NILS
lr. 24
29. Januar
Beilage zur Fuldaer Zeitung
Mädchen.
Zwei Gedichte von Irmela Ginberg.
Ihre Jugend ist wie eine Blume, die sich zögernd nur erschließt dem Licht und aus ihrer Kindheit Heiligtume mühsam wie aus schmaler Knospe bricht.
Trunk'ne Falter schwirren um das Wunder taumelnd, sonder Ruh — doch sie wendet sich von jenen Irren schaudernd ab und schließt sich wieder zu.
Eine war, die spann sich tief in Fäden stillen Sinnens, sah nach lichten Säumen ferner Wolken, liebte tief in Träumen--
Der sie liebte, lehrte sie — zu reden!
Eine andere schwang sich sroh im Reigen, sang in jungen Tönen, glockenhellen, plauderte wie leichte Silberwellen — — Der sie liebte, lehrte sie — zu schweigen!
Hände.
Die Gnädige wartet auf den Gemahl. Aus Langeweile nimmt sie die bunte Wochenschrift vom Ziertisch. Da liest sie: „Sie haben unwahrscheinlich schöne R u- benshände, gnädige Frau. Hände, die mich trunken machen vor Entzücken . . . Bitte, schenken Sie mir noch eine Tasse Tee ein! Hinreißend, diese Hände auf schwerem Silber zwischen blumengefüllten, zartgetönten Vasen, auf einer weißen Spitzendecke! Ich beurteile Damen immer erst, nachdem ich eine Teestunde in ihrem Heim verlebte. Gnädige Frau, ein Tee in Ihrem .Hause ist eine wahre Andacht. Die Art, wie eine Frau den Tee kredenzt, ist das Spiegelbild ihrer Kultur!"
*
Werktag in einem Vorort. Mächtige Schlote qualmen ge>. Himmel. Die Dämmerung ist dunkel geworden. Der Tag ist gestorben. Die Gassen sind öd und leer. Lichtschein fällt hier und da auf das nasse Pflaster. Von fern höre ich das eintönige Surren der Elektrischen. Nah bei ber Laterne am Haus Nr. 27 führen ein paar glitschige Stufen zum Erdgeschoß. Drinnen beim Schein einer chwachen elektrischen Birne, die an einem Draht von der Oecke baumelt, sieht man links in der Ecke einen Wäscheorb. Ein Kind liegt darin! Das Licht ist mit einer Zeitung abgeblendet. Im helleren Teil des Raumes fitzt eine junge Mutter. Ihre großen, müden Augen schauen unausgesetzt nach dem kleinen Lockenkopf, und ihre rauhen, von Arbeit und Kälte gesprungenen und blutig gerissenen Hände fallen leise, ganz leise über das Haupt bes Kindes. —
Auf dem Schoße hält sie ein Püppchen. Sie versucht, Hm aus alten Seidenlappen ein Kleidchen zu machen. 5s fällt ihr schwer. Die Seide bleibt zu ost an ihren auhen Händen hängen. —
Halbe Nächte näht und und schafft sie so. Das sind tie S unden, die ihr gehören, nachdem sie den ganzen Sag draußen für sich und ihr Kind gearbeitet hat.
Leise plätschert der Regen an die kleine Scheibe. Drüben an der Straßenecke stehen ein paar Frauen im däm- nernden Abend und klatschen. Im dunklen Hinterhof >ellt ein Hund hungrig und heiser. „Du", sagt die Alte aus dem Grünkramladen, „bat dat Leuchen bat nit sieht. Oer Jung hat sie boch net all beisammen. So 'n bitten Kop hat er und so große leere Augen, und erst die dünnen Beine, w'' Streichhölzer!" „Ja", meint die gutmütige Grete vo:: vierten Stock aus der Mietskaserne gegenüber, „is zu wundern? Der Lohfink hat sich ja totgesoffen. war och vill n got, und wat hüt se nu?" —
Drinnen im kleinen, armen Stübchen aber fahren arbeitsharte, müde Hände segnend über bas bitte, schwere Köpfchen, unb wohlig streckt sich die kleine Gestalt unb schläft ein. —
*
Es ist Abend. Späte Abendstunde. Durch die Fenster bringt bie Dunkelheit in lange Krankensäle. Die Straßen find menschenleer. Ab unb zu geht ein schwerer Schritt am draußen einsam vor ber Stabt gelegenen Krankenhause vorüber. Auf ben Sälen finb bie Lichter abgeblenbet. Die breiten, großen Treppen — so bequem gebaut, um Kranke unb Tote hinauf- unb hinunterzutragen — finb leer. Der Besuchsstrorn ist verflogen. —
Abgezehrte, leibburchfurchte Bettreihen.
