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NILS

s. Februar

Beilage zur Fuldaer Zeitung

Winterwald.

Früher Abend, schneeumblinkt . . .

Durch der Wolken Milchgerinsel Leuchtet eine grüne Insel, Die bald tief und tiefer sinkt.

Mond hängt in der frostigen Luft, Eine Ampel, glänzig-gläsern;

Leben lügt sein Silberduft

Selbst den eisumwachsenen Gräsern.

Seltsam knisterts, wenn der Wind Durchs gefrorene Dickicht säuselt, Und die Schrift verwischt geschwind, Die er leichi in Schnee geträufelt.

Sonst kein Laut, kein Flügelschlagen, Keine Stimme. Blind und blaß Wie in einem Sarg von Glas Schläft die Welt, zur Ruh getragen.

Jeder Baum, vom Schneepelz weich Ueberhäuft, scheint herzutreten, Sich zu Gott hinanzubeten Mit erhobenem Armgezweig ....

Milde sänftigend alle Schmerzen, Bläulich drein das Mondlicht fällt, Und es schlichtet sich im Herzen Wust und Wirrewahn der Welt

Richard Zoozmann.

Dostojewski.

Zu seinem 50. Todestag am 9 Februar.

Wir alle, die wir Erlösung, die wir die Seele, die wir den Menschen suchen, müssen Dostojewski begegnen Müssen ihm nicht nur begegnen, sondern bei ihm verwei­len, gerade in einer Zeit, die jene ewige Wesenheit über Bord werfen will, die Dostoiewski sein ganzes Leben lang so leidenschaftlich suchte, und die aus seinen Werken zu uns spricht.

Ueber seinen literarischen Wert ist alles gesagt wor­den. Psychologen haben kluge Bücher über ihn geschrie­ben, aber seine Bedeutung für den heutigen Menschen ist eine ganz andere, größere und wichtigere.

Wollen wir ihn in seiner ganzen Größe ermessen, müssen wir ihm eine doppelte Bedeutung zuteilen, ein*

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mal eine menschliche und zum zweiten insbesondere für unser Jahrhundert eine europäische.

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Der Gott- und Menschensucher Dostojewski wird nie vergessen werden, auch von Rußland nicht, solang« Men­schentum nicht vergessen wird Er starb vor 50 Jahren, als er 60 Jahre alt war, Und ganz Rußland trauerte um ihn und wallfahrtete zu seinem Grab im Alexander- Newski-Kloster Sein Leben verbrannte wie eine lodernde Fackel. Er, der alle Menschen erlösen wollte zerbrach an der eigenen Unerlöstheit. Der zwiespältige Dämon in seiner Brust ließ ihn nicht an Gott glauben und auch nicht an den Menschen, die er beide mit der Inbrunst

eines heiß sehnenden Herzens suchte. Er hat sie nicht ge­funden, obwohl er in seinem Leben und seinem Werk die Höhen und Tiefen eines ganzen Jahrhunderts vorweoge- nornmen hat. Er wußte von den Geheimnissen der Welt und des Lebens, weil er ohne jede Voraussetzung seine Fragen stellte und weil er immer mit der ganzen Leiden­schaft seiner großen Seele suchte.

Die Gestalten, die er schuf, sind seine seelischen Brü­der und Schwestern. Alle ober blieben im Letzten uner­löst. Weil er sich nicht gänzlich opfern konnte. Christus 'st für die Erlösung der Menschen den Kreuzestod ge­storben. Dostoiewski aber wollte die Menschen im Leben erlösen: deshalb glaubte er nicht an Christus. Seine rei­nen Menschengestalten, Fürst Myschkin und Alioscha blei­ben uuerlöst, weil sie nicht frei von Schuld find Ras- kolnikofs ist der ganz freie und feffellofe Meillch, der mordet, weil er glaubt, daß er ein Recht dazu habe aber er zerbricht in der Verantwortung. Dostojewski wußte, daß diese Freiheit nicht die Erlösung des Menschen bedeu­ten konnte. Zu sehr hatte er selbst die Begrenztheit ied--r Freiheit kennen gelernt. Diese Erkenntnis war auch der Grund weshalb Dostojewski nie Revolutionär war son­dern stets dem Großinquisitor Zar treu blieb Den freiesten, geistigsten wildesten und zügellosesten Menschen schuf er in Iwan Karamasosf. In den Teufelsphon- tasien Iwan Karamasoffs und im Großinauisitor unternimmt Dostoiewski mit gesammelter Kraft den furchtbaren Angriff gegen Kott. Es ist der entscheidende Kampf um die Erlösung im Diesseits. Iwan — das ist die brennende Revolte eines Menschen der von Gott weiß aber gegen ihn 'ämpft, dessen Leben in Gott ver­ankert ist, der ewig Gott sticht, ihn aber leugnet. In dieser Auseinandersetzung mit Religion und Kirche ist Dostosewski unterlegen. Gott rückt endgültig ins Jen­seits und der diesseitige Mensch bleib* unerlöst. Alioscha lächelte still: Gott nrrb siegen", mit bie'en letzten Mor­ien gibt Dostoiewski Gott den Sieg. Der Großinauisitor ist nicht nur Dostoiewskis bedeutendste Dichtung sondern auch die zeitwichtiaste: h"t nicht Rußland in Lenin und Stalin neue furchtbare Großinquisitoren gefunden?

