viele, viele wollten nichts von diesem Staate wissen, sie bekämpften ihn, „nationale Oppositi on!" Wie ein Traum schwebt ihnen die Vorkriegszeit vor, wie ein Traum, den sie gerne wahr haben möchten. Und wenn man fragt — „nein, es muß kein Kaiser fein! Aber die gute, alte Zeit soll wiederkommen, in Sicherheit unb ohne Sorgen wollen wir leben!" Und durch ihre Opposition machen sie ben Männern der Einsicht, die schon lange ben richtigen Weg eingeschlagen haben, bas Erreichen biefes Zieles immer schwerer! Von ber Opposition gehen sie zum Angriff über! Parteien werden gegründet, Agitationspolitik getrieben unb Gelber von Leuten „nationaler Gesinnung" für Propaganda verschwendet, die nur die Autorität unseres Staates erschüttern und untergraben soll! Wenn doch jene Konzerne unb Industrien, die Millionen für solche Zwecke aufbringen, ihre Mittel zur Linderung der größten Not ber Arbeitslosen zur Verfügung stellten! Mögen sie dafür sorgen, daß unsere Arbeiter wieder arbeiten können, unb ihre Arbeit entsprechend bezahlt wird! Das wäre eine nationale Tat und zugleich ein wirksamerer Kampf gegen den Kommunismus als der Schlagring!
Und während des Kampfes innerhalb dieser Generation wächst eine Jugend heran. Sie hat an die Zeit vor dem Kriege, ja fast an den Krieg selbst nur noch schwache (Erinnerung. (Eine andere Zeit formte sie, eine Zeit der Entbehrung. Früh schon mußten sie den Kampf um's Brot aufnehmen, — der Schule entwachsen und in’s Leben gestellt, mußten sie sich selbst formen. Sie. kannten nicht mehr den Kasernenhof, hatten keine Tradition, die ihren Lebensweg fefttegte.
Das Vergangene war zerschlagen, ein neues Deutschland litt noch unter den Wehen seiner Geburt. Und wenn es schon immer zwischen Vater unb Söhnen Gegensätze gegeben hat, wenn man schon immer von dem Ablösen von Generationen sprechen konnte, im Nachkriegsbeutschland wuchs eine Generation heran, bie mit bem Vergangenen nichts mehr gemein hatte unb nichts mehr gemein haben wollte! Es gab keine beutsche Macht mehr, Deutschland war ein verarmtes, geknechtetes Land. Die Jugend fragte nicht „warum?" — sie sagte „Ihr aus der Vorkriegszeit, Ihr habt die Fehler gemacht, unter denen wir jetzt leiden!" sie fann auch nicht auf Rache, war sich der Schwäche des Vaterlandes bewußt, — auch lebten in ihr noch die Schrecken des Weltkrieges. Für sie gab es nur eines, bie Tatsache: bas Alte ist hin, jetzt muß etwas Neues kommen, ein neues Deutschlanb!
Führung, Halt nnb Zusammenschluß suchte die Jugend, es entstand
die Jugendbewegung.
Man kann von ihr halten, was man will, sie war eine Zeiterscheinung, ein Extrem, das kommen mußte und dem sich all die jungen Kräfte zuwandten, die in einer neuen Zeit ein neues Leben suchen und formen wollten.
Wenn nun unser Deutschland in den folgenden Jahren Krise um Krise durchleben mußte, die politische Spannung innerhalb Deutschlands wuchs, bann waren es immer besonnene Männer, bie rechtzeitig eine furchtbare Entlobung zu verhüten wußten, Männer, bie dem neuen, dem werdenden Deutschland angehören und die Führer unb Vorbilb ben neuen Generationen sein sollen.
