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Beilage zur Fuldaer Zeitung
15. Februar
Rächt im Schnee.
Im Abendläuten ist der Tag. verweht.
Die Nacht hat Raum auf ihren stillen Wegen,
Die Decke über ollen Gram zu legen, Der mit dem Tag als Menschenschicksal geht.
Die Nebel, die den Fluß in seinem Lauf
Talab in die Unendlichkeit begleiten, Derwehn ins Land und stellen sich zu -auf Wie weiße Frauen, die zum Beten schreiten.
Ein matter Schimmer erdverstreuten Lichts Bleibt in dem Tanz der dunklen Schatten stehn.
Die Nacht wird drin zum wesenlosen Nichts, Durch dessen Dämmer kalte Sterne gehen.
Wie Milchglas scheinend zieht die Nacht vorbei.
Sie überhört in ihrem müden Ringen
Den Ruf des Tages, den ersten -ahnenschrei
Und muß wie Milchglas splitternd dran zerspringen.
Josef Martin Bauer.
Lessing.
Zur 150. Wiederkehr seine» Todestage» am 15. Februar.
Selten einmal hat es einen so straff organisierten Deist gegeben wie Lessing. So messerscharf im Den'en. unbeirrbar in den Schlußfolgerungen, stets auf das Wesentliche gerichtet, -at er einmal entschieden, so gab es für ihn keine andere Möglichkeit mehr; das geheime Bangen, den irrationalen Zweifel, der andere b>s in ihre feste Ueberzeugungen hinein verfolgt, kannte er nicht. Er war ein vortrefflicher Architekt; jeder feiner Sätze ist ein Baustein, der fest an seinem Platz liegt und sich nicht verrücken lkißt. Jede seiner kritischen Bemerkungen ist wie ein Blitzlicht, und ein paar Worte mähen oft ganze Schwaden von Plattheiten, Ungereimtheiten und Irrtümer nieder. Dennoch, so sehr wir d'eser zwingenden Logik im einzelnen derfüllen, — gegen das Ganze fühlen wir uns immer wieder gedrängt, uns zu wehren, will uns scheinen, eis wäre irgendein großer letzter Gesichtspunkt unberücksichtigt geblieben.
Zwar hat Goethe sich seinerzeit hochanerkennend über Lessings kunsttheoretische Schristen, vor allem den ,Lao»
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Gotthold Ephraim Lessing (1729—1781) Nach dem Porträt von Tischbein.
toon" geäußert. „Man muß Jüngling sein, um sich zu vergegenwärtigen, welche Wirkung Lessings „Lao- koon" auf uns ausübte, indem dieses Werk uns aus der Region eines kümmerlichen Anschauens in die freien Ge filde des Gedankens hinriß " Ja, aber dieses hohe Lob war doch nur berechtigt auf Grund der damals herrschenden getrübten Einsichten über das Wesen der Kunst — Einsichten, die gerade durch die rationalistische Weltanschauung, der auch Lessing huldigte, hervorgeruien waren. Lessing stürzte nicht die gesamte getrübte Einsicht überhaupt, sondern er brachte nur Korrekturen an ohne an der falschen Grundanfchauung, ohne die Kunst 'm wesentlichen aus dem wohlunterrichteten Denken entsprieße und ein logisches Gebilde sei, etwas zu ändern Selbst bei den ganz großen jener Zeit, Goethe und Schiller, bedurfte es ja der ganzen natürlichen Kratt ihres Genius, um sie nicht gleichfalls in diesen falschen Grundanschauungen untergehen zu lassen, und Zugeständnisse haben sie ihnen reichlich gemacht. Erst die Romantik fegte den engen, logisch umzirkelten Kunst- begriff jener Zeit hinweg, und ebneten dem freien Schaffensdrang des künstlerisch bewegten Menschen die Wege.