Dostostwski wollte die Meyschen erlösen, aber nun wußte er. daß cs für den Menschen keine Erlöiuna aus sich selbst aab Er batte den beißen Willen zur Erlösung ober nicht den Glauben und die Gnade, und deshoch nid)1 die Kraft. In seinem leidenschaftlichen Ringen machte er sich zum demütig liebenden Bruder aller Erniedrigten und Beleidigten. Desbalb müssen wir ibn Heben wett er der lebendige Schrei ist der äußeren Notdurft des L"bens und die Mahnung zur Demut und zum erlösenden Glau­ben.

*

Die Summe Wer Gestalten aibt letzlich dos Bild des Dichters. Dieses Bild wird trotz allem russischen Koa- sernatismus des alten Dostoiewski immer europäischer. Dostojewski war gegen Ende seines Lebens nur desbalb Slawophile weil er in Rußland ein Bollwerk aufrichten wollte gegen den Westen, den er für gottlos und kitttur- veraiftet hielt 'und west er glaubte, daß der Ruße dazu nräibeftiniert fei, die Erlöfungsgedanken in die Welt zu tragen.

Die europäische Literatur und die kulturellen und gei­stigen Strömungen Europas nähern sich immer mehr Dostojewski. Das Urmenschlich-Asi"tiscbe der Karamasoffs beginnt Europa zu erobern. Die Mahn- und ®arnrufe vom Untergang Europas sind feit langem erschallt. Aber der Geist Europas hält nicht inne sich nach dem Osten zu richten. In unserer Zeit der Kulturwende, in der der äußere Sinn des Lebens fehlt, in der Skepsis, Un"tau­ben. Amoral, Verworrenheit Zügellosigkeit und Gott­losigkeit sich breit machen in der die feftgefna’ten Begriffe der Scbensorbming ins Wan'en geraten, ist da nicht der Platz frei gemacht für b;e Mörder. Säufer und Verbre­cher der Karamasoffs? Ist nicht Europa voll von .Kara­masoffs. von ienen russischen Menschen Dastoiewlkis hi denen Gott und der Teufel Gut und Bö e nebemmanber wohnt die ienfeits 'eher Moral ienfeits feder Ethik, ien- leits von Gut und Böse stehen? Ist es nicht an der Zeit daß Europa einhält in diesem Lauf zum Untergang.

*

Diesen russischen Menschen der Europa bedroht, hat Dostoiewski endaültig vor uns hingestellt, wie cs keiner vor oder nach ihm getan hat. Aus feinem Werk bringt der qualvolle Schrei seines unerlösten Lebens, und wir sollten diesem Schrei unfere Ohren nicht verschließen.

Portier Kummer vier.

Skizze von Gerhard Steinhauer -Oberhausen

„Das Konkursverfahren über das Vermögen des Sauf manne Georg M. wird hiermit eröffnet . . ."

Eine der vielen Konkursanzeigen, wie sie täglich in den Mitteilungen des Amtsgerichts zu lesen sind. Man nimmt sie nur noch summarisch, als Ausdruck der allge meinen Wirtschaftsmisere, wird sich kaum noch bewußt daß hinter jeder dieser Notizen eine Tragödie steht.

Seit längerer Zeit besuche ich wieder einmal das Theater einer Nachbarftadt. Ich schlendere durch die Wandelgänge. Die Portiers bereiten sich auf den großen Ansturm vor, den das Klingelzeichen bringen wird be­waffnen sich mit einem Stoß Programmhefte und zählen Wechselgeld in die Tasche.

