Einzelbild herunterladen
 

Haltung abhängig machen davon, ob der Außen­minister noch weitere Erklärungen abgebe.

Abg. Dr. Breitscheid (Soz.)

führte dann aus, die dornenvolle Erfüllungspolitik habe mindestens den Erfolg gehabt, daß die ganze Welt jetzt einsehe, wie schädigend eine Deutsch­land zugemutete übermäßige Reparationslast auf die Wirtschaft der ganzen Welt wirke. Der Vor­schlag des Franzosen Graf d'Ormesson lei eine brauchbare Diskussionsgrundlage. Revision der Reparationsverpstichtungen werde am besten dann verlangt, wenn Deutschland vorher Ord­nunginseine eigenen Finanzen gebracht habe. Die Vereinigten Staaten würden schließlich in ihrem eigenen Interesse eine andere Rege­lung der interalliierten Schulden- /rage vornehmen müssen. Die von den Sozial­demokraten immer für notwendig erklärte deutsch- französische Verständigung sei auch in vielen Arti­keln vo.n Adolf Hitler propagiert worden zu lener Zelt, als er sich bei dem Franzosen Gustave Herve in Ueberschätzung von dessen Bedeutung habe anbiedern wollen. Die Deutsch­nationalen, so fuhr Dr. Breitscheidt fort, haben angekündigt, sie würden uns Sozialdemokraten hier entlarven und nachweisen, daß wir französische Geldgeber hätten. Wir warten vergeblich auf die Entlarvung. Der Ankläger ist nicht erschienen, und wir Angeklagten erklären: Wer eine solche Behauptung aufstellt, macht sich einer scham­losen Verleumdung schuldig. (Lebhafte Zu­stimmung bei den Sozialdemokraten.) Wir wollen unsere Revisionsakten nicht verquicken lassen mit der italienischen Revisionsbewegung, die einen imperialistischen nationalistischen Charakter trägt. Acht Tage nach dem Erfolg des volkspartei- ttchen Außenministers Dr. Curtius in Genf hat der volksparteiliche Abg. v. Seeckt den Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund ge­fordert mit der Begründung, Deutschland könne selbstverständlich im Völkerbund nur Niederlagen erleiden. Ich glaube, das ist weder politisch noch taktisch und strategisch klug. Wer den Austritt aus dem Völkerbund fordert, müßte nachweisen, saß Deutschland außerhalb des Völkerbundes größere Erfolge erzielen kann, und dieser Nach­weis wird nicht möglich sein. Wir lehnen selbstver­ständlich den Mißtrauensantrag gegen den Außen­minister ab. Wir verlangen R e v i si on d er Ost­grenzen, lehnen aber eine deutsche Aufrüstung ab. Wir können uns nur auf den Rechtsstandpunkt stellen: Die andern haben sich zur Abrüstung verpflichtet. Wo wollen Sie (nach rechts) überhaupt die Millionen zur Aufrüstung henreh- men, etwa aus dem Sozialetat oder aus den Millionen des Herrn Tausend in München (Heiterkeit links, Unruhe rechts) ? Wir treiben die Politik, die im Interesse des deutschen Volkes und besonders der Arbeiterschaft liegt. Wenn das marxistische Außenpolitik ist, so hat sie das deutsche Volk gerettet und wird das Volk vor noch Schlimmerem bewahren (Beifall bei den Soz.).

Abg. Graf von Westarp (konservativ)

lehnt einen Zusammenschluß europäischer Staaten, der lediglich die Grundlage des Versailler Vertrages aufrecht erhalten solle, ab. Ohne Beseitigung des Versailler Diktates bleibe die Sicherheit nicht nur Deutschlands, sondern auch aller anderen europäischen Länder gefährdet. In der Abrüstungsfrage müsse der deutsche Standpunkt unbedingt klarer und entschie­dener herausgearbeitet werden. Der Welt müsse gesagt werden, daß auch,dem deutschen Vol( Lin mal die Geduldreiße, und daß es sich nicht länger das Recht nehmen lassen könne, selbst über die Verteidigung von Heimat und Herd, von Ehre und Freiheit zu entscheiden.

