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58. Mrg.

Mittwoch, 18. Februar 1931.

Ilr. 40

uldaerZertung

Anzeiger für die Stadl Julda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernrufe: Schrift- :: leitung 1152, Fuldaer Actiendruckerei 1150 und 1151. ::

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Fasten!

Von I. Blum M. d. R.

Fasten ist ungesund. So hört man es vielfach. Lasten, d. h. ein Leben der Mäßigkeit, kann der Gesundheit nur zuträglich sein. Das zeigt sich bei der Lehre vom Normalgewicht. Das ist nicht die Modeeinstellung der schlanken Linie, die auch durch ein gewisses Fasten gewonnen wird. Wennschon Eitelkeit das Motiv zum Fasten abgeben kann, um wieviel stärker sollten es dann ethische und sittliche Gründe sein. Ein Normalgewicht, wel­ches im richtigen Verhältnis zur Körpergröße und Konstitution steht, ist der Gesundheit förderlicher, als ein Uebergewicht. Auch ist es gesünder und gewiß billiger, durch vernünftiges Fasten dieses Uebergewicht zu verhindern, als es durch teure Kuren zu mindern. Also ist Fasten gesund.

Nicht nur die katholische Kirche, bisweilen legt auch die Vorsehung der Menschheit ein Fasten auf. So ist es zu unserer Zeit. Die Weltwirt­schaftskrise ist für die Welt eine Fastenzeit. Darin müssen sich viele Menschen größere Entbehrungen auferlegen. als sie in kirchlichen Geboten gegeben und angeordnet werden. So ein internationales Fastengebot ist für die Menschheit notwendig. Na­mentlich dann, wenn sie auf dem Gebiet der Wirt­schaft sich übernommen, auf dem Gebiete der Moral und der Ethik nicht richtig benom­men hat. So stehen wir jetzt in einer Fastenzeit, gewiß vor allem auch im deutschen Volke.

Besonders beim Fasten gilt das Wort, daß Beispiele ziehen. So müssen auch in Deutschland Regierung und Parlament ein rechtes Fast en - b eis Piel geben. Das tut die Regierung Brü­ning. Der Etat muß fasten. Ein Abstrich von rund IVs Milliarden ist für ihn gewiß eine Fasten­kur. Dabei ist in Aussicht gestellt, daß er noch eine Nachkur nehmen muß, wenn die Hauptkur nicht ausreicht. Dann soll die Regierung die Er­mächtigung haben, noch eine Zusatz-Fastenkur an­zuordnen. Ganz gewiß kann man die Frage stellen, warum frühere Regierungen diese Fastenkur nicht schon angeordnet haben. Diese Schuld liegt aber nicht allein bei den Regierungen, sondern auch bei dem Volkskörper, der nicht einsah, daß er eine Fastenkur nötig hatte. .

Fasten an Haupt und Gliedern. So wird es schon sein müssen, wenn das Fasten überhaupt einen Zweck haben soll. Die Länder und die Gemeinden müssen da mittun. Man wird Stock­fisch-Politik treiben müssen, d. h. auf einzelnen Etattiteln so lange Herumklopfen müssen, bis sie für einen Abbau weich genug geworden sind. Das wird vielfach nicht einfach sein! Man steht noch zu sehr unter der Hypnose vom Finanzausgleich. Er kann aber nur etwas bringen, wenn etwas da ist. Letzten Endes wird er einen Ausgleich in die gemeinsame Fastenpraxis bringen müssen.

Im Volksleben hat diese Fastenzeit schon längst begonnen. Das gilt für die Arbeiter, für den Mittelstand, für die Bauern, sogar für viele soge­nannte Prominente.

„Wer nie sein Brot mit Tränen aß, Wer nie die kummervollen Nächte Auf seinem Bette weinend saß, Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte." Ja, diese Mächte muß das deutsche Volk in vielen seiner Stände und seiner Glieder kennen lernen.

Wer trägt die Hauptschuld an dieser Fasten­zeit? Ganz gewiß tue Mächte, welche den Krieg verschuldet und damit das Gleichgewicht unter den Völkern zerstört haben, die brutale Lasten auf­erlegt und Verkehr und Wohlfahrt vernichtende Grenzlinien gezogen haben, die den internatio­nalen Kapitalismus wirtschaftsstörend, wirtschast- vemichtend, anstatt Wohlstand bildend gestaltet haben. Für alle die ist die Weltfastenzeit eine Mahnung. Auch heute noch kann die Weltwirt­schaft untergehen, wenn sie die Mahnungen, die Gebote nicht beachtet, die in Weltverkehr und in Weltgeschehen der Menschheit gegeben sind.