Das scheint im Widerspruch zu stehen zu der Tatsache, daß sich bie
Anhänger unb Wähler der extremen Parteien heute aus der Jugend
rekrutieren, aus der Generation, die zum Aufbau — nicht zur Zerstörung — geboren ist! Es ist tief bedauerlich, wie sich Millionen von jungen Kräften irreführenlassen, — unb boch ist cs verstän d- l i ch! Was suchen sie? Was haben sie gemeinsam mit
allen Volksgenossen? Das Streben nach Gesundung, Befreiung unb Wohlstand. Wenn ihnen, die in Not und Entbehrung aufgewachsen sind, ihnen, bie keine Arbeits- unb Fortkommensmöglichkeit in ihrem verarmten Vaterland sehen, schönklingende Versprechungen gemacht werden, bie sie biefem Ziele zuführen sollen, — sollen sie bann nicht jenen Versprechern Gehör schenken unb Folg- schast leisten? Das ift’s, was bie Jugenb dem Kom- -m u n i s m u s zuführt, — das gleiche Sehnen treibt sie dem Nationalsozialismus in bie Arme. Die Weltorbmmg, „b a s Syste m" halten sie für falsch, — Wandlung muß geschaffen werden, wenn nötig mit Gewalt!
Und wenn man sie fragt: was bann? Dann verstummen sie, ober man hört ein optimistisches: ja, bann wirb alles roieber gut!
Ja, es ist bas Hoffen, bas (Erroarten besserer Zeiten, bas sie Leuten in bie Arme treibt, bie gewissenlos genug finb, bie Unerfahrenheit ber Jugenb unb ihren Drang nach Taten auszunutzen zu einer floate- feinblichen Agitationspolitik, bie ber
Zerstörung bes mühsam Ausgebaulen
dienen soll. Leute, die zwar Nutznießer der Einrichtungen unseres Staates finb, Leute, bie als Beamte vom Staate bezahlt werben, bie aber durch ihr Auftreten und ihre Politik nicht nur ben deutschen Parlamentarismus, sondern die deutsche Demokratie überhaupt gesährden, bewußt gefährden!
wie sagt doch Brüning: „Demokratie ist kein einfaches Himmelsgeschenk, das mit einemmal eine bessere unb bauernb schönere Zukunft herbeiführt, sondern sie ist eine stärkere Verteilung aller Sorgen, aller Muhen, aller Arbeit von einer früher vielleicht weniger zahlreichen herrschenden Schicht auf das gesamte Bolt“.
Ist unser Volk reif unb stark genug, biefe Sorgen unb Lasten zu tragen? Ja, antworten mir, tausendmal ja! Ein Ja der Jugend, beseelt von dem Willen zur Mitarbeit am Aufbau, ein Ja, durchdrungen von dem Willen zur Gefolgschaft!
Unsere Generation will die Demokratie, sie will die Politik des Aufbaues, ber Verständigung, — die Politik, die bas „Kabinett ber Frontkämpfer" treibt! Will Anschluß an die Leute, deren Leben, deren Arbeit uns gehört! Uns, der kommenden Generation!
Und wenn diese Erkenntnis, dieser
Wille zum Aufbau
sich durchsetzt in unserer Jugend, wenn wir durch zielbewußtes Arbeiten das erreichen suchen, was unserem Volks wirklich Rettung bringen kann, bann werben sie auch erleben, daß die politischen Extremisten, die heute die ruhige, naturgemäße Entwicklung unseres Vaterlandes stören, am Höhepunkt ihrer Macht unb ihres Einflusses angekommen finb. Dann wird sich die Jugend auf bie Wirklichkeit besinnen und den Weg gehen, den ihr die Vernunft vorschreibt! Die junge Generation wird sich wieder einen gesunden, festen Boden unter die Füße arbeiten, eine zielbewußte Politik wird den politischen und wirtschaftlichen Wiederaufstieg Deutschlands ermöglichen, die Vernunft muß siegen. Und sie wird Sieger bleiben!
Wanderung statt Mkurienkenkneipe.
