Ilr. 26
Verlage zur Fuldaer Zeitung
1. Februar
5m Vinlerwald.
Die Bäume stehen nun sehr tief im Schlaf, Sie wissen nichts mehr von den Sommertagen In denen sie des Laubes Wucht getragen Und gütevoll in ihrem grünen Schatten Für kleine Vöglein eine Heimat hatten.
Dies alles ist so fern, als war es nie.
Schwer liegt der Schnee auf blätterlosen Zweigen Die unter seiner Wucht sich erdwärts neigen Und nichts mehr wollen, als nur das Geschehen Von Sturm und Frost in Demut zu bestehen.
Allein die Hagebutten, die am Strauch Der wilden Rose hell und leuchtend hängen. Um die sich bunte Meisen hungrig drängen, Hüten des Sommers Glut im roten Schimmer Unter des Reifes blitzendem Geflimmer.
So ist der Wald von Winter ganz umstellt. Die Zeit versank ihm hinter Nebelwänden, Durch die nur selten Sonnenstrahlen blenden, Und große Ruhe ist an ihn verschwendet, In der er, traumdurchrauscht, sich schön vollendet.
Zoe D r o y s e n.
Adalbert von Chamisso.
Zu seinem 150 Geburtstag am 30. Januar.
So urdeutsch mutet uns die Nixenerzählung von der wunderlichen Udine an — aber der Enkel eines französischen Refugies hat sie uns geschenkt: de la Motte- Fouque. Und deutscher ist kaum etwas denkbar als die „Geschichte vom braven Kasperl und schönen Annerl" oder das Märche nvon „Gockel, Hinkel und Gakelia" — aber der Sohn des Italieners Pietro Antonio Brentano hat sie uns erzählt. Einen Eid möchten wir leisten dies aber könne nur ein Deutscher gesungen haben: „Es geht bei gedämpfter Trommel Klang . . ." Doch, halten zu Gnaden: Es war ein Vollblutfranzose, der außer diesem Lied noch so manche andere uns wohlbekannte Dichtungen geschaffen hat („Die Sonne bringt es an den lag", „Die Kreuzschau" oder gar die süßen Lieder von „Frauenliebe und -leben"): Louis Charles Adelaide Chamisso de Boncnrt.
Von der Marne über Lüttich, Würzburg, Bayreuth kam er 1796 nach Berlin geflohen, ein Opfer der französischen Revolutionäre, die das herrliche Schloß feiner royalistischen, ja, dem Sonnenkönig verwandten Familie heimgesucht hatten. Er war ein Emigrant. Ansge-
'z. /' k.-.
rechnet die Königin Luise nahm ihn als Pagen auf, und chr Gatte zögerte nicht, den jungen Franzosen, der auf der Wachtstube erst Deutsch lernte, schon nach zwei Jahren zum Fähnrich zu machen, 1801 gar zum kgl. preußischen Lieutenant. Und dies ist nicht weniger verwunderlich: Als sein Armeekorps 1806 den Franzosen die Festung
Der Mann vom Meer.
Von Julius Regis.
ttebertrasen aus dem Schwedischen. G. Müller-Berlag, München
4] Die Nacht hat kaufend Augen.
„Hast du zu Mittag gegessen?"
„Ja, auf dem Dampfer. Der verlorene Sohn verlangt nicht nach Kalbsbraten, sondern sehnt sich nach einem Bett."
„Dein Zimmer ist bereit. Bleib hier sitzen! Ich bringe dir Tee.
Sie ging. Erik lehnte sich gegen den Baum zurück. Es war doch schön, heimzukommen — wie wohltuend war diese liebliche Stille! Die Bäume spiegelten sich im Wasser. Dünne, goldene Wolkenstreifen schwebten am westlichen Abendhimmel.
Da knirschte der Kies, und eine milde, alte Stimme sagte: „Willkommen daheim, junger Herr." Ein alter Mann in gestrickter Weste und abgenutzter schwarzer Hose stand vor ihm.
„Tobias!" rief der junge Mann und reichte ihm die Hand. „Ja, nun bin ich wieder da, und alles ist gut, hoffe ich!"
Tobias stand schon seit Eriks Kindheit im Dienst des alten Herrn Reynold, und Erik erinnerte sich seiner noch aus den guten alten Zeiten als imposanten Hausmeister in Frack und weißen Handschuhen. Jetzt zählte er siebzig Jahre, und alles war anders geworden, aber der einfache Anzug war sauber gebürstet, das graue Haar glatt und gepflegt, das Kinn sorgfältig rasiert, und das runzlige Gesicht blickte immer noch unbeweglich drein, wie es sich für einen korrekten Haushofmeister gehört — aber aus den klaren blauen Augen leuchtete herzliche Freude.