Ganz im Dunkel, etwas abseits von ben anberen Ge- bäuben liegt bie Kapelle; still unb friedlich zittert das Ewige Licht vor dem Throne des Ewigen, ber Krastzen- ‘rale für so viele Seelen hier. lief unten im Schatten net die Nachtwache. Das Haupt ber Nonne ruht auf gefalteten Hänben. Nur eine kurze Rast gönnt sie
xjin halbdunklen Raume wartet man schon. Leises Stöhnen, Röcheln in ber einen Ecke empfängt sie. „Schwester Martha!", unb sie ist ba. Sie hilft ber alten, armen Großmutter, rüttelt bas Kissen Dann geht sie zum stöhnenden Lieschen, cjibt ihm ein Pulver unb richtet es auf. Mit ber kleinen Annemarie im Kinberzimmer, bie nicht schlafen kann, betet sie noch einmal. Dem kleinen Fritzchen brückt sie ben Hampelmann mieber fest in ben Arm. Dann hält sie mieber fiebrigheiße Hänbe, bie
jitternb über bie Bettbecke fahren, zwischen ben ihrigen unb legt ihre kühle Hanb aus bie heiße Stirn ber tod- müben jungen Mutter. Morgen vielleicht schon drückt sie ber Sterbenben bie Augen zu. Segnenb, helfend, auf leisen Sohlen durchschreitet sie den Raum, bis das Morgenrot ihre blassen Wangen färbt und die Ablösung kommt. —
*
„Ich beurteile eine Dame erst immer bann, nachbem ich eine Teestunbe in ihrem Hause verlebte." Wie aber, so frage ich, sollen wir Männer beurteilen, bie Frauen- hänbe nur bann schätzen, wenn es unwahrscheinlich schöne Rubenshände finb? —! Unb wie erst Zeitschriften, bie solchen Unsinn verzapfen? A. Moll.
Ehrt den Pfennig wieder!
Die Reichsregierung hat im Rahmen ihres Gefamt- programms, bas auf Sparmaßnahmen aufbaut, besonders im Zusammenhang mit ber Preisabbauaktion, mit Nachbruck darauf hingewiesen, baß ber Pfennigrechnung mieber erhöhte Bedeutung beigemessen werben muß. Es ist in ber Tat nicht in Abrebe zu stellen, baß bie Wertung bes Pfennigs ganz wesentlich bazu beitragen kann, bie schwierigen Gegenwartsfragen, um bie sich Regierungen unb Parlamente wie führende Persönlichkeiten aus allen Kreisen mühen, zu lösen. Denn alle Sparmaßnahmen müssen ergebnislos verlausen, wenn sie nicht getragen werden vom 'Sparsinn jedes einzelnen und der Erkenntnis, daß auch der Pfennig unb gerade der Pfennig geachtet werden muß.