Ein Vorschlag, bem man kaum folgen wird.
sh. Der Preußische Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung hat an sämtliche preußische Provin- zialschulkollegien das Schreiben „zur Kenntnis und weiteren Veranlassung" weitergegeben, bas die Reichsgemeinschaft für alkoholfreie Jugenderziehung letzthin an ihn gerichtet hat. Das Schreiben war dahin vorstellig geworden, daß bie Abschiedsfeiern an höheren Schulen mehr als bisher bem Streben nach einer alkoholfreien Lebensführung ber Jugend Rechnung tragen mögen. Des öfteren wird berichtet, daß bei Feiern von abgehenden Schülern mit Reise für Obersekunda und von Abiturienten der Alkoholgenuß häufig eine große Rolle spielt. In bem Schreiben wird die Bitte ausgesprochen, durch bie Prooinzialschulkollegien zu veranlassen, daß die Lehrer ber höheren Schulen ben jur Entlassung kommenden Schülern nahelegen, ihre Abschiedsfeiern alkoholfrei (!) zu gestalten, unb daß bie Lehrer ihre Teilnahme in den Kommersen von ber Berücksichtigung dieses Wunsches abhängig machen. Dank ber Verfügung bes Preußischen Kultusministers ist in Preußen jetzt ein einheitliches Vor- gehen gegen die Unsitte ber Abschiedskneipereien an höheren Schulen eingeleitet.
Es dürfte kaum eine bessere Form bes Abschiedes geben als eine gemeinsame Wanderung. Vielfach wird man aber auch eine größere Wanderung schon vor der Prüfung, einerlei ob Reifeprüfung oder andere, einlegen. (Es mehren sich die Urteile, wie trefflich sich der ein paar Tage vorher gefaßte Entschluß bewährte: „Schluß mit ber Schädelfüllung, weg mit den Büchern, hinaus ins Freie!" Durch Entspannung und Sammlung wird eben in diesen letzten Tagen mehr erreicht als durch schonungsloses Hineinpauken von Wissensstoff in das ohnehin so gequälte Gehirn bis zur letzten Stunde. Jedenfalls lohnt es sich, daß biefe Versuche an recht vielen Anstalten fort- gesetzt werden.
Verantwortlich für „Das Blatt ber Jugend": Dr. oec. publ Joseph Sauer- Fulda.
Als Jumpet, Flieget unb Zöget in M-Ametlka.
11] Von Bernhard Schroeder-Wiborg.
Da wandte ich mich zur Flucht! Die Schüsse krachten ununterbrochen hinter mir her! Dabei schrie eine furchtbare Stimme: „Martalo el Eroingo!" das heißt in deutscher Sprache: „Tötet den Ausländer!"
Gut, baß es stockfinster war, von allen Seiten wurde nach mir geschossen! Durch mein Gehirn zuckte blitzschnell der Gedanke, so muß auch ben Hasen auf ber Treibjagd zumute fein!
Im Lausen aber riß ich mir einen neuen Ladestreifen aus der Tasche, boch dabei stürzte ich. Gleich aber sprang ich wieder empor, wenn auch mit blutig geschlagenen Händen und Knien, unb schob schnell — während bes Laufens — den Ladestreifen in die Pistole. Gerade wollte ich mich hinlegen, um meine Verfolger auflaufen zu lassen, als ich auch vor mir Leute schreien horte. Da ertönte ein barscher militärischer Kommando - ruf: „Halt! Waffen hoch!"
Der Stadtkommandant mit einer Patrouille stand plötzlich vor mir. Mit starker Stimme schrie er in die Ancht hinein, man sollte das Schießen einstellen. Meine Verfolger aber hätten mich noch am liebsten erschossen.
als sie vor mir standen! Der Kommandant jedoch hinderte sie daran.
Meine Waffe wurde mir abgenommen, und dann wurde ich unter Bewachung aus bas Zimmer meines Hotels gebracht. Am nächsten Morgen erhielt ich meine Waffe zurück unb erfuhr bann auch, wie alles gekommen war.
Der Flieger Evers hatte einen ihn angreifenden Hund erschossen. Und der Mann — er war ein Offizier —, welcher mir gleich mit bem Revolver antwortete, war durch den Schuß des Piloten aufgeregt worben, weil erst vor wenigen Tagen sein Bruder beim Pferderequirieren in ber Nähe der deutschen Kolonie Hohenau erschossen wurde. Er hatte tatsächlich geglaubt, daß ich ben Schuß, nach bem ich mich erkundigte, selbst abgab.