„Es ist gut, daß Herr Erik wieder hier find!" sagte er. „Hier gibt es manches . . . was sich geändert hat, aber . . . aber nun wird schon alles gut werden . . . Ist das hier das ganze Gepäck? Nur eine Handtasche?"
„Ja, aber laß nur! Die kann ich selbst hineintragen."
„Das tu’ ich", beharrte der Alte. „Sonst noch irgend etwas, junger Herr?"
„Danke, heut abend nicht. Und pack' die Tasche nicht aus. Hier, nimm dir eine Zigarre, Tobias."
Hameln preisgab. stieg nicht vielen Deutschen die Scham so ins Gesicht, wie diesem jungen französisch-preußischen Offizier. Auf dem Hinmarsch hatte er Jakob Böhme gelesen.
Man glaubte indes nicht, ebenso schnell wie er deutsch geworden, sei er Verräter an seinem — gewiß revolutionären, aber immerhin doch — Vaterland gewesen. Er ja gerade war es, der dies Unmögliche anschaulich wie keiner vor und nach ihm geschildert hat: den Verlust von Volkstum und Familie, Land und Stand. Jeder von uns kennt doch den Peter Schlehmihl, der dem Teufel für einen Batzen Geld feinen Schatten verkauft. Dieser Schatten! Er gehört nicht zu unserem Wesen und Körper; unsere Gestalt hat nichts mit ihm gemein. Aber — er ist mehr als Schein. Wir sehen es ja an Schlemihl :„Ohne jenes scheinbar so unwirklich Schattenhafte, ohne jenes unbestimmbar Begleitende von Familie und Heimat kann der Mensch nicht leben." Und mann hatte Chamisso diese bittere Erkenntnis ergriffen? 1813, als nach Leipzig das deutsche Nationalbewußtse'N wieder zu sich gekommen war und er allein stand, ein zweckloses, ja verdächtiges Glied der Gesellschaft, vaterlandslos. „Die Weltereignisse von 1813, an denen ich nicht tätigen Anteil nehmen durfte — ich hatte ja kein Vaterland mehr und noch kein Vaterland — zerrissen mich wiederholt vielfältig", so bekennt er wörtlich. Wie „deutsch" hat Chamisso diese Tragik des Heimatlosen in den Stoff der alten deutschen Märchen vom Pakt mit dem Teufel, der Geschichte vom Glückssäckel und den Siebenmeilenstiefeln gedichtet!
Wie Schlemihl so suchte Chamisso selber Trost im Umgang mit der Natur. „Die Zeit hat kein Schwert für mich, aber aufreibend ist es. bei solcher waffensreu- digen Volksbewegung müßiger Zuschauer bleiben zu müssen." So ließ er sich, den Dreißigjährigen, noch als stud. med. an der neuen Berliner Universität eintragen und nahm dann an einer Weltreise teil, die mit russischem Geld ermöglicht wurde. Für Chamisso bedeutete sie das eigentliche Wurzelfassen in dem neuen Vaterlande. Sie lieferte ihm den Stoff für feine völkerkundlichen und Sprachstudien, wie er ihn in einem reichen Vokabular dreier polynesischer Mundarten, in einem Aufsatz über
die hawaiische Sprache und vor allem in seinem berühmten Reisetagebuch niederlegte. „Salas y Gomez", das uns aus den Schulbüchern wohlbekannte Lied des Heimwehs, war die dichterische Frucht dieser Expedition.