Raum für alle hat die Erde!

Auf der Erde kann man nicht ungestraft einzel­nen Nationen Ueberraum verschaffen, um andere an Raummangel für die Wirtschaft verelenden und untergehen zu lassen.

Fasten heißt auch rasten. Es heißt nach­denken über den Ernst des Lebens und der Zeit, es heißt Sünden erkennen, bekennen und bereuen.

So kann die Fastenzeit für den einzelnen Men­schen, aber auch für die Menschheit eine Zeit der Gnade, eine Zeit der Erkenntnis, der Buße, der Besserung und vor allem der Rettung sein.

„Es ist nun einmal so auf Erden, Ohne Fasten keine Ostern werden!"

* Beleidigungsklage Colossers gegen Drewitz. Die Krise in der Wirtschaftspartei, die mit dem Aus­tritt des Reichstagsabgeordneten Colosser endete und ihren vorläufigen Abschluß ht der Erklärung des jetzigen Parteivorfitzenden Drewitz gefunden ; hatte, er werde gegen Colosser die Beleidigungs­klage anstrengen, zeitigte später ein Flugblatt, in welchem nun Colosser angegriffen wurde. Jetzt hat Colosser daraufhin gegen Drewitz Beleidi­gungsklage angestrengt. In dieser Klage wie­derholt Colosser alle öffentlich gegen Drewitz erhobenen Angriffe.

* Aufmarsch des Berliner Reichsbanners am 22. Februar. Anläßlich der Bundesgründungsfeier des Reichsbanners am 22. Februar ist es der Leitung des Bundes, dem „B. T." zufolge, gelungen, mit dem Berliner Polizeipräsidium Vereinbarungen zu taffen, nach denen das Reichsbanner in geschlosse­nen Zügen zum Lustgarten marschieren borf. Dem dort stattfindenden Appell der Schutzforma- rionen des Reichsbanners wird sich dann ein Vor­beimarsch an dem Bundespräsidenten Hörsing an- lchließen. Bei der zwei Tage vorher stattfinden­den Feier int Sportpalast wird Kultusminister U Erimme die Festansprache halten.

Völker in Waffen.

Zwölf Jahre sind seit Kriegsende vergangen, sechs Mal hat der vorbereitende Abrüstungsaus­schuß des Völkerbundes getagt, in Wort und Schrift wurde diskutiert und geplant — und doch ist das Abrüstungsproblem, diese Schicksalsfrage Europas, heute noch einer Lösung sehr fern. Das Ringen um allgemeine Rüstungsbeschränkung geht weiter; binnen Jahresfrist, auf der Abrüstungs­konferenz, soll es in sein entscheidenes Stadium treten. Bis zu einer wirklichen Abrüstung ist je­doch — wie ein Blick auf den Rüstungsstand der Nationen zu Anfang dieses Jahres be­weist — ein sehr weiter Weg. Noch starren die Völker Europas in Waffen!