Nun zur Fliegerei zurück. Auf unser Drängen kam es boch so weit, daß man uns Deutschen eine Maschine zur Verfügung stellte, um das im alten Parana, in der Nähe der Stadt liegende, kleine Flußkanonenboot Ri- celme anzugreisen.
Evers wollle fliegen, und ich bok mich als Beobachter an, da ber unfrige, wie auch unser Vereinsleiter, der ehemalige Iagdstaffelführer, als Beobachter mit den Italienern flogen.
Die zu fliegende Maschine war ein anderer Typ als bie, welche Evers in Buenos Aires geflogen hatte. Als wir uns in den Apparat setzten, Evers vorn und ich
hinten, mit einer dreißigpfündigen, in (Encarnacion her- gestellten Bombe, vor ber ich mehr Angst als vor dem Feinde hatte, hörte ich bie Italiener sagen: „Beim Start gibt es Bruch und Explosion!"
'Man traute uns, wegen Bergers Start in Buenos Aires, nichts Gutes mchr zu.
Evers aber ftarterte, daß mir das Herz im Selbe lachte! Er winkte lächelnd mit einer Hand, und wir flogen direkt auf den Fluß zu und in etwa hundert Meier Hohe den Ricelme an.
Leider fiel meine Bombe zehn Meier neben das Kanonenboot und platzte auf dem Wasser. Die Maschinen und Revolverkanonen auf dem Rieelme ratterten wie toll, und als wir zum Flugplatz zurückflogen, beehrte man uns mit Schrapnellfeuer.
Aus dem Flugplatz wurden wir mit großer Begeisterung empfangen. Denn die Italiener hatten bisher ihren Angriff auf den Rieelme aus fünfzehnhundert bis zweitausend Meter Hohe unternommen. Aber dieser Flug sollte unserem Aufenthalt in Paraguay bald ein Ende machen.
Die Italiener nämlich, welche nun erkannten, daß wir imstande waren, sie zu verdrängen, wußten ihren Einfluß dahin geltend zu machen, baß wir nach einigen Tagen in vornehmer Weise wieder entlassen und nach Buenos Aires zurückgeschickt wurden. Berger unb der deutsche Beobachter blieben bei den Italienern zurück.
Also wir kamen zu viert in Buenos Aires an. Hier waren wir nun ungefähr zwanzig Tage, als Scheerer uns mitteilte, Oberst Ehiriffe hätte, im Namen des ganzen Offizierskorps, unsere Rückkehr telegraphisch erbeten.
Da der augenblickliche Aufenthalt des dritten Piloten nicht ermittelt werden konnte, fuhren Evers, der Me- chaniker und ich wieder nach Paraguay. Als wir auf bem Flugplatz ankamen, der jetzt hinter ber Front der revolutionären Truppe, im Inneren Paraguays, bei Eahi Puente lag, da zogen die Italiener, bis auf einen Piloten ab. Dieser eine mar ein guter Kamerad, und der damals jurücfgebliebene deutsche Beobachter flog mit ihm.
Berger war schon vorher verschwunden. Wie man mir erzählte, war feine Stellung unhaltbar geworden. Der Stadtkommandant von Encarnacion hatte ihn einmal mit den Worten: „Sie verraten ja ihre eigenen Landsleute!" durch einen Adjutanten aus feiner Schreibstube werfen lassen.
Dann erzählte man noch von einem anderen Deutschen, ber während unserer Abwesenheit in Encarnacion auf getaucht war und sich als deutscher Infanterieoffizier ausweisen konnte. Er hatte sich die Zeichnungen von den Stellungen ber verschanzten revolutionären Truppen bei Eahi Puente zu verschaffen gewußt, welche er für Geld an die Regierung verkaufte.
(Fortsetzung folgt.)