Damit schließt die Aussprache.

Auf Vorschlag des Vizepräsidenten Esser wurde beschlossen, nur die Abstimmung über die Miß- irauensanträge vorzunehmen. Mit großer Mehrheit wird darauf Uebergang zur Tages­

ordnung über den d eutschnationalenMiß- ' trauensantrag beschlossen.

In namentlicher Abstimmung wird dann der vom Landvolk und von den Kommunisten eingebrachte Mißtrauensantrag gegen den Außen­minister Dr. Curtius mit 255 gegen 87 Stimmen bei 29 Stimmenthaltungen abgelehnt.

Für den Mißtrauensantrag haben gestimmt die Kommunisten, das Landvolk und die C h r i st l i ch s o z i a l e n. Die Wirtschaftspartei und die Volksnationalen haben blaue Karten (Stimm­enthaltung) abgegeben, und die Volkskonservativen haben sich an der Abstimmung nicht beteiligt.

Gegen 9 Uhr vertagt sich das Haus auf Donnerstag, 3 Uhr. Auf der Tagesordnung steht die Ersatzwahl für den früheren Vizepräsidenten Stöhr, dieAbstimmung über die Anträge zur Außenpolitik und der Etat des Wirtschafts­ministeriums.

Zur Lriegsschuldfrage.

Im Reichstage haben die Abg. D a u ch - Hamburg (D.V.P.) und Perlitius (Zentr.) eine Entschließung zur Kriegsschuldfrage einge­bracht, in der es u. a. heißt: Deutschland fordert die Berufung eines internationalen Ausschusses von unparteiischenSach- verständigen, der allein ein objektives Urteil über die Vorgänge abgeben kann, die zum Aus­bruch des Weltkrieges geführt haben. Der Reichs­tag ersucht die Reichsregierung, alle ihr möglichen Schritte zu tun, um diese Forderung burd)3U = setzen.

-Schade, daß der Mann Zentrum ist!"

In der „Neuen Züricher Zeitung" vom 10. Februar, dem bekannten führenden libe­ralen Blatt der Schweiz, lesen wir folgende frei- mütige Aeußerung eines süddeutschen Mitarbeiters: „Schade, daß der Mann Zentrum ist!" Diese Aeußerung, die wir neulich von einer Persönlichkeit der Wirtschaft über Brüning hörten, ist instruftiv für die Einstellung beträchtlicher Kreise. Das kon­fessionelle M o me n t ist in Deutschland immer noch ein starkes Jmponderabile. Es hindert zweifellos viele, eine unbefangene und vorurteils­lose Stellung gegeüüber dem Kabinett Brüning ein­zunehmen, aber es besteht nun einmal, und es schwingt mit in der Stimmung. Die Nationalsozia­listen haben dafür ein gutes Gefühl; sie arbeiten mit solchen Stimmungen. Ihre Agitation pflügt nicht umsonst sehr stark mit einer leidenschaftlichen Polemik gegen Zentrum und katholische Kirche und verwertet für ihre Zwecke eine weitverbreitete Strömung protestantischer Kreise, die sich innerlich aufbäumt gegen die katholische Führung, ohne allerdings dem Reich aus ihrer Kraft heraus einen Ersatz der starken staatspolitischen Kräfte und der maßvollen, klugen Leitung geben zu können, die das Zentrum darstellt.

Anderseits schwingt in jener oben zitierten Aeu- tzerung doch auch eine Anerkennung der Lei­stung Brünings selbst solcher Kreise mit, die aus weltanschaulichen Gründen nicht gewogen sind. Es ist kein Zweifel: In den ruhigen, politisch nicht rettungslos verhetzten Kreisen unserer Bevölkerung hat die ruhige, zähe Art des Reichs­kanzlers, die fest ihr Ziel im Auge behält, Boden gewonnen. Es macht doch Eindruck, wie der Mann sich durch keine Angriffe beirren läßt und den Mut hat, den Stier bei den Hörnern zu packen. Seine Reise in den Osten, wo eine brodelnde, ihm großenteils feindselige Stimmung herrschte, sein Auftreten Hei den Industriellen in Sachsen, wo der genlUs loci wahrlich nichts weniger als günstig ist, die Entschiedenheit gegen die Nationalsozialisten wie gegen gewisse Tendenzen der Schwerindustrie im Rheinland hat auch in Süddeutschland Eindruck gemacht. ___________