In noch stärkerem Maße gilt das, was über Lessings kunfttheoretische Werke zu sagen ist, von seinen theologischen und weltanschaulichen Schriften. „Wenn Gott in der einen -and die Wahrheit hielte und in der anderen das Streben nach der Wahrheit, so würde ich sagen: -err, gib mir das Streben nach der Wahrheit" — dieser bekannte Ausspruch Lessings ist kennzeichnend für die einseitige rationalistische Denkweise jener Zeit, die das Denken zu einer Art Religion erhob. Dahinter steht, wenn auch unausgesprochen, der hochmütige Gedanke daß es der menschliche Verstand doch einmal aus sich selbst heraus schaffen und die von dem Schöpfer dargebotene Wahrheit aus eigenen Kräften in den -änden halten werde. Und wo eine Religion angenommen wird, da dient sie ausschließlich praktischen Zwecken, sie hat chre Verbindung mit dem Ewigen uno Jenseitigen verloren; das angeblich so fanatisch nach Wahrheit ringenDe Zeitalter begnügt sich mit einer praktischen Zwecken dienenden Kalkulation, wie sie im „Nathan" ja unverhohlen ausgesprochen wird: keine Religion könne den Beweis erbringen, daß sie den „echten Ring" besitze, d. h. die wahre fei. alle seien gleichviel wert wenn sie nur alle die natürliche und gute Ordnung der Dinge förderten.
Nein, es wird uns enge in dieser umzirkelten Welt, in die nichts hineindringt von den unberechenbaren und unmeßbaren und unwägbaren Gewalten, die unsere Seele wie in dem Weltall treiben, und nichts von den ichaffenden Kräften, die mit Naturnotwendigkeit aus dem Menschen brechen. Dies ist der große Gesichtspunkt, der bei Lessing unberücksichtigt geblieben ist. Gott hat di« Welt nicht als ein Gebilde der reinen Logik geschaffen, er hat für dunkle Triebe und geheimnisvolle Ge- walten, gute und böse. Raum gelassen. Raum gelassen auch in der menschlichen Seele So wird uns auch enge, wenn wir uns in die auf psychologischen, mühsam berechneten Formeln aufgebaute Dichtung Lessings begeben. Menschen lassen sich nicht konstruieren. Zugegeben, daß Lessing das äußerste geschaffen hat, was mit -ilfe der Berechnung möglich ist, — wir spüren die Kälte der Berechnung. Lessing ist einsichtig gewesen: „Ich fühle die lebendige Quelle nicht in mir, die durch eigene Kraft in so reinen, so frischen Strahlen aufschießt; ich muß alles durch Druckwerk und Pumpen aus mir herausprefsen."
Und doch hätte Lessing in jenem Zeitalter nicht fehlen dürfen. Wenn feine Wirkung heute latent ist und von dem Fortschritt der Zeit aufqezehrt, damals war sie lebendig und hochbedeutsam. Lessing prüfte und schätzte die Kräfte, entfernte unerbittlich das Unbrauchbare, nahm die Parade der Geister ob, stieß ins Dunkel, was bedeutungslos war, stellte Pläne und Richtlinien aui und rief die vorhandenen Kräfte auf den Plan. So ist er aus jener Zeit, in der sich das Erwachen des deutschen '""iftes vorbereitet«, nicht Hinwegzudenken. Als Kritiker hat er die Uniform des Zeitalters zwar nicht geändert, aber er hat das Unwesentlich« daran, den unechten Verputz, beseitigt und hat das Wesentliche scharf herausgearbeitet. Und gerade dadurch mnd)t er den B'ick derer frei, die schon bereit standen, ganze Arbeit zu tun und neue Anschauungen anstelle der alten zu setzen. So wurde auch Lessing ein Wegbereiter des neuen Geistes, der mit der Romantik wie ein Frühlingssturm über das alternde Zeitalter kam Und wir können auch an ihm wiederum die alte Wahrheit feftstellen: daß ein Geist mitunter ganz anderen Zielen bient als zu dienen er sich vorgenommen hat Und dies ist nicht der mindeste Beweis dafür, daß Weltgefcbichte und Weltall rein rationalistisch nicht zu deuten sind.
Richard Franz.
vermögen, die man mil Außen tritt.
Von..echten** Teppichen. — Oie kleine Teppichknüpferin. — 1OOO Knoten die Stunde! — Verdient der „Smyrna** feinen Ruf? — Teppiche nach Diktat. — Ein Gefchenk für den Papst. — Mittel, um einen Reinfall zn verhüten: Zählen Sie die Knoten!