*

Die finanziellen Aufwendungen für die Land­rüstung sind geradezu gewaltig. Eine ganze Reihe von europäischen Staaten gibt mehr als ein Fünf­tel des gesamten Staatshaushalts allein für Heeres- zwecke aus. Polen (31 Prozent) und Frankreich (27 Prozent) sind als erste zu nennen; auch Spa­nien, Portugal, Rumänien, Jugoslawien, ja selbst kleine Länder wie Litauen und Lettland gehören in diese Gruppe. Ueberaus groß sind ferner sie Unterschiede in der Heeresstärke. Von Sowjet- Rußland abgesehen, daß außerhalb des Völkerbun­des steht und mit seinen 154 Millionen Einwoh­nern die größte Armee besitzt (Friedensstärke 1,2, Kriegsstärke 6 Mill.), marschiert Frankreich un­bestritten an erster Stelle. Es hält bei einem Ve- völkerungsstande von 41 Mill. Einwohnern nicht weniger als 656 000 Mann ständig in Waffen. Das etwas größere italienische Volk verfügt über 'in Friedensheer von 388 000 Mann. Um aus der Fülle des Materials noch einige Beispiele aus un­serer nächsten Nachbarschaft herauszugreisen: Bel­gien (8 Mill. Einwohner) hält sich ein Friedensheer von 66 000 Mann, die Tschechoslowakei (14,6 Mill. Einwohner) ein solches von 14000 Mann, Polen (30,5 Mill. Einwohner) eines von 299 000 Mann. Inmitten dieser stark bewaffneten Länder liegt Deutschland „das Herz Europas" in strategisch be­sonders ungünstiger Lage. Seine Einwohnerzahl ist so groß wie die Frankreichs, Belgiens und her Tschechoslowakei zusammengenommen. Seine Reichswehr von 100 000 Mann erreicht demgegen­über zahlenmäßig noch nicht einmal ein Achtel der Friedensheere dieser drei Länder. Die riesige Kluft zeigt sich aber erst in ganzer Ausdehnung, wenn man auch die voraussichtlichen Kriegsstärken be­rücksichtigt, utib zwar Frankreichs mit 4,5, Belgiens mit 0,6, Polens mit 3,2 und die der Tschechoslowa­kei mit 1,3 Mill. Mann. Etwa jeder neunte Fran­zose, jeder neunte Pole, jeder elfte Tschechoslowake, jeder dreizehnte Belgier würde int Kriege Soldat sein. Deutschland hingegen wäre zu seiner Vertei­digung auch im Erstfalle nur auf 100 000 Mann angewiesen.

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Noch krasser sind die Unterschiede in der Aus­rüstung der Heere. In der Mehrzahl der Länder hat män alle technischen Fortschritte für die Stär­kung der Heereskraft nutzbar gemacht, die techni­schen Kampfmittel gewaltig vermehrt. Deutschland jedoch steht weit, unverhältnismäßig weit zurück. Nicht nur hinter anderen Großmächten, auch hinter kleineren Völkern. Einige Beispiele: unsere Ver­teidigungsmittel beschränken sich auf 22 schwere Ge­schütze; Belgien hat deren 271, Frankreich 1200 (ohne Bestände der Festungen), Polen 414, die Tschechoslowakei 412. Wir haben keine Kampfwa­gen. keine Militärflugzeuge. Das kleine Belgien besitzt demgegenüber 65 Tanks und 234 Flugzeuge. Frankreich verfügt sogar über 1800 moderne Tanks (ohne älteres Material) u. int Kriegsfälle über nicht weniger als 2500 Militärflugzeuge, Polen über 320 Tanks und etwa 1000 Flugzeuge, die Tschecho­slowakei über 60—100 Tanks und 850 Flugzeuge. Solche Beispiele ließen sich beliebig vermehren. Bei der Ausrüstung mit Maschinengewehren, leich­ten Geschützen, Reservematerial und int Festungs­bau — überall die gleiche, abgrundtiefe Unterlegen­heit Deutschlands. Ein auf die Dauer unerträg­liches, unhaltbares System!

Das böse Zentrum.

Wenn irgendwann in der deutschen Politik Mei­nungsverschiedenheiten über das Zentrum herrschen, dann pflegen einige Leute, die selbst aus diesem Bezirk stammen, sich besonders hervorzutun. Wir sind seit vielen Jahren gewohnt, bei solchen Gele­genheiten den Professor Spahn in der geg­nerischen Front anzutreffen. Da er zu denen ge­hört, die trotz allem immer noch int Gefolge Hilgen­bergs bleiben, war es weiter nicht verwunderlich, wenn er am Donnerstag abend auch unter den Red­nern war, die in der Philharmonie in Berlin ver­gebens versuchten, den Ausmarsch der National­sozialisten und ihrer deutschnationalen Unterabtei­lung aus dem Reichstag zu begründen. Es ist ihm ebensowenig gelungen wie den anderen, und man könnte, wenn man ihn nicht zu den hoffnungs­losen Fällen zu rechnen hätte, vermuten, daß es ihm int Kreise der Laverrenz und Oldenburg-Janu- schau nicht allzu wohl gewesen wäre. Der streitbare Januschauer mußte ja erklären, er selbst sei am Ende seines Lateins, wie es nun weitergehen solle, wisse Hugenberg. Aber Hugenberg wußte es offensichtlich auch nicht, denn er kam über einige ältere Redensarten nicht hinaus. Aber Göbbels, ebenfalls ein Mann, der katholischen Führern seine Existenz verdankt, weiß es, denn er erklärte zur gleichen Stunde im Sportpalast, die Nazis würden in diesen Reichstag nicht mehr .zurückkehren. Un­terdessen läßt er in dem Ersatzblättchen für feinen verbotenen „Angriff", das er „Roter Adler" nennt und das die Polizei merkwürdiger Weife duldet, um jedem Mißverständnis vorzubeugen, sein Bild, beinahe Lebensgröße, veröffentlichen. Vielleicht liegen die Dinge bei ihm so, daß er recht froh ist, seine 106 Kollegen aus Berlin entfernt zu wissen. Göbbels gehört zu den Leuten, die den anderen sich immer, wenigstens um eine halbe Pferdelänge,