♦ Die Beleihung der Reichsbahnvorzugsaktien. Wie wir von gut unterrichteter Seite erfahren, ist die Aktion des Reichsfinanzministeriums wegen der B e v o r f ch u s s u n g der Zahlungen für die

Eisenbahn-Vorzugsaktien heute endgültig ab­geschlossen worden. Auch die englische und die französische Bankengruppe, deren Unterschriften noch ausstanden, sind dem Abkommen nunmehr beige­treten. Die Bedeutung dieser Transaktion liegt nach der Ansicht politischer Kreise weniger in der Höhe des Betrages, der sich nur auf 130 Millionen beläuft, als vielmehr in der Tatsache, daß auch sehr maßgebende französische und englische Finanzkreise sich an dem Geschäft beteiligt haben. Man sieht darin einen Beweis dafür, daß auch das Vertrauen in die Entwicklung der deutschen Verhältnisse auch im Ausland wiederkehrt.

Die Zammercslle der Deukschnakionalen.

Aus dem Reichstag wird uns geschrieben:

Zu dem Beschämendsten, was man dieser Tage im Reichstag erleben konnte, gehörte doch wohl die Jammerrolle, die die D e u t s ch n a t i o n a len im Kampfe um Ordnung und Gesittung, um Diszi­plin und Anstand im Hause der deutschen Volks­vertretung spielten.

So etwas Blamables hat man von Seiten einer bürgerlichen Partei bisher wirklich noch nicht erlebt. Da verbünden sich die Deutschnationa­len, die als die Erben der ehemals mit hohem Respekt genannten und hohen Respekt genießenden Konservativen Partei sich bezeichnen, mit Nationalsozialisten nicht nur, sondern auch mit den Kommunisten zu einer Aktion, die darauf hinausläuft, positive Arbeit im Deutschen Reichs­tag zu sabotieren, berufsmäßigen Verleumdern und Ehrabschneidern einen F r e i b r i e f «zu ge­währen!

Wohin ist unter Hugenbergs Führung diese Deutschnationale Partei gekommen! Er­innert man sich in deutschnationalen Reihen denn heute noch daran, daß die Deutschnationalen selbst im Reichstag durch ihren Abgeordneten Wall­raf einmal einen Präsidenten gestellt haben, der mit äußerster Energie gegen diejenigen einschritt, die die Ordnung des Hauses störten und ins­besondere sein Ansehen herabsetzten! Und gerade gegen die Maßnahmen des damaligen deutsch- nationalen Präsidenten Wallraf hatte sich der Ansturm der Kommunisten in solchen Formen vollzogen, daß die Deutschnationalen damals bereit waren, einer Aenderung der Geschäftsordnung des Reichstags mit viel weiteren und schärferen Reformen zuzustimmen, als sie überhaupt jetzt in Rede stehen.

Und heute schließen diese selben Deutschnatio­nalen mit diesen selben Kommunisten ein Bündnis! Und diese selben Deutschnationalen unterstützen einen vor persönlichen Beleidigungen und Be­schimpfungen nicht zurückschreckenden Kampf gegen Ordnung und Disziplin, gegen Sauberkeit und praktische Arbeit!

Man konnte es ja nun beim Fortschreiten der Reform-Debatten int Reichstag oft bemerken, wie unbehaglich es vielen dentschnationalen Per­sönlichkeiten bei all dem wurde, was sie da hören und sehen mußten! Manch einer hat sich still aus dem Saale geschlichen. Aber Hugenberg gab den Kampf nicht auf. Wiederholt sah man rhn Seite an Seite mit Goebbels, und schließlich mußte er hochroten Kopfes feststellen, daß er von seinen eigenen Leuten sozusagen verlassen war! Fast alle waren von ihm gewichen.

Was sagen wohl die deutschnationalen Wähler, namentlich in Westdeutschland, zu dieser Rolle ihrer Vertreter im Deutschen Reichstag? Und wer verrät uns etwas von der Stimmung des Herrn Professors Dr. Martin Sxahn?