Der kleine unb kleinste Gelbbetrag spielt die größte Rolle im Haushalt, weil dieser den Hauptteil des Einkommens beansprucht, aber doch nur durch die Summierung kleiner täglicher Ausgaben. Der Hausfrau obliegt es deshalb in erster Linie, dem Pfennig wieder bie Geltung zu verschaffen, die er haben muß, wenn bie in Gang befindlichen Aktionen ben notwen- bigen Erfolg bringen sollen. De" überwiegende Prozentsatz des Volkseinkommens (80 Prozent aller Einkäufe) geht durch die Hand der Hausfrau. Der Verbrauch an Brot. Kartoffeln unb Fleisch beträgt allein im Jahre 10 Milliarden Mark. Eine Ermäßigung der Verkaufspreise um nur 1 Prozent würde 100 Millionen Mark Kaufkraft frei machen. Wenn die gesamten Lebensmittelpreise nur um 5 Prozent reduziert werden könnten, so würden 350 Millionen Mark gespart werden. Das heißt im einzelnen, daß diese Slusgabenminberung eintreten würde, wenn das, was bisher 50 Pfennige gelastet hat, in Zukunft 47 % Pfennige kostete, unb wenn für bas, was bisher 1 Mark gekostet hat, nur mehr 95 Pfennige verlangt würbe. Pfennige unb mieber nur
Eine Tagung der
Die Frau im öffentlichen
Der Reichsfrauenbeirat ber Deutschen Zentrumspartei hat am Sonntage in Berlin- Charlottenburg im Frauenbunbhause getagt. Fast alle Wahlkreise hatten Vertreterinnen entfanbt. An ben Beratungen bes Vormittags nahmen als Gäste zahlreiche Frauen ber Berliner Zentrumspartei teil. Der Tagung vorauf ging ein zweitägiger Kursus über „Fragen bes Bolschewismus". Die einleiten- ben Referate behanbelten die geschichtlichen und sozialen Voraussetzungen des Bolschewismus, seinen politischen Aufbau und seine Methoden, sein Verhältnis zur Religion, die Stellung ber Frau, bolschewistische Ehen- unb Familienpolitik. Die Rebner waren Dr. Waldemar Gu- rian, Rektor Bertram Schmitt, Regierungsrat Langrießer unb Frau Helene Weber.
Es war kein „antibolschewistischer" Kursus, der in Äußerlichkeiten stecken blieb. Gerade deshalb wurde die Dämonie des Bolschewismus den Zuhörerinnen besonders klar.
Die Sitzung des Reichsfrauenbeirates wurde eingeleitet durch ein Referat bes Reichsarbeitsmini- ft e r s D r. Stegerwalb über „W erwirtschaft unb bie Lage der deutschen Wirtschafts- unb Finanzpolitik in ihr". Stegerwalb sprach über krebitpolitische Maßnahmen, bie augenblicklich eingeleitet werben müssen, über bie Möglichkeit ber Revision bes Poungplanes, über bie Notwendigkeit ber beutschen Ausfuhr usw.. Er schloß mit ben Worten von Geheimrat Kahl, bie biefer vor wenigen Tagen bei ber Reichs- grünbungsfeier im Reichstage gesagt hat: „Mehr Vertrauen, mehr Gebulb, mehr Dank!"
Der Nachmittag bes Sonntages mar Organisationsfragen gewibmet unb dem Problem: „Wie steht es heute um bie Frau im öffentlichen Le- b en, in ber Politik?" Wir beobachten überall, wie bie seinbliche Stimmung gegen bie berufstätige Frau überall wächst. Woraus ist bas zu erklären? Was ist richtig an ihr? Wo führt biefe gefühlsmäßige Einstellung zu falschen Forberungen? Wie können wir ihnen begegnen? In Bezug auf bie Stellung ber Frau in ber Politik stehen wir zum ersten Mal bem Nationalsozialismus, einer organisiertem Bewegung gegen bas passive Wahlrecht ber Frau, gegenüber. Es ist nötig, biefe Be-
einige Pfennige im Kleinen ergeben, auf bie Gesamtheit übertragen, biefe jährlichen Riesensummen.
