Anzeiger für die Staöt Fulda und denLandkreis Fulda
58. Zahrg
Donnerstag, 12. Februar 1931
Sie
auf parlamentarischem Boden nicht bestehen können
der Abgeordnete Stöhr
im
Landtages.
*
Vas will die Rechksopposilion riskieren?
Ilationalsoziatisten und Hugenberg-Anhänger sehen ein, daß sie
Wenn nicht alle paar Wochen gewählt wird, ist die Hitler-Bewegung erledigt. Da es aber nicht um das Gedeihen dieser Bewegung, sondern um das Heil Deutschlands geht, sollten Wahl, kämpfe in Zeiten wirtschaftlicher Krise auf ent Mindestmaß eingeschränkt werden. Wir haben wichtigere Arbeit zu leisten und haben dringendere Anlässe, Geld auszuwenden.
verlassen den Reichstag. — Nur Herr Stöhr ist da. — Die Haken- kreuzler drohen. — Aber Nervosität ist kein Zeichen von Kraft. Zum Wohl von Volk und Vaterland heißt es jetzt für die Regierung und die Reichstagsmehrheit, in ruhiger Besonnenheit weiter- arbeiten. — Das Auslands-Echo der Lurtius-Rede.
schienen. , .
Die Plenarsitzung des Reichstages beginnt wieder um 3 Uhr nachmittags. Die außenpolitische Aussprache soll heute möglichst abgeschlossen werden.
Aeltestenrat tagt.
VDZ. Berlin. 11. Febr. (Eig. Meldg). Der Aeltestenrat des Reichstages hielt am Mittwoch eine Sitzung ab, in der zu der d u r ch d i e A b st i» n e n z d e r O p p o f i t i on geschaffenen Lage Stellung genommen wurde. Es wurde beschlossen, am Donnerstag die Neuwahl eines Vize- p r ü f i d e'n t e n und zweier Schriftführer vorzunehmen, deren Posten durch die Amtsniederlegung der Nationalsozialisten frei geworden sind. Die in den Ausschüssen frei gewordenen Aemter werden von den bereits vorhandenen Stellvertretern übernommen. Die Einberufung der Ausschüsse, die bisher nationalsozialifliscbe Bor- sitzende hatten erfolgen in Zukunft durch die stellvertretenden Vorsitzenden, die diese Befugnis auch bisher schon im Falle der Verhinderung des Vorsitzenden hatten. Nach den Wahlen beginnt arn Donnerstag die Beratung des Haushalts des Wirtschäftsmini st er i u m s Deutschnat-o- nale und Nationalsozialisten nahmen auch an der Sitzung des Aeltestenrats nicht teil.
Sie leben von Wahlen!
Nationalsozialistische Anregung für Volksbegehren zur Auflösung des Reichstages.
cnb. Essen, 11. Februar. (Eig. Meld.) Die „National-Zeitung", das führende westdeutsche Organ der nationalsozialistischen Partei, regt im Leitartikel ihrer heutigen Mittagsausgabe an, nach dem Auszug der Opposition aus dem Reichstage nunmehr durch Einbringung eines Volks- begehrens auf Reichstags auf lösung den Kampf gegen den Reichstag selber ins Volk hineinzutragen. Dieser Kampf habe, so sagt das Blatt, größere Aussichten als der Kampf um die Auflösung des preußischen
.... Reichstag erschienen. Er wird sozusagen als Verbindungsmann die Geschäfte der Fraktion weiter führen. Zu den Ausschußsitzungen sind heute vormittag außer den Nationalsozialisten auch die Deutschnationalen nicht erschienen. Die deutschnationale Reichstagsfraktion hat für 12 Uhr eine Fraktionssitzung anberaumt
Am Vormittag hat im Reichstag eine Tagung der Parteilei tu ngdesLandvolks begonnen, die sich auch mit den in den letzten Tagen besonders scharf hervorgetretenen Differenzen zwischen gemäßigten und ra- dikalem Flügel in der L a n d v o l k f ra k- tion beschäftigen wird. Der Parteiführer Dr. G c r e k e, der seit einigen Tagen erkrankt war, ist zu der heutigen Sitzung der Parteileitung er»
Nach dem Auszug.