Rumps-VarlameMe.

5 um Auszug der 107. — Rumpfparlament mit Blutfataffropben in England, Frankreich und Deutschland. — Das Stuttgarter Rumpfparlament Die Windbeutel-Obstruktion.

Von Franz L e h n h o f f.

Im Zusammenhang mit dem Auszug der 107 Nationalsozialisten aus dem Deutschen Reichstag ist das Wort Rumpfparlament gefallen. Betrach­ter der Geschichte werden es vielleicht mit einer gelinden Gänsehaut gehört haben. „Rumpfparla­ment, durch den Austritt vieler Mitglieder ge- ichwäcbtes Parlament", heißt es in einem großen Wörterbuch. Das klingt recht harmlos. Ader wo es in Deutschland, in Frankreich in England bisher Rumpfparlamente gegeben hat, ist Blut geflossen. Blut her Parlamentarier und des Vol­kes.

Begriff und Wort Rumpfparlament sind uns, wie der ganze neuzeitliche Parlamentar-smus, von der „Mutter der Parlamente" geschenkt worden, haben also als urenglisches Erzeugnis zu gelten. Das Wort wurde durchaus nicht in sachlicher Ab­sicht dem Rest des Parlaments angehängt, mit dem Oliver Cromwell seine Blut- und Eisenpolitik um die gleiche Zeit machte, als in Deutschland der Dreißigjährige Krieg durch den Westtälflchen Frie­den zum Abschluß gelangte. Im Jahre 1648 ver­trieb der englische Militärdiktator seine presbyte­rianischen Gegner aus dem Unterhaus. Mit dem „Rump", der englischen Bezeichnung nur i-ir einen — räumlich allerdings unbescheidenen — Teil des Rumpfes, von dem bei Mastochsen die beliebten Rumpsteaks, die Lendenstücke gewonnen werden, setzte Cromroall den König Karl I. ab machte ihm den Prozeß und schickte ihn aufs Blutgerüst, jagte das Oberhaus davon und verwandelte England in eine Republik. Danach wurde von ihm jedoch auch das Rumpfparlament aufgelöst sind auch das aus seiner eigenen Anhängerschaft bestehende Barebone- Parlament, also das Parlament der Skelettmen­schen, gefiel ihm so wenig, daß er es ebenfalls schloß und allein regierte.

Die Kunst, mit Parlamentariern schonungslos umzugehen, wurde dann durch den französischen Nationalkonvent ins Grauenhaft-Groteske gestei­gert. Er bereitete zunächst Ludwig XVI. das Schicksal Karls I. von England. Das geschah mit 361 gegen 360 Stimmen noch von einem vollzäh­ligen Hause. Am 21. Januar 1793, übrigens dem Todestage Lenins, fiel der Kopf des französischen Königs; am 2. Juni aber erfolgte schon dis Ver­haftung der ersten 32 Girondisten, die dann nach der wenige Wochen später ausgesöhrten Erdolchung Marats durch die Girondistin Charlotte Corday im furchtbarsten Sinne des Wortes-zu Rumpfpar­lamentariern oder Parlamentarierrümpfen wur­den. Nunmehr vollzog sich eine fortgesetzte Verklei­nerung des Parlaments auf dem gleichen Mutigen Wege und durch abenteuerliche Flacht „verdächti­ger" Parlamentarier, bis der zusammengefchmol- zene Konvent feine Aufgabe, die Verkündigung einer neuen Verfassung, erledigen konnte. Ein Rumpfparlament war auch schon die Nationalver­sammlung, als die SieysZ nach der Berufung der Reichsstände in Versailles die Abgeordneten des dritten Standes ausrufen ließ. Die daraus er­wachsende verfassunggebende Versammlung verei­nigte schon nicht mehr alte Vertreter des Adels und der Geistlichkeit mit den Bürgerabgeordneten und verlor rasch zahlreiche weitere Mitglieder, als nach der Erstürmung der Bastille die Auswande­rungsbewegung der französischen Adligen immer stürmischere Formen annahm.