Aus biesen Zahlen erhellt bie Bebeutung bes Pfennigs so einbringlid), baß es Sünde wäre, ihn weiter zu mißachten. Glauben wir ja nicht, es würbe sich im Einzelfall nicht auswirken, ob mit dem Pfennig gerechnet roirb ober nicht. Glauben mir ja nicht, es sei bebeutungslos, wenn wir großzügig „Bitte keine Pfennige" sagen, wenn wir einen unnützen Gegenstanb kaufen, weil er „nur" 10 ober 20 Pfennige erfordert, wenn wir aus Bequemlichkeit in Verkennung bes Gelbwertes nur 10 Pfennige teurer kaufen, während einige Minuten weiter bie gleiche Qualität ber Ware um 10 Pfennige billiger verkauft wird. Glauben wir ferner nicht, es fei belanglos, ob wir mit großer ober kleiner Gasflamme kochen, wenn bie kleine genügt, ob wir mit ober dhne Deckel kochen, 5 ober 10 Minuten im Flur, im Zimmer, in ber Küche unnötig Licht brennen lassen.
Alles nur Pfennige, vielleicht nur Bruchteile von Pfennigen, bie, außer acht gelassen, im Jahr eine Summe ergeben, über bie wir uns freuen mürben, wenn wir sie im rechten Augenblick zur Verfügung hätten. Wir können sie haben, wenn wir sparen, nur an ben Dingen, welche bie Ausgaben erhöhen, ohne baß wir einen Nutzen bavon haben. Ausgaben, bie oermeibbar finb, Ausgaben, mit benen mir unsere Unbebachtsamkeit, Leichtfertigkeit unb Bequemlichkeit bezahlen. Unb seien es nur 20—30 Pfennige pro Tag — es finb oft viel mehr — aber 20—30 Pfennige im Tag ergeben im Jahr 72 bis 108 Mark. Oft fehlt bas Geld zu dringenden Anschaffungen, meil mir es durch Dinge, wie sie oben ausgeführt wurden, vertauscht haben; oft klagen wir, daß das Einkommen nicht ausreicht, um einen Sparpfennig zu erübrigen; oft bedauern wir, daß unvorhergesehene Ereignisse nicht finanziert werden können; daß wir an Weihnachten, im Urlaub ■ sparen müssen. Aber wir haben nicht bedacht, daß wir selbst bie Schulb baran tragen.
Es muß mieber anbers — muß bester werben. Wir müssen mieber lernen, ben Pfennig zu achten, müssen erkennen, baß ber Pfennig ber Grunbstein ist, auf bem sich bie Sicherstellung ber Familie und bes Alters <mf- baut, baß ber Pfennig ber Helfer in ber Not, ber Retter in kranken Tagen, ber Freudespenber in frohen Zeiten ist. Unb vergessen mir nicht: Ehren wir ben Pfennig mieber, bann kehrt auch bie analoge Wertschätzung bes höheren Betrages zurück, die heute fehlt, weil ber Pfennigbegriff verloren gegangen ist. Der Hausfrau ist bie große Aufgabe gestellt, bie zur Pflicht ber Gegenwart geworben ist, hier zu wirken unb bem Pfennig ben Wert zurückzugewinnen, ber bas Deutsch- (anb ber Vorkriegszeit reich gemacht hat. E. Beck.
Zenlkumsfruuen.
Leben und in der Politik.
megung aus ihren geistigen Gehalt und ihre Begrünbungen hin zu ftubieren, zu beobachten. Ja, noch mehr: Wir müssen eine Gegenbewegung schaffen bei alt unb jung, mit allen Begründungen in der neuen Sprache ber Zeit. Intensivierung ber Frauenvereine im ganzen Lanbe! Klare Front gegenüber bem Frauenibeal bes Nationalsozialismus, klare Front gegenüber ben Verfälschungen unb Ueberspitzungen einer Frauenbewegung, bie Frauen- rechilerei ist, unb bie wir immer abgelehnt haben.