Von lebendigerer Bedeutung aber als alle genannten, sind für uns heute seine sozial-politischen Dichtungen. Chamisso gehört zu den ersten, die den Wahn von der guten alten Zeit und anderer Weltfremdheiten aufgaben — ihm verdanken wir das „tragische" Lied von dem, dem der Zopf hinten hing — und der mutig der politischen Sehnsucht seiner Zeit das Wort gab, zu sage «, was sie litt. Wie nur einer vom Jungen Deutschland kämpfte er gegen die Reaktion, für die politische Befreiung des Volkes. Das „Memento" an die entthronten Bourbonen beendet, mit der Fanfare: „Ihr mächtigen der Erde! Schaut und lernt!" „Nur mächtig ist, den feine Völker lieben!" ruft er 1830 dem „Vertriebenen König" und allen anderen Gekrönten zu, mahnend, ihre uneingelösten Versprechen endlich zu erfüllen. Schon die Ueberschrift dieser Gedichte klingen rote Signale: „Dte Ruine", „Nachtwächterlied", „Die goldene Zeit" Aber Chamisso war kein Partei-Rattenfänger, kein Hetzer Selbst wo er so leidenschaftlich sprach wie in der Geschichte vom „Bettler und seinem Hund", er blieb der ehrliche Rater und Warner wie im .Lied von der alten Waschfrau". Wir sollten es zu dieser Zeit jeden Tag lesen:
. . . Und ich an meinem Abend wollte, Ich hätte diesem Weibe gleich Erfüllt, was ich erfüllen sollte In meinen Grenzen und Bereich;
Ich wollt', ich hätte so gewußt Am Kelch des Lebens mich zu laben Und könnt' am Ende gleiche Lust An meinem Sterbehemde haben.
Summa fummarum: Dingelstedt, der nachmalige große Leiter des Wiener Burgtheaters, hatte recht, wenn er Chamisso nachrief: „Ein Fremdling warst du in unserem deutschen Norden, in Sitt' und Sprache anderer Stämme Sohn. Und wer ist heimischer als du ihm geworden?"
In dec Scheune.
Was hundert Jahre brausender Schwall Den Aeckern meines Ahnhofs gezeugt, Bargft du schon in dir.
Das hat deinen Bau so stolz gestreckt.
Und hundert Jahre keuchender Fall
Lastet schon auf dir;
Das hat dem Gezimmer so mächttg gereckt Und auf eisenharten Ton gestimmt. Wenn polternd daran empor sich klimmt Der Flegel gewaltiges Dröhnen
Oder des Mafchinendrefchers ungeheuerliches Tönen. Ost lehnt ich an deiner Balken Sehnengestränge Und beschwor die alten verstummten Klänge Bis dann durchächzte dein totes Gerüst Ein lautes lebendiges Knacken: Dann war ich erlöst.
Heinrich Horst, Roßdorf.
fünf Meter. Daran saßen bis zu siebzehn Zenttmeter breite Saugnäpfchen, während die Augen des Ungeheuers einen Durchmesser von 23 Zentimetern aufwiesen. Man kann schon einen Schrecken bekommen, wenn solch ein Wesen mit feinen in Wahrheit tellergroßen Augen einem anglotzt.
Wie diese Geschöpfe in der Tiefe hausen als furchtbare Gebieter der von ihnen bewohnten Gewässer, läßt sich nur ahnen, ebenso wie die furchtbaren Kämpfe, die zwischen ihnen untereinander oder mit anderen fürchterlichen Riesen der See dann und wann stattsinden müssen. Ein mchr als glücklicher Zufall hat es gefügt, bah ein solcher Kampf auf Geben und Tod, da er sich zeit, wellig an der Meeresoberfläche abspielte, von Menschen« äugen beobachtet werden konnte. Frank T. Buler, Matrose an Bord eines amerikanischen Walfängers, starrte in einer schönen Tropennacht, über die Reling gelehnt, nachdenklich in den glitzernden Streifen des Mondlichtes auf dem Wasser, als plötzlich gerade in diesem Streifen bie See in Unruhe geriet. Bullers erster Gedanke als er eine riesige dunkle Masse unerwartet austauchen sah, war, ein untermeerisches Beben habe eine vulkanische Insel über dem Meeresspiegel erstehen lassen. Ein Blick durch das Glas zeigte ihm jedoch dann einen ungeheueren Pottwal im Kampf mit einem Riesentintenfisch., Den schwarzen Kopf des Wals bedeckte ein sich ringelndes und windendes, hin und her gleitendes Netzwerks die glatten, geschmeidigen Arme des widerlichen Ungetüms, mittels derer es seine Feinde gepackt hielt, obwohl sein Körper wie in einem Schraubstock zwischen den mit scharfen Zähnen bewehrten Kiefern seines gewaltigen Gegners steckte. Der leichenblasse Kopf des Oktopus stand im scharfen Gegensatz zu dem schwarzen, zuweilen ins Bräunliche spielenden Rumpf; die tiefschwarzen Augen starr und glasig, mit breiten, helleren Rändern, zeichneten sich gespensterhaft wie zwei große Scheiben ab Zwei bis drei Minuten währte das gewaltige Ringen; der Pottwal zersägte förmlich mit seinen scharfen Zähnen den weichen Körper des Tintenfisches, der hier seinen Meister gefunden hatte. Dann war alles vorüber. Ruhig lag der breite Streifen des Mondlichts wieder über der See. Hans Ernst (Berte,
Eine Gerichtssitzung in Kamerun.