Sie sehen in ihren Uniformen so requisitenhaft aus. muß ich denken; sie nehmen sich aus wie die Vorzeichen einer Welt des gaukle rischen Scheins, der Illusion dabei will das Theater heute doch ganz ernst genommen fein.

Plötzlich erschrecke ich. Ist dos nicht — ja wahrhaftig' das ist der Sauf mann Georg M.. in goldbetreßter Uni­form. Er ist Theaterdiener geworden. — Warum er­schrecke ich? Ist Theaterportier nicht ein ehrlicher Beritt? O doch, aber es tut mir doch irgendwie weh, es würde jedem anderen ebenso ergehen.

Ich taufte früher bann und wann eine Kleinigkeit bei M Er hatte einen mäßig großen, sauberen Laden im Geschäftszentrum. Als die gewerblichen Räume frei wur­den und die Mieten mädjtig in die Höhe schnellten, wurde er immer wortkarger. Wenn ich in den Laden trat — immer stand er an dem hohen Pult und rechnete. Er war fleißig und tüchtig, aber Dinge, die außer ihm lagen, waren stärker und zwangen ihn auf die Knie. Er konnte feinen Verpflichtungen nicht mehr Nachkommen, der Son* kursverwalter beschlagnahmte seine Ware: als armer Mann ging M. aus dem Häusel in dem er sich zwanzig Jahre wohl ehrlich abgerackert hatte.

Jetzt steht er da, Portier Nr. 4. bietet mit leiser Stimme Programme an und dankt mit devoter Verbeu­gung für ein kleines Trinkgeld Es gibt nichts mehr zu planen zu rechnen, zu buchen, zu wagen, fein berufliches Eigenleben ist ausgelöscht. Er hat nur dazustehen Tü­ren zu öffnen, und zu schließen. Programme feilzubieten

Ich beobachte wie ein dicker Herr ihn grob an fährt: er hatte ihm, so scheint es, versehentlich eine falsche Reihe angewiesen. Ich möchte dazwif-hen "‘en dem b:cfect Herrn sagen: Was fällt Ihnen em! ^as glauben Sie, wen Sie vor sich haben? D"s ist der Kaufmann Georg M., ein nicht minder freier Mann als Sie, ein ehren­werter, angesehener Bürger meiner Vaterstadt . .

Der Portier Nr. 4 verbeu"te sich devot und stammelt mit verschütterter Stimme eine Entschuldigung.

Wenn Frauen sich erinnern...

Don Albin Lutz.

Nichts ist schlimmer als wenn eine Frau vergeßlich ist. Beim Manne schadet Vergeßlichkeit nicht viel. Er verliert hie und da einen Regenschirm, geht mitunter ohne Hut, merkt nicht, bah er einen Knopf verloren hat — al es harmlose Sachen, die eine aufmerksame Frau durch ein bißchen Bemutterung ungefährlich machen kann. Aber wenn eine Frau vergißt, oh dar ist schlimm. Da ist der Mittagesien nicht gesalzen, da findet sie nicht ihren Fin­gerhut, Da vergißt sie den fo dringend benötigten Kragen­knopf zu besorgen, da schließt sie nicht die Haus'ür ab — man sieht, die Sachen sind erheblich weniger harmlos und haben alle das Zeug zu Trauerspielen in fich.

So wurde Herr Müller denn endlich — alle diese Sa­chen nämlich hatte Frau Müller schon verbrochen — un­gemütlich. Als er eines Tages aus dem Büro nach Hause kam, lag seine Frau lang am Fußboden und suchte unter dem Sofa nach ihrem Fingerhut. Sie fand ihn nicht und kletterte deshalb auf den Schrank Dann schüttete sie alle Schubladen aus, und endlich griff sie sogar in Herrn Mülelrs Zigarrenkasten hinein.

„Adolf, erinnerst du dich gar nicht, wo ich den F-n gerhut gelassen haben kann?" klagte sie dabei. Adolf entfann sich nicht; daß er aber im Zigarrenkasten be­stimmt nicht war, bas glaubte er zu wissen. Daher nahm er seiner Ida den Kasten ziemlich unsanft aus der Hand und schrie sie an- „Donnerwetter, willst du mir alle Sor­ten durcheinander bringen?"

Nein, das wollte Frau Ida nicht. Aber der Finger­hut mußte doch gefunden werden! Wie sollte sonst der Knopf an Henn Müllers besten Rock, der schon minde­stens drei Monate fehlte, angenäht werden!