* ' . x

Nachdem die Nationalsozialisten auf Grund ihrer Erklärung am Dienstag die Arbeit im Reichs«; tag eingestellt haben, wird die Fraktion der Deut­schen Staatspartei an den Reichstagspräsidenten Loebe eine Anfrage richten, ob die Nationalsozia- listen beim Reichstagspräsidium Urlaubs an­träge gestellt haben.

Es gilt nämlich nunmehr zu prüfen, welche Folgerungen sich aus der Erklärung der National­

sozialisten ergeben. Der § 1 der Eeschäftsorln bestimmt, die Reichstagsmitglieder sind verpfn« sich an den Arbeiten des Reichstags zu betritt. Im § 2 heißt es: Urlaub bis zur Dauer 3 Woche erteilt der Präsident, für längere geitbc der Reichstag. Urlaub auf unbestimmte Zeit nicht erteilt. ‘ ‘ 0!r&

Der Aeltestenrat dürfte sich in seiner näfift. Sitzung mit diesen Fragen befassen.

Sinnloses Treiben.

Im Lärm der Sitzung am Dienstag sind einfo Worte untergegangen, die der deutschnatio* na le Sprecher am Schluß seiner Rede zur $,* gründung.des Auszuges seiner Fraktion aus dem Reichstag vorbrackfte und die um ihrer Kraßb-j! willen doch wert sind, aufbewahrt zu werden. D» Pressedienst der Deutschnationalen Volkspartei ver zeichnet den Satz: „Dies Haus (der Reichstag) heute eine Zwingburg der Feinde Deutschlands." Damit haben die Deutsch, nationalen einen Tiefpunkt nationaler Würdet losigkeit erreicht, der kaum noch überboten werden kann.

„Wir warnen die Weltöffentlichkeft Beschlüsse dieses Reichstags für Beschlüsse des deutschen Volkes zu halten!"

So sprach int Reichstag der Abgeordnete Stöhr. Schon vorher hatte er an die „Welt, öffentlichkeit" appelliert. Sie sollte den Nazis hei. fen, den Kampf um Ordnung und Sauberkest/stn Deutschen Reichstag zu sabotieren!

Und jetzt soll diese selbe Weltöffentlichkeit daz^ oufgetufen werden, dem deutschen Volke keinen politischen und keinen anderen Kredit zu geben! Die Nazis suchen sich also Helfershelfer für ihre Zerstörungsarbeit im deutschen Lande und beut, scheu Volke i m Ausland!

*

In einer deutschnationalen Versammlung itt Oldenburg machte der Abgeordnete Stubbendorf von dem etwa zu der gleichen Zeit in Berlin er­folgten Auszug der Rechtsopposition aus deut Reichstag Mitteilung. Er erklärte dabei u. a., die Rechtsparteien seien auf Vorschlag von Hugenberg, dem sich die Nationalsozialisten an. geschlossen hätten, aus dem Reichstage ausgewogen. Diese Rechtsopposition beabsichtige, ein Rumpf. parl'amentdernationalenOpposition zu bilden. Nach der Versammlung wurde diese Mitteilung gegenüber einem Berichterstatter der „Oldenburger Nachrichten" dahin erweitert, daß das Rumpfparlament in Weimar tagen solle.

Die „Oldenburger Zeitung Nachrichten für Stadt und Land" hat sich bei der deutschnationalen Par- teileitung in Berlin telephonisch erkundigt und berichtet, die Parteileitung habe erklärt, daß sie von der Bildung eines Rumpfparlamentes in Weimar nichts wisse.

Der Plan ist auch so dumm und hoffnungs- los, daß selbst die Abgeordneten, die sich von Hugenberg selbst bereitwillig führen lassen, nichts von ihm wissen wollen.

*

Die Landvolkpartei hat die drei Abge­ordneten Wendthausen, v. Sybel und Sieber, die am Dienstag mit den Nationalsozialisten und Deutschnationalen den Auszug aus dem Reichs- tage mitgemacht haben, aus der Parier' ausgeschlos. fen. Der Abgeordnete Haag wurde nicht ausge­schlossen.