VDZ. Berlin. 11. Febr. (Eig. Meldg.). Don der nationalsozialistischen Fraktion ist am Mittwoch nur
ässe. Deutschland werde das Ergebnis genau prü- en und behalte sich vor, falls es feinen Erwartungen nicht entspreche, die notwendigen Anträge zu teilen. Deutschland wird, wie bisher, Minder- Heiten-Schutz und Entwicklung des Dolkstums- Gedankens als Hauptaufgaben feiner Außenpolitik betrachten.
Hinsichtlich der
Einstellung Deutschlands zum Völkerbund
erklärte Dr. Curtius: Kritik und Enttäuschung seien nicht ohne weiteres gleichbedeutend mit der Notwendigkeit, unsere Mitgliedschaft und damit den Kampf in Genf aufzugeben. Er warnte vor einer demonstrativen Geste, ließ aber keinen Zweifel darüber, daß die Reichsregierung nicht auf dem Standpunkt stehe, daß Deutschland unter allen Umständen im Völkerbund zu bleiben hätte, gleichviel wie die Entscheidungen in den für Deutschland wichtigen Fragen ausfallen. Heute könne jedenfalls noch nicht gesagt werden, daß die Möglichkeit, die deutschen Interessen und Ansichten in Genf zur Geltung zu bringen, endgültig als illusorisch erwiesen haben. Zur
Kriegsschuldlüge erwähnte der Minister die fahrelangen Bemühungen und Leistungen der Reichsregierung, die ihren Kampf fortsetzen und weiterhin alle geeigneten Mittel einsetzen werde, um das Volk von der ihm auf- gezwungenen seelischen Last zu befreien. Schließlich ging er auf die
Reparationsfrage ein. Er erklärte: Es steht fest, daß wir über unsere öffentlichen Schuldverpflichtungen nur auf dem Vertragsboden, nur mit den Mitteln internationaler Rechtsordnung verhandeln werden. Dr. Eurtius verwies auf, die Ausführungen des Reichskanzlers, daß Zeitpunkt und Maßnahme auch für eine Erleichterung unserer Lasten nicht außerhalb des Ge - samtzufammenhanges der Außenpolitik bestimmt werden dürfen.
Der Präsident verlas bann einen Brief des Abg. Stöhr (Nationalsozialist), in dem mitge- teikt wird, daß Stöhr seinen Vizepräsiden- ten-Posten niederlegt und daß auch die übrigen Nationalsozialisten ihre Aemter im Reichstagsbüro niederlegen.
Der Präsident richtete bann an bie Abgeordneten die Mahnung, angesichts der Abstinenz der äußersten Rechten mit verstärkten Verantwort ungs- ge fühl Dafür zu sorgen, daß der Reichstag nicht der Beschlußunfähigkeit anheimfällt. In der jetzigen ernsten Situation müsse man verlangen, daß nur s ch w erkranke Abgeordnete den Sitzungen fernbleiben.
Die Aussprache.