Herr Müller wußte Rot. Es gibt so nette kleine Bücherchen erzählte er: Wie werde ich energisch? Wie komme ich zum Erfolg? Stärke dein Gedächtnis! — sollte so etwas nicht empfehlenswert sein? Frau Ida empfand zerknirscht den Mangel in ihren Anlagen, und als der Fingerhut nach zweistündigem Suchen nicht ge­funden war, bekannte sie sich kleinlaut zu einem Versuch mit: Stärke Dein Gedächtnis.

Sie saß ganze Tage, studierte und übte. Und siehe da, der Erfolg blieb nicht aus.

„Nun, wie gehts?" fragte Herr Müller jeden Tag wenn er aus dem Büro kam und seine Frau eifrig stu­dierend fand.

„(Bitt, gut!" sagte sie dann und nannte ihm irgend einen Gegenstand, der seit etlichen Jahren vermißt wurde und den sie wiedergefunden hatte. Und Herr Müllers Miene wurde von Tag zu Tag strahlender. Kein unge­salzenes Mittagessen mehr, keine vergessenen Kragen­knöpfe, jeden Tag sein warmes Eierbier, wenn er abends heimkam — die schönen Tage der Flitterwochen schienen

wtedergekehrt Nur der Fingerhut hatte sich bisher nicht gesunden, ,unb der Knops war infolgedessen immer noch nicht angenäht.

Eines Tages aber saß Frau Ida da und nähte, als Herr Müller nach Hause kam. Und triumphierend stellte Herr Müller die Tatsache fest, daß an ihrem Finger der alte gelbe, langgesuchte Fingerhut war.

„Ja. er lag im Ofen neben der Rauchwurst" erklärte Frau Müller. „Ich entfann mich heute. Als ich im vprigen Jahr eine Wurst aus dem Ofen nehmen wollte, fiel er mir vom Finger, und da ist er denn liegen ge­blieben."

„Das ist ja herrlich", sagte Herr Müller, „bann komme ich nun wohl enblich zu meinem Knopf."

Doch Frau Müller war nicht zu Scherzen aufgelegt Sie schnitt eine Grimasse.

„Ja, aber ich habe mich noch auf weitere Dinge be sonnen. Als du Bräutigam warst, hast du mir mal ge­sagt: Wäsche nähen. Röcke flicken Knöpfe annähen — liebes Kind, zu solchen Sachen bist du mir wirklich zu schade."

Herrn Müller stand der Mund offen. „Das — das habe ich gejagt?"

„Ja, du —!"

Herr Müller hatte kein ganz reines Gewissen. Er schwieg.

„Und dann hast du auch gesagt: Ich habe nur den einen Wunsch, dir das Leben so angenehm wie möglich zu machen."

„Ja, tue ich bas denn nicht?"

Frau Ida hatte nur ein hochmütiges Achselzucken als Antwort.

Herr Müller schritt mit großem Schritt auf und ab. , Auch geträumt — auch geträumt! Vorher erinnertet! du dich an nichts — jetzt erinnerst du dich an S'chen, die Überhaupt nie gewesen sind Frauen fallen ja immer von einem Extrem ins andere."

„Und dann hast du versprochen, mir jedes Jahr min­destens fe einen neuen Hm für jede Jahreszeit zu kaufen. Es wäre ja doch undenkbar, daß deine Frau je mit einem vorjährigen Hut geht"

„Hahahaha! Habe ich dir vielleicht auch eine M llion Einkommen versprochen daß ich das große Los gewinne? Daß ich eine Riefenerbschaft mache?"

„Und jetzt '» ich meinen Sommerhut schon das dritte Jahr."

„Du trägst ihn? Wahrhaftig du willst ihn noch das dritte Jahr tragen? Das linde ich allerdinos außeror- denttich nett von dir! Eigentlich hatte ich schon dreißttg

Der Mann vom Meer.

Von Julius Regis.

llebertragett au? dem Schwedischen. G. Müller-Berlag, München 4] Die Nacht hat tausend Augen.

„Allerdings, mein Kind," entgegnete Reynold ernst. >,Jhr wißt ja auch von der Sache. Der Schiffbruch sand im Jahre 1732 statt, während Bernhard Reynold auf Reisen war. Ein Schiff, das zur Nachtzeit bei hef­tigem Südoststurm nach Iägarö wollte, scheiterte am Granittor und versank dort im Sund mit der ganzen Mannschaft — bis auf einen. Dieser schwamm ans Land und wurde morgens sterbend in der alten Kajüte am Strand aufgefunden Man begrub ihn wie alle angeschwemmten Leichen als N.men'osen, entweder hier auf der Insel oder auf Radmansö. Drei Monate später kehrte Bernhard Reynold heim, und die Nachricht von jenem Schiffbruch erschütterte ihn aufs tiefste. Ob es ihm gelungen ist feftzustellen, wer jener Sch fffbrüchige war. steht nicht fest. Man weiß nur. daß er es eifrig versuchte und bald darauf starb. „Er grämte sich zu Tode," schreibt sein Sohn. Nun frage ich euch: gibt es dafür eine annehmbare Erklärung?"