Der Pressedienst der Deutschen Zentrumspattei zittert zum Beweis dafür, wie die Immunität mißbraucht wurde, ein Plakat, das eine Rede des Abgeordneten Goebbels in Hamburg mit fol­genden Worten ankündigte:

„Es spricht der Parteigenosse Dr. Goebbels, genannt der „Bandit von Berlin". Inhaber der Immunität, kann reden, was er will".

Wenn solchem Unfug ein Ende gemacht wird, klägt man über „Mundtotmachung" und „Nieder- fnüttefang".

A

*<12 2*

und bis zum IQ Jahre dürfen Sie für die empfindliche Haut Ihres Kindes nur die milde NIVEA KINDERSEIFE

verwenden. Nivea-Kinderseife wird nach ärztlicher Vorschrift hergestellt; schonend dringt der reiche Schaum in die Hautporen ein und macht sie frei für eine

60 Pf», gesunde u kräftige Hautatmung.

'Nivea-Creme

Ä • : M8U

in Dosen RM o-20, o3O, o.GO und UO / In Tuben atu reinem Zinn RM 0.50 u. 0.80

Und zwar vorher einrejben. bevor Sie In die rauhe Luft hinausgehen. Nivea-Creme dringt vollkommen in die Haut ein. ohne einen Glanz zu hinterlassen. Sie kräftigt und belebt die Haut und macht sie widerstandsfähig gegen Wind und Wetter. Nivea- Creme verhindert, dass die Haut rissig und spröde wird. Reiben Sie auch allabendlich vor dem Sdiiafen-

. gehen Gesicht u. Hände gründlich mit Nivea-Creme ein. Mit Freuden können Sie dann immer wieder feststellen, wie weich und geschmeidig Ihre Haut sich anfühlt, und wie gesund, wie jugendlich Sie aussehen. Keine andere Hautcreme - mag ihr noch so viel nachgerühmt werden - kann Nivea-Creme ersetzen, denn nur sie enthält das hautpflegende Eucerit.

An rauhen Tagen, beim Wintersport

NIVEA-CREME

Das Herz in der Faust.

Roman eine» jungen Menschen.

Von Peter Heinrich Keulers.

' 32] ----------

i Er maß Wilhelm mit einem Blick, der ungestört be­sagen sollte: Dich haben wir. noch rechtzeitig erwischt, und bedeutete mit einer kurzen Wendung des energischen Kopfes, daß Wilhelm aus der Zelle herauskommen solle. Diesem stieg das Blut in den Kops. Aber er faßte sich, lächelte über die komische Rolle, die ihm wider Willen zugedacht war, und folgte dem Kommissar in das nebenan liegende Zimmer.

„Setzen Sie sich!" klang es ihm entgegen. Wilhelm tat es und ließ sich dem Beamten gegenüber am Schreib­tisch nieder. Seine Augen weiteten sich, als der Beamte anfing, ein Paket aufzuschnüren, aus dem er den An­zug Wilhelms heroorholte. Er legte die Sachen, die Jacke und dann die Hose, neben sich auf den Schreiü- tffch, breitete die Weste vor sich aus und griff langsam und bedächtig hinter das aufgetrennte Futter.. Dann ent­faltete er den Plan, der dahinterstak, hielt ihn Wilhelm vor die erstaunten Augen und fragte hämisch:

„Kennen Sie das?"

Wilhelm sprang aus und griff nach dem Papier. Der Kommissar zog die Hand zurück und faßte Wilhelm scharf ins Auge.

„Herr Kommissar, wie kommen Sie zu meinen Klei­dern?" herftchte ihn Wilhelm an.

„Kennen Sie diesen Plan?" fragte der Kommissar mit stählernem Ernst.

1 „Bei Gott, nein! — Was soll das alles überhaupt?" Wilhelm faß bebend auf dem Stuhl und legt« die Fäuste geballt auf den Tisch.