Nicht nur eine alte Tradition, nicht nur die besondere Qualität der asiatischen Schafwolle, sondern auch die Anspruchslosigkeit und Billigkeit der orientalischen Arbeiterinnen haben den handgeknüpften Teppich zu einem Monopol der Orientländer gemacht — von Griechenland über Kleinasien, Persien bis nach China hin. UeberaU sitzen Frauen und Kinder auf niedrigen Stühlchen vor den mit Fäden bespannten Rahmen und knüpfen Knottn an Knoten. Mit unglaublicher Geschicklichkeit gehen b;e Finger — im Traum, ja, im Schlaf, so scheint es, vermögen sie zu schlingen und zu ziehen. — 600 800, ja 1000 Knoten und mehr in einer Stunde. Acht bis zehn Stunden lang wird täglich gearbeitet. 12 000 Knoten sind die Tagesleistung der geübtesten Arbeiterinnen. Da sitzt eine Mutter, neben ihr ihr zwölfiähriaes Kind Immer wieder schaut sie prüfend auf die Arbeit, die die Kleme leistet, während die eigenen Finger mechanisch weiterknüpfen. Oh, sie ist stolz auf ihre Kleine. Arbeitet sie nicht fast schon so schnell wie sie selbst? Und die Mutter träumt: eineinhalb bis zwei Drachmen gibt es für 1000 Knoten; wenn sie fleißig sind, verdienen sie zusammen 40 Drachmen den Tag (etma 3 Mark deutsches ®e!b) — genug, um ben kranken Mann und auch noch die beiden kleinen Geschwister zu ernähren, die m;i zehn Jahren auch anfangen werden zu knüpfen; dann, dann--bann werden fie’s gut haben---Da
kommt der Auffeher. Er vergleicht das geknüpfte Stück mit dem auf Papier gezeichneten Mfter das vor
den Knüpferinnen im Fadengitter steckt. Er ist zufrieden; das Muster ist gut eingehalten, und dennoch nicht so schematisch, baß jene kleinen Unregelmäßigkeiten unb Abweichungen unterblieben wären, bie man an „echten", d. i. handgeknüpften Teppich so schätzt und bie ihn vorn Maschlnenteppich augenscheinlich unterscheiden.
Früher hatten es die Snüpferinnen schwer Da ging der Aufseher hinter den Knüpfrahmen umher unb diktierte ihnen den Teppich in die -and hinein. Da hieß es scharf aufpaffen und auf feine Absichten verständnisvoll eingehen, da gab es aber auch berühmte Arbeiterinnen, auf die eine jede Manufaktur stolz war und die im Lohn wesentlich höher fliegen. O ja, Teppichknüpfen ist eine Kunst — wie ein Tonkünstler auf seiner -arfe, so spielen diese orientalischen Frauenhände auf ihrem Knüpfrahmen Jahre hindurch, bis ihre Augen blind und ihre -ände stumpf und müde werden. Wenn der Fabrikherr barmherzig ist, dann behält er die alte Arbeiterin und läßt sie wenigstens noch die Wolle in Fäden schneiden, in jene zwei bis vier Zentimeter langen Fäden, die in allen möglichen Farben über dem Kopf der Knüpferin hängen unb aus denen sie die geeigneten herausgreift und einknüpft.
Ach, nun läßt die kleine Knüpferin die -ände sinken. Die Finger tun ihr weh. Zu wenig noch sind sie an d:e anstrengende Knüpfarbeit gewöhnt. Die Mutter wirst einen besorgten Blick auf sie. Sie wirb doch nicht etwa den Krampf in die -and bekommen? Dann wäre sie
zur Knüpferin ungeeignet. Das Mädchen ringt b’e -ände ineinander, preßt sie zusammen, massiert sie, eine an der anderen, bann greift sie roieber nach Wollfäden. Flüchtig huscht vielleicht die Vorstellung einer grünen Wiese durch ihren Kopf, auf der sie vor kurzem noch mit anderen Kindern gespielt hat, ihr Mund verzieht sich traurig, vielleicht wischt sie auch verstohlen ein# Träne hinweg — — ja, viel Not, viele Freudlosigkett ist in einen dieser orientalischen Teppiche, die unser Entzücken erregen, hineingeknüpft. Wehmut kann uns an« wandeln, wenn wir sehen, wie hier ein umher Kunft» zweig, eine -auskunst, die ehedem noch die ärmste orientalische -ütte in etwa zierte, zur Industrie geworden ist. Wenn die künstlerische Phantasie des Dcci- bents sich in ölgemalten Bilbern, in holzgeschnitzten Figuren und Sklupturen ausbrückte,
bie orientalische Phantasie malte unb gestattete In Teppichen, wanbbehängen unb Decken.