„Ich verstehe, wo du hinauswillst," sagte Erik, „aber —"

„Bedenke die Tatsache daß Vriesman mit Bernhard Reynold in Verbindung stand und tm Jahre 1732 noch am Leben war," fiel sein Vater ihm ins Wort. „Im Herbst d. I. stirbt hier auf Iägarö ein vornehmer Schiff- brüch ger, der schwedisch spricht. Seitdem hat niemand wehr irgend etwas von Vriesman gehört. Ich halte tneire Vermutung für unwiderleglich."

„Die Hypothese ist verlockend," meinte Erik. „Den­noch ist es noch Lin vollgültiger Beweis. Ober hast hu in der Sache schon irgend etwas unternommen?"

„Nein, aber du weißt noch nicht alles," erwiderte sein Vater.

„Komm, laß uns einen Spaziergang machen!"

„Was meinst du dazu?" sagte Erik leise zu Märta, dls sie in die Halle hinausgingen.

„Daß es schrecklich wäre, wenn er sich irrte. Meine arme Mutter war ihrer Sache damals ja auch ganz sicher. Aber widersprich ihm nicht zu energisch, Erik! Was er dir jetzt mitteilen wird, wirst du noch seltsamer finden als alles andere."

Inzwischen hatte Reynold Hut und Stock geholt, nun gingen die beiden Männer über den Hos von bannen.

„Wie hübsch alles ist, Erik," murmelte sein Vater unb beutete auf die Felber „(Bott weiß, ob ich es über­leben würbe, Iägarö zu oerlaffen. Aber jetzt gehört es noch uns, unb unsere Vorfahren wissen es . . . Glaube mir, es regen sich schon Kräfte, unb bie Hilfe naht. Sag mal, erinnerst du "dich der Geschichte von dem Mann vom Meer?"

„Meinst du die alten Geschichten, die Tobias mir in meiner Kindheit erzählte? Von einem Meermann, der nachts bei der Kajüte aus der See herausstieg?"

„Ja, die meine ich." Reynold lächelte ingrimmig. „Einern Ingenieur kommt so etwas wohl abern vor? Und doch hat Rittmeister HegeHus ihn im Jahre 1812 mit eigenen Augen gesehen, und es liegt ein Bericht darüber vor." .

„0, mir ist es immer ganz natürlich vorgekommen, baß Iägarö ebenso wie andere alte Güter feinen eige­nen Souk hat," erwiderte Erik. „Dieser Meermann ist ja wohl am öftesten im achtzehnten Jahrhundert auf­getreten u*ü> soll in irgend einem mystischen Zusammen­hang mit jenem Schiffbrüchigen stehen nicht wahr?"

Reynold legte einen Arm um bie Schultern feines Sohnes. „Ja, ja, zwischen zwanzig unb breifeig Jahren g'aubt man nicht an so etwas," sagte er. „Aber schließ­lich fängt man an, feine eigenen Zweifel zu bezweifeln, unb ich kann nur sagen, daß ich nicht mehr weiß, was ich glauben soll "

„Nun, in unseren Zeiten hat ber Meermann sich we­nigstens nicht gezeigt," versetzte Erik mit leisem Unbe­hagen.

„Er hat sich in diesem Jahre gezeigt!" sagte Hugo Reynold.

3.

Der alte Herr blickte den Sohn von der Seite an unb fuhr dann ruhiger fort: „Es wundert mich nicht, daß du bestürzt aussiehst. Ich selbst habe ihn nicht gesehen.

aber zwei Personen hier auf Iägarö schwören darauf, daß ber Mann vom Meere umgegangen ist. Einer ist der Sohn des Pächters, ber eines Abenbs bei stillem, klarem Wetter von Kapellskär zurückgefegelt kam unb ben Meermann zufammengekauert neben ber Kajüte fitzen sah, genau fo, wie er immer beschrieben wurde. Der Junge hatte sich zu Tode erschrocken und war kaum imstande, sein (Erlebnis zu erzählen, als er nach Hause kam. Lindström kam gleich herüber unb weckte mich, unb Tobias unb ich gingen sofort mit Laternen nach ber Kajüte hinunter, entbedten aber nichts. Ich hatte bas ja auch kaum erwartet, aber Tobias ging herum unb grübelte barüber nach."