Eine bewegte Zeit umwogte auch in Deutsch­land die Nationalversammlung. Das Parlament vom 18. Mai 1848, in dem der neuzeitliche deutsche Parlamentarismus wurzelt, hat ebenso wie seine Nachfolger in Deutschland keine Todesurteile an Regierenden oder eigenen Mitgliedern vollziehen lassen, wurde aber schon am 18. September, wäh­rend eines Aufstandes in seinem Sitz zu Frank­furt a. M., des Fürsten Lichnowski uni) des Ge­nerals v. Auerswald beraubt, die von erregten Volksmasien ermordet wurden. In ihrem weite­ren Verlauf sollte dann die Nationalversammlung, die mit der Aufgabe der Schöpfung einer Reichs» verfassung betraut worden war, das Beispiel einer Rumpfoersammlung im wörtlichen schlechthin klas­sischen Sinne werden, Haut und Glieder verlieren, und nur noch als lebensunfähiger Rumpf ein paar Tage dahinvegetieren. Mit 578 Mitgi'edern trat sie in der Paulskirche zu Frankfurt a. M. zusam­men. Das ist bis auf einen Mann genau dis Mitgliederzahl des gegenwärtigen Deutschen Reichstages, der 577 Abgeordnete vereinigt, von denen 107 einen Daueraüszug auf Widerruf an- getreten haben. Der Keim des Zerfalls erwuchs in der Nationalversammlung aus dem preußisch- österreichischen Gegensatz. Als am 28. März .'849 der König von Preußen mit 290 Stimmen gegen­über 248 Stimmenthaltung zum deutschen Kaiser gewählt worden war, berief Oesterreich seine Ab­geordneten aus Frankfurt ab. Es ist allgemein bekannt, daß die Nationalversammlung mit aer Kaiserwahl kein Glück gehabt hat, weil Fried­rich IV. es ablehnte, von ihr die Kaiserwürde an­zunehmen. Das durch mehr als 60 österreichische Abgeordnete schon stark geschwächte Parlament setzte aber seine Beschlußfassung unbeirrt fort. Im Mai 1849, als die zahlreichen Volkserhebungen um die Neugestaltung der Geschicke Deutschlands rwch fortdauerten, ereignete sich ein neuer, folgenschwe­rer parlamentarischer Vorgang. Mit erheblicher Mehrheit wurde die Verpflichtung der einzelstaat­lichen Heere auf die Reichsverfassung festgesetzt, ein Gedanke, der nicht einmal von Bismarck für das Reich vom 18. Januar 1871 verwirklicht werden konnte, sondern sich erst in unserer Zeit durchsetzte. In den Tagen vom 14. bis 23. Mai beriefen unter Hinweis auf diesen Beschluß Preußen, Sachsen und Hannover ihre Abgeordneten ab. In der glei­chen Woche fiel ferner die starke erbkaiserlichs

Sanchez Guerra,

der Führer der Liberalen und schärfste Gegner der Diktatur, hat den Auftrag zur Bildung des spani­schen Kabinetts angenommen. Die Agentur Fabra hat keine Bestätigung des Gerüchtes erlangt, wo­nach Sanchez Guerra dem König die Bedingung ge­stellt habe, daß er Spanien einige Zeit verlassen möchte.

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rotb. Madrid, 17. Febr. (Gig. Meld.) Sanchez Guerra erklärte Pressevertretern, daß die Repu­blikaner und Sozialisten ihre Mitarbeit in der neuen Regierung verweigert hätten.