Selbst bie Kameldecken waren unb sind vielfach heute noch Gegenstände künstlerischen Ehrgeizes und hin und wieder findet man unter den Brücken in europäischen -äufern solche, die dem Kenner verraten, daß sie ursprünglich einmal eine Kameldecke gewesen sind aus der man die Taschen entfernt hat. So kann es nicht wunder nehmen, daß im Orient die Teppich« auch mit den Dolkssitten und Religionsgebräuchen eng verbunden sind, wofür die sogenannten Gebetsteppiche Zeugnis oblegen, die in ihrem Motiv meist irgendwie die Umr.ffe einer Moschee barbieten und die der Muselmann, wenn »r daraus fein Gebet verrichtet, mit dem Kuppelmoti» in der Richtung nach Mekka legt.
UeberaU im Orient sind bie Arbeitsbedingungen und die Methoden ähnlich. Dennoch aber verrät ein jeder Teppich für den Kenner sofort seinen Ursprung, feine „Provenienz". Em kleinasiatischer Teppich ist anders als ein persischer, ein afghanischer anders als ein chinesischer. Und auch innerhalb der einzelnen Länder hat jede Gegend, ja jede Manufaktur, ihre besondere Knüpft Methode, ihre eigenen Muster, Farbenliebhabereien uiw. Ein SInatoI, ein -eris, ein Afghan. ein Schiras, ein Täbris, ein Kirman oder gar ein Chinese, der besonders eigenartig wirkt, können kaum je miteinander verwechselt werden. Zwei Knotenarten sind besonders zu unterscheiden, der Giordesknoten und der Senneknoten. B-i dem ersteren werben aus jedem Wollfaden zwei Knotungen hergestellt, bei dem letzteren dagegen nur ein Knoten. Natürlich ist der letztere der wertvollere Er wird vornehmlich in Persien gebraucht, während der erstere in Kleinasien bevorzugt wird. Persertenpiche sind daher im allgemeinen wertvoller als kleinasiatische ober griechische. Der vielgepriesene Smyrnateppich, in dessen Weichheit die Dichter in ihren Erzählungen so gern die zierlichen Frauensüße „versinken" lassen, >st einer der am wenigsten wertvollsten, und gerade die „Weichheit", die darauf beruht, daß die Fäden nach dxr Knüpfung nicht kurz, sondern lang geschnitten werden, ist ein Nachteil; die Fäden werden deshalb länger gelassen, weil die Teppiche lockerer geknüpft sind, man gibt ihnen deshalb einen reicheren „Flor", wie der Fachmann sagt. Aber dieser „Flor" nutzt sich schneller ab weil die Fäden lang liegen, während man bei kurzgeschnittenen dichten Teppichen den Wollfäden gewissermaßen auf den „Kopf" tritt, was eine viel geringere Abnutzung bedingt. Man kann im großen ganzen sagen, daß ein Teppich um so wertvoller ist, je dünner unb fester er also ist. Im übrigen ist bie anatolische Teppichmanufaktur in ben Jahren nach bem Weltkrieg zum großen Teil nach Griechenland übergefiebett; sie lag hauptsächlich in ben -änden von Griechen, die nach dem Kriege in ihre -eimat zurückgekehrt sind.
Der Knüpfrahmen für einen Teppich besteht aus den senkrechten Settfabenpaaren. die durch je einen Schußfaden, der hin und zurückläuft, zusammengehalten werden. In diesen Fadenrahmen werden nun die Wollfäden geknüpft, einer immer dicht an den anderen. Di« gröbere kleinasiatische Arbeit weist etwa 15 bis 25 Knoten auf 10 Zentimeter Kettfaden auf, die feineren Teppiche dagegen kommen auf 40. 50. 60 und mehr Knoten für dieselbe Länge. Eine Zählung der Knoten ergibt also bereits einen wichtigen Anhaltspunkt für die Gür« eines Teppichs. Mindestens sollten auf den Quadrat- dezimeter umgerechnet, 400 bis 500 Knoten festzustellen fein. Danach kann man bie Gesamtknotenzahl eines Teppichs berechnen. Auf ben Quadratmeter entfallen bereits, eine mittlere Qualität angenommen, 70 000 Kno-
Der Ulann vom Meer.
Von Julius Regis.
Uebertragen au? bem Schwedischen. ®. Müller-Verlag, München
5] Die Nacht hat tausend Augen.
Der Vater schüttelte den Kops, „Du moderner Skeptiker! Komm mal mit! Ich will dir etwas zeigen." Sie gingen nach der Bibliothek, und Reynold holte ein abgenutztes ledernes Buch hervor, dessen vergilbte Blätter mit abgeblaßter Schrift bedeckt waren. „Dies ist bas Tagebuch des Rosenkreuzlers Christian Reynold, worin er über ein Erlebnis des Rittmeisters Gustav -egelius im August 1812 berichtet. Man feierte ein Fest, unb als bie von Wein erregten -erren auf den Mann vom Meer zu sprechen kamen, vermaß sich -egelius, allein nach der Kajüte zu gehen und dort bis nach Mitternacht zu bleiben. Kurz nach halb zwölf vernahmen die anderen einen Pistolenschuß aus der Richtung, unb als -egelius zurückkam » . . -ier, lies selbst!"