Abg. Stampfer (Soz.), der als erster Debatteredner sprach, beschäftigte sich zunächst mit dem Auszuge der Nationalsozialisten aus dem Reichstage. Es fei immer ein Fehler, Abstinenzpolitik zu treiben und w ie ein unartiges Kindaus dem Zimmer zu laufen. Die Nationalsozialisten und die Hugenbergnationalisten hätten darauf spekuliert, daß Deutschland in Genf eine Niederlage erleide, und nun, da es anders gekommen ist, betrachten sie den deutschen Sieg als ihre Niederlage und reißen aus, wie es diese Nationalisten nach jeder Niederlage tun. Mit Polen sind wir in einem akuten Konflikt, weil in Palen das Dritte Reich ausgebrochen ist. Was uns aus der Pilsudskidiktatur, was uns aus den polnischen Aufständen in Oberschlesien entgegengrinst, ist die uns wohlbekannte Haken- kreuzvisage. In der Paneurcmairaae begrüßen wir die Erklärung des Außenministers, daß bie Gleichberechtigung Deutschlanbs unb die Regelung des deutsch-französischen Verhältnisses die Grundlage dafür sein muß. Die Denkwürdigkeiten des Fürsten Bülow sind eine vernichtende Selbstanklage gegen die kaiserliche Außenpolitik nach Bismarck. Sie beweisen, daß diese ganze Politik eine einzige Operette gewesen ist, die allerdings am 1. August 1914 zu einer Tragödie geworden ist. Die Rechtsopposition, die jetzt den Reichstag verlassen hat hat aber an dieser Politik nur aüszusetzen, daß sie nicht noch theatralischer, noch großmäuliger gewesen ist. Hätten wir eine Außenpolitik nach den Rezepten dieser Herren gehabt, dann wäre heute von Deutschland nicht ein Fetzen mehr übrig. (Beifall).
Abg. Dr. Saas (Ztr.)
Durch den Exitus der sogenannten nationalen Opposition haben die Verhandlungen sicher an Sachlichkeit und Geistigkeit gewonnen. Der Abg von Freytag-Loringhoven hat in verschiedenen Aufsätzen den falschen Eindruck erweckt, als habe man die außenpolitische Debatte gegen den Widerstand des Reichsaußenministers erzwingen müssen. Nun aber, wo der geistige Kampf beginnen soll, wo der Außenminister als Pertreter einer übrigens ebenso nationalen aber weniger phrasenhaften Ver- ständigungs- und Befreiungspolitik sich zur Auseinandersetzung stellt, da ergreift die sogenannte nationale Opposition die Flucht.
Dr. Saas stimmt den Ausführungen des Reichs- außenminifters zu und erklärte zur
Paneuropafrage:
Man kann ein neues Europa zwar auf der Landkarte machen, aber man darf auch nicht vergessen, den Geist wirklich in den Völkern großzuziehen der allein diesem Mechanismus Europa das Bild eines wirklich zuk un ft s fähigen Organismus geben kann. (Beifall.) In diesem neuen Europa muß der Grundsatz der e h r- lichen Gleichberechtigung aller Völker durchgeführt sein. Wenn schon am Anfänge die These steht: Deutschland darf eine friedliche Evolution des bisherigen Statusquo nicht verlangen.
Am Dienstag nachmittag, ehe der Reichsaußenminister Dr. Curtius die Rede über die Außenpolitik begann, hat die „große Rechte" einen Exodus aus dem Reichstag vollzogen. Das sollte eine überwältigende Geste fein. Vielfach wird es als Schildbürgerstreich gekennzeichnet. Ernst ist nur die Auswirkung auf das feinfühlige Ausland Ernst ist die Sache nur, weil die Nationalsozialisten zweifellos bie Absicht haben, nun mit verstärkter Kraft unb in rücksichtsloser Weise das Volk aufzuwiegeln und die Gefahr blutiger Auseinanderse tzungen zu steigern, den Bürgerkrieg, den schrecklichsten der Kriege heraufzubeschwören. Die Ortsgruppe CHem- u i tz der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei hat am Dienstag norm, an d en Plakatsäulen einen sogenannten „Mobilmachungsbefehl" antieben lassens in dem es heißt:
Freiwillige vor! Schwere Entscheidungen stchen bevor. Täglich fließt in allen Gauen Deutschlands Blut. Die Bürgerkriegsorganisationen des Reichsbanners wollen am 22. d. M. ihre Mobilmachung beendet haben. Jeden Tag lesen wir von blutigen Ueberfällen der Kommunisten, der Hörsing-Gardisten auf Nationalsozialisten. Unser erster Mobilmachungstag ist der 10. Februar. Jetzt müssen alle um die Zukunft unseres Volkes besorgten Deutschen zusammenstehen. Es geht um die Freiheit unseres geliebten Vaterlandes. Darum rufen wir alle deutschen Männer und Jünglinge auf: Sofort antreten zum SA-Dienst! Sofort einkleiden! Jahresklassen 1913 bis 1917 Hitlerjugend, 1896 bis 1913 SA, alle vor 1896 Geborenen zur SA-Reserve.