„Was das soll? — Nun, das werden Sie besser wis­sen als ich. Wir haben in Ihren Kleidern einen ziemlich genauen Plan der Unglücksstelle gefunden. Wir haben ferner Zeugen, die gesehen haben wollen, daß Sie Dyna­mit in der Zeche kistenweise auf Seite gebracht haben, wir haben . .

„Ich?" sprang ihm Wilhelm entgegen.

. wir haben", fuhr der Kommissar aufzählend fort, ,Fie starke Vermutung, daß Sie der Anstifter des

Attentats sind, dem so viel arme Teufel zum Opfer ge­fallen sind."

Wilhelm ließ sich auf den Stuhl zurückfallen und lachte grell auf.

„Herr Kommissar, ich bewundere Ihren Scharfsinn. Aber Sie wissen anscheinend noch nicht, daß ich selbst unten im Dreck gesessen habe und erst heute nacht wie durch ein Wunder gerettet worden bin."

Seine Stimme war scharf und bifsig geworden, fein Kopf reckte sich vor, und sein Gesicht bekam nun' auch einen Zug überlegenen Spottes.

„Anscheinend sind wir besser unterrichtet als Sie glau­ben, junger Mann — auch über die famosen Pläne, die Sie bei Herrn Vandermeulen in Holland geschmiedet haben."

„Was so ich getan haben?" Wilhelm geriet außer sich- '

„Nun, man wird Ihnen Ihr Sündenregister schon Vorhalten", gab der Kommissar, vor Erregung bebend, zurück.

„Selbstverständlich werden Sie in Untersuchungshaft genommen und dem Richter vorgeführt. Ihre Persona­lien habe ich inzwischen feststellen lassen. Wollen Sie mir den Personalbogen hier unterfdjrciben!“

Wilhelm überflog das Papier und setzte seinen Na­men mit zuckender Hand darauf. Der Kommissar drückte auf seine Tischklingel, ein Polizist trat ein und be­deutete ihm, mitzukommen. Wilhelm erhob sich, zögerte einen Augenblick, wandte sich wieder an. den Kommissar, diesmal fast flehend, und sagte:

„Ich — Sie können mich doch nicht — Sie müssen doch — es muß doch ein Mittel geben gegen diese Unge­rechtigkeit — ich habe doch mit der ganzen Sache nichts zu tun. Ich protestiere gegen. .

„Protestieren können Sie vor dem Untersuchungs­richter", gab der Kommissar kühl-zurück.

Wilhelm wankte vor dem Polizisten zur Tür hinaus. Als er am Büro des belgischen Kommandanten vorbei­kam, stand Frank im Türrahmen und grinste höhnisch hinter seinen Brillengläsern, Wilhelm stutzte; aber der Beamte hinter ihm trieb zur Eile. Draußen wartete der Transporttvagcn für Polizeigefangene. Einige Neugie­rige hatten sich davor angesammell und sahen schweigend zu, wie Wilhelm einstieg.

Am Abend dieses Tages brachte die Zeitung die Nach­richt, daß der Attentäter von Neudorf bereits hinter Schloß und Riegel sitze. Obwohl keine Name genannt wurde, ging es noch am gleichen Tage wie ein Lauf­feuer durch das Dorf und die Kolonie, Wilhelm Breuer fei verhaftet und ins Kreisstadtgefängnis abtranspor­tiert. Natürlich war man sofort allgemein der Ansicht, daß er sich nur habe rächen wollen wegen der Streik- geschichte. Die Wut war groß und allgemein; sie fand bei den meisten ihren Ausdruck in dem Unwillen darü­ber, daß. man den Schurken überhaupt aus dem Loch da unten herausgeholt habe. Aber, so meinten bann einige, vielleicht habe ihn der Herrgott für eine noch gerechtere Sühne aufgespart.

Rätselhaft blieb, wie die Einzelheiten über die ganze Angelegenheit nur in Umlauf gefetzt wurden. Die Lokal- zeitung hatte nur wenig Material und erging sich immer nur in allgemeinen Vermutungen. Sie wußte z. B. am Zweiten Tage nach der Verhaftung, daß der Prozeß sich voraussichtlich lange hinziehen werde. In den Kneipen erzählt« man schon, warum Die belgische Besatzungsbe­hörde habe sich des Falles bemächtigt; Breuer fei näm­lich noch eines Diebstahls, begangen an sehr wichtigen Papieren der Besatzungsbehörde, angeklagt. Er werde wohl deshalb zuerst abgeurteilt werden.