Unb Erik las: „. . . kehrte gegen Mitternacht zurück. Dar sehr aufgeregt unb sagte, er hätte „cet etre abomi» Nable" am Stranb vor ber Kajüte gesehen, unb es sei vier bis fünf Ellen lang, breit wie ein Ochse über die Schultern und glänzend blank wie ein Meergetier. Ein Gesicht hatte es nicht und ging mit schweren Schritten Nach bem Wasser hinab. Gustav schoß nach ihm, als er mit einem Sprung in ber See verschwand. Ein mirafu« teufes Erlebnis, desto mehr, als mein Schwager unb ich om nächsten Tage keine Spuren auf bem feinen, feuchten Sanb fanben. Vor den Mächten der Finsternis bewahr uns Gott!"
-ugo Reynold blätterte ein paar Seiten um unb deutete stumm auf eine andere Stelle.
„Mein lieber Schwager Rittmeister Gustav -egelius stürzte am vergangenen Sonntag mit dem Pferde unb verschieb am selben Abend. Man gebende des 12. August. Der Meermann warnte ihn sicherlich vor jähem Tod. . ."
Ein Weilchen blieb Erik stumm. Dann sagte er: „Man scheint aber nicht geglaubt zu haben, daß es der Mann vom Meer war, der dort spukte."
„Du bist schwer zu überzeugen", versetzte sein Vater. „Wir werden ja sehen. Adam Drakendorch sagte neulich . . ."
,,-ast du die Sache mit dem besprochen?"
„Ja."
„Unb was sagt er dazu?"
„Er interessiert sich ledhast für solche Sachen. Sie sinb nämlich Spiritisten."
Unb Colt ebenfalls, bachte Erik. Er begann zu denken, daß er vielleicht doch gut tun würde, mit nach -amra zu fahren, zumal da der Dormittagsdampser nicht in Jä- garö anlegte.
„Das tut er nur, wenn er Passagiere an Bord hat", erwiderte Märta, die mit Erik auf der Brücke stand. „Post und Zeitungen pflegen wir bann aus -amra abzuholen. Du kommst boch mit?"
Erik starrte bem Boot versonnen nach.
„3a," sagte er. „Ich komme mit."
♦
Bali» barauf kam ein kleines Motorboot blitzschnell über ben Sunb herüber. Märta sagte, es gehöre bem Ingenieur Colt unb werbe von Drakenborchs Diener Napoleon geführt. Als sie an Bord gingen, fah Erik, daß ber Mann ein großer, kräftiger Mulatte war, der in seinem blauen Overalls wie ein Mechaniker aussah. Nach zwei Minuten erreichten sie die Landungsbrücke unb stiegen zu bem verfallenen alten Steinhaus hinauf, besten klotzige Umrisse nur unbeutlich zwischen ben dichten Laubmasten des Parks zu sehen waren. Behrmann war offenbar nicht geneigt, etwas für das -aus zu tun, an dessen Seeseite irgend jemand eine weiße, mit wildem Wein berankte moderne Veranda angeklebt hatte.
Dort erhob sich ein korpulenter Mann, als sie näherkamen, und trat ihnen mit einer Verbeugung entgegen. „Seien Sie mir willkommen, mein -aus ist bas Ihre. Ach, wohl ber junge -err Ingenieur? Sehr erfreut, -err Reynolb". Drakenborch hatte gelbbraune Augen, trug einen weißen Anzug mit roter Schärpe um ben umfangreichen Leib unb hatte eine auffaüenbe Ähnlichkeit mit bem älteren Alexanber Dumas. Während man sich lebhaft unterhielt, sah Erik sich vergeblich nach Colt um. Ob er sich sernhalten würde? Das sah ihm nicht ähnlich.
„Ich habe -unger schrecklich!" sagte Drakenborch. „Auch Sie, Sennorita, nicht wahr? Gehen wir alle hinein, ja?" Sein Schwedisch war schwer zu verstehen und klang mehr wie Dänisch.
Während die übrigen ins -aus hineingingen, blieb Erik stehen, denn plötzlich war Colt aufgetaucht, stand mit beiden -änden in den Taschen neben ihm unb blickte ihn an.