Daß solche und ähnliche Plakate den Widerstand auf der anderen Seite reizen, liegt auf der Hand, und es liegt auf der Hand, daß Nervosität verbreitet wird. Demgegenüber gilt es für die Besonnenen besonnen zu bleiben. Wer glaubt, daß sich die Hoffnungen der Nationalsozialisten auf einen Ueberraschungssieg erfüllen, täuscht sich. Dem Pathos des Pölkischen Beobachters, daß die Lawine des Nationalsozialismus mit ungeahnter Geschwindigkeit dem Ziele zubrause, wird d i e Wucht der Tatsachen entgegengesetzt werben. Die Rechnung der Nationalsozialisten steht a u f dem Papier. Ihre „sture" Opposition wird noch wachsen; aber nur 'bis zu dem Punkte, d a sich jede Welle überschlägt. Die nationalsoz. Welle hat bisher nur Schaum herbeigeführt.
Im Parlament haben die Hitleranhänger jedenfalls eine schwere Schlappe erlitten. Die „Köln. Volks-eitung" schildert das so:
Be dem ersten Geplänkel in der Auseinandersetzung mit der „großen Rechten" schlugen sich die Nationalsozialisten mit ihren gesamten Hilfsvölkem seitwärts in die Büsche. Die grundsätzlichen Anhänger der Gewalttheorie und des Terrors, die Hel-, den vom Stuhlbein und vom Bierseidel schrien über Vergewaltigung, als alle Obstruktionsversuche auf einen entschlossenen Abwehrwillen stießen. Die nationalsozialistischen Nerven haben bei der ersten Kraftprobe versagt. Die Herren haben sich ihren Marsck ins Dritte Reich frei nach Karlchen Mies- nicks Bilderbuch vorgestellt: Hoch zu Roß der General Hitler, dann SA-Leute mit gefälltem Bajo- neten hinter den fliehenden Feinden. Unglaublich, daß der Gegner wieder schießt und sogar die Kühnheit besitzt, zu treffen! Da bleibt nur der Tapferkeit bessere Teil übrig. Die Gründe, die die Nationalsozialisten und die Deutschnationalen für ihre Mas- senflucht ins Feld führten, waren fadenscheinig und schwächlich wie ihr ganzes Benehmen. Keine Geschäftsordnung hätte bie angeblich nationale Opposition in ber heutigen außenpolitischen Debatte gehindert, das zu sagen, was sie zu sagen für notwendig hielt. Aber es wurde sachlichdis- k u t i e r t und da können die Nazis nicht mehr mit. Niemand hat sie aus dem Saal gedrängt. Sie sind in dem Gefühl der Ohnmacht einfach geflohen und das mit sehr widerspruchsvollen Begründung. Die Nationalsozialisten boykottieren den Reichstag, behalten sich aber vor, bei unpassender Gelegenheit zurückkehren. Die Deutschnationalen wollen nur an den außenpolitischen Debatten nicht teilnehmen, nach der sie so stürmisch gerufen haben. Einen kleinen Spalt an der Tür hat man also offen gelassen. Diese Halbheit ist für die angeblich nationale Opposition noch schlimmer als ein polternder Abschied auf Nimmerwiedersehen. Daran denken die Herren aber nicht, sie flüchten unter Fortbezug der Diäten vor der geistigen Auseinandersetzung und bereiten sich vor der Tür auf die reuige Rückkehr vor.