„Natürlich!" lachte Erik. „Er steckt ja bis an ben Hals voll Aberglauben "

„Mag [ein, aber ein? steht fest: er ist ein mutiger Mensch. Die Tage darauf rauchte er seine Pfeife mit Vorliebe in der Nähe der Kajüte, und am fünften Abend hörte er, daß irgend etwas da war . . ."

„Wie hörte er bas?"

„Seiner Behauptung nach klang es, als ob ein schwe­res, klotziges Wesen auf ber Meeresfläche entlang ginge. Er schlich näher heran unb gewahrte zwischen ben Bäu­men hinburch etwas, bas in aufrechter Stellung in bie See hineinging unb brin verschwand."

„Aber bester Vater!" rief Erik aus, „du erzählst das, a's ob —*

„Laß es dir selbst von Tobias beschreiben. Noch am nächsten Morgen war er aschfahl im Gesicht, als er mir barüber berichtete. Und feitbem raucht er seine Abenbpfeife anbersroo.“

Erik schwieg eine Weile, indem sie weitergingen. „Das war allo Anfang Juni," sagte er schließlich. „Und seitdem —?"

„Nichts. Ich bin oft selbst abenbs hingegangen, ohne jemals etwas Ungewöhnliches zu sehen. Ich weiß ja selbst nicht, was ich glauben soll, mein Junge. Aber baß ber Mann vom Meere gerabe in ber Zeit roieber in die Erscheinung tritt, in ber ich herausfanb, daß jener Schiffbrüchiger Driesmonn gewesen sein kann — siehst du. bas regt doch zum Nachdenken an . . ." Sie hatten jetzt bas Pächterhaus erreicht, wo ein großer, junger Mensch emsig Holz hackte.

„Da bist bu ja, Knut," sagte Reynolb. „Mein Sohn möchte gern hören, wie bu den Meermann damals sahst."

Der Junge erzählte bereitwillig: Die Erscheinung habe sich neben ber Kajüte gekauert, als ob sie nicht ge­sehen werben wollte. Sie habe sich nicht geregt, sonbern nur zu ihm herübergestarrt unb den Kopf gewendet, während bas Boot vorübersegelte.

„Um welche Zeit war das?" fragte Enk.

„Kurz nach elf Uhr. Es war schon ein bißchen dun­kel, aber ich war jo kaum fünfzig bis sechzig Meter vom Strand entfernt."

„Irgendein Strolch!" bemerkte Erik achselzuckend.

„Nein, nein!" versicherte bei Junge. „So wahr ich lebe, es war kein Mensch Es war groß unb unförm­lich, unb hatte zwar Arme unb Beine, aber keinen Hals — auch keine Menschenaugen, unb der Mund war ein großes rundes Loch. Es muß irgendein Geschöpf aus dem Meeresgrund gewesen sein, unb Tobias hat ja auch gesehen, baß es roieber ins Meer hineinging."

„Nun, bu unb ich werben bemnächst mal zusammen segeln, Knut," beschwichtigte Erik ben erregten jungen Menschen, begrüßte bann noch Frau Lindström unb ging mit seinem Vater weiter.

„Jrgenb etwas hat ber Bengel gesehen, bas läßt sich nicht leugnen," murmelte Reynolb

„Ich leugne es nicht. Wer alle natürlichen Erklä­rungen erschöpft sind, werde ich zugeben, daß er irgend­einen Spuk gesehen hat," erwiderte Erik.

Sie wanderten nun in östlicher Richtung quer "ber bie Insel. „Da brüben steht dies Jahr Roggen," be­merkte Reynold seufzend „Zuweilen tut es mir doch leid, baß ich verpachtet habe."

„Aber Sinbftröm ist boch ein prächtiger Mensch, nicht wahr?"

„Ja, bas ist er."

Jetzt näherten sie sich einer Hügelreihe unb umgingen sie in nördlicher Richtung, bis der Sund wieder sichtbar würbe Rechts klaffte b>e enge Durchfahrt des Gra eit- tors, das feine Entstehung wohl einem Felseneinsturz ber Eiszeit verdankte. Seitdem trennte ein lchnictter Wasserarm, der an ber engsten Stelle kaum fzehn