Reichskanzler Dr. Srüning hatte bem Reichsfrauenbeirat der Deutschen Zentrumspartei feine Wünsche zur Tagung gesandt. Die Frauen bankten ihn in folgen« bem Telegramm:
„Der Reichsfrauenbeirat ber Deutschen Zentrumspartei hat sich in seiner Sitzung am Sonntag, 25. Januar 1931, eingehenb mit ber Politik ber Reichsregierung beschäftigt. Er entbietet bem Reichskanzler seine besten Grüße. Er wirb nach wie vor eine Offensivgemeinschaft für politische unb wirtschaftliche Vernunft sein. Er gibt die Parole ins Land: „Mehr Vertrauen, mehr Geduld, mehr Dank!"
Helene Weber, Vorsitzende."
Folgender Gruß ging an den Vorsitzenden der Zentrumspartei, Prälaten Saas:
„Der Reichsfrauenbeirat sendet aus seiner Sitzung vom 25. Januar 1931 dem ersten Vorsitzenden der Zentrumspartei seine herzlichsten Grüße. Er wird wie bisher eine Einheitsfront aller Frauen ber Zentrumspartei gegen bie revolutionären Strömungen ber Zeit bilben. Er wirb mit neuer Kraft feine Schulungsarbeit im Lanbe fortsetzen unb burch Kunbgebungen bie Volksbewegung ber Zentrumspartei stärken.
Helene Weber, Vorsitzenbe."
Die Versammlung nahm brei Entschließungen an in Bezug auf bie arbeitslose Jugenb, gegen Abbau bes weiblichen Berufsschulwesens einschließlich der hauswirtschaftlichen Schulung für Hausangestellte unb Haustöchter unb bie Zerstörung ber Jnbivibualsürsorge burch Abbau von Fürsorgerinnen, über das weibliche Bildungswesen.
Das Hauskleid.
Die Hauswirtschaft hat im letzten Jahrzehnt durch tatkräftiges Eingreifen von führenden Frauen mehr und mehr das Ansehen eines Berufes bekommen. Heute genügt es, um aHuswirtschaft zu treiben, nicht mehr, daß man nur untauglich ist für andere Berufe und auf bem Haushalt eben hängen bleibt. Heute ist die Sache bei all den praktischen Neuerungen, bie bie Technik uns Hausfrauen beschert hat, bei ber wachsenden Verbindung zwischen Haushalt unb Wissenschaft glücklicherweise so einfach nicht mehr, sie will vielmehr gelernt, ja ftubiert sein, unb gewinnt damit ganz entschieden an Ansehen, langsam auch in den Augen ber Männer, bie „bas bißchen Hausarbeit" noch bis vor kurzem meist als eine Lappalie betrachteten, bie tief unter ihrer Würbe lag.
Je mehr sich aber bie Hauswirtschaft in ihrem Ansehen zu ber Höhe anberer Frauenberufe burchringt, um so wichtiger erscheint mir auch die Frage nach bem Haus- tleib. Genau mit bemfelben Recht, mit bem bie Aerztin ihren weihen Kittel trägt und bie Stenotypistin auf tobet« lose Bürokleibung hält, soll auch die Hausfrau ihre Berufskleidung haben.
Wie aber tragen sich die meisten Frauen unb Mädchen noch heute in ihrer Küche? Oft genug werben alte unmo- berne Kleiber (auch Straßen-, ja Tanzkleiber) bei ber Hausarbeit „aufgetragen", ba man sich bamit vor Frem- ben nicht mehr recht sehen lassen kann. Fürs Haus, für bie Arbeit, für bie nächsten Verwanbten find die alten Fähnchen noch eine Weile gut genug, ob sie gleich ihrem Schnitt, ihrer Stoffart und ihrem Stil nach in grellstem Widerspruch stehen mögen zu den Anforderungen, die man an das hauswirtschaftliche Berufskleid stellen muß. Man glaubt gar noch, recht wirtschaftlich zu handeln, und bedenkt nicht, daß das Aufträgen in ber Küche bem vielleicht an sich wertvollen Stoff, ber noch zu Kissen, Vorhängen, Kinbersestkleibchen bestens gebient hätte, auf allerschnellstem Wege den Garaus macht. Die leichten Festkleidstoffe reihen beim Heben und Bücken in den Nähten, unb einer kräftigen Seifenlauge finb sie kaum gewachsen. Das aufzutragende Straßenkleid wirkt in der Küche fast noch peinlicher. Jeder Fleck darauf fällt doppelt und dreifach häßlich ins Auge, weil uns — zum mindesten im Unterbewußtsein — die Vorstellung der erschwerten Reinigung plagt. Natürlich gibt es Ausnahmefälle, wo gebrauchte Kleiderstoffe auch für ein Hauskleid verwertet werden können, wenn sie dem neuen Zweck trotz bes alten entsprechen unb ihr ehemaliger Schnitt eine Veränberung zum praktisch-schönen Hauskleid wirklich zuläßt.