Auf der Tagesordnung der Dienstag-Reichstagssitzung stand die zweite Beratung des Haushalts des Auswärtigen Amtes. Dor Eintritt in die Tagesordnung nahm
der Abg. Stöhr (Nationalsozialist)
das Wort zu einer Erklärung, die von den Nationalsozialisten stehend angehört wird. In der Erklärung wird protestiert gegen die beschlossene Aenderung der Gesch äftsordnung,bie als Verfassu ngsbruch bezeichnet wird. Alle auf Grund dieser Geschäftsordnung zustande kommenden Gesetze müßten als verfassungswidrig bezeichnet werden. Die Nationalsozialisten werden in diesem Hause des organisierten Verfassungsbruches Wlocke des Präsidenten) nicht mehr Mitarbeiten. Wir werden den Tribut-Reichstag verlassen. (Lebhafter Beifall links.) Die Erklärung „warnt" die
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FuldaerZertung
Anzeiger für die Stabt Fulda und denLandkreis Fulda. Amtliches Areisblatt.
Weltöffentlichkeit, Beschlüsse dieses Hauses für Beschlüsse des deutschen Volkes zu halten. Sie appelliert an den Reichspräsidenten als den Hüter der Reichsverfassung, er möge dem verfassungswidrigen Treiben dieses Hauses entgegentreten. Die Nationalsozialisten würden erst bann in den Reichstag wiederkehren, wenn ein besonders tückischer Anschlag auf das Volk abzuwehren sei. Die Nationalsozialisten riefen dreimal „Heil" und marschierten bann aus dem Saale.
Daraus verlas auch
Abg. von Freytag- Loringhofen (dentschn.) eine Erklärung seiner Fraktion, in der bie Beschlüsse als verfassungswidrig bezeichnet und besonders scharfe Angriffe gegen die Deutsche Volkspartei, die Christlich-Sozialen und die an den Mehrheitsbeschlüssen beteiligten Mitglieder der Landvolkpartei gerichtet werden. Diese Abgeordneten und Fraktionen könnten nicht mehr zur Rechten gerechnet werden, sondern seien Anhängsel der schwarz-rot-goldenen Koalition geworden. Wir verzichten nicht, so heißt es in der Erklärung weiter, auf bie weitere Mitarbeit im Reichstag, und wir werden im gegebenen Augenblick das tun, was uns richtig unb zweckdienlich erscheint. An den Verhandlungen über die auswärtige Politik werden wir uns nicht beteiligen (Hört, hört! und Unruhe). Dieser Reichstag hat bisher alles genehmigt, was Deutschland schädigen konnte. Bei diesen Worten kommen von der Linken und aus der Mitte stürmische Pfui- Rufe. Die lauten Protestkundgebungen dauern an, so daß der Schluß der Erklärung des Redners unverständlich bleibt. Darauf verließen auch die Deutschnationalen mit dem Abgeordneten von Freytag den Saal.
Schließlich gab auch
Abg. Dr. Wendthausen (Landvolk) unter großer Unruhe der Linken für einen Teil der Landvolkgruppe eine Protesterklärung gegen die Reichstagsbeschlüsse ab unb verließen bann den Saal.
Nun erklärt
Abg. Stöcker (Kommunist), bie Kommunisten protestierten zwar auch gegen bie Geschäftsordnungs-Reform, aber sie dächten nicht daran, das Komödienspiel unb Betrugsmanöver ber vereinigten Nationalsozialisten und Nationalisten mitzumachen. Die Kommunisten würben auch int Reichstage bis zum letzten Augenblick kämpfen gegen das Youngsystem unb für ein Sowjetveutschland.
Der Präsident erteilt hierauf dem Außenminister Dr. Curtius das Wort, der von den Kommunisten mit lauten Rufen empfangen wird.