Von Julius Seggelmann.
Ich saß mit meinen Leuten schon einige Wochen in einem Dorfe am oberen Wurifluß in Kamerun. Ich hattz von einem Dorfhäuptling eine größere Menge Mahagonistämme abzunchmen und zu vermessen. Der Häuptling, ein Mann in den besten Jahren, an zwei Meter hoch, war eine sehr imponierende Erscheinung und ein wirklich guter Kerl. Ich kann ihn nie vergessen. Er hatte mir ein ganzes Haus freigemacht, in dem ich schalten und walten konnte. Es war eine herrliche Vollmondnacht, wie nur die Tropen solche zaubern können. Ich lag in bestem Schlafe in meinem Feldbette, als mich jemand an meiner Hand berührte. Es war der lange Häuptling: „Herr, stehe auf, es ist Gerichtssitzung". Das durfte ich mir nicht entgehen lassen
, der den 3. Oktober 1909 aufwies — ein versteinertes, I für den ganzen Raum symbolisches Datum. Hier drin
nen war die Zeit stillgestanden.
Als Erik eintrat, stieg sein Vater von seinem hohen Schreibfessel herab und kam ihm mit ausgestreckten Händen entgegen.
„Tausendmal willkommen, mein Junge! Du Schlingel, warum kamst du nicht gestern abend gleich zu mir herein?"
, Hugo Reynold war aller Empfindsamkeit abgeneigt,- aber diesmal klang seine Stimme doch bewegt. Er zählte fünfundzwanzig Jahre und sah älter aus, als er war. Es kam Erik vor, als ob fein Vater kleiner geworden fei, und auch fein Haar war grauer — ja beinah weiß geworden.
„Ich wollte dich nicht wecken, Papa. Geht es dm gut?"
„Damit Hots keine Gefahr! Und du selbst? Stämmig wie ein Bär! Das war eine freudige Ueberrafdjung« als Märta mir sagte, du lägst sorgsam verwahrt in deinem Zimmer. Ich fing schon an, mir drüber Gedanken zu machen, ob du überhaupt kommen würdest."
„Es trieb mich heim," sagte Erik. „In deinen Briesen stand allerlei, was mich beunruhigte. Wie steht es nun mit unserem Jiigarö, Papa?"
Sie hatten sich auf dem Sofa niedergelassen. Hugü Reynold lehnte den Kopf zurück und schloß die Augen. „Es war recht von dir, jetzt zu kommen. Bald wird es nicht mehr unser Iägarö fein."
„Es handelt sich um Hypotheken?" fragte Erik.
„3a. Sie sind zum 1. Oktober gekündigt, und ich habe das Geld nicht beschaffen können."
„Wie hoch ist die Summe?"
„Achtzigtausend."'
„Das ahnte ich nicht!" murmelte Erik bestürzt. „Hast du denn gar feine Einnahmen — ich meine, bare?"
„Nicht der Rede wert. Wie sollte ich dazu kommen? Grundbesitz rentiert sich schlecht. Abgeholzt haben wie ein wenig, aber jetzt ist da nichts mehr zu holen."
„Ich begreife nicht recht. Die Hypotheken sind doch schon solange vorhanden?"
„Freilich! Aber die Lage hat sich vollkommen geändert. Die Hypotheken sind dreißig bezw. zwanzig, fünfzehn und zehn Jahre alt. Du erinnerst dich wohl des Kapitäns Eichberg auf Hamra, jenseits des Sunds?. Nun«
Abenteuer mit Riesen-Tintenfischen.
Eine Krake packt ein Floh. — Fangarme von 12 Meter Lünge. Kampf zwischen Pottwal und Oktopus.