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Wie aus Madrid gemeldet wird, wird das Programm der neuen Regierung wahrscheinlich folgende Punkte enthalten, die in einem Brief Burgos Mazos an eine zurzeit im Auslande weilende Persönlichkeit ausgezählt sind:

Die verfassunggebende Cortes soll drei Monate nach dem Antritt der neuen Regierung einberufen werden, nachdem erst die Gemeinde- und Provinz­vertretungen gewählt sind. Solange die Cortes nicht die für notwendig erachteten Probleme ge­löst habe, soll der König die Gortes nicht vertagen noch auf eigene Initiative das Ministerium um­bilden können. Aber der Gang der politischen Ma­schine verlangt das Bestehen einer tatsächlichen obersten Macht, um gewisse Bestimmungen zu < auk­tionieren. Diese oberste Macht soll unter gewissen Einschränkungen dem König übertragen werden. Da die verfassunggebende Gortes den Ausdruck des Volkswillens verkörpert, soll der Senat, der aufgrund eines eingeschränkten Wahlrechts gewählt wird, nicht währeich der Tagung der Gortes sin- berufen werden.

Sanchez Guerra und Alvarez sollen sich in ihrer letzten Unterhaltung über diese Punkte geeinigt ha­ben. Eine Vertagung der Cortes oder eine Um­bildung der Regierung sott während der Tagung der Cortes deren Präsidenten überlassen bleiben. Falls dieser verhindert ist, sott der Vizepräsident seine Funktionen übernehmen.

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rotb. Paris, 17. Febr. (Gig. Meld.) Nach dem „Petit Parisien" erklärte der liberale spanische Po­litiker Santiago Alba, er habe das Angebot San­chez G u e r r a s , der ihm ein Ministerium, das er sich wählen könne, anaeboten habe, ausge­schlagen, weil er in feiner politischen Zurückgezogenheit weiter leben wolle. Die Krise, so habe 2tlba erklärt, werde lange dauern, aber friedlich gelöst werden.

* Blutige Zusammenstöße in Le Havre. In der französischen Hafenstadt von Le Havre kam es Montagnachmittag zu schweren Zusammen­stößen zwischen Dockarbeitern und Polizei, in deren Verlauf etwa 5 Personen schwer und etwa 15 Personen leicht verletzt wurden.

Guerras Mission.

vorauswissen wollen. In der Fraktion gilt er nicht allzuviel, aber wenn er in Berlin mit seinen S,-A.-Leuten unter sich ist, ist er immer noch der große Mann. Deshalb mag bei ihm die Behauptung, die Nazis würden nicht mehr zu­rückkommen, der Wunsch der Vater des Gedankens fein. Man ist geneigt, diese Hoffnung zu teilen, wenn man dem Reichstag ein ersprießliches und schnelles Arbeiten wünscht. Wenn man dagegen Wert darauf legt, die Hakenkreuzler sich noch häu­figer blamieren zu sehen, dann müßte man sich da­mit abfinden, daß sie demnächst ihre Tätigkeit wie­der in den Reichstag verlegen. Einen besseren Anschauungsunterricht kann man den Naziwählern vom 14. September ja garnicht wünschen. Im Sportpalast hat sich übrigens auch Herr Kube aus dem Landtag mit dem Zentrum beschäftigt, das er geschmackvoller Weise als die untere Rückenver­längerung des Reichstages bezeichnete, während er für die Nazis in Anspruch nimmt, den Kopf zu bil­den, indessen den Deutschnationalen die Rotte des Rumpfs gugeroiefen wurde. Wir haben allerdings von Kopfarbeit bei der Nazifraktion bisher nur in­sofern etwas gemerkt, als ihre Mitglieder immer den Mund am weitesten aufgerisfen haben. Wenn sie damit zufrieden sind, dann ist es ja frei­lich ihre Sache, von allen guten Geistern verlassen zu sein, ohne es zu bemerken. Im übrigen hat das deutsche Volk doch wohl die Überzeugung, zur Zeit von einem Kopf geführt zu werden, den die Nazis am liebsten würden rollen sehen. Statt dessen rollte jetzt eine ganze Fraktion.

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Wie den Blättern von Stahlhelmseite mitgeteilt wird, hat die Zahl der Unterschriften für das Volksbegehren des Stahlhelms bereits20000 überschritten. Die Sammlung der Unterschriften dauert an. Im Laufe des Dienstags wird die Unterschriftensammlung an der preußischen Innen­minister weitergeleitet werden.