Reichsaußenminister Dr. Curtius
hielt bann seine außenpolitische Rede vor einem Auditorium, das zwar durch die Entblößung des rechten Flügels kleiner als sonst, aber aus demselben Grunde auch vielruhiger als sonst war.
Dr Curtius gab eine eingehende Darlegung der wichtigen allgemeinen Fragen ber deutschen Außenpolitik. Bezüglich der
Genfer Europa-Konferenz betonte er, daß Deutschland an dem Zeitpunkt der Antwort auf das Briand-Memorandum festhalte und volle Gleichberechtigung unb Ausgleich ber Lebensnotwendigkeiten aller Völker fordere. Dr. Curtius begrüßte die prinzipielle Bereiterklärung der Sowjetregierung, and en Beratungen des Europa-Ausschusses teilzunehmen. Er wies darauf hin, daß die Schaffung einer neuen Rechts- und Friedensorganisation allseitige Zusammenarbeit erfordere und auch für Deutschland eine einseitige Orientierung ausschließt.
Das deutsch-französische Verhältnis ist in gewissem Sinne ber Angelpunkt der großen europäischen Fragen. Es ist eine , gebieterische Notwendigkeit, an die Reform derjenigen Verhältnisse heranzugehen, die sich als unhaltbar erweisen. Wir wollen nicht, daß das neue Europa auf der Grundlage unseres schwersten Niederbruches auf- gebaut wird. Zur
Abrüstungsfrage wiederholt Dr. Curtius, daß der Genfer Konventionsentwurf keine verpflichtende Kraft hat. Er begrüßte die endliche Festsetzung eines Datums der allgemeinen Abrüstungskonferenz und fuhr fort: Wir haben einen klaren Rechtsanspruch auf Durchführung der allgemeinen Abrüstung und werden uns mit einer längeren Verzögerung nicht abfinden. Wir verlangen denselben Grad von Sicherheit, den die anderen Staaten für sich in Anspruch nehmen. Nicht nur für uns ist die Lösung der Abrüstungsfrage der Prüfstein des Völkerbundes Dr. Curtius unterstrich, zu den
deutsch-polnischen Fragen übergehend, die Wichtigkeit des Ratbeschlusses über bie Gewalttage in Oberschlesien .unb sprach die Erwartung aus, baß die polnische Regierung im Sinne dieses BeMusses das Erforderliche veran-
bann könne man ruhig den Paneuropaplan begra. ben. (Beifall).
Zu ber <
Abrüstung
erkläre ich mit allem Nachdruck, daß für meine politischen Freunde nicht nur aus realpolitischen, fon» bern auch aus ethischen unb grundsätzlichen Erwägungen bie Abrüstung das Primäre ist. (Ruf bei ben Kommunisten und Ordnungsruf gegen! den Abg. Iabasch, Komm.) Wir haben den An» sprach auf eine gleichwertige Sicherheit. ES ist unser aller Wunsch, daß sie erreicht werden möge durch Abrüstung ber anderen. Wenn aber hie anderen nicht abrüsten, wenn tatsächlich, was wir nicht wünschen, unb wogegen wir uns energisch wenden müssen, die anderen ihre Verpflichtungen aus dem Versailler Vertrage und dem Völkerbunds» pakte nicht erfüllen sollten, ja, wie wollen diese bann bem Lanb, bas diesem Militarismus der in» deren gegenüber nun an eine Auf rüftung denken würde, Militarismus verwerfen? Wenn Verteidigung Militarismus ist, bann ist Rußland auch militaristisch. , . « .
Was Polen betrifft, so denken
wir nicht daran, die deutsche Politik in eine grund-
Erfcheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt
*9 E im Bild" unb „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag JlV. v v der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernrufe: Schrift- :: leitung 1152, Fuldaer Actiendruckerei 1150 und 1151. ::