Wer je in einem Aquarium Gelegenheit hatte, einen Tintenfisch oder Oktopus zu sehen, wird diesem achtarmigen Geschöpf mit den starren Augen, den wie ein Bündel Schlangen wirkenden, mit Saugnäpfen besetzten Armen und dem papageienschnabelähnlichen Maul ohne Bedenken den Preis der Häßlichkeit zuerkennen. Nur feiten ahnt er, daß diese Tierart in ihren größeren Vertretern zu den gefürdjtetften und gefährlichsten Bewohnern der Tiefsee gehört
Der gewöhnliche Tintenfisch des Mittelmeeres, der in der Regel unsere Aquarien mit seinesgleichen versorgt, erreicht selten eine Körperlänge von mehr als ein viertel Meter. Er gilt in Süditalien als beliebter und billiger Leckerbissen. Ungleich größer werden jedoch seine Ariqe- noffen in den tropischen Gewässern, z. B. in Westindien, wo sie eine Länge von mchr als einem Meter bei vier bis fünf Meter langen Armen erreichen. Aber selbst sie erscheinen zwerghaft im Vergleich mit einer anderen Tintenfischart, dem Architeuthis, der zudem noch über zwei, allerdings nur an den Spitzen Saugnäpfe tragende Arme verfügt. Dies Untier dürfte Veranlassung zu den aus dem Mittelalter und auch noch späteren Jahrhunderten überlieferten Schauergeschichten vom Kraken gegeben haben, der plötzlich aus dem Meere auftaucht, Schisse von ansehnlicher Größe mit seinen Fangarmen packt und mit sich in die Tiefe zieht. In der Thomas- kirche zu St. Malo hängt noch ein Bild, auf dem ein Dreimastschoner von der Bauart des 18. Jahrhunderts abgebildet ist, der ein solch grausiges Geschick erlitten haben soll. Daß einzelne Boote gelegentlich von diesen Ungeheuern der Tiefe gepackt und zum Kentern gebracht sind, wurde mehrfach erwiesen.
Mit biefen Riesentintensifchen ist in der Tat nicht zu
spaßen. Das mußten vor einigen Jahren in der Nähe von St. John auf Neufundland zwei auf einem kleinen Floß ihrem Berufe nachgehende Fischer erfahren. Sie sahen eine dunkle Masse auf dem Wasser treiben, anscheinend ein gekentertes Boot. Einer von den beiden schlug mit einem Bootshaken darauf ein, als plötzlich Leben in die seltsame Erscheinung kam. Ein Stoß von unten brachte bas Floß fast zum Kentern, zugleich begannen zwei lange, dicke Arme sich darum zu schlingen und daran festzusaugen. Schnell griff der eine Fischer nach einem Beil, bas sich glücklicherweise an Bord befand, und hackte die beiden fürchterlichen Arme ab. In der Wolke einer dunklen, trüben Flüssigkeit verschwand bas Ungeheuer alsbald in der Tiefe. Es geriet dabei teilweise über bie Wasseroberfläche, wodurch die Fischer Gelegenheit bekamen, seine Größe zu erkennen, die sie später mit 20 Meter (!) angaben — bei anderthalb Meter Brette. Hierbei mögen die begreifliche Aufregung und Furcht übertreibend gewirkt haben. Daß der Oktopus nicht gerade klein gewesen sein kann, bewiesen die beiden am Floß haftenden und später an Land gebrachten, abgehauenen Arme. Obwohl er doch nur einen Teil des ganzen Gliedes bildete, maß jeder siebeneinhalb Meter und besah an der abgehackten Stelle Oberschenkeldicke.
Diese Riesentintenfische, die aus ihrem gewöhnlichen Ausenthaltsorte, der Tiefsee, nur ausnahmsweise lebend in die Oberfläche kommen, werden gerade auf den Neufundlanbbänken verhältnismäßig häufig tot ober sterbend im Wasser treibend angetroffen. Gelegentlich geraten sie dabei auch einmal auf den Strand, was Anlaß zu genaueren Messungen gibt. Der Körper des größten auf biefe Weise untersuchten Tieres maß fast
„Vielen Dank!" Der Alte steckte bie Zigarre in bie Brusttasche. Dann zauberte er, mit ber Reisetasche in ber Hand. „Wollen Herr Erik vielleicht vvrm Schlafengehen noch ein bißchen spazierengehen?"
„Nein, dazu bin ich zu müde. Ich werde gleich zu Bett gehen."
Jetzt kam Märta mit dem Teebrett, und als Tobias sich abroanbte, um ins Haus zurückzukehren, kam es Erik vor, als ob er ganz erleichtert ausgesehen hätte. Indem er dem Alten nachblickte, hatte er ein Gefühl, als ob Tobias noch mehr Verschwiegenheit als früher an den Tag gelegt hätte. Während Märta ihm Tee einschenkte, war er fast geneigt sie zu fragen, ob Tobias irgendeinen Anlaß haben könne, um es als Erleichterung zu empfinden, daß er keinen Abendfpaziergang unternehmen wollte. Aber die Frage kam ihm lächerlich vor, und er schwieg.