Wie soll nun bas Berufskleib ber Hausfrau beschaffen sein nach Stoff art, Machart, Farbe? Cs ist einleuchtend, daß man zur Hausarbeit widerstandsfähige Stoffe benützt, die sowohl ihrer Beanspruchung durch ihren sich kräftig regenden Träger als auch der einer resoluten Wäsche gewachsen sind. Empfehlenswert ist guter indan- thren bedruckter Nessel ober bebedte Beiberwanb, nicht allein ber Haltbarkeit wegen, sondern auch, weil gerade diese Stoffe den einfachen Macharten, bie bas Hauskleid verlangt, entgegenkommen. Das Hauskleib barf vor allem anbern bei ber Arbeit nicht hinbern. Der lose Kittel, burch schmalen Gürtel ober Korbei gehalten, ist beson- bers praktisch zum schnellen Ein- und Ausschlüpfen, kleidet die meisten Frauen, auch die mit nicht ganz schlanker Linie, gut und hindert am wenigsten von allen Macharten bei ber Arbeit. Auch bie Dirnbiform ist sehr praktisch unb kleibsam (aber nur für schlanke Leute). Beibe Macharten lassen Taschen zu, bie bas Hauskleib notwendig braucht, unb ersetzen bie Hausschürze voll unb ganz, ba sie genau so leicht gewaschen unb gebügelt finb wie jene. — Das Hauskleib soll frohe, kleidsame Farben haben und gemustert sein. Beim Einkauf ber Stoffe sei man ebenso wählerisch wie beim Einkauf bes Straßen- unb Festkleides, tragen mir unser Hauskleid doch den halben Tag lang unb unter ben Augen unserer Liebsten, für bie schön auszusehen uns boch mindestens so wichtig sein sollte, wie unsere Wirkungen auf der Straße ober in einer Gesellschaft.
^ebenfalls sollte niemand die Frage bes Hauskleibes zu beiläufig nehmen. Ganz abgesehen von bem Einfluß eines schönen, sinngemäßen Hauskleibes auf ihre Umgebung unb sie selbst, trägt bie Frau, bie ihre Arbeit im Haus einer besonderen, wohlüberlegten.Berufskleidung für wert hält, durch ihre bloße Erscheinung zur Hebung eben dieses ihres Berufes wortlos, aber wesentlich bei.
Anni Weber.
Oie Frau mit der Brille.
Von Lotte S i e b e r tz.
Sie ist eine Erscheinung bes täglichen Gebens. Oft unb oft begegnet man ihr, bem Mäbchen, ber jungen Frau unb der alternden. Sie lebt ein Geben wie olle anderen auch unb nur eine Kleinigkeit unterscheibet sie von ihren Mitschwestern. Nur eine Kleinigkeit — nur zwei runbe Gläser vor ben Augen — unb boch füll sie selbst von so großer Bebeutung, baß es ihr zum Problem wirb. Daß es nicht nur ihrem Aeußeren, son» bern auch ihrem ganzen Wesen ben Stempel auft rückt. Das ist bie Frau mit ber Brille.
Keiner, ber mit gesunden Augen durchs Geben geht — auch nicht der Mann, der eine Brille trägt — kann
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