Und merkwürdig, alle Gerüchte, die so in Umlauf ge­fetzt wurden, bestätigten sich nachher durch die Gescheh- Nisse. ,

Wilhelm Breuer, bisher in den Augen der meisten immer noch ein Kerl, • vor dem man Achtung haben wußte, wenn auch von etwas undurchsichtigem Wesen, wurde nun der Inbegriff aller Bosheit. Alles, was vor einem Jahr zum Streik geführt hatte, wurde wieder von neuem durchgehechelt. Warum er sich in Holland aufge- hälten, wußte man jetzt auch. Er hatte das Attentat von langer Hand vorbereitet, um feine Rache gründlich zu stillen. Um jeden Verdacht von sich abzulenken, hatte er es verstanden, sich die Gunst des Betriebschefs Hen­nes zu erwerben. Und was für eine Schurkerei: Der Mensch wagt es, sich vorne an das Grab der armen Opfer seines Verbrechens hinzustellen, zuzusehen, wie Frauen und Staber um ihren Ernährer jammern, wagt es, die Tochter des schmählich betrogenen Hennes wie ein Ka-valier zu überwachen, sie In das Auto zu bringen, mit dem er bann, wer weiß ,, .j

Der Volksmund wird bei solchen Ereignissen immer sehr pathetisch. Er urteilt hart und schnell, fragt nicht, wie es mit der Wahrheit stehe. Er hört da und dort, reimt zusammen, übertreibt erfindet neu und richtet nach eigenen Gesetzen, wenn ihm die gellenden nicht passen. Wer einmal hoch in der Gunst des Volkes gestanden, fallt ,tief, sobald der Stab über ihn gebrochen. Das Schicksal begeht hier nickst selten unbegreifliche Ungerechtfertigkei­ten, und der Himmel tut so, als gehe es ihn nichts an.

*

Drei Menschen wurden durch die Verhaftung Wilhelm» grausam auseinanbergeriffen. Mutter Breuer, die zu­nächst nichts von den Vorgängen erfuhr, da sie keine Zei­tung las, und die Menschen ihr aus dem Wege gingen, was sie indes kaum empfand. Die arme Frau erweckte immer mehr den Eindruck einer Schlafwandlerin, die nur sich selbst lebt und für die die äußere Umgebung nicht mehr da ist. Der zweite Mensch, Gertrud Hennes, war mit einem schweren Nervenfieber vom Begräbnis nach Hause gebracht worden und lag unter der Obhut einer Krankenschwester, die nicht einmal das Sonnenlicht in das Krankenzimmer einbringen ließ, viel weniger irgend­eine Nachricht, .die bas kranke Mädchen beunruhige» konnte. Und endlich Wilhelm Breuer selbst. „Der Atten­täter von Neudoft" war schon angemekdet, als das Poli­zeiauto in der Kreisstadt anlangte. Man wies ihm eine besonders feste Zelle zu, an denen das alte Landgericht»- :gesängnis nicht sehr reich war, zumal die Belgier eine» ganzen Flügel des Gesängnisbaues für ihre Gefangenen beschlagnahmt hatten.

Wilhelm ließ die Förmlichkeiten der Aufnahme in bas Gefängnis gebulbig, b. h. mit einer grimmigen Zurück­haltung, über sich ergehen. Er hatte Mühe genug, sim selbst aufrechtzuerhalten, um nach dem grausigen Erleb­nis der drei letzten Tage nicht zusammenzubrechen. AI» er nach der ersten Nacht morgens nicht aufstanb, rief man den Gefängnisarzt, der nach kurzer Untersuchung einige Tage Schonung anordnete. Nichtsdestoweniger kam der Untersuchungsrichter in die Zelle, um das Verhör einzu­leiten. Wilhelm lag auf einem niedrigen, eisernen Fftd' bett, hielt die Augen geschlossen und beantwortete keine Frage.

(Sortierung folgt.)