„Ob Onkel Hugo es uns verzeihen wird, baß er bich nicht schon heute abenb zu sehen bekommt?" sagte bas junge Mäbchen. „Er hat bich so eifrig erwartet."
„Ihm entgeht ja nichts burch bie Verzögerung. Morgen früh kann ich sein Lieblingsthema bann mit frischen Kräften besprechen, wozu ich jetzt kaum noch imftanbe wäre."
„War bie Reise langweilig?" fragte Märta.
„Die Heimreise ist nie langweilig", erroiberte er ausweichend Dann erzählte er ihr von ben Olympischen Spielen in Paris unb seinen Bemühungen in Amsterbam, aber von Colt sagte er kein Wort unb vermieb es nach Möglichkeit, an ihn zu denken. Märta blickte auf ihre Tasse nieder.
„Hast du Algier nur deshalb verlassen, weil Onkel Hugo dich bat, nach Hause zu kommen?"
„Nein, ich würde meine dortige Stellung ohnehin gekündigt haben . Sie bot mir nicht genug Aussichten für meine Zukunst, und ich muß noch anderweitige Erfahrungen für mein Fach sammeln. Hab' ich davon nicht geschrieben?"
„Doch! Aber weißt du denn nicht, wie unersättlich weibliche Neugier ist?" lachte sie, indem sie aufstand. „Aber ich will dich jetzt verschonen, bis du dich ausgeruht hast." Sie umfaßte seine Hand einen Augenblick mit ihren beiden. „Versprich mir, recht lange hierzubleiben!"
„Ich hoffe... es zu können", erwiderte er leise.
Oben in feinem Zimmer setzte er sich ans Fenster, ohne die Lampe anzuzünden. Dunkel unb regungslos ragten
bie Bäume empor, unb ber Himmel würbe zu einem blankpolierten Stahlgewölbe. Sein Kopf sank auf bie verschränkten Arme nieber.
Wie war er heimgekehrt! Würbe er Unglück über sein Vaterhaus bringen? Vielleicht suchte man ihn schon in Stockholm! Heiße Angst befiel ihn. Wie sollte er bie Schanbe überleben, vor ben Augen ber zwei Menschen, bie sich so fest auf ihn verließen, als Missetäter verhaftet zu werben!
„Die Nacht hat tausend Augen . . ." War es nicht Colt, ber bas gesagt hatte? • .. „Unb einige von ihnen sind feindselig . . ."
Er begann die Worte zu verstehen. ,
Ein Licht geht auf.
1.
Die Sonne weckte Erik schon am frühen Morgen. Er hatte gut geschlafen und stand sofort auf. Das Fenster war noch offen, die Luft wirkte wie ein erfrischender Trunk, unb nun bie körperliche Ermübung verflogen war, würbe ihm weit besser zumute. Währenb er sich anklei- bete, hörte er unten langsame, wohlbekannte Schritte. Das war sein Vater.
Sein Zimmer lag nach dem Garten zu, ber mit seinen Blumen unb Gemüsen eine bunte, buftenbe Well für sich war. Dort erblickte er Märta. Sie riefen einander fröhlich guten Morgen zu und bann beeilte er sich, ben Vater aufzusuchen. Als er ihn unten im Saal nicht fanb, begab Erik sich auf den großen, nach ber See zu gelegenen Kiesplatz hinaus, wo er jedoch nur Tobias gewahrte, ber sich mit Harken beschäftigte.
„Der gnäbige Herr ist im Kontor", sagte ber Alle, in» bem er aufblickte. Erik kehrte in bie bämmrige Halle zurück, bie bas Haus in zwei Hälften zerteilte, und öffnete bie zum Hof führende Glastür. Dieser Hof war von ben zwei Seitenflügeln des Herrenhauses umfaßt. Zur Linken lagen bie Dienstb otenzimmer unb bie Küche, im rechten Flügel u. a. bas Kontor — früher ber Mittelpunkt bes täglichen Lebens auf Iägarö —, bas nun aber keine Rolle mehr spielte, seit bas Gut verpachtet war. Es enthielt ein hohes, altertümliches Pult, viele staubige Borde mit alten Geschäftsbüchern, Pferdegeschirre, ein altes Sofa mit zerrissenem Leberbezug, eine eisenbeschlagene Kiste, eine Lithographie Karls XV. und einen SZBanbtalenber,