„Du bist nicht abgereift", sagte Colt. Ihre Augen trafen sich — Eriks hart, unb Colts ironisch.
„Nein, unb ich ahnte nicht, baß ich dich hier treffen würde. Das bedarf einer Erklärung, Colt!"
„In diesem Falle beiderseits. Aber wir können sie wohl aufschieben. Man erwartet uns da drinnen."
„Weshalb bist du hier?"
„Die Welt ist klein, und Adam Drakenborch ist mein Freund."
„Das Wort Freundschaft scheint dir geläufig zu fein, aber mir gegenüber brauchst du von jetzt an feine Redensarten zu machen. Ich habe deine Geheimniskrämerei tennengelernt. Du ließt mich von Iägarö sprechen, als ob du nie davon gehört hättest, und dabei warst du hier gewesen und kanntest sogar meinen Vater unb meine Kusine. Wie nennt man bas, Colt? -ast bu keine Redensart auf Lager?"
„Nimm an, daß es ein Scherz war — daß ich dich überraschen wollte."
„Bravo, Colt, gut erfunden! Du scheinst ein Talent für Ueberrafdjungen zu haben. Aber daß bu versuchtest, mich zu feiger Flucht zu verleiten, während du selbst geradeswegs hierher fuhrst — das vergeß ich dir nicht."
„Bedenke gefälligst ein gewisses beklagenswertes Ereignis, das unsere Pläne störte Ich tat für dich, was ich konnte."
„So? Eitel Selbstlosigkeit?" Erik trat einen Schritt näher. „Genug von dem Gewäsch, Colt! Weshalb bist du hier?"
„Ich sagte dir ja beim Abschied, daß ich eine Ausgabe zu erfüllen hätte, und zufällig gerade hier — bei meinem Freund Drakenborch. Aber — gestatte mir zu bemerken, daß Fräulein Drakenborch kommt, uns zu holen."
Natürlich blieb Erik nichts anderes übrig, als der jungen Dame mit verbindlicher Miene entgegenzugehen.
Trotz feiner augenblicklichen Stimmung machte Dolores Drakenborch einen starken Eindruck auf ihn. Mit ihrem schwarzen -aar und ihrer weißen -aut war sie eine eigenartige, temperamentvolle Schönheit. Das kleine, runde Antlitz mit den langen Augenbrauen unb ber kleinen, geraden Nase unb gekrümmten, schwach beschatteten Oberlippe waren ausfallend hübsch. Aber ihr größter Zauber bestand in den großen, dunklen Augen. Weit geöffnet blickten sie zu Erik empor, während Colt feinen „Freund" nachlässig vorstellte.
„Es ist sehr liebenswürdig von Ihnen, uns einen Besuch zu machen, während Sie zu -ause sind!" Sie sprach ein besser» Schwedisch als ihr Vater, wenn auch mit vorsichtig suchendem, eingelernt korrektem Tonfall. „Werden Sie lange hierbleiben? Sie Ingenieure haben ja soviel zu tun unb zu reifen . . ."
„Ja, bas haben wir", murmelte Colt.
Erik warf ihm einen flüchtigen Blick zu. „Ich werde eine Zeitlang hierbleiben", erwiderte er bann ruhig. „Mein Vater wünscht es".
*
Der Drakenborchsch« -ausstanb ermangelte offenbar jebes Systems. Die Zimmer machten einen vernachläs- ten Einbruck unb ber Frühstückstisch mal mit Blumen überladen, wohingegen das Tischtuch Tobias ein mißbilligendes Kopfschütteln entlockt haben würde. Erik saß neben Dolores, brauchte aber nicht viel Unterhaltung zu machen, da -err Drakenborch ziemlich ausschließlich das Wort führte.. /
„Ich spreche Skandinavisch," sagte er zu Märta. „Dänisch ist ein Freund von uns in -avanna, schwedisch ist Colt — diese haben mich gelehrt."
,,-avanna ist also Ihre -eimat?" fragte Erik.
„Ich bin Kubaner," erwiderte Drakenborch. „An Gomes und Maiers Seite kämpfte ich für Kubas Freiheit."
„Da haben Sie ja eine weite Reife gemacht, -an- belt es sich um Geschäft«, wenn ich fragen darf?"
„Geschäfte?" Er betrachtete Erik mit emporgezoge- nen Augenbrauen.
„Busineß macht man, wo man gute Chane- findet. Der Däne mußte fein Land besuchen, und ihen